Zanzibar, d. 1. Okt. 1887.
Da mir die Herren der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft in der zuvorkommendsten Weise geholfen haben, ist es mir gelungen, ein nicht weit von der Stadt am Meere gelegenes Haus zu mieten. Es ist umgeben von herrlichen Bäumen, schattig und still, also für Kranke und Erholungsbedürftige der geeignetste Aufenthalt. Ich werde dort, wenn ich von Deutschland aus genügende Unterstützung erhalte, eine Apotheke einrichten, um die einzelnen Stationen stets mit den notwendigen Medicamenten etc. versorgen zu können. Nach und nach können wir hoffentlich auf jede der Küstenstationen eine oder zwei Pflegerinnen setzen und ihnen die Ausrüstung für ein den sanitären Anforderungen nach Möglichkeit entsprechendes Krankenzimmer mitgeben. Auch hier sollen mehrere Zimmer für Kranke oder Reconvalescenten bereit gehalten werden.
Unsere Östreicherin hat inzwischen einen kleinen Jungen bekommen und befindet sich unter der Obhut der Hospitalschwestern ganz wohl. Es ist ein anmuthiges Bild, wenn die kleine, zarte »mère supérieure« das winzige Wickelkind auf den Armen hält und mit zärtlichem Stolz in den großen Augen auf das dumme Gesichtchen niedersieht. Ein so junger Pflegling mag selten ihrer Hut vertraut werden! Der Naturforscher ist auf einige Wochen hier gewesen, um seinen Sohn kennen zu lernen; aber zum Leidwesen der jungen Frau ist er wieder auf den Continent zurück. Er hat sie freilich samt dem Kindchen in die Wildnis mitnehmen wollen; – man weiß nicht, soll man solchen absoluten Idealismus bewundern oder ihn belächeln! Die Missionen, beide, die katholische und die englische, haben diesen zuversichtlichen Jünger der Wissenschaft fast mit Gewalt von diesem Vorhaben abgebracht. Die hiesigen Damen sind übrigens ganz erstaunt, daß ich bei dem wiederholten Küstenwechsel doch noch nicht den üblichen Tribut an Fieber gezahlt habe. Sie meinen, innerhalb elf Tagen solle ich mit Bestimmtheit auf einen Anfall rechnen. Ich glaube aber nach allem, was ich bis jetzt unangefochten durchgemacht habe, daß ich außerordentlich wenig zum Fieber disponiere.
d. 5. October 1887.
Bei dem hier stets nur zwölf Stunden dauernden Tag und der Hitze während desselben ist es ratsam, die Morgenstunden zu benutzen, was die Freunde auch stets thun. Es ist vorgekommen, daß Ramassan um sechs Uhr morgens schon an meine Thüre klopft mit der Meldung, die Herren säßen unten im Boot und ließen fragen, ob ich nicht Lust hätte, mich an der Fahrt zu beteiligen. Diese Botschaft weckt mich aus tiefem Schlaf; das Frühaufstehen war immer meine schwächste Seite. Ich halte indessen Fahren auf dem Meer für das beste Vorbeugungsmittel gegen Fieberzustände und versäume deshalb nicht gern eine Gelegenheit dazu, trotzdem ich selbst im Boot nicht vor Anwandelungen des leidigen Seeübels sicher bin. Am angenehmsten ist die Fahrt, wenn Herr Consul O'Swald den Kapitän macht; denn er ist ein halber Seemann, kennt jeden Fleck im Hafen und ist ebenso gewandt wie ruhig und besonnen. Regiert dagegen Herr Dr. Peters das Segel, so mache ich mich jedesmal auf ein unfreiwilliges Wellenbad mit zweifelhaftem Ausgang gefaßt. Dann pflegt unser kleines Boot ganz auf der Seite zu liegen und macht bei Wendungen und beim Manövrieren mit dem Segel bedenkenerregende Bewegungen. Vor dem Ertrinken fürchte ich mich nicht sehr, ich kann sogar ein wenig schwimmen, dagegen denke ich es mir sehr unangenehm, von Haifischen aufgefressen zu werden. Die Offiziere des Nautilus behaupten allerdings, es befänden sich zur Zeit nur zwei Haifische im Hafen, Karl und Anton geheißen. Die seien mit dem letzten von Arabien heimkehrenden Pilgerschiff hereingekommen. Anton sei gutartig, Karl habe dagegen erst vor Kurzem einen Neger aufgefressen.
Thatsache ist, daß die Haifische sich den von Norden kommenden Pilgerschiffen anschließen. Der fromme Sultan Bargasch ben Said giebt so viel Pilgern, wie das Schiff aufnehmen kann, freie Überfahrt nach Arabien und läßt an Reis und Kokosnüssen so viel an Bord schaffen, daß die Gläubigen eine ganze Weile davon leben können. Da der Sultan bis auf einen Araber lauter deutsche Kapitäne hat, so werden auch diese Pilgerschiffe meist von einem Deutschen commandiert. Herr Kapitän Jürgensen erzählte mir Schauerliches von der Rückfahrt eines solchen Schiffes. Die Gläubigen, die sich als Deckpassagiere durch hervorragende Unsauberkeit auszeichnen sollen, haben auf der Reise vom Hafen nach Mecca und zurück gewöhnlich, was sie an Geld und Mundvorrat noch besaßen, aufgezehrt. Dann entstehen an Bord Hunger und Epidemien. Die über Bord geworfenen Leichen ziehen die Haifische an, und diese ungemütlichen Tiere halten mit den überlebenden Pilgern ihren Einzug im Hafen von Zanzibar.
d. 12. October.
Fieber habe ich bis jetzt nach Ablauf der kritischen elf Tage noch nicht bekommen, obwol ich den Rat der Hospitalschwestern, am neunten und zehnten Tage nach meinem Eintreffen hier Chinin zu nehmen, in dem allmälig gewonnenen Gefühl der Sicherheit nicht befolgte. Heute aber habe ich vor Ungeduld und Ärger geweint. Man braucht nur etwas Dringendes vorzuhaben, wobei man auf hiesige Zwischenhändler angewiesen ist, so lernt man ein Lied von der Unzuverlässigkeit und unbesiegbaren Indolenz dieser Orientalen singen! Mir liegt so viel daran, bald in die gemietete Schamba überzusiedeln und ich komme nicht mit den vorbereitenden Arbeiten von der Stelle.
d. 15. October.
Mohamed ben Salim ist gestorben. Dieser Premierminister des Sultans war erst ein Dreißiger und sein plötzliches Ende giebt zu allerhand dunklen Mutmaßungen Anlaß. Er soll sich die Ungnade seines Herrn zugezogen haben. Er hat einen Tag vor seinem Ende an Herrn Dr. Peters eine Botschaft geschickt mit der Bitte, dieser möge sich persönlich zu ihm bemühen, er habe ihm etwas mitzuteilen. Herr Dr. Peters verschob den Besuch auf den nächsten Tag; inzwischen war aber der Araber gestorben. Im Volke war der Verstorbene gefürchtet und beliebt. Der lange Abdallah (Karl Schmidt), ein Juwel von einem Diener, der sonst kein überflüssiges Wort redet, blieb heute beim Spaziergang plötzlich vor mir stehen, wandte sich nach mir um und sagte mit düsterem Ernst: »Bibi! Mohamed ben Salim kaputto«. Das letzte Wort haben sich die Schwarzen von uns angeeignet und gebrauchen es mit Vorliebe. Auch unser »ja« gefällt ihnen so gut, daß sie es nicht nur im Verkehr mit uns, sondern auch unter einander anwenden.
Insel Zanzibar. Schamba,
d. 25. October.
Gott sei Dank, ich bin in meinem Hause und mit der Einrichtung desselben so ziemlich fertig! Die neugeflochtenen Matten liegen auf den Stubenböden, die Möbel stehen an ihrem Ort, Wäsche und Verbandzeug, säuberlich geordnet, füllt in großen Haufen die Schränke; sogar die Fenstervorhänge sind genäht und aufgesteckt. Das an sich sehr hübsche Haus sieht nun so sauber und freundlich aus, daß es eine Freude ist, darin umherzugehen. Die vielen großen Kisten mit Wäschegegenständen und Küchenutensilien, die mit dem letzten Schiff von Berlin geschickt worden, sind auf den Schultern schwarzer Pagazi zu mir hinausgewandert; man hörte den tactmäßigen Gesang schon von weiter Ferne und bald unterschied ich an der Art des Atemholens zwischen dem Singen, sowie am Tempo, ob eine schwerere Last zu erwarten war, oder eine leichtere. Je schwerer die Last, desto schneller und abgebrochener tönte der Gesang. Hier angekommen, speculierten die meist nur mit dem Lendentuch bekleideten Jünglinge auf meine Gutmütigkeit und stellten sich, als ob sie heftige Leibschmerzen hätten. Ich hatte nämlich einem unter ihnen, der wirklich Magenschmerzen zu haben schien, etwas Cognac verabreicht. Auf eine sofort ausgebrochene Epidemie konnte ich mich natürlich nicht einlassen, ich gab jedoch den Hanswursten, um sie zu trösten, pro Mann zwei der aus Berlin erhaltenen Pfeffernüsse, und das befriedigte sie auch.
Beim Auspacken der Kisten, was auf der unteren Veranda vorgenommen wurde, umstanden uns die Diener voll Neugierde und äußerten naive Bewunderung für jeden unbekannten Gegenstand aus »Uleija« (Europa). Auch das Füllen der Bettkissen mit Kokosnusfasern haben wir auf der zu ebener Erde gelegenen Veranda besorgt.
Mit dem Kisuaheli, das hier überall die vermittelnde Sprache bildet, komme ich freilich noch nicht weit. Die feuchte Hitze, diese wahre Treibhaustemperatur, wirkt so erschlaffend, daß man sich wenig zu Sprachstudien aufgelegt fühlt. Freilich würde mich die Notwendigkeit zwingen, endlich ernsthaft zu lernen, wenn ich nicht eine Haushälterin hätte, die nach jeder Richtung hin ein Wertobject ist. Ich habe sie sowol wie den Diener Boheti und den Küchenjungen Hamed der Station Dar-es-Salaam ausgeführt. Frau Glühmann ist von Geburt Griechin. In dem deutschen Waisenhaus der Kaiserswerther Diakonissen in Jerusalem »Talitha Kumi« hat sie ihre Erziehung erhalten und ist dann in Kairo als Köchin bei dem dortigen evangelischen Geistlichen gewesen. Dort und wol auch schon in Jerusalem hat sie arabisch gelernt, was sie fließend spricht, wenn auch in anderem Dialect als die Araber hier. In Kairo hat sie ein Deutscher, Namens Glühmann, der als Krankenwärter am dortigen deutschen Hospital angestellt war, geheiratet. Das junge Paar hörte von der hiesigen Kolonie, und von dieser alles Heil erwartend, verließen sie Kairo und kamen mit ihren Ersparnissen nach Zanzibar. Hier wollte sich indessen eine ihren Wünschen entsprechende Stellung nicht finden, vielmehr mußten sie dem ungewohnten Klima, das ebenso feucht ist, wie Ägypten trocken, reichlichen Tribut zahlen. Die deutsch-ostafrikanische Gesellschaft nahm sich ihrer an, soweit sie konnte. Ich kaufte ihnen zur Einrichtung unserer Pflegestation in Dar-es-Salaam ab, was sie an Hausgerät und Betten besaßen. Da mir sowol Baron Gravenreuth wie auch Herr Missionar Greiner die Leute warm empfahlen, habe ich sie immer im Auge behalten. Jetzt haben sie sich in den Parterre-Zimmern meines Hauses wohnlich eingerichtet und die Frau unterstützt mich aufs Beste. Sie führt die Wirtschaft, beaufsichtigt das Kochen, wobei sie den als Küchenjungen fungierenden Schwarzen, Namens Hamed, zum Koch anlernt, und da sie sich mittlerweile auch mit der Suaheli-Sprache vertraut gemacht hat, vermittelt sie den Verkehr zwischen mir und der hiesigen Bevölkerung. Sie hat alle vierzehn Tage Fieber, welches jedoch selten länger als einen Tag dauert und nicht mit Heftigkeit auftritt. Ihren Mann hat Herr Dr. Peters zunächst als Krankenwärter für die deutsch-ostafrikanische Gesellschaft angestellt, doch soll er hier wohnen. Er kann auf diese Weise mit seiner Frau zusammensein und wir haben in unserer einsam gelegenen Schamba den Schutz eines Europäers. Glühmann ist nach Pangani gereist, um den dort schwer erkrankten Dr. Spuhn zu holen.
d. 1. Nov. 1887.
Glühmann ist zu unserem Schmerz allein zurückgekehrt. Als er nach Pangani kam, war Herr Dr. Spuhn bereits seinen Leiden erlegen. Der Kranke hatte, wie das grade bei den Deutschen öfters vorkommt, hartnäckig das ihm gebotene Chinin zurückgewiesen, grade wie seinerzeit Herr Regierungsbaumeister Wolff. Neulich besuchte mich der Vorsteher der hiesigen katholischen Mission, Père Acker, und ihm sprach ich über die Bedenken, die von deutscher Seite so häufig gegen das Chinin erhoben werden. Er teilte sie nicht und meinte, die organischen Veränderungen, die wir dem Chiningenuß zuschreiben, seien eine Folge des Fiebers, nicht des Chinins. »Ich habe schon Manchen am Fieber sterben sehen,« sagte er, »aber noch Keinen am Chinin.«
Ein Herr Julius Hensel, »Lehrer der angewandten, organischen Chemie«, hat mir eine Kiste mit Salzen geschickt (biammonium phosphat, Hämolin-Eisen und calcium magnesium) und dieselben in einem ausführlichen Begleitschreiben als bewährtes, dem Chinin weit vorzuziehendes Mittel gegen das Malariafieber empfohlen.
Bis jetzt habe ich mit diesen Henselschen Salzen bei den Europäern freilich nichts ausgerichtet. Herr Missionar Greiner, dem ich in Dar-es-Salaam während eines mit Schüttelfrost verbundenen Fieberanfalls anriet, das jedenfalls unschädliche »Nervensalz« (biammonium phosphat) einmal zu probieren, wies diese Zumutung mit Entrüstung zurück! »Hebe Dich von mir, Satanas!« Hier, wo es sich so oft um Leben und Tod handelt, fühlt man sich im Allgemeinen zum Experimentieren nicht aufgelegt. Die in unserem an Gedankenarbeit reichen Vaterland gemachten Entdeckungen in die Praxis zu übertragen, das müssen wir einem vertrauenswürdigen deutschen Arzt überlassen. Hoffentlich schickt man uns bald einen solchen.
Meine leichten Fieberfälle behandle ich so: der Patient muß schwitzen, je mehr, desto besser. Dabei sinkt die Temperatur fast immer und er erhält ein Gramm Chinin. Am nächsten Tag, wenn die Blutwärme normal ist, erhält er noch ein halbes Gramm. Wer die Anfälle regelmäßig bekommt, wie Frau Glühmann und die Familie Greiner, muß, solange er meiner Obhut anvertraut ist, täglich ein Glas Chinawein trinken. Bei Galligkeit ist Eno's Fruchtsalz das Universalmittel.
d. 2. Nov. 1887.
Ich habe hier von allen Seiten den Blick ins Grüne. Eine wahre Wildnis von Mangobäumen und Palmen umgiebt mich. Rechts vom Hause ist der Hühnerhof, in welchem zur Zeit siebenunddreißig Hühner des Gebraten-, bez. Gekochtwerdens warten. Wir essen selten ein anderes als Hühnerfleisch und nur seine Zubereitung bietet Variationen. Daneben haben wir rohen Schinken, der sich zu meiner Verwunderung recht gut hält. Links liegt der Gemüsegarten, in den wir bereits Salat und Radieschen ausgesäet haben. Dort wachsen Melonen und Gurken, Papaïs und rote Pfefferschoten. Sogar ein Weinstock schlingt seine Reben um ein Gelände. Wenn die Regenzeit vorüber ist, will ich den von Berlin erhaltenen Blumen- und Gemüsesamen aussäen. Garten und Hof sind auf drei Seiten von dem Ackerland der Schamba umgeben, welches mit Maniok bestanden ist. Ananasstauden bilden die Einfassung des Ackers und der Beete, während eine Reihe dicht nebeneinanderstehender Bananen das Gartenland von den angrenzenden Wiesen trennt. Im Garten und auf dem Felde wachsen zahlreiche junge Orangenbäume, deren gelbgrünes Laub gegen das dunkle der riesigen Mangobäume und das saftgrüne der Bananen lebhaft kontrastiert. Die dichte, niedrige Hecke trennt meine Schamba von einem lang gedehnten Wiesenstreifen, der sich zwischen dem Meer und der Mnasimodja bis nach Zanzibar erstreckt. Vor der Stadt liegt die große Kaserne. Auf der erwähnten Wiese hält General Mathew Truppenrevue ab. Fast allmorgendlich werden dort militärische Übungen vorgenommen, und wenn ich noch halb im Schlafe liege, glaube ich mich beim Hören der kriegerischen Musik und der energischen Kommandorufe nach Berlin versetzt.
Hinter meinem Haus wirft das Meer seine Schaumwellen gegen zackige Korallenklippen. Auf einem vorspringenden Riff liegt so malerisch als möglich eine Station der englischen Mission, Kiungani. Es ist dies meine nächste europäische Nachbarschaft. Morgens, mittags und abends läßt das Glöckchen der dortigen Kapelle sein helles Läuten zu uns herüberklingen. Am Fuße des Kiungani-Felsens unmittelbar am Meere, das hier ziemlich starke Brandung hat, steht ein eigentümlicher langgestreckter Steinbau. Das ist Sr. Hoheit des Sultans Pulvermagazin.
Mein kleiner, zahmer Nachtaffe, Mucki, springt känguruhartig, die lächerlichen Händchen mit den langen Fingern in die Luft streckend, durch die Zimmer. Klapp, klapp, geht es immer, wenn die Hinterfüßchen nach weitem Luftsprung den Boden berühren. Mucki ist sehr zutraulich. Am liebsten klettert er mir auf die Schulter und jetzt beißt er grade ganz frech am Federhalter, mit dem ich schreibe.
d. 4. November 1887.
Heute besuchten mich zwölf Banjaninnen mit etlichen Kindern. Der etwa fünfzehnjährige Sohn meines Hauswirtes, Djeta Vali, geleitete die Damen hierher. Bei solchen Visiten macht Frau Glühmann den Dragoman. Mein großes Empfangszimmer füllt sich an mit zierlichen gelbbraunen Indierinnen. Es dauert eine geraume Weile, bis ich Allen in Erwiderung des schmeichelnden »Jambo, bibi, jambo!« die Hand gegeben habe. Abdallah und Boheti schleppen Stühle herbei und Alle nehmen Platz. Nun beginnt die Unterhaltung. Die anmutigste der jungen Frauen erzählt mir in harmloser Anschaulichkeit eine Krankheitsgeschichte, deren Details von Frau Glühmann übersetzt werden. Dabei hilft der junge Sohn des Djeta, der ein bischen englisch versteht. Dinge, über die bei uns der wohlerzogene Arzt seine Patientin im Flüsterton befragt, werden hier laut im Salon verhandelt, ohne daß es jemandem einfiele, verlegen zu werden. Diese naive Offenheit erinnert wirklich an das Altgriechische. – Ich hole der schönen Dame Arznei und gebe ihr nach meinem besten Verstehen Rat. In Wirklichkeit weiß ich gar nicht Bescheid bei ihrem Leiden, was mich sehr verdrießt, was ich aber nicht merken lassen darf. Die Patientin nimmt voll Dankbarkeit meine Hand und führt sie an Stirn und Augen. Um mein Gewissen zu erleichtern, empfehle ich ihr, den als sehr tüchtig geltenden persischen Arzt zu consultieren; aber sie schüttelt traurig den Kopf. Von einem Mann läßt sie sich nicht behandeln.
Die Banjaninnen tragen kurze, mit handbreiten, glatt anliegenden Ärmelchen versehene Jäckchen in den leuchtendsten Seidenstoffen, die sich der Form des Körpers eng anschließen. Die Oberarme sind mit schweren Goldreifen geziert, davon einige wol zwölf Centimeter breit sind. Sie tragen ferner, wie die Araberinnen, enge, bis auf die Knöchel reichende Beinkleider und um die Fußgelenke ebenfalls schweren Silber- und Goldschmuck. Über diesen unteren Kleidungsstücken befindet sich ein mehr oder minder geschmackvoll drappierter Überwurf von rotbuntem, persischen Muster, der schleierartig den Hinterkopf bedeckt, wie bei der sixtinischen Madonna. Das Vorschieben und Zurückwerfen dieser Umhüllung scheint zu den Lieblingsgesten zu gehören; es wird dabei viel Schalkhaftigkeit und Anmut entwickelt. Die Gesichter, deren Schönheit in den überaus sanften, träumerischen Augen besteht, haben die Damen nach Art der Schönheitspflästerchen aus der Rococcozeit mit Gold- und Silbersternchen beklebt; zwischen den Augenbrauen malen sie einen kreisrunden, zinnoberroten Fleck. Auf meine Frage, was dieser zu bedeuten habe, sagten sie: »dasturi«, d. h. es ist Brauch oder Sitte.
d. 7. November 1887.
Djeta Vali, der Besitzer meiner Schamba, ein reicher Indier, mohamedanischen Glaubens, besucht mich häufig. Er hält das ersichtlich für seine Pflicht als mein Hauswirt. Der würdige Herr, der, wenn er sich zu mir bemüht, stets sein wallendes Staatsgewand trägt, – (er besitzt deren zwei, ein burgunderrotes und ein königsblaues) – schreitet mit feierlichem Gesicht durch alle Zimmer und betrachtet die Einrichtung genau. Dann sagt er: »ah! ngema sana!« und seufzt dazu, denn er denkt wahrscheinlich, für diese jetzt »sehr gut« aussehende Wohnung hätte er mehr Mietgeld verlangen können. Im Empfangszimmer, wo Herr Djeta Platz nimmt, hängen zwei vorzügliche Bilder des Kaisers und des Kronprinzen. Während dem Gast der übliche Scherbet gereicht wird, fühlt er sich veranlaßt, die über diese Bilder erhaltene Lection zu recapitulieren. Er sagt dann: »Dies ist der Sultan der Deutschen und dies ist sein einziger Sohn. Euer Sultan ist 91 Jahre alt und sein Sohn 54.« Ich freue mich, daß er sich Alles gut gemerkt hat und füge als stehende Redewendung hinzu: »unser Sultan ist ein sehr guter Mann.« Darauf sagt Djeta: »Das hast Du gar nicht nötig noch zu sagen. Wenn er 91 Jahre alt ist, kann er gar nichts anderes sein; denn nur einen sehr guten Mann läßt Gott so alt werden.«
Dies ist einmal ausnahmsweise keine Phrase, sondern bei den Mohamedanern innigste Überzeugung. Der Sultan Bargasch ben Said machte vor Kurzem ganz dieselbe Bemerkung in einem Gespräch mit Herrn Dr. Peters.
d. 10. November 1887.
Unser geräumigstes im ersten Stock gelegenes Krankenzimmer ist zum Lazaret umgewandelt. Die Fellachen, die von Ägypten aus herbeigeschafft wurden, um den Tabaksbau auf den deutschen Stationen zu leiten, haben sich als dem Klima viel weniger gewachsen herausgestellt als unsere deutschen Herren, während man gerade das Gegenteil erwartet hatte. Jetzt liegen die armen Menschen hier vom Fieber geschüttelt. Ihr Führer, ein wohlhabender Araber und Tabakspflanzer aus Ismaïla, leidet schon seit Monaten an Dyssenterie und sein Zustand scheint hoffnungslos. Leider habe ich ihn zu spät in die Hände bekommen. Die anderen drei Kranken befinden sich in den fieberfreien Stunden sehr wohl hier. In ihren feuerroten, von unseren Berliner Damen genähten Hemden, sitzen sie mit kreuzweise untergeschlagenen Beinen auf ihren Betten und lachen mich so freundlich an, wenn ich mich nach ihnen umsehe. Sprechen kann ich nicht zu ihnen, denn sie verstehen nur arabisch. Nachdem aber, was ich durch Frau Glühmann höre, ist ihre Ausdrucksweise echt orientalisch. Einer beschwerte sich unwillig, als ihm während des Fiebers kein Brot verabreicht wurde. Als aber der Anfall vorüber war, dankte er in überschwenglichen Redewendungen für die gegen ihn ausgeübte Strenge und gipfelte in den Worten: »wenn Du mir nun sagst, Du wollest mir die Kehle durchschneiden, so soll es mir auch recht sein.«
d. 16. November.
Eben fuhr seine Hoheit der Sultan Bargasch ben Said an dem geöffnet stehenden Thor meines Gartens vorbei. Das ist immer ein glänzender Zug. Voran vier Paar rotuniformierte Vorreiter, dann zwei Offiziere der Leibwache in Schwarz und Gold, alle auf prachtvollen arabischen Pferden. Darauf folgt die geschlossene Equipage des Fürsten von vier schneeweißen Rossen gezogen, dann eine zweite Equipage, in welcher sich vermutlich einige Sultaninnen befinden. Den Schluß machen wieder zwei Paar feuerrote Reiter. Der ganze Zug bewegt sich in sausendem Galopp und ist verschwunden, kaum daß man einen Blick darauf geworfen hat. Der Sultan soll in letzter Zeit sehr alt geworden sein.
Vor Kurzem habe ich mit den Herren Baron Gravenreuth und Baron St. Paul einige reiche Indierinnen besucht, deren Ehemänner sehr darum gebeten hatten. Man tritt von der engen Straße aus in den Laden dieser Großhändler und Millionäre, in einen engen, düsteren Raum. In einer Ecke liegt ein Haufen gewaltiger Elephantenzähne, der nach wenig aussieht, denn die Zähne sind schwärzlich und unsauber, der aber einen ansehnlichen Wert repräsentiert. Die Comptoiristen hocken auf dem Fußboden und haben vor sich auf niederen, in Indien geschnitzten Holzschemeln die Kontobücher liegen, Folianten, in rotem, dem Aussehen nach kostbaren Stoff gebunden. Der Hausherr, der sich jedesmal sehr geehrt fühlte, führte uns dunkle und steile Treppen hinauf nach seinem Salon, der ungefähr aussah wie der Warenraum eines unserer kleinen Kaufleute. Glasschränke mit indischen Luxusartikeln rings an den Wänden; in den Nischen eine Menge Porcellan auf Wandbrettern, meist ein aus deutscher Fabrik stammendes blumiges Muster, wie man es bei uns auf den Dörfern findet. Nun wurden die »Bibis« herbeigerufen. Die Frauen des Djeta Wali kamen auch; aber die des Sewa Hadchi konnten sich nicht entschließen. Sewa, ein höchst intelligenter aber ebenso intriganter Herr, der für europäische Reisende die Karavanen auszurüsten pflegt, hielt uns in Folge dessen einen erbaulichen Vortrag über den himmelweiten Unterschied zwischen europäischen Frauen und Orientalinnen. Eine derartige Visite bietet im Allgemeinen nichts Interessantes, giebt aber den Indiern den Eindruck, daß wir Deutschen es gut mit ihnen meinen.
d. 18. Nov. 1887.
Gute Nachrichten von Dar-es-Salaam. Bertha hat meine Sendung erhalten. Sie hat täglich schwarze, arabische und indische Patienten; daneben beaufsichtigt sie die Küche der Station. Die Herren Leue und Tschepe sowie Herr Missionar Greiner und seine Damen sind Gott sei Dank alle wohlauf.
Herr Dr. Bley aus Usungula und Herr Schroeder von der Plantagengesellschaft sind auf kurzen Urlaub in Zanzibar gewesen. Beide arbeiten mit wahrem Fanatismus daran, ihre Niederlassungen zu Musterstationen zu machen.
Herr Dr. Bley hat von Usungula einen Baumstamm mitgebracht, dessen ebenholzschwarzes, festes Holz ihm der Beachtung wert scheint. Mein Bruder ist auf dem Rückweg von Indien hierher begriffen, hat aber in Magadoxa den Dampfer gewechselt, um die dem Sultan tributpflichtigen Häfen der Somaliküste zu besichtigen.
Es ist eine wahre Genugthuung für deutsches Nationalgefühl, das einmütige Schaffen und das energische, ernste Vorwärtsstreben unserer Kolonialbeamten zu beobachten. Man sagt im Allgemeinen: wo drei Deutsche sind, da sind auch drei auseinandergehende Meinungen. Die Beamtenschaft unserer Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft bietet gegenwärtig, Gott sei Dank, ein entgegengesetztes Bild. Es sind da ja so ziemlich alle deutschen Gaue vertreten: Lauenburger und Hamburger, Ostpreußen, Mecklenburger, Schlesier, Berliner, Sachsen, Thüringer, Baiern und Würtemberger. Alle stehen aber für einen Mann. Dieser musterhafte Corpsgeist erweckt begründeter Weise bei den Außenstehenden ein Gefühl von Unbehagen, das bei den uns auf Schritt und Tritt mit Argusaugen bewachenden Engländern täglich zu wachsen scheint.
d. 20. Nov. 1887.
Ardili Effendi ist gestorben. Ich habe nichts versäumt, um den armen Mann seiner in Ismaïla zurückgelassenen Familie zu erhalten und der gute Dr. Marseille hat, obwol er wußte, daß die Mühe vergeblich war, täglich den weiten Weg zu uns hinaus gemacht. Glühmann hat sich während der sehr schweren Pflege musterhaft benommen.
Ardili Effendi hat während seiner dreimonatlichen Krankheit nach Aussage seiner Untergebenen alles gegessen, was ihm in den Weg kam, insonderheit Mangos und andere, schon Gesunden nicht sehr heilsame Früchte. Mit etwas mehr Vorsicht hätte die eiserne Natur des Ägypters ohne Zweifel über die Krankheit den Sieg davongetragen. Sein Grab ist am Strande des Meeres, in der Nähe meines Gartens.
d. 22. November.
Wenn mich des Nachts die Hitze einmal nicht schlafen läßt, habe ich, wie das in letzter Nacht der Fall war, eine Reihe von eigenartigen Concerten. Um Mitternacht ungefähr erhebt ein frommer Muselmann, der eine Hütte am Ende meines Gartens bewohnt, seine Stimme zu lautem Gesang. In eintöniger, mir bereits vertrauter Melodie sendet er seine Koranverse in die Nacht hinaus. Es ist eine junge, klangvolle Stimme. Leise secundiert ein anderer Gläubiger aus der Entfernung. Sein Organ klingt greisenhaft. Die mitternächtige Andacht dauert vielleicht eine Viertelstunde. – Dann ertönt das heisere Gebell eines Hundes; einer seiner Freunde beantwortet es, und nach wenig Minuten hallt es ringsum wieder von wehmütigem, vielstimmigen Geheul der schakalartigen wilden Hunde. Es ist, als suche immer einer den anderen an Jammer zu überbieten – eine schauerliche Fuge! Aber auch diese Sänger verstummen wieder, »ihren Gram begrabend in der untersten Tiefe.« Ich freue mich darüber und schlafe endlich ein. – In wundervollem rötlichen Gold sieht mir durch die offenen Fenster der Himmel entgegen, wenn ich morgens erwache. Das erste Aufleuchten des Tages ist von wunderbarer Schönheit hier. Die Papaïs und Palmenwedel schimmern feucht in dem von den ersten Sonnenstrahlen berührten Nachttau und auf der Schlucht am Kiungani-Felsen lagern blauweiße Nebel. Plötzlich erschallt vielstimmiger Männergesang, so frisch und kräftig und so melodisch dabei, daß ich mir sofort sage: da marschieren Deutsche und singen ein deutsches Lied. Und so ist es auch. Die fröhlichen Sänger sind die Matrosen des »Nautilus«, die in der Morgenkühle am Meeresstrand Übungen machen.
Eben kommen Herr Konsul O'Swald und Herr Dr. Peters durch das Thor gefahren.
d. 23. Nov. 1887.
Als ich gestern Abend mit Herrn Dr. Peters und Herrn Konsul O'Swald beim Abendessen in der Halle saß, meldete Abdallah einen Boten aus der Tabaksplantage »Olga«. Dieser brachte für Herrn O'Swald ein Briefchen. Mein Herr Nachbar durchlas es und machte ein bedenkliches Gesicht. Sein Vertreter auf der Plantage schrieb, der Aufseher (ein Thüringer, namens Frey) sei plötzlich schwer am Fieber erkrankt. Er habe eine Temperatur von 40 Grad, sei äußerst deprimiert und glaube sein Ende gekommen. Herr O'Swald möchte doch so gut sein, den Kranken so rasch als möglich per Wagen nach Zanzibar schaffen zu lassen.
Soweit der Inhalt des Briefes, mit dem der Bote natürlich zuerst in Zanzibar gewesen, mithin schon eine geraume Zeit unterwegs war. Ich schlug Herrn O'Swald vor, den Kranken hierher zu bringen und mir zu überlassen. Dies war eine wesentliche Kürzung der in keinem Falle einem Fieberkranken förderlichen Nachtfahrt, denn meine Schamba liegt gerade auf halbem Wege zwischen Zanzibar und der Plantage »Olga«. Herr O'Swald, dem die bedeutende Vereinfachung der Sache auch einleuchtete, ging sehr gerne auf diesen Vorschlag ein. Wir trugen rasch Decken und Plaids herbei und, da der Wagen unten stand, konnte er ungesäumt nach der Plantage fahren.
Frau Glühmann und ich ließen es uns unterdessen angelegen sein, das Krankenzimmer im oberen Stock in Bereitschaft zu setzen. Herr und Frau Glühmann liefen geschäftig treppauf, treppab. Sie überboten einander an Eifer, denn diesmal galt es, einem Landsmann Hülfe zu schaffen. Als ich im befriedigenden Bewußtsein, daß Alles in Ordnung, zu meinem allein gebliebenen Gast in die Halle zurückkehrte, sagte Herr Dr. Peters mit ironischem Lächeln: »Sie freuen sich wol ordentlich, wenn jemand wieder krank geworden ist?« Herr Dr. Peters denkt über das Krankwerden wie die mère supérieure vom Hospital vom heiligen Geist und vom heiligen Herzen Mariä. Auch er meint, daß man in den meisten Fällen im Stande sei, durch Kraft des Willens eine Krankheit im Entstehen niederzukämpfen.
Nach kaum dreiviertelstündigem Ausbleiben kam mein wackerer Nachbar mit seinem Kranken, den er nach Möglichkeit eingepackt hatte und mit einem Arm festhielt, während er den anderen zum Handhaben der Zügel brauchte, zurück. Der Kranke klapperte trotzdem in heftigem Schüttelfrost und wurde schleunigst zu Bett gebracht. Glühmann hat nachts bei ihm gewacht.
Heute Morgen kam, von Herrn Konsul O'Swald geschickt, der gute Dr. Marseille, der den Kranken bat, sich vollständig zu beruhigen und im übrigen mit unseren Einrichtungen sehr einverstanden war. Ich habe nach dem Muster derjenigen im Augusta-Hospital Temperaturbögen angefertigt. Diese befestige ich an der Wand, so daß der Arzt sie bequem übersehen kann, und bezeichne mit Rotstift dreimal täglich die Blutwärme des Patienten, solange sie nicht normal ist. »Voilà ce qui est bien!« sagte Dr. Marseille, als er dies bei dem verstorbenen Ardili Effendi zum ersten Mal sah, »on voit ce qui se passe!«
d. 24. Nov. 1887.
Gestern ist mein Bruder angekommen. Körperlich und geistig erfrischt durch die ihm in Indien und auf der Reise gewordenen heiteren Eindrücke. Er ist in Bombay von Sr. Königl. Hoheit dem Herzog von Connaught sowie von dem Gouverneur der Hauptstadt, Lord Ray, sehr freundlich empfangen worden, hat überhaupt weit mehr gesellige Vergnügungen gefunden, als er erwartete. Während seines vorübergehenden Aufenthalts in Zanzibar wohnt er bei mir auf der Schamba, was meinem Haus für mich eine ganz heimatliche Färbung verleiht. Herrn Frey's Fieber scheint normal zu verlaufen. Heute haben wir auch Omar Abdallah, den letzten unserer Ägypter, als geheilt entlassen können.
d. 28. Nov. 1887
Die Regenzeit ist in diesem Jahre spät eingetreten und dauert lang. Dabei herrscht eine Hitze, die selbst für Zanzibar ungewöhnlich sein soll. Dr. Marseille erzählt, es sei in der Stadt jetzt fast in jedem Hause Fieber. –
Aus Berlin schreibt man mir, ich solle meinen Haushalt hier sofort auflösen, mich mit den Sachen direkt nach Pangani begeben und dort an die Einrichtung einer Pflegestation gehen. In Zanzibar werde die evangelische Missionsgesellschaft ein Krankenhaus einrichten und ich solle ihr die Thätigkeit hier allein überlassen.
Ich sprach mit den hiesigen Autoritäten über eine eventuelle Reise per Dau nach Pangani und über die Quartierverhältnisse dort. Da der herrschende Nordostmonsum das Segeln nach dem nördlich von Zanzibar gelegenen Pangani äußerst schwierig macht, und da in Pangani überdies gegenwärtig nicht der bescheidenste Raum für uns vorhanden ist, muß ich die Reise dorthin bis zum April oder Mai aufschieben. Vorderhand bin ich auch durch meinen Kranken ans Haus gefesselt.
d. 2. Dec. 1887
Wir haben wieder einen Kranken aufgenommen, und es ist diesmal ein ernster Fall. Herr Stephens, ein junger Hamburger, der in Angelegenheiten des Hauses Ww. O'Swald und Comp. die Somaliküste bereist hat und auf demselben Schiff wie mein Bruder hierher zurückgekehrt ist, erkrankte bereits unterwegs, ohne daß der Kapitän, ein Graf Pfeil, oder mein Bruder die Ursache seines Leidens zu erkennen vermochten. Heute Morgen ist er auf einer Krankentrage hierher gebracht worden. Da die evangelische Missionsgesellschaft noch kein Haus gemietet hat, also ihre Thätigkeit hier noch nicht beginnen kann, durfte ich ruhig den Patienten aufnehmen, ohne mir den Vorwurf zuzuziehen, in die Rechte jener eingegriffen zu haben. Herr Dr. Marseille erklärt das Leiden für ein bösartiges Geschwür im Unterleib. Der Kranke hat Tag und Nacht heftige Schmerzen und kann es in liegender Stellung kaum aushalten. Dabei ist er ein Muster an Geduld und Sanftmut. Ich habe noch kein Wort der Klage aus seinem Mund gehört.
d. 4. Dec. 1887
Herr Dr. Peters ist mit dem Nautilus nach Norden gefahren, um den Stationen Pangani, Deutschenhof u. s. w. einen Besuch zu machen. Ich werde dann wol auch die erwünschten Details über die Quartierverhältnisse in Pangani zu hören bekommen. Herr Stephens ist sehr krank. Er hat ununterbrochenes langsam, aber stetig steigendes Fieber, eine Folge der örtlichen Entzündung. Heute habe ich den Marinearzt auf der Möwe, Herrn Dr. Koch, bitten lassen, Herrn Dr. Marseille mit seiner Meinung zu unterstützen, da es sich um Leben und Tod handelt. Beide Herren Ärzte kamen in dem O'Swald'schen Wagen bei strömendem Regen angefahren, so daß, als sie eintraten, die langen Mäntel trieften. Herr Dr. Koch fragte den Kranken aus und besprach sich längere Zeit mit dem Pariser. Er ist der Ansicht, daß nur eine Operation den Patienten retten kann. Herr Dr. Marseille stimmte bei, gab aber zu bedenken, daß diese Operation selbst gefährlich sei. Herr Dr. Koch, der ebenso entschieden ist, wie der Andere vorsichtig, zuckte die Achseln und sagte: »wir haben keine Wahl.« Nachmittags kam Herr Dr. Koch noch einmal allein, untersuchte den Kranken aufmerksam und ersuchte mich, einige ihm wichtig scheinende Änderungen in betreff der Behandlung vorzunehmen.
Herr Frey ist sein Fieber glücklich los und durfte schon im Garten umherspazieren zu seiner großen Freude. Wir glaubten ihn bald entlassen zu können, statt dem stellte sich ein anderes Leiden bei ihm ein, was ihn vermutlich noch einige Wochen ans Bett fesseln wird. Es ist eine Leistengeschwulst, unter der die Europäer hier vielfach zu leiden haben, und die, wie ich glaube, durch zu rasches Gehen verursacht wird. Ohne bedenklich zu sein, kann das Leiden recht schmerzhaft werden und erfordert meist einen operativen Eingriff. Herr von St. Paul, mein Bruder, Herr Lieutnant Giese und Andere haben viel damit zu thun gehabt.
d. 8. December 1887
Erfreulicher Weise ist von dem Moment an, daß Herr Dr. Koch sich meines Kranken annahm, eine ganz auffallende Besserung in dessen Zustand eingetreten, was niemand freudiger anerkennt als der arme Herr Stephens selbst. Das Fieber sinkt allmählich und die Schmerzen haben unter den verordneten Eiscompressen ebenfalls abgenommen. Der Patient, der heute seine Hühnersuppe mit Appetit verzehrte, sagte mir ganz erfreut: »Sowie ich das Gesicht von Herrn Dr. Koch vor mir sah, ist mir Hoffnung und Lebensmut zurückgekommen!« Der Kranke ist so geduldig und liebenswürdig, daß er auch meines Bruders Teilnahme in hohem Grade erweckt hat. Herr Consul O'Swald läßt übrigens auch keinen Tag vergehen, ohne sich nach ihm umzusehen und ihm Mut zuzusprechen. Herr Dr. Koch, der leider demnächst mit der Möwe fortfährt, meint, mit der ins Auge gefaßten Operation könne in Folge dieser unerwartet günstigen Wendung gewartet werden.
Mein Bruder und Baron Gravenreuth machen mir ernstliche Vorstellungen darüber, daß ich mir nicht genügend Bewegung schaffe und gar nicht mehr in's Freie komme. Ich gehe dafür im Haus treppauf, treppab; das muß genügen. Abends, wenn ich mit meinem Bruder in der Halle beim Essen sitze, treiben wir Insectologie. Jeder Teller und der ganze Eßtisch wimmelt von kleinen, größeren und ganz großen geflügelten und ungeflügelten Ameisen. Zwischen diesen flinken Gästen spazieren Käfer von mancherlei Gestalt und Farbe. Laut brummend und mit den Flügeln klappernd, umschwirren »langbeinige Cikaden« unsere Lampen; andere drehen sich wie ein Brummkreisel auf dem Tisch und summen dazu wie ein Kessel, der Dampf ausläßt. Neulich fing Abdallah auf dem Büffet ein Fledermäuschen und brachte es uns. Er hielt das Tierchen an den Enden der ausgespannten, durchsichtig weißen Flügel, der Körper war mit einem weißen Fellchen bekleidet, das Köpfchen hellbraun. Unter den nach vorne gerichteten braunen Öhrchen hervor sahen uns ein paar erschrockene Äuglein an. Wenn ich das niedliche Tierchen streichelnd berührte, zuckte es ängstlich zusammen. Wir ließen es bald wieder in die Dunkelheit hinausfliegen. Zuweilen hören wir ein lautes Aufklopfen, einmal auf dem Stubenboden, einmal auf dem Tisch in rascher Folge. Dann bemerken wir einen hüpfenden braunen Körper, der sich bei näherem Hinsehen als Maulwurfsgrille kennzeichnet. Es hilft nun nichts, wir müssen uns schon mit diesem zudringlichen Volk befreunden.
Unangenehmer ist es, daß hier Rost und Schimmel ihr Wesen mit einer geradezu unheimlichen Geschäftigkeit treiben. Jedes Stückchen Leder, jeder Schuh, jedes Futteral, jedes Buch präsentiert sich, wenn man es drei oder vier Tage vertrauensvoll sich selbst überlassen hat, mit dichten grünen Schimmelwaldungen überwachsen. Jedes Stückchen Metall hüllt sich in Rostbraun. Erfolglos hantiere ich mit Öl, Vasseline und Abwischtüchern herum, die Natur arbeitet hier gar zu eifrig. Man ist zuweilen versucht, die Hände zusammenzulegen und sich für überwunden zu erklären.
| »Hoffnungslos |
| Weicht der Mensch der Götterstärke! |
| Hilflos sieht er seine Werke, |
| Und bewundernd, untergeh'n.« |
d. 9. Dezember 1887.
Heute mußte sich nun auch mein Bruder legen. Die Leistenanschwellung, die er bis jetzt mit Gewalt ignoriert hat, ist sehr schmerzhaft geworden und wird demnächst geschnitten werden müssen. Ich selbst kann ein Gefühl des Unbehagens nicht recht abschütteln und fange an, zu glauben, daß die Herren Recht haben, wenn sie mich drängen, spazieren zu gehen. Ich werde mich auch dazu aufraffen. Heute habe ich mich den Herren Flemming und Baron Gravenreuth zu einem schönen Spaziergang durch Wiesen und Reisfelder angeschlossen. Auf den Korallenklippen längs des Meeres hin unterhalb des Kiungani-Felsens und am Pulvermagazin vorbei, kehrten wir zurück. Den Kranken geht es verhältnißmäßig gut.
d. 11. Dez. 1887.
Den Nachmittagskaffee oder Thee nehmen wir jetzt in dem kleinen Zimmer meines Bruders, an dessen Bett, ein, und das ist stets die heiterste Stunde des Tages. Heute, als wir eben beim Theetrinken waren, meldete Abdallah Herrn Dr. Koch. Dieser hatte sich bereits meine anderen Kranken angesehen und trat nun bei uns ein. Meinen Bruder (den ich mit feuchten Umschlägen behandelt hatte) sehen, ihn untersuchen und nach einem scharfen Messer verlangen, war eins. Ich hatte mein chirurgisches Besteck zur Hand. Im Handumdrehen verschwand das Theeservice und die Bisquitkiste. An deren Platz wurden die Schalen mit Karbollösung etc., Jodoformpulver, Holzwollwatte und was sich sonst gehört, auf das Tischchen gestellt. Der Doktor schnitt, wusch sich die Hände und verabschiedete sich, während ich Verband anlegte. Der ganze Vorgang ging so unbeschreiblich schnell und kam so unvorbereitet, daß mein Bruder und ich, als wir uns besannen, laut und herzlich zu lachen anfingen.
d. 21. Dez. 1887.
So, nun bin endlich auch ich an die Reihe gekommen. Es ging mir wirklich mit dem Fieber wie jener bekannten alten Dame mit dem Diebe, das heißt, nachdem ich es nun seit sechs Monaten erwartet hatte, empfing ich es mit dem Gefühl: »na endlich!« Am zwölften, Abends, bemerkte mein Bruder, als ich nicht essen mochte und etwas aufgeregt sprach, er vermute stark, daß ich Fieber habe. Daraufhin holte ich nicht ohne Neugierde den Fiebermesser, welcher eine Temperatur von 38,5 ergab, also leichtes Fieber. Ich konstatierte dies erstmalige Eintreten desselben mit einer gewissen moralischen Genugthuung, denn warum sollte
| »ich allein |
| unter Leiden glücklich sein?« |
Am nächsten Morgen wollte ich nach einer ruhig verschlafenen Nacht wie gewöhnlich aufstehen, aber kaum hatte ich mich aufgerichtet, so erfolgte zu meinem Erstaunen überaus heftiges Gallenerbrechen. Taumelnd legte ich mich zurück und merkte, daß ich liegen bleiben mußte. Die Temperatur schwankte vier Tage lang zwischen 39,5 und 40,5; Pausen gab es gar nicht. Die Gemütsdepression, die ich am meisten fürchtete, trat indessen nicht ein; das objektive Interesse an den Krankheitserscheinungen blieb vorherrschend. Während der drei ersten Tage hatte ich das eigentümliche Gefühl, aus lauter einzelnen, lose aneinander gelegten Stückchen zu bestehen; auch zogen in bunter Reihe unzählige Bilder an mir vorüber, immer mit Musikbegleitung, und ich wunderte mich dabei, daß Bilder und Musik stets überaus anmutig waren, während den Berichten Anderer zufolge Fieberfantasien mehr beunruhigender Natur zu sein pflegen. Mein Bruder, dem ich dies mitteilte, sagte lächelnd: »Du fantasierst ja!«, ich habe aber nicht einen Moment das Bewußtsein verloren.
Viel schlimmer als das Fieber selbst finde ich die nachfolgende Schwäche. Von einem so hohen Grad von Kraftlosigkeit habe ich mir in der That nie einen Begriff gemacht! Ich besinne mich fünf Minuten, ob ich es wagen soll, einmal an's andere Ende des Zimmers zu gehen, denn diese Anstrengung bringt eine Erschöpfung hervor, daß die Knie zittern und der Angstschweiß von der Stirne läuft. Auch jetzt, während ich die Buchstaben langsam male, zittert meine Hand so sehr, daß alles krumm und zackig wird.
d. 23. Dez. 1887.
Herrn Stephens geht es zu meiner nicht geringen Freude von Tag zu Tag besser. Herr Dr. Marseille, der selbst ganz verwundert darüber ist, sagte ihm gestern, als er ihn besuchte: »On peut féliciter, monsieur, vous êtes revenu de bien loin.«
Ich bin übrigens tief gerührt durch die nur von Zanzibar aus gewordene Teilnahme. Während ich noch lag, haben mich sowol die Schwestern vom katholischen Hospital, Albrechts besondere Freundinnen, als auch die von der evangelischen Mission besucht. Fräulein Rentsch konnte natürlich nicht umhin, mich etwas auszulachen. »Sehen Sie wol«, sagte sie, »und wie haben Sie immer das große Wort gehabt!«
d. 25. Dez. 1887.
Alle meine Festpläne sind durch das Fieber vereitelt worden, dessen Folgen sich noch immer in sehr störender Weise bemerklich machen. Frau Glühmann hat aber Pfefferkuchen gebacken und echt deutsche Weihnachtsstollen. Auch bin ich gestern selbst im feuchtheißen Garten gewesen, um ein Orangenbäumchen zum Christbaum auszusuchen. Wir haben es mit buntem Papier, Pfefferkuchenherzen und den schönen, leuchtend roten Pfefferschoten geschmückt.
Gestern Abend holte Herr Konsul O'Swald meinen Bruder und mich in seinem Wagen nach dem Usagara-Haus, wo sämtliche gerade anwesende Beamte der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft zu einem kleinen Diner versammelt waren. Freiherr v. Eberstein, der vor Kurzem erst vom Kilima Ndjaro hierher zurückgekehrt ist (eine Fußreise von 23 Tagen!), hatte Hof- und Treppen-Aufgang geschmackvoll mit Palmenzweigen und bunten Lampions dekoriert. Auf der Tafel prangte aber als Christbaum ein wirkliches Tannenbäumchen, welches der jüngere Herr O'Swald vor einigen Tagen auf seinem Dampfer »Zanzibar« von der Heimat mit herübergebracht hatte. Wir brannten kleine Tannenzweige an, aßen von dem von Frau Glühmann gebackenen Pfefferkuchen und versetzten uns im Geist nach Deutschland. Zu meinem Bedauern mußte ich sehr bald aufbrechen, da ich mir noch nicht die geringste Anstrengung zumuten darf.
d. 26. Dez. 1887.
Frau Glühmann kam heute Vormittag weinend zu mir. Ihr Mann liegt seit gestern Abend an leichtem Fieber, doch da das hier zu den alltäglichen Vorkommnissen gehört, legte ich kein Gewicht darauf. Jetzt berichtete die Frau so bedenkliche Symptome, daß ich annehmen mußte, einen »cas pernicieux«, wie unser Doktor sagt, vor mir zu haben. Ich tröstete die vor Schreck und Aufregung Zitternde, so gut ich konnte, und erlaubte ihr, sofort selbst nach Zanzibar zu gehen. Unterdessen mußte ich freilich, so zerbrochen ich mich auch noch fühlte, meine Kranken und die Küche allein besorgen. Herr Stephens, der bereits aufgestanden ist, versprach aber in der liebenswürdigsten Weise, sich um Herrn Frey zu kümmern, und meine treuen Schwarzen wetteiferten miteinander, mir die Arbeit in der Küche möglichst leicht zu machen. So ging es ganz gut. Frau Glühmann hatte sich indessen zu dem allgemeinen Vertrauensmann, Père Acker, begeben und diesen um Rat gefragt. Père Acker hatte ihr gesagt, sie möchte dem Doktor Marseille ruhig vertrauen. Sie wandte sich nun an diesen und der Doktor kam sofort. Er fürchtete ein perniziöses Gallenfieber, konnte oder wollte indessen noch nichts Bestimmtes sagen. Im Verlauf des Tages wurde der Kranke am ganzen Körper zitronengelb und ebenso färbte sich das Weiße in den Augen. Er warf sich laut stöhnend umher und klagte über unerträgliche innere Hitze. Die arme Frau weinte bitterlich und war nicht zu bewegen, ihren Mann auch nur auf ein Viertelstündchen zu verlassen. Ich schickte nochmals nach dem Arzt, der noch am Abend kam. Seine Befürchtung war eingetroffen. Er suchte seinerseits die verzweiflungsvolle Frau zu beruhigen und verordnete kalte Vollbäder, Eiskompressen und als Nahrung nur Milch und geeisten Champagner. Ich hatte mich tagsüber angestrengt und war bei dem besten Willen nicht im Stande, die Nachtwache zu übernehmen. Ebensowenig durfte ich sie der Frau überlassen, die der Schmerz halb von Sinnen zu bringen schien. Ich schrieb daher an Fräulein Rentsch, die Krankenpflegerin der evangelischen Mission, und bat sie, mir, wenn möglich, in der bevorstehenden Nacht zu helfen. Schwester Rentsch schickte mir ihre Gehilfin, die Diakonissin Schwester Auguste. Diese macht durch ihr ruhiges und festes Auftreten einen wohlthuenden Eindruck. Sie meinte übrigens, der Kranke würde kaum die Nacht überleben.
d. 27. Dez. 1887.
Die Nacht war schlimm, wie Schwester Auguste sagt, doch ist der Zustand des Kranken unverändert. Als wir heute Morgen in der Halle frühstückten, sah mein Bruder durch's Fenster nach dem Hafen und rief: »Da liegt der Nautilus wieder!« Bald darauf – Albrecht und ich standen im unteren Flur unter der Haustür und sahen etwas besorgt nach dem Doktor aus – kamen Herr Dr. Peters und Herr v. Gravenreuth gefahren, um sich nach uns umzusehen. Herr Dr. Peters, der nie an Seekrankheit leidet, dies trübselige Übel überhaupt weder kennt noch anerkennt, ist von der Meerfahrt sehr erfrischt zurückgekehrt und erzählte mancherlei von Pangani, was mich interessierte.
Nachmittags kam die Post. Das war nun diesmal keine Weihnachtsfreude für mich. Man ist in Berlin mit dem, was ich thue, unzufrieden und stellt unausführbare Anforderungen.
Ich thue aber mit Überlegungen und mit Bewußtsein, was ich im gegebenen Fall für das Rechte halte. Natürlich ist dadurch nicht ausgeschlossen, daß ich irren kann.
d. 28. Dez. 1887.
Das war eine unruhige Nacht! Herr Dr. Peters holte auf seinem gestrigen Nachmittags-Spaziergang meinen Bruder ab und nahm ihn mit nach der Stadt, wo er im Kreise der Kameraden den Abend zubringen wollte. Herr O'Swald kam Nachmittags mit seinem Wagen, um den wieder ganz munteren Herrn Stephens nach Zanzibar zu befördern. Kurz nachdem Alle fortwaren, kam der nach Eis ausgeschickte Bote zurück mit der Nachricht, der Sultan gäbe ein Fest, infolgedessen sei heute kein Eis zu bekommen. Als sie dies erfuhr, geriet Frau Glühmann derartig außer sich, daß es weder Schwester Auguste noch mir gelang, sie auch nur einigermaßen zu besänftigen. Sie wollte durchaus selbst nach der Stadt laufen und dort alles aufbieten, um Eis herbeizuschaffen. Selbstverständlich konnte hieran nicht gedacht werden, denn sie befand sich in einem Zustand von Übermüdung und fieberhafter Aufregung, daß ich jeden Augenblick ein völliges Zusammenbrechen ihrerseits erwartete. Ich schickte einen Boten nach dem Usagara-Haus mit ein paar Zeilen für meinen Bruder, dem ich unsere Not vortrug und ihn bat, sein Möglichstes zu thun. Inzwischen badeten wir den Kranken und machten ihm feuchte Umschläge; aber er jammerte unausgesetzt nach Eis, ohne welches er verbrennen müsse. Es wurde Abend, und ich quartierte Schwester Auguste, die sich tagsüber wenig Ruhe gegönnt hatte, in mein Zimmer ein, wo sie sich auch bald zur Ruhe begab. Frau Glühmann dagegen widerstand all' meinem Drängen, ein Gleiches zu thun. Sie, die sonst die Fügsamkeit selbst war, ist wie ausgetauscht. Ich ließ schließlich ihr Bett in das Krankenzimmer tragen und setzte es durch, daß sie sich hier wenigstens niederlegte. Um zehn Uhr endlich kam die ersehnte Antwort meines Bruders, aber auch er hatte trotz eifriger Bemühungen und trotzdem er einen Boten an den Sultan geschickt, nichts erreichen können.
So groß die Not nun auch war, so fehlte es doch selbst dieser schlimmen Nacht nicht an scherzhaften Momenten. Gegen Mitternacht hörte ich schon in der Ferne das lustige Pfeifen meines Bruders, mit dem er sich die in der Nacht zuweilen lästigen wilden Hunde fern zu halten pflegt. Mit aufmerksamen Ohren verfolgte ich sein Näherkommen. Ich hörte, wie er erst das Gartenpförtchen schloß, dann die Hausthüre auf- und wieder zuschloß, und wie er in gewohntem raschen Schritt die Treppe heraufkam. Aber statt nun, wie ich erwartete, mich im Krankenzimmer aufzusuchen, wandte er sich von dem großen Mittelzimmer aus nach links, wo er gar nichts zu suchen hatte und dann hörte ich ihn zu meinem lebhaften Erstaunen in deutscher Sprache laut sprechen. Plötzlich dämmerte mir ein Licht auf. Eilig ging ich nach meinem Schlafzimmer und richtig, da saß er auf dem Sessel neben meinem Bett, um gewohnter Weise seiner vermeintlichen Schwester Bericht über die Eindrücke des Abends zu erstatten. Wer aber hinter den dichten Musketieren diesen Bericht in tiefem Schweigen entgegennahm, das war die arme Schwester Auguste.
Ich rief: »Aber Albrecht! Wo bist Du denn?!« Das wirkte, und er war schnell genug aus dem Zimmer. Ich sprach der Schwester mein Bedauern über die nächtliche Störung aus, sie zeigte aber zum Glück den besten Humor und versicherte mir, sie werde sogleich wieder einschlafen.
Beruhigt kehrte ich zu meinem Kranken zurück. Dort war inzwischen auch Albrecht angelangt und kündigte mir an, er werde nun die Wache für mich übernehmen. Herr und Frau Glühmann waren unterdessen in ihrer Herzensangst darauf verfallen, daß ein Bote, der um Mitternacht nach der Eisfabrik geschickt würde, möglicher Weise um zwei oder drei Uhr morgens schon Eis bekommen könne und sie flehten mich an, diesen Plan auszuführen. Ich wußte, daß der Versuch vergeblich sein würde, auch waren meine Leute tagsüber so viel nach der Stadt und zurück gelaufen, daß ich nicht Lust hatte, sie auch nachts noch für nichts und wieder nichts herum zu jagen. Dies setzte ich dem Kranken auseinander und redete ihm zu, noch Geduld zu haben, bis der Tag anbräche. Glühmann antwortete in seiner krankhaften Erregung heftig, worauf mein Bruder ihn in strengem Ton zurechtwies, ein Ton, der störrigen Rekruten oder Schwarzen gegenüber besser angebracht sein mochte, als bei einem Schwerkranken, und der jedenfalls nicht einem berufenen Krankenpfleger angehörte. Dies durfte natürlich nicht so weiter gehen und ich bat meinen Bruder dringend, sich schlafen zu legen. Albrecht wollte es aber wenigstens nicht bequemer haben als ich und verstand sich auf mein Zureden nur dazu, sich im Nebenzimmer auf den Fußboden zu legen, wobei er sich zum Schutz gegen die Muskitos mit einem Betttuch zudeckte. Bald hörte ich jedoch an seinen kräftigen und regelmäßigen Atemzügen, daß er schlief.
Um halb sechs Uhr, sobald der Morgen dämmerte, rief ich meinen Bruder und bat ihn, einen der Schwarzen zu wecken und schleunigst nach der Stadt zu schicken. Albrecht ging hinunter und ich öffnete das Fenster, um die kühle, erquickende Morgenluft einzulassen. Auf einmal sah ich eine dunkle, gänzlich unbekleidete Gestalt in großen Sprüngen durch den Garten eilen, der übrigens noch in fahlem Dämmerlicht lag, und im Negerhäuschen am Eingang verschwinden. Gleich darauf kam Albrecht wieder herauf und erzählte lachend, er habe unfreiwillig großen Schrecken erregt. Als er nämlich seiner Meinung nach den ersten besten Schwarzen beim Rockzipfel gepackt habe, um ihn aus dem Schlaf zu rütteln, sei dieser, das Gewand in seiner Hand lassend, in jähem Schrecken aufgesprungen und mit der Schnelligkeit eines Hirsches davongelaufen. Ihm sei nämlich statt des Dieners eine unserer Wasserträgerinnen in die Hände geraten.
Der Richtige hatte sich indessen auf den Weg gemacht und wurde mit Sehnsucht zurückerwartet. Als er aber nach einer Stunde zurückkam, brachte er doch kein Eis! dieses sollte erst um neun Uhr zu haben sein.
Die Verzweiflung meines unglücklichen Patienten über dies verlängerte Warten ist nicht zu beschreiben und meine Kraft, sein Jammern anzuhören, ohne Hülfe schaffen zu können, war vollständig am Ende. Ich erlaubte Frau Glühmann aufzustehen, maß die Temperatur des Kranken, die wunderbarer Weise etwas gesunken war, gab ihm eine Gabe Chinin, die er nur mit großem Widerstreben nahm, und legte mich auf einen Rohrsessel in die nächste leerstehende Stube. Hier schlief ich sofort ein.
Mein Bruder weckte mich, als um neun Uhr der Arzt kam. Dieser war mit dem Zustand des Kranken sehr zufrieden und meinte, das Bedenklichste sei jetzt wirklich sein gänzliches moralisches Zusammenbrechen. Wenn ich ihn dazu bekommen könnte, sich etwas aufzuraffen und Mut zu fassen, so sei ein Besserwerden gar nicht ausgeschlossen. Als bald darauf der Diener das schmerzlich entbehrte Eis brachte, atmete ich auf. Es schien mir, als müsse nun Alles eine Wendung zum Guten nehmen.
Mein Bruder, dessen heitere Stimmung durch die unruhige Nacht durchaus nicht gelitten hatte, erzählte mir fröhlich, er habe vor einer Stunde etwa mit Schwester Auguste zusammen gefrühstückt. Sie sei sehr unterhaltend und liebenswürdig gewesen, also habe sie ihm seinen nächtlichen Überfall wol nicht übel genommen. Sie war, da sie den Kranken wohler gefunden hatte, nach Zanzibar zurückgekehrt.
d. 10. Januar 1888.
Das neue Jahr habe ich in heftigem Fieber angefangen. Mein Bruder ist nach der Station Petershöhe gereist, während ich noch zu Bett lag. Herr Dr. Peters ist heut in Begleitung der Herren Baron St. Paul und Regierungsbaumeister Hörneke auf der Zanzibar abgereist, um sich nach Berlin zu begeben. Mit dem Herrn Regierungsbaumeister Hörneke, der bis jetzt Chef der Station Pangani war, habe ich noch vom Bett aus eingehend über die geplante Einrichtung einer Pflegestation dortselbst sprechen können. Wenn ich Erlaubnis und Mittel zum Bau eines einfachen, auf Pfählen erhöht stehenden Holzhauses erlange, kann ich im Frühjahr, sowie der Südwestmonsum wieder eingesetzt hat, ans Werk gehen. Dazu helfe Gott. – Gegenwärtig bin ich matt, wie eine Fliege im Winter.
d. 12. Januar 1888.
Bertha, meine wackere Gehülfin, ist gleichzeitig mit mir in Dar-es-Salaam schwer krank gewesen. Sie hat sich indessen, Dank ihrer guten Natur, rasch wieder aufgerichtet und soll, sobald sie gute Reisegelegenheit findet, hierherkommen, um sich bei mir auszuruhen und zu erholen.
Glühmann, der schon wieder im Garten spazieren gehen durfte, ist leider aufs neue erkrankt, und zwar an einer Nierenentzündung. Dr. Marseille verordnete täglich ein heißes Bad und die äußerste Vorsicht gegen Zugluft. Genießen darf der Kranke nichts als Milch.
Meine Wasserträgerinnen haben heute gestrikt. Infolge ihrer Arbeitseinstellung wollte Frau Glühmann die männliche Dienerschaft veranlassen, Wasser zu holen. Aber es geht gegen das Ehrgefühl der Schwarzen, eine Weiberbeschäftigung, und als solche gilt das Wassertragen, zu verrichten. Die Schwarzen kamen zu mir, und hielten mir mit lebhaften Gesten und Mienenspiel einen Vortrag darüber, sie seien zum Stuben reinmachen, zum Fegen, Aufwarten bei Tisch, zur Küchenarbeit und zum Botengehen da, aber nicht zum Wassertragen, und das thäten sie nicht. Ich lachte sie aus, was bei den Schwarzen immer von vorzüglicher Wirkung ist, und frug, ob sie denn ebenso unverständig sein wollten, wie die Weiber. Mit jenen wollten wir uns schon auseinandersetzen, oder andere Tagelöhnerinnen mieten. Heute aber sei Wasser nötig, besonders für den Kranken, und ob sie denn wollten, daß Frau Glühmann und ich selber das Wasser aus der Cisterne holen sollten? Im übrigen würde ich jedem, der heute als Freiwilliger fleißig Wasser trüge, einige Pesa schenken. Damit waren die Schlingel zum Glück einverstanden, grinsten mich freundlich an und sagten: »Du hast wohl gesprochen, Bibi, wir werden thun, was Du willst.« Der treffliche Abdallah, der meine Leute musterhaft in Ordnung hielt, ist ernstlich krank. Er fehlt mir überall.
d. 15. Jan. 1888
Herr Leue und Bertha Wilke, unsere Pflegerin, sind über Bagamoyo nach Zanzibar gekommen, um sich hier etwas aufzufrischen. Das durchgemachte schwere Fieber hat weder Bertha noch mich grade verschönert, was ja vorauszusehen war; aber das lebhafte junge Mädchen war, als wir uns wiedersahen, so betroffen über die Veränderung in meinem Aussehen, daß sie in heftiges Weinen ausbrach. Ihre Nerven scheinen einen starken Stoß erlitten zu haben. Ich werde sie nun zunächst in jeder Weise schonen, damit sie sich ganz erholt.
Dagegen geberdet sich der aus Dar-es-Salaam ausgeführte Diener Boheti ganz unsinnig vor Freude, als er seinen »bana Rubwa« wiedersah. Die reine Pudelnatur! Er biß sich beinah in beide Ohren und sein dummes Gesicht strahlte in Seligkeit. Ich bot Herrn Leue, der, um nach meiner Schamba zu kommen, einen heißen Weg gemacht hatte, einen kühlenden Trunk an, deutsches Bier, Limonade oder Sodawasser, was ich alles auf Eis stehen hatte. Aber er verachtete diese Genüsse und fragte: »haben Sie keine Madafu?« Er zog thatsächlich den Saft der Kokosnüsse, der ihm noch vor wenig Monaten Widerwillen erregt hatte, den vaterländischen Getränken vor. Spricht dies nicht für die Fähigkeit des Deutschen sich zu acclimatisieren?! –
Herr Leue hat übrigens jenen entlaufenen Sclaven, für dessen Freilassung er sich seinerzeit beim Wali von Dar-es-Salaam verwendet, schließlich dem Anspruch erhebenden Besitzer abgekauft und als Hausdiener beschäftigt. Ich freue mich für den armen Burschen.
d. 21. Januar 1888.
Bertha erholt sich, Gott sei Dank, von Tag zu Tag und ihr lustiges Lachen und Schwatzen belebt schon wieder unser stilles Haus. Selbst die Niedergeschlagenheit der armen Frau Glühmann, deren Mann noch recht krank ist, hält dieser ungekünstelten Heiterkeit und Lebhaftigkeit nicht immer Stand. –
Mein Aufenthalt in Ost-Afrika naht sich leider seinem Ende. Nach den zwischen mir und meinem Vorstand in Berlin zu Tage getretenen Meinungsverschiedenheiten mußte ich dem letzteren die Alternative stellen, mir, was Einrichten neuer Pflegestationen betrifft, einigermaßen freie Hand zu lassen, oder mich meiner Verpflichtungen zu entheben. Denn ohne eine gewisse Freiheit der Bewegung bin ich bei der Schwerfälligkeit des schriftlichen Verkehrs zwischen Berlin und hier nicht im Stand, mit Aussicht auf Erfolg weiter zu arbeiten. Eine daraufhin in Berlin einberufene Generalversammlung hat, wie mir telegraphisch mitgeteilt worden, einstimmig gegen mich entschieden.
Von ärztlicher Seite wird mir dringend ein baldiger Klimawechsel empfohlen, ich gedenke daher, obwol ich es weit vorziehen würde, bei meinem Bruder zu bleiben, mit dem nächsten Sultansdampfer über Indien nach Europa zurückzukehren, um, so Gott will, in nicht zu ferner Zeit die mir ans Herz gewachsene Thätigkeit hier unter günstigeren Bedingungen wieder aufnehmen zu können.
Ungern freilich lasse ich das kaum erst begonnene Werk im Stich und thue es nur »der Not gehorchend, nicht dem innern Triebe.« – Der Vorpostendienst unserer Landsleute hier, er sei von welcher Art er wolle, scheint mir für die Gewinnung und Festigung deutschen Einflusses von großer Wichtigkeit. Es liegt auf der Hand, daß in diesen ganz unfertigen, in den ersten Anfängen einer gesunden Entwickelung stehenden sozialen Verhältnissen das Einzelwesen noch eine ganz andere Bedeutung hat, als in den Kulturstaaten Europas. Darum möchte man auch nur die Besten der Nation, hier, wo noch jeder Deutsche mehr oder minder als Repräsentant des Deutschthums empfunden wird, beschäftigt sehen. Ich scheide mit dem Wunsch, daß mein Platz im Interesse der Weiterentwickelung unserer Sache nur durch eine wirklich gute Kraft ausgefüllt werden möge. Dann kann und wird aus den von meiner Hand gelegten schwachen Keimen ein segenspendendes Werk emporwachsen zur Ehre der deutschen Nation. Das walte Gott. –
J. S. Preuß, Berlin C., Jerusalemerstr. 21