Rowuma-Bai, d. 23. August 1887.
Wir sind am Ziel der Fahrt nach Süden angelangt. Rasch will ich diesem Bericht noch einige Zeilen hinzufügen, denn so lange das Schiff in Bewegung ist, vermag ich nicht einmal zu lesen, geschweige denn zu schreiben. Morgen früh aber werden die Anker gelichtet und wir fahren vor dem Winde direkt nach Dar-es-Salaam.
Sobald Herr Dr. Peters von seiner Expedition landeinwärts zurückgekehrt, verließen wir die liebliche Bucht von Lindi. Am Morgen vor unserer Abfahrt kam ein kranker Indier an Bord und bat uns ihn zu heilen, denn die Nachricht, daß wir uns hiermit befaßten, war mit bekannter Schnelligkeit uns vorausgeeilt. Kaum hatte ich den Fuß auf festen Grund gesetzt, so brachte man mir Patienten. Am lebhaftesten war der Andrang in dem schönen Hafenorte Mikindani, vor dem wir vorgestern ankerten. Wir hatten dort in Gesellschaft der Herren einen weiten Weg durch parkartige, in der üppigsten Vegetation prangende Landschaft gemacht, hatten aber vor jenen an den Landungsplatz zurückkehren müssen, da wir sehr müde geworden waren. Während wir nun in der Nähe unseres Bootes unter dem Schutz zweier Diener die Herren erwarteten, brachte man kranke Kinder herbeigeschleppt; Männer mit schlimmen Fußübeln kamen gehinkt und gekrochen, ein älterer Araber wollte sogar von seinem Magenleiden befreit werden. Wir gaben allen Rat, den wir wußten und verordneten nach der Schwierigkeit feuchte Umschläge, Waschungen und Abreibungen. Man kann hier wirklich sagen:
| »Es ist ihr ewig Weh und ach, |
| So tausendfach, |
| Aus einem Punkte zu kurieren.« |
Der eine Punkt ist: Wasser. Diejenigen, die untersucht und verbunden werden konnten, bestellten wir nach der Barawa. Da kam denn am andern Morgen in aller Frühe eine ganze Bootsladung voll Patienten, so daß wir in dem kleinen Schiffssalon eine Art Klinik einrichteten, allerdings zum geringen Vergnügen der Herren. Bertha war so beglückt, einmal wieder nach Herzenslust ihres Amtes walten zu können, daß sie es mir beinahe verargte, wenn ich die Behandlung des einen oder anderen Patienten für mich beanspruchte. Hoffentlich hilft den Leuten ihr Glaube. Unsere stets wiederholten Ermahnungen, sich etwas mehr der Reinlichkeit zu befleißigen, werden der Macht der Gewohnheit gegenüber kaum von Wirkung sein.
Heute haben Herr Dr. Peters und Herr v. St. Paul ein gefährliches Experiment gemacht, nämlich die Einfahrt in den Rowuma »forciert«, noch dazu mit dem kleinen Barawa-Boot, das einen ganz flachen Kiel hat. Der jähe Übergang von einer bedeutenden Meerestiefe unmittelbar vor der Flußmündung zu der geringen Tiefe des durch Schutt und Sandbänke verbarrikadierten Flusses verursacht, wie der »African Pilot« sagt, sehr gefährliche Brecher und dadurch eine Brandung, die einem Boote nur unter bestimmten günstigen Bedingungen von Wind und Strömung die Durchfahrt möglich machen. Da wir das tragische Ende des Lieutenant Günther in der Jub-Mündung noch in frischer Erinnerung hatten, sahen wir Zurückbleibenden die kühnen Männer nicht ohne die ernsteste Besorgnis hinausfahren. Als das kleine weiße Boot in dem dunstigen Morgen verschwand, fürchteten wir schon, seine Insassen zum letzten Mal gesehen zu haben. Um so größer war die Freude, als sie schon gegen ein Uhr Mittags wohlbehalten und in bester Stimmung zurückkehrten. Sie hatten die gefährliche Brandung beide Male sehr glücklich überwunden und waren fünf Seemeilen landeinwärts gesegelt. Dabei hatten sie zahlreiche Kibokos getroffen und Baron St. Paul konnte garnicht genug die Schönheit der durchfahrenen Landschaft rühmen.
Dar-es-Salaam, d. 27. August 1887.
Gestern Abend um elf Uhr nahmen Bertha und ich auf der Barawa Abschied von den Reisegefährten und begaben uns unter des Stationschefs Schutz an Land. Hier begrüßte uns ein fürchterlicher Lärm, denn auf Anregung Herrn Leues hatten die Einwohner zu Ehren des deutschen Besuchs eine große »ngoma« (Musik und Tanz) veranstaltet. Solch eine ngoma organisirt sich folgendermaßen: Wer ein Musikinstrument spielt, sei es Trommel, Pfeife, Kuhhorn oder auch nur eine Art von Castagnetten, der stellt sich irgendwo auf der Gemeindewiese hin, allein oder mit seinem Freund und beginnt seine lockende Weise. So sehr primitiv diese ist, so zieht sie doch die Bevölkerung an wie die Flöte des Rattenfängers von Hameln. Es dauert nicht zehn Minuten, so hat sich um den Künstler ein Kreis gebildet, der lavinenartig anwächst. Wird er stattlich genug befunden, so beginnen einzelne den volkstümlichen Tanz, der mit seinem Vor- und Rückwärtshüpfen, Chassieren, compliments aux dames etc. entfernte Verwandtschaft mit unserer Française zu haben scheint. Wir blieben bei einem jeden solchen Tanzkreis, an welchem unser Weg vorbeiführte, pflichtschuldig stehen, um unsere wohlwollende Anerkennung kund zu geben. Dadurch fühlten sich Tänzer, Musiker und Publikum sehr geehrt und der Volkshaufe wuchs während unserer Anwesenheit noch mehr. Es ist nicht zu beschreiben, wie eitel, kokett und lächerlich die schwarzen Tänzerinnen herumschwänzeln. Das beste aber erwartete uns noch. Vor dem Hause des Wali hatten die Araber einen Schwertertanz veranstaltet, den sie mit entsetzlicher Musik und Flintengeknatter begleiteten. Dazu leuchteten ihnen Magnesiafackeln, die Herr Leue zu ihrer großen Erbauung gestiftet hatte. Ich war so ermüdet von all dem Toben und Schreien, daß ich ganz bescheiden anfragte, ob ich mich nunmehr nicht zurückziehen dürfe? Aber da kam ich bei unserem verehrten Stationschef schön an! Ein solcher Verstoß gegen die Etikette! Der Wali ließ ja eben Sessel auf die Straße tragen und zog sein Schwert aus der Scheide, um in höchst eigener Person vor uns zu tanzen! Wir setzten uns also andachtsvoll auf die rohrgeflochtenen Armstühle vor das mit Marmorplatten ausgelegte Palais des verstorbenen Sejid Madjid und bestaunten die immer wilder werdenden Bewegungen der über ihre blanken Schwerter springenden Wüstensöhne. Etwa zehn, Seite an Seite gedrängte, beständig sich in den Hüften wiegende Araber mit hochgehobenen Schwertern übten einen überaus einförmigen, aber desto gellenderen Gesang aus. Vor den Sängern schlugen zwei Musiker wie besessen auf große Trommeln, bald stehend, bald kniend, bald gar am Boden liegend. Diese regsamen Trommler dirigieren seltsamer Weise sowohl Gesang als Tanz. Die Übrigen, die um die Schwertertänzer in weitem Halbkreis Spalier bildeten, trugen durch fleißiges Abfeuern ihrer Gewehre das ihrige zu der Feier bei. Bertha war trotz des Höllenlärmes in ihrem Sessel eingeschlafen. Freilich war die Mitternachtsstunde auch bereits vorüber.
Als ich heute gegen acht Uhr aus schwerem Schlaf erwachte, war das erste, was ich zu meinem Schrecken hörte, die gräuliche Tanzmusik mit begleitendem Gekreische. Ich frug etwas kleinlaut, ob heute eine Nachfeier stattfände; aber man belehrte mich, daß die Tänzer noch von gestern her beisammen seien.
d. 28. August.
Am Strande unter prächtigen Mangobäumen liegt das Grab des Regierungsbaumeisters Wolf, von Palmzweigen überdeckt. Bertha liebt es, gegen Sonnenuntergang dorthin zu pilgern und einen Kranz von frischgrünen Ranken auf dem Hügel niederzulegen in treuem Gedenken an den freundlichen Reisegefährten.
Die bösen, bösen Zelte! Sämtliche Herren haben das Wohnen in ihnen teuer bezahlen müssen. Mein Bruder liegt schwer krank in Zanzibar. Es ist mir hart angekommen, nicht gleich dorthin zu fahren, um bei ihm sein zu können; denn er ist in Lebensgefahr. Nur die Überlegung, daß er im Hospital der Schwestern vom heiligen Geist die beste Pflege hat und daß sich für mich vielleicht nicht sobald wieder eine Reisegelegenheit nach Dar-es-Salaam finden würde, hat mich bewogen, hier zu bleiben. Ich bin in Angst um Albrecht und weiß nicht, ob ich recht gethan habe. Nun, wir stehen Alle in Gottes Hand! –
Dar-es-Salaam ist eine Ruinenstadt. Von den durch Sejid Madjid errichteten Steinpalästen sind zwei noch bewohnbar, der eine ist des Wali Residenz, den anderen hat Herr Dr. Peters für die Gesellschaftsbeamten gemietet. Eine schöne breite Steintreppe führt von der Hausthüre den Uferhang zum Meere hinab. Die Herren glauben durch geringe Ausbesserungsarbeiten hier die bequemste Landungsstelle schaffen zu können.
Die Stadt besteht aus drei Quartieren. Im Halbkreis um den Hafen stehn die arabischen Ruinen, unter welchen der zum Harem bestimmte schloßartige Bau noch immer sehr stattlich aussieht. Er ist leider innen so verfallen, daß man ihn nicht einmal ohne Lebensgefahr besehen kann. Nach dem Lande zu haben die speculativen Indier ihre Handelsstraßen angelegt und in jedem ihrer aneinanderklebenden kleinen Häuser einen Kramladen errichtet. Hier kaufen die Europäer für schweres Geld, was sie unter der aufgestapelten Lumpenware etwa brauchbares finden; in den meisten Fällen freilich finden sie überhaupt nichts. Rechts und links vom Hafen schließen sich die Negervorstädte an, die sich, wie fast überall durch Sauberkeit und Geräumigkeit (was Wege und Plätze anbelangt,) auszeichnen.
Der Hafen gleicht fast einem Landsee, da die schmale Verbindung mit dem Meere durch die mit Palmen, Bananen und Affenbrotbäumen bestandenen Landvorsprünge dem Auge meist entzogen ist. Dagegen schneidet er tief in das Land ein. Unser mit vier Ruderern bemanntes Boot brauchte anderthalb Stunden, um bis dahin zu kommen, wo ein seichtes Flüßchen seine Gewässer mit der Salzflut vermischt. Dort hausen zahlreiche Nilpferde. Auch Affen und Papageien amüsieren sich an den waldigen Hängen, die den Hafen umschließen.
Dar-es-Salaam, d. 29. August.
Unsere Wohnung besteht, wie ich schon in meinem Tagebuch erwähnt, aus einer Reihe kleiner Inderhäuser, deren Wände durchbrochen und mit Thüren versehen sind, die auf die Veranda führen, welche also die einzelnen Wohnungen (je ein Zimmer) verbindet. In dem ersten dieser Zimmer wohnt und schläft Herr Greiner mit seiner Frau, das zweite, welches Herrn Leue's Dominium ist, dient zugleich als Salon und Eßzimmer. No. 3, Herrn Tschepe's Gemach, gleicht einer Werkstatt und Rüstkammer. Dann kommt viertens ein Zimmer, in dem die deutsche Haushälterin mit der Nichte des Missionars schläft, und endlich dasjenige, welches Bertha und mir überlassen worden. Glasfenster, verschließbare Thüren, Schränke etc. sind Luxusgegenstände, die Dar-es-Salaam vorläufig nicht kennt. Ich kann aber in Wahrheit versichern, daß ich mich, so weit meine Erinnerung reicht, noch nie so frisch und geistig wohl befunden habe, wie hier in diesen ganz primitiven Verhältnissen. Frei und leicht wird es dem geplagten Kulturmenschen zu Mute, wenn er einige Dutzende der Sclavenketten, die wir »Bedürfnisse« nennen, abzuwerfen genötigt ist.
d. 30. August. 1887.
Wir haben ein zwölfjähriges Negermädchen in Dienst genommen, eine von der englischen Mission getaufte Christin. Die Engländer nannten sie Alice, ich habe aber als gute Deutsche »Liese« daraus gemacht. Die kleine Liese bringt mir Morgens ein Glas frischer Kuhmilch ans Bett, die herrlich mundet. Dann stehe ich auf und finde die Hausgenossen gewöhnlich schon auf der Veranda. Dort steht auch der Frühstückstisch und darauf, was des verwöhnten Menschen Herz begehren kann: einheimischer Honig, Eier, hausbackenes Schwarzbrot und englische Zwiebacke. Sowie ich meinen Platz einnehme, erscheint der aufmerksame Mandoa und schenkt aus indischer Porzellankanne den Kaffee ein. Mandoa ist ein ehrgeiziger und strebsamer Jüngling, der ungeachtet seiner schwarzen Hautfarbe errötet, wenn er in spöttischer Weise auf eine Ungeschicklichkeit aufmerksam gemacht wird. Er ist sogar stolz und trotzig und weint Thränen bitteren Ärgers, wenn er sich gekränkt fühlt, oder ungerecht behandelt glaubt. Mandoa ist der Diener des Stationschefs und thut sich auf diesen Vorzug viel zu gute.
Während ich frühstücke, wartet auf mich gewöhnlich schon mein Lieblingspatient, ein Sultanssklave, der vor kurzem in sein Messer gefallen ist, wodurch er sich eine tiefe Wunde in der Seite zugezogen hat. Herr Leue hat ihn vor dem Verbluten gerettet. Hätte er nur krumme Nadeln gehabt und antiseptischen Faden, um die Wunde zu nähen, so würde sie nicht mehr klaffen, wie sie es thut. Im übrigen scheint Faradi, so heißt der junge Mann, eine gesunde Heilhaut zu haben. Heute Morgen brachte er mir als Zeichen seiner Dankbarkeit fünf Kokosnüsse.
d. 31. August.
Jetzt haben die Schwarzen ihr Neujahrsfest gehabt, ein sikukuu (siku = Tag, kuu = groß, im Sinne von vornehm) oder vielmehr zwei solche nach einander. Der Wali schickte einen Botschafter zu Herrn Leue, der das Fest feierlich ankündigte, und die sämtlichen auf der Station beschäftigten Arbeiter und Diener zu einem Festmahle einlud. Herr Leue nahm diese Nachricht in der landesüblichen Weise, nämlich mit ernster Würde und höflichen Phrasen entgegen und kündigte dem Wali an, er würde am zweiten Feiertage seinerseits die Leute desselben bewirten. Das ist das verhängnisvolle der arabischen Ehrengeschenke etc., daß sie stets eine gleichwertige Gegengabe erfordern. Es ist des Landes Brauch. – Am ersten Morgen des Festes kamen die sämtlichen Arbeiter der Station um sich ihr »Sikukuu«, d. h. diesmal »Festagstrinkgeld«, zu erbitten. Herr Leue ließ sie der Reihe nach zur Musterung antreten: die Garten- und Feldarbeiter, die Maurer, den Schneider, den Wäscher, die Wasserträgerinnen und den Viehhirten, der den klangvollen Namen Marindila führt. Herr Leue, der sehr auf adrettes Aussehen seiner Leute hält, tadelte mit spöttischen Bemerkungen diejenigen, deren Aufzug zerlumpt oder unsauber war. Die Schwarzen, die bekanntlich durchweg eitel sind, zeigen eine große Empfänglichkeit für derartige Auszeichnungen. – Tagsüber wurde geschossen und getanzt. Am zweiten Festtag fanden Tanz und Spiel mit besonderem Pomp vor unsern Fenstern statt. Die Araberjünglinge sprangen wieder wie die Rasenden durcheinander. Dazu wurde unablässig getrommelt und gesungen. Da unsere Zimmer keine Glasscheiben in den Fenstern haben, waren sie bald von dem Pulverdampf der knatternden Gewehrsalven erfüllt. Leider hatte die Nichte des Missionars einen, wenn auch an sich leichten Fieberanfall, der indessen bei diesem barbarischen Lärm bösartiger zu werden drohte. Ich bat daher den Chef sehr dringend, die Herrn Araber zu veranlassen, ihre Spiele in einiger Entfernung fortzusetzen. Herr Leue meinte, eine derartige Verletzung der Sitte könne von den Arabern sehr übel aufgefaßt werden, da sie gerade uns zu Ehren hier tanzten. Ein Abbrechen unsererseits müsse daher unterbleiben. Ich beharrte nichts destoweniger auf meinen Wunsch, da mir Leben und Gesundheit der Unseren ungleich wichtiger erscheint, als die mehr oder minder gnädige Gesinnung der Araber. Diese müssen sich ja doch schließlich nach uns richten. Herr Leue ließ sich, wenn auch ungern, herbei, einen Parlamentär hinunterzuschicken. Herr Missionar Greiner, der des Arabischen mächtig ist, bot sich an, den heiklen Auftrag zu übernehmen. Er sprach den Anführern in schönen Phrasen den Dank des Stationschefs für die uns gewordene Aufmerksamkeit aus, was sofort richtig aufgefaßt wurde, nämlich als Verabschiedung. Zu meiner großen Befriedigung zog die Horde ohne weiteres ab, und das kranke Mädchen, dessen Temperatur mit beängstigender Geschwindigkeit stieg, fühlte sich ungemein erleichtert.
d. 1. September 1887.
Wir haben Besuch gehabt von dem Bischof von Zanzibar, Monseigneur de Courmont, und dem berühmten Père Étienne Baur aus Bagamoyo. Die Herren brachten mir Nachrichten von meinem Bruder. Derselbe war totkrank nach Bagamoyo gebracht worden. Dort lag grade ein östreichisches Kriegsschiff, und der Arzt desselben übernahm die Behandlung. Als indessen nach den angewandten Mitteln das Fieber sich ungeschwächt wieder einstellte, sagte der Marinearzt zum Pater Baur, nun könne er nichts mehr machen und wolle ihm den seiner Ansicht nach hoffnungslosen Patienten überlassen. Père Étienne hat seine bewährten Kraftmittel angewandt, nämlich riesige Gaben Chinin, denen aber jedesmal entsprechende Brechmittel vorausgeschickt werden, um den Magen auszufegen und dem Chinin volle Wirksamkeit zu geben. Es gehört allerdings eine kräftige Konstitution dazu, um eine solche Kur des öfteren durchzumachen. Albrecht hat einen derartigen schweren Anfall von Gallenfieber jetzt bereits zum drittenmale überstanden. Sobald er transportfähig war, hat man ihn nach Zanzibar geschickt, wo er nun im Hospital liegt; doch versicherten mir beide Herren, er sei jetzt außer Gefahr, ich möchte mich seinetwegen völlig beruhigen. Père Étienne kennt meinen Bruder, seit er hier ist, was nun bald drei Jahre sind, und mag ihn sehr gern. Vornehmlich bewundert er aufrichtig Albrecht's spartanische Härte gegen sich selbst, wovon er mir manches zu erzählen wußte. Père Étienne steht seit 26 Jahren der Missionsniederlassung in Bagamoyo vor und gilt als der erfahrenste und sicherste Berater in allen möglichen Dingen. Er ist Elsässer und spricht mit uns nur deutsch. Monseigneur de Courmont, der ein vornehmer Franzose ist und seinen Manieren nach mehr im Salon zu Hause ist, als in der afrikanischen Einöde, versteht dagegen kein Wort deutsch. Wir (die Haushälterin und ich) haben ein für afrikanische Verhältnisse recht annehmbares Diner zu stande gebracht; beim Kaffee freilich fungierte als Sahnengießer ein alter Tassenkopf, doch nimmt man das bei uns nicht so genau. Übernachten mußten die liebenswürdigen Gäste auf ihrer Missionsdau, deren Segel durch ein aufgenähtes großes schwarzes Kreuz schon von weitem kenntlich ist.
Herr Leue läßt soeben seine Asikari vor dem Hause Übungen machen, was schon recht gut geht. Wie bei uns zu Hause, sind die Rekruten auch hier stets von Neugierigen umringt. Anfangs haben die Leute von Dar-es-Salaam gelacht; seitdem Herr Leue aber die Spötter mit einigem Nachdruck hat weitergehen heißen, steht alles andachtsvoll in ehrerbietiger Entfernung.
Fräulein Marie, die Nichte des Missionars, ist wieder wohlauf und singt wie ein Vogel.
d. 3. September 1887.
Es regnet täglich einige Stunden, die kleine Regenzeit (September, October) scheint also pünktlich einzutreten. Die Veranda, auf der ich schreibe, steht augenblicklich unter Wasser, da etliche Dachrinnen sich auf sie ergießen. Der Himmel ist ein grauer Sack. Die Veranda beherbergt neben uns eine ganze Menagerie. Da wohnen auf Ständern, die Herr Tschepe angefertigt hat, vier zahme grüne Papageien, Moses, Heraklit, Männchen und Elias geheißen. Männchen ist so zahm, daß er auf Herrn Leue's Ruf anspaziert kommt und allerhand Kunststückchen macht, z. B. sich auf der flachen Hand seines Herrn »tot« stellt. Die Vögel sprechen nicht, noch schreien sie, was für unsere jeweiligen Fieberpatienten sehr vorteilhaft ist. Die ausgelassensten der Tierbande sind zwei Freunde sehr verschiedener Abstammung, der junge Hund »Kescho« und die Manguste. Letztere, bei uns unter dem Namen Ichneumon bekannt, erscheint mir wie ein Mittelding zwischen Affe und Ratte. Das Tierchen ist so unschön als möglich, aber zahm und zutraulich. Es liegt wie ein Schooßhund am liebsten auf dem Ende meines Kleides, und so oft es von diesem Platz fortgejagt wird, so oft kommt es wieder. Furcht kennt es gar nicht. Neulich stand unsere Tischglocke auf dem Fußboden. Da ging die Manguste hin und untersuchte den unbekannten Gegenstand mit den Pfötchen. Ich dachte: warte nur, wenn es klingelt, wirst Du schon Reißaus nehmen! Aber keineswegs! Das Klingeln schien ihr vielmehr Vergnügen zu machen und sie bewegte fröhlich den Metallklöppel, bis ich die Glocke ihren unbefugten Pfötchen entriß. Die eigentlichen Clowns der Gesellschaft sind aber auch hier die kleinen Affen.
Morgen ist Sonntag. Da räumen wir unsere Veranda zur Kirche um und versammeln Alles, was sich zum Christentum bekennt, zu einem Morgengottesdienst. Der Kawaß Abdallah, der Araber und Mohamedaner ist, aber bedingungslos thut, was sein Herr von ihm verlangt, wird von diesem auch zur Kirche kommandiert. Abdallah freut sich über das Ceremonielle und Feierliche des Vorgangs, das Übrige ist ihm, da er nichts versteht, ganz gleichgültig.
Dar-es-Salaam, d. 5. Sept.
Vieles entbehre ich gern, aber ungern das Wasser. Unser gutes deutsches Mineralwasser ist am Ende, und der Wein geht auf die Neige. Was ist aber auch Wein für einen wirklich Durstigen! Das hiesige Wasser giebt Fieber, darf also nicht getrunken werden. Nach zweimaliger Abkochung ist es zwar unschädlich, hat aber einen so widerlichen Geruch, daß ich dann doch das weichliche Kokosnuswasser vorziehe.
Dar-es-Salaam, d. 7. Sept.
Herr Tschepe leidet an einer Entzündung der Augen, die ihn zu momentaner Untätigkeit verurteilt. Darüber ist der Arme ganz melancholisch. Wir müssen ihn gewaltsam nötigen, im verdunkelten Zimmer zu verweilen. Ich lese ihm jetzt aus Keller's ›Leuten von Seldwyla‹ vor; aber sonderbarer Weise wirkt hier diese Lectüre gar nicht erheiternd, wahrscheinlich weil man sich von den Vorgängen und Anschauungen der deutschen Kleinstadt zu sehr abgetrennt fühlt. Daheim habe ich Thränen gelacht über diese Geschichten.
Dar-es-Salaam, d. 8. Sept.
Die Station besitzt vier Esel, von denen drei zum Lasttragen benutzt werden; der vierte, ein weißer Maskatesel, dient als Reitpferd.
Eines der hübschesten Negerdörfer von Zanzibar bis zum Rowuma ist das zwanzig Minuten von Dar-es-Salaam entfernte Bagamoyo (nicht die bekannte Stadt gleichen Namens). Der Weg dorthin ist wie ein Parkweg, breit und ziemlich gradlinig mit einer Einfassung von Ananasstauden umgeben, führt er durch Wiesen, auf denen die Rinderherden der reichen Indier friedlich grasen. Aus schilfumgebenen Wassertümpeln, dem idyllischen Wohnort giftiger Schlangen, tönt das Quaken des Ochsenfrosches und vereint sich zur friedlichen Abendsymphonie mit dem tausendfachen Gezirpe der Grillen. Rechts und links vom Wege ist die Wiese geschmückt mit prachtvollen Mangobäumen, deren compakte Laubkronen fast den Rasen berühren. Gelbe Blüten umspinnen das dunkle Grün jetzt wie mit Goldfiligran und ein Duft entsteigt ihnen ähnlich dem unserer Lindenblüte. Aus kleinen Vertiefungen ragen die riesigen Sammetblätter saftgrüner Bananen. Blühende Baumwollsträucher, Granaten, Orangen und über diese ragend Gruppen schlanker Kokospalmen vervollständigen das Bild dieser wilden Parklandschaft, wie ich sie ähnlich nur in Mikindani gesehen.
Hier reite ich zuweilen gegen Sonnenuntergang auf dem Maskatesel. Ich belausche dabei gewöhnlich einen frommen Muselmann, der in wallendem, weißen Gewand auf dem Dach seines Hauses steht und unter vielen Verneigungen Koranverse absingt. Dann bildet der rotgoldene Abendhimmel mit den scharfen Silhouetten einzelner Palmen und dem Aufblitzen des hier und da durchschimmernden Meeres einen Hintergrund, der an die Heiligenbilder auf den bunten Glasfenstern der Kathedralen erinnert. Es ist wirklich märchenhaft.
Dar-es-Salaam, d. 10. Sept.
Ich habe auf der Station den regelmäßigen Gebrauch von Eno's Fruchtsalz eingeführt, als Vorbeugungsmittel gegen die Gallenbeschwerden, mit denen wir hier beständig zu kämpfen haben. Das Schwierige ist auch hier der Mangel an Trinkwasser. Wir helfen uns mit dem wasserklaren Saft der Kokosnüsse, von denen Herr Leue anfangs zwar nichts wissen wollte, aber Not lehrt beten. Er hat sich rasch bekehrt. Der Kokosnußsaft schmeckt wie Zuckerwasser mit einem Nußbeigeschmack, anfangs fade, aber erfrischend, wenn man daran gewöhnt und durstig ist.
Dar-es-Salaam, d. 12. Sept. 1887.
Eben kam einer dieser schwarzen Hanswurste zu mir und bat mit jämmerlicher Miene um »Daua«. Er war in dem leichten Kostüm erschienen, das wir »blouse au naturel« nennen, zeigte auf seine Brust und seufzte kläglich, dieselbe sei »hawesi sana!« (sehr krank). Voll Mitleid ging ich nach der Apotheke, um ihm ein Dover'sches Pulver zu holen. Als ich aber wieder kam, wahrscheinlich früher als der Schwerkranke vermutete, fand ich meinen Ali mit der Dienerschaft lachend und Witze machend, daß der Schlingel sich mit den weißen Zähnen in beide Ohren zu beißen schien. Sowie er mich bemerkte, wurde höchst naiv und ohne jeden Übergang wieder die Duldermiene aufgesetzt.
Gestern trat ein langer, sorgfältig gekleideter Schwarzer bei mir an und überreichte mir einen Brief von meinem Bruder. Albrecht schrieb:
»Ich werde morgen per Sultansdampfer Nyanza nach Bombay fahren und dann in die Berge; denn man hat mir Klimawechsel und Bergluft verordnet. In drei Monaten komme ich wieder. Wird man hier nicht blasiert? Heute hatte ich etwa folgende Unterhaltung mit dem italienischen Consul Filonardi: »Guten Morgen«. – »Wie geht es Ihnen? Besser?« – »Danke; fahre morgen ein bischen nach dem Himalaya.« – »Wollen Sie vorher bei mir frühstücken?« – »Gern; wieviel Uhr?« – »Elf.« – »Werde kommen, adieu.« Ich will Dir Abdallah während meiner Abwesenheit lassen, wenn Du ihn brauchen kannst. Ich habe ihn über ein Jahr in meinem Dienste, und möchte ihn nicht gern verlieren etc.«
Abdallah, der mit seinem äußerst ehrbaren Gesicht wartend vor mir stehen geblieben war, mußte mir von der Abreise seines Herrn erzählen. Er hatte die letzte Nacht an Bord der Nyanza zugebracht; Abdallah wird, so lange er bei mir ist, Carl Schmidt heißen, denn er ist die schwarze Ausgabe eines Jünglings dieses Namens aus meinem Heimatsdorfe Ingersleben. Abdallahs und Abdullahs laufen hier schon zu viel herum.
Dar-es-Salaam, d. 14. Sept.
Täglich kommen Araber, Indier und Schwarze mit allerlei Krankheit behaftet und verlangen Heilung, vor allem aber »Daua« d. h. Medicin. Mit den einfachen Hülfsmitteln von Diät, Luft und Wasser (äußerlich angewandt!) ist bei diesen Leuten nichts zu machen. Sie bringen Glauben und verlangen Wunder. Ein von Unreinlichkeit strotzendes und darum mit Ausschlag behaftetes Indierkind wusch ich vor den Augen des zärtlichen Vaters mit warmem Wasser und in Ermangelung von anderer, mit meiner eigenen Waschseife. Darauf empfahl ich dem Vater dringend, diese Waschungen mit beliebiger Seife täglich, womöglich zweimal vorzunehmen. Der gute Mann ließ sich aber nicht davon abbringen, die Heilkraft allein in der von mir gebrauchten Seife zu suchen und ließ mir keine Ruhe, so daß ich endlich, um ihn nur los zu werden, ein Stück von meiner armen Seife abschnitt und ihm mitgab.
Ich gehe fast alle Tage nach dem neuen Haus hinüber, in dem uns ein fünffenstriges, gesund gelegenes Zimmer zum Krankenzimmer und ein Turmstübchen zur Apotheke überlassen worden ist. Leider gehen die Reparaturen nur langsam vorwärts. Viel zu thun ist hier nicht für uns; denn seit wir hier sind, ist bis auf leichte, sich regelmäßig wiederholende Fieberfälle, Gott sei Dank Alles gesund. Eine Pflegerin wird, solange Frau und Nichte des Missionars zu gelegentlicher Aushülfe bereit sind, in Dar-es-Salaam völlig ausreichend sein.
Dar-es-Salaam, d. 16. Sept.
Gestern ließ Herr Leue durch Ali Amadi, den gebildeten Diener, der mit Herrn Paul Reichardt in Berlin gewesen ist, den Wali nebst seinem Secretär Abdullah zum Abendessen einladen. Die Herrn Araber, die das Ehrende einer solchen Einladung voll zu würdigen wußten, erschienen im vollen Waffenschmuck ihrer malerischen Tracht, fühlten sich aber nichts weniger als behaglich. Herr Leue bat Herrn Missionar Greiner, den Herren auf arabisch zu sagen, sie möchten thun, als ob sie zu Hause wären, und sich nicht um Gabel und Messer kümmern. Da lächelten die Gäste würdevoll und griffen mit den Fingern in das Hühnerragout. Während wir Wein tranken, wurde ihnen Kokosnußwasser eingeschenkt. Herr Leue sprach ihnen sein Bedauern darüber aus, daß sie sich einen so herzerfreuenden Genuß, wie den des Weines, entgehen lassen müßten, und fragte, warum ihnen dies Verbot gegeben worden sei? Der Wali antwortete: »Wein in Mäßigkeit genossen erheitert zwar des Menschen Gemüt; aber der Prophet, dessen Name gelobt sei, wußte, daß wir zu schwach sind, um Maß zu halten und daß wir in der Unmäßigkeit den Tieren gleich werden.«
Da Abdullah, ein intelligenter junger Mann, noch in derselben Nacht nach Zanzibar abreist, gaben wir ihm Briefe und Grüße mit. Abdullah hat uns häufig abends besucht, teils mit, teils ohne Freund, um sich Daua zu erbitten. Merkwürdiger Weise sind die Bewohner von Dar-es-Salaam vielfach brustleidend. Der Wali und sein Secretär husten um die Wette.
Sobald wir Kaffee getrunken hatten, baten die Herren Araber sich empfehlen zu dürfen. Das Souper war für sie eine beschwerliche Ceremonie gewesen und sie dankten gewiß ihrem Gott, als sie es überstanden hatten.
Heute kam ein Araber aus Bagamoyo (der Stadt), und reclamierte einen der Feldarbeiter der Station als seinen Sclaven. Derselbe sei ihm vor drei Jahren entlaufen und nun auf einmal hier aufgetaucht. Herr Leue ließ den Burschen holen und fragte ihn, ob sich die Sache so verhielte, wie der Araber behauptete. Der junge Mann, ein bescheidener anständiger Mensch und guter Arbeiter, gab zu unserem Bedauern ohne weiteres alles zu. Herr Leue hatte wenig Lust, den armen Burschen auszuliefern und entschied sich dahin, den Fall vor den Wali zu bringen. Der Wali ließ sagen, er werde sich sofort einfinden und erschien, während wir beim Essen saßen, mit seinem Begleiter. Der Entlaufene, der bis dahin bewacht worden war, wurde vorgeführt. Der Wali unterzog ihn einem kurzen Verhör. Mir gefiel die natürliche Würde des Arabers, der seine Fragen in leisem, sanften Ton stellte und dabei, ohne streng zu thun, durch seine Unbeweglichkeit Respect hervorrief. Er erkundigte sich nach des Burschen Herkunft, seiner Heimat, seinen Verwandten etc. Der junge Mann antwortete präcis und wie Einer, der nichts zu verheimlichen sucht. Er erlaubte sich sogar einmal eine scherzhafte Bemerkung, die den Wali und seinen Begleiter zu wohlwollendem Lächeln veranlaßte. Darauf wurde der Angeklagte wieder abgeführt und Herr Leue frug den Wali, was er zu diesem Fall denke? Dieser sagte, da Vater und Mutter des Burschen freie Leute seien, so könne auch er nicht Sclave von Geburt sein, sondern wahrscheinlich sei er geraubt worden, was er auch selbst sage. Herr Leue antwortete, es sei natürlich seine Absicht Gerechtigkeit walten zu lassen und er wolle Niemand sein rechtmäßiges Eigentum vorenthalten. Wenn aber der Wali feststellen könne, daß der in Frage stehende Jüngling nicht Sclave sei, so geschähe ihm damit ein großer Gefallen etc. Da meinte der Wali, der Ausgang dieser Angelegenheit würde wesentlich von dem klugen Verhalten des Burschen selbst abhängen. Er werde sofort Leute ausschicken, um die Verwandten aus deren Dorf Mtoni kommen zu lassen und morgen Gerichtssitzung halten.
d. 17. September.
Die Verwandten des Jünglings waren bereits heute Morgen zur Stelle, also muß der Wali seine Boten in der Nacht geschickt haben. Herr Leue hat der großen Gerichtssitzung etwa eine Stunde lang beigewohnt. Er erzählte dann, der Vater sei ein Schafskopf; aber da sei ein Oheim mitgekommen, der habe sich für den Neffen gewaltig ins Zeug gelegt. Der Besitzer des Entflohenen und dessen Freund hätten auf der anderen Seite einen heillosen Lärm gemacht, um zu ihrem Rechte zu gelangen. Der Wali hat die Sache vertagt. Er will zunächst nach Bagamoyo schicken und den Händler herbeischaffen, von dem der Kläger den Burschen gekauft haben will.
Dar-es-Salaam, d. 20. Sept.
Sejid Madjid hat, als er diesen Hafen zu seiner Residenz erkor, hier einen Wald von Kokosnußpalmen anpflanzen lassen, der sich etwa eine Stunde weit in der Ebene hinzieht. Wenn ich in dem mäßigen Waldesschatten auf dem weichen Sandboden gehe, rings um mich her Baumstämme und nichts als Baumstämme, so fühle ich mich in den Grunewald versetzt. Hat unser Maskatesel nichts für die Station zu thun, so reite ich vor dem Morgenkaffee mitunter durch den Wald nach der Schamba. Dies ist eine Oase. Um den durch einen Quell gebildeten, mit Schilfpflanzen und Papyrus angefüllten Weiher, den Lieblingssitz der von den Schwarzen sehr gefürchteten kleinen Giftschlangen, bedeckt üppiges Grün den Sandboden. Ein Stacket umgiebt Weiher und Wiese. Hier weiden die Rinder und Schafe der Station, sowie auch die Eselin »Johanna«.
Heute Morgen machte ich die Erfahrung, daß man das Naturell der Maskatesel nicht unterschätzen darf. Da ein Damensattel selbstverständlich zu den hier unbekannten Gegenständen gehört, reiten wir auf einer Decke, ohne Steigbügel, also ohne jeden Halt. Das ging bis heute ganz vortrefflich und ich hatte nie die geringste Sorge. Heute Morgen nun, als ich von der Schamba zurückkehrend, im Begriff war, in die erste Indergasse Dar-es-Salaam's einzulenken, fing es an zu regnen. Ich ließ den Zügel fallen und machte mir mit beiden Händen an meinem Schirm zu schaffen. Als dieser aber beim raschen Aufspannen etwas krachte, wurde mein Reittier plötzlich wild und that einen jähen Sprung zur Seite. Da ich auf ein derartiges Manöver gänzlich unvorbereitet war, fiel ich sofort hinten über. Es gelang mir eben noch, dieser unfreiwilligen Beugung nach rückwärts so weit nachzuhelfen, daß ich, den aufgespannten Schirm in den Händen, der ganzen Länge nach zwar, aber doch unbeschadet auf die Erde zu liegen kam. Der feurige weiße Renner sauste unterdessen über die Ebene, dem Walde zu, denn sein Herz trieb ihn nach der Schamba, wo Johanna, seine Freundin, graste. Questenberg, der schwarze Stallknecht, der uns auf unseren Spazierritten zu Fuß begleitet, lief, was er laufen konnte, hinter dem Ausreißer her und war, als ich mich aufrichtete, schon in weiter Ferne. Das Schicksal seines Pflegebefohlenen beunruhigte ihn natürlich ungleich mehr, als das meine. Bald verschwanden Beide im Palmenwald. Ich mußte, beschämt über meinen Leichtsinn, mit dem zum Glück unzerbrochenen Übelthäter von Schirm zu Fuß nach Hause pilgern, gelobte aber im Stillen, in Zukunft dem Temperament einer edlen Rasse etwas mehr Rechnung zu tragen.
Zwei Stunden später erst führte Questenberg den endlich eingefangenen Ausreißer in den Stall zurück.
Dar-es-Salaam, d. 22. Sept.
Gegen Abend fahren wir täglich ins offene Meer hinaus, um durch Einatmen der kräftigen Salzluft uns gegen das Fieber widerstandsfähiger zu machen. Mit Kreuzen jeden Windstoß ausnutzend, gelangen wir meist, ohne die Riemen in Bewegung zu setzen, durch die enge Öffnung des Hafens. Schon der Anblick der weiten leuchtenden Wasserfläche wirkt nervenstärkend. Dann schäumen die vom Kiel durchschnittenen Wellen zischend um das Boot, wie Champagner, und die salzigen Wassertropfen fallen wie ein Sprühregen auf uns nieder. Neben Herrn Leue, dem »bana mkubua« von Dar-es-Salaam, der den Sonnenschirm in der einen, das Steuer in der anderen Hand hält, sitzt der zierliche Mandoa, die geladene Büchse schußbereit. Regt sich etwas im Gestrüpp am Strande, oder blinkt zwischen dem Gezweig die weiße Brust eines Wasservogels, so gerät Mandoa in Aufregung wie ein guter Jagdhund und sieht seinen Herrn herausfordernd an, bis dieser zum Gewehr greift. Dann knattert ein Schuß oder zwei und von den Hügeln schallt das Echo zurück, oder wenn der Schuß einem Tümmler galt, springt die Kugel wie ein Gummiball wieder und wieder aufschlagend auf dem Wasser hin. Sämtliche Asikari, die, während Segel und Wind sie vom Rudern dispensieren, plaudernd umhersitzen, verfolgen mit lebhafter Teilnahme den Vorgang.
Am Horizont sieht man als eine Zackenlinie die schaumgekrönte Dünung der hohen See. Zuweilen erscheint dort ein schneeweißer Punkt, der langsam größer wird und endlich als leuchtendes Segel sich scharf vom Himmel abhebt. Dann fragen wir jedesmal: »Kommt die Dau von Zanzibar?«, worauf die Asikari antworten: »von Zanzibar« (suaheli = ja Ungudja). Oder sie sagen: »Es ist ein Fischerboot.« In Zweifel sind sie eigentümlicher Weise nie. Das Fischerboot läßt uns gleichgültig; ist es aber eine Dau von Zanzibar, so segeln wir ihr entgegen, weit hinaus, wenn Wind und Wellen es erlauben. Bald hört man ein dumpfes Trommeln, das ist die »ngoma«, mit der sich die Schifffahrer die Zeit vertreiben. Der Trommelwirbel ist schon aus weiter Ferne vernehmlich und klingt fast unheimlich; die begleitende Pfeife hört man erst viel später. Haben wir die Dau erreicht, so rufen wir dem Kapitän zu, ob er eine »Post« für uns habe? Zuweilen reicht man dann ein mit Bindfaden umwickeltes Packetchen ins Boot hinüber, über dessen Inhalt wir uns gierig hermachen. Ist nichts für uns da, so verachten wir die Dau und fahren resigniert weiter. Dann geht die Sonne unter. Wir nehmen die Flagge ab und wickeln sie zusammen. Das Rot am westlichen Himmel erlischt rasch und der Wind legt sich vollständig. Das Segel wird gerefft und die Ruder, die in sicherem Takt das Wasser teilen, wirbeln mit jedem Schlage tausend diamantgleiche Funken auf. Zuweilen springt in unserer Nähe ein Delphin hoch in die Luft und senkrecht ins Meer zurück. Diese Tiere scheinen die Zeit nach Sonnenuntergang gymnastischen Übungen zu widmen.