Gestörter Friede
Arabella war mit Helene in ihrem Zimmer. Helene plauderte immerzu. Aber nicht wie andere junge Mädchen sprachen sie von verborgenen Dingen, denn diese erregten ihre Neugierde nicht mehr. Jenes verborgene Leben aber, das sie kannten, hatte das andere nicht berührt, das sie mit Altersgenossinnen gemein hatten. Auch waren sie beide schamhaft im Wort. Sie sprachen über Blumen, Spiele, Bücher, Musik, Kleider, Ausflüge, über Anna, Felix Blanc und über Alphi. Er hatte zwei kleine Mütter an ihnen, die mit ihm spielten wie mit ihrer letzten Puppe. Heute sprachen sie auch von Alphis Eltern. Seine Mutter war tot, der Vater, ein Gelehrter, war dem jähen Schmerz geflohen. Eine Forschungsreise hielt ihn seit Monaten fern. Er war ein Freund Givos, Tallandres jüngerer Bruder. Wenn sie von Alphis Zukunft sprachen, wurde Vögelchens Blick ernst und träumerisch. Helene wußte, die Freundin fühle sich gebunden, könnte auch Alphi nichts versprechen. Helene aber wollte bei ihm bleiben, bis er ein großer Junge war. „Mama will keine große Tochter haben. Ich bin ihr immer im Wege. Es ist so unruhig bei ihr, meinte sie. Immer kommen Schneiderinnen und Herren und Freundinnen, die aufgeregt sind. Ich habe dort keinen Winkel für mich und die vielen fremden Leute sehen mich alle neugierig an. Ich möchte bei Tante Cecile bleiben oder Gouvernante werden. Kinder sind doch das Netteste auf der Welt.“
„Ich möchte gern eigene haben,“ sagte Arabella nachdenklich und schwieg dann, wie immer, wenn sie an Verborgenes ihres Lebens dachte, von dem Helene nur ein weniges ahnte. Sie nahm ein Wäschestück aus dem Kasten, um sich damit zu bekleiden, ehe sie sich an den Frisiertisch setzte. Da fiel etwas zur Erde. Sie bückte sich. Es war Konrads Brief. Sie besah ihn erstaunt und las ihn erbleichend. Helene war um Alphi beschäftigt und schenkte dem Vorgang keine Aufmerksamkeit. Erst als Vögelchen lange schwieg, sah sie auf.
„Helene,“ sagte Arabella, „kannst Du Alphi einige Tage allein versorgen? Ich muß verreisen. Du allein sollst es wissen. Ich werde heimlich fahren. Man ließe mich nicht fort, wenn ich darum bitten würde. Ich will zu meinem Stiefvater. Ich muß Aufschluß haben über, über meine — Mutter. Du mußt über alles schweigen. Versprich mir’s, Helene.“ Vögelchen umfaßte Helene, die zu ihr geeilt war. Die beiden Mädchen hielten sich umschlungen. Sie bebten vor Erregung.
Nachmittags entfernte sich Arabella, nachdem sie Cecile einen Brief zurückgelassen. Helene sah ihr angstvoll nach. In einem Päckchen hatte sie das Nötigste für die Reise. Es war ihr, als folge sie schlafwandlerisch einer Macht, die dies alles für sie bestimmte. Zuerst telegraphierte sie Givo das Ziel der Reise. Dann ging sie in die größeren Gasthöfe und fragte nach Konrad. Er war abgereist. Zehn Tage waren vergangen, seitdem er das Briefchen zu dem Wäscher gebracht. Auf dem Bahnhof erfuhr sie, daß Quesdon, Mannsthals Aufenthaltsort, nicht an der Bahn liege, daß sie bis zu der zunächst liegenden Station Balogne in Louvais den Zug zu wechseln habe. Das Warten am Bahnhof zu Chaly war peinlich. Sie fürchtete überrascht zu werden, so ging sie bis zur nächsten Haltestelle, eine Stunde weit. Dort hatte sie noch eine weitere Stunde den Zug abzuwarten. Wie ungeduldig war sie! Endlich saß sie im Wagen. Da stieg ein Geistlicher ein. Sie bat ihn um Auskunft. Er riet ihr, in Louvais zu übernachten und früh am Morgen nach Balogne weiter zu fahren. Ob sie sich denn nicht fürchte allein zu reisen? Er würde ihr gern die Adresse einer frommen Herberge in Louvais geben und ein Briefchen dazu, damit sie nicht im Gasthof übernachten müsse. Arabella nahm dankbar an. Es war ihr, als hätte ein Schutzgeist ihr den alten Mann gesandt, der nun mit zitternder Altmännerschrift ihr die Adresse schrieb: „Empfohlen von Thomas Brueuil, Dechant von St. Jacques in Trouai.“ Er stieg bald wieder aus. Es war nicht anders, als ob er nur erschienen wäre, ihr die Weisung zu geben. Es dämmerte, geisterhaft flog draußen die Landschaft an ihr vorbei. Eine warme, süße Nacht warf ihre Schwaden über den eilenden Zug hin, Ausstrom der reifenden Felder, die er durchmaß. Ein Gruß ferner Welten floß in sie ein und stärkte ihre verängstigte Kraft. Nach fünfstündiger Fahrt war sie in Louvais. Wie Meerluft trank sich der Atem der Nacht. Sie sprach eine Frau aus den ärmeren Klassen an, die zeigte ihr den Weg nach der Herberge. Die Stadt lag im Mondschein gebadet. Die keine Kathedrale war wie beeist, dunkle Schatten lagen zwischen den gothischen Mauern, in einer Glasrosette glitzerte ein Mondstrahl und sah wie ein göttliches Auge in das Helldunkel. Auf dem Hauptplatz plätscherte ein Brunnen, unbesorgt der Stille, in die er sprach. Da und dort gingen noch Leute, huschten wie Schemen vom Glast zu Dunkelheit, verschwanden in winkeligen Gassen oder in den stillen, verschlafenen Häusern, deren Läden sich selbst dem warmen Sommerabend verschlossen. Arabella wagte nicht mit lebendiger Sprache eine der Schattengestalten festzuhalten, um nochmals nach Straße und Haus zu fragen. Sie war müde und traumselig berührt vom Zauber der schlafenden Welt. Sie fühlte noch das Kreisen der Waggonräder in den Gliedern. Es war gut zu schreiten in der linden Stille. Sie erinnerte sich eines Kindermärchens, eines der wenigen, die ihrer seltsamen Jugend beschert waren, sah eine fremde Stadt, in der eine Prinzessin einen Königssohn sucht, der verzaubert bei der Fee Conta wohnt, in einem alten gläsernen Palast, dessen verrostete Türklinke aufschluchzt, wenn einer sie berührt. Und nun stand sie vor einem der alten Gebäude, dessen gewölbte Erker tiefe Schatten auf die Straße warfen und wußte, dies Haus ist Kloster und Herberge. Nur ein schwaches Licht hinter bleichem Vorhang kündete, daß sich noch Leben regte in dem Hause, das aus vielen Jahrhunderten zu kommen schien. Arabella erschauerte, ihre einsame Wanderschaft zur Nacht wurde ihr einen Augenblick zum Symbol für ihr Leben. Nicht anders als wie eine kleine vom Wind betäubte Meise klopfte ihr Fingerchen an die durchleuchtete Scheibe. Eine Nonne öffnete ihr, das Antlitz von der Laterne beschienen, und sprach den frommen Gruß. Vögelchen fühlte, wie ein musternder Blick ihre modische Kleidung streifte. Wie zur Gegenwehr streckte sie den Zettel des Pfarrers hin und nun stand sie in einer kühlen Halle, über deren Mauer das Licht der Laterne tanzte. Ihr war, als wölbten sich massive Spinnweben über ihr. Irgendwo tickte eine Uhr, während die Nonne mühselig las. „Ein Plätzchen für die Nacht?“ sagte sie dann mit jener oft den Nonnen eigenen Stimme. „Im Vorderhaus ist nichts frei,“ überlegte sie. „Nun, wir müssen eben durch den Saal und leise sein. Folgen Sie mir.“ Nachdem sie aus einer Zelle einen Schlüsselbund geholt hatte, schritt sie Arabella voran. „Wir haben heute die Prozession aus Aisle zur Nächtigung,“ sagte sie. Nun traten sie auf einen großen Hof. Ein steinernes Marienbild leuchtete hell zwischen Birkenstämmen, deren Laub rieselnde Schatten über die Steinfliesen malte. Ziegen und Schafe lagen da im Schlafe. Von ihren Leibern ging atmende Wärme aus. Kreuze ragten aus Büschen. Vögelchen sah es nicht anders als Druidensteine. Unheimlich fremd waren der in allen Kulten Unbelehrten die frommen Wahrzeichen. Aber der Frieden, der ausging selbst von dem voranleuchtenden Schreiten der Nonne, stimmte sie dankbar. Das Hinterhaus, zu dem sie sich begaben, ragte dunkel, von Jahrhunderte altem Efeu umrahmt. Über der gotischen Türe brannte unter einem Heiligenbild ein ewiges Licht, einem ängstlich flackernden Blutstropfen gleich. Die Nonne öffnete. Sie schritten durch die Sakristei an der Kirche vorbei, dann öffnete sich behutsam eine riesige Türe, nachdem die Nonne die Laterne zurückgelassen hatte. Sie tasteten sich durch einen Saal, darin lagen zehn Nonnen. Sie waren nicht entkleidet und hatten nur niedere, mit Gurten bespannte Betten ohne Polster und Decken. In ihren weißen Gewändern glichen sie Schwänen, die auf dunklen Wellen schweben. Eine oder die andere rührte sich im Schlafe, eine hochgewachsene Gestalt richtete sich spähend auf und schien wie in Verzweiflung zusammenzusinken. Leise ging der Atem von anderen, deren friedliche Züge Mondschein überglänzte. Das Nebenzimmer wurde nun Vögelchen zur Nächtigung angewiesen. Neben einem altertümlichen Bett stand ein zinnernes Waschbecken und ein Stuhl. „Schlafen Sie in Frieden,“ sagte die Pförtnerin und verschwand. Vögelchen ging ans Fenster, fast taghell strömte nun das Mondlicht in den kahlen Raum. Ihr war, als wäre sie gefangen und müsse einen Ausgang erspähen. Unten im Hof entschwebte das Licht der Laterne. Da erblickte sie schräg gegenüber zwei erleuchtete Spitzbogenfenster. Welch seltsames Treiben bot sich ihr dar. Nonnen saßen über Spitzenarbeiten gebeugt. Riesige Kreuze und heilige Wappen streuten ihre kunstfertigen Finger in weißes Gespinst. Jahr und Tag saßen sie wohl so, ein Leben lang über die heilige Spitze gebeugt, die Altäre, Pulte und Priestergewänder schmücken oder jahrhundertelang in Klosterschreinen modern sollte. Weltfern lag ihnen das lebendige Leben, wahnvoll waren ihre Gedanken eingesponnen in die Gewebe. Ihre Gebete und Litaneien rankten sich verworren um Kreuz und Krummstab und dumpfe Sehnsucht um Lilie, Rose und Akanthusblatt. Vögelchen wurde nicht müde hinüberzuschauen, aber plötzlich tappte etwas neben ihr über die Steinfliesen. Blitzschnell flitzte ein grauer Schatten vorbei: Mäuse. Da eilte sie ins Bett und zog die Decke eng an sich. Irgendwo tickte es in altem Holz. Fast hörbare Schwüle tastete sich über Nonnenschlaf zu ihr und hüllte sie in jene Dämmer, die Erlebnis, Wunsch und Furcht vermengen. Sie sah Givo sie irgendwo erwarten und alle Einsamkeit hatte ein Ende und sie stand vor Adalbert und bat ihn sie von der Mutter zu erlösen, die rief und sie nicht fand und die sie nur sah wie einen Schatten, der nicht wärmt. Aber Adalbert sprach nicht, er blickte sie an wie in fernen Nächten mit dem Tierbändigerblick, der ihr wie ein süßer Befehl durch die Glieder rann. Da fühlte sie wieder, nur bei Givo war Erlösung, denn sein Blick entwaffnete den des Zauberers. Vor Tagesanbruch weckte sie leiser, eintöniger Gesang. Die Nonnen beteten. Immer lauter wurde das Singen, immer heller das Tagen vor den Fenstern. Es war, als riefen sie das Licht im Gebet, und es antwortete ihnen mit silbernem Ruf. Als der Gesang verstummte, brach Sonnenschein in das Gemach. Vögelchen ließ Wasser durch ihre Finger perlen und kühlte sich die schlafheißen Wangen. Neugierig ging sie ans Fenster, die Stätte der Nacht im Tag zu sehen. Alles war heiter jetzt und von schlichter Ehrwürdigkeit. Die Nonnen drüben waren von anderen abgelöst worden. Kinder gingen über den Hof, Bäuerinnen mit großen weißen Hauben flügelten umher, dazwischen weiße und schwarze Nonnen. Die Pförtnerin war unter ihnen und Vögelchen verließ nicht ohne Scheu ihres modischen Kleides wegen das Zimmer, schritt durch den leeren Saal und begrüßte die Nonne. Die führte sie zu einer Greisin, deren Blick geistesabwesend war wie der eines kleinen Kindes. Sie reichte Arabella mit einem erstarrten Lächeln ein Brot. Vögelchen streifte ein schmales Ringlein, das sie seit Kinderzeit trug, vom Finger und legte es der Priorin in den Brotkorb. Die nickte und murmelte einen Segen. Dann trat Arabella auf die Straße und durch die erwachte Stadt fand sie den Weg zum Bahnhof.