Wie dick ist das grönländische Inlandseis?

Dies ist eine Frage, deren Beantwortung von höchstem Interesse sein würde, leider ist dies jedoch nicht leicht zu bewerkstelligen, denn eine solche Messung würde mit ungeheuren Schwierigkeiten verknüpft sein.

Ich habe bereits früher erwähnt, daß Grönland in Bezug auf seine Gebirgs- und Höhenverhältnisse wahrscheinlich große Aehnlichkeit mit Norwegen hat. Gehen wir von diesem Gesichtspunkt aus, und denken wir uns Norwegen mit einer ähnlichen Eisschicht bedeckt wie Grönland, so werden wir sehen, daß selbst unser höchster Berg, der Galhöpiggen (2560 m), unter Schnee kommen würde, wenn er dem Höhenrücken so nahe läge. Ueber Stellen wie Fillefjield und Hardangervidden würde der Gletscher 1300–1600 m dick sein, über dem Boden von Valders, Haldingdal, Guldbrandsdalen u. s. w. würde er wenigstens 1900–2200 m dick sein. An einigen Stellen wie über Njösen, Randsfjorden u. a. würde die Schicht noch dünner werden, während sie an anderen Stellen wie über den Gebirgsrücken zwischen den Thälern dünner werden würde, doch nur um 1000 bis 2000 Fuß.

In Grönland muß ja ein ähnliches Verhältniß herrschen, und wenn wir uns auch vorstellen können, daß das feste Land dort zum Theil ein wenig höher als in Norwegen sein kann, so wird doch der Boden der Thäler dort in der Regel kaum mehr als 700–1000 m über dem Meeresspiegel liegen, und über diesen Thälern haben folglich die Gletscher eine Dicke von ungefähr 1700–2000 m, während sie ja an anderen Stellen dünner sein können. Der Druck, den ein Gletscher von 2000 m Dicke ausübt, ist jedenfalls nicht geringer als 160 Atmosphären, und wenn sich eine solche Masse über ihre Unterlage hinbewegt, wird man leicht verstehen können, daß sie eine mächtige Kraft besitzen muß, mit der sie scheuert und losreißt und alle hervorragenden Unebenheiten mit sich fortführt. Auf diese Weise müssen die sich stets der Küste zu bewegenden Gletscher sehr wohl im stande sein, im Laufe der Zeit die Thäler zu vertiefen und zu vergrößern, durch die sie sich bewegen, und je tiefer die Thäler werden, desto dicker werden auch die Gletscher und desto größer wird ihr Druck und ihre aushöhlende Fähigkeit. Auf die Weise wird es leicht verständlich sein, weshalb die Gletscher die ganze Unterlage nicht gleichmäßig ausgraben können, ihre Wirksamkeit muß sich mehr und mehr auf die Stellen konzentriren, wo sich Unebenheiten und Thäler befanden, ehe sich die Gletscher bildeten. Die grabende Fähigkeit ist natürlich nicht allein von der Dicke des Gletschers abhängig, sondern auch von der Schnelligkeit der Bewegung. Diese muß naturgemäß an dem äußern Rand des Gletschers größer sein als im Innern, da der Widerstand dort am geringsten und die Niederschläge am größten sind. Auf der andern Seite aber ist die Kraft am Rande geringer als weiter nach innen zu. Infolgedessen befindet sich die größte grabende Fähigkeit dort, wo das Produkt dieser beiden Faktoren am größten ist, nämlich eine Strecke von dem Rand des Gletschers entfernt. Das Eis hat sicher zu dieser seiner Arbeit auf dem unterliegenden Grunde eine bedeutende Hülfe in dem Wasser und den Bächen, welche durch Schmelzen der Eisdecke nach unten zu entstehen und auf die wir später zurückkommen werden.

Als vorzügliches Beispiel für die Gewalt, mit welcher die Wandergletscher ihre Ausgrabungen vorzunehmen vermögen, kann das Vaigat in Nordgrönland angeführt werden, jener wohl 20 Meilen lange und 2 Meilen breite Sund, der von der Disko-Bucht in nordwestlicher Richtung zwischen die Disko-Insel und die Halbinsel Nugsuak nach dem Meere zu einschneidet. Wie Prof. Amund Helland bereits angeführt hat, kann kein Geologe, der sich der Mühe unterzieht, die Verhältnisse zu untersuchen, in Zweifel darüber sein, daß die merkwürdigen Schichten aus der Kreidezeit und der Tertiärzeit (siehe den Anfang dieser Beilage) sowie die darüberliegenden jüngeren basaltischen Gebilde, die ungefähr in gleicher Höhe zu beiden Seiten dieses mächtigen Sundes auftreten, einmal ein zusammenhängendes Ganze gebildet haben. Der Sund kann unmöglich älter sein als die Bergarten, welche seine beiden Seiten bilden. Da einzelne der Tertiärbildungen sehr späten Ursprunges sind (sie gehören jedenfalls dem spätesten Theil der miocenen Zeit an), und da diese Schichten außerdem mit mächtigen Basaltschichten bedeckt sind, so muß die Bildung des Vaigats ganz neueren Datums sein, und wir kennen keine anderen Kräfte, die es gebildet haben können als eben die Wandergletscher. Es ist allerdings eine gewaltige Arbeit, die sie hier vollführt haben. Da die Basaltschichten zu beiden Seiten des Sundes in einer Höhe von tausend bis tausendfünfhundert Metern und mehr emporragen, und da der Sund selber tief ist, so muß die Steinmasse mindestens eine Dicke von zweitausend Metern, eine Breite von zwei Meilen und eine Länge von mehr als zwanzig Meilen gehabt haben, welche den Sund ausfüllte und die durch die Thätigkeit des Eises fortgeführt wurde.

Einen Einfluß anderer Art muß eine so mächtige Eisdecke dadurch auf die Unterlage haben, daß sie dieselbe niederdrückt. Hierdurch hat man auch die nach der Eiszeit eingetretene Senkung des Landes, die man an verschiedenen Stellen zu bemerken glaubte, zu erklären gesucht. Da die Gebirgsunterlage jedenfalls bis zu einem gewissen Grade elastisch ist, so ist es nicht unwahrscheinlich, daß eine Steigung des Landes, die nach der Eiszeit in Europa und in Amerika, sowie auch nach der früheren größeren Verbreitung des Eises in Grönland vor sich gegangen ist, sich dadurch erklären läßt, daß sich das Land gehoben hat, nachdem sich das Eis zurück zog und der Druck geringer wurde. Daß sich dies wirklich so verhalten muß, scheinen Kand. Andr. M. Hansens Untersuchungen der Strandlinien in Norwegen[102] zu bestätigen; diese beweisen nämlich ganz deutlich, daß das Land sich nach innen zu — wo also die Eisdecke am dicksten und der Druck am größten war — mehr gehoben hat als nach dem Meeresrande zu; es scheint sogar ein fast konstantes Verhältniß zwischen dem Steigen und dem Abstande von der äußeren Küstenlinie zu bestehen.

Dies kann, wie Hansen meint, möglicherweise auch die Bildung der Terrassen erklären. Da man nämlich kaum annehmen kann, daß die Abnahme des Eises ganz gleichmäßig vor sich gegangen ist, so kann sich auch das Land nicht gleichmäßig gehoben haben. Es hat Perioden in den klimatischen Veränderungen gegeben und wahrscheinlich auch Zeiten, in denen sich die Gletschermassen sehr wenig verringerten oder gar wieder wuchsen. Infolgedessen hat sich das Land in einem einigermaßen konstanten Niveau erhalten. Während solcher Zeiten sind die Terrassen entstanden und je nach der Dauer der Perioden größer oder kleiner geworden. Dann sind Perioden mit einer Abnahme der Gletschermassen und einer entsprechend stärkeren Steigung des Landes gekommen, während dieser Perioden ist die Bildung der Terrassen wenigstens theilweise unterbrochen worden.

Um einen richtigen Eindruck von dem Einfluß des Inlandseises in dieser Beziehung wie von seinen grabenden Fähigkeiten zu bekommen, muß man bedenken, daß das grönländische Inlandseis im Verhältniß zu dem, welches Europa und Amerika bedeckte, nur klein ist, es ist auch jetzt längst nicht mehr so groß wie damals, als es Grönlands äußerstes Küstenland vollständig bedeckte.

Was ferner mit dazu beigetragen haben muß, daß das Land gestiegen ist, nachdem es mit Eis bedeckt war, ist die Verringerung des Druckes, die dadurch entstanden ist, daß die Decke an der Unterlage gezehrt und Material mit sich fortgeführt hat. Daß die dadurch entstandene Verringerung des Druckes nicht ganz unbedeutend ist, kann man an den Unmengen von Kies und Steinen erkennen, die von Skandinavien nach Rußland, Dänemark und den norddeutschen Ebenen übergeführt sind. Man darf jedoch nicht außer acht lassen, daß eine solche Steigung ja theilweise auch nur scheinbar sein kann, indem nicht das Land gestiegen, sondern das Meer gefallen ist. Man hat nämlich nachgewiesen, daß das Land eine Anziehungskraft auf die See ausübt, so daß der Meeresspiegel in der Nähe von steilen, hohen Gebirgsländern höher liegt als anderswo; etwas Aehnliches würde auch der Fall sein, wenn das Land aus Eis bestände. Es ist klar, daß je größer die Masse des Landes (oder auch des Eises) ist, desto stärker wird die Anziehungskraft, desto höher die Lage des Meeresspiegels. Wenn nun, sowie dies nach der Eiszeit der Fall war, die Masse des Landes durch das fortgegrabene Material und das Verschwinden des Eises verringert worden ist, so ist auch die Anziehungskraft kleiner geworden und der Meeresspiegel tiefer gesunken; daß dies jedoch nicht hinreicht, um die beobachteten Veränderungen zu erklären, geht deutlich aus Hansens früher erwähnten Strandlinie-Untersuchungen hervor; denn nach diesen müßte nämlich das Sinken der See regelmäßig zwischen den Fjorden und in einem dem Abstande von der Außenküste entsprechenden Verhältniß zugenommen haben. Allerdings muß die Anziehungskraft in den Fjorden etwas stärker sein, aber der Unterschied genügt keineswegs, um die vorliegenden Beobachtungen zu erklären, wie auch die ganze Verringerung der Anziehungskraft durchaus nicht im stande sein kann, ein Sinken zu verursachen, das groß genug ist, um ein scheinbares Steigen bis zu 700 Fuß zu erklären.

Von den Einwendungen, die dagegen erhoben sind, daß das Verschwinden des Eises die Ursache zu dem Steigen des Landes sein kann, will ich diejenige erwähnen, daß man in Schweden postglaciale Hebungen des Landes nachgewiesen hat. Diese scheinen sich meiner Ansicht nach sehr gut dadurch erklären zu lassen, daß sich, lange nachdem das Eis sich aus dem südlichen Schweden zurückgezogen hatte, noch größere Ueberreste desselben in Norwegen und Nord-Schweden fanden, und das Verschwinden dieser Ueberreste hat die schwedischen postglacialen Hebungen hervorgebracht.

Schwieriger zu erklären sind die in Asien nachweisbaren Landhebungen, denn hier hat ja keine Eisperiode stattgefunden. Man kann sich indessen denken, daß das Regenwasser und die Bäche an dem Lande gezehrt und seine Masse so verringert haben, daß ein merkbares Steigen dadurch hervorgerufen wurde; dies muß hauptsächlich in nördlichen Ländern der Fall sein, wo die Wirksamkeit des Wassers infolge der Kälte am größten ist. Daß das Zehren des Meeres an den Küsten von Island und den Faröern, wie bereits früher (Bd. I., S. 135) erwähnt ist, das Steigen derselben und dadurch die schräge Lage der Basaltschichten auf diesen Inseln verursacht haben kann, scheint ebenfalls darauf hinzudeuten, welchen Einfluß die Erosion in dieser Beziehung haben kann.

Daß Grönlands Steigung in der Regel bedeutend geringer ist als Skandinaviens, stimmt auch durchaus mit der hier besprochenen Erklärung überein, denn Grönlands Inlandseis ist gewiß selbst in seiner größten Ausbreitung nicht so mächtig gewesen wie das skandinavische und nordeuropäische, außerdem hat sich das grönländische Inlandseis bisher nur theilweise zurückgezogen, und es ist noch eine große Aussicht auf eine Steigung des Landes bis zum völligen Schmelzen des Eises vorhanden. Mag sich nun das Land auch augenblicklich im Sinken befinden, wie einzelne Gelehrte anzunehmen geneigt sind, oder im Stillstand, so ist das hier von nur geringem Interesse; denn in diesem Falle hätten wir nur einen Beweis dafür, daß sich das Inlandseis augenblicklich in einer Periode befindet, in der es wächst oder seine gleiche Höhe behält. Daß es jedenfalls jetzt nicht sonderlich in der Abnahme begriffen ist, darüber werde ich mich später noch auslassen.