Zanzibar, den 16. Juni 1887.

Gestern Abend näherte sich unsere Mecca, nachdem sie am Morgen fünf Stunden auf einer Sandbank im Kanal von Pemba festgelegen, endlich der Stadt Zanzibar.

Stundenlang, ehe diese noch sichtbar, standen wir am Rande des Schiffes und sahen durch die Ferngläser nach dem bläulichen Küstenstreifen der Insel. Bald konnten wir Waldungen erkennen und die auf einem Landvorsprung errichtete Signalstange, deren Flagge dem Wächter auf dem Sultansturm unser Nahen frühzeitig ankündigte. Als es dunkelte, leuchtete vor uns das große electrische Licht auf, mit dem der Sultan in mondlosen Nächten seine Umgebung erhellt.

Kurz nach Sonnenuntergang ließ der Kapitän noch außerhalb des Hafens Anker werfen, da ihm das Einlaufen zwischen Korallenriffen und Sandbänken bei Nacht nicht ratsam schien. »The captain believes in safety«, sagten seine minder geduldigen Offiziere lächelnd.

Ich sehnte mich, festes Land unter den Füßen zu fühlen, aber von unseren Deutschen war nichts zu hören und zu sehen. Darum nahm ich es gern an, als Herr Filonardi dem Schiffsarzt, einem Irrländer namens Roß, und mir vorschlug, mit ihm an Land zu fahren, um wenigstens etwas spazieren zu gehn. Die italienische Kolonie, bestehend aus vier Herren, war pünktlich und vollzählig erschienen, um ihren Konsul zu begrüßen. In Gesellschaft dieser lebhaften Romanen ließen wir uns durch den Hafen rudern, wo zahlreiche Lichtchen auf den Schiffen grüßten, während die electrische Flamme auf dem Turm einen breiten Silberstreifen über die dunkle Wasserfläche warf.

Nachdem wir auf nassem Sand und Korallen gelandet, wurden wir durch die Stadt geführt. Die engen, krummen, dunklen und holperigen Gassen entsprachen nicht dem Bild, das die reich illuminierte Häuserreihe am Meer vom Hafen aus geboten. Ich war auch ermattet von der anstrengenden Seefahrt und stolperte jeden Augenblick über Schutt und Gerümpel oder versank bis zum Fußgelenk in irgend eine Vertiefung. Eingefaßt waren die Gassen von hohen, fensterlosen Mauern. Eine Seitenstraße, ebenso schön wie die anderen, wurde uns unter fröhlichem Lachen als »Boulevard des Italiens« vorgestellt. Wir bogen in dieselbe ein und befanden uns auf einmal in einem von hohen Mauern umgebenen Hof, der in dem matten Licht einiger durch eine halboffene Gallerie schimmernder Lampen ganz romantisch aussah. – Unter einem hohen Baum lagen Warenballen aufgeschichtet und eine Steintreppe führte von außen nach dem zweiten Stock des Hauses auf die einem Klosterkreuzgang ähnliche Gallerie. Ich sah mich verwundert um und frug, wo wir wären. Das ist unser Konsulat, sagten die Italiener. Ich forderte Mr. Roß auf, nun mit mir nach dem Schiff zurückzukehren, davon wollte aber der Konsul nichts hören. Ich müsse mich nach dem beschwerlichen Gang zunächst etwas ausruhen, meinte er, er werde uns dann selbst auf die Mecca zurückfahren.

Dr. Roß und ich freuten uns übrigens, bei dieser Gelegenheit gleich ein zanzibaritisches Intérieur kennen zu lernen. Wir stiegen unter Führung der Italiener die steile Treppe hinan und traten von der Gallerie aus in einen hellerleuchteten hohen Raum, dessen Einrichtung – buntgewirkte Teppiche und Decken, schwere seidne Vorhänge, große Vasen, indisches Schnitzwerk und bequeme Sessel aus Rohrgeflecht – ganz das von europäischem Geschmack durchsetzte orientalische Gepräge trug. Man rückte uns die behaglichsten Sitze zurecht und dann brachte ein schwarzer Diener auf den Wink des Hausherrn Champagnerschalen, in die unser Wirt italienischen Schaumwein goß. Zu meiner besonderen Freude machte ein schöner Bernhardiner, der dem Vicekonsul, Herrn Pietro Ferrari gehörte, seine Aufwartung. Erwähnter Herr, der uns durch den Konsul als Musikfreund und Inhaber einer schönen Stimme verraten wurde, mußte sich auf unsere Bitte an das Piano setzen und uns einige Arien vortragen, was er ungern, dann aber mit echt italienischer Lebhaftigkeit absolvierte. Nach einer auf solche Weise sehr angenehm verflossenen halben Stunde traten wir den Rückweg an. Noch einmal mußten wir beim Rascheln der Kokerutschen an Bord der Mecca übernachten und das sanfte Plätschern der an die Schiffswand schlagenden Dünung sang uns das Schlaflied.

Zanzibar, den 17. Juni 1887.

Gestern Morgen beeilte ich mich an Deck zu kommen, da um unser Schiff her, in starkem Gegensatz zu der gewohnten Stille auf hoher See, ein gewaltiges Lärmen und Treiben herrschte. Wir waren beim ersten Morgengrauen in den Hafen eingelaufen und befanden uns zwischen einer Menge großer Schiffe, Daus und Boote, ziemlich dicht an der Landungstreppe. Stadt und Hafen glitzerten in einer Flut hellen Sonnenlichts. Es war ein Bild, in dem als Farbe ein blendendes Weiß vorherrschte, eine Landschaft wie Wereschagin sie malt. Die weißen algerischen Mönche von Zanzibar kamen angerudert, um ihre Ordensbrüder in Empfang zu nehmen. Auch andere Europäer in weißem Anzug und weiß umhülltem Korkhelm näherten sich. Ich stand in unbehaglicher Empfindung des Alleinseins am Schiffsrand und sah hinunter auf die sich andrängenden Boote mit ihren lärmenden schwarzen, braunen und gelben Insassen, als auf einmal eine mir wohlbekannte Stimme »guten Morgen, Baronin!« heraufrief. Da bemerkte ich in einem der Boote den Freiherrn von Gravenreuth, der mich mit seinen lustigen blauen Augen ganz so übermütig anlachte wie vormals in Berlin, wenn es galt eine Extratour zu tanzen. Meine trübe Stimmung war verschwunden. Es ist wahr, daß man sich sofort zu Hause fühlt, wo man Gesinnungsgenossen und Freunde findet.

Außer Herrn von Gravenreuth hatte Herr Dr. Peters die mir nur dem Namen nach bekannten Herren Braun und von St. Paul geschickt und das Konsulat seinen Dragoman, Mr. Michalla, der leider kein Wort deutsch spricht. Während sich nun die Herren Braun und von St. Paul der neuangekommenen Beamten und des nach der Duane zu dirigierenden Gepäcks annahmen, fuhren wir mit Herrn von Gravenreuth nach der steinernen Landungstreppe am Schloßplatz, von wo aus wir uns unter des Barons Führung nach dem einzigen anständigen Hôtel der Stadt begaben, dem am Meere gelegenen Hôtel d'Afrique Centrale.

Der Weg vom Landungsplatz zum Hôtel ist kurz, aber charakteristisch. Vor allem bietet er an Schmutz und Unordnung, was man von arabischer Straßenpflege irgend erwarten kann. Gegenüber dem Residenzschloß steht am Meere die Menagerie seiner Hoheit, bestehend aus sechs bis acht morschen Käfigen, in welchen sich ein ziemlich zahmer Löwe, eine Löwin, ein Stachelschwein, ein Jaguar und drei bis vier andere Tiere befinden. Die Straßenluft wird durch diese Sehenswürdigkeit natürlich nicht verbessert. Unter dem Schlafgemach des Sultans, einem frei, auf hohen Säulen stehenden Haus, ist ein Panther als Kettenhund angebunden, den die Vorübergehenden mit ihren Stöcken ärgern. An das Schlafhaus schließt sich der Harem, ein langer Bau mit himmelblau angestrichenen Fensterläden, der durch einen blütenreichen Garten von der Straße getrennt wird. Der Sultan läßt grade vor diesen Garten eine Mauer in Gestalt eines unförmlichen Schiffes bauen, die eine Wasserleitung in sich birgt mit nach der Straße gerichteten Krähnen zur Nutznießung der Gläubigen. Das ist einer seiner originellen Einfälle, der indessen in der Ausführung durch seine Geschmacklosigkeit gradezu erschreckt. Nasser Kalk, Lehm- und zackige Korallensteine, die zum Bau verwendet werden, bedecken den Weg in seiner ganzen Breite. Neben dem Harem steht noch ein Palast mit himmelblauen Fensterläden. Es ist die Residenz von Schwestern und sonstigen weiblichen Verwandten des Sultans. Auf der anderen Seite der Straße am und im Meer sahen wir eine Menge verrostetes Eisen liegen, Anker, Faßreifen, unbrauchbare Maschinenteile u. s. w., das wird hier abgelagert und dem rasch zerstörenden Einfluß der Witterung preisgegeben. Wir überschritten eine Art von Platz und kamen nun an die Fabriken Seiner Hoheit, eine für das electrische Licht und eine für die Bereitung von Eis. Diese Fabriken bestehen aus offenen Schuppen. Davor sitzen auf der Straße in Reihen oder Gruppen aneinander gekettete Neger, welche Holz spalten zur Heizung der Maschinen. Das sind Diebe oder Leute, die ihren Contract gebrochen haben oder ihrem Herrn entlaufen sind, kurz harmlose Übelthäter, die hier zur Strafe mit eisernem Ring um den Hals an die Genossen festgeschmiedet arbeiten müssen. Sie sehen sehr schmutzig aus, aber ganz vergnügt. Quer über die Straße laufen den Fabriken entfließende offene Abzugskanäle, die sich zu Pfützen von widerlicher Farbe und Geruch verbreitern. Man muß, um zu dem Hôtel zu kommen, über die schmutzigen Rinnsale voltigieren und dabei Acht geben, daß man nicht den dicht umherhockenden Sträflingen auf Hände oder Füße tritt.

Das Hôtel d'Afrique Centrale, gehalten von Mr. Chabot, einem Marseiller, ist ein Teil eines großen arabischen Privathauses. Wir traten von der Straße aus in einen kühlen, nach Sitte der Araber mit Marmor-Wandbänken versehenen Flur und gelangten, eine Holztreppe hinaufsteigend auf die Gallerie, die mit ihren auf massigen Steinpfeilern ruhenden Rundbögen einen Hof umschloß. In diesem Innenhof blüht ein alter Oleanderbaum und um ein Wasserbassin schwirrt es von allerhand Geflügel: Truthühner, Enten, Perlhühner u. s. w. Auch Affen verschiedener Größe und Art treiben ihr Spiel daselbst, so daß wir den kleinen Affen Hassan, den uns Herr Filonardi zum Schutz gegen die Kokerutschen in Mombassa gekauft, gleich in ein für ihn passendes Quartier bringen konnten. Von der mit schönen Blattgewächsen geschmückten Gallerie gelangt man in die Gaststuben, große isolierte Zimmer, deren es im ganzen nur vier giebt, abgesehen von zwei oder drei Holzbaracken auf dem Dach. Letztere werden von einigen Reisenden vorgezogen der frischeren Luft wegen; dagegen sollen dort fette Ratten sehr ungeniert ihr Wesen treiben.

Die Araber in Zanzibar scheinen ihre Häuser nach Art unserer alten Schlösser zu bauen. Zwischen dicken Mauern sind die Zimmer sehr hoch und mit kleinen Fenstern versehen. Auf diese Weise werden Räume geschaffen, in denen die Luft circulieren kann und die dabei von der Außentemperatur möglichst abgeschlossen sind. Kühlt abends die Luft ab, so öffnet man die Läden einer bis zum Fußboden reichenden Fortsetzung der Fenster, die mit zierlichem eisernen Schutzgitter versehen ist, und läßt den erfrischenden Seewind ein. Diese Bauart erscheint mir ebenso hübsch als zweckmäßig.

Zanzibar, den 18. Juni.

Gestern Abend ließen wir uns nach der Mecca hinausrudern, um dem freundlichen Kapitän und unserem besonderen Freund Dr. Roß vor ihrer Weiterreise nach Madagaskar noch einmal Lebewohl zu sagen. Dr. Roß hatte uns im Hôtel aufgesucht und erzählt, der Kapitän habe noch immer von den Brandwunden an seinen Füßen zu leiden, so daß er nicht in Stiefel, also auch nicht ans Land kommen könne. Wir waren aber kaum zehn Minuten an Bord der Mecca, als Herr von Gravenreuth uns nachgefahren kam. Er und Herr Dr. Peters hatten uns im Hôtel abholen wollen und nicht angetroffen. Nun ersuchte uns der Baron, unseren Besuch auf dem Schiff abzukürzen und ihn nach dem sogenannten neuen Usagarahaus zu begleiten, in welchem sich am Freitag Abend die ganze deutsche Kolonie zum offnen Abend einzustellen pflegte. Unsere englischen Freunde waren freilich nicht mit dieser Abkürzung unseres gemütlichen Beisammenseins zufrieden, dennoch zögerten wir nicht uns dahin zu verfügen, wo wir von rechts wegen hin gehörten, nämlich zu den Deutschen. Das neue Usagarahaus ist ebenso wie das Hôtel d'Afrique Centrale ein alter arabischer Steinbau, mit dicken Mauern, tiefen Nischen, umfangreichen Pfeilern, Rundbogen und verschiedenen Terrassen. Auch hier umgiebt den Innenhof eine halboffene Gallerie, die sich zur geräumigen Halle erweitert. Hier waren Wände und Säulen mit Flaggen geschmückt und an der Hauptwand befindet sich auf blumenumkränzter Console eine Büste unseres geliebten Kaisers.

Die deutsche Kolonie hatte sich ziemlich vollzählig eingefunden, wenigstens war sowohl unser Consulat, wie auch die verschiedenen Kaufmannshäuser: O'Swald, Strandes, Meyer und was noch hier haust, vertreten.

Ich erkundigte mich eingehend nach Dar-es-Salaam. Diesen deutschen Vertragshafen hatte man in Berlin als Centralplatz der auf dem Festland eingerichteten Stationen ins Auge gefaßt, daher gedachten wir dort die Einrichtung eines Krankenhauses zu beginnen. Inzwischen hatte sich aber Dar-es-Salaam als zu einem Verkehrsmittelpunkt ungeeignet herausgestellt, weshalb unser erster Plan geändert werden mußte. Indessen meinte Herr Dr. Peters, wenn wir auch von einem Haus in Dar-es-Salaam nunmehr absehen müßten, so sei eine geordnete Krankenbesorgung in der Hand einer gelernten Pflegerin dort sehr erwünscht, da grade jetzt in Dar-es-Salaam wegen der Mangrovensümpfe und der Umarbeitung des Bodens viel Krankheitsfälle vorkämen. Mit dem Quartier sei es vielleicht noch nicht so bestellt, wie er es für uns gewünscht habe, indessen riete er mir die nächste günstige Fahrgelegenheit zu benutzen, um mich selbst umzusehen und daraufhin weitere Dispositionen zu treffen.

d. 19. Juni.

Gestern Nachmittag besuchte mich auf Veranlassung des Kapitäns der Mecca die Leiterin der hiesigen englischen Missionsstation »Mkunazini« und lud mich ein, heute in der Mission zu dinieren. Ich frug, ob ich meine junge Krankenpflegerin mitnehmen könne, doch schien deren gesellschaftliche Stellung der schwerfälligen Britin nicht klar genug zu sein, und sie antwortete vorsichtig in verneinendem Sinn. Ich schickte daher Bertha, die ohnehin nicht englisch versteht, zu dem Missionar Greiner und dessen Familie, mit welcher sie auf der Reise schon gut bekannt geworden. Ich selbst wurde von einem jungen deutschen Kaufmann abgeholt, der viel bei den Damen von Mkunazini verkehrt, und dort »lieb Kind« ist. Wir durchwandelten die Stadt in ihrer Ausdehnung vom Meere nach dem landeinwärts vorgelegenen Negerviertel, wobei wir die mit den grellsten Farben bemalten Quartiere der reichen Indier passierten. Daß hier und in anderen Straßen ein Pflaster überhaupt existiert, verdankt die Stadt dem ehemaligen englischen Generalconsul Sir John Kirk. Dieser ließ eines Tages den indischen Unterthanen Ihrer Majestät sagen: Wenn nicht bis zum dritten Tag von heute jeder Hausbesitzer vor seinem Hause pflastern ließe, so würde er selbst es machen lassen, aber auf ihre Kosten. Das soll ungemein rasch gewirkt haben.

Aus den Indierstraßen gelangten wir zwischen die mit Palmzweigen gedeckten Hütten der Neger und bogen zuletzt in ein Mauerpförtchen ein. Mit dieser Biegung verwandelte sich die Scene vor uns wie durch Zauber. Mitten in Neger-Armseligkeit, indischen von Unsauberkeit strotzenden Kramläden und arabischen Schutthaufen sieht man auf einmal ein Stück Englands vor sich mit seiner blanken in voll entfalteter Blüte stehenden Kultur. Erstaunen, Bewunderung und nationale Eifersucht erfüllten mich bei dem überraschenden Anblick. »Wenn wir doch erst so weit wären!« rief ich. »Das wird wohl noch einige Jahrzehnte dauern,« meinte lächelnd mein Führer, »hier steckt viel englisches Geld darin und jahrelange Arbeit.«

Links von uns stand eine schöne steinerne Kirche, ein durchaus vornehmer Bau, durch dessen gothisch verzierte Fenster Licht schimmerte. Im Innern erklang aus vielen Stimmen und mit Orgelbegleitung der bekannte rhythmische Hymnengesang. An dieser Kirche vorüber führt ein sehr sauber gehaltener Weg durch Gartenanlagen nach den Missionshäusern. Hier hatte das britische Vermögen, das Gepräge der eignen Art dem vorgefundenen Fremden aufzuzwingen, es fertig gebracht, arabische Bauten in heitere englische »cottages« mit Loggien, blumengefüllten Erkern etc. umzuwandeln. Auf der Freitreppe begrüßten uns die Damen der Mission, die mir mit der liebenswürdigsten Gastfreundschaft entgegenkamen. Sie trugen, dem Klima angemessen, leichte weiße Kleider mit schwarzen Gürteln. Geschmackvoll angebrachte frische Blumen erhöhten das freundliche dieses Anzugs. Die interessanteste unter den Damen ist Miß Allen, eine corpulente, behaglich aussehende Frau in mittleren Jahren, die eine seltene Sprachkenntnis besitzt. Sie schreibt, liest und spricht: Deutsch, französisch, englisch, italienisch, arabisch und Suaheli. Auch latein und griechisch soll sie beherrschen. Wegen der bei einer Europäerin seltenen Kenntnis des Arabischen verkehrt sie freundschaftlich mit der Sultanin. Auch erhält sie öfters Besuch von vornehmen Arabern, mit denen sie liest. Diese litterarischen Freunde haben ihr mächtige und kostbar eingebundene arabische Handschriften zum Geschenk gemacht. So hausmütterlich aber gerade diese Miß Allen aussieht, steht sie dem Hause nur geistig vor, während die Sorge für das Materielle der sehr mageren und thätigen Miß Smith überlassen ist, der Dame, die mich gestern aufsuchte. Außer diesen Pfeilern des Hauses sah ich eine ältliche Missionarsfrau mit Hörrohr und großer Brille bewaffnet, eine junge Lehrerin, die sich wegen eines hartnäckigen Fußleidens tragen lassen mußte und die liebenswürdige Krankenpflegerin, Miß Shaw.

Nachdem die Missionszöglinge, – die Station Mkunazini erzieht nur Knaben, – ihre Gesangsübungen in der Kirche beendet hatten, versammelte man sich in der im Hochparterre gelegenen Halle zum Diner. Auch die Väter der Mission, die ein Haus für sich bewohnen, waren in mönchartigen langen Gewändern erschienen. Diese Herren haben hier, unbeschadet ihres halb geistlichen Amtes, einen gewissen Ruf als Sportsmänner. Im tennis, kricket, football und im Schnelllaufen sind sie den anderen hiesigen Engländern über.

In der Halle waren drei lange Tafeln gedeckt, eine für die älteren Knaben, eine für die Kleinen und eine für die Hirten und Hirtinnen der Herde und deren Gäste. Die Zöglinge tragen sämtlich lange weiße Hemden und feuerrote Jäckchen, was zu der schwarzen Hautfarbe sehr gut aussieht. Reiche Damen in England nähen diese Anzüge in ihren Missionsmeetings und schicken sie in so großer Anzahl nach Zanzibar, daß die sämtlichen auf der Insel und auf dem Festland gelegenen Stationen der Missionsgesellschaft versorgt werden und Ueberfluß haben.

Es wird der englischen Mission in Zanzibar zum Vorwurf gemacht, daß sie die Schwarzen zu jungen Herren erzieht, statt zu tüchtigen Arbeitern oder Dienern. Die aus der Anstalt entlassenen Jünglinge gelten hier als privilegierte Nichtsthuer und Taugenichtse. Solange sie unter der liebevollen Pflege der Damen sind, fühlen sie sich allerdings sehr wohl und der Zweck der Missionsgesellschaft, »to make the negroes happy« ist momentan wenigstens erfüllt. »Our boys are very happy little chaps!« sagte Miß Allen, als sie mir nach der reichlichen und guten Mahlzeit einzelne ihrer Lieblinge vorstellte. Sie versicherte mir: »wir wollen die Neger keineswegs zu Engländern machen, sondern zu Christen. Im übrigen sollen sie die Eigentümlichkeit ihrer Race behalten. Wir studieren darum sorgfältig ihre Gebräuche und ihre Sprache. Allen Unterricht erteilen wir in Kisuaheli.«

Zanzibar, den 20. Juni 1887.

Jetzt haben wir das Ende des Ramadan, des mohamedanischen Bet- und Fastenmonats miterlebt. Es ist dies Ende der Fastenzeit, welches mit dem Erscheinen des neuen Mondes zusammenfällt, zugleich das Neujahrsfest der Araber. Gegen Sonnenuntergang marschierten des Sultans sämtliche Truppen heran mit klingendem Spiel oder rhythmischem Kriegsgesang und nahmen auf dem Schloßplatz und dem angrenzenden »Boulevard sur mer« vom Palast bis ziemlich zu unserem Hôtel Aufstellung. Einen schönen Anblick bieten die »irregulären« Truppen. Das sind junge, meist mit edlen Gesichtszügen und sehr schlanken Gestalten ausgestattete Araber in dem durch Illustrationen aus der Zeit der Kreuzzüge bekannten überaus malerischen Kostüme: um den Kopf die hellseidene Keffie die tief in den Nacken herabhängt, ein bis über die Kniee reichender, meist weißer Waffenrock, darüber in dem schärpenartigen breiten Gurt eine Menge von Dolchen, Messern etc. Übrigens trägt auch von diesen Irregulären jeder Mann ein Gewehr. Die Berittenen tragen den Burnus der Beduinen und jagen mit ausgelegter Lanze in gestrecktem Galopp meist auf wundervollen Vollblutpferden durch die Straßen. Wie sie das bei der hiesigen Pflasterung möglich machen, ist mir unklar.

Am Meeresstrande sind, soweit der Blick reicht, Kanonen aufgefahren. Die Sultansschiffe prangen im reichsten Fahnenschmuck und das Volk der Araber, Indier, Perser, Aegypter, Goanesen und Suaheli erfüllt im Festtagsgewand Straßen und Plätze. Ich sah vom Fenster aus Neger-Dandies in schneeweißem, wallendem Hemd mit kupferfarbener, rotgoldner oder grünspanfarbener seidner Weste. Von dem Glanz dieser aus Indien stammenden Farben macht man sich in Europa kaum einen Begriff. Dazu tragen die Neger weiße gestickte mit zahlreichen Löchern versehene Mützchen, ein kostspieliger Artikel, und Spazierstöckchen in der Hand.

Auf dem Turm des Sultans, von den Europäern seiner Form und Beleuchtung wegen, der Weihnachtsbaum genannt, stand der Wächter und schaute nach der Himmelsgegend, in welcher der neue Mond sichtbar wurde. Unten herrschte große Aufregung, denn wenn sich der Mond an diesem Abend nicht sehen läßt, müssen die Gläubigen noch vierundzwanzig Stunden länger fasten und beten.

Wir überschritten gerade in Gesellschaft von Herrn Dr. Peters, Herrn Braun und Baron Gravenreuth den Schloßplatz, als vom Turme aus der Signalschuß gegeben wurde, der das Erscheinen des ersehnten Gestirns ankündigt. Sofort begannen die sämmtlichen Kanonen zu donnern, auch von den Schiffen her, und die gesammte Reichsarmee schoß die mit Pulver überladenen Gewehre auf einmal ab. Einen schlimmeren Lärm habe ich in meinem Leben nur einmal gehört, als ich, per Courierzug durch den Gotthardttunnel fahrend, auf der Außengallerie des Eisenbahnwagens stand. Damals fürchtete ich ernstlich für mein Gehör; aber auch heute verging mir im ersten Moment Hören und Sehen.

Bald nach Sonnenuntergang, sowie die frühe Tropennacht das groteske Straßenbild verhüllte, wurden die Schiffe illuminiert, so daß die Formen des Takelwerks sich in weißen Lichtperlen von dem Wasser abzeichnen. Das Schießen dauert immer fort.

Den 21. Juni.

Heute ist erster Neujahrsfeiertag. Wir haben in Gesellschaft der deutschen Herren einen Spaziergang landeinwärts gemacht, um die Tänze der Schwarzen zu sehen. In den Straßen wird fortwährend geschossen.

Den 22. Juni.

Heute, am zweiten Feiertag, war großer Empfang beim Sultan für die Europäer. Wer im Besitz eines schwarzen Überrocks oder Fracks ist, macht in Begleitung des betreffenden Konsuls dem Sultan seine Aufwartung und wünscht Glück zum neuen Jahr. Nach beendigter Audienz besprengt ein Hofbeamter die Gäste mit Rosenöl. Man riecht es in Folge dessen den Europäern meist noch tagelang an, daß sie an Hof gewesen waren. Als Nachspiel erhält jeder Besucher eine Schüssel Confect in's Haus geschickt. Die Herren aus dem Usagara-Haus überließen mir liebenswürdig einen Teil der ihnen gewordenen Geschenke, allein da diese arabischen, aus Sewsam, Honig und Mandel bereiteten Süßigkeiten in Hammeltalg gebacken sind, konnten sie mein Herz wenig erfreuen.

Den 23. Juni.

Miß Shaw, die in ihrer Apotheke jeden Morgen und jeden Abend schwarze Patienten empfängt, hat mir bereitwilligst Erlaubnis erteilt, ihr mit meiner Gefährtin bei diesem Vornehmen zu assistieren. Heute Morgen wanderten wir zu diesem Zweck, geführt von einem unserer schwarzen Kellner, nach der Mission. Die Apotheke im Missionshaus ist ein hoher Raum, in welchen das Licht durch ein fast an der Decke befindliches Fenster fällt. Der Fußboden ist mit Steinplatten ausgelegt, auch befindet sich ein Wasserbehälter mit Hahn und Schlauchspritze da.

Die zu Miß Shaw pilgernden Patienten litten, so viel ich ihrer heute gesehen habe, an durch Unsauberkeit verschleppten Geschwüren oder offenen Wunden.

Zu meiner Verwunderung zeigten sie sich bei den durch Schneiden, Auswaschen und Verbinden verursachten Schmerzen sehr tapfer. Kaum daß Einer zuckte, oder das Gesicht verzog. Ein etwa sechsjähriges Kind litt an den Augen und erhielt Einspritzungen. Er war erst seit acht Tagen in Mkunazini. Wie alle Missionszöglinge hier, war auch er ein kleiner Sclave, den englische Kreuzer (die eigens zu diesem Zweck das Meer absuchen) arabischen Sclavenschiffen weggekapert und der Mission überantwortet hatten. Am Tage seiner Ankunft, erzählte Miß Shaw, hatte sie ihn sofort seiner sehr entzündeten Augen wegen vorgenommen. Abends bekam er dann zum Nachtisch eine Apfelsine. Anstatt diese aber zu essen, bat er vor Schlafengehen seine Wärterin, die Apfelsine der Dame zu bringen, die ihm »Daua« (Medizin) für seine Augen gegeben habe. – Es ist gewiß irrtümlich, den Negern Undankbarkeit vorzuwerfen und ich glaube keinesfalls, daß dieser Mangel eine Charakteranlage ist. Wenn Europäer sich über Undankbarkeit der Schwarzen beschweren, so hat es wahrscheinlich meistens den Grund, daß die vermeintlich erteilten Wohlthaten nicht als solche empfunden worden sind.

Heute Nachmittag holte mich Herr v. Gravenreuth zu einem Besuch im französischen Hospital ab. Diese Schöpfung des Ordens vom heiligen Geist und vom heiligen Herzen Mariä hat ein viel ernsteres Gepräge, als die anmutige Niederlassung der Engländer. Das Kloster liegt dicht am Meer, dessen Brandung hier an Korallenriffe schlägt, so daß das dumpfe Brausen der anprallenden Wellen die Kranken in den Schlaf singt. Eine einsame Palme neigt die schönen Zweige wie trauernd dem Wasser zu. In dem ernsten, fast düsteren Klosterhof steht ein Gartenhäuschen nahe der Eingangspforte, dessen innerer Raum mit Heiligenbildern und Holzstühlen ausgestattet ist, wie ein Beetsaal. Das ist das Empfangszimmer. Die Schwestern in ihrer schwarzen Nonnenkleidung treten leise auf und sprechen mit gedämpfter Stimme. Sie sind zum größten Teil Creolinnen aus St. Mauritius und daher an das Klima besser gewöhnt als wir Nordländerinnen. Dennoch erzählen ihre bleichen, eingefallenen Gesichter und die tiefliegenden Augen von Nachtwachen und Betübungen, die den Geist vielleicht auf Kosten des Körpers fördern. Aber dies Kloster ist für alle in diese Landstriche verschlagenen Europäer zu einer Stätte des Segens geworden, von der sie mit inniger Dankbarkeit und Ehrfurcht sprechen. Wie manches Mal hat mein Bruder hier schon Heilung von schwerer Krankheit gefunden!

Die Oberin ist eine zarte, distinguirte Erscheinung, »petite, avec de grands yeux«. Sie stammt aus altfranzösischer Adelsfamilie und ist schon dreizehn Jahre im Dienst der Krankenpflege thätig. Wir sprachen über die Gefahren des Klimas und sie resümirte ihre Erfahrungen in dem Ausspruch: »l'énergie, c'est tout. Avec de l'énergie on vit ici, sans cela, on meurt«.

d. 24. Juni.

Heute Morgen, als ich aus meinem Zimmer trat, um zu frühstücken, stand auf der Galerie ein Herr in Joppe, Kniehosen und Gamaschen, dem Costüm, in dem die Herren auf dem Continent zu reisen pflegen. Ohne näher hinzusehen, wollte ich an ihm vorüber zu dem Kaffeetisch, als er mit einer mir sehr vertrauten Stimme: »Guten Morgen, Frieda,« sagte. Da erst erkannte ich meinen Bruder, den ich seit mehr als zwei Jahren nicht gesehen hatte. Und heute ist gerade sein Geburtstag! Albrecht hat einen par force-Marsch von Usungula nach Bagamoyo gemacht. Er befindet sich körperlich und geistig sehr wohl und äußert sich durchaus zufrieden mit den Schwarzen, mit denen er jetzt, nachdem er ihre Eigentümlichkeiten kennen gelernt hat, gern verkehrt und leicht fertig wird. Das Kisuaheli spricht er zwar nicht so correct wie Baron St. Paul, der in alle Feinheiten der Grammatik eingedrungen ist, aber geläufig und mit echter Neger-Betonung.

d. 25. Juni.

Miß Shaw hat uns diesen Morgen in Hütten einzelner weiblicher Patienten mitgenommen.

Man mußte sich bücken, um durch die Thür in den dunklen Raum zu gelangen, der das Innere der Hütten bildet. Den Fußboden darin bildet die festgetretene Erde; die Einrichtungen, die wir heute sahen, bestanden aus einer einzigen Kitanda. Das indische Holzschemelchen, auf dem Miß Shaw bei ihrer Arbeit zu sitzen pflegt, trugen wir mit umher. Die Patientinnen boten ziemlich schwere Fälle von durch Unreinlichkeit und unordentliches Leben entstandenen fressenden Geschwüren, deren energische Behandlung aber auch diese Weiber mit dem größten Stoicismus über sich ergehen ließen. Wenn der active Mut den Suaheli-Negern fehlt, so scheint dafür der passive, der sich im Dulden äußert, desto reichlicher vorhanden.

Den 26. Juni.

Gewöhnlich gehen wir nachmittags mit Herrn von Gravenreuth oder meinem Bruder spazieren, aber zuweilen hat keiner der Herren Zeit für uns, und allein wagen wir uns nicht auf die Straße. Um uns dann die in diesem feuchtheißen Klima unerläßliche Körperbewegung zu verschaffen, klettern wir, wenn die Sonne untergeht, auf das flache Dach unseres Hôtels. Dies ist von so hohen Mauern umgeben, daß man nach keiner Seite hin Aussicht hat, also auch selbst nicht gesehen wird. Wir exercieren dann ganz stramm und machen turnerische Freiübung, was uns vortrefflich bekommt. Unterhaltender und reizvoller sind freilich die Gänge durch die Stadt, besonders abends. Ich habe als Kind mit Vorliebe die Märchen von tausend und einer Nacht durchblättert, die mein Vater in einer vier Foliobände starken Prachtausgabe mit unzähligen Illustrationen besaß. Jetzt scheint mir diese orientalische Märchenwelt vor meinen Augen lebendig geworden, so oft ich Gelegenheit habe, nachts die Gassen zu durchwandern. Wir biegen dicht bei unserem Hôtel in eine enge, finstere Gasse ein. Die altersgeschwärzten Hausmauern zu beiden Seiten sind ganz fensterlos. In einem tiefnischigen Pförtchen steht unbeweglich eine weiß verschleierte Araberin. Sie scheint jemanden zu erwarten. Wir gehen an ihr vorüber, ohne daß sie uns zu beachten scheint. Hinter uns ertönt, aus einer Seitengasse sich nahend, der einförmige rhythmische und gellende Wechselgesang schwarzer Lastträger und das gleichmäßige Getrappel ihrer nackten Füße. Sie holen während des Singens rasch und mühsam Atem, weil sie mit der schweren Last nicht gehen, sondern laufen.

Wir biegen aber bald in eine belebtere Straße ein. Aus einer Moschee ertönt der Chorgesang andächtiger Mohamedaner. Wir erlauben uns vor der offenen Eingangspforte des Tempels einen Augenblick Halt zu machen. Da knieen die Betenden in langen Reihen dicht hintereinander, d. h. sie hocken auf den kreuzweis untergeschlagenen Beinen und singen unter beständigen Verneigungen und nach Vorschrift ausgeführten eigentümlichen Handbewegungen ihre Responsen ab. Zahlreiche Krystall-Lampen, die von der Decke hängen, beleuchten scharf die schwarzen, braunen und gelben Gesichter. Die Schwarzen haben übrigens unbeschadet ihrer Andacht sämtlich die Gesichter uns zugekehrt und betrachten uns mit derselben Neugier, wie wir sie. Um sie nicht ferner zu zerstreuen, setzen wir unsern Weg fort. An der nächsten Straßenecke strömt uns süßer Blütenduft entgegen. Es ist die sogenannte Jasminecke. Hier werden in den Abendstunden auf niederen indischen Holzschemeln große Haufen von Jasminblüten feilgehalten. Die vornehmen Araberinnen bestreuen mit diesen Blüten vor Schlafengehen ihr Lager. Ihre Kopfnerven müssen anders geartet sein, als die der Europäerinnen. Wir befinden uns an der Jasminecke auf einem mit wildem Grün überwucherten Platz. Vor uns steht als malerische Ruine ein zerfallenes Araberhaus; einzelne maurische Bögen sind erhalten. Was hier zusammenfällt, bleibt als Trümmerhaufen liegen und wenn's in der belebtesten Straße der Stadt ist. Auf dem Gemäuer wachsen schlankstämmige Melonenbäume, »papaï«, unter deren zierlicher Blätterkrone die melonenförmigen Früchte hängen, hier eine beliebte Speise. Stammartige Wurzeln klettern außen an dem Gestein herunter auf die Straße nieder. Nicht weit von uns sitzen indische Jungen um ein kleines Holzkohlenfeuer, auf dem sie in einem Pfännchen Weihrauch verbrennen. Die Indier haben regelmäßige Gesichtszüge und träumerische zuweilen sehr schöne Augen. Aber die schlotterige Gestalt, die schlechte Haltung und die trägen Bewegungen tragen den Stempel der Weichlichkeit in unangenehmer Weise. Die männlichen Indier tragen weiße bis an die Knöchel reichende Hosen, Westen und kurze weiße Jacken. Nichts sitzt bei ihnen malerisch, oder zeigt hübschen Faltenwurf, wie es bei den Schwarzen häufig und bei den Arabern fast durchgängig der Fall ist. Auch sind ihre in's Auge fallenden Charakterzüge, Habgier und Geiz, auf den Gesichtern der älteren Männer mit erschreckender Deutlichkeit ausgeprägt. Die Knaben vor uns sehen freilich im rötlichen Schein ihres Feuerchens hübsch genug aus. An einem anderen Feuer sitzen alte Weiber und rösten Erdnüsse. Der vor uns hergehende Diener läßt sich für ein paar Pesa sein rotes Fez damit anfüllen. Man entfernt die geröstete Schale und der Kern schmeckt unseren Haselnüssen ähnlich, nur darf er nicht beim Rösten angebrannt sein.

Den 29. Juni.

Ich habe nun auch die zwei einzigen deutschen Damen hier in Zanzibar kennen gelernt. Frau Strandes, die nach dreijährigem Aufenthalt hier jetzt zum ersten mal unter dem Klimafieber leidet, hat einen prächtigen blonden und blauäugigen kleinen Sohn. Dem Kind scheint die Tropenluft vorläufig ganz vortrefflich zu bekommen. Freilich ist seine Mama auch eine musterhaft verständige kleine Frau, deren consequentes Erziehungssystem mir Achtung abnötigt.

Am vergangenen Sonntag haben wir schon zum zweiten mal Morgengottesdienst im Usagara-Haus gehabt. Starke Gewitterregen haben die Gassen Zanzibars unter Wasser gesetzt. Man hat nur die Wahl von Stein zu Stein zu voltigieren oder durch die Wasserbäche zu waten.

Unser Geistlicher, Herr Missionar Greiner, erschien deshalb am Sonntag in kurzer Joppe, in die Stiefel gesteckten Beinkleidern und hohen Reiterstiefeln von gelbem Leder. So angethan, stand er vor der kleinen Gemeinde und las die milden Worte des Gleichnisses vom verlornen Sohn. Man glaubte sich in eine Hussiten- oder Hugenottenandacht aus den Zeiten der Glaubenskriege versetzt, als der Prediger des lauteren Wortes ritterlich gewappnet, die Bibel in der einen und das Schwert in der anderen Hand seiner Herde voranzugehen hatte. Wir sangen wieder den Choral: »Nun danket alle Gott«, dessen großartige Melodie immer und überall die Herzen erhebt.

Nun ist Pastor Greiner mit seiner Frau und Nichte per Dau nach Dar-es-Salaam gesegelt, ein kühnes Unterfangen in Hinblick auf die Frauen, denn wir haben noch vollen Süd-Westmonsum. Der Sturmwind weht grade von der Richtung, nach welcher das Segelbot seinen Cours halten muß, es kommt daher unter beständigem Kreuzen im besten Fall nur sehr langsam von der Stelle, und die Reisenden riskieren, tagelang in dem schmutzigen, cajütenlosen Segelboot auf den Wellen herumgeworfen zu werden. Was mich betrifft, so würde ich mich einer Daureise gegen Wind und Wellen nur im äußersten Notfall aussetzen. Ich habe die Ärmsten mit inniger Teilnahme zur Einschiffungsstelle begleitet, wo sie, der Ebbe wegen, auf den Schultern schwarzer Lastträger nach dem elenden Fahrzeug geschleppt wurden. Möchten sie die Reisetage erst überstanden haben!

Den 30. Juni 1887.

Gestern fanden auf der großen Wiese an der Mnasimoja turnerische Spiele statt, ausgeführt von der Mannschaft des hier liegenden englischen Kriegsschiffes zur Feier des Regierungsjubiläums der Königin von England. Wir waren in der höflichsten Form von dem englischen Generalconsulat eingeladen. Mr. Holmwood ließ Herrn Dr. Peters in seiner eigenen Equipage abholen, was Aufmerksamkeit erregte. Die ganze beau monde Zanzibars war auf der mit zahlreichen Flaggen geschmückten Festwiese erschienen.

»Wer kennt die Völker, zählt die Namen,
Die gastlich hier zusammen kamen?!«

Man sah die Vertreter der europäischen Regierungen, von Deutschland, England, Frankreich, Italien, Portugal, Belgien, wie auch von Amerika; die Vertreter der Handelsgesellschaften und kaufmännischen Firmen, die verschiedenen Missionen, die Truppen seiner Hoheit, die reichen Indier mit ihren in goldleuchtenden Seidenfetzen eingewickelten Weibern und Kindern, die ernst dreinschauenden Parsen mit Brillen auf der Nase und hohen Mützen, ähnlich denen griechischer Popen u. s. w.

Unter den Spielen interessierte mich ein Wettrennen, das zwischen englischen Matrosen und schwarzen Sultanssoldaten stattfand.

Die Schwarzen liefen gleich beim Starten die Bahn dahin wie ein Trüppchen flüchtiger Antilopen und gewannen sofort einen ganz bedeutenden Vorsprung. Bald aber blieb einer nach dem anderen zurück. Die Engländer änderten ihr weit mäßigeres Tempo nicht. Sie hatten bald die sämtlichen Schwarzen eingeholt und erreichten lange vor jenen das Ziel.

Auch mein Bruder, dessen Muskelkraft einen gewissen Ruf hat, und der turnerisch sehr gewandte Herr Consul O'Swald beteiligten sich an einigen der Spiele mit den englischen Marine-Offizieren.

Der Generalconsul, Mr. Holmwood stellte mir die beiden indischen Geldfürsten vor, die der englischen Regierung 100000 Rupies überwiesen haben, zur Errichtung eines Hospitals für Arme. Wir hatten übrigens an diesem Nachmittag die Genugthuung wahrzunehmen, daß wir Deutschen zur Zeit hier die bevorzugteste gesellschaftliche Stellung einnehmen. Die besonders gegen Herrn Dr. Peters und seine Gesellschaft offiziell bekundete Zuvorkommenheit der hier immer noch dominierenden Engländer ist geradezu staunenerregend.

d. 2. Juli.

Mein Bruder ist mit der Wolf'schen Eisenbahnexpedition abgereist, zunächst nach Dar-es-Salaam, wo er die nötigen Träger mieten soll. Vielleicht sehen wir uns dort bald wieder.

Nacht vom 7. zum 8. Juli.

Ich sitze am Lager einer fieberkranken jungen Östreicherin, deren Mann im Innern zum besten der Wissenschaft Schmetterlinge fängt. Sie ist ihm voll Enthusiasmus hierhergefolgt mit der Absicht, ihn auf allen seinen Streifzügen zu begleiten. Nun haben Entbehrungen und Anstrengung in dem ungewohnten Klima die Arme niedergeworfen. Die Hütte, in der sie wohnt, liegt im Garten eines Portugiesen von Goa. Sie enthält, wie die Negerhütten, einen einzigen Raum, dessen Plafond das Dach und dessen Parket der Erdboden ist. Fenster sind nicht vorhanden, deshalb steht auch nachts die Thüre auf, so daß ich von meinem Sitz am Krankenbett hinaussehe in die »mondbeglänzte Zaubernacht – die den Sinn gefangen hält.« Draußen stehn mächtige Kokospalmen mit felsblockartigen Stämmen; dem Pförtchen gegenüber eine Banane, deren schöne Riesenblätter der Nachtwind raschelnd durcheinanderwirft. Auf einem steinernen Tisch unter den Bäumen steht ein Thonkrug, wie eine etruskische Vase geformt, mit Trinkwasser. Die Portugiesin, der der Garten gehört, hat es für mich hingestellt. Auf einer Steinbank liegt vor der Hütte schlafend ein etwa zehnjähriger Negerknabe. Er muß gelegentlich für die Kranke einen Gang thun. Dann wecke ich ihn, und er springt dienstbereit auf die Beine, ohne sich einen Augenblick zu besinnen. Zu meinen Füßen liegt ein wackerer Rattenfänger, ein kluges, freundliches Tier. Iessy, so heißt er, schläft auch; aber wenn eine Ratte ihre Aufwartung macht, ist er schnell genug bei der Hand. Ich habe, auf dringendes Bitten meines Bruders, einen geladenen Revolver neben mir liegen, aber ich kann mich noch immer nicht mit dem Gedanken vertraut machen, zu einer derartigen Waffe meine Zuflucht nehmen zu müssen. Wir deutschen Frauen sind gewohnt, unsere Sicherheit gerade in unserer Waffenlosigkeit zu sehen.

Meine Kranke habe ich mit einem Palmenwedel gefächelt, bis sie eingeschlafen ist. Lange wird der ihr so nötige Schlummer, fürchte ich, nicht dauern. Mittlerweile habe ich beim sanften Schein des Nachtlämpchens mein Tagebuch vorgenommen, um durch Schreiben die Schläfrigkeit zu überwinden. Ein Kanonenschuß am Hafen verkündet eben die zehnte Stunde, (vier Uhr morgens.) Muskitos umschwärmen mich mit singendem Sausen und erregen durch ihre Hartnäckigkeit meinen grimmigen Zorn. Diese blutgierigen Ungeheuer nötigen mich beständig um mich zu schlagen, wobei ich gewöhnlich mich selbst, aber nicht die Muskitos treffe. Eben läuft ein grünes Eidechschen die weiße Wand entlang, und nicht weit davon bewegt eine Riesenspinne ihre dicken haarigen Beine, ein greulicher Anblick.

d. 8. Juli. Vormittag.

Herrlich war der Morgenhimmel vor uns nach Sonnenaufgang im Garten des Portugiesen. Ganz prächtig zeichneten sich die edlen Linien der Palmen von dem lichtgoldenen Hintergrund ab. Die Hähne krähten in den benachbarten Gehöften, da sprang der kleine Diener von seinem harten Lager auf, wusch sich an der nahen Cisterne und kehrte dann die Wege des Gartens. Dann machte er ein Holzfeuerchen auf dem Kochherd, der unter einem Schutzdach von Palmzweigen an der Hinterwand des Hauses im Freien angebracht ist. Bald kam auch die Portugiesin aus dem Vorderhaus und kochte Kaffee, der meiner Kranken ebenso gut schmeckte wie mir. Gegen sieben Uhr kamen zwei von den französischen Klosterschwestern und versicherten mir, trotz des momentanen verhältnißmäßigen Wohlbefindens der jungen Frau könne dieselbe an diesem ungesunden Aufenthaltsort das Fieber nicht loswerden. Sie wollten die Kranke daher gegen Mittag in das Hospital bringen lassen und sie dort bis auf weiteres verpflegen.

Um acht Uhr kam dann meine junge Gefährtin, Bertha, und löste mich ab.

Heute veranstalten die Indier ein glänzendes Fest zu Ehren der Königin von England bez. Kaiserin von Indien. Die ganze Stadt ist zur Illumination mit bunten Lämpchen versehen; man hat zahlreiche Triumphbögen und Transparente angebracht, eine Schiffsladung voll Feuerwerk von Bombay kommen lassen und die sonst so schmutzigen rumpelkammerartig zugerichteten Verkaufsstraßen gleichen heute Laubengängen aus Palmzweigen.

Ich sagte zu dem französischen Viceconsul und dessen Freund, die mit uns im Hotel essen, die Engländer zeigten sich heute wieder als loyale Nation, worauf die Franzosen antworteten: »Die haben eine Königin. Sie sollten einmal sehen, was wir thun würden, wenn wir eine Königin hätten!«

Ich mußte an Marie Antoinette denken. –

Übrigens habe ich ein starkes Verlangen nach Schlaf und werde den abendlichen Zauber Anderen überlassen.

Den 9. Juli.

Ich habe meinen Vorsatz doch nicht ausgeführt, mich vielmehr mit Bertha den Franzosen: Dr. Marseille und seiner Frau und den Herren vom Konsulat angeschlossen. Wir gingen am Sultanspalast vorüber zwischen der alten Festung und der Duane nach dem umzäunten Festplatz. Jetzt entstieg starker Kokosnuß-Ölgeruch den tausenden von brennenden Lämpchen. Eine große Menschenmenge umringte uns, die sich aber weit stiller verhielt, als daheim das brave Volk bei ähnlichen Gelegenheiten. Man belästigte uns nicht im Geringsten. Andere Europäer fanden sich bald mit uns zusammen. Am Meere stand eine große überdachte Festhalle. Dort hatte vormittags der englische Generalconsul Mr. Holmwood auf einem prächtigen goldenen Thronsessel sitzend, großen Empfang abgehalten und eine Festansprache geredet. An dem wie ein Triumph-Bogen hergerichteten Eingangs-Thor standen parsische und indische Comitee-Mitglieder, die der andrängenden Menge von Schwarzen den Eintritt verwehrten, Indier, Parsen, Goanesen und Europäer dagegen einließen. Die Europäer wurden als Ehrengäste ganz besonders höflich eingeladen, doch näher zu treten. Meiner bemächtigte sich ein vornehmer Parse, den eine rotblauweiße Schleife als zum Festcomitee gehörend bezeichnete. Er nötigte mich in die Halle nach einer Reihe von Stühlen, die den ersten Rang vorstellte. Dort wies er mir einen Sitz an neben drei Damen, die er mir mit Stolz als »parseen ladies« vorstellte, die hübscheste und jüngste als seine Frau. Diese Parsinnen sind klein. Ihr Anzug gleicht der indischen Nationaltracht, nur zeigt er einen besseren Geschmack. Meine Nachbarinnen trugen weiße reich mit weißem Schmelz benähte Unterkleider von Seidendamast mit in sehr bunter Seide kunstvoll gestickten Bordüren. Darüber shawlartige Überwürfe von schwerem gelben Seidenstoff, die den Hinterkopf bedeckten und die glänzend schwarzen Scheitel freiließen. Die hübsche Frau meines Führers begann in fließendem englisch Conversation zu machen. Sie habe mich neulich bei den Spielen auf der Mnasimodja gesehen, sagte sie, und den Wunsch gefaßt, meine Freundin zu sein. Deshalb habe ihr Mann mich hergebracht so bald sie mich am Eingang bemerkt habe. Sie sei jung verheiratet und erst seit wenig Wochen von Bombay herübergekommen, da fühle sie sich in Zanzibar noch recht einsam u. s. w. Zuletzt frug sie: are you english or french. Ich versicherte ihr mit Selbstgefühl, daß ich eine Deutsche sei, was sie einen Augenblick zu überraschen schien. Sie faßte sich aber sogleich und bemerkte: »O, wenn Sie eine Deutsche sind, dann sind Sie natürlich sehr musikalisch.« Also von dieser Seite kannte sie uns.

Mittlerweile hatte sich um uns her die ganze europäische Gesellschaft eingefunden, so daß man nach links und rechts und ringsumher Grüße und heitere Bemerkungen auszutauschen hatte. Auch die Consuln waren erschienen und zwar in Uniform. Mr. Holmwood hatte die Consuln und Herrn Dr. Peters zu einem feierlichen Diner bei sich gehabt. Als die glänzendste Erscheinung unter ihnen fiel der junge Herr O'Swald auf, der in der roten Uniform der kaiserlich österreichischen Konsuln mit dreieckigem Hut und stolzem weißen Federbusch an einen englischen General aus der Zeit des Herzogs von Wellington erinnerte und den Orientalen gewaltig imponierte. Vor uns am Strande des Meeres wurden nun Raketen und Mongolfieren steigen gelassen, und sprangen Frösche, Feuerräder etc.

Zum Schluß spielte die Goanesenkapelle des Sultans: Heil dir im Siegerkranz, bez. God save the queen. Man führte schließlich die Damen an ein Büffet und bot ihnen in Eis gekühlten Champagner, Thee und Confect. Es herrscht bei solchen Festen seitens der Festgeber unbeschränkte Gastfreundschaft.

Ich war schon recht ermüdet, als wir den Heimweg antraten in Gesellschaft unserer deutsch-ostafrikanischen Herren, und der Herren vom italienischen Consulat.

Unterwegs trafen wir die Damen der englischen Mission, die ebenfalls mit befreundeten Herren lustwandelten. Miß Smith rief uns zu, wir möchten ja nicht versäumen das Haus des Pira Dawtchee (Oberhof- und Küchenmeister Seiner Hoheit) zu besuchen, es sei der Mühe wert. Wir ließen uns wirklich verlocken den Engländerinnen dorthin zu folgen. Gruppenweise schlenderten wir durch die phantastisch erleuchteten Laubengänge, Palmblätter über uns, Palmblätter an beiden Seiten und Palmblätter unter den Füßen.

Der edle Pira ist im gewöhnlichen Leben neben seinem Hofamt Besitzer eines großen Eckladens mit offenen Bogenthüren nach zwei Gassen hin. Jetzt zeigte sich uns statt des Ladens ein glänzender Salon im indischen Geschmack. Der Fußboden mit kostbaren Teppichen ausgelegt, an den Wänden blumenumgebene Transparente, in der Mitte des Raumes als Prunkstück eine Drehorgel. Rings herum eine Reihe europäischer Rohrstühle. Wir folgten gleich Schafen immer mechanisch denen, die vor uns hergingen und kamen so in den Salon, wo wir zu unserer großen Belustigung halb Europa schon versammelt fanden. Da saßen sie ernst, mit heldenhaft verhaltenem Lächeln, die Herren vom deutschen, vom französischen, vom belgischen Consulat, die Kaufherren, die englischen Marine-Offiziere, und was von Damen vorhanden ist. Wir setzten uns mit Würde dazu. Sogar der vielbeanspruchte Mr. Holmwood beglückte den Pira durch seine Gegenwart. Letzterer, ein dicker und kolossaler Indier stand majestätisch in der Mitte seiner Besucher, angethan mit langem weißen Kaftan, kirschrotem Überkleid, welches vorn auseinander fällt und goldverbrämtem festen Turban. Grabesernst und im erhebenden Bewußtsein der ihm werdenden Auszeichnung überwachte er die Schwarzen, die den distinguirten Gästen Thee, Kaffee und feines Gebäck herumreichten.

Erst nach Mitternacht gelangten wir in unser Gasthaus zurück.

Den 13. Juli.

Das Essen hier im Hôtel läßt viel zu wünschen übrig. Wir stehen oft so hungrig vom Tisch auf, wie wir uns hingesetzt haben und würden diese Mängel noch mehr empfinden, wenn unsere Tischgenossen, die Franzosen, es nicht meisterhaft verständen, durch geistvolle und liebenswürdige Conversation ein kärgliches Mahl zu würzen.

Als wir heute um zwölf Uhr beim Frühstück saßen, ertönte draußen der dumpfe, langgezogene und heulende Ton eines Signalhorns. Die Herren fuhren von ihren Sitzen auf mit dem einstimmigen Freudenruf: »c'est la mail!« Die freudige Erregung, die sich sofort auf meine Bertha und mich fortpflanzte, bemächtigt sich bei diesem an sich greulichen Signalgeheul der ganzen europäischen Einwohnerschaft Zanzibars. Der Wächter auf dem Sultansturm hat die Signalflagge auf der entfernten Landzunge gesehen, die der guten Stadt meldet, daß der europäische Postdampfer in Sicht ist. Etwas später wird auf dem »Weihnachtsbaum« eine weiße Flagge mit drei schwarzen Kreuzen gehißt zum Zeichen, daß der entfernte Wächter in dem nahenden Dampfer wirklich das Postschiff erkannt hat. Es dauert dann noch beinah vier Stunden, bis die »mail« im Hafen eintrifft. Immer wieder bin ich in den Salon gegangen, der mit sechs Fenstern das Meer beherrscht, und habe erst durch das Opernglas, dann mit unbewaffneten Augen nach dem schwarzen Punkt am Horizont gesehen, der auch gar nicht größer werden wollte! Als dann endlich gegen vier Uhr der brave British-India-Dampfer sich bedächtig zwischen im Hafen liegende Schiffe schob und seinen Salutschuß abfeuerte, empfanden wir Beide ein so heftiges uns selbst unerklärliches Gefühl der Freude, daß uns die Thränen in die Augen traten. Das Schiff kommt eben aus der Heimat und war für uns der erste Gruß.

d. 14. Juli.

Da das Postschiff um vier Uhr erst gekommen, durften wir unsere Briefe nicht vor heute Morgen erwarten, was uns recht langweilig erschien. Dafür kamen gegen fünf Uhr die Herren Consul O'Swald und Baron Gravenreuth und forderten uns auf, mit ihnen eine Bootfahrt nach Mtoni, einem zerfallenen Sultansschloß, zu unternehmen. Wir waren mit Vergnügen bei der Partie, und bestiegen von der steinernen Sultanstreppe aus das mit der östreichischen Flagge geschmückte Boot des Consuls. Der Himmel war bedeckt, und es wehte ein leiser angenehmer Seewind. So glitt das Boot, welches mit vier schwarzen Ruderern bemannt war, an der Insel hin, zuweilen auf so seichtem Wasser, daß man meinte mit ausgestrecktem Arm den Meeresboden erreichen zu können. Diese flachen Stellen zeichnen sich als milchiggrüne Flecke von der metallfarbenen Wasserfläche ab.

Mtoni ist bekannt durch die Schilderungen der Frau Ruete, »Bibi Salime«, die dort ihre Kindheit unter den zahlreichen Frauen ihres Vaters und noch zahlreicheren Geschwistern verlebte. Jetzt freilich heißt es auch von diesem Palast:

»seine Dächer sind zerfallen
und der Wind streicht durch die Hallen.«

Die Ruine des wahrhaft fürstlichen Baus liegt etwa zwanzig Schritt vom Meeresufer entfernt in einer Wildnis von Grün. Ein alter Araber, der hier als Burgwart haust, schloß uns das Eingangspförtchen auf und ließ uns ein in das Labyrinth halbverfallener Gemächer, in deren Mauern Bäume Wurzel geschlagen haben und deren Wände die prächtigste Naturtapete aus blühenden Schlingpflanzen zeigen. Wir kletterten steinerne Treppen hinauf bis zu den höchsten Terrassen und hatten von dort in der Umrahmung eines erhaltenen Bogenfensters einen Blick auf die ferne Stadt, die mit ihren weißleuchtenden Häusern und Palästen auf weit in's Meer ragender Landspitze sich in scharfen Contouren von dem metallfarbenen Hintergrund abhob, ein wunderbares und ganz ideales Landschaftsbild.

Unter dem Dach fanden wir eine Menge umfangreicher Glaskruken in halb verwitterten Flaschenkörben steckend. Herr von Gravenreuth konnte nicht umhin zu bedauern nicht wenigstens einige derselben mit Münchener Hofbräu gefüllt zu sehen. Weil wir alle mehr oder minder durstig waren, pflückten wir von einem herrlichen mit Goldorangen überladenen Baumriesen, der im Hofe stand, einige der Früchte, aber einer nach dem anderen warf mit verzogenem Angesicht die lockenden Apfelsinen in's Gras. Sie waren verwildert und schmeckten bitter wie Chinin.

Zanzibar d. 15. Juli.

Ich war nachmittags im Usagara-Haus und habe mich dort länger als zwei Stunden aufgehalten, da es eine Menge Neuigkeit aus der Heimat zu berichten und Meinungen darüber auszutauschen gab. Auf den einen Tag nach Ankunft des Postschiffs häuft sich alles Interessante, was es für die im Herzen noch mit der Heimat zusammenhängenden Europäer in Zanzibar giebt, und dieser eine Tag erscheint nur einmal in vier Wochen. Dafür ist die gegenseitige Teilnahme eine so warme und natürliche, wie sie in Deutschland längst nicht mehr existiert.

Herr von Gravenreuth ist heute Morgen abgesegelt, um eine Besichtigung der Kinganistationen vorzunehmen. Es thut mir sehr leid, daß dieser tactvolle und stets hülfsbereite Freund uns nun auch verlassen hat. Mit ihm würde der Kaiser Mark Aurel zufrieden gewesen sein, denn nie hören seine Freunde das gebräuchliche: »ich habe keine Zeit.« Er selbst war gestern sehr vergnügt. Bei seiner Beweglichkeit und der Vorliebe für das Umherstreichen in Wald, Feld und Bergen, zieht er die Unbequemlichkeiten einer Daufahrt und den Fußmarsch durch die Rufu-Niederungen der Büreauarbeit weit vor. Ich habe ihm gestern noch seinen Korkhelm mit einem dichten und auch das Genick schützenden Schleier umnäht. Dabei saßen wir zwischen wahren Gebirgen von Zeitungsblättern. Ich finde es sehr beklagenswert, daß hier so oft die Notwendigkeit vorliegt, wertvolle Kräfte um irgend einer kleinen Sache willen Gefahren an Leben und Gesundheit auszusetzen. Herr Dr. Peters meinte freilich, das sei ebenso unvermeidlich als natürlich und selbstverständlich, aber er ermahnte doch in meiner Gegenwart den Baron aufs ernstlichste, keine der gebotenen Vorsichtsmaßregeln außer acht zu lassen. »Wir können Sie vorläufig nicht entbehren,« sagte er in seiner verbindlichen Weise.

d. 17. Juli.

Jetzt machen sich hier die Portugiesen breit. Ein Kriegsschiff liegt im Hafen; mit der letzten Post von Süden ist ein außerordentlicher Bevollmächtigter hier eingetroffen und in unserem Hotel logiert ein portugiesischer Afrikadurchquerer, Mr. Capello, mit einem sehr liebenswürdigen Begleiter italienischer Abstammung. Jeden Abend, wenn wir beim Essen sitzen, stürmt es mit großem Gepolter die Treppe hinauf. Das sind der Viconte de Castilho und der Kommandant des Kriegsschiffs, die ihre Landsmänner besuchen. Diese Portugiesen zeichnen sich gesellschaftlich durch ein sehr ungezwungenes Wesen und Beweglichkeit aus. Ihre Redeweise übertrifft an Verbindlichkeit noch die der Franzosen. Die Unterhaltung ist immer allgemein, so lange ich anwesend bin wenigstens, und wird in französischer Sprache geführt.

Heute, am Sonntag, habe ich dem Gottesdienst in der katholischen Kapelle beigewohnt. Die Stille in dem halbdunklen bis auf den letzten Platz gefüllten Raum, der Chorgesang und das sanfte Spiel einer nicht sichtbaren Orgel wirkten wohlthuend und stimmten zur Andacht. Chorsänger und Chorknaben waren schwarze Missionszöglinge.

Nach der Kirche besuchte ich die kranke Östreicherin im Hospital und da ich grade ihren portugiesischen Arzt, den Dr. Augusto Bras de Souza fand, der als Goanese nur englisch spricht, konnte ich Dragomansdienste thun. Was die Kranke deutsch sagte, wiederholte ich dem Doktor englisch und übersetzte dessen englische Vorschriftsmaßregeln der Klosterschwester ins französische.

Herr von St. Paul rüstet eine größere Expedition in die entlegensten Teile des deutschen Gebietes aus.

d. 18. Juli.

Wir haben einen Diener gemietet, Theodor mit Namen. Er ist ehemaliger englischer Missionszögling und Christ, daneben aber Soldat des Sultans und als solcher muß er jeden Morgen Dienst thun, d. h. im Laufschritt unter heulendem Gesang die Straßen durchziehn, oder gar auf der Wiese an der Mnasimodja Übungen machen. Nachdem der Staatsdienst absolviert, hält er sich aber bis acht oder halb neun Uhr abends zu unserer Verfügung. Wir haben ihm zunächst ein menschenwürdiges Kostüm gekauft, nämlich ein Negerhemd, eine weiße Mütze und einen Stock. Nun können wir, ohne auf die besondere Gefälligkeit der befreundeten Herren angewiesen zu sein, auch nach Sonnenuntergang spazieren gehen. Diese Abendgänge gewähren den größten Genuß. Auf dem Sultansplatz findet nach Sonnenuntergang kleine Truppenrevue statt, mit Musikübungen, beides, vokal und instrumental. Sejid Bargash bin Said steht umringt von vornehmen Greisen auf der Veranda seines Palastes und sieht sich die Sache an. Wir gehen an dem aus der Portugiesenzeit stammenden Festungsbau vorüber, mit seinem rundbogenförmigen Zinnenkranz. Von einem der massiven Türme erschallt der langgezogene, melodische Ruf des Postens und der gleiche Ruf antwortet schwermütig ausklingend in der Entfernung. Hier führt uns die Hauptstraße durch das Konsulatviertel nach der Mnasimodja. Im Hintergrund eines mit Trümmern und blühendem Strauchwerk bedeckten Rasenplatzes erhebt sich ein klosterähnlicher langer Steinbau, an dessen hell erleuchteten Bogenfenstern wir Gestalten in wallenden weißen Gewändern vorüberhuschen sehen. Man könnte meinen, es seien Mönche. Das Haus ist aber ein von dem englischen Fleischermeister gehaltenes Restaurant und die weißen Mönche sind die Kellner in ihren Negerhemden. Der Romantik des Bildes thut diese Wahrheit keinen Abbruch.

Weiterhin unter einem kleinen Vordach von Kokosblättern sitzt auf steinerner Bank ein Schwarzer und spielt auf seiner Kürbismandoline eine sanfte, eintönige Melodie. Dazu singt er. Kein Zuhörer ist zu entdecken. Als ein echter Künstler übt er seine Kunst um ihrer selbst willen aus.

d. 19. Juli.

Heute sah der Hôteldiener Amadi, der mir sehr zugethan ist, auf meinem Tisch das Bild des Fürsten Bismarck stehen. Er betrachtete es aufmerksam, zeigte mit dem Finger darauf und fragte: »Das ist wohl Euer Sultan?« Das Bild steht zwischen verschiedenen anderen Porträts. Amadi muß es entweder schon gekannt haben oder sein natürlicher Scharfblick hat ihn darauf gebracht in Haltung und Zügen des Fürsten den großen Mann zu vermuten. Ich sagte ihm: »unser Sultan ist es nicht, aber ein sehr großer Herr.« Da schlug sich Amadi als Zeichen verständnisinniger Ehrerbietung auf die Brust und meinte: »ich weiß schon! alle Eure großen Häuser, O'Swald und Hansing und Meyer stehen unter ihm!« Ich sagte: »jawohl«. – Mit diesem Schwarzen unterhalte ich mich in einem greulichen Durcheinander von Suaheli und englisch, aber wir können uns doch verständigen.

d. 21. Juli.

Gestern ließ mir Herr Dr. Peters sagen, wenn ich mir die Quartiere in Dar-es-Salaam anzusehen wünsche, so sollte ich mich bis zu heute Abend reisefertig machen. Die günstige Reisegelegenheit, die ich erwartete, hat sich gefunden. Der Sultan hat zu einer Besichtigung des Vertragshafens Dar-es-Salaam seinen Dampfer Barawa zur Verfügung gestellt und den Herren Consul O'Swald und Dr. Peters sagen lassen, sie möchten auf keinen Fall Mundvorrat an Bord nehmen, für die Bewirtung werde er allein sorgen. In Zanzibar, wo jeder dem Nachbar aufpaßt und dessen Angelegenheiten mit allen Einzelheiten erfährt, machen diese noch nie dagewesenen Erfolge der Deutschen großes Aufsehen. Ich bin zufälliger Weise in der angenehmen Lage, die Spitzen des hier vertretenen Europa's d. h. die Herren vom englischen, französischen, italienischen und portugiesischen Consulat darüber zu hören. Wenn diese Herren das Gespräch auf das flotte Vorgehen der Deutschen bringen, stelle ich mich ebenso unwissend als gleichgültig. Darüber höre ich manche mich interessierende Äußerung ihrerseits.

Miß Smith und Frau Wendt (die Frau eines deutschen Sultanskapitäns) haben für unsere gemeinschaftliche Schutzbefohlene, die Östreicherin, ein Quartier gefunden, welches allerdings in einer Handelsgasse einer Matrosenkneipe gegenüber liegt, aber mehr Räumlichkeiten hat und weniger ungesund ist, als das malerische Gartenhäuschen der Portugiesen. Die junge Frau, die sich im französischen Hospital rasch erholt hatte, ist dorthin übergesiedelt, aber sofort wieder erkrankt. Die Ärmste, deren Mittel ebenso gering sind wie ihre Körperkräfte, kann sich nicht die notwendige Bedienung schaffen und überanstrengt sich, sowie sie sich selbst überlassen wird. Ihre Lage ist in der That eine sehr schwierige, da sie, unfähig das Bett zu verlassen, gänzlicher Hülflosigkeit preisgegeben ist, so lange wir nicht nach ihr sehen. Ich habe darum heute meine Bertha, die bei aller jugendlichen Lebhaftigkeit eine geübte und gewissenhafte Krankenpflegerin ist, bei der jungen Frau einquartiert. Die Bettwäsche, die wir hier genäht haben, sowie einen Korb Rotwein haben wir heute hinüberbefördert. Bertha ist mit Geldmitteln und genauen Instructionen versehen; zudem haben Miß Smith und Frau Wendt versprochen, sie gegen Abend täglich auf eine Stunde abzulösen; dann soll sie unter dem Schutz des Dieners Theodor, der sich nach wie vor zu ihrer Verfügung halten muß, spazieren gehn. So ist die arme Kranke vorläufig in guten Händen.

d. 25. Juli.

Am Abend des 21. Juli begaben wir uns in dem für uns bereitstehenden Sultansboot nach der Barawa, wo wir die Nacht im Hafen liegend zubringen mußten. Ich wurde in die Sultanskabine einquartiert, die etwas geräumiger ist, als die anderen, ein rotes Plüsch-Sopha enthält, und an den weißgestrichenen Wänden Goldverzierungen im Muschelgeschmack der Rokokozeit mit roten Fähnchen in den Medaillons. Indessen trieben Kockerutschen und Spinnen auch in diesem Prunkgemach ihr Wesen.

Um halb fünf Uhr am Sonnabend Morgen begann die Schraube zu tosen und wir dampften von hinnen. Es befanden sich neun Deutsche an Bord, nämlich außer dem Kapitän und dem Ingenieur: Herr Dr. Peters, Herr Consul O'Swald, Herr Missionar Greiner, Herr Friedrich Schroeder von der Plantagengesellschaft, Herr Flemming, Schwester Rentsch und ich. Herr Missionar Greiner war nach Zanzibar gekommen, um die ihm von seiner Missionsgesellschaft zugeschickte Krankenpflegerin abzuholen. Da der Südwestmonsum noch immer bläst und zwar grade aus der Richtung, der wir entgegenfuhren, konnte ich bei meiner allzu wenig seetüchtigen Constitution die Annehmlichkeiten der Seekrankheit einmal wieder durchkosten. Ein schwacher Trost war es, daß Herr Schroeder sich wenigstens unbehaglich fühlte. Alle anderen erfreuten sich eines gediegenen Wohlbefindens.

Um drei Uhr nachmittags rief man mich energisch an Deck. Ich wankte hinauf und sah, daß wir in den schönen Hafen von Dar-es-Salaam einfuhren. Die Fahrt hatte also bei ungünstigem Wind zehn und eine halbe Stunde gedauert.

Sobald wir festlagen, stieß ein Boot vom Lande ab, in dessen europäischen Insassen wir bald den Chef der Station, Herrn Leue, unter einem vertrauenerweckenden Sonnenschirm, und am Steuer meinen Bruder erkannten. An der Schiffstreppe stehend, begrüßten wir die Freunde aufs herzlichste. Ich frug meinen Bruder, wie man denn in Dar-es-Salaam schon von unserem Besuch wisse? und erhielt die stehende Antwort: »der Telegraph in Afrika arbeitet rascher, als der in Europa.« – Es ist mir in der That ganz unbegreiflich, mit welcher Geschwindigkeit sich ohne Post- und Eisenbahnverkehr die Nachrichten hier verbreiten. Wenn in Usungula ein paar der dort arbeitenden Menschenfresser dem Stationschef entlaufen, erzählt man sich das in Zanzibar auf den Straßen, lange ehe die pünktlich abgesandte schriftliche Meldung eintrifft.

Unsere Gesellschaft teilte sich schon an der Landungsstelle. Während die Herren Leue, Schroeder und Flemming Herrn Dr. Peters auf dessen Rundgang mit Mohamed bin Salim und dem Wali begleiteten, unternahm Herr O'Swald eine einsame Kunstreise mit seinem photographischen Apparat. Herr Greiner dagegen begab sich mit Schwester Rentsch zu den seiner harrenden Damen und mich führte mein Bruder nach dem malerischen Zeltlager, in dem er mit den Herren der Eisenbahnexpedition Quartier genommen hatte. Die Herren hatten sich in den von üppigem Grün umgebenen Zelten wirklich sehr behaglich eingerichtet und waren ganz erbaut von ihren Wohnungen. Herr Regierungsbaumeister Wolf trat uns in heiterer Stimmung entgegen, umringt von Hunden und Affen. Seine vielen wissenschaftlichen Instrumente und Bücher lagen teils auf den improvisierten Tischen, teils auf der Erde und verliehen dem Bilde das Ansehen eines Generalstabszeltes. Aber in einem anderen Zelt lag Herr von Hake an einem schweren Fieber danieder. Albrecht führte mich zu ihm. Das Bett stand auf der notdürftig festgestampften Erde und der Kranke lag angekleidet darauf mit glühendem Gesicht und phantasierte. Er erkannte mich zwar, als ich ihn begrüßte, doch mußte ich zu meinem Leidwesen bemerken, daß meine Anwesenheit nicht wohlthätig wirkte. Herr von Hake schien das dumpfe Gefühl zu haben, als müsse er höfliche Conversation machen und seine Anstrengungen, die hergebrachten Redensarten herauszubringen, thaten mir in der Seele weh! Ich bat ihn, den jedenfalls ungesunden Aufenthalt im Zelt zu verlassen und im Haus der Stationsbeamten Unterkunft zu suchen, aber er wehrte fast ängstlich ab und wollte nichts davon hören. Da er in seiner gezwungenen Haltung verharrte, verließ ich ihn, um nicht bei allem guten Willen Schaden anzurichten. Herr Dr. Peters hat übrigens eine Stunde später die ihm eigene ungewöhnliche Gabe, den Willen Anderer zu bestimmen, mit Erfolg angewandt. Während Herr Leue, Missionar Greiner und andere Herren ebenso wie ich vergeblich versucht hatten, den Fieberkranken zu einem Ortswechsel zu bewegen, zeigte sich der Patient Dr. Peters gegenüber plötzlich gefügig und ließ sich von diesem ohne Widerstreben nach der Beamtenwohnung führen.

Nach dieser Wohnung, die aus mehreren sehr primitiven Indierhäusern zusammengesetzt ist, war ich indessen auch mit meinem Bruder gegangen. Hier lag bereits ein anderer Fieberkranker. Geordnete Pflege wäre hier, wo jetzt fortwährend schwere Fälle vorkommen, sehr wünschenswert; an bewohnbaren Räumlichkeiten mangelt es aber vor der Hand gänzlich. In nächster Zeit soll die Zahl der hier stationierten Beamten reduziert werden, auch steht die Abreise der zur Eisenbahnexpedition gehörenden Herren täglich bevor. Dann wird sich wohl für eine Pflegerin und ein gutes Krankenzimmer Platz finden. Einstweilen muß sogar Schwester Rentsch auf Wohnung in Dar-es-Salaam Verzicht leisten, da auch in der Missionswohnung kein Platz ist.

Im übrigen haben sich die jetzigen Bewohner des Hauses ganz idyllisch eingerichtet. Den Mangel an Zimmern ersetzt eine breite, längs des Hauses hinlaufende Veranda, die durch Herrn Leue überdacht worden ist. Diese, in verschiedene Departements geteilt, dient zum allgemeinen Aufenthaltsort während des Tages. Dort fand ich die Nichte des Missionars, eine kräftige blonde Schweizerin, mit dem Rösten von Kaffeebohnen beschäftigt. Ich erkundigte mich nach ihrer Daufahrt und erhielt die Antwort: »Ich hab' zwar oftmals Heimweh, aber auf eine Dau geh ich niemals wieder. Da bleib ich schon lieber mein ganzes Leben in Dar-es-Salaam

Herr Fröhlich, ein bleicher Fieberreconvalescent, saß auch auf der Veranda und spielte auf der Cither Tyroler Volkslieder.

Als es abendlich kühl wurde, führte mich mein Bruder in den Garten und auf das Feld. Wir gingen an Ananaspflanzungen vorüber, sahen Tomaten als Unkraut wuchern, ebenso wie Rhicinus und kamen sogar an ein kleines Reisfeld. Mein Bruder nannte mir die Namen der bemerkenswerten Pflanzen und belehrte mich über ihren Bau. Ich habe aber die Lection schon wieder vergessen.

Herr Consul O'Swald hatte mittlerweile mehrere Aufnahmen gemacht, auch von einem Teil des Zeltlagers mit der eigenartig gestalteten Ruine eines arabischen Steinhauses im Hintergrund, und meinen Bruder sowie den Regierungsbaumeister Wolf inmitten ihrer Gerätschaften als Staffage. Das ist ein hübsches Bild geworden.

Die untergehende Sonne sah uns Alle wieder an Bord der Barawa, wo wir bei unserem zwiebelgewürzten Abendessen die Gläser klingen ließen auf das Wachstum Deutschlands in Afrika.

Am Morgen des 23. ging es Herrn von Hake zum Glück besser, was jedenfalls seinem Umzug ins Haus und der Sorgfalt der Schwester Rentsch zu danken ist. Am vorigen Abend glaubte niemand, daß er aufkommen würde. Das Thermometer zeigte am 23. neun Uhr morgens nur 16° C., so daß ich fror, als ich in leichtem Anzug an Deck kam. Herr Dr. Peters war schon bei Tagesanbruch an Land gefahren, um geschäftliche Anordnungen zu treffen. Wir Anderen saßen unterdessen sehr gemütlich auf dem Promenadendeck und tranken in Gesellschaft des edlen Mohamed bin Salim unseren Thee.

Herr Dr. Peters behauptet, die Gegenwart von Damen sei den Muhamedanern eine Widerwärtigkeit. Hierin irrt er sich aber. Bei aller Frömmigkeit wissen die Herren Araber die Gesellschaft von Europäerinnen recht wohl zu schätzen. Mohamed bin Salim ließ das Licht seiner Liebenswürdigkeit über uns leuchten. Er fand wahrscheinlich, daß unsere gerösteten Weißbrodschnitte, mit Büchsenbutter bestrichen, zu geringe Kost für seine Ehrengäste seien, denn er winkte uns verheißungsvoll zu, ein wenig zu warten und ließ aus seinem Privatmundvorrat einen Teller voll runder Zwiebacke holen. Natürlich that ich, als seien diese ein seltener Leckerbissen, und da er mit vornehm wohlwollender Handbewegung immer wieder einlud zuzulangen, leistete ich wahrhaft achtungswertes im Zwiebackessen.

Im übrigen verging dieser Tag entsprechend dem vorherigen. Herr Dr. Peters verhandelte mit den Arabern um den einzigen der aus Said Madjid's Zeit stammenden Paläste, der sich als noch bewohnbar erwies, um den Stationsbeamten bessere Wohnungsverhältnisse zu schaffen. Die Herren Schroeder und Flemming fuhren den Hafen hinauf, um an der seichten Flußmündung Nilpferden nachzustellen. Ich unternahm mit meinem Bruder eine Bootfahrt, bei welcher wir mit einer Dau in Collision gerieten und beinah verunglückten.

Unterdessen waren die schwarzen Unterthanen des Sultans (alles Sclaven,) Tag und Nacht damit beschäftigt, die Barawa mit Kokosnüssen zu befrachten. Dreißig bis vierzig Frauen trugen diese Früchte nach der nahe dem Ufer liegenden Dau, wobei sie bis an die Schultern, die Kleineren bis an den Hals im Wasser waten mußten. Ihre Lasten tragen diese Weiber immer auf dem Kopf, was ihnen durchweg eine Haltung giebt, um die sie manche hübsche Europäerin beneiden könnte. War eine Dau mit Nüssen angefüllt, so segelte sie nach der Barawa und hier waren zahlreiche Jünglinge, schwarz, braun und gelb von Farbe, beschäftigt, die Früchte in den geöffneten Warenraum des Schiffes hinabzuwerfen. Dabei zählten sie teils arabisch teils Suaheli singend bis fünfzig, bei jeder Zahl je zwei Nüsse werfend. Bei fünfzig angekommen, wurde ein Knoten in einen langen Strick gemacht. Soviel Knoten dann das Seil zeigte, so viel Hunderte von Kokosnüssen waren verladen worden. Dieser gewaltige Vorrat ist für ein Pilgerschiff bestimmt, welches der fromme Bargash ben Said zur Fahrt nach Mecca ausrüstet.

d. 27. Juli.

Am 25. fuhren wir um zehn Uhr morgens von Dar-es-Salaam ab und waren, da wir diesmal vor dem Winde fuhren, bereits um zwei Uhr nachmittags im Hafen von Zanzibar, hatten also nur vier Stunden gebraucht. Hier fanden wir zur großen Freude der Herren die Möwe liegen.

Gestern besuchte mich Herr Kapitänlieutnant Vüllers von der Möwe, dessen junge Frau eine Kindheitsgespielin von mir aus Thüringen ist. Da gab es freilich viel zu erzählen.

Diese Nacht habe ich, um Bertha abzulösen, bei der kranken Östreicherin gewacht, der es gar nicht gut geht. Aber auch Bertha, die ich gestern zu einem weiten Spaziergang abholte, macht mich bedenklich. Sie ist von einer Gereiztheit und Nervosität, die ich nicht an ihr kenne und die zu ihrer robusten Natur auch gar nicht paßt.

d. 28. Juli.

Heute erhielt ich den Besuch einiger Offiziere von der Möwe, darunter der Schiffsarzt Dr. Koch, der mit auf meine Fragen einige nützliche Winke die Einrichtung von Pflegestationen betreffend erteilte.

Der Lärm der Matrosenkneipe beeinträchtigt die Nachtruhe unserer kranken Östreicherin zu sehr. Sie ist darum heute nach dem Hospital zurücktransportiert worden. Wenn nur Bertha sich nicht ein Fieber geholt hat! Sie weint ohne jede Veranlassung.

d. 29. Juli.

Ich habe den französischen Arzt, Dr. Marseille, consultiert. Er verordnete meiner Bertha eine gewaltige Dosis Ipepacuanha. Ohne dies Mittel, sagte er, könne leicht ein Gallenfieber entstehen. Die Ärmste hat einen üblen Vormittag gehabt! Heute Nachmittag ging es ihr besser.

d. 30. Juli.

Hatte heute Besuch von dem Kommandanten der Möwe, Herrn Korvetten-Kapitän Böters. Bertha ist, Gott sei Dank, ganz munter. Die Pferdekur hat wenigstens geholfen. Wir sind zu heute Nachmittag von der Offiziermesse auf die Möwe eingeladen.

d. 31. Juli.

Gestern Nachmittag haben wir an Bord des Kriegsschiffs Kaffee getrunken. Das Hinterdeck war rings mit Flaggen behängt, die Tische auf das anmutigste mit Grün und Blumen geschmückt. Schmucke Matrosen bedienten uns und reichten zitternd Sahne, Zucker etc. herum. Ich frug den Kapitänlieutenant, ob Matrosen denn auch nervös werden könnten. Er versicherte mir aber beruhigend, diese zitternden Hände seien der ehrfurchtsvollen Scheu zuzuschreiben, mit welcher das nur in ganz seltenen Fällen hervorgeholte beste Porzellan gehandhabt würde. Dazu spielte die Schiffskapelle deutsche Weisen.

Die Möwe fährt Mitte August nach Süden und Herr Korvettenkapitän Böters hat mir versprochen, uns mitsamt unseren Sachen bis Dar-es-Salaam zu bringen, wenn dort Aufenthalt gemacht werden soll, was er nicht genau weiß. Er riet mir übrigens dringend, nicht gleich in Dar-es-Salaam, sondern erst in Zanzibar selbst, wo mir ärztliche und materielle Hülfe zu Gebote stände, mit dem Krankenpflegen anzufangen. Zanzibar wird allerdings noch für längere Zeit unser Centralpunkt bleiben, aber ich hoffe bei genügender Unterstützung, von hier aus nicht nur in Dar-es-Salaam, sondern nach und nach auch an den anderen Vertragshäfen Pflegestationen einrichten zu können.

d. 2. August 1887.

Heute hatte unsere Hotelwirthin, Madame Chabot, Besuch von drei vornehmen Araberinnen. Diese hatten ihr Kommen rechtzeitig ankündigen lassen und die entsprechenden Vorkehrungen wurden mit peinlicher Sorgfalt getroffen. Die Franzosen boten sich an spazieren zu gehen; Herr Schröder, der ermüdet war und einen Mittagsschlaf zu thun gedachte, ließ sich gutwillig in seinem Zimmer einriegeln; der Herr des Hauses, Mr. Chabot, faßte unten in der Hausthüre Posto, um jedem etwa eindringenden Wesen männlichen Geschlechts den Weg zu weisen. Am Ende der viel erwähnten Gallerie ist ein fast immer verriegeltes Pförtchen und dies communiciert mit der nicht zum Hotel gemachten Hälfte des Palastes, in dem die Araberinnen wohnen. Nachdem nun also das Terrain von den gefährlichen Europäern gesäubert war, – die Schwarzen durften als Wesen untergeordneter Art gegenwärtig bleiben – öffnete sich das geheimnisvolle Pförtchen und es erschien ein ganzer Zug von Frauen. Voran die drei reichgekleideten noch jungen Damen in Begleitung einer lebhaften kleinen Alten, die eine Art Ehrendame zu sein schien und gefolgt von einer großen Zahl schwarzer Sklavinnen in arabischer Tracht. Die Damen stelzten langsam daher auf zwei Zoll hohen perlmuttereingelegten Holzschuhen, die sie nur mit zwei Fußzehen mittelst eines dazu angebrachten Griffes am Fuße festhielten. Sie entledigten sich dieses Fußgestelles sowie sie im Salon Platz nahmen. Wir saßen um einen runden Tisch den Araberinnen gegenüber, tranken Mandelmilch und unterhielten uns so gut es ging. Die hölzernen mit Perlmutter eingelegten Masken behielten die Damen vor dem Gesicht, so daß man bis auf die schönen Augen von den Gesichtszügen nicht urteilen konnte. Ihre mit schwerem Goldschmuck beladenen Arme und Beine, – letztere nur bis an die Knöchel von seidenen Beinkleidern bedeckt – waren schön geformt, Hände und Füße reizend, die Bewegungen langsam und vornehm. Im übrigen sahen die Damen mit ihren sanften, schwermütigen Augen aus, als ob sie geistig schliefen, was sie vermutlich auch thaten. Nach einer halbstündigen sehr primitiven Unterhaltung bestiegen die Schönen wieder ihr Schuhwerk, drückten uns der Reihe nach mit verbindlichem Abschiedsgruß die Hand und wanderten in feierlicher Prozession nach dem Mauerpförtchen zurück. Der Riegel von Herrn Schröder's Stubenthür wurde fortgeschoben und das Hotel stand den Gästen wieder offen.

d. 3. August.

Heute kam Ramassan und brachte mir ein Billet von Herrn Dr. Peters, das sichtlich in starker Erregung abgefaßt worden und diesen Inhalt hat:

»Eben läuft die Nachricht ein, daß Baumeister Wolf am Fieber gestorben und Sonnabend beerdigt ist. Es ist, als ob die Gottheit anfinge, gegen uns Front zu machen.«

C. P.

Hoffentlich komme ich endlich nach Dar-es-Salaam! Ich glaube, daß sich durch Vorbeugungsmittel und vernünftige Vorsichtsmaßregeln viel Unheil verhüten läßt. Das ist wieder einmal ein schwerer Verlust und wir haben das Vorwärtsschreiten so nötig! –

Lindi, an Bord der Barawa.
d. 19. August 1887.

In den ersten Tagen dieses Monats schon erfuhren wir, daß die Möwe bei ihrer, Mitte August anzutretenden Reise Dar-es-Salaam nicht berühren würde. Dagegen hatte Seine Hoheit der Sultan seinen Dampfer Barawa Herrn Dr. Peters abermals zur Verfügung gestellt und zwar zu einer Besichtigungsfahrt nach den von ihm und Dr. Peters ins Auge gefaßten zukünftigen Vertragshäfen, von Zanzibar südwärts bis zum Rowuma und Cap Delgado. Ich war froh, als Herr Dr. Peters sich bereit erklärte, uns mitsamt unseren Sachen mitzunehmen, um uns auf der Heimreise in Dar-es-Salaam abzusetzen. Es interessierte mich sehr, die für die Zukunft unserer Kolonie gewiß in erster Linie wichtigen und auch für meine besondere Aufgabe in Frage kommenden Hafenorte kennen zu lernen. Daneben durfte ich von der Ozonluft auf offener See für meine Gefährtin Bertha eine sehr wünschenswerte Auffrischung ihrer Lebensgeister erwarten. Wir konnten mit ziemlicher Sicherheit darauf rechnen, bis zu unserem auf Tag und Stunde voraus bestimmten Eintreffen in Dar-es-Salaam Quartier für uns bereit zu finden.

Am Abend des 5. August begaben wir uns begleitet von Baron Gravenreuth und Herrn Schröder beim Glanz der Sterne nach der Barawa, die am 6. in aller Frühe abdampfen sollte. Bei unserem ansehnlichen Gepäck befand sich auch unser Äffchen Hassan, ein langgeschwänzter Nachtaffe Mukki, den ich von Herrn O'Swald zum Geschenk erhalten, und ein meiner Bertha gehörendes junges Hündchen, namens August. Auf der Barawa fanden wir den goanesischen Küchenmeister Seiner Hoheit, mit seinem ganzen Rüstzeug an Eßvorrat, Silber, Porzellan und braunschwarzen Goa-Kellnern unserer harrend. Außer uns Deutschen war der Statthalter (Wali) von Kiloa mit drei Frauen und zwei Sklavinnen an Bord.

Nach etwa sechsunddreißigstündiger ununterbrochener Fahrt, während welcher der weibliche Teil der Passagiere, Deutsche, Araberinnen und Suahelidamen unterschiedslos an heftiger Seekrankheit festlag, fuhr die Barawa in Kiloa Kisuindji ein. Der Wali von Kiloa, ein auffallend großer Araber mit schönen Zügen und langem, braunen, in zwei Zipfeln bis auf den Gürtel herabhängenden Bart, hatte während dieser Fahrt nicht nur sehr eifrig für seine in die, der unseren gegenüber befindlichen Kabine gepferchten Frauen gesorgt, sondern er bot auch mir und Bertha, sobald wir uns sehen ließen, Orangen und Konfekt an und versäumte keine Gelegenheit sich teilnehmend nach meinem Befinden zu erkundigen. Auch seine Hauptfrau, die Araberin, rief uns »jambo Bibi, jambo!« zu und wagte sogar einen Moment in der offenen Thür meiner Kabine zu erscheinen, um mich zu begrüßen. Bertha, die sich eher als ich erholte, stattete dafür den Nachbarinnen einen Besuch ab.

In Kiloa Kisuindje hatte der Wali sein, Reiseziel erreicht und fuhr mit unseren Herren, die er im Auftrag des Sultans geleiten mußte, ans Land.

Herr Dr. Peters war begleitet von den Herren Flemming und Baron St. Paul. Auch hatte sich ihnen Herr Dr. Kling, ein junger deutscher Gelehrter, der aus dem uneigennützigsten Interesse für die Entwickelung unserer Kolonie hier einen Aufenthalt macht, angeschlossen. Herr von St. Paul hat die zwei Jahre seines Hierseins ausgenützt, um die Suahelisprache gründlich zu studieren. Er gehört zu den wenigen Europäern, die dieses weichklingende und an Formen reiche Idiom nicht nur verständlich, sondern auch grammatikalisch richtig sprechen, »ein klassisches Suaheli,« wie Herr Dr. Peters sich ausdrückt. Baron von St. Paul macht bei wichtigen Auseinandersetzungen den Dolmetscher bis auf die Fälle, wo zum äußersten Erstaunen der Bevölkerung Herr Flemming für ihn eintritt. Letzterer hat sich zwanzig Jahre lang in Indien mit Baumwolle beschäftigt, und ist in Folge dessen des Hindostanischen mächtig. Da nun an dieser Küste der Handel in den Händen der Indier und Banjanen ist, so kann es sich unter Umständen als sehr günstig erweisen, die Sprache dieser Erzschwindler zu kennen.

Während die Herren am Lande hohe Politik trieben, wurden an Bord der Barawa in umständlicher Weise die Frauen des Wali sammt ihren geschmückten Sclavinnen auf eine Dau gebracht, um ans Land zu segeln. Den besten Platz auf der Dau erhielt die Araberin, die mit ihrer Maske in feine schwarze Schleier gehüllt zart und vornehm aussah. Sie nickte mir im Fortfahren immer wieder freundlich zu. Sehr verschieden von ihr waren die beiden reichgekleideten aber unmaskierten Suahelifrauen. Den schwarzen Schönen geht es wie unseren Landmädchen. Sie sehen am besten aus in ihrer Volkstracht, bestehend aus einem oft in malerische Falten drapierten bunten Tuch, das dicht unter den Schultern befestigt, Hals und Arme freiläßt, während es den Körper eng umschließt und bis auf die Knöchel herabfällt. Ein trauriges Verdienst haben sich dabei freilich die Engländer erworben, indem sie als speculative Kaufleute, um dem ungebildeten Geschmack der Negerinnen möglichst entgegenzukommen, die denkbar geschmacklosesten, haarsträubend häßlichen Muster für deren Kleiderstoffe eingeführt haben. Sind die Suahelifrauen dagegen europäisch gekleidet, oder wie die Weiber des Wali von Kiloa in arabischem Putz, so sind sie meist ein lächerlicher Anblick.

Da Wind und Strömung dem Landen ungünstig waren, verzichtete ich auf Herrn Elson's, des Kapitäns, Rat darauf, die Barawa zu verlassen. Am Morgen des zehnten August dampften wir weiter, und fuhren schon gegen Mittag in die reizende Bucht von Kiloa Kisuani. Baron St. Paul, Dr. Kling und ich versuchten vom Schiffe aus die Küste, deren waldige Ufer sich rechts und links wie Kulissen voreinander schoben, zu scizzieren; aber da der Wind unser Schiff an der Ankerkette in fortwährender Drehung erhielt, unser Modell sich also beständig verschob, wollte das Zeichnen nicht recht gelingen. Daß der Mitwelt dadurch ein bedeutender Verlust geworden, glaube ich nicht, unbeschadet der Achtung, die ich vor den Talenten meiner verehrten Reisegefährten habe, denn unmöglich kann die beste Bleistiftzeichnung eine Landschaft wiedergeben, deren Zauber fast ausschließlich in Farbe und Licht besteht. Das Meer im Vordergrunde, kleine Inselchen mit blendend grünem Mangrovedickicht bewachsen, waldige Landzungen, ferne Berge und darüber der reine Himmel, alles blau in blau harmonisch abgestimmt, vor uns im Sonnenglanz blitzend die beständige Bewegung des ruhelosen Wassers, das war ein ebenso eigenartiges als entzückendes Landschaftsbild. Herr Dr. Peters hatte sich, sowie wir vor Anker lagen mit Herrn Flemming an Land begeben, um das Terrain dort auf seine Brauchbarkeit für Tabacks- und Baumwollenplantagen zu prüfen. Wir Anderen fuhren erst später an Land, um uns umzusehen. Wir landeten an einer halbzerfallenen Burgfeste aus der Portugiesenzeit, die mit ihren Türmen und Thoren ganz mittelalterlich auf einem Felsen am Meere steht. Während wir die malerische Ruine von allen Seiten betrachteten, photographierten und scizzierten, versammelten sich die Dorfbewohner um uns, und ich fand mich plötzlich ganz umringt von den Mädchen des Ortes. Ich hatte eine gelbe Blume abgepflückt. Die jungen Mädchen, die sich ersichtlich bewogen fühlten die Honeurs ihrer Küste zu machen, bedeuteten mir durch Worte und Zeichen, ich möchte die Blume fortwerfen. Dieselbe sei nichts wert, denn sie habe keinen Duft. Sie gaben mir dafür einige süßduftende aber stiellose Jasminblüten.

Während wir uns noch lebhaft unterhielten, traten aus einem geschlängelten, in Gesträuch versteckten Seitenpfad Herr Dr. Peters und Herr Flemming, gefolgt von schwarzen Jünglingen und Knaben, die in Körben oder auf den Köpfen Proben von Gestein und Erde trugen. Nachdem wir uns lachend begrüßt, gingen wir jedoch wieder in verschiedenen Richtungen auseinander. Während Herr Dr. Peters und Herr Flemming mit ihren Gefolgen ihren Rundgang im Geschwindschritt fortsetzten, durchschritten wir Anderen, nämlich Herr Kapitän Elson, Herr Dr. Kling, Baron v. St. Paul, meine Gefährtin und ich das Negerdorf. Dabei gaben uns die gesamten schwarzen Jungfrauen, sowie eine Menge Knaben und kleiner Mädchen das Geleite. Ein junges Mädchen hatte sich mir besonders angeschlossen und wich mir von Anfang an nicht von der Seite. Wir sahen wilde Baumwollstauden und Bananen, vor allem aber freute uns der Viehreichtum. Auf einer schlammbedeckten Niederung am Meere, die zur Regenzeit jedenfalls unter Wasser steht, weidete eine große Rinderherde. Auf den Ruinen kletterten Ziegen wie Gemsen zwischen Felsblöcken und Trümmern und in den bambusumzäunten Höfen trieben Büffelkälber und Schafe ihr Wesen, nicht zu vergessen des Federviehs.

Überaus befriedigt von unseren Entdeckungen kehrten wir nach Sonnenuntergang auf unsere Barawa zurück, wohin auch eine halbe Stunde später die unermüdlichen Herren Dr. Peters und Flemming gerudert kamen. Man hatte »rote Erde mit Humus vermischt auf Kalk lagernd« vorgefunden, der Mtama und Baumwolle trug.

Am folgenden Morgen in aller Frühe segelten Herr Dr. Peters und Herr Flemming in die kanalartigen Arme eines in den Hafen von Kiloa Kisuani (= Kiloa auf der Insel) mündenden Flusses, um das Bergland nach Norden zu besichtigen. Auch hofften sie dabei Nilpferde zu erlegen.

Uns ging es indessen wie gestern. Schon am Strande begrüßte uns die Schar der Mädchen und Frauen, die heute noch vollzähliger erschienen waren. Meine besondere Freundin, sie nannte mir als ihren Namen »Mawua«, entfernte sich eilends und kam zurück mit einem an Zwirn aufgenähten dichten Kranz von Jasminblüten, den sie mir mit einem wirklich reizenden Lächeln einhändigte. Das Mädchen interessierte mich und gefiel mir. Sie schien im Dorfe eine Rolle zu spielen, grade wie man es überall findet, wo ein hervorragend selbstbewußtes und eigenartiges Individuum auftritt. Mawua hatte etwas Überlegenes, im Verkehr mit den Männern geradezu Stolzes an sich. Dabei war sie, obwohl sie mir auch heute beharrlich zur Seite blieb, weder zudringlich noch geräuschvoll. Sie bewachte meine Bewegungen mit der Aufmerksamkeit eines klugen Hundes und gab sich sichtlich große Mühe mein gebrochenes Suaheli zu verstehen. Übrigens ist dies der einzige Fall, in dem mir wirkliche Intelligenz bei einer Negerin in diesem Landstrich bis jetzt vorgekommen ist.

In dem grünüberwucherten Burghof einer riesigen portugiesischen Schloßruine lagerten wir uns um den Rand einer Cisterne. Baron St. Pauls Diener, Mbaruku, dessen stolze Livree in einem zerrissenen Winterüberzieher seines Herrn besteht, hatte Mundvorräte mitgebracht und wir ließen uns das Frühstück schmecken. Die Schwarzen, die uns in immer größer werdenden Haufen umstanden und stillvergnügt zusahen, erhielten die leeren Bierflaschen zum Geschenk. Meiner liebenswürdigen Freundin versprach ich aber ein »sawadi nsuri« (schönes Geschenk), und brachte ihr, als wir uns Nachmittags wieder ans Land begaben, einen mir aus Berlin geschickten Fächer mit, der eine komplizierte Mechanik zum Auseinanderklappen und lange rosa Atlasschleifen hatte. Die schwarze Dame nahm nach Art ihres Volkes diesen in Kiloa noch nie dagewesenen Gegenstand mit feierlichem Ernst entgegen und blieb, während die Gefährtinnen sie neugierig umringten, den ganzen Nachmittag in ernst gehobener Stimmung.

Während ich in den gestrüppüberwucherten Hallen einer uralten Moschee zeichnete, von andächtigen Zuschauern, die übrigens von der wackeren Mawua stets in einer gemessenen Entfernung gehalten wurden, umstanden, ging Bertha mit der gleichfalls intelligenten Schwester der Mawua nach der Lagune und ließ dort eine der Büffelkühe melken. Triumphierend brachte sie dann die frische, fette Milch in einer Porzellanschale. Das schmeckte einmal! Lange hatte uns kein Trunk gemundet wie dieser.

Später als gestern begaben wir uns auf das Schiff zurück. Es dunkelte bereits und die Sterne flammten auf, aber von dem Segel unserer Kibokojäger ließ sich nichts sehen. Statt wie sonst um sieben Uhr zu dinieren, setzten wir uns in den kleinen Schiffssalon, und einer unserer Schwarzen hockte auf dem Fußboden vor uns und drehte unausgesetzt den mitgenommenen schadhaften Leierkasten, während Herr von St. Paul erbauliche Betrachtungen über das Gemütsleben einiger über unseren Häuptern balancierenden Kockerutschen anstellte. Es wurde darüber acht und halb neun. Wir mußten in Rücksicht auf unseren gediegenen Hunger das Warten aufgegeben und begaben uns schließlich, um unsere Touristen ernstlich besorgt, zur Ruhe. Gegen zwei Uhr Nachts jedoch wurden wir durch die kräftige Stimme des Herrn Dr. Peters aus dem Schlaf gerüttelt. Er war dabei, den verschlafenen Goanesen Anordnungen in Betreff eines Nachtessens zu erteilen. Beruhigt und froh versammelten wir uns noch einmal in dem Eßzimmer und nahmen den Bericht der Herumstreicher entgegen. Die Herren waren erschöpft und hungrig. Dr. Peters hatte seit zwölf Stunden ununterbrochen das Steuer in der Hand gehabt, aber das Segeln und Kreuzen in den mangroveumstandenen, sumpfigen Flußarmen war äußerst beschwerlich gewesen.

Am frühen Morgen dampften wir weiter. Ich bin leider immer krank so lange wir fahren und verlasse meine Koje erst, wenn der Anker geworfen wird. Wir langten übrigens schon Mittags in Kiswere an, dessen schöne Bucht von mehreren größeren Dörfern umgeben ist. Als ich an Deck kam, waren die Herren alle schon fort, doch hatte uns Herr Dr. Peters zu etwaiger Bedeckung zwei Diener dagelassen. Wir begaben uns unter dem Schutze des Ober-Ingenieurs, Herrn Ungemach, an das Ufer, und kletterten durch wilde Waldung und Steppengras den Hügel hinan, der sich dicht am Meer ziemlich steil erhebt. Obwohl wir durch Gras von mehr als zweifacher Mannshöhe schritten, und uns oft nur mühsam aus der Umklammerung der Dornen und Lianen befreiten, kam uns weder eine Schlange noch sonstiges tropisches Ungeziefer in den Weg. Wir erfreuten uns dagegen an dem Gurren wilder Tauben und dem Zirpen der Grillen, Laute, die an die Heimat erinnerten. Um uns her wucherten die baumhohen Ähren der Negerhirse, dazwischen blühende Baumwollsträucher, kandelaberähnliche Kakteen, Ricinus mit seinen eleganten Blättern, feingefiederte Akazien, Gummibäume und dichte Aloegruppen. Hier und da starrte uns auch der elephantenähnliche Koloß eines tausendjährigen Affenbrodbaums entgegen. Die Sonne war noch hoch und die Hitze machte sich sehr bemerklich. Dafür trugen die Diener kühlendes Bier sowie Brot, Büchsenbutter und Metwurst hinter uns her. Bei den nächsten Hütten, die wir erreichten, machten wir Halt. Der Herr der kleinen Niederlassung, ein Araber, ließ uns sofort eine Kitanda*) herbeitragen und seine beste Matte darüber breiten. So setzten wir uns in den Schatten seines Vordachs und freuten uns des köstlichen Mahles. Unter dem Vordach des Frauenhauses standen die schwarzen Gemahlinnen mit den Kleinen auf den Armen. Uns dicht gegenüber hatte der Herr des Hauses Platz genommen nebst seinem Freunde, einem Kleiderkünstler; hinter ihnen standen die Sklaven. Alle sahen uns schweigend zu und wir versuchten mit dem Gastfreund eine Unterhaltung in Suaheli zu führen, was auch ziemlich gelang. Der erwähnte Kleiderkünstler bestickte eine rot und weiß karrierte Jacke mit kunstreichen Stichen in weißer Baumwolle. Als wir aufbrachen, gaben uns die Schwarzen, wie gewöhnlich, das Geleit bis zu dem Boot. Unsere Ruderer waren diesmal Herrn Ungemach's Maschinisten, ein indisches Brüderpaar, mit weichlichen Zügen und den feuchten, schmachtenden Augen dieses Volkes. Sie trugen uns zu Ehren ihre besten weißen Anzüge und golddurchwirkte Käppchen auf dem dunklen Haar. Die beiden schwarzen Diener, die uns Dr. Peters zur Verfügung gestellt, bildeten in ihren hellblauen silberverschnürten Jacken und roten Mützen zu jenen den vollendetsten Gegensatz.

*)Kitanden sind die geflochtenen Negerbettstellen, die gelegentlich auch zum Sitz oder Feldtisch der Europäer dienen müssen.

Am folgenden Tage hielten wir in der Mchinga-Bay. Herr Dr. Peters fragte, ob es mich nicht interessieren würde, einmal mit anzusehen, wie die angesessenen Araber die Ankündigung der deutschen Verwaltung aufnähmen. Ich bejahte natürlich und kletterte schleunigst die schwankende Schiffstreppe hinab in den bereits gefüllten Kahn, um die Herren über die hochgehenden Wogen an's Ufer zu begleiten. Der Himmel war mit schwarzem Gewölk umzogen, die Landschaft erschien fahl und düster. Geleitet von dem arabischen Offizier der Barawa, begaben wir uns ungesäumt nach dem Hause des Wali. Zu beschaulichen Reflexionen und gemütlichen Unterhaltungen kommt es nicht, wenn Dr. Peters führt. Dieser geniale Mann scheint nur rastlos vorwärts eilen zu können, ohne Rücksicht auf das, was rechts und links vom Wege sich bieten mag:

»Der eignen Bahn
nachgehend grad' und unverrückt.«

Der Wali von Mchinga, ein ehrwürdiger Greis mit langem weißen Barte und edlen Zügen, empfing uns mit den üblichen Begrüßungsformen und ließ Kitanden in seine Vorhalle bringen, auf denen wir mit ernster Würde Platz nahmen. Dann begann das Pourparler. Herr Dr. Peters, dessen Gesicht während der ganzen Verhandlung unerschütterlichsten Ernst zur Schau trug, wandte sich in deutscher Sprache mit ungefähr folgenden Worten an Baron St. Paul: »Unser Freund, der Sultan Bargash ben Said wird uns laut Vertrag seine Rechte und Befugnisse, was die Verwaltung dieses Hafens anbetrifft, überlassen. Du wirst in Zukunft also mir und denen, die ich Dir hierher sende, zu gehorchen haben.«

Baron St. Paul übertrug diese Worte in's Kisuaheli und der Offizier des Sultans wiederum in's Arabische. Der alte Herr folgte den Sprechern der Reihe nach mit aufmerksamen Blicken. Dabei nahmen die großen Augen unter den geschwungenen Brauen mehr und mehr den Ausdruck der Angst an. Die arabische Übertragung des Barawa-Offiziers nahm, verziert durch die gebräuchlichen Redeblumen, mindestens dreimal die Zeit des deutschen Wortlauts in Anspruch. Dann sagte der ehrwürdige Wali: »Hast Du ausgeredet?« Der Offizier antwortete: »Ich habe geredet.« Nun begann erst der Alte seine Erwiderung: »Sage Deinem Herrn, ich sei der Mann des Sejid, nicht sein Sklave. Die Freunde des Sejid seien auch meine Freunde und ich werde ihre Worte so hoch halten, wie die des Sejid selbst.«

Herr Dr. Peters ließ ihm versichern, er sei ein Freund aller Araber, also auch der seinige. Er würde ihn deshalb in keiner Weise schädigen, oder sich Rechte nehmen, die ihm nicht zukämen. Er sei weit davon entfernt, in ihm, dem Wali, einem Sklaven zu sehen, mit dessen Eigentum man nach Belieben schalten könne, vielmehr achte er in ihm einen treuen Beamten des Sejid (Seyd = Herrscher) Bargash bin Said, seines Freundes, und er hoffe nur, daß der Wali ihm und den deutschen Herren ebenso redlich dienen werde, wie er es dem Sultan gethan.

Der Alte sah tief ergriffen aus. Das Neue der Situation schien ihn zu überwältigen. Indessen erneuerte er die Versicherungen seiner gänzlichen Ergebenheit und war sofort bereit, der Aufforderung des Herrn Dr. Peters Folge zu leisten und uns das umliegende Ackerland zu zeigen. Wir erhoben uns also und zogen geleitet von dem Wali und von seinen Leuten gefolgt in langem Zuge nach den Feldern. Die freundlich gesinnten, zutraulichen Schwarzen beeiferten sich mir die nach ihrem Geschmack schönsten Blumen abzubrechen, während wir im Geschwindschritt eine Niederung am Fuße bewaldeter Hügel durchwanderten. Die Herren ließen hier und da Erde umgraben, um Proben mitzunehmen. Dies Vornehmen umstanden die Schwarzen stets mit ehrerbietiger Scheu. Sie mochten eine symbolische Handlung darin sehen. Dem alten Wali traten Thränen in die Augen, so daß Herr Dr. Peters sich veranlaßt sah, ihm wieder und wieder zu versichern, falls die Deutschen sich hier anbauen sollten, würden sie kein Stückchen Land in Besitz nehmen, das der betreffende Eigentümer nicht herzugeben willig sei. Herr Flemming untersuchte die Qualität der in zahlreichen Büschen wild wachsenden Baumwolle, die sich wie feine weiße Watte aus den abgewelkten Blüten ziehen ließ. Dabei regnete es.

Als wir endlich, die meisten von uns recht ermüdet, an den Strand zurückkehrten, hatten sich die Wolken zerteilt, und die sinkende Sonne zauberte Farben von ganz eigentümlicher Schönheit an den westlichen Himmel, über welchem in seinem stillen und reinen Glanze der Abendstern erschien. Eine ganze Weile standen wir in Anschauen versunken schweigend am Strande, während das von der Barawa für uns ausgesandte Boot sich mühsam durch die Sturzwellen der Brandung arbeitete. Auf den Schultern der Schwarzen gelangten wir endlich in das schwankende Fahrzeug und es dunkelte stark, als wir die Schiffstreppe hinanstiegen.

Am folgenden Tage gelangten wir in den vielgepriesenen Hafen von Lindi. Die Formen der Küste und der waldigen Berge rings um die tiefeinschneidende Bucht bieten allerdings ein schönes Landschaftsbild. Es ist nur tot, denn »das Gebild von Menschenhand« fehlt. Dem Menschen hat es Gott verliehen, der schönen Natur den Stempel seines bewußt strebenden Geistes aufzudrücken; das drängt sich dem Beschauer dieser ostafrikanischen Landschaften immer wieder auf. Sie tragen Reichtum und blühendes Leben in sich verschlossen und scheinen erwartungsvoll dem Herrn der Erde entgegenzusehen, daß er die edlen Keime aus dem lange Schlaf erwecke und an's Licht ziehe.

In die Bucht mündet ein breiter Fluß, der Lindi oder Mtale, der zahlreiche Arme in die Wildnis an seinen Ufern entsendet und in schön gewundener Linie eine Reihe waldiger Bergkuppen durchbricht. Man erinnert sich an den Rhein zwischen Bonn und Koblenz, an das Siebengebirge. Aber es fehlen eben die Städte und Burgen, die Kirchlein und freundlichen Villen. Hier herrscht noch die Einsamkeit. Weißköpfige Flußadler sitzen auf den knorrigen Strünken am Ufer und der gellende Schrei eines wilden Affen tönt von Zeit zu Zeit durch die Wildnis.

Der Wali von Lindi, ein Greis mit blöden Augen und einem Spitzbubengesicht, bewohnt die Ruine eines portugiesischen Forts. Ein Kanonenrohr aus alter Zeit steht dräuend vor dem Portale aufgepflanzt. Der Salon des Alten in den halbverfallenen Bogenhallen schien mir direkt in einen der mittelalterlichen Romane Walter Scott's zu gehören. Kostbare Waffen schmücken die Wände. Auf den Gesimsen der Wandpfeiler lag der Koran und der sonstige Bücherschatz des Hausherrn. Auf der Erde hockten junge Asikari, (= Soldaten des Sultans), malerisch gekleidet, reich bewaffnet und von meist edlem Gesichtsschnitt. In der dunklen Halle, die durch Säulen und Bogen von dem luftigeren Hauptraume getrennt war, brannte ein Holzfeuerchen, um welches einige Schwarze beschäftigt waren. Der listig dreinschauende Wali ließ uns Kokosnüsse bringen, »Madafu«, deren Saft wir austranken. Er ließ uns dann durch einen jungen Sohn in dem weiten Gemäuer, das übrigens nichts Interessantes mehr bot, umherführen.

Auf der dem Orte Lindi gegenüberliegenden Seite der Bucht gehen wir mit Vorliebe spazieren. Zerrissene Felsblöcke von den barocksten Formen, in die das Wasser tausende von Rinnen und Becken gewaschen hat, bedecken den Strand. Unmittelbar hinter ihnen steigt der bewaldete Hügel auf. Herr Dr. Kling scizzierte, und Bertha machte, während sie zwischen dem wilden Gestein Muscheln suchte, zum erstenmal die Bekanntschaft einer Schlange, die sich indessen in ihrem Felsloch in Gesellschaft kleinerer Eidechsen liegend, ganz passiv verhielt. Herr von St. Paul und ich klommen, begleitet von Mbaruku den Hügel hinan. Wir arbeiteten uns tapfer durch das Gestrüpp, den Spuren der Nilpferde nachgehend, die durch das mannshohe Gras ganz gangbare Pfade getrampelt hatten. Auch Raubtierspuren zeigte mir der Baron und Löcher, die eine Hyäne gescharrt hatte. Wir kletterten in eine tiefe und enge Schlucht hinunter, durch welche den wilden Gesteinmassen nach, zur Regenzeit ein starkes Wasser in Kaskaden stürzen muß. Hier herrschte erquickende Kühle und tiefer Waldesschatten. Die Schlucht war von uralten Bäumen und Schlingpflanzen völlig überdacht. Mbaruku im langen Winterpaletot, der stets den photographischen Apparat hinter seinem Herrn herträgt, mußte denselben aufstellen, und Baron von St. Paul versuchte zu photographieren. Aber es fehlte an Licht, und war ein gar zu wildes Durcheinander von Laubwerk und Gestein. Mbaruku entstammt dem Innern. Als Baron St. Paul seine Station Madimola verließ, lief ihm dieser Schwarze nebst einem Dutzend seiner Stammesgenossen nach Bagamoyo nach und sie flehten ihn an, sie in seinen Diensten zu behalten. »Bana St. Paul« steht bei den Schwarzen in dem Ruf ein »sehr guter Herr« zu sein. Mbaruku folgt ihm wie ein treuer Hund und sein grundhäßliches Angesicht strahlt beständig im Glanze inniger Glückseligkeit. Nebenbei gesagt, ist Herr von St. Paul auch unter den Europäern rühmlichst bekannt durch seinen unverwüstlichen Humor und seine unerschütterliche Gemütsruhe.

Wir versuchten in unserer Schlucht weiter zu gehen, aber die Lianen umklammerten uns, Dornen hakten sich in mein dünnes Kleid und Äste verbarrikadierten uns den Weg, so daß wir wieder die ziemlich steile Wand zum Tageslicht emporkletterten. Als wir den Gipfel des Berghanges erreichten, lagen Hafen und Flußthal als herrliches Panorama uns zu Füßen. Freilich strahlte dort oben auch die Mittagssonne eine solche Glut aus, daß meine Phantasie sich lebhaft mit der Eventualität eines Hitzschlags zu beschäftigen begann. Eilends suchten wir trotz der schönen Aussicht wieder den Schutz des Dickichts.

Am Abend desselben Tages entdeckten wir während des gemeinsamen Spaziergangs eine Quelle, die in einer dichten Wildnis von Papyrus glucksend und murmelnd zu Thale lief und ganz nahe dem Meere von den Landleuten in einer gemauerten Rinne gefaßt und in ein größeres Steinbecken geleitet worden war. Wir tranken aus Kokosnußschalen von dem Wasser und fanden es zwar sehr weich aber rein von Geschmack. Schwarze Männer waren, auf dem Rande des Bassins stehend, mit Waschen ihrer Kleidungsstücke beschäftigt. Vor uns stand ein kleines Steinhaus, umgeben von einer Gruppe hoher Kokosnußpalmen. Vom Meere war es nur durch eine mit leuchtend grünen Mangroven bedeckte Lagune getrennt.

Wir hatten uns vorgenommen dem Lauf der Quelle nachzugehen und führten dies am Nachmittag des folgenden Tages aus. Auf schmalen Waldpfaden gingen wir bergan, immer dem Quell entlang und kamen an ein noch im Bau begriffenes Dorf in einem prachtvollen Hain uralter Kokospalmen auf der Berghalde gelegen. Die Dorfbewohner schleppten uns sogleich ihre Kitanden herbei, dann wurde eine der Palmen erstiegen und wir erhielten frisch vom Baum gepflückte Nüsse, die wir mit Behagen austranken. Die Leute dieses Dorfes, dessen Hütten zum Teil erst als geschickt geflochtenes Gerüst standen, waren eifrig bei der Arbeit und unterbrachen diese nicht einmal, um uns anzugaffen. Ein Mann spann Baumwolle. Er ging dabei umher und drehte die Spindel, wie man es auf Bildwerken der alten Griechen sieht. Andere schnitzten oder schälten Stäbe zum Hüttenbau, oder banden das lange strohartige Gras, das sie zum Dachdecken brauchen, in Garben.

Ich bin überzeugt, daß die vielbeklagte Trägheit der Schwarzen nicht Anlage ist, sondern Gewohnheit. Dafür spricht einmal ihre Beweglichkeit, die Geschmeidigkeit der Gliedmaßen und die geschickten Bewegungen, dann auch der allgemein anerkannte Umstand, daß die Kinder fleißig und tüchtig sind. Die Schwarzen arbeiten eben nicht, so lange sie es nicht nötig haben, und das ist einfach gesunder Menschenverstand. Der Naturanlage nach scheinen mir die weichlichen, zur Fettsucht neigenden Indier weit träger zu sein als die Schwarzen.

Herr Dr. Peters hat mit Herrn Flemming, den Dienern und einigen Pagazi eine Expedition den Fluß hinauf unternommen, zur Besichtigung des Hinterlandes. Vorgestern sind die Herren in einer gemieteten Dau den Mtale hinaufgesegelt. Baron von St. Paul und Herr Dr. Kling, die sich gern der Expedition angeschlossen hätten, durften aus Rücksicht auf ihre angegriffene Gesundheit gegenwärtig nicht wagen, sich den unvermeidlichen Strapazen einer solchen Tour auszusetzen. Während gestern unsere Barawa-Bote den ganzen Tag damit zu thun hatten, Quellwasser an Bord zu schaffen, mietete Herr Dr. Kling in Lindi eine Dau und wir segelten mit vollem Winde in die Flußmündung hinein. Nachdem wir so etwa eine Stunde lang gefahren waren, landeten wir bei der schloßartigen Besitzung eines reichen Arabers. Dieser hat seinen Komplex von hübschen Steinhäusern mit einem undurchdringlichen Dornenwall umgeben auf den drei nicht durch den Fluß geschützten Seiten. An den äußersten Ecken dieses Walles hat er (oder einer seiner Ahnen) mit Zinnen gekrönte Türme gebaut, teils rund, teil viereckig. Durch diese führen Thorwege. Vor dem Wohnhause befindet sich ein schöner sauberer Platz, eine Art Gartenterrasse mit schattenspendenden Bäumen bestanden. Unter den Bäumen steht eine überdachte Gartenhalle, zu deren etwas erhöhtem Boden Treppenstufen führen. Dort saß der Burgherr mit gekreuzten Beinen. Vor ihm lag auf perlmuttereingelegtem Gestell ein Foliant in rotem Ledereinband, vermutlich der Koran. Neben sich auf der Matte hatte er einen mit indischem Schnitzwerk verzierten Kasten stehen mit Schreibtischeinrichtung; den Schlüssel dazu trug er an einer Kette um den Hals. Während er uns, – wir waren auf Sitze in selbiger Halle genötigt worden, – nach Landesbrauch Kokosnuswasser reichen ließ, schloß er seine Schatulle mehrmals auf, nahm zusammengefaltete Papiere heraus, die er auseinanderbreitete, mit wichtiger Miene betrachtete und an ihren Platz zurücklegte. Wahrscheinlich waren es Briefe und der Burgherr wollte uns durch das Lesen derselben auf seine Bildung aufmerksam machen.

Eigentlich hatte es garnicht in unserer Absicht gelegen, den alten Herrn zu besuchen, aber er kam uns, sobald wir landeten, an das Ufer entgegengeeilt und nötigte uns zu sich hinauf. Auch bei der Abfahrt gab er uns mit seinem ganzen Gefolge das Geleit. Stattlich sah er aus, unter seinen zahlreichen Kindern, Sklavinnen und Dienern stehend mit langem weißen Gewande, gelblichweißem wallenden Bart, buntem Turban und den Herrscherstab in der Hand – ein ostafrikanischer Landedelmann.

Unsere Rückfahrt dauerte, da wir diesmal keinen Wind zum Segeln hatten, volle drei Stunden. Vier Schwarze aus Lindi, die außer dem Schurz nicht durch Kleidung beschwert waren, ruderten, begleitet und angefeuert von dem rhythmischen Geheul ihrer originellen Wechselgesänge; die ganze Fahrt über plärrten sie ohne Unterbrechung, so daß ich die Leistungsfähigkeit ihrer Lungen anstaunte. Ich durfte steuern, saß oben auf dem erhöhten Hinterdeck der Dau und konnte mir einbilden, das schwerfällige Fahrzeug mit seinen vierzehn Insassen nach meinem Belieben zu lenken. Dabei geriet ich aber bald rechts bald links den Mangroven zu nahe und fuhr schließlich im Hafen auf eine der heimtückisch lauernden Korallenbänke. Zum Glück kamen wir, ohne Schiffbruch zu erleiden, wieder los. Schön war es, als bei einbrechender Nacht das Meerwasser am Kiel und unter den Rudern phosphoreszierte.