B. Aufenthalt in Kioto.
Am 6. April kam ich Nachmittags in Kioto an und liess mir sofort mein Gepäck in das »Kioto-Hôtel« bringen, wo mir zu meiner Ueberraschung mitgetheilt wurde, dass kurz vor meiner Ankunft bereits der Secretär des Gouverneurs im Hôtel vorgesprochen hatte, um mir seinen Besuch zu machen.
Als am 7. April, um 9 Uhr Morgens, der Secretär abermals bei mir erschien, sprach ich ihm hierfür meinen verbindlichsten Dank mit dem Beifügen aus, dass ich demnächst den freundlichen Besuch erwidern werde. Derselbe wehrte indess meinen Besuch verlegen ab und trug sich unter Einem an, mir die Sehenswürdigkeiten von Kioto zu zeigen. Sein Anzug bestand aus einem japanischen seidenen Ober- und Unterrocke, Holzsandalen und einem europäischen braunen Hute. An den beiden Vormittagen des 7. und 8. April machten wir zusammen, jeder mit einem Rikscha fahrend, Rundfahrten in der Stadt und besichtigten dabei neun verschiedene Tempel und Klöster, sowie etliche Verkaufshallen.
Da die Tempel und Klöster sich mehr oder weniger ähnlich sind, so will ich vorerst eine allgemeine Charakteristik derselben geben und daran die besonderen Eigenthümlichkeiten des einen oder des anderen Tempels oder Klosters anschliessen.
Alle Tempel nehmen grosse Räume ein, welche von Planken eingeschlossen sind. Ein oder mehrere grosse Prachtthore aus Holz, mit kunstvoll japanisch geformten Dächern, eröffnen den Eingang in den den Tempel umgebenden Raum. Im Innern dieses abgeschlossenen Raumes erhebt sich der in sehr grossen Dimensionen und mit Pracht erbaute Tempel oder das Kloster, daneben befinden sich noch mehrere Wohnhäuser und Gartenanlagen mit viele hundert Jahre alten Bäumen. Alle Gebäude, sowie der Tempel selbst sind aus Holz aufgeführt. Stufengänge in der Breite der Tempelfront, oder auch den Tempel ganz umgebend, führen hinauf in einen sehr grossen und sehr reich ausgestatteten Saal, welcher in der Mitte durch ein geschnitztes Geländer oder ein schönes Gitter abgetheilt ist. Hinter dieser Abtheilung steht der Hauptaltar und meist auch Seitenaltäre, besonders der erstere im prachtvollen Schmucke. Vor dem Hauptaltare brennt ein ewiges Licht, und in der Mitte desselben befindet sich in einem versperrt gehaltenen, prächtig ausgestatteten Schreine die Figur eines der vielen Heidengötter. Ein solcher Schrein wird nur zu bestimmten Zeiten oder nach gewissen, oft jahrelangen Fristen geöffnet.
Mauerwerk und Steine kommen bei den Tempeln und bei allen Gebäuden, welche zu demselben gehören, nicht vor. Selbst die grossen, mächtigen Säulen am Eingange oder im Innern des Tempels bestehen aus Holz.
Die Klöster, welche öfters den Tempeln angeschlossen sind, weisen viele Säle auf, deren Böden mit schön gearbeiteten Rohr- oder Binsenmatten belegt sind. Die Wände dieser Säle sind mit guten, hie und da interessanten Malereien, welche dem Leben der Natur entnommen sind, vollkommen bedeckt und zeigen manchmal im oberen Theile schöne Holzschnitzereien, die Plafonds sind mit kunstvoller Holzarbeit oder auch mit Malereien geschmückt; sonst stehen die Säle gänzlich leer. Die, die Wände rings umgebenden Fenster und Thüren sind, wie in allen japanischen Räumen, verschiebbar.
Beim Eintritte in die Tempel und Klöster müssen an der untersten Stufe die Schuhe zurückgelassen werden, eine Bestimmung, welche den Japanern, die nur Holzsandalen tragen, keine Unannehmlichkeit verursacht, welche aber für den schuhetragenden Europäer recht zuwider ist. Mitunter kann diese Vorschrift dadurch umgangen werden, dass man sich über die Schuhe grosse Leinensocken binden lässt.
Das 300 Jahre alte Kloster Chion-in steht in der Mitte von zur Zeit blühenden Kirschenbäumen und hat an den Wänden besonders künstlerisch ausgeführte Bilder; ausserdem besitzt es einen freistehenden Glockenthurm. Die in demselben hängende Glocke hat 3 m Höhe, gegen 3 m Durchmesser und 30 cm Dicke. Um die Glocke zum Erdröhnen zu bringen, wird ein 25 cm dicker Baumstamm, welcher an Stricken befestigt ist, in Schwingung gebracht und dann mit Wucht gegen die Glocke angestossen.
Neben dem Kyomizu-dera-Tempel steht eine Pagode, welche, vier übereinander befindliche Hütten mit japanischen Dächern bildend, hoch emporragt. Der Altar dieses Tempels wird nur alle 33 Jahre geöffnet. Von diesem, sowie von dem erstgenannten Tempel aus geniesst man eine sehr schöne Aussicht auf die tief liegende Stadt und auf die Umgebung.
In dem San yü san gen do-Tempel erblickt man tausend nebeneinander gestellte Figuren ein und desselben Gottes, welche alle in Menschengrösse aus Holz geschnitzt, reich mit Gold verziert und mit je 50 Armen und Händen versehen sind, die bei jeder Figur eine andere Stellung haben.
Der Kodaji-Tempel besitzt in dem an ihn anstossenden Kloster sehr gute Wandbilder und einen sorgfältig gepflegten Park.
Im Daibushu-Tempel ist eine Riesenbronzestatue von Buddha's Oberkörper errichtet, und nebenan ein Glockenthurm erbaut. Die Höhe dieser Statue beträgt 20 m, die Länge des Gesichtes 10 m, die Breite 7 m und die Länge der Nase 3 m. Die Glocke hat 4½ m Höhe, 3 m Durchmesser und 30 cm Dicke, und wird, so wie oben beschrieben, zum Erdröhnen gebracht.
Der Ost-Honganji-Tempel hat neben sich ein Kloster, dessen grösster Saal 40 m lang und 25 m breit ist. An seinen reich mit Gold verzierten Wänden und auf dem schön geschnitzten Holzplafond sind Malereien angebracht, in welchen die Chrysanthemform, welche sich im kaiserlich japanischen Wappen befindet, hauptsächlich zur Geltung kommt.
Der West-Honganji-Tempel ist der grösste Tempel von ganz Japan, er misst 70 m in der Länge, 60 m in der Breite und 40 m in der Höhe, und wurde nach dem im Jahre 1864 stattgefundenen Brande ganz neu aufgebaut. Derselbe zeichnet sich durch selten schöne Bronzelaternen und Holzschnitzereien aus.
In Japan brennen, des allgemeinen Holzbaues halber, die Tempel, ja oft ganze Stadttheile häufig ab.
Die Jakashimarja- und Nishimura-Tempel sind im Innern sehr reich vergoldet und besitzen mit schwarzem Lack und Gold prunkvoll verzierte Altäre.
Zu der Besichtigung der Tempel und zu meinen sonstigen Unternehmungen in Kioto hatte ich auch den mir vom Dampfschiffe aus bekannten, sehr netten Dr. F., der mit mir im selben Hôtel wohnte, eingeladen.
Am Abend besuchte ich mit dem Secretär und Dr. F. das dortige Theater. Wir verfügten uns in eine Loge, für welche ich 1½ Yen = 1 fl. 80 kr. zu zahlen hatte. Das Theater war in den Logen und im Parterre von Zuschauern angefüllt; überall, auch in den Logen, hatten sich ganze Familien, selbst mit ihren kleinen Kindern, am Boden sitzend, häuslich niedergelassen, und verzehrten, da die Vorstellung 12 Stunden dauert, hier mit den landesüblichen zwei Holzstäben die in kleinen hölzernen Kistchen mitgebrachten, meist aus gekochtem Reis, Wurzeln, Gemüsen und Früchten bestehenden Speisen. Thee, Zuckerwerk und Früchte wurden von Theaterdienern zum Verkaufe herumgetragen. Die Vorstellung im japanischen Theater hat wohl Aehnlichkeit mit jener im chinesischen, wie ich selbe in der Schilderung meines Aufenthaltes in Shanghai beschrieb, doch wird hier viel bescheidener gespielt, kein so entsetzlicher Lärm gemacht, und es kommen auch nicht so täppische militärische Aufzüge und Kämpfe zur Darstellung. Die Scenerie ist weit schöner als in China und ist auch auf Verwechslungen eingerichtet. Bei der Vorstellung, welcher wir anwohnten, wurde mit Rücksicht auf die Zeit der Kirschenblüte, welche in ganz Japan stets gefeiert wird, die Scene in einen reizenden Kirschenbaumblütengarten verwandelt und erschienen Tänzerinnen in Kleidern von der Farbe dieser Blüten und führten mimische Tänze auf. Die einen halben Meter langen und breiten Theaterzettel bringen bildlich einzelne Scenen aus der Vorstellung zur Anschauung.
Am 7. April Nachmittags promenirte ich in der Stadt und kaufte in verschiedenen Läden einzelne Gegenstände zu mässigen Preisen ein.
Die Stadt Kioto unterscheidet sich von Kobe dadurch, dass sie so wie Osaka sehr schmale Strassen hat, ganz in einer Ebene liegt, und sehr weit ausgedehnt ist. Bis zum Jahre 1590, in welchem Jahre die Residenzstadt nach Yedo, heute Tokio genannt, verlegt wurde, war Kioto die Landeshauptstadt. Der alte kaiserliche Palast in Kioto wurde nach einem Brande im Jahre 1854 ganz neu aufgebaut. Ich konnte denselben aber nicht besichtigen, weil hierzu die nöthige Erlaubniss vom Hofstaate in Tokio hätte ertheilt werden müssen und ich zur Einholung derselben keine Zeit mehr hatte.
Am Abend gingen wir in eine Vorstellung, welche nur zur Zeit der Kirschenbaumblüte stattfindet. Da der Zuschauerraum beschränkt ist und die Vorstellung nur eine Stunde währt, so werden die sich andrängenden Leute nur partienweise eingelassen und zuerst in einen Saal geführt, in welchem ihnen Thee und Gebäck servirt wird.
Der Schauplatz gleicht einem kleinen Theater, in welchem die Bühne und zwei sehr ausgedehnte Parterrelogen mit Bäumen und Zweigen der blühenden Kirschenbäume in Wirklichkeit und Bild reizend decorirt sind, und wo man vorerst in den besprochenen Logen etwa 20 Mädchen in allegorischen Kirschenblütenanzügen erblickt. Die Mädchen spielen auf verschiedenen japanischen Instrumenten, unter welchen die Guitarre die Hauptrolle einnimmt, heimatliche Weisen und singen abwechselnd dazu. Nach etwa einer Viertelstunde öffneten sich die Deckel von der beiderseits längs des Zuschauerraumes sich hinziehenden Bodenerhebung, und nun erschienen unter Begleitung der Instrumental- und Vocalmusik, sehr langsam aus dem Unterraume emporgehoben, nach und nach zu beiden Seiten etwa 18 Mädchen in denselben oben beschriebenen Costumen, miteinander durch Kirschenblütenguirlanden verbunden, und bewegten sich, mit diesen Zweigen fächelnd und tanzend, gegen die Bühne. Auf der Bühne wurden dann bei glänzender Beleuchtung und mit Musikbegleitung Tänze mit hübschen Gruppirungen vorgeführt. Die ganze Vorstellung bot eines der reizendsten Bilder, die ich je gesehen habe. Nach beendigtem Theater begaben wir uns in ein Theehaus, wo wir ein Glas japanisches, ganz wohlschmeckendes Bier tranken, und dann ging es heimwärts.
Am 8. April machte ich nach dem Frühstück nochmals einen Rundgang durch die Stadt und besorgte dabei einige Einkäufe.
Ich hatte den Secretär des Gouverneurs schon gestern zum Diner geladen und wiederholte diese Einladung für heute. Da er beide Male unter Vorschützung von dringenden Geschäften meine Einladung dankend ablehnte, so erkannte ich daraus, dass er dies wohl aus Toiletterücksichten thun wolle, weil in den hiesigen Hôtels, sowie in Indien die Gepflogenheit herrscht, zum Mittagstische im Smokinganzuge zu erscheinen. Ich bat ihn nun, bei mir das Tiffin nehmen zu wollen, weil für diese Mahlzeit keine besonderen Bestimmungen für die Kleidung bestehen. Diese Einladung nahm der Secretär mit Vergnügen an und er erschien dann in lichter, europäischer Tracht, die ihn aber nicht gut kleidete.
Nachmittag fuhr ich mit dem Secretär und Dr. F. auf der Bahn ungefähr eine halbe Stunde nach Mukömachi, von wo aus wir einen Spaziergang nach Arashiyama machten. An diesem Orte nimmt ein enges Thal seinen Anfang, welches von einem Flusse durchzogen wird, der im oberen Laufe von Felsen eingeengt wird und dort auch schöne Katarakte bildet. Das Thal war eben mit vielen blühenden Kirschenbäumen, welche bis hoch oben auf den Hügeln standen, allerliebst geschmückt. Wir trafen dort an tausend Japaner an, und so konnte ich mir ihr Volksleben mit Musse betrachten. Die Leute sassen längs des Ufers theils unter den von Theehausbesitzern erbauten freien Dächern auf dem mit Matten bedeckten Boden, theils ganz im Freien auf hergerichteten niederen Platten familienweise beisammen, assen von den in Schachteln mitgenommenen Speisen und tranken dazu Thee, welcher in den Theehäusern sehr billig zu haben ist. Hie und da tranken Schüler höherer Classen auch Saki. Die ganze Unterhaltung war absolut nicht lärmend, und gab es keinen einzigen irgendwie angetrunkenen Japaner. Alles war seelenvergnügt, scherzte und lachte, und freute sich stillvergnügt des Daseins. Eine einzige lärmende, aber ganz kurz währende Kundgebung erfolgte, als wir Europäer bei einem Theehause, in welchem sich japanische Studenten befanden, vorübergingen. Die jungen Leute lachten wohl über unsere, ihnen nicht bekannte europäische Kleidung.
Wir gingen in dem sehr schönen Gebirgsthale aufwärts, bestiegen ein Boot, liessen uns weiter aufwärts, sonach an's andere Ufer führen, besichtigten auch von dieser Seite das Felsenthal, tranken in einem Theehause, in welchem Tische und Stühle vorhanden waren, ein Glas Japanerbier, liessen uns dann auf dem Boot thalab an's andere Ufer bringen, gingen hierauf zur Bahn und kehrten schliesslich sehr befriedigt von diesem Ausfluge heim.
Am 9. April ging ich Vormittags mit den beiden mich hier gewöhnlich begleitenden Herren in die gerade eröffnete Industrie-Ausstellung von Kioto. Es waren daselbst ganz ähnliche Artikel zur Schau gestellt, wie in dem ständigen Bazar von Kobe, nur waren die Preise hier höher gehalten. Was die Kunstarbeiten anbelangt, namentlich Malerei auf Papier oder auf Stoff, Bronze- und Cloisonet-Gegenstände, so überragte hierin die Ausstellung den Bazar von Kobe. Besonders fiel mir ein in Sepia ausgeführtes, ¾ m hohes und ¼ m breites Bild auf, welches in frappanter Naturtreue einen Baum darstellte, in dessen oberen Aesten ein Adler stand. Der Preis des Bildes, welches von einem der ersten Maler in Kioto herrührte, war mit 80 Yen = 96 fl. angegeben. Der Besuch der Ausstellung war zur Zeit, als wir dort waren, seitens der Bevölkerung ein recht mässiger; vielleicht war die Vormittagsstunde die massgebende Ursache hierfür.
Am 10. April unternahm ich in der bekannten Gesellschaft um 9 Uhr Morgens mit der Bahn eine Excursion nach Nara. Am Bahnhofe mussten wir Europäer beim Nehmen der Fahrkarte unsere Pässe vorzeigen, weil den Fremden nur, wenn sie im Besitze einer vom Consulate ausgestellten Legitimation sind, der Eintritt in das Innere von Japan gestattet ist.
Die Eisenbahnen sind in Japan schmalspurig, und daher sind auch die Waggons schmal, dafür aber sehr lang. Es gibt dort, wie bei uns, drei Fahrclassen, doch genügt selbst die erste Classe nur sehr bescheidenen Ansprüchen. Die Züge sind stets stark besetzt, und besonders die Waggons dritter Classe ganz angefüllt, doch benützen viele Japaner auch die beiden anderen Classen; Fremdländer fahren fast ausschliesslich nur in der ersten Classe. Die Schnelligkeit der Züge ist eine mässige, dafür sind auch die Fahrpreise niedrig gestellt, wenn auch bei Weitem nicht so billig wie in Indien. An allen grösseren Stationen sind Tafeln angebracht mit den Ortsnamen in japanischer und darunter in lateinischer Schrift. Auffallend ist es, dass auch in Japan in allen grossen Stationen kolossale Plakate von Firmen, auch mit Bildern in allen Farben aufgestellt sind. Es beweist dies die Nachahmungssucht der Japaner, und es muss ihnen zugestanden werden, dass sie in dieser Art der Reclame die Europäer sogar übertroffen haben. So habe ich später bei der Dampfschiffahrtsstation Moji an der Lehne eines bewaldeten Hügels den Namen einer Firma gelesen, welcher aus 2 m hohen, auf Bäumen befestigten Buchstaben zusammengestellt war.
Während der Eisenbahnfahrt beobachtete ich die Bebauung des Bodens, und erhielt hierüber nähere Aufklärung vom Secretär, und so will ich nachfolgend die bei dieser, wie auch bei späteren Gelegenheiten gemachten Erfahrungen über die Landwirthschaft in Japan kurz anführen.
Der Boden besteht hauptsächlich aus thoniger, etwas sandiger Erde und ist im Allgemeinen sehr wasserreich. Bei dem das ganze Land durchziehenden, theilweise sehr hohen und breiten Gebirgszuge ist der zum Anbau geeignete Boden verhältnissmässig beschränkt. Die vielen das Land durchziehenden Flüsse sind sämmtlich regulirt und mit starken, hohen Dämmen eingesäumt, eine Massregel zum Schutze des umliegenden Landes, welche durch die ausserordentlich heftigen Regengüsse, die in den Monaten Juni und Juli unaufhörlich niedergehen, sowie durch den torrentartigen Charakter der Flüsse geboten ist. Da die Japaner bei der Verwerthung von Grund und Boden viel Wasser benöthigen, so haben sie dort, wo sich keine Flüsse in der Nähe befinden, grosse, künstliche Teiche angelegt.
Die Ausnützung des Bodens erfolgt vorzüglich durch Anbau von Reis, dann von Getreide, hauptsächlich Weizen und Gerste, von Theestauden, Maulbeerbäumen für die Seidenzucht, von Gemüsen, Obst und Bambusrohr. Wiesen kommen beinahe gar nicht vor. Die Wälder in dem ausgedehnten Berglande liefern das in Japan sehr viel verwendete Holz.
Der Reisbau wird im grossen Massstabe betrieben und schafft das Hauptnahrungsmittel der Japaner; hierzu sind überall die Reisfelder mit grosser Sorgfalt angelegt, damit sie die zum Wachsthume und zum Gedeihen der Reispflanze nöthige Wasserfläche über denselben halten können. Ja selbst die Getreidefelder sind so eingerichtet, dass sie leicht zu Reisfeldern umgestaltet werden können, weil, der japanischen Fruchtfolge entsprechend, nach der Getreideernte das bezügliche Feld für den Reisanbau und nach der Reisfechsung wieder als Getreidefeld u. s. w. verwendet wird. Die Felder für das Getreide werden eigenartig bearbeitet und bebaut. Die Furchen sind vollkommen gerade und gleichlaufend, circa 30 cm tief, und unten 15, oben 20 cm breit, die dazwischen liegenden Feldstreifen sind oben 20, unten 30 cm breit; und werden in der oberen Fläche in zwei geraden, parallelen Linien dicht mit der betreffenden Getreidegattung bebaut. Die Wände von der oberen Fläche der Feldstreifen bis zur Sohle der Furchen sind wie bei einem Damme bearbeitet. Man ersieht daraus, dass die ganze Feldarbeit nicht mit dem Pfluge, sondern mit breiten Schaufeln und breiten Hauen, wie selbe bei uns die Teichgräber benützen, ausgeführt wird. Es ist demnach die ganze Feldarbeit eher als eine Gartenarbeit zu bezeichnen. Die angeführte Form der Felder ist in Hinsicht auf den sehr nassen Grund und auf die Regenzeit im Juni und Juli geboten.
Bei der Beurtheilung der dortigen Landwirthschaft muss man sich gegenwärtig halten, dass der Haupttheil von Japan zwischen dem 30. und 40. Grad nördlicher Breite, also in den Breitegraden von Nordafrika bis Griechenland liegt, und dass sich nur die von einem grossen Gebirgsstocke erfüllte Insel Yezo zwischen dem 40. und 45. Grade nördlicher Breite, also in der gleichen geographischen Lage wie Italien befindet, und dass also die Sommermonate im Haupttheile von Japan, mit Ausnahme der Regenzeit im Juni und Juli, sehr heiss und austrocknend sind.
Der Anbau der Theepflanze erfolgt reihenweise auf trockenen Lagen, besonders dort, wo der Boden vornehmlich aus einer Mengung von Thon und Mergel besteht und reich an Eisen ist. Die entwickelten Sträucher sind etwa einen halben Meter hoch und ebenso breit. Häufig sieht man über solche Theeanlagen weite Netze von dünnen Bambusstangen ausgebreitet, welche dazu dienen sollen, die Theepflanzen im Falle von Frösten, wie solche im Winter häufig vorkommen, etwas zu schützen.
Das Bambusrohr wird ebenfalls an trockenen Stellen waldartig und ziemlich dicht gezogen, und werden solche Bambuswäldchen ringsum von starken Laubholzbäumen umgeben zum Schutze gegen die Zerstörung durch Orkane, welche in Japan nicht zu den Seltenheiten zählen. Der Bambus wächst sehr rasch; zehn Jahre nach dem Anbau ist er schon 6 m hoch, und der Stamm hat am Boden eine Dicke von ungefähr 3 cm. In Borneo sollen aber derartige Resultate schon nach zwei bis drei Jahren erzielt werden.
Die Ortschaften liegen, wie bei uns, zerstreut im Lande, bestehen ausschliesslich aus von Holz erbauten und mit Stroh, einzelne auch mit rinnenartigen Dachziegeln gedeckten Häusern, und es umgeben diese Häuser zahlreiche Kirschenbäume, welche, zur Zeit meiner Anwesenheit in Japan, in vollster Blüte standen. Es gibt hier zwei wesentlich von einander unterschiedene Kirschenbäume. Die einen derselben sind in Blüte und Frucht den unseren ähnlich, die anderen tragen aber so reiche und schöne Blüten, dass der ganze Baum wie von einem Rosenmeere umschlossen erscheint; dafür tragen diese Bäume keine Früchte.
Von Vieh- und Geflügelzucht ist in allen jenen Theilen Japans, die ich durchreiste, gar nichts zu sehen, eine merkwürdige Erscheinung, die sich dadurch erklärt, dass die Japaner beinahe nur Fleisch von Fischen essen, auch keine Milch trinken, und dass zum Feldbau keine Thiere benöthigt werden. Nur auf der Insel Yezo soll, wie man mir sagte, Viehzucht betrieben werden. In den Städten verwendet man sporadisch Stiere, welche eine grosse und starke Race zeigen, zum Ziehen von schweren Lasten, und versieht deren Hufe mit Strohschuhen, welche lange Zeit vorhalten sollen.
Die inländischen Pferde, welche eigentlich nur bei der Cavallerie in Verwendung stehen, sind von einer kleinen, elenden Race. Hierüber werde ich noch eingehend, bei meinen Beobachtungen und Studien über das japanische Militär, zu schreiben Gelegenheit haben.
Die Strassen und Wege auf dem Lande befinden sich in einem sehr guten Zustande und werden vorzüglich erhalten, was indess wohl hauptsächlich auf den Umstand zurückzuführen ist, dass dieselben nicht von mit Thieren bespannten Wagen befahren werden. Sowohl auf dem Lande als auch fast ausnahmslos in der Stadt werden die grössten Lasten von Menschen auf zweiräderigen Karren fortgeschafft.
Nach zweistündiger Eisenbahnfahrt waren wir glücklich in Nara eingetroffen. Nara war durch etwa hundert Jahre — im 7. Jahrhundert n. Chr. — die Hauptstadt des Landes gewesen, jetzt verdankt es seine Berühmtheit einem auf dem Berge stehenden, bei den Japanern sehr hoch gehaltenen Tempel, welcher von einem sehr ausgedehnten Wildparke eingeschlossen ist, in dem sich von den Einheimischen für heilig angesehene Hirsche befinden. Dorthin begaben wir uns zuerst; unser Weg führte uns an uralten Bäumen vorüber, die oft einen Umfang von 12 m und eine immense Höhe haben, wenn sie nicht, wie dies bei manchen solchen Bäumen der Fall ist, altershalber im oberen Theile abgestorben und abgebrochen sind. Der Weg war von steinernen, ungefähr 2 m hohen Säulen, die ein Häuschen mit japanisch geformtem Steindache tragen, und welche in gewissen Distanzen von einander entfernt standen, beiderseits umgeben. Diese Häuschen sind bestimmt, Lichter aufzunehmen, welche an gewissen Festtagen angezündet werden.
Wir begegneten auf unserer Wanderung vielen Rudeln von Hirschen, welche sämmtlich ganz zahm waren, und welche die eigens für sie erzeugten Kuchen, die stellenweise zum Verkaufe angeboten wurden, ganz ungescheut aus der Hand annahmen. Nach einer approximativen Schätzung mag ich sicher hundert Hirsche, Thiere und Kälber gesehen haben.
Der auf der Bergesspitze erbaute Tempel imponirt durch Grossartigkeit und Schönheit, und hat neben sich einen Glockenthurm mit einer Riesenglocke; sonst gleicht er ganz den anderen Tempeln, wie ich dieselben bereits beschrieben habe.
Die Einheimischen, welche in diesen Tempel gehen, werfen auf den Boden vor dem Gotte, den sie für ihre Wünsche geneigt machen, oder vor jenem, dessen Zorn sie abhalten wollen, Kupfermünzen in einer gewissen Anzahl hin, ein Cultus, den ich übrigens schon in den meisten anderen Tempeln ebenfalls wahrgenommen hatte.
Nach der Besichtigung des Tempels kehrten wir in ein bei dem nahe gelegenen Orte Musashino befindliches Gasthaus ein, wo sowohl europäische als japanische Speisen zu haben sind. Ich bat den Secretär, für uns ein Tiffin zu bestellen, und so erhielten Dr. F. und ich je eine Eierspeise, Schnitzel mit Salat und Käse nebst Bier, während mein japanischer Begleiter für sich einen rohen Fisch mit der dazu gehörigen Sauce und Saki bestellt hatte. Nachdem ich der Wirthin die sehr mässige Rechnung ausgezahlt hatte, gab sie mir, wie dies in den Gasthäusern auf dem Lande allgemein der Brauch sein soll, ein kleines Andenken, und zwar in der Gestalt einer sehr gut hergestellten Photographie ihres Etablissements. Auf dem Rückwege zur Bahnstation kaufte ich in den nahe dem Tempel aufgestellten Verkaufshallen mehrere grössere Bronzefiguren und eine Menge von originell geformten Haarnadeln.
Wenn auch die bevorstehende Eisenbahnfahrt von Kioto nach Yokohama einen ganzen Tag in Anspruch nahm, so miethete ich mir hierfür dennoch keinen japanischen Diener, sondern traf nur die Vorsorge, dass uns die für einen Tag nöthigen Trink- und Esswaaren mitgegeben werden, weil auf der ganzen Strecke keine europäisch eingerichteten Bahnhofrestaurationen existiren. Es wurde mir zwar gerathen, meine Fahrt um ungefähr 1 Uhr Mittag bei Nogaya zu unterbrechen, wo man ein europäisch eingerichtetes Hôtel antrifft, und am nächsten Tage von da aus nach Yokohama zu reisen. Da mir aber diese Umsiedlung in Nogaya von der Bahn zum Hôtel und am nächsten Tag von dort zur Bahn sehr unangenehm erschien, so entschloss ich mich, die Fahrt Kioto-Yokohama in einer Tour zu machen.
Am 11. April Früh zahlte ich meine Hôtelrechnung aus, welche im ersten Hôtel in Kioto sehr mässig war. Für Sitz- und Schlafzimmer sammt der sehr guten Verpflegung rechnete man pro Tag nur 5 Yen = 6 fl. auf. Für Getränke, zwei Einladungen, Mundvorräthe für die Eisenbahnfahrt nach Yokohama und Trinkgelder hatte ich während meines fünftägigen Aufenthaltes 18 Yen = 21 fl. 60 kr. verausgabt.