B. Das Aussehen, die Kleidung, der Kajakfang, die Häuser.

Das Aussehen der ursprünglichen Eskimos hatte ich bereits früher Gelegenheit zu schildern.

Sie haben, wie dort gesagt wurde, ein breites, gutmüthiges Gesicht mit großen Zügen, kleine, dunkle, zuweilen ein wenig schrägliegende Augen, eine flache Nase, runde, fette Wangen, einen breiten Mund und starke Kiefern. Auf Schönheit können sie infolgedessen ja eigentlich keinen Anspruch machen, und doch können die ursprünglichen Eskimogesichter etwas sehr Anziehendes haben. Die Mischrasse, die durch Kreuzung von Europäern und Eskimos entstanden ist, pflegt hübscher zu sein als die ursprüngliche Rasse. Diese Mischeskimos haben in der Regel ein gewisses südländisches, zuweilen auffallend jüdisches Aussehen, mit dunklem Haar, dunklen Augenbrauen und theilweise sehr bräunlicher Hautfarbe. Es kommen häufig ganz edle Schönheiten unter ihnen vor, sowohl bei dem starken wie bei dem schwachen Geschlecht. Ein Beispiel dieser grönländischen Mischrasse findet sich auf [Seite 203].

Eskimos von der Ostküste.
(Nach einer durch die dänische „Konebaad“-Expedition aufgenommenen Photographie.)

Die Hautfarbe ist bei den ursprünglichen Grönländern bräunlich oder bläulichgelb, und selbst bei den Mischlingen kann eine fast kastanienbraune Farbe vorkommen. Die neugeborenen Kinder sind heller, aber schon Saaby hat darauf aufmerksam gemacht, daß sie einen blauschwarzen Fleck auf dem Rückenkreuz haben, von dem sich die dunkle Farbe dann später verbreitet. Holm erwähnt etwas Aehnliches von der Ostküste,[58] ich selber habe indessen keine Gelegenheit gehabt, mich davon zu überzeugen, was das Gewöhnliche ist; es wird ein ähnliches Verhältniß sein, wie bei den Kindern der Japanesen.

Ueber die Kleidung der Eskimos wird man sich nach den in diesem Werke enthaltenen Illustrationen einen Begriff bilden. Die Männer in Südgrönland tragen auf dem Oberkörper einen sog. Timiak aus Vogelfell. Auf dem Lande verwendet man meistens das Fell der Eidergans, aus dem die Federn ausgerupft sind, so daß nur die Daunen sitzen bleiben, in den Kajaks dagegen Pelze aus Dohlenfell. Auch das Fell von Graculus carbo oder Scharf wird angewendet, das letztere ist das stärkste und beste von allen. Ueber dem Timiak haben sie einen Ueberzug aus Stoff (Anorak). Der Timiak ist mit einer Kapuze versehen, die über den Kopf gezogen werden kann. Die Beine sind mit Beinkleidern von Seehundsfell oder von europäischen Stoffen bekleidet, an den Füßen tragen sie eine eigene Art von Stiefeln, „Kamikker“ aus Seehundsfell. Diese haben inwendig eine Art Strümpfe aus Fell mit nach innen gekehrten Haaren, nach außen bilden sie einen Stiefel aus wasserdichtem Fell. Die Füße stecken bloß in den Kamikkern. Die Bekleidung der Frauen ist derjenigen der Männer sehr ähnlich, auf dem Oberkörper tragen sie einen Pelz aus Vogelfell, doch ohne Kapuze, dagegen mit einem breiten Perlenkragen um den Halsausschnitt. Sowohl bei den Männern wie bei den Frauen ist der Pelz an Hals und Handgelenken mit Hundefell eingefaßt, vorzugsweise mit schwarzem. Die Beine stecken in Beinkleidern aus Seehundsfell, die jedoch kürzer sind als bei den Männern; sie sind an der Vorderseite reich mit farbigem Leder und weißen Streifen aus Rennthierleder oder Hundeleder verziert. Zuweilen bestehen die Beinkleider der Frauen auch aus Rennthierfell. Die Kamikker sind länger als bei den Männern und gehen bis über die Kniee. Sie haben in der Regel eine krasse Farbe, vorzugsweise sind sie roth, aber auch blau, violett und weiß. Sie sind an der Vorderseite mit einem herunterlaufenden Streifen verziert.

Ursprünglich trugen die Frauen lange Pelze aus Vogelfell oder Anoraks wie die Männer,[59] nachdem aber die Europäer sie die Benutzung der weißen Leinwand lehrten, fanden sie dies zu schön, um es zu verbergen, und statt ihre Gewandung wie die europäischen Damen oben auszuschneiden, brachten sie nach unten zu einen Ausschnitt an, indem sie die Anoraks so kurz machten, daß zwischen denselben und den Beinkleidern, die ganz unterhalb der Hüften sitzen, ungefähr ein handbreites Stück unbedeckt blieb, so daß die Leinwand sichtbar wurde.

Die Eskimos an der Ostküste haben eine ähnliche Tracht, doch verwenden sie fast gar kein Vogelfell zu ihren Pelzen, sondern größtentheils Seehundsfell. Dasselbe ist auch sehr häufig im nördlichen Grönland der Fall.

Im Hause ging der ursprüngliche Eskimo, sowohl Mann als Frau, vollständig nackend, mit Ausnahme des bereits früher erwähnten Nâtit, eines Bandes, das um die Lenden gebunden wurde. Dasselbe ist noch jetzt an der Ostküste Gebrauch.

Mädchen gemischter Herkunft aus „Sukkertoppen“.
(Nach einer Photographie.)

Dies ist natürlich eine sehr gute und gesunde Sitte, denn die Fellkleider hindern die Ausdünstung der Haut, und deshalb ist es besonders ungesund, sie in warmen Räumen zu tragen. Ein natürliches Bedürfniß hat sie veranlaßt, sich im Hause der Kleider zu entledigen, wenn sie sie dort überhaupt jemals getragen haben. Als die Europäer ins Land kamen, verletzte indessen diese Sitte deren Anstandsgefühl, und die Missionare besaßen so wenig Einsicht, daß sie dagegen predigten. So ist denn diese Sitte jetzt an der Westküste abgeschafft, ob sich dadurch aber die Moral verbessert hat, wage ich nicht zu entscheiden, — ich bezweifle es freilich sehr, eins aber ist sicher, der Gesundheitszustand ist nicht dadurch gehoben worden.

Die Westländer geniren sich noch heutzutage sehr wenig davor, sich zu entblößen. Viele decken sich freilich zu, sobald Europäer ihre Hütten betreten, meiner Ansicht nach ist dies aber mehr Ziererei, von der sie glauben, daß sie uns gefällt, als wirkliches Schamgefühl, denn sie verrichten im übrigen die undenklichsten Dinge auf die natürlichste Weise von der Welt, ohne sich zu geniren. Entdecken sie, daß ein Europäer ihre Versuche, schamhaft zu sein, gar nicht beachtet, so bemühen sie sich auch nicht mehr.

Die Frauen nehmen ihr Haar in einem Knoten oben auf dem Kopfe zusammen. Dies geschieht, indem sie es von allen Seiten fest zusammenbinden. An der Westküste umbinden sie es dann mit einem farbigen Bande: die unverheiratheten Frauen tragen ein rothes Band, haben sie Kinder gehabt, so tragen sie ein grünes, während die Farbe der verheiratheten Frauen blau ist. Das Band der Witwen ist schwarz; gehen sie mit dem Gedanken um, sich wieder zu verheirathen, so bringen sie ein wenig Roth auf dem schwarzen Bande an. Aeltere Witwen, welche die Hoffnung auf eine abermalige Verehelichung aufgegeben haben, legen oft ein weißes Band an. Bekommt eine Witwe ein Kind, so muß auch sie ein grünes Haarband tragen.

Die Grönländerinnen sind kaum weniger eitel als ihre europäischen Schwestern, und da es sich darum handelt, daß der Haarknoten so steif wie möglich in die Höhe stehen soll, so ziehen sie es so stramm in die Höhe, daß sie es aus der Stirn, aus den Schläfen und dem Nacken förmlich herausreißen, weswegen sie im Alter fast alle kahlköpfig werden und dann weniger anziehend sind. Man hat da den besten Maßstab für ihre Eitelkeit.

Um dem Haar einen recht schönen Glanz zu verleihen, pflegen sie es, wenn sie es aufstecken, in Urin zu baden. Sie sind auch der Ansicht, daß ihnen dieses einen eigenartigen, jungfräulichen Duft verleiht. In derselben Flüssigkeit waschen sie sich auch mit Vorliebe. Der Geruch, der ihnen infolgedessen anhaftet, ist, wenigstens für europäische Nasen, durchaus nicht angenehm. Ich habe von einem Europäer in Nordgrönland gehört, der sich in eine Grönländerin verliebt hatte, den Geruch konnte er jedoch nicht ertragen. Er half sich dadurch, daß er eine Ladung Eau de Cologne aus der Heimath verschrieb, und damit wurde die Geliebte jeden Morgen besprengt. Auf die Weise machte er es wirklich möglich, sich mit ihr zu verheirathen.

Da die Existenz der Grönländer ausschließlich auf dem Kajakfang beruht, der ihnen die Mittel für ihren Lebensunterhalt liefert, so scheint es mir ganz natürlich, bei der Schilderung ihres Lebens hiermit zu beginnen. Ich komme indessen später noch häufiger darauf zurück und will mich deswegen hier nur ganz kurz fassen.

Der Kajak besteht aus einem hölzernen Speilerwerk, das von außen mit Fell bezogen ist, vorzugsweise mit dem Fell der Phoca grönlandica oder der Klappmütze;[60] das Fell der letzteren wird jedoch nicht für so stark und wasserdicht gehalten, kann man dagegen Fell von jungen Klappmützen bekommen, in dem die Poren der Haut nicht so groß sind, so soll auch dies sehr zweckmäßig sein.

Eskimo im Kajak.
(Von A. Bloch nach einer Photographie.)

Für das Speilerwerk benutzte man in früheren Zeiten fast ausschließlich Treibholz, und für die Rippen außerdem Weidenzweige, die an der Küste wachsen. In den letzten Jahren hat man in den Kolonien an der Westküste angefangen, für die Kajaks europäische Schiffsränder von der grönländischen Handelscompagnie zu kaufen, obwohl man das Treibholz für ein besseres Material hält. Ein gewöhnlicher grönländischer Kajak pflegt ungefähr 15 Fuß lang und 18–20 Zoll breit zu sein. Er hat in der Mitte eine Höhe von ca. 5–6 Zoll. Die Größe richtet sich natürlich nach dem Manne. Auf der Unterseite ist er ziemlich flach und hat keinen Kiel. Nach dem Vorder- und Hinterende zu verjüngt er sich langsam. Der Kajak ist so leicht, daß er mit seinem ganzen Zubehör und allen Geräthschaften ohne Schwierigkeit meilenweit auf dem Kopfe über Land getragen werden kann.

Es liegt klar auf der Hand, daß ein Fahrzeug von dieser Form schwer auf dem rechten Kiel gehalten werden kann, wenn man darin sitzt, dafür kann man es aber auch, wenn man die nöthige Uebung erlangt hat, mit Hülfe des zweiblättrigen Kajakruders mit erstaunlicher Schnelligkeit durch das Wasser vorwärtsbewegen, und der Kajak ist ohne Frage das beste existirende Fahrzeug für eine Person. Bei gutem Wetter benutzt der Kajakruderer den sog. Halbpelz, der mit seinem unteren Ende wasserdicht auf den Ring paßt, welcher das Loch umgiebt, in dem er sitzt, und der ihm mit seiner oberen Kante bis unter die Arme reicht. Dies genügt, um kleinere Wellen an dem Eindringen in den Kajak zu hindern. Bei schlechtem Wetter bedient man sich des ganzen Pelzes, der gleich dem Halbpelz aus wasserdichtem, enthaartem Seehundsfell gemacht und mit Sehnen zusammengenäht ist. Er umschließt gleichfalls den Kajakring nach unten zu, hat aber Aermel und eine Kapuze, die man ganz über den Kopf ziehen kann und die rund um das Gesicht zugeschnürt wird, wie auch die Aermel an den Handgelenken fest geschlossen werden. Mit diesem Pelz bekleidet, kann der Eskimo quer durch die heftigsten Sturzseen fahren, kann kentern und sich wieder aufrichten, ohne naß zu werden oder auch nur einen einzigen Tropfen Wasser in seinen Kajak zu bekommen.

Die zum Kajakfang nöthigen Geräthschaften habe ich bereits früher erwähnt, ich will mich hier nicht weiter damit aufhalten, sondern nur die Harpune nennen, die mit Riemen und Blase[61] die wichtigste Waffe des grönländischen Fängers ist. Dieses äußerst sinnreiche Geräth zeugt von einem hohen Grade von Erfindungsgeist und steht in der Beziehung bedeutend über den meisten Geräthschaften, die man bei wilden oder halbwilden Völkerstämmen antrifft. Die Harpune besteht aus einem Schaft, dem Harpunenschaft, an dessen Vorderende eine 4–6 Zoll lange Fischbeinspitze durch eine eigene Verbindung oder ein Glied derartig befestigt ist, daß sie nach der Seite umgebogen werden kann. Diese Fischbeinspitze paßt wie ein Zapfen in ein Loch an der Spitze der Harpune selber; letztere ist an dem Fangriemen befestigt, der durch ein kleines Stück Fischbein, in dem ein Loch angebracht ist, ein Stück von der Mitte entfernt nach hinten zu mit dem Harpunenschaft verbunden ist; an dem anderen Ende des Fangriemens ist die Blase angebracht. Die Harpune wird, wie alle Waffen der Eskimos, mit Hülfe eines Wurfbrettes geschleudert.[62]

Um ein tüchtiger Kajakruderer zu werden, muß man früh anfangen. Die grönländischen Knaben versuchen sich oft schon im Alter von sechs und acht Jahren mit dem Kajak ihres Vaters, und in einem Alter von zehn bis zwölf Jahren giebt der tüchtige Fänger seinen Söhnen oft ein eigenes Boot — wenigstens war das früher die allgemeine Regel. Von der Zeit an fahren sie immer in ihren Kajaks, im Anfang pflegen sie Fische zu fangen, später beginnen sie auch mit dem schwierigen Seehundsfang. Um ihren Arm und ihr Auge zu üben, giebt der vernünftige Grönländer seinen Söhnen, noch während sie ganz jung sind, kleine Vogelpfeile und Harpunen als Spielzeug, und hiermit kann man die 3–4jährigen angehenden Fänger sich an Vögeln, an den Hühnern und Enten des Koloniedirektors und allem üben sehen, was ihrer Jägerlust würdig ist und ihnen vor die Augen kommt. Es ist natürlich von hoher Bedeutung für die grönländische Bevölkerung, daß die Jugend zu tüchtigen Fängern erzogen wird, denn darauf beruht ja die ganze Zukunft.

Ein „Kajakmann“ mit der Harpune nach einem Seehund werfend.
(Von A. Bloch.)

Die wichtigste Bedingung, um ein vollendeter Kajakruderer zu werden, ist die Erwerbung der Kunst, sich wieder auf den rechten Kiel aufrichten zu können, wenn man mit dem Kajak gekentert ist. Dies geschieht dadurch, daß man das Ruder an dem einen Ende ergreift, es auf die Seite des Kajak aufsteckt, so daß das andere Ende nach vorne zu auf die Spitze zeigt, und es dann schnell nach der Seite[63] hin umdreht, so nahe wie möglich dem Wasserspiegel, wobei man den Oberkörper fest gegen den Kajak preßt und sich dann mit dem Ruder in die Höhe hebt; kommt man nicht ganz in die Höhe, so ist noch ein Winkelzug mit dem Ruder erforderlich. Ein wirklich tüchtiger Kajakruderer richtet sich selbst ohne das Ruder vermittelst des Wurfbrettes oder auch ohne dies, nur mit Zuhülfenahme des einen Armes auf. Dies ist von großer Wichtigkeit, denn es kommt zuweilen vor, daß das Ruder beim Kentern verloren geht. Derjenige, welcher in dieser Kunst nicht bewandert ist, muß, falls Niemand in der Nähe sich befindet, um zu helfen in dem Augenblick, in welchem er kentert, als verloren angesehen werden. Das Kentern aber ist leicht genug möglich, eine einzige Sturzwelle oder das Festhängen des Fangriemens in dem Augenblick, wo ein Seehund harpunirt wird, kann ein solches Unglück veranlassen, oft genug geschieht es auch bei stillem Wetter durch eine einzige unbedachtsame Bewegung.

Gar mancher Eskimo findet jahraus, jahrein seinen Tod auf diese Weise. Als Beispiel mag hier angeführt werden, daß im Jahre 1888 von 162 in Südgrönland vorgekommenen Todesfällen 24 durch Ertrinken in dem Kajak verursacht waren, also 15%.

In früheren Zeiten verstand sich jeder tüchtige Kajakruderer an der Westküste Grönlands auf diese Kunst, in den letzten Jahren aber, nach Einführung der europäischen Civilisation und dem damit unvermeidlich in Zusammenhang stehenden Verfall ist es auch damit zurückgegangen. Es ist jedoch an manchen Stellen noch etwas ganz Gewöhnliches bei den Fängern; so kann ich aus eigener Erfahrung anführen, daß bei Kangek (in der Nähe von Godthaab) die meisten Fänger dieser Kunst mächtig waren. An der Ostküste scheint es nach Kapitän Holms Berichten etwas ganz Gewöhnliches zu sein, daß man im stande ist, sich wieder aufzurichten, obwohl es auch dort nicht mehr so allgemein ist, wie es früher an der Westküste war. Hierüber kann man sich ja auch gar nicht wundern, da es an der Westküste, wo nur wenig Treibeis und fast stets Seegang ist, vielmehr Zweck hat.

Ein Kajakruderer, der die Kunst, sich aufzurichten, vollkommen besitzt, kann jeglichem Wetter trotzen; wenn er umgeworfen wird, so richtet er sich eben wieder auf.

Sehr oft wird gegen den Eskimo die Beschuldigung ausgesprochen, daß er einen sehr feigen Charakter hat; dies hat seinen Grund theilweise darin, daß Diejenigen, welche dies sagen, ihn hauptsächlich auf dem Lande oder bei gutem Wetter auf der See gesehen haben, und da ist er zu gutmüthig oder theilweise auch zu bequem, um Muth zu zeigen; oft ist er auch wohl zu etwas aufgefordert worden, wozu er keine Lust oder keinen Verstand hat. Ich persönlich hege eine ganz andere Auffassung. Um zu entscheiden, ob ein Mensch groß ist, soll man ihn in seinem Wirkungskreis sehen, man muß deswegen den Eskimo bei schlechtem Wetter auf die See begleiten, ihn dort sehen, wo sein Beruf liegt, und man wird gar bald eine andere Ansicht von ihm erhalten. Wie aus dem eben Angeführten hervorgeht, führt der Kajakfang viele Gefahren mit sich, aber trotzdem und obwohl möglicherweise Vater und Brüder in dem Kajak umgekommen sind, geht der Eskimo tagaus tagein ruhig an seine Arbeit. Ist das Wetter gar zu stürmisch, geht er nicht gern hinaus, denn er weiß aus Erfahrung, daß in einem solchen Wetter Viele umkommen, ist er aber erst einmal draußen, so bewahrt er die größte Seelenruhe und fährt dahin, als sei es das Natürlichste von der Welt; es ist ein stolzer Anblick, ihn gegen die hohen Wellen ankämpfen zu sehen, die ihn ganz unter sich begraben, oder ihn wie einen Sturmvogel durch Wellen und Unwetter hindurchfliegen zu sehen mit der gleichgültigsten Miene von der Welt und einer ganz überlegenen Tüchtigkeit. Da ist er groß!

Oder man muß ihn in seinem kleinen Kajak sehen, wie er mit der ihm angeborenen Ruhe die Klappmützen oder das Walroß angreift, das ihm jeden Augenblick den Tod bringen kann, wenn seine Hand nicht sicher ist. Dieser Anblick allein kann uns davon überzeugen, daß es ihm, wenn es darauf ankommt, nicht an Muth fehlt.

Ich will ein paar Beispiele von der Widerstandsfähigkeit der Eskimos anführen, wie von den Gefahren, die er tagtäglich zu bestehen hat, da mir das eine gute Hülfe zu sein scheint, wenn man seinen Charakter kennen lernen will.

Ein Kajakmann aus Tornait bei Fiskernaesst ging eines Tags im Februar d. J. 1876 gen Norden in See. Als er an den Fangplatz kam, tauchte vor ihm ein Seehund auf, er holte die Büchse aus dem Kajak, um zu schießen, die Kugel prallte aber ab und ging ihm selbst durch den Unterleib. Als er wieder zur Besinnung kam, stieg er auf ein Stück Eis und legte sich flach darauf nieder, dann aber erhob sich ein starker Nordwind, der die Wellen über die Eisscholle hinweg trieb, so daß er sich gezwungen sah in den Kajak zurückzugehen und gen Süden zu rudern, man muß sich aber — so heißt es in dem Bericht — über die Zähigkeit des Mannes verwundern, der sich mit seiner schweren Verletzung auf die See hinauswagte, man denke nur! er umschiffte die Inseln, erreichte die Heimath, zog sein Kajak ans Land und stellte ein Merkmal auf, dann aber sank er am Rande des Eises nieder, denn er vermochte nicht bis an die Häuser zu gehen, die eine Strecke vom Landungsplatz entfernt lagen. Als man ihn später fand und sein Kajak sah, konnte Niemand verstehen, daß er noch lebte, nachdem er einen so starken Blutverlust erlitten hatte. Als sie ihn hinaufgetragen hatten, glaubten sie, daß er die Nacht nicht würde überleben können, doch starb er erst am dritten Tage darauf!

Sie sagten, er habe keine Angst vor dem Tode gehabt, sei aber gewesen wie Einer, dem eine große Gnade widerfahren sei.

Ein andermal, ebenfalls im Februar, waren sechs Fänger von Kangarmiut nach einem Walroß aus, und als sich ein Sturm erhob, zogen sie sich mit dem Walroß im Schlepptau auf eine kleine Insel am äußersten Rande des Meeres zurück. Diese Insel aber umtobte eine so heftige Brandung, daß sie in ihren Kajaks nicht in die See hinausgehen konnten, ohne zurückgeworfen zu werden. Da aber die Insel keinen Schutz gegen den Sturm bot, fingen ihre dünnen und durchnäßten Kleider an zu erstarren, nachdem sie die ganze Nacht hindurch auf der niedrigen Insel zusammengekauert gesessen hatten. Da versuchten erst zwei von ihnen, sich, in den Kajaks sitzend, in die Brandung hinauszustürzen, der eine trieb kieloben weiter, richtete sich aber doch glücklich wieder auf, und Beide kamen mit dem Leben davon. Bei diesem Wagestück waren aber Diejenigen, welche ihnen behülflich gewesen waren, fast von der See fortgerissen, so daß ihnen die Lust verging, denselben Versuch zu wagen. Drei von ihnen setzten sich ruhig hin, der Vierte aber entdeckte eine Höhlung in dem felsigen Ufer, die eine Rinne bildete, gerade groß genug, um ein Kajak hindurchgleiten zu lassen. Allerdings endete sie mit einem Abgrund über dem Meere, so daß der Kajakmann kopfüber ins Wasser fallen mußte, doch glaubte er bei Hochwasser das Wagestück unternehmen zu können. Als nun die Andern diese Stelle sahen, erschraken sie anfänglich sehr, aber sie dachten: wenn wir noch eine Nacht hier bleiben, so erfrieren wir, und ob wir nun auf der See oder dem Land umkommen, das bleibt sich ja im Grunde einerlei. Sie versuchten die gefährliche Rutschbahn und gelangten glücklich nach Hause.

Ein Kajakmann aus Kornok hat mir erzählt, wie er in Gemeinschaft mit seinem Bruder und einem andern Begleiter von einem Sturm in der Bucht von Godthaab überfallen wurde und Zuflucht auf dem Lande suchte. Hier war indessen der Rand des Eises so hoch und steil, daß sie nicht landen konnten, aber sie wurden von der See förmlich hinauf geschleudert.[64] Als er sich ein wenig besonnen hatte und den Bruder noch am Leben fand, befreite er ihn von seinem Kajak und versuchte eine Häuserruine zu erreichen, um Schutz vor dem Sturm zu finden, der ihre Glieder in den nassen Kleidern zu erstarren drohte. Den Bruder bald tragend, bald leitend, erreichte er die Ruine und grub ein Loch in den Schnee für ihn und seinen Begleiter. Aber während er ein wenig Stroh sammelte, das aus dem Schnee hervorguckte, merkte er erst, daß sein Begleiter, der weniger gut gekleidet war als er, schwächer und schwächer wurde und schließlich seinen Geist aufgab. Bald begannen auch die Arme des Bruders zu erstarren, der heftige Schneesturm machte alle seine Anstrengungen zu Schanden. Als er nun den hoffnungslosen Zustand seines Bruders erkannte, redete er zu ihm von einem Leben nach dem Tode, bis er merkte, daß er nichts mehr hörte. Da ergriff mich, so erzählte er, eine Angst und ein Beben, und während ich ihn anstarrte, wandte er sich nach mir um, lächelte mir zu und hauchte seinen letzten Seufzer aus.[65]

Ich will noch ein Beispiel anführen, das sich in Sukkertoppen im Frühling des Jahres 1889 zutrug und das mir von den Grönländern, als wir bald nachher dort hinkamen, mitgetheilt wurde. Eines Tages waren drei Fänger zur See gegangen, um Seehunde zu fangen, sie wurden von einem Unwetter überrascht und mußten den Heimweg antreten, indessen kenterte der Eine von ihnen und konnte sich nicht wieder aufrichten; da eilten die beiden Anderen herbei, um ihm zu helfen; aber bei der erregten See, die über sie hereinbrach, war dies nicht leicht, und bei dem Versuch gerieth der Gekenterte aus dem Kajak, der sich selbstverständlich sofort mit Wasser füllte. Jetzt verschlimmerte sich ihre Lage. Sie versuchten jedoch ihn über Wasser zu halten, während sie sein Kajak zwischen sich nahmen und sich bemühten, ihn von Wasser zu entleeren, um ihn dann wieder hinein zu praktiziren. Dies war indessen eine schwierige Sache, wieder und wieder schlugen die Wellen über sie hin und füllten den Kajak, sobald er leer war. Bei diesen Versuchen kenterte auch der zweite Kajakmann und konnte sich nur mit Mühe und Noth wieder aufrichten; sie wandten sich nun dem zuerst Gekenterten wieder zu, aber ihre Kräfte begannen zu schwinden und die See war zu erregt, sie konnten ihn nicht retten und mußten sich allein nach Hause begeben.

Ich könnte lange damit fortfahren, ähnliche Erlebnisse von diesem Volk zu erzählen, das feige und erbärmlich genannt wird und auf das so viele Europäer mit Verachtung herabsehen. Es ist ganz an der Tagesordnung, daß der Beruf des Eskimo Leiden und Gefahren mit sich bringt, und doch giebt er sich ihm mit Lust und Liebe hin.

Die grönländischen Eskimos bringen den größten Theil ihrer Zeit in ihren Kajaks zu; wenn der Morgen graut, ziehen sie aus, um erst spät am Tage mit ihrem Fang heimzukehren. Die Frauen dagegen halten sich zu Hause und besorgen ihre Wirthschaft.

Im Winter wohnen die Eskimos in festen Häusern, die aus Stein und Torf gebaut sind, und deren Fußboden oft niedriger liegt als die Erdoberfläche. Diese Häuser haben nur einen Raum, in dem sich die ganze Familie aufhält, oft bewohnen auch mehrere Familien ein solches Haus, — Männer und Frauen, Alte und Junge, alles bunt durcheinander.

Eine Eskimo-Wohnung im Winter.
(Vom Verfasser gezeichnet nach einer in Sukkertoppen aufgenommenen Photographie.)

Dieser Raum ist in der Regel so niedrig, daß man nur zur Noth aufrecht darin stehen kann, und hat eine länglich viereckige Form. An der ganzen Hinterwand entlang läuft die Hauptpritsche, die 5–6 Fuß tief ist, und auf der die Bewohner des Hauses schlafen, d. h. größtentheils nur die Verheiratheten sowie die unverheiratheten Töchter; hier liegen sie Seite an Seite nebeneinander, mit den Beinen nach der Wand zu und den Köpfen nach dem Zimmer hinein, die unverheiratheten Männer pflegen auf kleineren Pritschen unter den Fenstern zu liegen, die sich an der entgegengesetzten Wand befinden und deren es eine, in wohlhabenden Häusern zwei, selten jedoch mehr giebt. An den Seitenwänden — den Kurzwänden — befinden sich in der Regel gleichfalls Pritschen; hier wie auf den Pritschen unter den Fenstern, falls dort Platz ist, pflegen die Gäste zu schlafen. Wohnen mehrere Familien in demselben Hause, was ziemlich allgemein ist, so ist die Hauptpritsche durch ganz niedrige Querwände in verschiedene Stände für je eine Familie getheilt.

In den alten grönländischen Häusern gab es keine Feuerherde, man erwärmte die Häuser durch Thranlampen, die Tag und Nacht brannten — ein Eskimo schläft nur im äußersten Nothfall im Dunkeln — und die gleichzeitig zum Kochen benutzt wurden, was in dem gemeinsamen Raum geschah. So ist es noch heute an der Ostküste, auch an der Westküste werden die Häuser in der Regel noch jetzt ausschließlich durch Thranlampen[66] erwärmt, das Essen aber wird jetzt doch gewöhnlich mit Torf oder Mövenhaufen auf eigenen Herden gekocht, die neben dem Hause errichtet sind (als Seitentheil des unten beschriebenen Hausganges). Früher benutzte man Kochtöpfe aus Stein, an der Westküste sind an deren Stelle jedoch auch eiserne Töpfe getreten, die man von der grönländischen Handelscompagnie kaufen kann.

Ein langer, enger Gang, der noch niedriger liegt als das Haus, und in den man von der Erdoberfläche vermittelst eines Loches zu gelangen pflegt, führt in das Haus. Er pflegt so eng und so niedrig zu sein, daß man nur kriechend hindurchgelangen kann, und wenn man groß ist, so kostet es Mühe, überhaupt in die Häuser zu kommen. Der Zweck dieser Gänge ist es, den Zutritt der kalten und das Entweichen der warmen Luft zu verhindern, deswegen sind sie auch so eng und liegen so tief.

Früher verließen die Grönländer, sobald der Sommer kam, ihre räucherigen Häuser, deren Dächer zum besseren Auslüften aufgerissen zu werden pflegten, und streiften den ganzen Sommer mit ihren Zelten von dem einen Fangplatz bis zum andern, einen Monat (im Juli oder August) verweilten sie dort, wo sich Rennthiere fanden, und diese Jagdzeit pflegte die schönste Zeit des Jahres für sie zu sein mit Rennthiertalg und Mägen.[67] Dies Sommerleben in den Zelten ist auch nebenbei sehr gesund für die Grönländer. Leider ist es infolge der in letzter Zeit eingetretenen Veränderungen an der Westküste nicht mehr so allgemein, denn die Zahl der Fänger, die im stande sind, genügend Felle für die Zelte und Frauenböte zu schaffen, ist sehr im Abnehmen begriffen — beides ist aber selbstverständlich für diese Reisen ganz unentbehrlich. Statt dessen sind sie jetzt gezwungen, das ganze Jahr in den engen, dumpfen Winterhäusern zu verbringen. Der Rückschritt in dieser Beziehung ist in den letzten Jahren ganz beunruhigend gewesen.