A. Einleitung. Die Verbreitung der Eskimos. Ihre Wanderungen.
er Eskimo gehört einem der merkwürdigsten lebenden Völkerstämme an, er liefert einen schlagenden Beweis dafür, daß sich der Mensch den Naturverhältnissen anpaßt und sich über die Erde verbreitet. So weit wie man bis zum Nordpol vorgedrungen ist, ist man auf Spuren dieses widerstandsfähigen Volkes gestoßen.
So kraß, wie sich der Eskimo durch seine ganze Lebensweise, durch seine sinnreichen Geräthschaften, sein Aussehen und seinen Körperbau von allen anderen Volksstämmen unterscheidet, so gleichartig sind in jeder Beziehung die verschiedenen Eskimostämme untereinander. Ein ungemischter Eskimo von der Beringsstraße ist einem Ostgrönländer so sprechend ähnlich, daß man keinen Augenblick darüber im Zweifel sein kann, daß die Beiden derselben Rasse angehören. Auch ihre Sprache hat eine so auffallende Aehnlichkeit, daß ein Alaskaeskimo und ein Grönländer sicher ohne große Schwierigkeiten eine Unterhaltung miteinander führen könnten.
Kapitän Adrian Jakobsen, der Grönland und Alaska bereist hat, erzählte mir, daß er sich in dem letztgenannten Lande mit dem wenigen Grönländisch, das er konnte, zu behelfen vermochte. Und diese Völker sind durch mehr als 600 geographische Meilen — eine Strecke, die der Entfernung von London bis zum Sudan gleichkommt — getrennt. Eine solche Einheit in der Sprache bei so fern voneinander wohnenden Volksstämmen ist wohl einzig dastehend in der Geschichte der Menschheit.
Die Aehnlichkeit, welche nach jeder Richtung hin unter den Eskimostämmen herrscht, läßt darauf schließen, daß sie ursprünglich ein kleiner Stamm gewesen sind, der sich erst in späteren Zeiten über die jetzt von ihnen bewohnten Länder verbreitet hat.[43]
Daß sie sich über diese in verhältnißmäßig kurzer Zeit haben verbreiten können, ohne doch wie bei den größeren Völkerwanderungen in Horden aufgetreten zu sein, ist leicht erklärlich, wenn man bedenkt, daß ihre jetzige Heimath zu den ungastlichsten Ebenen unserer Erde gehört, zu Ebenen, die kaum jemals bewohnt gewesen sind, jedenfalls nicht für beständig, bis die Eskimos sie in Besitz nahmen, und wo sich ihrer Ausbreitung folglich nichts anderes als die Natur selber feindlich gegenübergestellt hat.
Der Strich, den die Eskimos jetzt bewohnen, erstreckt sich von der Westküste der Beringsstraße über Alaska, Nordamerikas Nordküste, die nordamerikanischen arktischen Inselgruppen und die Westküste Grönlands bis an dessen Ostküste.
Durch seine abgesonderte Stellung hat der Eskimo den Anthropologen viel Kopfzerbrechen verursacht, und über seine Zukunft haben sich die widerstreitendsten Ansichten geltend gemacht.
Es ist hier nicht der Ort, tiefer auf dies Thema einzugehen, das noch längst nicht abgeschlossen ist. Nur soviel läßt sich mit annähernder Sicherheit sagen, daß die Eskimos zuletzt von der an der Beringsstraße oder dem Beringsmeer gelegenen Küste (möglicherweise von der amerikanischen Seite) gekommen sind und sich von dort aus östlich über das arktische Amerika bis Grönland ausgebreitet haben.
Dr. Rink, der sich das Studium Grönlands und der Eskimos zur Lebensaufgabe gemacht hat, und der ohne Frage die größte Autorität auf diesem Gebiete ist, meint, daß die Waffen der Eskimos und ihre Geräthschaften jedenfalls im wesentlichen aus Amerika stammen. Er hält es für möglich, daß die Eskimos einmal im Innern von Alaska gewohnt haben, wo sich noch eine nicht geringe Anzahl von „Inlandseskimos“ findet. In verhältnißmäßig später Zeit soll ein Theil derselben nach den Küsten des Beringsmeeres oder Eismeeres ausgewandert sein, entweder von den Schätzen des Meeres[44] gelockt oder von feindlichen, kriegerischer gesonnenen Indianerstämmen vertrieben.[45]
Rink weist ferner nach, wie die Nordwestindianer sowohl auf dem festen Lande jagten, als auch Fischfang auf den Seen und Flüssen in ihren Kanoes aus Birkenrinde betrieben. Dasselbe müssen denn auch die ursprünglichen Inlandseskimos gethan haben,[46] und in ihren Kanoes sind sie wahrscheinlich auf die Nordwestseite Alaskas zu seewärts gezogen. Je weiter sie kamen, desto spärlicher wurden die Waldungen, so mußten sie denn darauf sinnen, ein Ersatzmittel für die Baumrinde zum Beziehen ihrer Kanoes zu finden, und da ist es denn nicht unwahrscheinlich, daß sie sich schon auf den Flüssen der Felle der gefangenen Seethiere bedient haben, denn noch jetzt sieht man Beispiele davon bei einzelnen Indianerstämmen.[47]
Erst als die Eskimos mit Seegang und Flußmündungen in Berührung kamen, fingen sie allmählich an, ihren Böten ein Deck zu geben, bis sie schließlich die Oberfläche ganz überzogen. Damit war der Kajak fertig, der auch in seiner ganzen Form und seinem Bau mehr an die indianischen Birkenkanoes als an jegliche andere nordasiatische Bootsform erinnert.[48]
An der Küste angelangt, entdeckten sie, daß ihre Existenz im wesentlichen von dem Seehundsfang abhängig sei, sie setzten infolgedessen ihre ganze Kraft darauf ein und die Kajaks führten zu der Erfindung der zahlreichen eigenartigen und bewunderungswürdigen Geräthschaften zum Kajakfang, die sich zu immer größerer Vollkommenheit entwickelten. Das Material zu diesen Geräthschaften erhielten sie abermals aus Amerika, indem die indianischen Pfeile mit den Steuerfedern, welche für die Landjagd benutzt wurden, ihnen die erste Wurfwaffe für die Seejagd lieferten. Solche kleine Harpunen oder Wurfpfeile mit Steuerfedern sind noch heutzutage auf dem südlichen Theil der Westküste von Alaska in Gebrauch.
Wenn man in nördlicher Richtung an dieser Küste entlang geht, so verschwinden die Vogelfedern jedoch bald, und eine kleine an dem Harpunenschaft befestigte Blase tritt an ihre Stelle. Man sah sich genöthigt, solche Mittel anzuwenden, um dem Untertauchen und dem Schwimmen der Seehunde ein Hinderniß in den Weg zu legen, ferner hielt man es für nothwendig, die Spitze so einzurichten, daß sie bei den Bewegungen des Seehundes nicht abbrach, sondern abfiel und in einem Riemen am Schaft hängen blieb. Auf die Weise entstand der sogenannte Blasenpfeil, der allen Eskimos bekannt ist.
Hieraus hat sich möglicherweise auch die sinnreiche Harpune mit Fangriemen und Blase entwickelt. Um größere Seethiere zu fangen, wurde die Blase dann größer und größer gemacht, der Uebelstand aber, daß sich dadurch ein zu großer Luftwiderstand bildete, so daß der Pfeil nicht weit und mit genügender Kraft geworfen werden konnte, hat sich bald eingestellt.
Man trennte ihn dann von der Harpune und ließ ihn nur mit derselben oder vielmehr mit deren Spitze, von der er abfällt, mit einer langen, starken Leine, dem Fangriemen, verbunden sein; die Harpune selber wurde von nun an allein geworfen, den Riemen nach sich ziehend, die Blase warf man erst aus, nachdem das Thier getroffen war.[49]
Das zweiblättrige Kajakruder hat sich möglicherweise auch aus dem einblättrigen Ruder der Indianer entwickelt. Bei den Eskimos im südlichen Alaska findet man auch nur ausschließlich solche; erst auf der Nordseite des Jukonflusses trifft man zweiblättrige Ruder, die einblättrigen sind aber doch noch überwiegend. Weiter nach Norden und Osten zu findet man beide Formen, bis das zweiblättrige Ruder östlich vom Mackenzieflusse die Alleinherrschaft erhält.
Die Aleuten — ein Seitenzweig der Eskimos — scheinen wunderbarerweise nur die zweiblättrigen Kajakruder zu kennen.[50]
Die Kenntniß der asiatischen Eskimos ist in dieser wie in anderen Beziehungen spärlich, es scheint, als ob sie im wesentlichen nur zweiblättrige Ruder haben.[51]
Dies alles scheint also auf den Zusammenhang der Eskimos mit den Indianern hinzudeuten. Ein Geräth indessen unterscheidet ihn deutlich von diesen und nähert ihn den asiatischen Nomadenvölkern, nämlich der Hundeschlitten.
Wenn man die Inka-Peruaner ausnimmt, die das Lama als Lastthier benutzen, so kannte die amerikanische Urbevölkerung die Benutzung der Thiere zum Ziehen oder Tragen nicht. Allerdings hatten die Indianer eine Art halbgezähmter Hunde, aber diese wurden kaum zu irgend etwas verwendet. Der Schlitten und das Hundefuhrwerk bringt folglich den Eskimo Asien beträchtlich näher. Auch sollen die Hunde der Eskimos (nach Lütke)[52] dem kamtschadalischen Hund sehr ähnlich sein.
Die Anwendung des Hundes zum Ziehen verräth zweifelsohne einen hohen Grad der Entwickelung, und dieser Zug läßt den Zusammenhang der Eskimos mit den asiatischen Polarvölkern als sehr glaubhaft erscheinen. Es muß jedoch gleichzeitig hervorgehoben werden, daß die Eskimos selber das Rennthier niemals gezähmt und zum Ziehen benutzt haben, obwohl in ihren Sagen die Rede davon ist. Dagegen ist dies der Fall bei den meisten asiatischen Polarvölkern. Die Kamtschadalen bilden freilich eine Ausnahme, wodurch sie sich abermals den Eskimos nähern.
Es ist indessen nicht undenkbar, daß die Eskimos, die im übrigen einen so ausgeprägt erfinderischen Geist haben, selber auf den Gedanken gekommen sind, Zugthiere abzurichten und Schlitten anzufertigen.
Wenn sie noch keine Hunde gehabt haben, so haben sie möglicherweise den Polarwolf gezähmt, und es kann sein, daß ihre Hunde von diesem abstammen; einzelne der eskimoischen Sagen scheinen auch hierauf hinzudeuten. In diesem Falle würden also die Asiaten das Benutzen der Hunde zum Fahren von den amerikanischen Eskimos gelernt, wie auch von ihnen ihre Hunde erhalten haben.
Ein Geräth, welches den Eskimo sowohl von den Indianern Nordamerikas, wie von den asiatischen Völkern unterscheidet, ist das Wurfbrett.
Merkwürdigerweise kennt man nur in wenigen Gegenden — wahrscheinlich nur in dreien — diese höchst sinnreiche Erfindung, durch welche die Länge und die Kraft des Armes bedeutend erhöht wird, indem es wie eine Schleuder wirkt, — nämlich in Australien, wo das Wurfbrett sehr primitiv ist, im Lande der Coniboer und Picouer in dem oberen Amazonendistrikt, wo es ungefähr auf derselben Stufe steht wie in Australien, und endlich in den von den Eskimos bewohnten Ländern, wo es seine höchste Entwickelung erreicht.[53] Es ist kaum anzunehmen, daß das Wurfbrett an so verschiedenen Stellen erfunden worden ist. Um welche Zeit die Eskimos Grönland erreichten und sich für immer dort niederließen, ist meiner Meinung nach unmöglich zu bestimmen. Daß es wahrscheinlich erst spät geschah, geht aus dem bereits Gesagten hervor, es scheint mir aber durchaus nicht bewiesen, daß sie erst im 14. Jahrhundert an der grönländischen Westküste eingewandert sind, wie man aus den isländischen Sagen schließen will. Allerdings scheint es, daß die norwegischen Kolonien Vesterbygden und Österbygden erst um diese Zeit den ernsthaften Angriffen der Skrällinger (Eskimos) ausgesetzt gewesen sind, die in Horden aus dem Norden herangezogen kamen; deswegen können sie aber lange vor jener Zeit, ja lange vorher, ehe die Norweger nach Grönland kamen, dort ansässig gewesen sein. Sie scheinen in den ersten 400 Jahren, während die Norweger dort ansässig waren, nicht auf dem südlichen Theil der Küste gewohnt zu haben (bei Öster- und Vesterbygden), da nichts davon in den Sagen erwähnt wird, aber es wird ausdrücklich hervorgehoben, daß die ersten Nordländer (Erik der Rothe u. A.), die sowohl nach Öster- wie nach Vesterbygden kamen, menschliche Wohnungen, Ueberreste von Böten und Steingeräthschaften fanden, so daß man daraus schließen konnte, daß die Skrällinger oder Eskimos früher dort gehaust hatten, und da man solche Ueberreste in beiden Ansiedelungen fand, liegt die Annahme ja nahe, daß sie sich nicht grade auf flüchtigen Besuchen dort aufgehalten haben. Es ist keine Unmöglichkeit, daß sich die Eskimos Hals über Kopf aus dem Staube gemacht haben, als die Schiffe der Vikinger herangesegelt kamen, daß dies aber so schnell geschehen sein sollte, daß die Nordländer sie nicht zu Gesicht bekamen, erscheint mir nicht wahrscheinlich. Ich neige mehr zu der Annahme, daß die Eskimos damals ihre festen Wohnsitze weiter nordwärts an der Küste, nördlich vom 68° N. Br. gehabt haben, wo sich eine reiche Seehunds- und Walfischjagd findet, und wohin sie auf ihrer Wanderung nach Norden (vgl. unten) zuerst gekommen sind.[54]
Von diesen ihren festen Wohnsitzen aus haben sie auf Eskimoart häufig kürzere oder längere Besuche nach dem südlicheren Theil der Westküste gemacht und dort ihre Spuren hinterlassen. Als die Norweger während ihres Aufenthalts im Lande gen Norden streiften, trafen sie schließlich mit den Eskimos zusammen. Prof. G. Storm[55] ist der Ansicht, daß dies erst im 12. Jahrhundert geschehen ist.[56] Die „Historia Norvegiae“ berichtet, daß die grönländischen Jäger in den unbewohnten Gegenden des nördlichen Grönland kleine Menschen trafen, welche sie Skrällinger nannten, und die steinerne Messer und Pfeilspitzen aus Fischbein benutzten. Nachdem die nördlichen Ansiedelungen übervölkert wurden, rückten die Eskimos gen Süden, und da die Norweger überall, wo sie ihnen begegneten, feindlich auftraten, haben sie vielleicht um das Ende des 14. Jahrhunderts Vergeltung geübt, indem sie zuerst (nach 1331) Vesterbygden angriffen und zerstörten und später im Jahre 1379 einen Raubzug nach Österbygden unternahmen; in dem dann folgenden Jahrhundert scheinen sie diese Kolonien gänzlich zerstört zu haben.[57] Um diese Zeit sollen also die Eskimos zuerst festen Fuß in dem südlichen Theil des Landes gefaßt haben.
Daß zwischen den alten Norwegern und den Eskimos Kämpfe stattgefunden haben, darüber haben sich auch bei den Letzteren mehrere Sagen erhalten. (Vergl. Rink, eskimoische Märchen und Sagen.) Daß aber die Eskimos förmliche Raubzüge unternommen haben sollen, scheint sehr wenig mit ihrem jetzigen Charakter in Einklang zu stehen. Daher kann ein Ausrottungskrieg wohl kaum der Grund zu dem Verfall der Kolonien gewesen sein; möglicherweise hat die Mischung der Kolonisten mit den Eskimos seinen Theil dazu beigetragen, da die Europäer der damaligen Zeit kaum weniger empfänglich für den Liebreiz der Eskimoschönheiten gewesen sein werden, als es die jetzigen sind.
Ueber den Weg, auf welchem die Eskimos nach der Westküste Grönlands eingewandert sind, hat eine große Meinungsverschiedenheit geherrscht. Dr. Rink stellt die Behauptung auf, daß die Eskimos, indem sie über den Smithsund kamen, nicht in südlicher Richtung an der Westküste entlang gezogen sind, was das Natürlichste zu sein scheint, sondern daß sie nördlich um die Nordspitze des Landes herumzogen und an der Ostküste herunterkamen, von hier aus sollen sie dann später ihren Weg südwärts um die Südspitze des Landes bis zu der Westküste genommen haben. Diese Annahme basirt im wesentlichen darauf, daß Thorgils Orrabeinsfostre die Eskimos an der Ostküste traf, — und dies war das erste Mal, daß die Norweger mit ihnen zusammenstießen. Auf die Unzuverlässigkeit dieses Berichts ist bereits bei früherer Gelegenheit aufmerksam gemacht worden. Uebrigens steht eine solche Annahme von der Einwanderung der Eskimos in direktem Widerspruch mit den Berichten der Sagen, indem aus denselben hervorgeht (vergl. oben), daß die Eskimos von Norden her und nicht aus dem Süden kamen (Vesterbygden wurde vor Österbygden zerstört). Noch ein anderer Umstand deutet meiner Meinung nach auf die Unwahrscheinlichkeit einer solchen Wanderung hin, — wenn sie nämlich in nördlicher Richtung um die Nordspitze des Landes vorgedrungen sein sollen, so müssen sie während der Zeit, in welcher sie sich dort oben befanden, wie die arktischen Hochländer gelebt haben (d. h. wie die Eskimos bei Kap York und nördlich davon), sich wesentlich von der Jagd auf dem Eise ernährend, mit Hundeschlitten fahrend und weder Kajaks noch Frauenböte besitzend, da das stets mit Eis bedeckte Meer den Kajakfang und den Gebrauch der Böte fast zur Unmöglichkeit macht. Daß sie sich dann, wenn sie wieder in südlichere, eisfreie Gewässer an der Ostküste kamen, abermals Frauenböte und Kajaks gebaut haben, ist freilich an und für sich nicht unmöglich, da sie die Tradition wohl bewahrt haben müssen, daß sie aber, nachdem sie mit dem Kajakfang außer Uebung gekommen waren, diesen wie die dazu gehörigen Geräthschaften sogar zu einer größeren Vollkommenheit entwickeln konnten, als in anderen Gegenden, das muß denn doch unwahrscheinlich, um nicht zu sagen unmöglich genannt werden.
Meiner Meinung nach ist es die natürlichste Erklärung, daß die Eskimos, als sie über den Smithsund kamen — und diesen Weg müssen sie natürlich eingeschlagen haben — südwärts an der Küste entlang zogen und sich dann später um die Südspitze des Landes herum bis an die Ostküste begaben. Ob dies Letztere bereits geschehen ist, ehe die Norweger nach Grönland kamen, wissen wir nicht.
Auf ihrem Wege nach Süden vom Smithsund aus stellte sich ihnen ein großes Hinderniß in Gestalt des Melville-Gletschers (ungefähr auf dem 76° N. Br.) entgegen; derselbe geht direkt in das Meer hinaus, dort, wo die Küste eine lange von Inseln unbeschützte Linie bildet; aber einestheils haben sie auf der Innenseite des Treibeises in ihren Fellböten vordringen können, und anderntheils sind diese Schwierigkeiten jedenfalls nicht größer als diejenigen, welche mit einer Wanderung nördlich um das Land herum verbunden sein würden.
Freilich wird diese letztere Annahme ein wenig dadurch erschwert, daß die Eskimos der Ostküste Hunde und Hundeschlitten haben, welche an der südlichen Westküste nicht benutzt werden. Bedenkt man indessen, wie verhältnißmäßig schnell die Eskimos in ihren Frauenböten reisen und wie sie in früheren Zeiten an der Küste auf und ab streiften, so liegt die Annahme nahe, daß die Hunde von demjenigen Theil der Westküste Grönlands, wo sie noch heute benutzt werden (Holsteinborg und das nördlicher gelegene Land), bis zum Kap Farvel mitgebracht worden sind, selbst wenn die südlicher wohnenden Völker die Hundezucht aufgegeben hatten, was freilich nicht anzunehmen ist, wenn man bedenkt, daß die Eskimos noch heute an der ganzen Westküste entlang Hunde halten. Wenn im wesentlichen auf Grundlage von Eigenthümlichkeiten die Behauptung aufgestellt ist, daß die Eskimos der Ostküste mehr Verbindung mit den Alaska-Eskimos gehabt haben sollen, als mit den Eskimos der Westküste (auf dem Wege nördlich um Grönland herum), da scheint die Einwendung nahe zu liegen, daß in diesem Falle ihre Sprache den Ersteren näher stehen müsse, was jedoch keineswegs der Fall ist.
Die jetzige Ausbreitung der Eskimos an der Westküste von Grönland erstreckt sich vom Smithsund bis zum Kap Farvel. Ihre Zahl in dem dänischen Theil der Westküste beläuft sich auf ca. 10000. An der Ostküste wohnen, wie wir von der dänischen Frauenboot-Expedition (1884–1885) wissen, Eskimos bis zu der Angmagsalik-Gegend (auf dem 66° N. Br.). Nördlich davon wohnten, wie die Eskimos Kapitän Holm mittheilten, soweit es ihnen bekannt war, keine für beständig.
Indessen werden häufig Reisen nach dem Norden unternommen, wahrscheinlich bis zum 68. oder 69. Breitengrad, und vor einigen Jahren hatten zwei Frauenböte den Weg eingeschlagen, ohne daß man später je wieder von ihnen gehört hätte. Ob nördlich vom 70. Breitengrad noch Eskimos wohnen, weiß man nicht mit Bestimmtheit. Clavering fand i. J. 1823 bekanntlich zwei Familien ungefähr auf dem 74° N. Br., seit jener Zeit hat man aber keine wieder gesehen, und die deutsche Expedition, die i. J. 1869–70 an dieser Küste entlang reiste und dort überwinterte, fand wohl Häuser und andere Ueberreste, welche die Eskimos dort hinterlassen hatten, aber keine Menschen, weshalb man annahm, daß diese ausgestorben seien. Dies kommt mir jedoch ziemlich unwahrscheinlich vor, denn die Eskimos sind eine sehr widerstandsfähige Rasse; daß man dort kein lebendes Wesen antraf, muß einen anderen Grund haben. Sie können grade zu jener Zeit weiter nordwärts oder gen Süden gezogen sein, und selbst, wenn dies nicht der Fall gewesen sein sollte, so wohnen sie oft so zerstreut, daß man ihnen ganz zufällig nicht begegnet sein mag. Man darf nicht vergessen, um welche ungeheuren Strecken zerklüfteten Landes es sich hier handelt, auch ist es nicht sicher, daß, selbst wenn man in die Nähe ihres Aufenthaltsortes gekommen ist, man sie dort angetroffen hat, denn sie sind sehr furchtsamer Natur und können das Weite gesucht oder sich versteckt haben, und ihre Zelte und Häuser sind in einiger Entfernung nicht leicht zu entdecken. Meiner Meinung nach können noch heute sehr wohl Eskimos an jener Küste wohnen, und infolge ihrer abgesonderten Stellung, die jegliche direkte oder indirekte Verbindung mit der civilisirten Welt unmöglich gemacht hat, müssen diese zu den in ethnologischer Hinsicht interessantesten Völkern der Erde gehören.