Die Oberfläche des Inlandseises.

Wir stießen während unserer Expedition auf auffallend wenig Spalten. An der Ostseite begegneten wir ihnen nur bis zu 15 km von der Küste entfernt. In der Nähe der Westküste trafen wir die erste Spalte ungefähr 40–45 km vom Rande des Inlandseises entfernt. Im ganzen Innern trafen wir keine Spur davon. Bäche sahen wir so gut wie gar nicht auf dem Inlandseise, was nach Ansicht Mancher seinen Grund in der späten Jahreszeit haben kann. Auf der einen Seite ist die Mitte des August, zu welcher Zeit wir uns an der Ostküste befanden, keine späte Jahreszeit in Bezug auf das Schmelzen des Schnees, und auf der anderen Seite hätten wir ja, wenn auch die Bäche selber verschwunden wären, doch ihre Rinnen antreffen müssen. Davon sahen wir im Innern jedoch nicht das Geringste, in einer Höhe von 20–30 km vom westlichen Rande des Inlandseises wurden solche Bäche bemerkt. Ebenso können möglicherweise bis zu einer Entfernung von 15 km von der Ostküste kleinere Bäche über das Eis hinlaufen. Außer auf diesen kleinen Strecken in der Nähe der Küsten giebt es zu keiner Zeit des Jahres Bäche auf dem bisher bekannten Theil des Inlandseises.

Von der Beschaffenheit der Oberfläche des Inlandseises im Innern wird man hoffentlich ein einigermaßen klares Bild durch die in Kapitel XVIII. enthaltene Schilderung bekommen. Wie man daraus ersieht (Bd. II., S. 117) besteht die Oberfläche bereits in nicht weiter Entfernung von der Ostküste aus trocknem Schnee, auf dem die Sonne nur dünne Eiskrusten zu bilden vermag. Aus solchem trocknen Schnee besteht die ganze Oberfläche der inneren Eiswüste. Wie tief wir eindringen müssen, um diesen Schnee in Eis verwandelt zu sehen, wissen wir nicht. Dies muß irgendwo durch Druck vor sich gehen. Das Merkwürdigste bei diesem trocknen Schnee ist der Umstand, daß die Masse des Schnees und Eises mitten im Lande sich nicht durch Schmelzen verringert; doch davon später mehr.

In Bezug auf die Oberfläche des Inlandseises will ich nur noch erwähnen, daß wir nur wenig oder nichts von fremden Gegenständen bemerkten.

Von Nordenskjölds Eisstaub oder Kryokonit sahen wir fast nichts an der Ostküste oder in der Nähe derselben. In der Nähe der Westküste dagegen fand ich ihn an mehreren Stellen bis zu 30 km vom Rande des Eises, es waren freilich stets nur geringe Mengen, was zum Theil der späten Jahreszeit zuzuschreiben ist, da die Wasserlöcher, in denen man den Kryokonit hauptsächlich zu finden pflegt, zugefroren waren. Von Moränenschlamm oder Steinen (erratischen Blöcken) bemerkten wir nirgendswo das Geringste auf dem Eise,[103] ausgenommen an der letzten kleinen Abschrägung an der Westküste, wo wir aufs Land hinabstiegen oder vielmehr an dem ersten kleinen Gewässer, also nur etwa hundert Ellen von dem alleräußersten Rand entfernt. Dies stimmt vollkommen mit den früher auf dem grönländischen Inlandseis gemachten Beobachtungen überein, widerspricht aber den Behauptungen, welche viele Geologen in Bezug auf die Gletscher der größeren Eisperioden aufstellen. Sie sind nämlich der Ansicht, daß diese großen Moränen auch Kies und Steinen auf ihrem Rücken mit sich fortgeführt haben, eine meiner Anschauung nach ganz absurde Behauptung, die kaum einer anderen Widerlegung bedarf als des Hinweises auf das grönländische Inlandseis. Die Auffassung, daß dies in Bezug hierauf nichts beweisen kann, da Grönland zu lange dem Scheuern des Eises ausgesetzt war, um noch erratisches Material von irgend welcher Bedeutung zu besitzen, ist ganz werthlos; denn selbst wenn man auch nicht wüßte, daß stets Wanderblöcke in die grönländischen Eisfjorde hinausgeschoben werden (was faktisch der Fall ist), so hat doch Niemand leugnen wollen, daß unablässig große Mengen Moränenschlamm mit den Bächen unter den Gletschern hervorkommen, und dies müßte doch jedenfalls an die Oberfläche der Gletscher hinaufgeführt werden, falls sich in ihrer Masse eine starke aufwärtssteigende Bewegung geltend machte wie man dies behauptet hat. — —