Der Retter

Vögelchen hatte Konrad all die Zeit her vergessen und es war ihr nicht eingefallen, ihm zu schreiben. In der Sainte Chapelle, in der sie in Verzückung stand, kam sein Bild und seine Worte sprachen zu ihr. „Und das, mein Ariel, ist das Geheimnis des Lebens, mit der Seele Lauterkeit muß man es durchtränken, mit des Herzens Honigseim es versüßen und sei es aus Galle und Unflat.“ In dieser hochaufstrebenden Kapelle, in dieser Kirche, die aus heiligem Stein und heiligem Glas gebildet schien, war ihr Herz Gott aufgeschlossen und gedachte derer, die seine Worte in ihr gestärkt. Und aus der Bedrängnis, in der sie lebte und in der nur Taumel und Trunkenheit ihr Ruhe brachten, sah sie nun einen Weg und ein Tor. Das Tor war strahlend wie die Fensterrose der Sainte Chapelle und sie wußte, hinter ihr blaute der Himmel, den sie vergessen hatte. Während sie stand und das Licht durch tausend Farben der Glasmalereien über sich ergossen sah, während sie sich eingeschlossen fühlte von den Legenden der Bibeln und ihre Augen an den Bildern streiften, wie man neugierig und doch mit halber Aufmerksamkeit in einem Buche blättert, da trat leise von der Vorhalle her Imanuel Givo ein. Er ging ganz leise, als wollte er die Andächtige nicht stören und, als sie mit einem leisen Rauschen des seidigen Gewandes sich zu ihm wandte, begegneten stille, dunkle und weise Augen aus einem schmalen Gesichte den ihren. Schwarz war alles an ihm, Haare, Anzug, Hut, das Buch, das er in schwarz behandschuhten Händen hielt. Nur seine Hautfarbe war leuchtend hell und ein rosiger, fast frauenhafter Hauch lag auf seinen Wangen. Es war Ruhe und Sammlung in ihm und eine freundlich wissende Anteilnahme an der Umwelt. Er glich einem weltlichen Mönch. Vor der Darstellung der Propheten stand er lange und trug Notizen in ein Buch ein. Dann wandte er sich gegen die Vorhalle und seine Gestalt war in ihren Rändern von Licht umflossen. Er hatte breite Schultern und schmale Hüften, was ihm eine edle Biegsamkeit verlieh. In der Haltung seines Kopfes drückte sich eine fast demütige Anmut aus. Als Arabella an ihm vorüberglitt, fiel ihr das Schultertuch herab und schleifte den Boden, so daß er sich wohl darin verfangen hätte, wäre nicht eben ein leichter Blick zu ihr gegangen. Das war nicht derbe Absicht und doch wie durch beider Wunsch herbeigeführt. Er beugte sich herab, ihr zuvorkommend, und sah dann in ihre Augen, die aufleuchtend dankten und groß und hell wurden an den seinen. Ihr blasses, ungeschminktes Gesicht mit den feinen Nüstern, dem schmal blühenden Mund schien ihm ortsfremd, und seine freundlich wissende Anteilnahme wandelte sich in ein zärtlich kühles Grüßen des Blickes, wie es etwa Könige haben, wenn ihnen ein schönes Weib Blumen in die Karosse wirft. Er ging hinter ihr her und sie fühlte seinen Blick wie ein Streicheln zwischen ihre Schultern rieseln. Sie ging über den Platz hinüber gegen Notre Dame zu, blieb dann am Pont Neuf stehen und blickte auf die Seine herab, die vom Regen der letzten Tage gelblich war. Hier packte sie ein Schwindel und sie hielt sich am Geländer fest.

„Sie sind nicht wohl,“ fragte Imanuel Givo hinter ihr. Er umfaßte mit einem leisen, angenehmen Griff ihre Hand. „Darf ich Ihnen einen Wagen besorgen? Oder wollten Sie —?“ Er wies mit einem vorwurfsvollen Lächeln auf den Fluß hinab. „Sie ist doch so schmutzig heute, die Seine.“

Arabella war bleich und unwirklicher war ihm niemals eine Frau erschienen. Ihre Augen sprachen immer noch hell aufgeschlossen in die seinen. Sie war unfähig ihm mit Worten zu antworten. Sie fühlte, etwas Entscheidendes war ihr geschehen. Er sah, daß sie sich in einem außergewöhnlichen Zustande befand. Sie bebte am ganzen Körper. Er wartete ihre Antwort nicht ab, rief einen Wagen an.

„Ihre Adresse?“

Sie nannte sie, während er scheinbar ohne Neugier, sie zu vernehmen, den Kutscher, der sie leise wiederholte, bezahlte. Er grüßte ernst, freundlich und ging wie einer, der nun seine Pflicht getan hat. Arabella hätte ihm folgen, ihn bitten mögen, ihr unter seinem weisen, stillen Blick länger noch Obdach zu gewähren. Aber der schwarze Engel mit dem wissenden Lächeln schickte sie fort aus seinem Leben und ging seiner Wege. Als sie vor ihr Haus kam, stand ein zerlumpter Mensch am gegenüberliegenden Haustor und verschwand alsbald im Dunkel der Flur. Ihr Blick war nach innen gekehrt. Sie erkannte Konrad Kruger nicht.

Wie im Traum lag sie dann auf dem Sofa in dem kleinen Salon mit den weißen Boiserien, die den Marmorkamin einschlossen, in dem schon Feuer brannte, weil Adalbert so häufig fror. Da trat unangemeldet Cecil Norton ein. Er hatte die Tür offen gefunden. Camill stand unten bei Konrad Kruger. Der junge Engländer, den Arabella ohne Mannsthals Zustimmung eingeladen hatte, legte einen Strauß kostbarer Blumen an ihre Seite nieder und blieb mit einem fragenden, unbeholfenen Lächeln vor ihr stehen. Sie lächelte wie durch einen Schleier zu ihm auf, ohne seine Frage, ob sie leidend sei, und seine Entschuldigung, sie derart überfallen zu haben, zu beantworten. Es war in ihr eine Unfähigkeit zu sprechen. Auch sah sie ihn kaum: sie spürte ihn. So blieben sie eine ganze Weile, nur daß sein Gesicht, als er die Hingestreckte anstarrte, allmählich den Ausdruck der Begierde annahm und sie ahnungslos, wessen Mienenspiel sie nachahmte, leise mit der Zunge schnalzte und mit den Augen blinzelte. Er verstand sie und erschrak, wiewohl ihre Gebärde ihm verhieß, wonach er ja verlangte, und er kniete nieder und berührte die Seide ihrer Strümpfe. Ganz leise zog sie ihr Kleid kniewärts, während ihr Kopf zurücksank und ein wundersames Lächeln über ihr Antlitz sich breitete.

Camill stand unten am Tor und hielt Wache, Ausschau nach Mannsthals Heimkunft. Indes schlich Konrad in die Wohnung. Einem Lichtstrahl folgend, kam er an die Türe des Salons. Da hörte er Stimmen, verworrene Laute. Zutiefst erschrocken, floh er zu Camill zurück.

„Jetzt nicht,“ keuchte er. „Es ist einer bei ihr.“ Sein Freund, der Kammerdiener, lachte boshaft. Konrad bezog wieder die Flur des gegenüberliegenden Hauses, in der er mehrere Stunden des Tages verbrachte. Bald darauf sah er Mannsthal heimkehren. Er erblickte seinen Schatten, dann ihn selbst auf der Terrasse, durch deren Fenster man in Vögelchens Zimmer sehen konnte. Adalbert stand unbeweglich, wohl durch die Vorhänge verborgen. Was er sah, erschien vollendet schön, aber eben dieses Entzücken, das weder Eifersucht noch Erregung in ihm aufkeimen ließ, diese Anteilnahme an dem Geschauten, die der Ehrfurcht beim Anblick eines Kunstwerkes glich, ließ ihn wie einen Unbeteiligten, der Arabella vor wenigen Monaten noch als Kind gekannt, das erschauernd sehen, was die Menschen ein Verbrechen nennen. Und kalt und schonungslos stellte er sich an den Pranger seines Gewissens. Wie hatte er jemals glauben können, Vögelchen sei vor der Berührung Fremder gefeit durch ihre Unschuld? Eben diese, die nicht ahnte, was ihr Blut befahl, ließ sie frei ihren Trieben folgen. Hatte sie denn eine Seele? Er durfte nicht mehr ihrer sicher sein, konnte sie nicht mehr sich selbst überlassen und, wenn er jemals ganz ruhig werden wollte, mußte er gesund sein und jung oder sie wegsperren in Einsamkeit.

Er gab Camill den Auftrag den Herrn abzuweisen, wenn er wiederkäme; aber dessen bedurfte es nicht, denn als Cecil Norton das Haus verließ, trat unten ein zerlumpter Mensch auf ihn zu und sagte: „Mein Herr, folgen Sie mir auf die Polizei. Sie haben gegen das Gesetz gehandelt.“

„Hund,“ knirschte Norton zwischen den Zähnen.

Aber der andere sah zu ihm auf wie ein gehetztes Wild, das sich plötzlich gewendet hat und seinen Verfolger angreift. „Ich weiß, was ich sage, mein Herr. Aber ich kann schweigen, wenn man meinen Hunger stillt. Ich habe auch nichts mehr anzuziehen. Ich habe die da oben wochenlang vergeblich gesucht, nachdem ich von weither ihr nachreiste. Als ich die Gottesbraut wiederfand, hieltest du, Elender, sie in deinen Pranken.“

„Sie sind wahnsinnig!“

„Das wird das Gericht feststellen müssen.“

„Ich habe nichts getan, was nicht schon an ihr geschehen war. Sie können nichts beweisen.“

„Ich bin nicht so einer, nein. Aber an Ihrer Achtung ist mir wenig gelegen,“ sagte der Zerlumpte. „Zahlen Sie — und wenn Sie wiederkämen, dann würde ich Sie aufs neue verfolgen. Hüten Sie sich, dieses Mädchen zu berühren. Es ist meinem Schutz unterstellt.“

Norton streifte den Verfolger mit einem scheuen Blick. Der Mensch sah ihn mit schrecklichen Augen an, murmelte einen Fluch. Der Engländer griff in die Tasche, zog Geld hervor und hielt es erwägend in der Hand, indem er eilig weiterschritt. Aber als er sich wandte, um es seinem Bedränger zuzuwerfen, war dieser wie ein Schatten im Gewühle verschwunden.

Zu Mannsthals großem Erstaunen erwähnte Vögelchen beim Abendessen nur flüchtig des Engländers Besuch, dagegen erzählte sie eingehend von jenem Fremden, der ihr in der Sainte Chapelle begegnet war. Immer wieder kam sie auf ihn zu sprechen und erging sich in Mutmaßungen, wer er wohl gewesen sein mochte. Die Stadt war jetzt für sie der Wunder voll. Würde er sich melden, der Seltsame? Sie lag nachts in tiefem Schlaf neben Adalbert, der wach war, ihren Atem belauschend und ihr leises Seufzen. In ihrem Traum sandte sie ihre Sehnsucht aus nach dem Fremden und beschwor seine Gedanken. Der Traum aber war nicht erdgebunden, nicht wunsch- und drangvoll. Es war ihr Traum von Gott, von Demut und Unendlichkeit, der um Imanuel Givo blühte.