G. Ursprüngliche Religion, Aberglaube, Kunstsinn, Dichtung, Musik.
Ursprünglich besaßen die Grönländer keine entwickelte Religion. Sie hatten jedoch viel Aberglauben und viele Sagen, die von verschiedenartigen übernatürlichen Wesen handelten, von deren Kräften und Eigenschaften sie freilich nur sehr unklare Begriffe besaßen. Ihre Priester und Weisen, die sog. Angekak, suchten ihre Landsleute durch mancherlei wunderliche Künste zu mystifiziren, um die Herrschaft über sie zu erlangen. Sie waren übrigens in der Regel die Verständigsten unter ihnen und konnten oft auch mit wirklich vernünftigen Rathschlägen helfen. Die getauften Grönländer haben ihren alten Glauben übrigens durchaus nicht ganz aufgegeben, sie sind noch bis auf den heutigen Tag sehr abergläubisch und sprechen in vollem Ernst von den wunderbaren Fabelwesen, die auf dem Inlandseise, weiter ins Land hinein, am Strande und auf dem Meere hausen. Die alten Sagen werden noch vielfach des Abends von dem Einen oder dem Anderen einem aufmerksam lauschenden Kreise vorgetragen; die Grönländer sind vorzügliche Erzähler und begleiten ihren allerdings oft ein wenig breiten Vortrag mit lebhaften Gebärden, die häufig darauf berechnet sind, die Zuhörer ins Lachen zu bringen.
Der Grönländer hat einen sehr scharfen Verstand in Bezug auf alles, was innerhalb seines Erfahrungskreises liegt. Hiervon zeugen ja auch seine sehr sinnreichen Geräthschaften, bei denen das vorhandene Material so gut wie nur möglich ausgenutzt worden ist. Selbst der kleinste knöcherne Knopf, die geringste Schnalle ist so vorzüglich, daß sie nicht besser herzustellen ist, und wir können sie in der Beziehung nichts lehren. Ihre Bemerkungen den Europäern gegenüber können oft sehr treffend und verständig sein. Hiervon erhielten auch die ersten Missionare allerlei fühlbare Beweise, indem die Fragen der Grönländer in Bezug auf manche Punkte der christlichen Lehre sie oft in eine schiefe Stellung brachten. Als Beweis für ihre leichte Auffassung mag erwähnt werden, daß sie verhältnißmäßig leicht lesen und schreiben lernen, so daß die Mehrzahl von ihnen es jetzt kann, ja Viele haben es sogar sehr weit darin gebracht. Domino und Brettspiele, ja sogar Schach lernen sie sehr leicht.
„Venus“ und „Apollo“ der Eskimos.
(Von A. Bloch.)
Ihr Formsinn ist ziemlich entwickelt, und sie zeigen sogar häufig große Anlagen zur bildenden Kunst. Sie werden häufig gute Zeichner, und als Beweis ihrer Tüchtigkeit in der Schnitzkunst mag auf die beiden geschnitzten Köpfe, die auf Seite 330 abgebildet sind, hingewiesen werden. Man kann keinen Augenblick im Zweifel sein, daß der Verfertiger hier seine eigene Rasse hat nachbilden wollen.
Durch ihre obenerwähnte Sagendichtung, die von Dr. Rink[89] zusammengestellt und übersetzt worden ist, erhält man einen guten Einblick in das Seelenleben der Grönländer. Sie zeugt von einer großen Phantasie wie auch von Gefühl und von einer gewissen poetischen Auffassung vieler Dinge in der Natur. Außer der Sagendichtung und ihren Erzählungen von verschiedenen Heldenthaten haben die Eskimos ursprünglich noch eine andere Dichtung, die aus Gesängen verschiedener Art besteht. In früheren Zeiten waren dies entweder Spottlieder über Andere, die bei den früher erwähnten Trommeltänzen gesungen wurden, oder es waren gewöhnliche Lieder, die verschiedene Dinge oder Ereignisse schilderten und häufig auf eine eigenartig kindliche, ansprechende Weise bei den Schönheiten der Natur und des Lebens verweilen. Oft sind es auch Liebesgesänge sehr kindlicher Art, in denen die Sehnsucht des Liebenden und die Tugenden der Geliebten beschrieben werden.
Bei meinem vielfachen Umherstreifen hatte ich häufig Gelegenheit, die Bemerkung zu machen, daß die Grönländer viel Sinn für Naturschönheiten haben. So geschah es einmal, als ich mit meinem Freunde Joel, von dem ich später eingehender erzählen werde, in meinem Kajak im Ameralikfjord ruderte, daß wir an einer Bergspitze vorüberkamen und plötzlich die Felsen am Ende des Fjordes sonnenbeleuchtet daliegen sahen; es war nebliges Wetter, aber die Wolken hatten sich zertheilt und hingen in Fetzen über den Gipfeln, während die Schneemassen im Sonnenlicht erglänzten. Es war ein Anblick strahlender Schönheit; Joel hielt mit dem Rudern inne und brach in den Ruf „binne kaok“ (wie schön!) aus. Er war im übrigen ziemlich unbeleckt von der Kultur, so daß man ihm kaum derartige Gefühle zugetraut haben würde. Ich habe auch die Grönländer ihr Sommerleben, die Rennthierjagd und die Schönheit der Natur zu dieser Zeit in den schönsten Farben beschreiben hören.
Die Musik zu den Liedern wird häufig von dem Dichter selber komponirt, und da die Grönländer auffallend musikalisch sind, so kann diese Musik trotz ihrer Einförmigkeit oft einen ganz eigenthümlichen Charakter haben. Als Probe ihrer Lieder und ihrer Musik mag der untenstehende neue Gesang von Grönlands Ostküste mitgetheilt sein, der mir freundlichst von Frau Signe Rink überlassen wurde.[90] Dieselbe Dame hat verschiedene werthvolle Liederproben gegeben; leider gestattet mein Raum es nicht, sie hier aufzunehmen. Die Melodie ist von Frau Ganglen in Julianehaab aufgezeichnet worden.
Klagelied des Eskimos.
Eine Eskimogruppe, im Treibeise festgehalten, ist von Hungersnoth bedroht.
Langsam und durch die Nase.
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GRÖSSERES BILD
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Bei der Einführung des Christenthums und der Civilisation wurde, wie wir gesehen haben, der Trommeltanz abgeschafft, und damit trat auch ein Verfall oder eine theilweise Veränderung der Verskunst ein. Noch immer aber ist das Dichten bei den Grönländern ganz allgemein.
Der Inhalt der Lieder kann zum Theil scherzhafter Art sein, indem sie auf mehr oder weniger unschuldige Art die Eigenheiten ihrer Mitmenschen lächerlich zu machen suchen, — die Grönländer haben nämlich einen scharfen Blick für das Komische. Es existiren auch mehrere derartige Lieder über die Mitglieder der Expedition, doch ist es mir leider niemals gelungen, derselben habhaft zu werden. Einzelne Lieder behandeln auch allerlei Ereignisse und Begebenheiten. Sehr allgemein sind die Kinderlieder, die häufig für irgend ein bestimmtes Kind gedichtet und diesem von dem Verfasser zum Geburtstag geschenkt werden.
Die Musik zu den Liedern wird zum Theil bekannten europäischen Melodien entlehnt, häufig werden aber auch eigene Melodien dazu gedichtet, die freilich in der Regel auch von europäischer Musik, sowohl weltlicher wie geistlicher, beeinflußt sind. Die Grönländer singen sehr gern; besonders im Sommer, wenn sie in den Frauenböten rudern, kann man sie häufig ihre Lieder, theils geistlicher, theils weltlicher Art, im Chor anstimmen hören. Es klingt sehr feierlich, wenn dieser Gesang des Abends über die spiegelblanke Wasserfläche dahinschallt, und er ersetzt das Hirtenhorn und das melodische Geläute der Herdenglocken, die daheim bei uns in den Bergen ertönen.
Der Kirchengesang ist sicher dasjenige, was den Grönländern beim Gottesdienst am meisten zusagt. Als Beweis für ihre musikalischen Fähigkeiten mag hier noch angeführt werden, daß sich in Godthaab ein Seminar zur Ausbildung von Katecheten befindet, in welchem das Hauptgewicht auf die Ausbildung in der Kirchenmusik gelegt wird. Alljährlich zur Jubelfeier wird ein Chorgesang von den am Orte ansässigen Grönländerinnen und den Katechetenlehrlingen des Seminars eingeübt. Dieser Chor singt ungemein schön und enthält viele gute Stimmen.