Fahrt von Singapore nach Colombo.

Am 19. Mai, um 7¼ Uhr Früh, nach erfolgter rascher Verpackung und Abfertigung der mir übergebenen Antiquitäten, fuhr ich zum Dampfer Coromandel, wo ich mein sämmtliches Gepäck, und zwar sechs Stück in meiner Cabine und acht Stück auf dem Schiffsdeck vorfand. Der mich begleitende Hôtelier überwachte speciell, dass das Stück mit den Antiquitäten zu den Effecten auf das Deck gelegt worden war. Der mit der Ueberwachung des Gepäckes betraute Schiffsofficier hat die auf dem Deck befindlichen Colli gesehen und in dem Gepäcksraum unterbringen lassen. Ich hebe diese Angelegenheit hervor, weil es bei dem Ausschiffen einen sehr unliebsamen Anstand wegen meines Gepäckes gab.

Das englische Schiff Coromandel ist weit grösser und in mancher Richtung besser eingerichtet, als das Lloydschiff Marquis Bacquehem. So z. B. geniesst der Reisende auf dem Deck des Coromandel viel mehr Bewegungsfreiheit und hat nicht die Unannehmlichkeit, an dem heissen Dampfkessel vorbeigehen zu müssen, wie auf Marquis Bacquehem. In den Cabinen befinden sich grössere Fenster und demnach sind dieselben kühler, als bei Marquis Bacquehem. Im Uebrigen sind aber die Verhältnisse auf dem Coromandel, ungeachtet des vierfach höheren Fahrpreises als auf dem Lloydschiff, nicht besser als auf diesem. Die Mahlzeiten sind wohl ein wenig reicher, aber nicht besser, dagegen gibt es zum Tiffin nur kalte Speisen und der Wein ist sehr theuer. Eine Flasche des billigsten Weines kostet 2 Dollars = 2 fl. 40 kr. ö. W.

Auch auf dem englischen Dampfer wurde mir eine für drei Personen eingerichtete Cabine zur Verfügung gestellt, eine Zuvorkommenheit, für welche ich dem Schiffscapitän meinen Dank aussprach.

Ich befand mich auf dem Schiffe inmitten von Engländern, auch einige Frauen mit ihren Männern und selbst Kinder fehlten dort nicht. Im Ganzen befanden sich in der ersten Classe etwa 30 Engländer und ich war der einzige Nichtengländer. Das Leben unter den Engländern ist insofern recht angenehm, als dieselben ein durchaus sehr anständiges und ruhiges Betragen haben und Niemanden in seiner Lebensweise stören.

Die englischen Herren sind meist gross, schlank, haben durchschnittlich blonde oder braune Haare, und viele haben lichtblaue Augen. Sie tragen entweder gar keinen Bart oder nur einen Schnurrbart, diesen aber nach abwärts, und sind sonst stets sorgfältig rasirt. Die englischen Damen sind auch sehr schlank, jene auf dem Schiffe waren aber nicht besonders hübsch.

In der äusseren Erscheinung sind die Engländer sich beinahe ganz gleich. Während des Tages tragen sie leichte, lichte, einfarbige oder leicht gerippte kurze Röcke und Beinkleider von gleichem Stoffe, und zwar entweder von Wolle oder von roher Seide, unter demselben ein Wollhemd mit umgelegtem Kragen und auf dem Kopfe die bekannte Reisemütze. Morgens tragen die Engländer bis zum Breakfast um 9 Uhr weite Leibchen und Beinkleider aus grobem, lichtem Wollstoff (Pangshyana) und Abends zum Diner sind sie in schwarzem Frack oder Smoking, schwarzen Pantalons, tief und breit ausgeschnittenen Gilets, Hemden mit glattgestärkter Brust, in welcher sich meist nur ein Knopfloch befindet, das mit einem ziemlich grossen Gold- oder Perlenknopf geschlossen wird, und mit schwarzer Cravatte gekleidet. Nach dem Diner wechseln manche Engländer bei grosser Hitze den Frack oder Smoking mit einem weissen, gestärkten Piquetleibchen, welches in der Form dem Smoking ähnlich ist, aber nur bis zur Taille reicht und dort gerade endet. Die auf dem Schiffe befindlichen Damen machten zum Diner auch Toilette, aber nicht mit ausgeschnittenen Kleidern. Sie wussten wohl warum.

Alle Reisenden brachten auf das Schiff Rohrfauteuils oder Rohrsofas mit, die mit ihrem Namen versehen waren, und welche sie dann stets an jene Stelle auf dem Deck schoben, welche ihnen zur Ruhe am besten dünkte. Die englischen Ehepaare sassen dort während des ganzen Tages ohne geringste Unterbrechung stets nebeneinander. Nun that es mir recht leid, dass ich, der Gepäcksverminderung halber, meine Rohrmöbel nicht mitgenommen hatte. Auch in der Art und Weise des Essens und Trinkens gleichen sich die Engländer. So z. B. nehmen sie beim Essen der Suppe stets den breiten Theil des Löffels an den Mund, die Trinkgefässe stellen sie rechts seitwärts der Teller, und als Getränke nehmen sie Whisky mit Soda. Die Begrüssungsform der Engländer besteht nur in einem leichten Nicken des Kopfes, höchstens in dem Erheben der Hand wie zum Salutiren, und nur bei grösserer Intimität in der Phrase: How do you do?

Ich nahm von keinem Menschen Notiz und beschäftigte mich mit Lesen und Schreiben. Es scheint den Engländern mein Wesen nicht fremdartig gewesen zu sein, weil sie sich allmälig zuvorkommend gegen mich benahmen, mich begrüssten und die bei den Mahlzeiten neben mir Sitzenden mit mir conversirten. Freilich sah ich mich genöthigt, denselben gleich mitzutheilen, dass es mir noch schwer wird, die Engländer beim Sprechen zu verstehen. Darauf bemühten sie sich, recht langsam und deutlich zu reden, und hierin hat der links neben mir sitzende Engländer sein Möglichstes geleistet. Bei dieser Gelegenheit will ich zur Charakterisirung der Engländer eine kleine Episode aus unserer Conversation erzählen. Als ich nämlich dem Nebensitzenden auf seine Frage, ob ich in Nikko gewesen sei, antwortete, dass ich hierzu leider nicht die Zeit finden konnte, weil ich in Tokio bei Gesandten und anderen hohen Personen eingeladen war, und weil ich bei dem Kaiser und der Kaiserin Audienz genommen hatte, so erwiderte er nach einer Weile: »Der Thee ist im Preise erheblich gestiegen«, und als wir bei einer andern Gelegenheit über Oesterreich-Ungarn sprachen, fragte er unvermittelt: »Welche Gattung Kaffee wird in Oesterreich-Ungarn hauptsächlich getrunken?« Man erkennt daraus, dass des Engländers Geist bei Allem und Jedem vom Geschäft erfüllt ist.

Am 20. Mai, gegen 3 Uhr Nachmittags, kamen wir in Penang an und blieben dort bis nach 6 Uhr Abends. Ich benützte diese Zeit, mich nach dem Festlande übersetzen zu lassen und dort eine Rikschafahrt nach dem Rennplatz, dem Garten und dem Wasserfalle von Penang zu machen, weil ich diese herrliche Gegend wieder sehen und einen dort befindlichen Händler antreffen wollte, welchen ich bei der Herreise entdeckt hatte und von dem ich wusste, dass er solche ausgestopfte Thiere besitze, die ich für das Landesmuseum in Klagenfurt mitbringen wollte. Diese Fahrt zwischen den weit ausgedehnten Cocosnusswäldern und zwischen den in denselben eingestreuten schönen Villen und eigenthümlich gebauten Bauernhäusern hat mich wieder sehr entzückt. Bei dem Händler kaufte ich die Bälge von drei buntfärbigen, grossen Vögeln, und ich hätte auch gerne einen dort befindlichen ausgestopften Pelzflatterer, einen sogenannten geflügelten Affen, gekauft, war aber daran verhindert, weil der Händler keine Kiste zum Verpacken dieses grossen Thieres beistellen konnte und ich dasselbe unverpackt nicht mitnehmen wollte.

Während meiner Abwesenheit vom Schiffe waren mehrere neue Passagiere erster Classe, darunter auch eine schwarze Indierin mit ihrem kleinen schwarzen Bebé und mit ihren halbwüchsigen schwarzen Dienern, einem Burschen und einer Magd, eingestiegen. Wenn nun wohl auch kein Passagier in meiner Cabine untergebracht worden war, so erwuchs mir doch die Unannehmlichkeit, dass die Indierin mit Kind und Dienern in die Nebencabine einquartiert wurde und dass ich Tags über, ja sogar auch Nachts das Raunzen, Weinen und Schreien des kleinen, schwarzen Unholdes hören musste.

Am 21. Mai (Pfingstsonntag) befand ich mich auf hoher See, bei leichtgetrübtem Wetter und bei ziemlich heftigem Winde. Das Schiff schwankte recht kräftig auf und ab. Dies gereichte mir aber zum Vergnügen und so fühlte ich mich dabei sehr wohl.

Meine Gedanken überflogen den weiten, weiten Raum, der mich von meinen Lieben trennte, und dieselben liessen mich in meinem schönen, trauten Heimatlande das Pfingstfest recht heiter und freudevoll begehen, und sie trugen meinen Lieben die Empfindungen hin, welche meinem, von inniger Liebe für sie erfüllten Herzen entstammten und die allerbesten Wünsche für ihr Wohlergehen enthielten. Ich war davon überzeugt, dass auch meine Lieben in ähnlicher Weise meiner gedachten.

Während der weiteren Fahrt bewegten wir uns einerseits längs der Nordküste der gebirgigen Insel Sumatra und andererseits südlich der Nikobar-Inseln. Ein sehr heftiger Sturm hatte sich nach und nach entwickelt. Die Wogen rollten in mächtiger Höhe heran und der Dampfer hob sich, diese Wogen passirend, gewaltig empor und senkte sich wieder tief hinab. Die Fenster der Cabinen wurden mit starken Eisenplatten geschlossen. Alle Damen und manche Herren zogen sich zurück, um dem Meergott Neptun ihren Tribut zu zahlen. Ich zahlte dem Neptun in dieser Hinsicht keinen Tribut und doch ging ich nicht frei aus. Bei der fortwährenden Transpiration, welche die grosse Hitze in den Tropen verursacht, sind nur die in diesem Klima lebenden Menschen gegen die ewige Zugluft, welche überall erzeugt wird, immun, ich aber, der in dieser Richtung verwöhnte Festländer, konnte diese Combination nicht ertragen, und so habe ich mir ein kleines Rheuma in der linken Hüfte (Ischias) zugezogen. Meinem Grundsätze getreu, mir nichts gefallen zu lassen, sondern gleich alle Unannehmlichkeiten zu bekämpfen, machte ich mir vor dem Schlafengehen einen Priessnitz-Umschlag mit Kautschukpapier-Umhüllung, dann massirte ich mich am nächsten Morgen kräftig, nahm darauf ein Meerwasser-Wannenbad und machte endlich noch entsprechende Gelenksübungen. Gebessert wurde mein Leiden wohl, aber nicht vollkommen behoben, und so nahm ich mir vor, diese Procedur am nächsten Abend und Morgen zu wiederholen.

Am 22. Mai (Pfingstmontag) war das Wetter klarer geworden und es hatte der Sturm ein wenig nachgelassen, dennoch erhob und verbeugte sich unser Dampfer noch so bedeutend, dass die Damen sich noch nicht aus ihren Verstecken herauswagten.

Nirgends mehr war Land zu sehen. Wir durchquerten das Meer von Osten nach Westen; im Norden war das Bengalische Meer und im Süden der Indische Ocean.

Diesen Tag benützte ich emsig zur Fortsetzung meines Tagebuches. Mein Ischias war wohl besser geworden, aber noch nicht behoben.

Auch das am 23. Mai vorgenommene Heilverfahren, bestehend in Massiren, Gelenksübungen, Bädern, Einreiben mit Gichtfluid und Nachts über in Priessnitz-Umschlägen, behob wohl zeitweilig, aber nicht für immer den Schmerz in der linken Hüfte, und so muss ich mit dieser Procedur so lange täglich fortfahren, bis ich das Leiden vollständig bewältigt haben werde.

Die Reise auf dem Dampfschiffe bietet ungeachtet des durch die Hitze entstehenden Ungemaches sehr viel Schönes. Die tiefblaue Farbe des Meeres, die rollenden Wellen und Wogen mit den auf ihren Scheiteln thronenden Schaumperlen, das Kräuseln der ganzen Oberfläche, der lichtblaue Himmelsbogen mit seinen eingestreuten weissen und grauen Wölkchen, welcher sich am Horizont in's Meer zu tauchen scheint, das Rauschen und Brausen des vom Schiffe durchfurchten Meeres, alles dies gibt dem Gesicht, dem Gehör und der Phantasie reichliche Anregung.

Eben auf diesem Schiffe, umgeben von Engländern, welche in ihrer ruhigen, schön gesitteten Lebensweise die sich erhebenden Stimmungen nicht beeinträchtigen, sondern durch ihr durchaus anständiges Wesen eher fördern, eben hier empfand ich das Gefühl der Freude und Lust über die Meerfahrt am allermeisten.

Bei alledem darf man sich das Leben der Engländer nicht so wie ihre Aussenseite als hölzern und steif vorstellen. Sie spielen hier auf dem Schiffe theils Schieb-, theils Wurfspiele, theils Karten, und zwar Whist, theils »langen Puff«, Schach, Domino u. s. w., oder sie lesen, oder führen Conversation. Dabei bleibt aber Alles in voller Ruhe, und sie sind stets recht heiter. Bei Whistpartien kommt es absolut nicht vor, dass ein Partner gegen den andern eine Kritik übt.

Das englische Schiff Coromandel hält ein weit besseres Tempo ein, als es die gewöhnlichen Schiffe des Oesterreichischen Lloyd gethan haben, denn die letzteren hinterlegten in der Stunde etwa 10 Seemeilen = etwa 18 km, während Coromandel in der Stunde 13-13½ Seemeilen = 24-25 km zurücklegt. Daraus folgt, dass zur Fahrt der Strecke von Hongkong über Penang nach Colombo auf dem Lloydschiffe acht Tage und auf dem Coromandel nur sechs Tage erforderlich sind. Wir werden demnach am 25. Mai Früh in Colombo eintreffen.

Am 24. Mai war der Himmel ganz bewölkt, der Sturm hob die Wellen und diese hoben und senkten das Schiff, und die Luft war schwül.

Im Laufe des Tages sprach ich den Schiffscapitän wegen des Zeitpunktes meiner Ausschiffung in Colombo, und erhielt von demselben die Aufforderung, es ganz nach meinem Belieben einzurichten, jedenfalls aber noch vorher, am 25. Mai um 9 Uhr, das Breakfast auf dem Schiffe einzunehmen.

Als ich am 25. Mai Morgens auf das Deck des Schiffes Coromandel kam, befanden wir uns in dem von den Engländern bei Colombo kunstvoll hergerichteten Hafen, und ich sah dort das grossartig schöne Schauspiel, wie sich die heranstürmenden Meereswogen an den gewaltig fest erbauten Steinmauern des Hafens brachen, dann in Millionen Wasserperlen zerstoben, und dabei viele Meter hoch in die Luft stiegen, um von dort als dichter, weisser Schaum wieder in das Meer zurückzufallen. Diese Erscheinung wiederholte sich fort und fort, bald hier, bald dort.

Nach dem Breakfast liess ich durch einen auf das Dampfschiff gelangten Diener des Grand Oriental-Hôtel aus meiner Cabine die dort befindlichen sechs Gepäckstücke auf das Deck schaffen und sah mich dann um meine im Gepäcksraume des Schiffes untergebrachten acht Colli um. Es waren aber zu dieser Zeit von denselben nur zwei Stück auf das Deck geschafft worden. Als ich mich nun an dem bei dem Gepäcke befindlichen Beamten des Coromandel mit der Bitte wandte, gefälligst dahin zu wirken, dass alle meine Colli bald aus dem Gepäcksraume geschafft werden, erwiderte mir derselbe in durchaus nicht höflicher Weise, es kümmere ihn dies nichts und ich möge mich an den Gepäcksofficier wenden. Erst nach vielfachem Fragen konnte ich bei dem nicht artigen Benehmen der Schiffsofficiere endlich den Gepäcksofficier ausfindig machen. Ich theilte ihm nun mit, dass mir noch sechs Gepäckstücke fehlen, von welchen fünf Stück mit meiner Adresse versehen sind, während ich auf das lange Paket mit Speeren, Bogen, Pfeilen u. s. w. bis jetzt noch keine Adresse habe anbringen können. Der Gepäcksofficier erwiderte darauf, dass er sich speciell an das lange Paket, aus welchem beiderseits die Enden der beinahe 3 m langen Speere herausstanden, gut erinnere, und dass ich in mein Hôtel fahren und von dort einen Bediensteten zur Uebernahme und Ueberführung der fehlenden sechs Colli auf das Schiff senden soll. Ich könne beruhigt sein, ich werde bis am Abend Alles bei mir haben.

Ich fuhr also Mittags mit den bei mir habenden acht Gepäckstücken in das Grand Oriental-Hôtel und sandte von dort einen Diener mit einem Certificat, in welchem die fehlenden Colli genau bezeichnet waren, auf das Schiff. Dieser Diener musste aber dort von Mittag bis 6 Uhr Abends warten, bekam dann nur fünf von den bezeichneten Effecten ausgefolgt, und es wurde ihm mitgetheilt, dass das sechste Stück, nämlich das Paket mit den alten Waffen, nicht vorgefunden werden konnte. Da nun das Schiff Coromandel am nächsten Tag weitergefahren war, so ging ich zur Agentschaft der P and O-Gesellschaft in Colombo, um das fehlende Stück zu reclamiren. Der Agent versprach, deshalb Nachforschungen zu erheben, und gab der Hoffnung Ausdruck mir das fehlende Stück noch vor meiner Abreise von Ceylon zustellen zu können.