Student Kruger

Vögelchen begann sich nun langsam der Welt zu besinnen, wie die sich nun zu ihr, der kleinen Arabella Rutland, verhalten mochte. Sie lernte bewußt sich als Einzelwesen fühlen. Als sie eines Morgens im Rasen lag und von ihrer Anhöhe bald zum See herab, bald zum unendlich blauen Himmel aufblickte, empfand sie sich als ein wanderndes Stäubchen, ein losgelöstes Fünkchen auf Wanderschaft. Immer wieder sah sie noch das Feuerzeichen des Brandes, sah den Funkenregen und wie Teile sich loslösten und in der Luft verglühten oder im Wasser einen vorzeitigen Tod fanden. Alle schienen bis ans Ende ihrer Kraft zu fliegen und wurden Asche und Erde, nachdem ihr Leuchten in Dunkelheit untergegangen. Asche und Erde aber wurden von Wetter und Zeit zu feuchtem warmen Boden. Da grünten die Fünkchen von neuem ins Leben. Über ihr blitzte der Flügel einer Schwalbe im Sonnenlicht. „Flieg, Fünkchen, flieg,“ sang sie leise und es war ihr, als würde sie selbst ganz leicht und brauchte nur aufzuflattern. Waren alle Menschen beschwingt wie sie? In den Familien, in deren Nähe sie nach dem Brande gelebt, schienen kleine Widerhaken die Einzelnen aneinander festzuhalten. Wäre „Er“ denn sonst nicht mit ihr geflogen? Ach, sie war ein Sonderwesen, hatte nicht Vater, nicht Mutter, nicht Schwesterlein und Brüderlein. Va war ja nicht ihr Vater, das wußte sie. Aber auch für sie mußte es kleine Quellen geben, wo sie trinken konnte, Nester, wo sie ruhen würde, wenn die Wanderschaft begann und sie ermüdete. Va wußte alles. Er würde sie weisen. Va, der Zauberer, würde ihr die Türen öffnen. Die Reise, das wußte sie, die war der Anbeginn ihrer Wanderung, und die Wanderung würde ihr Leben sein. Die Leute in den Kirchen blickten zum Himmel auf, wenn sie beteten. Dort wohnte wohl Gott. Aber da unten im Seegrunde hauste ein anderer. Oder war das nur der Himmelsgott, der sich im Wasser spiegelte? Nein, der Gott da unten war verflochten in den Pflanzen der Tiefe und Fischlein schwammen silbern um seinen Bart. Der Gott im Himmel war sein Bruder und ewige Sehnsucht stieg auf und ab von ihnen. Vögelchen war es, als ginge der Strom ihrer Sehnsucht durch ihren eigenen Leib, aufsteigend und absteigend. In ihrem Herzen begegnete er sich, floß ein, floß aus. Ihr Blut nährte sich von ihm. Er hielt sie. Sie konnte nicht fallen. Sie bekam Weisungen von Höhe und Tiefe, in ihr verschwisterten sie sich. Dies alles war nicht Traum. Ließ es sich in Worte bilden?

Ja, sie konnte es in wirklichen Worten aus sich herausstellen. Von diesen Dingen erzählte sie dem Studenten Kruger, dem mißratenen Hofratssohne, der in ihrem Gasthof wohnte. Der hatte die Familienwiderhaken sich blutig aus dem Fleische gerissen. Nun heilte er die Wunden in Einsamkeit. Aber der Brand seiner Seele riß sie immer wieder auf. Schmerzten sie, so ward er wunderlich. Der Geist war ihm Seelsorger und Hofnarr zugleich. Vögelchen störte ihn nicht. Er nannte sie Ariel. Arabella klang ihm zu menschlich.

Student Kruger war ein wenig verwachsen oder es schien so. Man wußte nicht, wo und wie seine Gestalt abnorm war. Seine Augen hatten etwas Überraschendes wie die eines Falken oder Adlers, die sich, seltsam an der Ferne geschärft, unter bergenden Lidern enthüllen, und seine hohe Stirn, sein dichtes Haar ließen die Gestalt noch dürftiger erscheinen. Sein Mund aber war wie ein Hohn auf die Geistigkeit seiner blaugeäderten Schläfen. Er hockte wie ein Affe mit langen Armen neben Ariel und sprach in sie ein, bis er das Geheimnis des „Stromes“ aus ihr holte.

„Wer ist Gott?“ fragte sie.

„Gott ist ein einförmiges, göttliches, einfältiges Wesen und wirkt doch alle Mannigfaltigkeit und ist alles in allen Dingen, eines in allem und alles in einem, sagt der heilige Augustin. Gott sind Sie, Ariel, Gott bin ich, Konrad Kruger, Student der Theologie, Verkünder meiner Religion.“

„Und was ist das, was ihr die Seele nennt?“ fragte Vögelchen.

„Seele ist ein Aufgang zu Gott durch das Getümmel der Welt. Seele ist das Entsinken deiner selbst, dein Schauen, dein Warten, dein Empfangen, dein Geben in Demut.“

„Und was ist Demut?“ fragte Vögelchen.

„Demut ist Aufgeschlossensein, Demut ist Einlaß und Ausströmen der Liebe, Erkennen, Duldung und Dank, Bewährung im Glück und Schmerz, Demut ist Liebe gewordenes Leid.“

„Trauere nicht über Leid, Schmerz erhöht,“ sagte Vögelchen und bescheiden setzte sie hinzu: „Das weiß ich von Onkel Clemens, er schrieb mir das zum Abschied.“ Und plötzlich brach sie aus: „Ach, warum ist er fort, der gute, gute Onkel Clemens?“ Sie begann zu weinen. Student Kruger saß dabei und grinste aus Verlegenheit.

„Schmerz, wenn ein Rad über mein Bein fährt,“ fragte sie dann und trocknete ihre Tränen.

„Nein, Ariel, körperlichen Schmerz, sofern er nicht maßlos und andauernd ist, verspüren wir nicht, du und ich und die anderen, die wie wir sind.“

„Ich war nie krank,“ sagte Vögelchen.

„Und bist doch so zart. Sind Blumen krank? Die Narzisse auf wiegendem Stiel, das Buschwindröschen, die Orchidee? Nein.“

„Ich hatte eine schwarze Amme, eine Negerin säugte mich.“ Sie sah ihn kindlich triumphierend an. Das kann nicht jeder von sich erzählen, prahlte ihr Blick.

„Hattest du nicht die Masern, Scharlach, den Keuchhusten? Nein, daran wärest du gestorben,“ sagte Student Kruger. Er starrte sie eine Weile an. „Bist du eigentlich schon ein Mädchen?“ fragte er plötzlich. „Wie alt bist du?“

Vögelchen verschwieg gern ihr Alter. „Ich war immer ein Mädchen,“ antwortete Vögelchen ernsthaft.

„Ich meine, ob du noch Kind bist?“

Vögelchen richtete sich zornig auf. „Ich wäre ja beinahe Braut geworden,“ rief sie. „Und wenn wir nun reisen, so bin ich Frau Mannsthal. Das haben wir beschlossen. Va ist nicht mein Vater, müssen Sie wissen. Ich habe keinen Vater.“

„Und deine Mutter?“ Vögelchen erbleichte. Sie riß einen Halm aus und warf ihn von sich. Dies war die Antwort.

„Aber das mit dem Schmerz, daß wir es, ich und die anderen (sie ging immer auf seine Andeutungen einer geheimen Gemeinschaft ein), daß wir den Schmerz nicht spüren! Geben Sie mir Ihr Federmesser, ich will das versuchen.“ Gehorsam zog er es hervor. Soll ich öffnen, deutet er. Sie nickte.

„Rasch, sonst verliere ich den Mut.“ Er tat es. Sie ritzte sich in der Handfläche. Es ging nicht leicht. Ihre Haut wehrte sich des stählernen Eindringlings. Plötzlich sprang ein kleiner roter Strahl empor. Vögelchen war kreideweiß im Gesicht. „Wahrhaftig, es schmerzte nicht,“ sagte sie. Aber sie hielt den Atem an. Es wurde ihr übel. Student Kruger hockte neben ihr, seine Haare sträubten sich vor Erregung, seine Ohren reckten sich spitz, seine Augen hatten einen stumpfen, fast blödsinnigen Glanz.

„Ariels Blut,“ sagte er leise. „Wein des Lebens.“

„Ich kann es nicht sehen,“ sagte Vögelchen, die immer bleicher wurde.

„Und müßt doch bluten, ihr Frauen.“

„Red’ nicht so hoch daher,“ rief sie unwillig und wand ihr Tuch um die Hand. „Ich hasse euer ewiges Gescheitsein.“

„Ich möchte dir alles geben, was ich habe, Ariel, alles Gescheitsein auch.“

„Ich mag nichts von dir,“ sagte sie. Er sah sie an wie ein getretener Hund, dann beugte er sich über sie und flüsterte angstvoll: „Aber ich lasse dich nicht.“ Vögelchen sah zu ihm auf; wie sein Antlitz über ihr schwebte, war ihr, als ob das Grauen sich in einer Wolke über ihr ballte. Ein Druck legte sich wie eine eisern würgende Faust auf ihren Hals, ein blauer Strom ging an beiden Schläfen zu ihrem Herzen hinab. Sie wurde ohnmächtig.

Camill, der Kammerdiener, kam, vom Ruf des Studenten angetrieben. Er rieb ihr die Stirne mit Essig. Man trug sie auf ihr Zimmer. Dort schlug sie die Augen auf. „Er hat mich gebissen,“ sagte sie und deutete erzürnt auf Kruger, der bestürzt da stand. Der Kammerdiener machte ihm hinter Vögelchens Lager ein Zeichen. Er tippte mit dem Finger an seine Stirn, andeutend, daß er an der Vernunft seines Fräuleins zweifle.

Vögelchen streifte tags darauf wieder allein im Wald umher und war einsam bei den Mahlzeiten. Kruger begrüßte sie mit tiefen Verbeugungen. Er saß in einem Gartenhaus hinter Büchern bei einer Schreibarbeit. Manchmal stand er auf und fuhr wild gestikulierend mit den Armen in die Luft. Vögelchen war sehr neugierig, was er da treibe. Sie ging einige Mal um das Häuschen herum, setzte sich dann in Hör- und Sehweite, mit dem Schnitzen einer Gerte beschäftigt.

„Ja, da brauchte man ein Papier,“ sagte sie, scheinbar zu sich selbst sprechend. Ein kleiner Junge lief vorüber und sah das kleine Fräulein an. „Ich mache eine Fahne,“ sagte sie, „für mein Schiff. Aber dies ist erst der Mast. Ich brauche ein Papier. Und dann schreib’ ich darauf ‚Fünkchen, flieg‘. So heißt mein Schiff. Hast du verstanden, Peter? Oder heißt du vielleicht Seppel?“ Der Junge nickte. „Nun, kannst du nicht reden? Aber nicken kannst du doch? Andere können nicht einmal nicken, und wenn du ein Student wärst, hättest du auch ein Papier.“ Seppel murmelte etwas, das seine Zahnlosigkeit unverständlich machte, und verschwand auf das schrille Pfeifen eines Genossen.

Jetzt erschien Kruger vor dem Gartentor und hielt einen Bogen in der Hand.

„Ach, Sie sind hier?“ sagte Vögelchen.

„Sie suchen mich ja schon eine gute Weile.“

„Einbildung,“ sagte sie.

„Das ist keine Schande unter guten Freunden.“

„Freunden? Ich kenne Sie doch kaum. Vor acht Tagen wußte ich noch nichts von Ihnen.“

„Oh, das tut nichts zur Sache. Liebe auf den ersten Blick.“

„Ich, Sie lieben!“ Sie lachte.

„Lieben Sie den Vogel dort, der über dem Baum schwirrt? Vor einer Sekunde noch war er nicht in Ihrem Leben und vielleicht werden Sie ihn nie wiedersehen. Lieben Sie dieses Marienkäferchen, das morgen tot sein wird, den Fisch, der dort aufblitzt im See, den Seppel, der eben fortlief?“

Sie dachte nach. „Ja,“ sagte sie. „Aber Sie? Nein.“

„Auch mich, aber das ist nichts.“ Er machte eine Handbewegung, als schöbe er etwas weit weg, und immerzu noch lächelte er unter dem Glück, daß sie wieder zu ihm gekommen. „Auch mich, aber Ihre Liebe gehört allen und niemandem. Sie bleiben nirgends. Ihr Herz hat Flügel. Es saugt sich dort an und da an und es wird süß werden wie Honig. Dies ist der Sinn Ihres Lebens, Honig des Herzens zu geben und den Gesang Ihrer Seele. Sie werden nicht Landschaften malen, nicht auf den Brettern agieren und nicht studieren, es sei denn, Sie täten es einem Menschen zulieb. Sie werden nicht sticken und Bücher lesen, und ich glaube, daß Sie niemals ein Kind haben werden.“

Vögelchen hatte still zugehört. Jetzt kam Bewegung in sie. „Ich will Kinder haben, sehr bald will ich kleine Kinder haben. Nächstes Jahr vielleicht schon,“ sagte sie.

Kruger lachte, aber plötzlich standen seine Augen voll Tränen. Er hatte tagsüber in Ekstase gearbeitet und war sehr erregt. „Deine Wiege stand im Wüstensand, im Land des Morgens,“ sagte er mit weitausschauendem Blick, als predigte er. „Ehelich gebunden bist du, ehe du zum Weibe wardst. Du bist gebenedeit, denn zwischen dir und Gott ist kein Ich und Du.“ Und plötzlich beugte er sich herab, rasch hinknieend wie ein Frommer, der eine Kirche verläßt, und küßte den Saum ihres Kleidchens. Sie warf eine Blume, einen himmelblauen Enzian, auf ihn herab. Er barg ihn in seiner Brust.

Am Kiesweg knirschte ein Tritt. Camill, der Kammerdiener, stand hinter ihnen.

„Der gnädige Herr sind angekommen,“ sagte er.

Student Kruger war nun abgesetzt. Er war jetzt ganz auf Camill angewiesen, der eine starke Anziehungskraft für ihn hatte. Wenn Vögelchen zur Ruhe gegangen war, pflegte er mit ihm, der gern trank, im Schankzimmer des Gasthofes zu sitzen. Diese Freundschaft anzubahnen, schien ihm wichtig. Durch Camill hoffte er Vögelchens Wege verfolgen zu können. Der Diener sprach nicht wenig von schlüpfrigen Dingen und Student Kruger, mißratener Hofratssohn und Hörer der Theologie, vernahm sie mit Verständnis und Wohlbehagen. Er erfuhr auch einiges über Mannsthal, den er als Vögelchens Besitzer bewunderte und haßte. Camill ließ Andeutungen fallen von Abreibungen, elektrischen Kuren, von Medikamenten und Bädern, von gymnastischen Übungen, die alle der Erhaltung jugendlicher Manneskraft dienten. Konrad Kruger versuchte sich heimlich in ähnlichen Prozeduren und sie hatten die Wirkung, daß Minna, das Schankmädchen, ihm eine Ohrfeige gab. Eine Reihe von Gedichten entstand aus dem neuentfachten Brand seiner Sinne. Sie verklärten sich alle ins Mystische und alle waren an Ariel-Vögelchen gerichtet, das ihm von ferne ernsthaft zulächelte. Mannsthal hatte die Versuche, ihm Kruger näher zu bringen, mit leichtem Spott abgewiesen.

Da geschah es am Tage vor der Abreise, daß am späten Nachmittag eine Dame vorfuhr und nach Mannsthal fragte. Suchend irrte ihr erregter Blick umher. Sie war beinahe korpulent, was zu ihrem merkwürdig zarten, von Leid gezeichneten Gesicht im Widerspruch stand. Vögelchen sah, wie Mannsthal vorsprang und sich mit bleichem Gesicht kühl und wie abwehrend verbeugte. Die Dame sah forschend auf Arabella und ein schmerzliches, mit Neugier gepaartes Lächeln streifte sie. Dann folgte sie Mannsthal, der ihr Vorwürfe zu machen schien, in das nahe Wäldchen.

Vögelchen war sogleich von Argwohn erfüllt. Sie haßte es, von fremden Leuten betrachtet zu werden. Blicke krochen ihr bis an die Haut und verursachten ihr oft Unbehagen. So hatte sie sich auch unter diesem Lorgnettieren abgewandt und den forschenden Blick durch eine rasche Umdrehung der Schultern gleichsam abgeschüttelt. Eine vielleicht geplante Annäherung der Dame schien dadurch augenblicklich unmöglich geworden. Arabellas Mißtrauen war nach den Erlebnissen in K. begreiflicherweise noch nicht geschwunden und, wäre sie nicht Kruger begegnet, der ihrer innern Welt schon durch die Hemmungslosigkeit seiner Rede näher stand, sie hätte den Zweifel an einen möglichen Zusammenschluß mit Menschen nicht so bald überwunden. Aber noch beherrschte er sie. Mit dieser Fremden wollte sie nicht sprechen. Va schien über ihr Kommen erzürnt. Eine geplante Segelfahrt war nun überdies versäumt. Obwohl Arabella zu einem Buch griff, war sie innerlich aufgewühlt und las nicht. Sie ahnte wieder die Geheimnisse, die um sie wuchsen, wie undurchdringliches Gestrüpp. Ein Gefühl, aus Trotz und Scham gemengt, drängte jede Frage zurück. Dennoch zehrte Neugier an ihr und Grübeln, ob sie mit Wissen ein Drohendes, Unheimliches nicht würde bannen können.

Kruger lag im Walde, als Mannsthal mit der Dame herankam. In seiner grünen Lodenjoppe war er vom Moosboden nicht zu unterscheiden. Er las. Da hörte er eine Frauenstimme erregt sagen: „Bitte, setzen wir uns doch endlich, ich bin müde.“ Die nächste Bank war nicht in Hörweite. Student Kruger kroch auf allen Vieren, bis er Brocken des Gespräches erhaschen konnte.

„Was nützte dir der neuerliche Prozeß? Sie ginge ja doch nicht mit dir. Willst du das Kind gegen seinen Willen zwingen?“ Dann hörte er weiter aus Mannsthals Munde das Wort „Erbin“. „Du willst ihr ein glänzendes Leben verscherzen? Du, eine Fremde! Denn sie kennt dich ja nicht mehr.“ Die Frau antwortete: „Ein glänzendes Leben? Du wirst sie zugrunde richten. Du hast eine Wilde aus ihr gemacht. Ich dulde das nicht länger.“

„Man hat dich nicht gewarnt? — Urbacher? Oder spionierst du?“

„Nein, verdächtige niemanden. Gewissen —“

„Warum schwieg es denn damals? Warum hast du das Kind deinem Mann geopfert, der von mir bezahlt war? Muß ich dich wieder daran erinnern?“ Die Stimmen wurden lauter.

„Du lügst. Deine Spitzfindigkeiten boten uns keinen Ausweg.“

„Willst du endlich seine Unterschrift sehen? Ich habe diese kleine Kostbarkeit immer bei mir. Für alle Fälle.“

„Aber ich dulde nicht, daß du im Ausland lebst. Daß du das Kind verschleppst.“

„Sie haben keine Rechte zu verbieten.“

„Und wenn ich dich verdächtige, daß du nicht als Vater an ihr handelst?“

„So werde ich vor den gröbsten Mitteln nicht zurückscheuen. Noch einmal solch ein Überfall und ich erzähle Arabella alles.“

„Willst du ihr verächtlich werden?“

„Willst du, daß sie die Erinnerung an dich, daß sie das Wort ‚Mutter‘ für immer austilgt?“

„Erpresser,“ sagte die Frau.

„Du reizt mich zum Äußersten. Du weißt, ich liebe sie unüberwindlich, mehr als Recht und Ehre. Kehr’ in dein Leben zurück, das du dir freiwillig gewählt hast, und beunruhige das Kind nicht.“

Die Frau stand auf. „Treib’ es nicht zu weit. Gott gebe, daß ich dir Unrecht tue. Aber auch, wenn du reist, werde ich Mittel finden, das Kind im Auge zu behalten.“ Sie schluchzte. Sie entfernten sich. Kruger sprang auf. Er lief durch den Wald bis zu jener Stelle, wo die Fahrstraße ansteigt und Wagen im Schritt fahren. Dort wartete er. Als das Gefährt herankam, grüßte er.

„Auf ein Wort, bitte.“ Die Dame fuhr erschrocken auf und fragte:

„Was wollen Sie?“ Ein Bettler war das nicht.

„Ihre Adresse,“ sagte Kruger — „für alle Fälle.“

Die Dame erbleichte. „Wer sind Sie,“ stieß sie hervor.

„Wozu? Nebensache. Zu Ihrem Vorteil frage ich. Geben Sie zumindest eine Deckadresse. Den Namen Ihrer Tochter Arabella zum Beispiel. Welches Postamt?“

Die Dame sah den Menschen an. Sie besann sich mühselig. Zögernd nannte sie das Verlangte. Kruger zog rasch den Hut und verschwand im Walde.

Vögelchen konnte nicht einschlafen. Sie saß auf ihrem Balkon im Dunkel und kämmte ihr Haar. Sie tat das gern und immer länger, als es nötig war. Vor dem Gartenhaus sah sie Kruger herumwandern. Er sah ernst und vergrämt aus, schwer von Wissen. Mannsthal hatte sich zurückgezogen und ihr jede Frage abgeschnitten. Er wollte sie nicht mehr belügen. Seitdem er sie in ein neues Leben aufgenommen, versuchte er so ehrlich zu sein als möglich. Später würde er ihr für alle Teile gleich schonungslos die Wahrheit sagen. Später! Vögelchen starrte auf das Licht seines Zimmers. Jetzt losch es. Zorn stieg in ihr auf. War sie denn immer noch das Kind, dem versagt wird, was der bloße Anstand erforderte? Aufklärung von Vorgängen, die sich vor ihr abspielten und dies alles mit Selbstverständlichkeit. Ihre Freundschaft mit Urbacher, mit dem Studenten, wortlos wurden sie ihr genommen. Warum war dies zwischen ihr und Va, daß sie nachts sich nicht mehr zu ihm getraute, wenn ihr ängstlich zu Mute war? Alles schien ihr nun unnatürlich. Wie traumverloren stand sie auf, stieg mit ihren roten Pantöffelchen und aufgelöstem Haar zu dem Menschen, den sie da unten bei der Arbeit wußte, zu ihm, der die Tore seines Wesens für sie aufgeschlossen hatte. Morgen würden sie ja reisen. Da mußte alles anders werden. Dann würde wohl auch Va sie einnehmen in sein eigenes Leben. Aber, wenn das nicht geschah? Wenn sie allein bliebe? Gab es einen Weg aus ihrem Bangen? Nun würde sie Kruger Adieu sagen und seinen Predigersegen empfangen. Als sie so plötzlich vor ihm aufstieg, weiß und lautlos, griff er in die Luft, als gelte es eine Erscheinung zu fassen: „Wieder auferstanden?“ sagte er grinsend.

„Schweig,“ flüsterte sie. „Va braucht uns nicht gleich zu hören und Camill verrät uns.“

„Nein, der tut es nicht, und wenn auch? Morgen fährt Frau Arabella Mannsthal in die Welt.“

„Ja, morgen fahren wir in die Welt.“

„Du Glückliche,“ seufzte Kruger, „wenn du wüßtest, wie ich mich hinaussehne, wie ich es erlechze, die weißen Firne im Spiegelbild der blauen Seen zu erblicken, die berühmten Stätten der Kunst, die uralten Baudenkmäler, deren lebendiges Geschehen mir gegenwärtig ist! Wie ich mich nun doppelt sehnen werde, in diese schon von alter Kunstheiligkeit schaurig gewordenen Kirchen zu treten. Wird er dir auch alles zeigen können, wie ich es könnte? Wird er dich beten lehren und dichten, wenn Bewunderung keine täglichen Worte mehr findet? Wird er jene unzerreißbaren Fäden ziehen, die unsere Sterblichkeit an das göttliche Ewige binden? Für dich müßten die Steine wieder ihre alten Worte finden. Von den Wänden der Kapellen müßten Schwester und Brüder aus heiligen Landen herabsteigen und Zwiesprache halten mit dir. Statt dessen, Ariel, wird der große Brand über dich kommen. Sieh,“ fuhr er in schlichter Ergriffenheit fort, „dein Blut wird sich entzünden, es harrt schon des Feuersteines. Aus der schmalen Schale deines Kinderleibes werden Flammen brechen. Hüte ihre Heiligkeit. Möge es dich nicht vernichten, das Feuer.“

Vögelchen sah das Feuer, das die Stätte ihrer Kindheit verheert hatte. Es war eins mit dem Brande, vor dem er warnte. Welch Wunder, sie verstand ihn! Endlich kam ein Licht über ihr dumpfes Ahnen. In jener Nacht mit Mila Maquard, in jenen Stunden, da seltsame Liebkosungen Fluten von Wärme und heißer Gier in ihr erweckt hatten, da hatte zugleich ein Gefühl traurig beseligter Weltflucht, ein Enteilen ihres Körpers über alles Irdische sie erhöht. Sie ahnte, seine Warnung hieß: „Lass’ dich gleiten, verweile nicht auf den Wogenkämmen der Eigenlust. Ströme aus in unendlichem Geben.“

Daß sie ihn verstand, beglückte sie. Und nun war darüber kein Zweifel mehr, als er sagte: „Tu es mit ganzer Seele.“ Sie sah nicht, wie seine bebende Hand sich ballte und wie zum Fluch sie sich aufrecken wollte zum erloschenen Fenster Mannsthals.

„Ich werde dich wohl nie mehr sehen,“ sagte sie traurig.

„Du wirst mich sehen. Ich werde dir nahe sein, immer, immer wirst du nur zu rufen brauchen. Immer wird dein Bild vor mir schweben und mich zum Äußersten stärken.“ Er blickte auf sie mit halbgeschlossenen Augen und leicht geöffnetem Mund wie einer, der einen lieblichen Traum erschaut. Dann schlug er den Blick nieder zu ihren roten Pantöffelchen, ein Märchen kam ihm in den Sinn. Sie tippte ihn leise an der Schulter.

„Schreib mir,“ hauchte sie. Und dann verschwand sie, von seinen Worten durchschauert.

Tags darauf fuhr der Wagen vor, die riesigen Koffer aufgeschnallt. Vögelchen stieg ein wie eine Braut, ihr Schleier flatterte in der Brise des Morgens. Mannsthal folgte ihr, bettete sie ein in weiche Decken. Eine feierliche Entschlossenheit lag kalt wie Marmor auf seinem Antlitz. Camill sprang auf und blinzelte zu einem Fenster. Dort stand Kruger. Der Wagenlenker tat seine Arbeit. Ein leichtes Grüßen. Nun flog das Gefährt in die Landschaft ...

Hunde, die man zu Hause läßt, brechen zuweilen ihre Fesseln, Wagen oder Eisenbahn nachzujagen mit hängender Zunge. Also flog schweißtriefend Konrad Krugers Seele neben Vögelchens Wagen und heulte auf zu ihr in verschmachtendem Schmerz.

Adalbert Mannsthal

„Il avait toujours eu le malheur d’être riche.“

(Romain Rolland
„Dans la Maison“)

Fünfundzwanzig Jahre vor diesen Begebenheiten saßen in dem Parke der Mannsthal-Villa in Hellwang einige Jungen und sprachen — sie waren etwa fünfzehnjährig — von „Unerlaubtem“. Einer von ihnen führte das Wort, manche warfen Bemerkungen ein, um Kenntnisse zu beweisen, andere stellten ab und zu eine zaghafte Frage. Nur Adalbert schwieg und es schien, als höre er nichts als das Brausen der nahen Stahlwerke und sähe nichts anderes als die feine Holzschnitzarbeit, die er eben handhabte. (Es war ein Kästchen, das einem besonderen Mineral als Aufbewahrungsort dienen sollte.) Immer wieder trieb es die Jungen an, vor ihm ihre Eröffnungen ins Lügenhafte zu steigern, um ihn endlich zur Anteilnahme hinzureißen. Während er äußerlich kühl blieb, entfiel ihm kein Wort des Gespräches, aber zum ersten Male bemächtigte sich nun seiner Unruhe. Er selbst war wohl von einem vernünftigen Vater hinreichend aufgeklärt worden, aber seine beherrschte Lebensart, die Beschäftigung mit künstlerischen Dingen, sein Interesse für das große Unternehmen des Vaters, sein stark entwickelter Schönheitsinn hatten ihn bisher vor den oft im Müßiggang vorzeitig aufkeimenden Trieben bewahrt. Zum ersten Male, obwohl älter als die Vettern und Freunde, begann nun ein heißer Drang in ihm aufzusteigen, der ihn so sehr betroffen machte, daß eine Beteiligung am Gespräche seine körperliche Anteilnahme verraten hätte. Während er nun mit unruhiger Hand die Laubsäge zu meistern suchte, ging quer über die Auffahrt zur Villa eine Dame mit einem etwa zwölfjährigen Mädchen. Dieses war sehr zart und blaß, ein Stadtkind. Ein leichtes, weißes Röckchen flatterte um gut gewachsene Beine, die zwischen den modisch hervorlugenden Spitzenhöschen und den Strümpfen nackt waren. Der Wind drohte sie noch weiter zu entblößen. Die Dame war die Frau eines neuernannten Werkdirektors, die Kleine ihre Tochter, die nun mit den Eltern in der Fabrik wohnen sollte. Sie waren gekommen einen Antrittsbesuch abzustatten. Adalberts Blicke folgten dem wehenden Röckchen, bis es hinter einer Baumgruppe verschwand. Nach einer Weile sandte die Tante, die Mutterstelle an ihm vertrat, Botschaft, um ihn in das Empfangszimmer zu rufen. Die Dame verneigte sich vor dem Sohn des mächtigen Fabriksherrn und sagte:

„Mach deinen Knix, Loli.“

Loli schien der Knix nicht am Platze. Sie reichte ihre Hand und sagte treuherzig: „Grüß Gott!“

Adalbert blieb eine Weile, aber so wohlerzogen er auch war, er fühlte seine Blicke immer wieder zu den nackten Knieen Lolis entgleiten, die ein blonder Flaum bedeckte, und weiterirren zu dem Höschen, das noch nackter schien, dann auf zu dem weißen Röckchen, das, vom Winde wie ein weißes Blütenblatt zerzaust, nun müde von ihren schmalen Hüften hing. Er wußte, daß er in diesem Augenblicke alles darum gegeben hätte, seine wertvolle geologische Sammlung, seine Eisenkristalle, seine Bücher, wenn der Sturm, der sich nun draußen erhob, durch die Türe der Terrasse brechend, ihm das enthüllen wollte, was ihn zu sehen gelüstete. Er war sehr blaß am nächsten Morgen. Als der Nachmittag kam, ein schwüler Julinachmittag, mit Lindenduft und müdem Gesang der Vögel, schlich er an das Gärtchen des neuen Direktors und sah Loli an einem Beet beschäftigt. Er pfiff leise. Sie horchte auf, sah ihn und sagte lächelnd: „Grüß Gott!“

„Willst du spazieren gehen?“ fragte er.

„Gern,“ sagte sie freudigst, rief ins Haus und kam dann aus dem Tor. Sie nahm ihre Schürze ab, warf sie auf die Hecke hinter den Zaun und reichte ihm kräftig die Hand. Wie frisch sie ihm erschien. Es ging ein Wohlbehagen von ihr aus, wie von neugesteifter, blütenreiner Wäsche, die sorgfältige Hände in einem Spind verwahrt hielten.

„Wollen wir in den Wald gehen?“ fragte er. Sie klatschte in die Hände.

„Fein,“ rief sie. Sie begannen zu plaudern nach Kinderart. „Wie alt bist du? In welche Schule gehst du? Was lernst du am liebsten? Hast du Geschwister?“

„Wo sind die vielen Jungen?“ fragte sie dann.

„Sie haben einen Ausflug gemacht.“

„Und du bist zu Hause?“

„Ich war zu müde, habe wenig geschlafen. Dann wollte ich dich herumführen. Du kennst hier noch nichts.“

„Wie freundlich von dir. Es ist so schön da. Mama hofft auch, daß ich hier stärker werde.“

„Ja, das könnte nicht schaden. Du siehst noch aus wie ein Junge. Vielleicht bist du einer.“

Loli wurde rot. „Was fällt dir ein!“

„Nun so beweise mir’s, daß du keiner bist.“

„Soll ich mit dir balgen?“

„Nein, das tut ihr Mädel ja auch. Anders sollst du mir’s zeigen, daß du kein Junge bist.“ Er sah sie von der Seite an und lächelte wie im Spott.

„Pfui, du bist ungezogen,“ rief Loli entrüstet. „Ich dachte, daß du ein feiner Junge bist. Und vor dir hätte ich knixen sollen.“

„Nun, sei nicht böse und verzünde mich nicht gleich bei deiner Mutter. Dann ist’s aus mit unseren Spaziergängen. Sieh, Loli, diesen kleinen Gefallen könntest du mir schon tun, damit ich sehe, daß du einer Freundschaft auch etwas zu Liebe tust. Und damit ich ganz sicher bin, daß du kein Junge bist.“ Er lachte, als scherze er. Sie waren schon im Walde, der hinter den großen Holzplätzen, die würzig in der Sonne dufteten, hinanstieg. Es war dunkel und still um sie. Loli sah blaß und erschrocken aus. „Ihr Jungen seid böse,“ sagte sie.

„Hat denn schon einer das von dir verlangt?“

„Ja,“ sagte sie. „Aber ich habe es nicht getan. Es waren fünf, alle meine Vettern. Hinter der Scheune bei Onkel Rudolf. Sie baten so, aber ich tat es nicht. Du hättest sie sehen sollen, sie wurden böse.“

„Willst du nun, daß auch ich böse werde? Und ich bin doch nur einer, da ist es dir doch leichter. Dann wollen wir doch auch Freunde werden. Im Winter fahren wir dann Schlitten, wenn ich zu den Ferien komme. Bitte, Loli!“ Seine Augen, die groß, grau und tief umschattet waren, leuchteten flehend in die ihren. „Einen Augenblick nur! Hier, siehst du, hinter diesem dicken Stamm. Hier sieht es niemand.“

Loli sah den hübschen Jungen, vor dem ihre Mutter sich verneigt hatte, sie leicht und dennoch herrisch an der Schulter berühren. Das Sonnengeflimmer rieselte grünlich durch die Zweige. Es war so still um sie her. Man hörte nur des Knaben erregten Atem. Da hieß das Äußerste seines Wunsches ihre Händchen seiner Bitte willfahren. Er kniete vor ihr. Ihre Haut war weißer als der Schnee. Er krampfte seine Fäuste ins Moos. Da raschelte ein Vogel auf. Loli erschrak. Bebend fiel die Hülle. Adalbert war auf dem Waldboden niedergesunken, vergrub sein Gesicht. Dann sprang er auf. Nun liefen sie aus dem Wald, als fürchteten sie Verfolger. Seine Überlegenheit war geschwunden.

Die folgenden Tage umgaben ihn die Kameraden. Adalbert schien ein anderer. Er war heiter und beweglich, beinahe rauflustig. Dann wieder verschwand er aus dem Freundeskreise. Er wollte sich abseits halten, um Loli wieder, ohne daß es die anderen gewahrten, zu einem Waldspaziergang aufzufordern. Es hätte ihm schon genügt, sie zu sehen, die Hand, die seinen Wunsch erfüllt, leicht zu berühren, unmerklich an ihr Röckchen anzustreifen. Aber immer war einer der Jungen hinter ihm her und es war ihm, als dürfe er keinen auf seine Fährte bringen. Er haßte sie alle in diesen Tagen, weil sie wie er vielleicht ein Gleiches erreicht hätten. Wenn ihm etwas lieb war, bekam es die Glorie der Heiligkeit. Es war nicht Neid, der ihn ängstlich seine Sammlung verschließen hieß. Er fühlte sich als Kronhüter.

Da geschah es, daß einer der Knaben vom Scharlachfieber ergriffen wurde. Er reiste, noch ehe die Krankheit sich entschieden geäußert, nach Hause, aber bald darauf erkrankte auch Adalbert. Er war in diesen Tagen in seinen Kräften sehr herabgekommen gewesen, hatte wenig geschlafen und gegessen. Nachdem der Ausschlag geschwunden war, stellten sich Folgekrankheiten ein. Er magerte ab. Das Fieber hatte ihn fast aufgezehrt. Die Schwäche löschte das Feuer der eben erwachten Sinne, die noch in den Phantasien der ersten Krankheitsnächte aufgeflammt waren. Eine seiner Lungen schien gefährdet. Im Spätherbst reiste man mit ihm nach dem Süden, dann in die Schweiz, deren Höhenkuren empfohlen wurden. Zwei Jahre lang lag er auf Terrassen, den Blick auf enzianfarbigen Himmel, von Schneekuppen gesäumt. Er las viel, lernte mit seinem Hauslehrer, einem Hochschulstudenten, der schwächlich war wie er. Lange Zeit war in der Liegehalle ein Russe sein Nachbar. Der war älter als er und eine brennende Seele wohnte in ihm. Sie sprachen leise, daß Arzt und Pflegerin sie nicht hörten, stundenlang. Der Geist war jetzt Herrscher über Adalbert. Nur ganz selten, wenn er die Augen schloß, müde des vielen Lichtes, sah er im Waldglanz an einen Baum gelehnt, ein fernes Bild. Wie im Traum.

Zu dieser Zeit bewegten ihn leidenschaftlich grundsätzliche Fragen. Daß man sein Vaterland vor allen anderen lieben müsse? Nikolai Karinski tat es. Nicht etwa daß er seine Nation über die anderen stellte. Rußlands Seele wolle den anderen dienen, es beugt sich vor der Kultur Europas, seit Peter sie heimgebracht. Nein, Rußland wäre wie kein anderes Land fähig, den Wert der anderen Nationen zu erkennen, und dennoch müsse die Erlösung der Welt von ihm ausgehen. Das Allmenschliche der russischen Seele sei die große Botschaft an Europa.

Adalbert verstand ihn zuerst nicht. Er meinte, daß Rußland und Zarismus das gleiche sei: eine ameisenhafte Anhäufung dürftiger Menschen, über der ewig die Knute des Despotismus drohe. Wie konnte Karinski sein Land lieben, wie von ihm Erlösung hoffen für die Welt. Und wie kam es, daß er das seine mit seinen alten Kulturtraditionen, seinen landschaftlichen Schönheiten nicht über alles lieben gelernt? Liebe fürs Vaterland, das war ihm nicht viel mehr als ein Schulgegenstand. Während der Reisen, die er mit seinem Vater unternommen hatte, war er in fremden Ländern gleichermaßen in Begeisterung entflammt, wenn das Schöne ihm begegnete. Karinski, der Graf, aber liebte sein Land im Volke, in der einfältigen Seele des Russen, die durch alle „Fegefeuer der Zweifel“ zu Gott ging und die Barmherzigkeit Christi auf Erden vertrat. Aber Adalbert hatte immer gehört, daß in Rußland die Korruption zu Hause, Bestechung und Grausamkeiten alltäglich seien. Dies habe ja das Volk groß gemacht, groß im Leiden, meinte Karinski. Dies habe die Seele des einzelnen erhöht und verbrüdert mit dem Niedersten seines Landes. Qualen, unsäglichste Leiden hatten den russischen Menschen widerstandslos gemacht gegen die Anfechtungen seiner dunklen Triebe und die Inbrunst seiner Gefühle. Deshalb sei er tierisch und kindlich, lasterhaft und einfältig zugleich, deshalb sei er grausam und gottesfürchtig, niedrig und großmütig, im Glück frevelnd, im Elend edel, eigensüchtig und freigebig, furchtlos bis zum Aberwitz und zernichtet in Angst und Schrecken. Immer ist er von den entgegengesetzten Polen seines Wesens abgestoßen und angezogen, Engel und Teufel, Kind und Verderber. Niemals könne das Gefühl für ihn erkalten, immer erregt er Bewunderung oder Mitleid, Abscheu oder Anbetungswürdigkeit.

Und Adalbert sah auf sein eigenes Volk zurück, er dachte an die Arbeiter seines Vaters, an arme Leute. Ja, auch sie lebten mit Leiden und seltenen kleinen Freuden, aber er sah nichts, was an ihnen begeistern konnte. Er erinnerte sich, wie er in seiner früheren Kindheit sich eins gefühlt mit den Kindern der Werkleute, daß ihn aber sogleich Befremden überkommen, wenn er einem Erwachsenen aus dem Volke sich gegenübersah. Nicht von ihm, dem Kinde, ging dies aus. Er liebte die arbeitenden Leute mit ihrem fremden Leben, das ihm unheimlich geheimnisvoll schien. Ihr Können, ihre Fertigkeiten waren ihm oft unerreichbar und reizvoll erschienen. Aber sie traten nicht als freie Menschen vor ihn, sie waren Diener, Sklaven oder mißlaunige Neider, die ihr wahres Gefühl schlecht verbargen. Wie mußten erst Rußlands Leibeigene hündisch unterworfen sein, wie unmöglich schien da eine Brüderschaft mit den Armen. Aber das war es ja, was Karinski so sehr an seinem Volke liebte, daß es seine eigene Würde bewahrte. Die Demut, die Neidlosigkeit, sie gaben dem Russen aus dem Volke das Selbstgefühl. Adalbert hatte geträumt dereinst als Fabriksherr der Wohltäter und Freund seiner Arbeiter zu sein. Nikolais Reden überzeugten ihn von neuem, daß ihn dieses Bestreben enttäuschen würde. Sein Widerwille dereinst über Tausende von Menschen zu herrschen wuchs stetig. Im Volk eine tote Masse zu sehen, die der Wille der Machthaber bewegt, war ihm unmöglich. Er sah den Einzelnen und sah die Vielen als Ausdruck einer Wesensart mit Wunsch und Willen, mit ihrem Eigenleben. Wäre er nicht unter den Arbeitern aufgewachsen, er hätte sie vielleicht wie eine ihm fremd geartete Masse angesehen, der er seinen Willen aufzulegen imstande gewesen wäre. Aber viele der Arbeiter waren seine Spielkameraden und deren Väter. Es fehlte ihm nicht an Herrschsucht, aber diese kam ihm einzig aus geistiger Überlegenheit oder Begierde. Eben deshalb kapitulierte sie hier vor seiner Einsicht.

Seines Vaters Tod traf ihn daher zwiefach. Er hatte sich mit dessen Einverständnis eine mehrjährige Lehrzeit in großen Unternehmen Amerikas gesetzt. Nun hieß es auf halbem Wege heimkehren. Er brach seinen Aufenthalt in England ab, wo er zwei Jahre studiert hatte, und begab sich sogleich nach Hellwang zur Übernahme des Werkes. Er war von seinem Leiden völlig ausgeheilt, aber anstrengende Tätigkeit machte bald wieder einen Urlaub notwendig. Als er zurückkehrte, begegnete ihm Lola Ritter, die Werkdirektorstochter. Sie war aus der Stadt gekommen, in der sie zur Sängerin ausgebildet wurde. Die Gesangsübungen hatten ihre Muskeln gekräftigt, so daß sie über ihr Alter entwickelt war. Als Adalbert sie sah, staunte er. „Sie ist erblüht,“ sagte er sich. Er erkannte den klugen Gesichtsausdruck, die Zartheit der Hände und Füße, ein blaues Äderchen zwischen den Augenbrauen, die noch immer unruhig waren wie damals. Seit jener kleinen Episode hatte er wohl Abenteuer mit Frauen gehabt und hatte mit Freunden die gebräuchlichen Stationen des Lasters kennen gelernt. Niemals hatte ihn seither eine Leidenschaft erfaßt und keine andere Neigung hatte das Bild der kleinen Loli verdrängt. Auch Lola Ritter, die Jungfrau, vermochte das nicht. Aber es war denkbar, das Kind in seinem erwachsenen Ebenbild stärker zu spüren.

Adalbert Mannsthal war damals zweiundzwanzig Jahre alt, aber auch er schien älter in seiner Selbständigkeit und er war in jeder Weise beherrscht und sicher in seinem Auftreten. Als er ihr in Hellwang begegnete, wo sie die Weihnachtsferien verbrachte, war er sich völlig klar, daß er sie besitzen würde, daß aber ein dauerndes Verhältnis an Ort und Stelle unmöglich sei. Warten aber bedeutete ihm nur Genuß. Lola, die in sich die Weihe der künftigen Sängerin trug, sah die Welt nur durch das Licht ihrer Kunst. Alles, was sich nicht auf sie beziehen ließ, war ihrer warmen Lebendigkeit fremd. So schien sie es auch mit der Liebe zu halten. Sie hatte, vierzehnjährig, mit einem seiner Vettern eine Freundschaft gehabt, die ihrer Neugier nur wenig mehr zu wünschen übrig gelassen hatte. Seither war sie gewarnt und hatte sich nur an ihre Kunstbegeisterung verschwendet. So hatte sie denn auch wieder ihre ursprüngliche Reinheit zurückgewonnen und war errötet in der Erinnerung jener Begebenheit im Walde, als ihr nun der Fabriksherr erschienen war. Aber bald fand sie ihm gegenüber die alte treuherzige Art wieder, die er an ihr so froh empfunden hatte. Sie erzählte ihm, wie sie damals um sein Fenster geschlichen sei, als er krank gelegen, alle Warnungen mißachtend, daß sie sich kindisch gewünscht, statt seiner zu erkranken. Wie sie gewartet habe, daß er dann zurückkehre, und daß sie sehr bestürzt gewesen, ihn während seines kurzen Aufenthaltes in der Stadt, ehe er nach England gereist sei, nicht gesehen zu haben. Seither gab es immer junge Leute, die ihr gut wären, aber sie sei nun schon zu erwachsen, um diese Dinge auf die leichte Achsel zu nehmen, und außerdem lenke dies alles vom Studium ab. Adalbert fühlte sich leicht und beruhigt, wenn sie bei ihm war. Unbewußt schien etwas an ihm gezehrt zu haben, das nun in des Mädchens Gegenwart schwand. Es war ihm gleichgültig, was sie sprach. Am liebsten hörte er sie von ihrer Kinderzeit erzählen. Zwei Tage nach ihrer Begegnung trafen sie sich heimlich zu einem Spaziergang und er lenkte ihre Schritte zu jener Stelle im Walde, die seinen Träumen so oft Nahrung gegeben. Sie erriet seine Absicht auf halbem Wege. Scham hinderte sie, ihm eine andere Richtung vorzuschlagen. Sie wollte sich lieber den Anschein geben, alles vergessen zu haben. Am nämlichen Platz blieb er stehen und zündete sich eine Zigarette an. Sein Blick brannte in dem ihren. Sie sprachen über gleichgültige Dinge. „Nun muß ich zurück,“ sagte er. Sie traten den Heimweg an.

Wenige Tage nach ihrer Rückkehr zur Stadt sandte er ihr (sie wohnte bei ihrer Großmutter) ein Billet zu einem Konzert. Er erwartete sie dann nach Schluß und bat sie, mit ihm zu nachtmahlen. Sie dankte mit Begeisterung für das seltene Fest; die Einladung zum Nachtmahl nahm sie an, für den Fall, als ihr ein baldiges Zuhausesein möglich wäre, damit ihre Großmutter nicht in Sorge sei. Sie verbrachten einen Abend, der Lola überzeugte, daß der junge Fabriksherr nicht zu fürchten sei. Bald sandte er ihr wieder eine Karte ins Theater unter dem Vorwand, daß die Trauer ihn verhindere, sie selbst zu benützen. Mählich waren es Stücke, zu denen er sie lud, die nicht nur Lolas Kunstbegeisterung erregten. Nach den Vorstellungen speisten sie in einem stillen, vornehmen Lokal. Wenig nach elf war sie zu Hause. Vor den Osterfeiertagen verabredete er mit Lola wieder eine gemeinsame Fahrt nach Hellwang. Er bat sie, ihn in seiner Wohnung zu erwarten, da er nicht gewiß sei, wann er abkommen würde. Keinesfalls sollte sie eine Ankunftsstunde ankündigen, da möglicherweise ein Hindernis eintreten könne. Lola war nach fünf Uhr gekommen. Sie trat in ein kleines palastartiges Haus. Der Diener bat sie, seinen Herrn zu erwarten. Als sie, noch ein wenig betäubt, sich in dem Zimmer umsah, hörte sie draußen die Eingangstür ins Schloß fallen. Sie war allein. Der Raum, in dem sie sich befand, war in einer ihr fremden Art eingerichtet. Hohe Kasten mit groß gemusterten Vorhängen verbargen Bücher und Sammlungen. In einer Kristallkugel, die in einer Sofaecke von der Decke herabhing, spiegelte sich regenbogenfarben der Glanz der verscheidenden Sonne. Jenseits der vornehmen Straße lag die Mauer eines Parkes, eben ergrünende Bäume streckten ihre Zweige hervor. „Frühling,“ dachte sie und es fuhr ihr ein süßer Schauer durch die Glieder. Wo blieb er nur? Es war bald sechs Uhr. Zweieinhalb Stunden hatten sie Fahrzeit. Die Türen der beiden Nebenzimmer waren geöffnet. In dem einen stand ein übermächtig großes Bett, große Kasten, eine Tür mit einem gerafften Vorhang ließ einen Baderaum sehen. Im anderen Zimmer stand ein Flügel, kostbare Bilder hingen an den Wänden. Lola erinnerte sich jetzt, daß Adalbert ihr einmal gesagt habe, er lebe mit seiner Tante in dem Hause, das seine Familie seit vielen Jahren inne hatte. Von einem Umzug hatte er ihr nichts erzählt. Wenn sie ihm etwas mitzuteilen hatte, schrieb sie ihm in sein Bureau. Plötzlich befiel sie jetzt in der fremden Behausung heftige Sehnsucht nach seiner beruhigenden Gegenwart. Es war dunkel geworden, als draußen Adalbert die Tür aufsperrte. Er bat, zu entschuldigen. Nun sei es ja wohl zu spät, hinauszufahren, zumal für sie, denn augenblicklich könnte er auch nicht fort. Ob sie ihm nicht ein wenig vorsingen wolle, er würde sie begleiten, und ob sie sich bei der Großmutter abgemeldet hätte. Er war sehr unruhig. Schließlich setzte er sich neben sie, nahm ihre Hände, küßte sie und meinte, es wären noch ganz der kleinen Loli Hände. Dann wieder sprang er auf und sagte, er wolle den Wagen für den Morgen bestellen, und ob ihre Großmutter nicht gestört sei, wenn sie so zeitig das Haus weckte. Lola hatte kaum Zeit zu antworten, da bat er sie, mit ihm zu nachtmahlen. Es war von einem gedeckten Tischchen, das immer bereit stand, nur ein Deckel zu heben. Sie aßen und Lola erschien alles unwirklich, zauberhaft. Nach dem Essen bat er sie, die Nacht bei ihm zu verbringen, dies wäre doch weitaus bequemer, niemand würde etwas erfahren und auch von ihm brauche sie nichts zu fürchten. Sie durchblätterten Bücher, er zeigte ihr nicht ganz einwandfreie Bilder, sie tranken Likör, setzten sich an den Flügel, aber Unruhe jagte sie von dort wieder auf. Schließlich bat er sie, sich zu legen, da sie früh am Morgen aufbrechen mußten. Er selbst würde sich auf dem Sofa des Bücherzimmers zurecht machen, er wolle ihr nur brüderlich behilflich sein. Sie lachte und lachte immer wieder in Verlegenheit und Ungeduld. Ein starkes Licht brannte in ihren Augen. Er öffnete, kaum ihre Haut berührend, die Knöpfe ihres Kleides. Dann entfernte er sich mit seltsamem Lächeln. Als er sein Lager aufgesucht hatte, hörte er ein leises Schreiten. Er schloß einen Augenblick die Augen. Dann hielt er sie still in den Armen. Sie blieben schlaflos aneinandergeschmiegt, bis drüben im Park die Vögel zu singen begannen. Sie konnte sich kaum erheben, die unerfüllte Begierde lag ihr lähmend in den Gliedern. In seinen Augen flammte ein böses und gleichfalls beseligtes Licht. Sie war ihm verfallen. Er wußte es.

Während der Osterfeiertage sah er sie nicht. In den ersten Tagen des Juli traf er, nach einer kleinen Reise, wieder in Hellwang ein. Als er Lola begegnete, war er herzlich und artig. Er machte spät abends Spaziergänge und ließ sie das wissen. Einmal trat sie plötzlich aus dem Dunkel auf ihn zu. Ein Mann tauchte auf und verscheuchte sie. Eines Tages fragte er sie — er sprach sie niemals allein, ob sie nicht wieder im Walde gewesen wäre, an jener Stelle, wo sie vor Jahren ihm ein Bild gezeigt, die heilige Elisabeth, die sich eines Sünders erbarmt. Sie antwortete leise, sie würde nachts dort sein. Er verbarg sich, ließ sie warten. Und dann, als sie schon müde ins Moos hinsank, kam er zu ihr und nahm sie ohne Zärtlichkeit. Er reiste bald darauf ab. Als er wiederkam, sagte sie ihm, daß sie guter Hoffnung sei. Da ging er zu ihrem Vater und hielt um ihre Hand an. Alles sollte vorläufig geheim bleiben.

„Aber du liebst mich ja nicht,“ sagte sie, als sie allein waren. Seine Werbung schien ihr unwahrscheinlich.

„Nein, ich liebe dich nicht,“ antwortete er. „Ich liebe die kleine Loli.“

Lola war in den folgenden Tagen recht wunderlich. Sie aß wenig und magerte ab. Stundenlang stand sie vor dem Spiegel und versuchte allerlei Verkleidungen. Ihre Mutter überraschte sie, als sie eben im Begriffe war, den Saum ihres Rockes zu kürzen. Sie ging mit hängendem Zopf umher, sang Kinderlieder und kramte in ihren alten Schulheften. Eines Tages mischte sie sich unter die Schulkinder und war eben daran, eines der Klassenzimmer zu betreten, als ihr Vater bestürzt hinzukam. Gewaltsam mußte sie aus dem Schulgebäude entfernt werden. Zu Hause befiel sie ein hysterisches Kichern, dann heftige Weinkrämpfe. Allmählich beruhigte sie sich und lag willenlos in unheimlichem Schweigen. Als Adalbert sie zu sprechen kam, weigerte sie sich des Wiedersehens, sie ließ ihm sagen: Loli sei tot. Man brachte sie in eine Nervenheilanstalt. Dort wurde die traurige Hoffnung auf das Kind zunichte. Die Verlobung ward aufgelöst. Der Direktor avancierte. Adalbert ging auf Reisen, um Karinski zu treffen.

„Nun, wie stehst du mit deinen Fabriksleuten?“ fragte ihn der Graf.

„Meine erste Tat war, die Tochter eines Werkdirektors zu verführen und ihren Verstand zu verwirren,“ erwiderte er.

„Gib es auf, ein Herr zu sein,“ riet Karinski.

Adalbert verfiel in Schwermut, wenn er an Lola Ritter dachte. Er wußte nun, daß er die kleine Loli getötet hatte. Er fühlte sie nicht mehr wie ein menschliches Wesen, wie ein Geist und Dämon stand sie unentrinnbar in seinem Leben. Mit jener Armen, deren Verstand getrübt war, hatte sie nichts mehr gemein. Lola Ritter wurde jedoch bald aus der Anstalt entlassen und es zeigten sich keine Symptome mehr. Sie versuchte wieder zu singen, aber die Stimme, so schön sie auch ansetzte, brach mißfarben ab. Adalbert bat den Direktor, ihr eine Rente aussetzen zu dürfen. Später verheiratete sie sich.

Mannsthal wußte jetzt: das Geld kauft los von Gewissensschuld. Mit Geld kann man zerbrochene Seelen leimen und Jungfräulichkeit vergüten, ein schlechtes Gewissen beruhigen. Aber eben deshalb verachtete er es und fühlte sich gemeiner als der Arme, der seine Schuld austragen muß ein Leben lang, Armut ist ihm Warnung und Verhängnis. Hätte er Lola geheiratet? Vielleicht — weil seine Eitelkeit es gefordert hätte, nicht als Verführer gezeichnet zu sein. Aber er wußte, er konnte diese Heirat nur zum Schein eingehen. Seine Mittel erlaubten ihm, an anderen Orten zu leben als seine Frau, Abenteuern nachzustreben und sich der Ehe zu entledigen. Für ihn war sie nicht der eiserne Ring, der den Armen in das Leben des Gefährten einkettet. Und er fühlte sich nicht verantwortlich für die Einrichtungen des Staates.

Ein Vetter seines Vaters und dessen Sohn, die höhere Stellen im Werk innehatten, räumten ihm mit unverhohlenem Widerwillen eine Machtstellung ein, die er selbst nur ungern auf sich nahm. Sie warteten, daß er sich unfähig erweise. Diesen Verhältnissen für einige Zeit völlig entfliehen zu können, lockte ihn. Er hatte das Werk so sehr geliebt, jede Maschine war ihm Freund gewesen als Knaben. Aber er hatte gehofft, dies alles noch lange genießen zu können wie einen großen Konstruierkasten, spielerisch, da und dort Versuche anstellen zu dürfen, ohne die Lasten der Verantwortung zu tragen. Was kümmerte ihn der Vertrieb, die Erfolge der Reisenden, die Preisunterbietungen der Konkurrenz, die Repräsentation unter den Industriellen. Bestenfalls war er Ingenieur und Erfinder, und er war es weit weniger als in seiner Knabenzeit, denn nun lockte ihn das Leben in seiner Vielfalt. Wäre sein Vater am Leben gewesen, er wäre mählich hineingewachsen in all die Notwendigkeiten und hätte sie schließlich als selbstverständlich empfunden. Nun aber ließ ihn sein Hang zum Wesentlichsein erkennen, daß es sich letzten Endes um Geldverdienen handle, um Zuhäufung des großen Vermögens. Er dachte an Beteiligung der Arbeiter. Seine erste Tat war gewesen, die Gehalte aufzubessern, ging er noch weiter, so wurde er beinahe lächerlich. Und er betrachtete das Unternehmen immer noch als Besitz und Werk des Großvaters und Vaters. Ein Kongreß im Ausland, dem er als Chef der großen Firma beiwohnen mußte, war ihm willkommen. Bei diesem Anlaß lernte er den Neffen eines Teilnehmers kennen, Gilbert von Tirotzky. Mit seinem märchenhaft schönen Gesicht bezauberte der ihn. Seine Augen waren zuweilen die eines in seiner Ehre gekränkten Mädchens. Aber nichts Weibliches war sonst an ihm: er war die Vollendung der Jünglingsschönheit. Adalbert konnte den Blick nicht von ihm wenden. Es ergötzte ihn, die heimliche Empörung zu beobachten, die in Gilbert aufstieg, wenn bei den reichlich tagenden Banketten die Gespräche frei wurden und sich in saftigen Anekdoten bewegten. Zu Adalberts maßlosem Erstaunen war der Jüngling, der im Begriffe stand, wie er ein großes Unternehmen zu leiten, unschuldig wie ein Kind. Da sie die Jüngsten waren, schien es natürlich, daß sie sich einander näherten. Eine gemeinsame Reise zur Besichtigung eines Eisenwerkes wurde unternommen. Als sie Munitionsfabriken besuchten, stieg plötzlich die Vision des Krieges vor ihnen auf. Sie sahen blutende, hinsterbende Menschen, eingeäscherte Gegenden, verwüstete Kunstdenkmäler. In ihren Schauern erinnerten sie sich, daß ihre Unternehmen Munition erzeugten und so den Kriegsgeist förderten. Derselbe Mannsthal, der wissentlich Lola Ritter gequält hatte und sich nun heimlich daran machte, Gilberts Reinheit zu zerstören, derselbe Mensch schwor sich, seine Hand aus einem Unternehmen zu ziehen, das Vernichtungszwecken der Menschheit sein Hauptaugenmerk widmete. Derselbe Adalbert auch, der sich mit seinem jungen Freund stundenlang über die Gedichte des Novalis und Hölderlin, über die Märtyrer des Mantegna und die Jungfrauen des Botticelli begeistern konnte, lenkte, wenn sie nachts im selben Zimmer lagen, zielbewußt das Gespräch auf die Jünglingsliebe, für die er sich entflammt fühlte, seitdem er Gilbert kannte. Er hütete sich, ihm dies zu beweisen, aber als sie sich trennten, war sein Freund in Bahnen gelenkt, die ihn dereinst ins Verderben stürzen sollten. Adalbert befiel eine böse Nervenkrise. Er litt um Gilbert, um die Erfüllung seiner frevelhaften Wünsche, die, wie er bald erfuhr, ein anderer erntete. Wie ein Strahl aus himmlischen Reichen erschien ihm Angele von Tirotzky, Gilberts kleine Schwester, die er anläßlich des Besuches, den er der Familie auf ihrem Gute abstattete, kennen lernte. Seltsam, als sie nach vielen Jahren wieder in sein Leben trat, glaubte er an eine himmlische Sendung, an eine Mission, die sie an ihm zu vollziehen hatte. Vor dieser entscheidenden Begegnung traf er sie einmal mit ihrer Mutter in Homburg, ohne sie sprechen zu können. Von Gilbert aber hatte er schon zur Zeit jenes Besuches keine Nachricht mehr. In diesen bösen Tagen rettete ihn vor dem Zusammenbruch ein Miniaturbild auf poliertem Gold, eine alte Brosche darstellend, die er bei einer Auktion erblickte und die die erste Erwerbung seiner kostbaren Sammlung wurde. Dieses Bild ähnelte Loli und Angele und sollte dereinst noch ein deutlicheres Ebenbild finden. Kenner bezeichneten es als Kopie einer Buchminiatur. Ein leiser Heiligenschein schimmerte um ein kindliches Haupt.

Bald waren ihm Namen und Werke Müelichs und Holbeins des Älteren, Luithard und Berengar, geläufig. Petitot, den Schweizer, die Deutschen Grahl, Hengel, Glocker, Aldenraths, Graff kannte er, Bouvier, Bossi und Harper, Füger und die Österreicher Daffinger, Theer, Saar, Peter. Er kannte alle Manieren, die auf Pergament, Elfenbein, Gold, Silber, Kupfer. Er reiste in süddeutsche Städte die preziöse Kunst des sechzehnten Jahrhunderts kennen zu lernen und kaufte und kaufte. Als er zurückkam, waren seine Nerven scheinbar in Ordnung. Nun arbeitete er im Werk, drei Jahre lang, fast ohne Unterbrechung. Er musizierte dort, hatte irgendeine Geliebte und war mit Sammlern und Kunsthändlern in Verbindung.

Er hatte keine Freunde, nur Genossen, von deren wesentlichem Leben man ebensowenig wußte wie von dem seinen: Männer, die etwa Beziehungen zu Courtisanen von Rang hatten und hinter einem Sport oder Spleen sich verbargen. Adalbert Mannsthal war wohltätig, aber auch dies erfuhr man nur durch Zufälligkeiten. Seine größte Schöpfung aus späteren Jahren (als er das Werk schon in eine Aktiengesellschaft verwandelt hatte) war eine Anstalt für blinde Mädchen. Er besichtigte jeden neuen Zögling, hatte unter ihnen seine Lieblinge, die er auch zu sich nach Hause nahm. Mehreren dieser Mädchen ward durch ihn eine musikalische Ausbildung zuteil. Sein Wesen blieb verborgen. Er genoß den Leumund hoher Moralität. Seine Heirat mit Frau Ruthland befestigte seinen Ruf. Seine Scheidung bekräftigte ihn. Ein Mann wie er konnte begreiflicherweise nicht die Auffassung teilen, die in einer Ehe Entgleisungen duldet. Mehrere Jahre vor seiner Heirat, nachdem er das Werk umgestaltet, reiste er ins Ausland, in ferne Weltteile. Einige Zeit schien er verschollen. Dann arbeitete er an neuen Maschinen und schloß sich einem berühmten Physiker in bewunderndem Dienst an. Zuweilen lebte er in dem Landhaus am See, das ihm seine mütterliche Tante vererbt hatte. Er besaß im Seehaus eine Voliere mit fünfunddreißig Vögeln, die er zum Teil aus fremden Ländern mitgebracht hatte. Als ein Marder mehr als die Hälfte von ihnen zerrissen hatte, aß er zwei Tage lang nichts und schenkte den anderen Tieren die Freiheit. Seine Miniaturensammlung betrieb er mit wachsendem Eifer. Durch sie lernte er Urbacher kennen, der menschliche Kuriositäten studiert hatte, aber dessen überdrüssig nunmehr seine Kenntnisse nur gelegentlich verwertete. Gleichfalls unabhängig, Herr seiner Zeit und seines Vermögens, war dieser in allerlei Leidenschaften verfallen, die in Müßiggang und Überfluß gedeihen, aber sein Wesen war durch seine Güte zwiespältig und durch fixe Vorstellungen skuril geworden. Er konnte keinen entscheidenden Einfluß auf Mannsthal gewinnen, wiewohl er in das Verborgene seines Wesens einzudringen imstande war. Hingegen war Adalbert durch Verstand, Schlauheit, Überredungskunst und durch eine Art Unwiderstehlichkeit befähigt, Menschen zu beeinflussen, wie es ihm gut dünkte. Er selbst fragte nicht danach, wie man sein Leben beurteilte. Äußere Ehrbarkeit hält die Neugier fern. Er trug sie wie ein schützendes Kleid.

Am Wege

Vögelchen schrieb an Student Kruger: „Ich weiß Ihre Adresse nicht. Camill verspricht, den Brief zu besorgen. Sie sind wohl schon zur Stadt zurück. Am Ende vergessen Sie, sich mit Onkel Clemens anzufreunden und ihm meinen Gruß zu bestellen. Dies haben Sie versprochen. Und, Herr Prediger, was ist’s mit Ihnen? Was treiben Sie? Ist ein Buch schon fertig? Haben Sie eine Braut genommen?

Ich will Ihnen von mir erzählen, von uns. Und Sie dürfen Va nicht länger böse sein. Va ist jetzt mein Freund, der so gut zu mir ist, daß ich es gar nicht aufzählen kann. Zuerst waren wir in einer Stadt und blieben dort, um Bilder anzusehen. Mögen Sie heilige Bilder? Gewiß, Herr Prediger. Die Leute sehen meist dumm darauf aus. Ich finde das so rührend. Das Jesukind ist oft reizend. Aber das mag ich nicht, wenn Teufel mit Gabeln sich überpurzeln. Die Farben waren auch oft so geschmacklos früher und vieles sieht jetzt so unbeholfen aus, weil man auf den Photographien die wirklichen Menschen sieht. Aber die neuen Bilder mag ich noch weniger. Ich finde sie oft roh und sie sehen zerstört aus. Landschaften gefielen mir z. B. ein Tal, auf das ein Wanderbursch hinuntersieht, so einer, der im Lindenbaum vorkommt, den wir zusammen gesungen haben. Da ist der Himmel und die Bäume und die Berge wie nach einem Gewitter. Aber alles zu erzählen, das geht nicht an. Niedliche Sachen bekam man zu kaufen aus Ton und hübsche Stoffe, alles sehr bunt. Ich trank schwarzes Bier aus Steinkrügen auf einem Faß, auf das mich Va hinaufgesetzt hatte. Alle Leute sahen mich an und waren freundlich. Abends fuhren wir in einen Garten und fütterten weiße Hirsche. Wie die seltsam sind, wie aus einem Märchen glotzen sie. Auch an Seen waren wir, die groß sind, und alles ist überfüllt, die Ufer und die Kähne. Ich wollte wieder schwimmen. Das Wasser war schmutzig. Va hat bekannte Leute getroffen. Ich mag fremde Leute nicht. Sie reden immer Gleichgültiges und man wartet immer, daß sie schon fertig sind. Wir haben auch Musik gehört, das war das Schönste. Va hat sich eine neue Geige gekauft. Dann fuhren wir. Es tanzte eine halbe Welt vor unseren Coupefenstern vorüber und jetzt sind wir wieder an einem See, wo es warm ist und nie regnet. Die Berge sind in der Ferne, der Himmel sehr blau, die Bäume Pinien und Zypressen und ähnliches, viele blühende Sträucher, Blumen, wie man sie bei uns nur in den Läden und Glashäusern sieht, wachsen in den Gärten und duften, daß man wie im Traum ist. Manchmal flimmert es über den See, den ich eben vor mir sehe, als wären viele Libellenflügel wie ein Schleier vor ihm aufgehängt. Nachts seh ich noch das Flimmern und die vielen Blumengesichter. Es sind auch viel andere Menschen da und sprechen fremde Sprachen. Wir wohnen nicht im großen Hotel, gehen nur zum Speisen hin. Wir haben ein Häuschen, auf dessen Dach man spazierengehen kann, mit einem großen Garten, der an der Seepromenade unten eine Türe hat. Abends ist auf der Hotelterrasse Musik und alles wie im Fest. Va ist vergnügt wie nie zuvor. Wir laufen um die Wette. Ich sage jetzt Albert. Camill wohnt im Hotel, ich habe kein Mädchen. Va wollte es nicht. Ich fürchte mich nachts manchmal, weil es seltsame Tiere gibt, die rufen. Aber die Tür zu Alberts Zimmer ist offen und er sieht zuweilen nach mir und ist gut zu mir, wenn ich böse Träume habe. Dann sprechen wir oft lange. Auch über den lieben Gott. Er sagt, Frauen müßten Gott in dem Menschen lieben, der ihnen am liebsten ist. Albert liest mir auch vor: aus der Bibel von Ruth und Josef und seinen Brüdern, vom armen Hiob und dann vom Heiland. Das muß schön gewesen sein, eine Frau zu sein, die ihm die Füße mit ihrem Haar trocknet. Aber meine Haare sind nicht so lang. Einmal träumte ich, daß ich Jairis Töchterlein sei und er mich aufgeweckt hat. Dann lesen wir auch Märchen, die aber auch für große Leute sind, und Theaterstücke von großen Dichtern. Die kennen Sie wohl alle. Auch spreche ich wieder fremde Sprachen, die ich früher einmal konnte, sagt Va. Bei manchen Worten fällt mir meine Mutter ein. Sie haben mich einmal nach ihr gefragt. Albert hat es mir gesagt; sie konnte nicht bei ihm bleiben. Ich möchte auch nicht, daß eine andere Frau bei Albert ist. Ich erinnere mich nicht, wie meine Mutter aussah. Warum ist sie aber weggegangen und hat mir nie einen Brief geschrieben? Nun schreibe ich schon so lange und weiß gar nicht, ob Sie noch an Ariel denken.

Machen Sie noch Verse, Herr Prediger? Wenn Sie Geld brauchen, so schreiben Sie gleich. Ich habe viel; Albert sagt, ich müsse damit selbst zurechtkommen. Also nur zu, wenn Sie Not daran haben und wenn man zu Hause wieder böse zu Ihnen ist. Es grüßt Sie bestens

Arabella Mannsthal.

P. S. Erinnern Sie sich noch an unser Sterngucken? Nicht weit von hier soll eine Sternwarte sein, von wo aus man durch lange Rohre die Augen am Himmel spazieren schicken kann und dort viele Geheimnisse sieht. Das muß das Schönste sein. Ich möchte zu gern hin. Albert hat mir eine Überraschung versprochen. Er ist manchmal abwesend, um sie vorzubereiten.“

Als Vögelchen den Brief verschloß, träumte ihr Blick den Garten hinab zum See, der sich dort wie eine tiefblaue Wand aufstellte. An seinem Ende erblickte sie einen aufschnellenden Gegenstand, der einem pfeilgeschwind hinsausenden Vogel glich, vor dem das Wasser in weißem Gischt zur Seite rauschte. Es war ein Gleitboot. Wie ein tierisches Wunder schoß es daher. An den Ufern hörte man rufen. Vögelchen eilte hinab. Schon sieht man es näher, es vergrößert sich in rasender Geschwindigkeit, nun erblickt man den schmalen Schiffskörper, hört das Knattern eines Motors. Die seitlich geschleuderten Wassermassen überfluten ihn, ein Mensch in Taucherkleidung wird sichtbar. Nun ist das Sausen ganz laut, das Boot schnellt aufbäumend glatt auf das beruhigte Wasser hin und schwebt ans Ufer heran. Arabella ist unter den Leuten, die sich in Neugier und Bewunderung am Dampferplatz zusammengeschart haben. Der Gleitflieger springt ans Land. Es ist Mannsthal. Vögelchen fällt ihm um den Hals. Sie zittert am ganzen Körper. Er hebt sie auf wie eine Feder und trägt sie durch die gaffende Menge. Nun ist ihr der Zauberer zum Helden geworden.

„Das ist dein Geheimnis?“ fragte Arabella noch atemlos.

„Ein Scherz vorläufig,“ sagte er lächelnd.

Adalbert pflegte mit Arabella auf der Terrasse an einem Tischchen abseits zu speisen. Als sie eines Abends, von neugierigen Blicken empfangen, eintraten, sprang rasch ein hochgewachsener Herr, der allein an einem Tische saß, auf, blieb wie vor einer Erscheinung stehen und stürzte dann auf Mannsthal zu. Es war Nikolai Karinski, von dem er schon mehrere Jahre nichts gehört hatte. Zum Erstaunen der Gäste, die ringsumher saßen, küßten sich die beiden Männer, blickten einander prüfend an, schüttelten sich die Hände und umarmten einander abermals.

„Das ist Arabella, du weißt —“ stellt Mannsthal vor. „Ein alter Freund, Graf Karinski.“ Sie waren abgesondert in ihrer Freude unter den fremden Menschen und Vögelchen war gleich die Dritte im Bunde. Der Russe, von dem sie kaum etwas wußte, war ihr nach wenigen Augenblicken kein Fremder mehr. Er trug sich ein wenig à la Lord Byron und hatte ein Gesicht, dem man immer neue Reize abgewann, obwohl es nicht schön war. Nichts schien in ihm aufeinander gestimmt, selbst die dunklen, sanften und doch flammenden Augen waren ungleich, das linke höher als das rechte, wie man es bei Menschen sieht, die lange ein Monocle getragen haben. Die Nase stach absonderlich hervor, sie war wie ein Haken kühn und adelig. Auch das Kinn unter dem breit geradlinigen Mund war kantig. Sein Haar, von einem weichen, metallenen Braun, war in kindhaften Scheiteln zurückgelegt und wenig dicht. Die starken Backenknochen, der Ausdruck der Augen, die Gestalt verrieten den Russen. Was diesem Antlitz das farbig Wechselnde des Kaleidoskops gab, war sein Lächeln und Schauen. Das konnte bald dem eines fröhlichen Kindes, bald dem eines weisen Greises gleichen und es konnte Verklärung und Andacht und tiefste Zerknirschung spiegeln. Übermut und Trauer flogen schattenhaft wie Licht und Dunkel darüber hin und zuweilen wurde es fratzenhaft (ganz selten in Vögelchens Gegenwart) und oft brach die Flamme des Geistes aus ihm und brannte heiß über seinen Zügen. Und dies alles schien oft zurückzustürzen, auszulöschen. Dann war das Antlitz einer verkohlten Landschaft gleich, über die fahler Nebel schwelt. Er hatte große Hände und starke Arme. Vögelchen dachte, daß er sie bis ans Ende der Welt würde tragen können ohne zu erlahmen.

„Also dies ist dein Kind, dein Täubchen, dein Weibchen,“ sagte er und sah sie an wie ein treues, derbes Tier. „Ich darf du zu ihr sagen, darf ich das, Porzellankindchen?“

„Ihr werdet bald gute Freunde sein,“ ermunterte Mannsthal.

„Habe ja auch ein Kleinod zu Hause. Du weißt, wie ich auf die Frauen zu sprechen war — aber die Gräfin! Ja, die meine, hat mich beten gelehrt.“

Und er begann von Tanjä zu erzählen. Eine barmherzige Schwester sei sie und ihre Seele wäre eine Wünschelrute, die jede Quelle des Leides aufspüre in der Menschen Drangsal. Ihre Stimme glätte Aufruhr und Zwiespalt, ihrer Worte Balsam sei Sanftmut ohne Ende! Und Nikolai Karinskis Augen waren die eines Beters und gleich darauf fiel sein Kopf zur Brust herab und er glich einem Büßer, der eine Züchtigung gewärtigt. Er erinnerte sich wie immer, wenn er von ihr erzählte, daß er sie einmal geschlagen, von Neugier getrieben, ob sie böse werden konnte. Er hatte einen Streit vom Zaune gebrochen, indem er eine Rücksicht, die sie üben wollte, barsch abwies, und als sie, seine Worte nicht ernst nehmend, sich anschickte, ihr sorgliches Vorhaben auszuführen, hatte er ihr mit Schlägen erwidert, die aus den Riemen einer Hundspeitsche auf sie niedergingen. Sie hatte sich, noch immer an Scherz glaubend, zu ihrem Bett geflüchtet und sich darin vergraben. Als es vorüber war, lag sie still und starrte zu ihm auf, als wäre ein Wunder geschehen. Aber kalt und starr war sie anzufühlen, als er sich in grenzenloser Selbstverdammung vor ihr auf die Kniee hinstürzte. Kein Schauer durchbebte sie. Wie eine Tote lag sie ihm im Arm. Tags darauf war sie still und gütig wie zuvor. Er bekam Krankenkost, das bedeutete eine Anzahl leichter Leckerbissen, und die Kinder mußten leise sein. Karinski erzählte das Arabella, als sie schon gute Freunde waren. Es tat ihm wohl einem Kinde zu beichten.

„Du wirst bis in den Tod daran denken müssen,“ sagte Vögelchen böse. „Ich wäre daran gestorben.“

„Ja, vielleicht ist auch sie daran gestorben und ich weiß es nicht. Ich fühle alle Schuld in dieser Erinnerung,“ sagte Karinski, „alle Qual, die seit Weltbeginn Menschenherzen gemartert hat. Und Tanjä ist eine Heilige geworden und viele Frauen sind Heilige. Sieh das Gesicht der Schwangeren und vergleiche es mit dem der Gottesfrauen und Gottesmänner in den Kirchen, und Gott liebt sie, weil sie Schuld abtragen in ihrer Mutterschaft. Und auch die Armen liebt er und tröstet sie in seinen Kirchen. Wir Reichen aber und im Geist Mächtigen, wir können nur unsere Inbrunst aufheben zu ihm mit verzückten Händen, bis sie erlahmen und wieder nur taugen zum Verzagen, zum Laster und zur Knute.“ Und er fuhr fort, von Tanjä in Ehrfurcht zu sprechen, und hatte dennoch keine Eile, obwohl sie sich in Sehnsucht nach ihm verzehrte und mit vielen kleinen Kindern sich sorgte, zu ihr zurückzukehren.

Eines Tages erschien dann eine russische Familie und Karinski umarmte sie, wie er Mannsthal umarmt hatte. Wenige Tage später reiste er mit den Landsleuten ab, nachdem er unter Tränen von Adalbert und Arabella Abschied genommen. Vögelchen trauerte ihm nach. Bald bekam sie ein Schreiben von Tatjana Gräfin Karinska, die sie ihrer Freundschaft versicherte und zu einem Briefwechsel lud.

Auch Mannsthal war jetzt schweigsamer als zuvor. Karinski hatte ihm die Ereignisse seines Lebens erzählt, die in die Zeit fielen, wo ihr Briefaustausch aufgehört hatte. Aber Adalbert hatte geschwiegen. In ihm war alles aufgewacht, was er seither erfahren, und hatte sich vorgedrängt bis zur Schwelle des Vertrauens. Nikolai hatte ihm dunkle Dinge gebeichtet und Reue und Scham, die er dabei empfand, waren ihm erwünschte Strafe. Was er selbst zu sagen hatte, war in seinen Einzelheiten so unfaßbar, daß er vermeinte, die Luft nicht weiter atmen zu können, in die der Hauch seines Geständnisses sich mengte. Er konnte nur eines bekennen, daß Arabella ihn gerettet und daß er sich aufgespart für sie. In diesen Tagen war nichts mehr von Strenge in ihm, sein Wille wollte sie nicht zwingen mit geheimen Mitteln. Eine grenzenlose Dankbarkeit floß zu ihr hin, fand seine Sinne in Gehorsam und entwaffnete seine List. Zu dieser Zeit lag glosende Hitze über dem südlichen See. Mählich verödeten die Straßen. Das Hotel, die Villen waren fast unbewohnt. Kaum daß die Häuser der Einwohner tagsüber die schirmenden Läden hoben. Die Bäume und Sträucher waren so üppig im Laub, daß sie ineinander sich verstrickten und Blüte an Blüte sich drängte. Die Insekten wurden gefährlich, die Nächte seltsam duftend und voll der Wunder. Aber weder die Nächte noch der See brachten Abkühlung. Vögelchen vertrug die Hitze besser als er, ja sie breitete sich aus wie eine treibende Pflanze. Leise Anzeichen sprachen dafür, daß ihr Körper reife. Auf ihren Wangen lag ein Schein erblaßter Rosen, die das Leuchten ihrer Augen steigerte, ihre Lippen öffnete ein scheuer Durst. Er sah es in unendlicher Entzückung. Seine Versuche mit dem „Mannsthal-Gleitboot“ hatte er aufgegeben. Er begnügte sich, den Stand seiner technischen Leistung in verschlossenem Brief in der Akademie der Erfindungen zu hinterlegen.

Eines Abends brachte Mannsthal ein etwa vierzehnjähriges Mädchen in den Garten. Es war blind. Vögelchen war erschüttert, als es die Kleine erblickte. Sie hörte nicht auf sie zu streicheln und schließlich küßte sie die leblosen Augen. Sie brachte ihm eisgekühlte Früchte, wusch ihm die heißen Wangen, erzählte ihm allerlei, sang ihm vor, so gut sie es konnte. Adalbert aber war weitaus gewandter im Umgang mit Blinden und seine Zärtlichkeit für die Unglückliche hatte für Vögelchen etwas Erstaunliches. Er schien ein anderer, wenn er Rosina berührte, als wisse er, wie Blinde empfänden. Vögelchen holte sie zuweilen aus dem Uhrmacherladen, wo sie zu Hause war, und schlich sich mit ihr in einen entfernten Teil des Gartens und verbarg sie vor Mannsthal. Oder sie entfernte sich, wenn dieser sich mit Rosina befaßte. War es möglich, daß sie dem Kinde Adalberts Güte neidete, oder wollte sie in ihren Bemühungen nicht übertroffen werden? Mannsthal entging das nicht. Er verdoppelte seinen Eifer um Rosina und seine Zärtlichkeit war nicht mehr verstohlen wie bisher. Vögelchen selbst suchte sie und erwiderte sie.

Die Landschaft lechzte nach Regen. Die Einwohner aber wußten, daß keiner zu erwarten war. Mannsthal fühlte feurige Dämonen um sich kreisen. Manchmal war ihm, als erhöbe sich lautlos ein glühender Gewittersturm und jage ihn. Ein anderer Mensch in ihm riet zur Flucht, zu Tod, zu Verwandlung. Er trug es nicht länger. Kam ihm nicht Erlösung, so brach er zusammen und die Frucht seiner Sehnsucht schnellte für ewig aus den erlahmenden Händen. Aber er wußte auch, plötzlich konnte „es“ geschehen, ohne Warnung und Zeichen, ohne Donner und Posaunenschall.

Auch Vögelchen war voll Unruhe jetzt. In der Dunkelheit trieb es sie in den Garten oder sie schlich Adalbert nach, wenn er noch spät sich entfernte, und wartete am Gartengitter auf seine Rückkehr. Einmal nachts, als er wie betäubt auf seinem Bette lag, weckte ihn das Leuchten eines Scheinwerfers. Weiße Lichtgarben sprengte er über das Land. Er tauchte den Garten von Dunkelheit rein, weckte die Statuen in den Hainen und die schlummernden Farben der blühenden Büsche. Vögel fuhren erschreckt aus ihrem Schlaf und huschten dann ängstlich wieder in ihre Nester nieder. Als der Schein wiederkam, war es Adalbert, als sähe er nächst den Rhododendrenbüschen eine lichte Gestalt, die traumhaft ihre Arme in das fliehende Licht hob. Der Strahl schien sie aufzunehmen und aufzulösen in seiner Helle. Mannsthal stieg zum Garten herab. Unhörbar war sein leichter Schritt im Moos. Er war sehr schlank geworden in diesen Tagen der zehrenden Sehnsucht. Die Luft schien um ihn zu knistern, als wären Millionen dunkeläugiger Fünkchen in ihr verborgen. Ihm war, als griffe der Duft der Blumen nach ihm und umstricke ihn. Er suchte die Hängematte, ein Frauengewand lag da. Seine Hände fieberten, als er es an seine Lippen hielt und seinen Kopf darein verwühlte. Dort im Rhododendrenhain stand die Statue nicht mehr. Der Mantel der Nacht hing ihr um die Schultern, aber leuchtender als Marmor schimmerte es im Moos: Schlafend lag ihm Arabella zu Füßen. Ihr Atem zog leise in die Nacht, der seine war verhalten in Grauen und Lust. Lange mußte sie gekämpft haben um diesen tiefen Schlaf. Er kniete neben ihr hin in Glut und Anbetung und segnete die Luft, die zwischen ihm und ihr war und ihm Raum gab, seine schauernde Seligkeit auszugießen über ihre ahnunglose Nacktheit. Warum, oh warum hatte die Nacht sich dem Licht geöffnet, warum, warum hatte der Strahl, aus den sein Schlummer ihn gerufen, ihn zu dieser Stätte geführt! Lenkte nicht einer unbezwinglichen Macht gefügiger Geist das Ziel seinem brennenden Wunsch entgegen? Nein, sein Schicksal weigerte sich nicht. Es entzündete ihm die Brautfackel und ließ sie leuchten über die Lande. Aber noch wollte er die Qual erdulden, sie neben sich zu fühlen, ohne sie zu berühren. Nicht im Schlafe wollte er sie aus der Kindheit wecken. Nicht doppelt unbewußt durfte sie erwachen in ihre Vermählung. Noch wollte er sich die Drohung ins Herz stoßen, von ihr zu lassen, wenn sie nicht erwachte, ehe vom Glockenturm der dumpfe Schlag der nächsten Stunde anschlug. Er fühlte ringsum den unsichtbaren Garten, der Dolden regungsloses Blühen und wie sich das Netz von Düften immer enger um ihn spannte, wie der Wohlgeruch von tausend Rosen sich mit dem der Glycinen verband und weiter wob zum leisen Hauch der Iris, zum goldenen Atem der Azaleen, zum linden Duft der Karthäusernelken. Erinnerung ferner Gärten stieg vor ihm auf, Wälder hoben ihre Dunkelheiten, Indiens Haine erstanden ihm, die ansteigenden Wege zu den heiligen Bergen des Ostens, gesäumt von Kirschblüte und Chrysanthemum. Affen saßen auf Zweigen, bunte Vögel flitzten durch beerenbeladene Äste. Fern blaute das Meer. Landschaft war ihm nur Rahmen der Erinnerung. Ein Zug von Frauen begann zu schreiten. Er sah sie alle wieder, die fremdartigen, die aus einer Stunde traten und sie bunt färbten, Loli, jenes Bild seiner Kindheit, der Wald hinter dem Werk, Tirotzky, Angele, dann das lachende Kirschengesicht einer Tänzerin, die Blinden, die bleiche Frau, die er zu sich nahm, auf daß sie bei ihm verstürbe, und die Entstellte dann, die er so namenlos beglückt, das Bettelkind in jenem irischen Dorf, in dem er unversehens genächtigt, die Fürstin C., dann die erträumten Wirklichkeiten seiner Miniaturen, Camilla, die an einem Kinde starb, das nicht das seine gewesen, Mila, das Weinstubenmädchen, mit der wahnsinnigen Mutter, das aufstieg zur Halbweltdame, Landmädchen, Courtisanen, dann — ein verhüllter Zug, der ihn erschauern machte. Geisterhaft stumm zogen sie. Aus aller Welt waren sie gekommen, aus Gräbern und Himmeln, aus Leben, das er nicht mehr kannte, über fremde Schwellen schreitend, aus fremder Umarmung sich lösend, aus Häusern des Lasters, aus Klöstern und vom trauten Tische sich stehlend, über dem Kinder und Gatte sich zum Mahle neigten. Ledig der Last der Jahre waren sie gekommen ihn zu grüßen, ehe sie versanken vor einem großen Licht. Denn sie waren alle Priesterinnen in seinem Liebestempel gewesen, nur daß keine ihm gefolgt war über die letzten Stufen des Hochaltars. Nun waren sie vorbei. Da fühlte er den Einstrom eines Lichtes. Wolken aus milchweißen Schleiern verbreiteten blendende Helle, Sterne schwebten wie Silberbienen zu knospenden Lilien, deren Kelch goldener Tau benetzte. Auf den Wellen des Lichtes schwebten weiße Wasserrosen. Da sah jene Sterbende aus spiegelnden Tiefen und goß ihm ihren mahnenden Blick ins Herz. Der Blick ging durch die Hallen des Lichtes, wie durch gläserne Wände, metallisch, rieselnd wie heiliges Wasser bespülte er Adalberts Seele. Er baute einen Baldachin weißer Blüten über das schlummernde Kleinod im Moos. Wie ein Taubenpaar schwebten der Bleichen Hände schützend über ihm. Ein Chor kleiner Engel schwebte heran. „Laß ab,“ beteten die Seelen der blinden Mädchen. „Wirf nicht Brand in den Schnee,“ flehten die Kelche der Lilien. „Rühr mich nicht an,“ sangen die Sterne, die wie Silberbienen schwebten. „Fliehe,“ säuselten die milchweißen Schleier. Und die Wasserrosen öffneten die siebenfach verschlossenen Lippen und seufzten:

„Laß ab!“

Und das Licht war ein Mund und posaunte:

„Laß ab!“

Aber lauter als sein Schall war der linde Atem der Schlafenden, denn er war lebendig. Schmal und flüchtig wie einen Traum wußte er sie hingebettet und dennoch wirklich, wie nur Leben sein kann. Und wenn er ging und abließ, dachte er, würde der glitzernde Leib einer Schlange sich aus dem Dunkel ringeln und Giftzähne in ihr Fleisch graben? Sie war einer Glut hingegeben, die sie ahnte und ersehnte. Konnten nicht Helden oder Unglückliche, die ihr mitleidiges Herz gewannen, sie ihm entreißen, morgen schon, und sie verheeren für immer. Denn er nur würde sie befähigen, höchste Lust zu geben und zu nehmen, eine Göttin, nicht eine Magd der Liebe zu sein. Er nur, der sie kannte wie kein anderer, würde sie, wie die Mutter sprechen lehrt, die Welt der Liebe lehren. Er würde Schätze heben aus ihrem aufpochenden Blut, Kleinode entsiegeln in ihren geheimsten Schreinen und unlösbar würde er ihre Seele mit ihrem Blut vermählen und so sie feien vor der Erniedrigung der wissenden Liebesglut. An ihr sollte das Laster sich heiligen und Keuschheit menschlich werden. Er nur, er konnte sie wecken zu verklärtem Brand, zu heiligem Genuß. Und doch, dies hatte der Dämon seiner Selbstqual über ihn verhängt, wenn die Turmuhr schlug, eh’ sie ihm erwachte, war sie ihm und sich selbst verloren in ewigem Durst. Er wußte, jenes blinde Kind wachte im Turm und hütete die Glockensträhne. Oft war er bei ihr gewesen. Konnte nicht jetzt ihr rächender Wille, müde seiner zu harren, die Strähne ziehen, ehe die Geliebte erwachte?

Da plötzlich griff es, ehe die Versuchung ihn überkam sie zu wecken, mit weißen Fingern in die Luft. Des Scheinwerfers Geisterhand schwebte auf und nieder, kaum die Baumwipfel berührend, und jetzt fiel sie pfeilschnell herab und ließ den Garten aufstrahlen in Licht. Vögelchens Schlaf zerriß, mit leisem Aufschrei haschte sie die Helle und im letzten aufstrebenden Strahl erblickte sie den Mann. Als würde Traum zur Wirklichkeit, schlang sie ihren Arm um seinen Hals, preßte die schlafheißen Wangen an seine Brust. Langsam ließ er sie zurückgleiten ins Moos, Hände kosten sie und grüßten die Kleinode ihres Leibes. Ihre Haare waren wie besonnte Seide, darunter die Pulse in den Schläfen pochten, wie kleine gläserne Hämmerchen. Auf die Wangen senkten sich die Lider herab wie bebende Schmetterlingsflügel. Ihre Lippen öffneten sich und er erschauerte, bald würde er ihre Süße kosten. Nun fühlte er die gläsernen Hämmerchen durch die feine Haut des Halses an seinem Mund und vor der Zartheit ihrer Schultern erbebte er, denn sie waren die eines Kindes. Ihre Brüstlein waren jungen Tauben gleich, die rosige Schnäbelchen aus dem Gefieder spreizten, wenn der Flügelschlag der Liebe ihrem Durste naht. Er meinte zu vergehen. Einen Augenblick vergrub er, Ruhe suchend, seinen Kopf an ihrem Halse, aber da fühlte er ihren Duft und war völlig berauscht. Er sah sich selbst und spürte, was er sah. Der andere Mensch, den er nicht mehr hielt und kannte, war an der Arbeit. Noch einmal verdrängte er ihn. Er faßte das Wesen und hob es von sich weg, um warnend es vor sich zu sehen. Federleicht spürte er seine Wehrlosigkeit. Aber dem andern war das nur recht, er riß dem Zauderer die Beute aus dem Arm und flüsterte betörende Worte. Oh, diese Worte! Arabella vergaß sie niemals. Ihre Erinnerung übergoß sie mit Gluthauch bis spät in die Jahre. Und wie gefällig machten sie diese Worte, wie beflissen ihn zu verstehen, wie willig alles zu erdulden, den Schmerz und die Lust. Aber dann, als nur mehr der andere herrschte und der Zaudernde verschwunden war hinter glühenden und tobenden Wolken, als Feuer auf sie niederbrach und sie unbarmherzig sengte mit Eisen und Schwert, über ihre Kraft es zu bergen, da befiel sie eine wahnwitzige, grenzenlose Furcht, die sie mit wunderbaren Schauern durchdrang. Aber nur bei ihm gab es Schutz, Zuflucht nur an seiner Brust, zu der sie hindrängte. War er ihr böse, daß er sie von sich stieß, um gleich wieder sich eisern in sie einzuschmieden? Da, als er wie ein von göttlichem Zorn Besessener über ihr raste, fühlte sie plötzlich namenlose Erlösung und während ihr ganzes Sein ausströmte in demütiger Verzückung zu randloser Ewigkeit, sah sie im ersten fahlen Licht des Morgens ihn zur Seite stürzen, als hätte Gott ihn an Felsen zerschellt. Die Vögel erwachten in ihren Nestern. Ein leiser Wind strich kühlend vorbei. Vögelchen richtete sich steil auf und sah über den Regungslosen mit großen, erstaunten Augen in das erwachende Leben.