Aufenthalt in Singapore.
Den 16. Mai trafen wir in Singapore ein, also mit einem Tage Verspätung im Vergleiche zu dem officiell angegebenen Ankunftstage. Nach dem Anlangen des Schiffes in den Hafen kam der Hafenarzt auf den Dampfer zur Inspicirung des Gesundheitszustandes auf demselben und zur Feststellung, ob auf dem Schiffe keine ansteckenden Krankheiten vorgekommen sind. Diese Massregel muss in dem Hafen von Singapore mit um so grösserer Genauigkeit durchgeführt werden, als dort alle von Bombay und von Hongkong, also von den beiden pestinfiscirten Städten kommenden Schiffe anhalten, mithin Singapore der Ansteckungsgefahr sehr ausgesetzt ist.
Der von der Lloydgesellschaft auf dem Dampfer Marquis Bacquehem angestellte Arzt, ein vor kurzer Zeit promovirter Doctor, hatte die Pflicht, dem inspicirenden Arzt von Singapore die Aufklärung über den Gesundheitszustand auf dem Schiffe zu geben.
Während der Fahrt des Dampfers von Hongkong nach Singapore waren von den ganz kleinen Kindern, welche die Chinesen mit sich genommen hatten, zwei Kinder gestorben, da sie die Seereise und ganz geänderte Lebensweise nicht überstehen konnten. Ausserdem befand sich auf dem Schiffe ein Matrose, welcher seit vier oder fünf Tagen an geschwollenen Drüsen erkrankt war und ein Fieber mit 38 Grad Körperwärme hatte. Nun befürchtete der Lloydarzt darin gleich einen Pestfall. Ich machte ihn wohl darauf aufmerksam, dass nach meiner Erfahrung aus Bombay dort die Pestkranken binnen 24 Stunden dem Tode erlagen oder, und zwar in den allerseltensten Fällen, nach dieser Zeit der Genesung entgegen gingen. Der Lloydarzt hielt dessenungeachtet seine Befürchtung aufrecht und gab trotz meiner ihm dringlich gemachten Gegenvorstellung dem inspicirenden Arzt aus Singapore Kenntniss davon. Dieser Inspicirungsarzt war nicht Doctor, sondern Apotheker, hatte also selbst kein Urtheil in diesem Falle. Er nahm mithin die ihm vom Doctor gegebene Befürchtung in sich auf, weil er die Verpflichtung in sich fühlte, die Stadt Singapore vor der Gefahr einer Ansteckung zu beschützen. Obgleich bei der nachfolgenden Einzeluntersuchung aller Chinesen, der übrigen Passagiere und der ganzen Schiffsbemannung kein Pestkranker gefunden wurde, so erklärte der inspicirende Arzt dennoch den Dampfer Marquis Bacquehem bis auf Weiteres in Contumaz und ordnete an, dass sämmtliche Chinesen auf die zum Quarantaineplatz bestimmte Insel zu überführen seien. Da aber dieser Arzt doch einsah, dass diese Massregel nicht ganz gerechtfertigt war, so erlaubte er, dass die europäischen Passagiere nach Singapore fahren können.
Ich benützte diese Erlaubniss und fuhr gleich mit dem Arzte nach Singapore, besuchte dort den Honorar-Generalconsul v. Brandt und seinen Stellvertreter v. Pustau, später dann auch den Dr. Rasch, welcher auf dem Dampfschiffe Marie Valerie mit mir nach Singapore gefahren war und sich dort zur Uebernahme einer ärztlichen Praxis niedergelassen hatte. Daselbst empfand ich eine grosse Freude darüber, bei Dr. Rasch wahrzunehmen und es auch von ihm bestätigt zu hören, dass es ihm vorzüglich gut ergehe und er ausserordentlich viel zu thun habe. Da hat sich wieder die Initiative glänzend belohnt.
Den folgenden Tag, 17. Mai, kam der inspicirende Arzt Vormittag wieder auf unseren Dampfer und fand den erkrankten Matrosen, welcher nach der Meinung des Lloydarztes einen »leichten Pestanfall« haben sollte, schon ziemlich wohl. Da mag es dem Apotheker eingeleuchtet haben, dass die Diagnose des Doctors unrichtig war, aber er fand es dennoch angezeigt, die Contumaz nicht aufzuheben, sondern verfügte noch eine Untersuchung des Blutes von dem erkrankten Matrosen und nahm zu diesem Zwecke einige Tropfen Blut desselben mit sich. Die Contumaz unseres Schiffes hatte demnach noch wenigstens 24 Stunden zu währen.
Der vom Lloyd angestellte Schiffsarzt hat durch seine ausgesprochene Befürchtung nicht nur dem Lloyddampfer viele Unannehmlichkeiten, sondern auch namhafte Auslagen bereitet, weil derselbe bedeutende Expensen für den längeren Aufenthalt im Hafennetz zu entrichten hat. Mich aber traf diese Verzögerung sehr unangenehm, weil meine Ankunft in Colombo hierdurch noch weiter hinausgeschoben und somit mein Reiseplan sehr gestört wurde.
An diesem Tage war ich vom Festlande ganz abgesperrt, weil der inspicirende Arzt mich aus dem Grunde nicht auf seiner Dampfbarkasse mitnehmen konnte, weil er noch zu anderen Schiffen fahren musste, und weil kein Boot vom Lande sich dem in Contumaz befindlichen Dampfer zu nähern wagte. Ja, nicht einmal der Lloydagent kam an den Dampfer heran.
Bei alledem fühlte ich mich auf dem Deck des Schiffes sehr wohl, denn Vormittags war es geradezu herrlich, es wehte hier eine so liebliche, angenehme Luft über das Deck, wie wir eine solche in unserem Lande nur in den schönsten Tagen des Mai oder Juni erleben können.
Abends erschien der inspicirende Arzt neuerdings und theilte mit, dass von den vom Dampfer Marquis Bacquehem auf die Quarantaine-Insel transportirten Chinesen ein Mann an der Pest erkrankt und auch gestorben sei, und behauptete, dass dieser Chinese schon auf dem Schiffe erkrankt gewesen sei, sich aber der Untersuchung entzogen haben müsse. Tags vorher wurde aber constatirt, dass alle auf dem Schiffe befindlichen Leute untersucht und pestfrei befunden wurden. Es hatte demnach diese nachträgliche Angabe keine rechtmässige Basis, wohl bot sie aber der Behörde in Singapore das Mittel, nach Gutdünken mit dem Dampfer zu verfahren. Die Ansteckung des Chinesen konnte ja auf der von Pest durchseuchten Quarantaine-Insel vorgekommen sein. Diese Einwendung fruchtete nichts. Der inspicirende Arzt theilte nun mit, er werde den Todesfall dem Gouverneur melden, und dieser werde die weitere Contumaz des Dampfschiffes verfügen.
Dies war ein schlimmer Fall für mich, denn der Aufenthalt in Singapore konnte sich nun so weit hinausziehen, dass ich mit Einschluss des Aufenthaltes in Penang, welcher auch unvorhergesehene Verzögerungen bringen konnte, erst nach dem 1. Juni nach Colombo gelangen würde, dass ich daher dort den Dampfer der Messagerie nicht mehr angetroffen haben würde, folglich auf ein später abgehendes Schiff hätte warten müssen. Dann aber stand mir bevor, in den für meine Garderobe und für das gekaufte Seidenzeug gefürchteten Monsum zu kommen. Dies wollte ich, wie schon erwähnt, vermeiden, und so erwog ich es, den Dampfer Marquis Bacquehem zu verlassen und mit dem Dampfer einer andern Dampfschifffahrts-Gesellschaft von Singapore nach Colombo zu fahren. Wohl hatte ich die Fahrkarte von Kobe bis Colombo genommen, aber ich hoffte, dass die Lloyddirection in Triest den Betrag von Singapore nach Colombo mir zurückerstatten werde. (Dies ist später auch erfolgt.) Andererseits sah ich es voraus, dass durch diesen Wechsel sich meine Fahrt sehr vertheuern werde, aber dies war schon dadurch herbeigeführt, dass unser Dampfer zur Einhaltung der Contumaz bestimmt worden war, und dass ein Erlass besteht, nach welchem jeder Passagier im Falle der Contumaz für jeden solchen Tag 15 Francs zu zahlen hat.
Ich entschloss mich demnach, den nächsten Tag nach Singapore zu fahren, dort alle Eventualitäten zu erforschen und dann auf Grund der darauf gestützten Erwägungen das mir am zweckdienlichsten Erscheinende zu unternehmen. Als nun am nächsten Tag, den 18. Mai, der inspicirende Arzt Vormittags wieder auf das Schiff kam und mittheilte, dass die Dauer der Contumaz des Dampfers Marquis Bacquehem noch nicht festgestellt wurde, machte ich von meiner Freiheit, auf das Land zu fahren, Gebrauch und schiffte mich mit dem Inspicirenden nach Singapore über. Während dieser Fahrt erhielt ich von demselben die Zusage, dass seinerseits kein Bedenken erhoben werden soll, wenn ich gleich auf einem andern Dampfer weiterfahren werde.
In Singapore verfügte ich mich gleich zum österreichisch-ungarischen Consulat und brachte dort in Erfahrung, dass der Dampfer Marquis Bacquehem im Hinblick auf die vom inspicirenden Arzt abgegebene Darlegung der Verhältnisse voraussichtlich noch längere Zeit in Contumaz gehalten sein werde, dass dann derselbe erst die Verladungsarbeiten vornehmen könne und demnach die Abfahrt des Dampfers von Singapore sich weit hinausziehen dürfte. Weiters wurde dort gesprochen, dass der Dampfer auch von Singapore nach Penang eine grosse Zahl von Chinesen transportiren müsse, dabei wieder ein Pestfall vorkommen oder vermuthet werden, und dass dann in Penang ein gleiches Zeitversäumniss wie in Singapore eintreten könnte. Darauf hin entschloss ich mich, auf einem andern Dampfer weiter zu reisen.
Von Singapore gingen zu dieser Zeit nach Colombo ab: am 19. Mai der Dampfer Coromandel der englischen P and O- (Peninsula and Oriental-) Gesellschaft, und am 25. Mai ein Dampfer der französischen Gesellschaft Messagerie maritime. Im Hinblicke darauf, dass ich bald von Singapore wegkommen und in Colombo eintreffen wollte, wählte ich zur Weiterfahrt das Dampfschiff Coromandel, war aber dadurch zur Eile gedrängt, weil dieser Dampfer den nächsten Tag schon um 8 Uhr Früh abfuhr. Vorerst traf ich die Vorkehrung, dass am Abend mein Gepäck von dem Dampfer Marquis Bacquehem abgeholt und auf den Dampfer Coromandel geführt werde. Dann liess ich mir von unserem Consulate ein Certificat für die mitgenommene Cycas revoluta ausstellen, weil ohne solche Belege keine Pflanzen oder Blumen nach Oesterreich-Ungarn eingeführt werden dürfen. Hierauf nahm ich eine Fahrkarte erster Classe für den Dampfer Coromandel von Singapore nach Colombo auf der Insel Ceylon. Diese Karte kostete 140 Dollars = 168 fl. ö. W. Der Betrag erscheint für eine fünf und einen halben Tag währende Fahrt sammt Unterkunft und Verpflegung, also für den Tag etwa 30 fl. 50 kr. ö. W., ziemlich theuer. Nachdem dies besorgt war, fuhr ich auf den Dampfer Marquis Bacquehem zurück, um dort mein Gepäck in Ordnung zu bringen. Hierzu theilte ich meine Effecten, die einstweilen auf 22 Colli angewachsen waren, derart, dass ich 9 Stück auf dem Lloyddampfer zur Ueberführung nach Triest beliess und 13 Stück mit mir nahm.
Vor dem Scheiden von dem Dampfer Marquis Bacquehem dankte ich noch dem Schiffscapitän und den Schiffsofficieren für die mir bezeigte Zuvorkommenheit und wünschte ihnen, bald von der Contumaz loszukommen.
Die Nacht schlief ich vortrefflich im Adelphi-Hôtel in Singapore. Des andern Tags zeitlich Früh besichtigte ich die vom Hôtelier Hassner, einem Oesterreicher, aus seiner Sammlung alter Waffen und sonstiger Gegenstände von wilden Völkern für mich gewählten Curiositäten, und zwar: einen Buka Bogen mit Sehne, circa 2 m lang, zehn Buka Rohrpfeile mit Widerhaken, circa 1½ m lang, sechs Rohrspeere, circa 1½ m lang, und zwei Speere, circa 2½ m lang, von den Neu-Irland-Inseln (Neu-Mecklenburg); einen Bogen mit Sehne, circa 1½ m lang, und sechs Speere mit sägeartigen Spitzen, circa 1¾ m lang, von den Salomons-Inseln; eine Arbeitshacke, eine mit Muscheln besetzte Tasche und ein Olivenheft von der Admiralitäts-Insel; zwei aus Bast erzeugte Taschen und eine Holzmaske aus Neu-Guinea; ein Beil mit einem Ruthenbündel und Klappern zum Vertreiben der Weiber bei dem Essen von Neu-Pommern; zwei Speere von den Marschall-Inseln und ein Tempel-Aufsatz von der Bougainville-Insel.
Da der Hôtelier Hassner für diese interessanten Antiquitäten, welche ich für das kärntnerische Landesmuseum bestimmt habe, keine Bezahlung annehmen wollte, so werde ich demselben nach meiner Rückkunft eine grössere Zahl von Flaschen mit rothem und mit weissem Chateau Palugyay-Wein zusenden lassen.
Das Hôtel Adelphi in Singapore ist sehr gut und schön gelegen, besteht aus einem prächtigen und grossen Hause mit vielen geräumigen, luftigen Gesellschaftsräumen und mit schönen, sehr gut eingerichteten Passagierzimmern, und ist von einem sehr gut gehaltenen Garten umgeben. Die Verpflegung ist dort sehr gut, die Bedienung vortrefflich und dabei sind die Pensionspreise ausserordentlich billig. Der Hôtelier Hassner, wie gesagt, ein Oesterreicher aus Nordböhmen, ist schon seit einer langen Reihe von Jahren im Hôteldienste thätig, in der Stadt Singapore allgemein hochgeachtet und beliebt, für seine Gäste sehr aufmerksam und sorgsam, und so kann das Hôtel Adelphi mit gutem Gewissen jedem nach Singapore Reisenden bestens anempfohlen werden.