Cecile führt ihren Plan aus

Das Asyl hatte nur wenige Zöglinge mehr aufgenommen, seitdem Cecile ihre Helferinnen verloren hatte. Clothilde war Krankenpflegerin geworden, Anna leitete in Felix Blancs Lungenheilstätte den wirtschaftlichen Betrieb. Helene war in ihrem Heim beschäftigt. Die Behörden von Chaly wurden überdies von Jahr zu Jahr unduldsamer gegen das Asyl. Cecile verlängerte den Pachtvertrag nicht mehr, als er abgelaufen war. Es gelang ihr mit Hilfe ihrer Schwester das Häuschen Givos in St. Cloud einzurichten und darin die Schützlinge unterzubringen. In Paris gewann sie leichter Hilfe und im Notfall Ersatz für sich selbst.

Besonders lieb war es ihr, daß sie sich von Gaston Lantrec, der nun die Hochschule besuchen sollte, nicht zu trennen brauchte. Dieser junge Mensch fürchtete sich vor dem Gespenst jenes Mordes, das ihm nun oft und oft erschien. Ein Besuch bei dem Vater im Gefangenenhaus hatte ihn in tiefste Schwermut gestürzt und Cecile wußte es, sein brennendster Wunsch war alles aufzubieten, des Vaters Begnadigung herbeizuführen. Er wollte unmäßig viel Geld verdienen, Stunden geben, Erfindungen machen, den besten Verteidiger zu bezahlen, daß der alte Prozeß wieder aufgenommen würde. Nachdem Cecile das Heim in St. Cloud eingerichtet hatte, löschte sie ihren Namen aus der Leitung. Sie fühlte sich sehr müde. Man riet ihr zu Kuren und Reisen, aber sie wußte Bescheid, es half ja nur zu einer Galgenfrist. Eines Tages gab sie Gaston einen Brief, er möge ihn heimlich dem Vater zustecken. Bald darauf erkrankte sie ernstlich, sie begab sich in Spitalspflege und starb nach wenigen Wochen. Gaston war bei ihr in den letzten Stunden. Ninidh mit der weißen Hand drückte ihr die Augen zu. Unter ihren Papieren fand sich ein Brief, der für das Gericht bestimmt war. Sie teilte darin mit, daß sie vor sechzehn Jahren aus Eifersucht Frau X. erschossen habe, weil diese die Geliebte des Bildhauers Lantrec, ihres heimlich Verlobten, gewesen sei. Der Mann habe die Schuld auf sich genommen und ihr das Gelübde abgerungen zu schweigen. Nun aber brachte sie die Wahrheit an den Tag. Der Tod löse ihre schweigenden Lippen. Sie testierte eine größere Summe für die Kosten des neuen Prozesses und für Gefangenenfürsorge. In einem Brief an Givo bat sie ihn, Gaston in seinen Bemühungen zu unterstützen. Man solle nicht versuchen sie für die Öffentlichkeit reinzuwaschen. Sie hoffte, daß ihr Leben ein solches gewesen, daß ihre Freunde, was immer sie auch in Leidenschaft getan habe, sich ihrer nicht zu schämen brauchten. Hector Lantrecs Prozeß wurde wieder aufgenommen. Zwei Monate nach Ceciles Tod wurde er aus dem Gefängnis entlassen.

Das dritte Mütterchen

Helene war nach ihrem Aufenthalt bei Arabella mit Alphi zu dessen Vater übergesiedelt und hatte das verwaiste Hauswesen neu eingerichtet. Sie war fast siebzehn Jahre alt und ihre Mutter billigte es nicht, daß sie in Paris in einem frauenlosen Haushalt leben sollte. Aber es zeigte sich, daß Helene kaum Zeit hatte auszugehen und der junge Gelehrte flößte ihr ein Vertrauen ein, das sich in einer Art verächtlichem Zweifel über seine tatsächliche Zugehörigkeit zum männlichen Geschlecht ausdrückte. Zudem sah Cecile, die der Schauspielerin als ein höheres Wesen galt, hier für Helene eine Lebensaufgabe. Was sollte sie auch mit der großen Tochter anfangen! Sie hatte einen Hund, den sie in ihrem Muff trug und abgöttisch liebte. Dieses Format war ihrer mütterlichen Liebe gemäßer. Helene fühlte sich sehr wohl bei Tallandre, sie war trotz ihrer jungen Jahre ihm in mancher Weise überlegen. So hatte sie bald zu ihrem Ergötzen entdeckt, daß er sich vor ihr fürchtete und sich alle Mühe gab vor ihr den Wüstling zu spielen, der mit anständigen Mädchen nichts anzufangen weiß. Es war auch ein Teil Wahrheit dabei, denn er war ein wenig ausgehungert auf seiner Afrikareise. Aber eben deshalb wußte er, daß ihm Helene nicht ungefährlich war. Der gute Fifi, wie ihn seine Freunde nannten, war zudem ein großes Kind, das auch gern vor sich selbst prahlte. Er wollte schon fertig werden mit dieser Anfechtung. Bah, solch ein kleines Mädchen und er, der Elefanten gejagt hatte! Wenn aber Helene Alphi liebkoste, bekam er alle Zustände. „Ob es denn eigentlich gesund sei, daß sie und das Kind einander so oft küßten?“ fragte er eines Tages erbost. „Gesund nicht eben, aber gut sei es,“ antwortete Helene und, als er den Kopf schüttelte, sagte sie lachend: „Wenn Sie nicht glauben, daß es gut ist, so versuchen Sie es doch — bei Alphi natürlich.“ Eines Tages hatte seine Schwägerin den Kleinen für einen Ausflug aufs Land abgeholt. Helene saß vereinsamt über ein Buch gebeugt, als er nach Hause kam. Sie sah ihn an und lächelte vertraulich. Aber er wußte, es war nicht der borstige, nörgelnde Tallandre, den sie anlächelte, sondern der wirkliche, der in Helene verliebt war. Sie war also liebevoll, ohne von ihm Notiz zu nehmen, sie liebäugelte mit ihm über seinen eigenen Kopf hinweg, mit seinem freundlicheren Ich. Er ärgerte sich über die Geringschätzung eines Anwesenden. „Nun, wen haben Sie heute zu küssen?“ fragt er hämisch.

„Alphis Vater,“ sagte sie, stand auf und trat mit strahlenden Schelmenaugen auf ihn zu. Da packte ihn die Liebeswut und er vergaß seine schnöde Verachtung für die anständigen Frauen. Er vergaß sie so gründlich, daß nach einem Monat Helenes Mutter in ihrem Freundeskreis erzählte: „Meine Kleine ist ein Ungeheuer, sie hat mich zur wirklichen Stiefgroßmutter gemacht.“ Und sie zeigte mit Stolz das Bild Alphis. Zur Großmutter war sie begabt. Sie entschädigte Alphi für die Zärtlichkeit, die nun sein drittes Mütterchen Helene zum Teil seinem Vater zuwandte.

Helene schrieb überschwengliche Briefe an Vögelchen. Das Einzige, was ihr junges Eheglück trübte, war Ceciles fortschreitende Krankheit und schließlich ihr opfergekrönter Tod.

Im Norden

Arabella und Givo erhielten die Nachricht von Helenes Verheiratung in Hamburg, wohin sie eiligst gereist waren. Wenn Vögelchen an diese Lebenszeit zurückdachte, sah sie bleischweren Nebel, hörte Stürme an ihre Fenster trommeln und den Schrei der Dampfpfeifen des Hafens. Und doch war Frühling und an der Elbe blühte es in den Gärten. Givos Mutter lag wochenlang zwischen Leben und Tod. Er konnte sich kaum wegstehlen von dem Krankenlager. Vögelchen war allein in der fremden Stadt und ihr Leid mußte schweigen, weil der Geliebte mehr litt als sie selbst. Als sie angekommen waren, hatte er sie in einem Hotel an der Alster untergebracht. Der Zustand der Mutter erwies sich wohl bedenklich, aber eine unmittelbare Gefahr bestand nicht mehr. Der Arzt war es zufrieden, daß Givo gekommen war, aber er schlug vor, daß er sich vorläufig der Mutter nicht zeige. Er wolle sie zuvor im Verein mit Zora langsam vorbereiten. So war es Givo möglich gewesen, die ersten Tage mit Arabella zu verbringen. Wiewohl hinter jedem freudigen Augenblick das Bewußtsein lauerte, an der Mutter Krankheit mitschuldig zu sein, und dunkle Ahnungen über neue Verwicklungen ihn beschatteten, führte er Vögelchen umher zu den Stätten seiner Kindheit. Sie war bemüht ihn aufzuheitern und es fiel ihr seltsam leicht, heiter, ja freudig zu sein. Es war, als sprudelte noch immer ihr Blut in heißem Takt. Sie fand das Essen köstlich, sie fühlte ihre Muskeln in neuer Kraft. Manuel sah sie zuweilen forschend an, ohne daß sie es bemerkte. Eine Vermutung war in ihm aufgestiegen, die ihn aufs tiefste bewegte.

Nun war es so weit, daß Givo die Mutter besuchen konnte. Sie beherrschte wieder die Sprache, nur ab und zu machte ein Wort ihr Mühe. Sie lag zu Bett und sah ihm mit sanfter Freude entgegen. Er mußte sich beherrschen, um die Tränen zurückzudrängen: es ging eine Milde von der Mutter aus, die nicht mehr von dieser Welt schien. In ihrer Rede kam etwas mühsam von weither, als hätte er sich von neuem des gewohnten Lebens zu besinnen. Sie verschwieg ihm ihre Sehnsucht, wie ihre Gedanken durch Qualen ihn stündlich gesucht, wie sie in ihren welkenden Tagen jede Stunde als eine unwiederbringliche fühlte, das Entbehren seiner Nähe als einen Fluch, der sie vergiftete. Nichts von der gefährlichen Warnung des Wahnsinns sagte sie ihm. Aber eben in dem Schweigen spürte er in aufflammender Liebe ihre Peinigung. Sie sprach ihm von allerlei, von ihrer Krankheit erwähnte sie nichts. Sie gab ihm wohl die Schuld und in ihrem Bemühen, sie im Gespräche zu übergehen, lag die Anschuldigung am deutlichsten. Givo beachtete nicht, daß Geisteskranke zuweilen das wirksamste Mittel wählen ihr Ziel zu erreichen, daß auch ihrer Ruhe nicht zu trauen ist. Dankbar ließ er die Milde auf sich wirken, er sah der Mutter Bild wieder rein und hell, umstrahlt von der Märtyrerkrone ihrer Duldung, die Zukunft schon gelöst in Einigkeit. Freundlichst kam er Zora entgegen. Ihre Treue für die Kranke bewegte ihn. Die verhaltene Glut ihres Blickes konnte er sich nicht deuten. Liebe oder Haß? Beides vielleicht?

Als Frau Givo ermüdet den Sohn verabschiedete, ließ sie Zora zu sich rufen.

„Er wohnt nicht im Hause?“ fragte sie.

„Nein,“ antwortete Zora.

„Dieses Mädchen ist bei ihm?“

Zora zuckte die Achseln, aber ein Zucken um ihren Mund bedeutete, daß die Kranke richtig geraten habe.

„So will ich morgen ein Ende machen zwischen ihm und ihr,“ sagte sie. „Nun will ich mir Kraft zuschlafen. Gute Nacht!“

Da sagte Zora: „Kann Glück sein, wo so harte Weigerung ist? Hab’ Mitleid mit uns beiden. Ich fühle, wie das Böse in mir aufsteigt, Rache um seine Liebe für die andere.“

Da richtete sich die Frau auf, so gut sie konnte. „Gott will es. Er stählt mir den Willen bis in den Tod. Vertrau ihm. Willst du ihm ungehorsam sein, dann geh aus meinen Augen! Geh!“

„Wohin?“ fragte Zora tonlos. In diesem Augenblick rissen in ihrer jungen Brust alle Fäden der Zusammengehörigkeit. Ihr heimatloser Sinn kehrte von Suchen und Sehnen zurück und wandte sich auf immer ab vom Gemeinwesen der Menschen.

„Du kennst deinen Weg, wenn du dich deinem eigenen Glück widersetzt. Dem höchsten Glück, das je einer Frau zuteil werden kann! Fort in die Glaubensschule und dann in Stellung.“

Und als Zoras Schweigen wie Unheil sich im Zimmer breitete, sagte sie beschwörend: „Laß es reifen in ihm, erobere ihn dir. Rette ihn zu dir, aus der Verhexung dieser Fremden.“

Die Kerze flackte auf von unsichtbarem Hauch geschreckt. Zora stierte ins Feuer und wünschte, daß es sie und die Welt verschlänge. „Lösch aus,“ sagte Frau Givo. „Morgen muß wieder Klarheit kommen: das Licht,“ und wie im Traum schon lallte sie: „Licht.“

Das Licht aber drohte ihrer Lebensflamme zu verlöschen. Givo sagte: „Laß ab, Mutter. Diese Gemeinschaft kannst du nicht trennen.“ Als sie erwidern wollte, fiel ihr Kopf zur Seite, die Zunge ward ihr schwer, die Augen blickten stier, die Glieder wurden lahm. Zwei Tage darauf erwachte sie aus todesähnlicher Bewußtlosigkeit. Manuel hatte lange Beratungen mit dem Arzt und Zora. „Es wird nicht mehr lange dauern. Belügen wir sie,“ sagte das Mädchen. Ihre schwarzen Augen flackten zu bläulichem Glanz, als sie Givo fragend anblickte. Der Arzt mahnte. „Nehmen Sie ihr die Qual.“ Die Mutter lag im Nebenzimmer und kämpfte sich ins Leben zurück. Plötzlich schrie sie auf, dumpf wie ein geängstigtes Tier. Givo stand auf, nahm Zora an der Hand und trat an ihr Bett. „Mutter,“ rief er leise. Und Zora lehnte den Kopf an Givos Schulter und weinte. Da lächelte Lea Givo und wollte das Zeichen des Segnens machen. Sie war zu schwach, aber sie verfiel in ruhigen Schlaf und, als sie erwachte, war die drohende Gefahr vorüber.

Vögelchen hatte Manuel fröhlich erwartet. Er war voll Hoffnung von ihr gegangen. Nun kam er nicht. Des Abends erst sandte er Botschaft, die Mutter sei schwer erkrankt. Zwei Tage vergingen, bedrückt von der plötzlichen Einsamkeit und der Qual, in der sie ihn wußte, um ihretwillen vielleicht. Sie hatte ihn der Mutter genommen und jenem Mädchen, das fühlte sie. Aber warum konnten sie nicht beide an ihm froh werden? Wenn er aber ihr genommen würde, was dann? Zurück zu Cecile? Nein, nicht arm und verwaist ins Asyl, nach St. Cloud, wo sie mit Givo glücklich gewesen. Sie würde Va besuchen und dann reisen, bis sie ein Ziel fand, irgendein Ziel. Welches? Nein, nein, sie würde bleiben, wo er war. Konnte es denn sein, daß er sie von sich ließ, daß er nicht ein Leben fand, in dem auch sie war? Allem wollte sie zustimmen, was nicht Trennung hieß. Und vielleicht, vielleicht gab er ihr ein Kind! Wer konnte ihr verbieten ein Kind zu haben? Dann würde sie die Einsamkeit schon leichter tragen. Und als sie darüber sann, war es ihr, als sei ihr der Wunsch erhört. Sie legte die Hände auf ihren Schoß und erlebte die Verkündigung. Wie im Traum lag sie und war gefeit vor Schmerz. Spät abends kam Givo, bleich, seine Augen brannten. So hatte sie ihn nie gesehen, ihn, den Ruhigen, den immer Befestigten. Er kniete vor ihr hin und legte den Kopf in ihren Schoß. Lange lag er so und schien Ruhe zu schöpfen und nachzusinnen.

Da fragte sie leise, wie aus einem Traum: „Hörst du unseres Kindes Herzchen schlagen?“

Er schüttelte den Kopf. Tränen gebadet hob er sein Gesicht zu ihr auf. „Es wurde in der Nacht, als der Tod die Mutter anfiel,“ sagte er. „Darum darf es nicht sein, du mußt es ungeschehen machen mit deinem Willen. Es ist mir Schweres geschehen. Ich habe meine Hand in die einer anderen gelegt um der Mutter Leben und Ruhe willen. Kannst du mir verzeihen? Kannst du mir vertrauen, trotz allem?“ Sie lag starr. Gigantische Kräfte hätten ihr jetzt die Zunge nicht gelöst. Wille und Wort waren in einen tiefen Schacht gefallen, der hieß Verzweiflung. Nach einer Stunde erst, in der sie beide regungslos gelegen, hauchte sie: „Ich vertraue dir. Ich lebe ja nur durch dich. Tu, was du mußt. Nur töte mich nicht, töte mich nicht.“ Er hatte sie umfangen, während sie aus den Tiefen des Schmerzes zu ihm sprach und in unendlicher Liebe nahm er sie zueigen. Dumpf heulten die Dampfpfeifen im Hafen. Nordwind peitschte die Wolken. Angstvoll war das Flattern der Sturmvögel und Möven.

Zu dieser Zeit erfuhren sie Ceciles Tod. Zum ersten Male griff die schwarze Hand in Arabellas Nähe, zum ersten Male konnte sie erfassen, was es heißt: ein Mensch ist ausgelöscht, der dir lieb war, und ein Stück deiner eigenen Seele ist mit ihm gewandert. Und während Givo nur Trauer empfand, quälte sie sich über Ceciles Geständnis. War es möglich zu töten? Seltsam, sie mußte an jene Begegnung vor Manuels Tür im Observatoire denken, an den triumphierenden Blick jenes Mädchens. Sie fragte sich, ob sie selbst würde ein Leben vernichten können, das ihren heiligsten Besitz bedrohte. Und daß der Geliebte dann für Cecile geschmachtet hatte! All das quälte, bis Givo ihr bewies, daß Cecile einen frommen Trug, nicht einen Mord begangen hatte. Das Leben war ihr beschattet von allen Seiten und Givos Sonne hellte es nicht; die trug ja selbst den Flor der Trauer. Nein, kein Kind in dieses Leben setzen, das sie nicht zu enträtseln vermochte. Nie hätte sie es beschützen können in der Wildnis, die sich vor ihr auftat. Sie war so sehr versonnen, daß sie ihrer täglichen Bedürfnisse kaum achtete. Givo war oft Tag und Nacht an das Krankenlager der Mutter gebunden. Er konnte nicht acht haben auf sie. Vögelchens wandernder Sinn blieb nicht haften am eigenen Schmerz, er verirrte sich in alle Labyrinthe menschlichen Leidens. Manchmal stieß sie die Kinderstirne wund an den nächtlichen Toren der Unwiederbringlichkeiten und trug aus dieser Zeit unauslöschbare Narben in ihr Leben mit. Der Schmerz tötete das keimende Leben in ihr und, als sie dessen bewußt war, beweinte sie es. Zu zart war ihr Körper, den Unbilden der Seele zu trotzen. Wie ein Schifflein, das von leichtem Segel beflügelt auf dem Schrecken des Meeres tanzt, ward er vom Sturm ergriffen und seine Ladung über Bord geschleudert. Ein Krönlein lag am Meeresgrund. Zuweilen schimmerte es zu ihr auf und sie sandte ihm die Perlen der Tränen, es zu schmücken. Aber das Meer trank sie auf in dumpfer Unersättlichkeit.

Frau Givo lag gelähmt. Man ging auf Zehenspitzen, es war gesorgt, daß keine Tür ins Schloß falle. Ein Erschrecken konnte sie töten. Man hatte ihr gesagt, die Heirat sei vorbereitet, und eines Tages trat Zora vor sie in festlichem Kleid. „Heute wird es sein.“ Givo kam herzu. Der Mutter Hand wollte nach seiner Stirne tasten. „Der Wagen ist schon vorgefahren,“ drängte Zora. Sie verließen die Kranke. Zora ergriff ein Weinkrampf, als sie die Stiegen abwärts schritten. Der Schleier fiel über ihre Tränen. Der Arzt blieb bei Frau Givo zurück, während Zora und Manuel, die Zeit hinzubringen, eine Rundfahrt durch die Stadt machten. An dem Krankenbett war dann ein Mahl gerichtet, dem nur der Arzt zugezogen war. Die alte Minka weinte verstohlen. Sie allein unter den Dienstboten ahnte das Verschwiegene. Ihre Herrin lag mit einem Lächeln, das wie Eisglanz über dem gelblichen, halb gelähmten Gesicht funkelte. Bald schlummerte sie wieder ein. Givo küßte Zoras Hand. „Hab Dank für dies traurige Spiel,“ sagte er. Ihre Mundwinkel bogen sich nach abwärts, sie senkte die Lider über den Fluch ihres Blickes. Er stürzte davon, dem Ersticken nahe, Betrug würgte ihn tödlich. Seine Seele schrie nach Unbeflecktheit, aber wohin er auch blickte, war Schuld.

Frau Givo wollte nicht so rasch aus einem Dasein gehen, in dem sie nun endlich ihren heißesten Wunsch erfüllt sah. Zähe Kräfte hielten sie am Leben und schmiedeten Zora und Manuel an ihr Krankenzimmer. Gäste wurden nicht vorgelassen, einige Glückwünsche fingiert. Die Kranke hatte aufgetragen, daß das untere Geschoß des Hauses für Zora und den Sohn eingerichtet würde, und es traf sich günstig, daß der Raum, in dem Imanuel die kostbare Sammlung alter astronomischer Instrumente aufbewahrte, zu diesem Zwecke geräumt werden sollte. Er träumte von einem Uraniaborg, einer Sternwarte am Meer, wie sie sein geistiger Ahne Tycho de Brahe besessen, einer Insel Gwenna, auf die er nachts zu Liebe und Arbeit entfliehen wollte, vom Zwang und Trug an der Mutter Krankenbett. Es fand sich bald ein turmartiges Gebäude mit drei riesigen Räumen, die er sogleich für seine Zwecke umgestalten ließ. Das eine diente zur Aufstellung der Sammlung, die anderen als Schlaf- und Arbeitsräume. Er scheute keine Kosten, um rasch das Gemäuer wohnlich zu machen. Eine Fischersfrau wurde zur Bedienung gedungen. Als Arabella nach öden Wartetagen in dem Hotel, das sie kaum verlassen hatte, von Givos Plan erfuhr, war sie glückselig. Endlich würde sie wieder mit ihm vereint sein, sein Leben erhellen und seine Arbeit teilen. Sogleich sah sie sich als sein Famulus, der Knabengewänder trug, um in der einsamen Behausung unbehelligt zu sein. Glücklich, sie wieder ermutigt zu sehen, duldete er freudig ihre romantischen Einfälle und war selbst darin nachgiebig, als sie nach Besichtigung des Turmes erklärte, daselbst auch dann wohnen zu wollen, wenn er gezwungen sein würde bei der Mutter zu bleiben. Das Befinden Frau Givos verschlechterte sich indes nicht und Manuel konnte unter dem Vorwand, auf seiner Sternwarte zu arbeiten, die Nächte unbehelligt außer Hause verbringen. Die ersten Wochen verflogen unter emsigem Auspacken, Ordnen und Reinigen der alten Geräte und der vielen astronomischen Bücher und Schriften. Givo wollte den Turm allmählich zu einem historischen Museum der Sternkunde ausbauen. Mit dem ihr eigenen Eifer vertiefte sich Vögelchen in das Studium der alten Bücher, legte Kataloge an und gefiel sich in ihrer Verkleidung. Stundenlang blickte sie aufs Meer, das hinter dem Fjord sich weit öffnete, und erdachte sich Wunder. Sie ging meist nur abends aus. In weiten Mantel gehüllt, den Lockenkopf unter einer Samtkappe verborgen, kam sie Manuel entgegen, dem die kurze Bahnfahrt endlos dünkte. Er brachte allerlei Leckerbissen mit, die sie für das schlechte Essen, das die Fischersfrau bereitete, entschädigen sollte. Bis Mitternacht arbeiteten sie, verbrachten dann Stunden heiligster Liebeseinigkeit und, während Arabella in den späten Morgen schlief, verließ Givo sie fast bei Tagesanbruch. Dieses Leben, so sehr es sie auch beglücken mochte, untergrub ihre Gesundheit. Dann kamen Abende, wo sie vergeblich Manuel entgegenging. Die Fischersleute in der Umgebung begannen neugierig zu werden und blickten ihr nach. Stürme durchbrausten den Turm und durchheulten die Nächte, die sie schlaflos verbrachte, wenn der Geliebte ihr fern war. Kam dann Givo, schien ein ihr verborgenes Leben noch an ihm zu haften. Aus der Ferne hörte sie ein Mädchenlachen wie hinter der Tür im Observatoire und ein häßliches Gefühl ließ ihr das Zutrauen erkalten. Hielt ihn die andere dort auch oder allein der Mutter Krankheit? Zu lange schon dauerte diese Wartezeit, die sie so viele Stunden von ihm trennte, in der er ihr unzugänglich war wie ein Fremder. Givo aber lebte nun kaum mehr ein eigenes Leben. Er wußte längst, daß er den Tod der Mutter ersehnte, immer dringlicher. Nichts anderes mehr konnte ihn befreien von der Lüge und auch der Tod nicht, der die Gequälte erlösen sollte, wenn er zu kommen zögerte. Denn er fühlte, wie die Kraft seiner Seele sich spaltete an der Ungeheuerlichkeit, daß er, dem der rechte Weg bewußt war wie kaum einem jungen und warmfühlenden Menschen, nun belastet war mit Schuld. Schwer trug er es, Arabella unbeschützt zu wissen, ehelos ihm angetraut, schwer drückte ihn ihre Klage um das Kind, das sie sich erhofft, qualvoll war ihm sein Wunsch nach der Mutter Tod, peinigend Zoras ihn suchende Nähe. Denn neben Arabella schien ihm Zora noch schwereres Los zu tragen. Ihr Opfer war größer noch, weil es nicht bedankt war durch seine Liebe. Verwaister war sie und zur Unglückseligkeit bestimmt, weil sich ihr junges Blut in Hoffnunglosigkeit vergiftete. Nun wußte er es, sie liebte ihn. Da wollte er ihr Gutes erweisen und schlug ihr in Gegenwart der Mutter vor, ihr Geigenspiel wieder aufzunehmen, vorerst auf eine Woche zu verreisen, um sich an guter Musik zu erfrischen. Sie nickte nur freudlos. Auch hier hatte der zehrende Brand ihrer unerfüllten Liebessehnsucht gewütet. Seit jener Scheinhochzeit fühlte sie sich nicht mehr jungfräulich gehemmt. Heiß sengten sie die Blicke fremder Männer. Ihr Blut siedete. Sie wußte, ihre Zeit war gekommen, unaufhaltsam drängte es sie zum Manne. Wenn sie sich wegwarf — und das würde sein — konnte täglich, plötzlich aus einer Stunde brechen, warum nicht an ihn, an Manuel, warum nicht besser an ihn! Dann würde sie gehen und nie wiederkehren! Wäre das nicht Erlösung auch für ihn? Einmal hatte sie eifersüchtiger Verdacht hinausgetrieben auf sein Riff, das zu besuchen er ihr untersagt hatte. Sie hatte der Fischersfrau aufgepaßt und erfahren, es sei nur ein Junge im Turm, der die Instrumente putze. Dies gab ihr Mut ein Letztes für sich zu erhoffen. Aber ein dumpfes Mißtrauen beschlich dennoch die Nächte, die er auf der Warte verbrachte. Wenn er ihr Erleichterung schaffen wolle, bat sie, so möge er ihr einige von seinen Arbeitsnächten opfern, damit sie sorgloser schlafe. Zu ängstlich wache sie über der Kranken Schlummer. Seine Stirne verfinsterte sich, aber er schlug ihr die Bitte nicht ab. So blieb er denn zuweilen nachts in der Stadt. Und einmal spät abends, als er über ein Buch geneigt in seinem Zimmer saß, rauschte der Vorhang auf, der seine Türe von der Zoras noch dichter abschloß; als er sich wandte, stand das Mädchen im Nachtkleid an der Schwelle. Wie ein Mantel umwallte sie das schwarze Haar. Die Nacht selbst schien zu ihm gekommen und blickte ihm düster, rätselvoll verlangend ins Gesicht. Und mit seltsam ferner Stimme lispelte Zora: „Ich will bei dir sein, eine letzte Nacht.“ Er blickte sie an erschrocken und wie verwundet.

„Kind, warum, warum? Warum es uns so schwer machen?“

„Ich habe Sehnsucht,“ sagte sie klagend. Er war ergriffen, daß sie gekommen war, ihm verlangend ihr Leid zu sagen, sie, die Verschlossene, deren Stolz er mit seiner Kälte so oft geknechtet haben mochte. Er nahm sie in seine Arme wie ein fieberkrankes Kind. Da fühlte er die Köstlichkeit ihrer reifen unberührten Jugend. Aber er trug kein Verlangen nach ihr. Des Morgens bat sie, „laß mich bei dir, nimm mich auf die Warte, nur eine Weile, dann gehe ich fort.“

„Du kannst nicht gehen,“ sagte er traurig, „du gingest denn in dein Unglück, heiß wie du bist, mein armes Kind.“

„Nenn mich nicht arm nach dieser Nacht,“ flüsterte sie. Sie war nicht stolz mehr, sie wußte flehentlich zu bitten, wenn er des Abends wegging. Er mußte ihr Drängen vertrösten auf kommende Nächte.

Aber Vögelchen, die wenig wußte, fühlte, erahnte viel. Es war ihr Gewißheit, bevor Givo sprach, daß eine Frau ihr die Nächte stahl. „Laß ein Ende kommen, dann reisen wir,“ bat er. Sie sah ihn stumm an. Sie verstand dieses fremde Mädchen, sie, die ihm selbst so gut war, und sie verstand seine Nachgiebigkeit, aber seltsam, er wurde ihr ferner, fremder in dem Wissen, daß sie ihn nicht allein besaß. Sie war nun scheu in ihrer Hingabe, als wäre noch der Blick eines Dritten in ihm, und sie fürchtete sich, sein Mitleid könne Freude werden an der anderen. Dann wieder schämte sie sich, ihm Freude zu mißgönnen. Ehe ihr offenbar war, was geschehen, hatte sie, wenn Givo klagte, er fürchte im nordischen Winter für ihre Gesundheit, den Plan erwogen, zu Helene zu fahren. Nun aber hieß dies, der anderen das Feld zu räumen. Sie blieb, aber sie verachtete sich darob und sie wußte, daß sie selbst ihr teuerstes inneres Gut opfern würde, wenn sich diese Selbstverachtung zum Äußersten steigern würde.

Da kam ein Brief von Adalbert und Angele, dem einige Zeilen von Karinskis Hand beigefügt waren. Man war zusammen in Nizza, in dem unvergleichlich schönen Villenbesitz Mannsthals. Der Kleine erstarke in der südlichen Luft, es sei auch Olga, Karinskis reizendes Töchterchen, da, denn Gräfin Tanja sei vor einem halben Jahre gestorben und der Graf habe seine Töchter in Schweizer Pensionaten untergebracht. Ob denn Vögelchen nicht friere im garstigen Norden, hier sei ihr ein warmer Empfang bereitet. Gab es das, irgendwo Wärme, Menschen, die sie liebten, die sie nachts nicht allein ließen, gab es Blumen, tropisches Blühen, Frauen in schönen Kleidern und weltmännische Kavaliere, die von früh bis abends ihre Damen umsorgen, gab es Bäder, reinliches Essen, Sorglosigkeit? Wer aber würde Manuels Instrumente putzen, seine Schriften in Ordnung halten? Nun, jene andere doch! Befreite sie ihn nicht von dem Zwiespalt, wenn sie ging? Nicht die Mutter war es, die sie trennte, die Gelähmte, die ihr Bett nicht mehr verließ. Der Freund hätte sie ja selbst im Hause halten können, ohne daß die Kranke es jemals hätte erfahren müssen. War Givo nicht dort Herr des Hauses? Nein, jenes Mädchen war es, die sie fern hielt, und sie fühlte den bösen Zauber, der zwischen diesen beiden Welten spann. Es kam der Tag, wo sie es nicht mehr ertrug, ihn in der Nähe der anderen zu wissen, wo sie unter seinen Liebkosungen litt und seine zärtlichen Worte nur mit Bitternis genoß. Der Bissen, den sie aß, war ihr vergällt, sie schämte sich der Verkleidung. Ihre erschütterten Nerven brachen ihr die sanfte Geduld.

Eines Abends fand Givo die Warte verödet. Er rief nach dem geliebten Wesen. Seine Stimme hallte erschrocken zurück vom alten Gemäuer. Irgendwo klirrte ein Instrument wie leises Wimmern. Vögelchen war fortgeflogen.