H. Der Einfluß der Civilisation. Die Zukunft der Grönländer.
Wenn man die Frage aufwirft, ob wir mit unserer Civilisation dem grönländischen Volke Nutzen gebracht haben, so muß die Antwort leider verneinend lauten. Wir haben den Grönländern nichts gebracht, was ihnen den Kampf ums Dasein erleichtert hat. Seine Waffen haben wir nach keiner Richtung hin verbessern können. Eisen hat er allerdings bekommen, aber theils besaß er es bereits vorher, theils kann er es sehr gut entbehren. Es wird den Anschein haben, als wenn die Einführung der Gewehre ein großer Fortschritt für ihn gewesen sein müsse, aber dies ist durchaus nicht der Fall, im Gegentheil, die Schußwaffen haben einen nicht geringen Schaden angestiftet. Durch die Büchse ist der weit wichtigere Fang mit Harpune und Blase in Verfall gerathen. Der Letztere kann bei jeglichem Wetter vorgenommen werden und ist weit sicherer als der Büchsenfang, wozu man gutes Wetter haben muß, und wobei man ungefähr doppelt so viele Thiere, wie man bekommt, anschießt oder tödtet. Außerdem hat die Schrotbüchse in manchen Gegenden die Fänger veranlaßt, über dem Vogelschießen den Seehundsfang zu vernachlässigen, der doch stets dasjenige ist und bleiben wird, worauf die Lebensfähigkeit der eskimoischen Bevölkerung beruht, denn der Seehund giebt Fleisch und Speck für die Speisen, wie zur Feuerung, er giebt Fell zu der Kajakbekleidung, zu der täglichen Kleidung, den Stiefeln, dem Kajak, dem Frauenboot, dem Zelt, dem Haus etc., — mit anderen Worten, es kann nicht ersetzt werden. Ein anderer Umstand, der in Bezug auf die Schrotbüchse nicht außer acht zu lassen ist, ist der, daß die Grönländer durch dieselbe in stand gesetzt sind, einen so intensiven Fang auf verschiedene Vögel, wie z. B. auf die Eidergans, zu betreiben, daß ihre Zahl jährlich bedeutend verringert wird, was sich bald genug bemerkbar machen muß. Dies wird um so schlimmer sein, als der Vogelfang jetzt zum Theil eine Lebensbedingung für viele Familien geworden ist, so z. B. lebt jetzt die Bevölkerung in der Gegend von Godthaab den größten Theil des Winters fast ausschließlich davon.
In früheren Zeiten fingen die Eskimos Vögel mit einem Wurfpfeil; sie konnten viele damit fangen, doch war die Zahl der erlegten Vögel nicht größer als ihr Zuwachs, und alles, was er verwundete, wurde die Beute des Jägers. Wenn er jetzt aber in eine Schar Eidergänse hineinschießt, so macht er viele lebensunfähig, ohne daß sie ihm zu gute kommen. Wir können uns deswegen nicht damit schmeicheln, daß wir seine Fangmethode verbessert haben.
Dagegen haben wir ihm einen unersetzlichen Schaden mit allen unseren europäischen Produkten zugefügt. Wir haben ihm Gefallen an Kaffee, an Tabak, Brot, europäischen Stoffen und Putz beigebracht, und er hat uns seine unentbehrlichen Seehundsfelle und seinen Speck verkauft, um sich diese augenblicklichen zweifelhaften Genüsse zu ermöglichen. Inzwischen verfielen sein Frauenboot sowie sein Zelt in Ermangelung von Fellen, ja, es geschah sogar, daß der Kajak, die Bedingung für sein Dasein, ohne Bezug am Strande lag, die Lampen im Hause mußten oft im Winter gelöscht werden, weil es an Speck fehlte, da man den Wintervorrath zum Theil schon im Herbst verkauft hatte. Der Grönländer selber hüllte sich während des Winters oft in schlechte europäische Lumpen statt in die guten, warmen Pelzkleider, die er früher getragen, die Armuth griff mehr und mehr um sich, die Sommerreisen mußten zum größten Theil eingestellt werden, da ja Frauenboot und Zelt fort waren, und man mußte das liebe lange Jahr in den engen Häusern leben, wo ansteckende Krankheiten mehr denn je herrschten.
Als schlagendes Beispiel, wie sehr es mit den Grönländern zurückgegangen ist, mag hier angeführt werden, daß sich an einem Wohnplatz in der Nähe von Godthaab vor einigen Jahren noch 11 Frauenböte[91] befanden, — jetzt war nur noch eins dort, und dies gehörte dem Missionar.
An diesem Platze herrschten jedoch ganz eigenartige Verhältnisse, die zu dem Rückschritt beigetragen hatten, wie das Fortziehen mehrerer guter Fänger etc. Allerdings hat es nach der Zählungsliste den Anschein, als wenn die Bevölkerung im Zunehmen begriffen sei, da sich eine schwache Vermehrung der Einwohnerzahl bemerkbar macht; aber dies sind nur übertünchte Gräber. Es ist noch nicht soweit gekommen, daß der Zuwachs im Stillstand begriffen ist, aber Niemand kann darüber im Zweifel sein, daß dies bevorsteht, und dann wird es ebenso sicher bergab gehen, und zwar mit großer Geschwindigkeit. Die Kränklichkeit hat in den letzten Jahren in beunruhigendem Maße zugenommen, besonders sind die Auszehrung und die Tuberkulose der Krebsschaden der grönländischen Bevölkerung. Es giebt kaum ein Volk, in dem eine so verhältnißmäßig große Zahl davon ergriffen ist. Während wir in Godthaab waren, starben 2 Auszehrungspatienten, und 10–12 andere gingen einem sicheren Tode entgegen, — einige von ihnen starben bereits im folgenden Jahre, und dabei zählte die ganze Gemeinde nur etwa 100 Seelen! Die Krankheit war so allgemein, daß es beinahe leichter war, Diejenigen aufzuzählen, welche sie nicht hatten, als Diejenigen, welche damit behaftet waren. Allerdings scheinen die Grönländer eine ganz ungewöhnliche Widerstandsfähigkeit gegen diese Krankheit zu besitzen, sie können so krank sein, daß sie schon in jungen Jahren starkes Blutspucken haben, und dabei doch ein verhältnißmäßig hohes Alter erreichen. Ich habe Fänger gekannt, die in hohem Grade schwindsüchtig waren, die einen Tag einen Blutsturz hatten, am nächsten aber schon wieder auf den Fang ausgingen.
In der Regel sind sie aber schwächlich und können nur wenig Nutzen schaffen, was natürlich in hohem Grade lähmend auf eine so kleine Gemeinde wirkt. Eine Seuche, die ihre Opfer schnell dahinrafft, wäre natürlich sehr vorzuziehen.
Es kann zwar nicht behauptet werden, daß wir Europäer die Krankheit ins Land geschleppt haben, sie war vor uns da, der europäische Einfluß hat sie aber zur Blüthe gebracht, indem er, wie bereits nachgewiesen wurde, bewirkt hat, daß die Grönländer jetzt zum größten Theil in den kleinen feuchten Häusern leben, wo die Ansteckungskeime selbstverständlich den vorzüglichsten Boden finden. Außerdem ist die magere europäische Kost nicht gesund für diese Leute, die gewohnt sind, von Fleisch und Speck zu leben. Der beste Beweis hierfür ist der Umstand, daß die Krankheit vorzugsweise in der Nähe der Kolonien vorkommt, wo die von der Handelscompagnie Angestellten zum großen Theil von europäischen Waren leben. Als andere mitwirkende Ursache könnte möglicherweise auch erwähnt werden, daß sie jetzt häufig im Winter Mangel an Speck leiden und in kalten Häusern und in schlechter Bekleidung sitzen müssen.
Ein stetig fortschreitender Rückgang von ehemaligem Wohlstand und Gedeihen zu theilweise hoffnungsloser Armuth und Schwäche, — das ist die Ausbeute, auf welche die Grönländer zurückblicken können!
Haben wir ihnen aber dafür nicht das Christenthum und die Aufklärung gebracht?
Ja, freilich, es kann nicht geleugnet werden, daß Egede einzig und allein nach Grönland ging, um den Heiden das Licht des Evangeliums zu bringen, und aus demselben Grunde haben die Europäer seine Wirksamkeit fortgesetzt. In der Beziehung ist ein schönes Resultat erreicht worden: alle Bewohner der Westküste Grönlands sind jetzt Christen, jedenfalls dem Namen nach, und die Aufklärung geht so weit, daß die meisten jetzt lesen und schreiben können.
Es liegt indessen klar auf der Hand, daß man einem Eskimo unmöglich höhere geistige Interessen beibringen und gleichzeitig verlangen kann, daß er ein ebenso guter Fänger ist wie zu jenen Zeiten, als ihn nur ein einziges Interesse beseelte, nämlich das, sich zu einem tüchtigen Kajakruderer und Seehundsfänger auszubilden. Er lebt sozusagen am Rande des Daseins, eine Anspannung aller seiner Kräfte ist erforderlich, wenn er den Kampf mit der harten Natur erfolgreich aufnehmen soll, — ein wenig mehr Ballast, und er wird sinken.
Da drängt sich uns die Frage auf: kann diese geistige Gelehrsamkeit den Rückgang ersetzen, den die Berührung mit der Civilisation nothwendigerweise im Gefolge hat? Was ist vorzuziehen, — ein getaufter Eskimo, der lesen und schreiben kann, der alle möglichen geistigen Interessen hat, der aber nicht im stande ist, seine Familie zu ernähren, dessen Gesundheit untergraben ist, und der tiefer und tiefer in das Elend versinkt, — oder ein Heide, der freilich, wie ein Missionar sagen würde, „in geistiger Finsterniß“ lebt, der aber eine kräftige Gesundheit hat, sich gut steht, seine Familie ernährt und immer zufrieden ist? Von dem Standpunkt der Eskimos betrachtet, kann man wohl kaum über die Antwort im Zweifel sein.
Und doch sind die Grönländer nachsichtiger behandelt worden als jegliches andere uncivilisirte Volk, das unseren Civilisationsversuchen ausgesetzt war. Man kann der dänischen Regierung für ihr Auftreten nur die höchste Anerkennung zollen.
Das wirkliche Wohl der Grönländer ist ihr wesentlicher Beweggrund gewesen. Es giebt kein zweites Beispiel, daß sich ein Jagdvolk, welches mit der Civilisation in Berührung kam, so gut und so lange gehalten hat, wie das hier der Fall gewesen, und die Behandlung der Grönländer kann in dieser Beziehung anderen Staaten als leuchtendes Beispiel dienen.
Trotzdem ist das Resultat, wie wir gesehen haben, ein sinkendes Volk. Dies ist wahrlich eine ernste Mahnung, nicht von dem Gedanken auszugehen, daß jegliche Missionswirksamkeit nützlich ist; freilich kann dadurch einzelnen Heiden das Licht des Christenthums gebracht werden, den meisten Völkern aber wird nur ein Rückschritt durch die plötzliche Berührung mit der Civilisation oder vielmehr deren Produkten verursacht, denn die civilisirten Völker theilen den uncivilisirten stets zuerst ihre Laster, nicht aber ihre Tugenden mit.
Stellt man dann zum Schluß die Frage, ob denn keine Rettung für die grönländische Bevölkerung möglich ist, so muß man einräumen, daß das einzige Mittel in dem Rückzuge der Europäer bestehen würde, — man müßte dem Grönländer das Land völlig wieder überlassen, dann würde er, von europäischen Produkten nicht in Versuchung geführt, möglicherweise im stande sein, sich wieder zu erheben. Aber eine solche Möglichkeit ist kaum denkbar; es würden andere civilisirte Völker kommen, und der schädliche Einfluß würde in gleichem Maße fortgesetzt werden. Außerdem droht dem Grönländer noch eine andere Gefahr, — nämlich das beunruhigende Abnehmen der Seehunde. Dies beruht nicht so sehr auf dem Fang, den er selber betreibt, da dieser so verschwindend ist im Verhältniß zu demjenigen, den die europäischen und amerikanischen Seehundsfänger betreiben, besonders auf dem Treibeis bei New-Foundland, wo die neugeborenen Jungen jährlich zu Hunderttausenden geschlachtet werden.
Es ist also abermals die weiße Rasse, die ihm Schaden zufügt. Aber selbst wenn er es wüßte, würde es nicht in seiner Macht liegen, diesem Vorgehen eine Grenze zu setzen.
So ist denn dies Volk ganz sicher und unwiderruflich dem Untergang geweiht, es wird in einer näheren oder ferneren Zukunft unterliegen und zu einem Schatten von dem, was es früher gewesen, hinschwinden. Und doch ist der Grönländer zufrieden und glücklich, vielleicht glücklicher als die Meisten von uns, er haßt uns nicht, sondern ist fröhlich und freundlich, wenn wir zu ihm kommen. Die europäischen Nationen könnten viel von den Eskimos lernen!
[43] Diese Aehnlichkeit ließe sich ja übrigens auch dahin erklären, daß es eine sehr alte Rasse ist, bei der alles zu bestimmten Formen erstarrt ist, und die sich jetzt allmählich verändern; hierauf scheint ja auch ihre nach jeder Richtung hin abgesonderte Stellung wie ihre vollkommenen Geräthschaften zu deuten. Andere Verhältnisse scheinen jedoch theilweise gegen eine solche Annahme zu sprechen.
[44] Diesen Grund giebt Dr. Rink in seiner Abhandlung: „The Eskimo Tribes“ an. Mittheilungen über Grönland, Bd. XI., Kopenhagen 1887, S. 32.
[45] Dr. Rink „Eskimoische Märchen und Sagen“, Supplement, Kopenhagen 1871, S. 217.
[46] Die Inlandseskimos in Alaska betreiben noch heutzutage Fischfang auf den Flüssen in Kanoes aus Birkenrinde.
[47] Das Beziehen der Böte mit Fellen scheint an mehreren Stellen der Erde, ganz unabhängig voneinander, erfunden zu sein. Coracle oder Korbböte (aus Korbgeflecht angefertigt und mit Fellen bezogen) wurden von den alten Briten und Gelen benutzt, um über große Ströme und Buchten zu setzen. Aehnliche Böte sollen noch jetzt bei der ländlichen Bevölkerung Großbritanniens und Irlands benutzt und mit Fellen oder mit Wachstuch überzogen werden. Jedenfalls weiß ich, daß die Fischer an der Westküste von Irland ganz allgemein Fellböte benutzen, die große Aehnlichkeit mit den grönländischen Frauenböten haben. Ferner sollen ähnliche Fellböte seit undenklichen Zeiten in Indien in Gebrauch sein. In Afrika, Amerika, Australien und Polynesien hat man sie bei halbwilden Volksstämmen gefunden unter Verhältnissen und mit Abweichungen, welche die Annahme berechtigt erscheinen lassen, daß sie an Ort und Stelle erfunden und nicht von anderen Völkern eingeführt sind. Die Ree-Indianer benutzen ebenfalls solche Böte.
[48] Die Türken haben ein Wort „Kajek“ für eine gewisse Bootsart. Dasselbe Wort kommt auch in der serbischen, der bulgarischen wie in den meisten slavischen Sprachen vor — theilweise unter der Form Kajuk — bis nach Sibirien hinein; ferner findet man es im Griechischen, Rumänischen, Kurdischen etc. Ich habe es indessen nicht durch Asien verfolgen können. Wahrscheinlich ist es ein türkisches Wort und stammt in diesem Falle mehr aus Osten. Die Kamtschadalen benutzen auf den Flüssen Böte, die sie Koiakh-taktim nennen. Dies ist möglicherweise dasselbe Wort, indem taktim eine auffallende Aehnlichkeit mit taktou hat, dem Namen für eine Bootsart, die auf dem Meere gebraucht wird. (Siehe Kracherinnikow, Hist. et deser. de Kamtschatka, Amsterdam 1770. Bd. I.) Der erste Theil von Koiakh erinnert stark an das Kajek der Türken und das Kajak der Eskimos, es bedarf indessen eines umfangreicheren Materials, um zu entscheiden, ob ein Zusammenhang zwischen diesen Wörtern stattfindet. Die Entfernung zwischen dem Ort, von dem die Türken gekommen sind, und der Heimath der Kamtschadalen ist jedoch möglicherweise nicht so sehr groß.
[49] Die Nordwestindianer und Tschuktschernen benutzen übrigens auch Harpunen und die große Blase zum Fang der großen Seethiere, indem sie diese Waffen von größeren offenen Kanoes oder Fellböten aus werfen. Es hat jedoch den Anschein, als wenn sie die Benutzung von den Eskimos gelernt hätten.
[50] Siehe u. A. Cook and King, „A voyage to the Pacific Ocean etc. third edition“, London 1785, vol. II., S. 513. Siehe ebenfalls spätere Schriftsteller wie Eliot u. A.
[51] Merkwürdig ist es, daß die Bewohner der Insel St. Lawrence die Kajaks gar nicht zu kennen scheinen. Sie haben nur große, offene Fellböte vom selben Bau wie die Tschuktschernen. Vergl. Nordenskjölds Vegareise um Asien und Europa (Kristiania), Zweiter Theil, Seite 249.
[52] F. v. Lütke Ermans Archiv, Bd. III., Seite 446–464, 1843.
[53] Ueber die verschiedenen Formen des Wurfbrettes bei den Eskimos siehe Masons Abhandlung darüber: Annual Report etc. of Smithsonian Institution von 1884, Part II., Seite 279.
[54] Dort oben haben sie den ganzen Winter viele Seehunde auf dem Eise fangen können und dies ist eine Fangart, die sie höher im Norden erlernt haben müssen, und die dort ihre Hauptfangart gebildet hat.
[55] Gustav Storm, Studien über die Vinlandsreisen u. s. w. Jahrbücher für Nordische Alterthumskunde und Geschichte 1887, Kopenhagen 1888, Seite 56.
[56] Ueber das Zusammentreffen mit den alten Norwegern besitzen auch die Eskimos selber mehrere Sagen. Siehe Rinks eskimoische Sagen und Märchen.
[57] Man hat gewöhnlich aus der Flóamannasage den Schluß ziehen wollen, daß der früher bereits erwähnte Thorgils Orrabeinsfostre bereits um das Jahr 1000 die Eskimos an der südlichen Ostküste Grönlands getroffen haben soll, indem die dort erwähnten „Zauberinnen“ solche gewesen sein müssen. Schon Professor Storm hat darauf aufmerksam gemacht (Studien über die Vinlandsreisen, Sonderdruck, Seite 56), daß der abenteuerliche Charakter dieser Sage uns nicht gestattet, einen Schluß nach dieser Richtung hin zu ziehen. Man darf auch nicht vergessen, daß die Handschrift des ersteren aus dem Jahre 1400 stammt, also lange nach der Zeit, in welcher die Norweger mit den Eskimos an der Westküste zusammentrafen. Selbst wenn mit der Zauberin wirklich Eskimos gemeint sind, was höchst zweifelhaft ist, so kann dies eine spätere Hinzufügung sein.
[58] Holm, Mittheilungen über Grönland, Bd. 10, S. 58.
[59] Die ursprünglichen Frauenpelze pflegten nach unten zu in eine Schnippe auf dem Magen und eine auf dem Rücken zu enden, die einem Schwanze glich. Etwas Aehnliches scheint auch bei den Kamtschadalen oder Itelmernen gebräuchlich gewesen zu sein; Steller erwähnt, daß die Kuklanka der Frauen mit einem Schwanz versehen sei. Er erzählt auch, daß die Itelmerner Winter- und Reiseschuhe haben mit Sohlen aus Seehundsfell und das übrige aus Rennthierfüßen. Diese heißen Kamas, was ihm einen Anklang an das grönländische „Kamikker“ zu haben scheint.
[60] Zuweilen benutzt man auch das Fell des blauen Seehundes (phoca barbata) oder das des Ringseehundes phoca foetida. Das Erstere ist das stärkste von allen Seehundsfellen, aber diese Seehundsart findet sich auf der Westküste nur sehr selten; an der Ostküste dagegen ist sie die gewöhnlichste von allen, weswegen das Fell sehr häufig für die Kajaks verwendet wird.
[61] Dieselbe pflegt aus dem ganzen Fell eines jungen Ringseehundes (Phoca hispidia) gemacht zu sein, das enthaart, aufgepustet und dann getrocknet wird. Der Fangriemen besteht aus dem Fell der Bartrobbe, Phoca barbata (Ugsuk), das in dünne Streifen geschnitten wird. Für noch besser sieht man die Haut des jungen Walrosses an.
[62] Eine Ausnahme hiervon bildet eine besondere Art Harpune (Siga gut), die bei Kangamiut und nördlich davon zur Walroßjagd benutzt wird. Sie ist ziemlich groß, hat zwei Handgriffe, einen für den Daumen an der einen Seite und einen für die anderen Finger an der anderen Seite, sie wird mit der Hand ohne Wurfbrett geworfen.
[63] Man hält das Ruder, indem man damit nach der Seite ausholt, in einer etwas schrägen Lage, so daß das Ruderblatt durch die Bewegung das Wasser unter sich wegdrückt und dadurch selber eine aufwärtsstrebende Bewegung erhält.
[64] Wo das Wasser im Winter an Grönlands Westküste offen ist, staut sich doch stets Eis am Strande auf, und bei Ebbe kann dies ungefähr eine 10 Fuß hohe, lothrechte, glatte Eiswand bilden.
[65] Diese und viele ähnliche Berichte sind von den Grönländern selbst in ihrer eigenen Sprache geschrieben und in dem grönländischen früher erwähnten „Atuagagdliutit“ in Godthaab veröffentlicht. Die hier mitgetheilten Züge sind später von Dr. Rink in seinem Buch: „Ueber die Grönländer, ihre Zukunft u. s. w., Kopenhagen 1882“ veröffentlicht.
[66] In einer ganzen Anzahl von Häusern, namentlich in der Nähe der Kolonien, findet man jetzt jedoch häufig Oefen, die von der grönländischen Handelscompagnie gekauft sind und die mit Torf und Mövenhaufen (Guano) geheizt werden. Gleichzeitig brennen freilich auch stets Thranlampen.
[67] Der Inhalt dieser Rennthiermägen ist, wie bereits früher in diesem Buche erwähnt wurde, eine große Delikatesse für die Grönländer.
[68] Es kann uns nicht wundern, daß die Eskimos, besonders im Anfang, eine sehr schlechte Meinung von den Europäern erhielten, denn viele von den Leuten, die ausgesandt wurden, waren zum Theil Verbrecher, die durch ihr Benehmen den guten Grönländern ein Aergerniß gaben. Dies war u. a. der Fall mit den Männern und Frauen, die im Jahre 1728 mit Major Paars ausgesandt wurden. Die Heiden fragten oft, woher es käme, daß die Europäerinnen so frech wären und jeglichen weiblichen Anstandes ermangelten. Ob das Benehmen der Europäer nach jener Zeit stets danach angethan gewesen ist, ihnen eine bessere Ansicht beizubringen, ist wohl sehr zweifelhaft.
[69] Dalagers „Grönlands Relationer“ 1752, Kopenhagen, S. 15–16.
[70] Für die nördlicher wohnenden Grönländer kommen noch Hunde und Hundeschlitten dazu.
[71] Wenn Mehrere zusammen auf Jagd gegangen sind, so giebt es auch da bestimmte Regeln. Schießen zwei oder mehrere Personen auf ein Rennthier, so gehört es Demjenigen, der es zuerst getroffen, selbst wenn er es nur ganz leicht verwundet hat. Ueber die bei der Seehundsjagd geltenden Regeln sagt Dalager: „Trifft ein Grönländer mit seinen leichten Pfeilen einen Seehund oder ein anderes Seethier, so daß es nicht stirbt, sondern mit dem Pfeil davonläuft, so gehört es, falls auch ein Anderer kommt und es mit seinem Pfeil trifft, doch dem Ersten, hat er aber die gewöhnliche Harpune benutzt und ist die Leine zerrissen, und kommt dann ein Anderer, der trifft, so hat der Erste sein Recht verloren, — schießen sie dagegen gleichzeitig und treffen Beide, so wird das Thier der Länge nach mit Haut und Haar getheilt. Treffen Beide gleichzeitig einen Vogel, so theilen sie ihn der Quere nach. Wird ein todter Seehund mit einer Harpune im Leibe gefunden, so erhält der Besitzer, falls er bekannt und in der Nähe ansässig ist, seine Harpune wieder, der Finder aber behält den Seehund.“ Ganz ähnliche Regeln scheinen auch an der Ostküste zu herrschen.
[72] Holm erzählt nämlich von der einen, daß sie die Tochter eines Zwerges bei Imarsivik gewesen, und dieser wird gewiß mit dem kleinen buckeligen Manne identisch sein, den wir dort trafen. Daß wir auch seine Tochter gesehen haben, falls sie zu Hause war, ist sehr wahrscheinlich.
[73] Es kam auch wohl vor, daß man Andre bat, dies für sich zu besorgen, doch mußte es stets in Form eines Ueberfalles oder Raubes geschehen.
[74] Graahs Entdeckungsreise an die Ostküste von Grönland, Kopenhagen 1832, S. 145–148.
[75] Siehe Holm, Mittheilungen über Grönland, Bd. 10, S. 96.
[76] Siehe Holm, Mittheilungen über Grönland, Bd. 10, S. 103.
[77] Siehe ebendaselbst S. 94.
[78] Dalager erwähnt, daß zu seinen Lebzeiten an der Westküste kaum der zwanzigste Theil der Grönländer zwei Frauen hatte, sehr selten hatten sie drei und ganz ausnahmsweise vier, doch hat er einen Mann gekannt, der deren elf hatte. Grönl. Rel. S. 9.
[79] Dalager, Grönl. Relat. S. 9.
[80] Die Bewohner des Grädefjords gehören der Herrnhuter Gemeinde an.
[81] Dies ist eine Art von Thing oder Versammlung, die im wesentlichen aus Abgesandten der verschiedenen Wohnorte des Distrikts besteht. Die Europäer der Kolonien nehmen auch theil daran, und Einer von ihnen pflegt den Vorsitz zu führen. Die grönländischen Abgesandten heißen Partisok.
[82] Holm, Mittheilungen über Grönland, Bd. 10, S. 96.
[83] Holm, Mittheilungen über Grönland, Bd. 10, S. 102.
[84] Wie bereits erwähnt wurde, wird ein grünes Haarband von solchen Frauen getragen, die in unverehelichtem Stande Kinder geboren haben.
[85] Ein weiterer Grund hierzu ist auch die natürliche Wahl der Geschlechter, indem die Abkommen solcher Mischlinge gewöhnlich schöner sind als die reinen Eskimos und deswegen bei Eheschließungen häufig vorgezogen werden.
[86] Siehe Holm, Mittheilungen über Grönland, Bd. 10, S. 100.
[87] Graah, Entdeckungsreise, S. 141.
[88] Siehe Holm, Mittheilungen über Grönland, Bd. 10, S. 91.
[89] H. Rink, Eskimoische Sagen und Märchen. Ueber ostgrönländische Sagen, siehe ebenfalls Holm, Mitth. über Grönland, Bd. 10.
[90] Frau Rink ist H. Rinks Gattin. Sie ist in Grönland geboren und hat fast ihr ganzes Leben dort verbracht. Wir besitzen von ihrer Hand mehrere in Novellenform abgefaßte Schilderungen über das Leben der Grönländer.
[91] Hat ein Mann ein Frauenboot, so wird das als Zeichen des Reichthums angesehen, denn er muß viele Seehunde fangen, um genügend Felle dafür zu erhalten, und indem es ihn in den Stand setzt, im Sommer verschiedene Fangstellen zu besuchen, trägt es in nicht geringem Grad dazu bei, den Wohlstand und das Wohlsein seiner Familie und Genossen zu vermehren.
Kapitel XXVII.
Ein Jagdausflug nach dem Ameralik-Fjord.
ir hatten uns lange mit dem Gedanken getragen, einmal am Ameralikfjord auf Rennthierjagd zu gehen, doch hatte uns bis dahin stets die geeignete Schneeschuhbahn gefehlt. Endlich, am Freitag, den 23. November, saßen wir im Boot, das nach vielem Hin- und Herreden mit den mancherlei für einen solchen Ausflug in dieser nicht sehr milden Jahreszeit erforderlichen oder doch wünschenswerthen Gegenständen beladen war.
Am Strande standen mehrere der in der Kolonie ansässigen Europäer und die meisten der grönländischen Schönheiten versammelt, um uns ihr Lebewohl zuzuwehen, ja es sollen sogar nasse Augen vorhanden gewesen und Thränen geflossen sein, weil die norwegischen Freunde sie auf so lange Zeit verlassen wollten.
Anne Kornelia und Joel.
Ein armer Seehundsfänger und seine Frau aus Neu-Herrnhut. (Reine Rasse.)
(Nach einer Photographie von C. Ryberg.)
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GRÖSSERES BILD
Das Boot stieß vom Ufer ab, die Segel wurden gehißt und wir nahmen unter einer frischen, nördlichen Brise unsern Kurs südwärts, ein anderes Boot und einen Kajak im Schlepptau mit uns führend, sechs herzensfrohe Menschen im Boot. Unter diesen Sechsen befanden sich fünf Mitglieder der Expedition. Ravna wollte nicht mit, er sagte nur: „Ich alter Lappe, mir allzu kalt!“ An seiner Statt hatten wir Joel mitgenommen, der ein köstlicher Typus eines Eskimo ist. Von Natur ist Joel klein, er hat einen kräftigen starken Oberkörper, sein Gesicht ist breit und rundlich mit einem gutmüthigen, schalkhaften Ausdruck, einem breiten, lächelnden Mund, zwei kleinen, schwarzen, stets feuchten Augen, ein wenig Bartwuchs auf Kinn und Oberlippe, struppiges rabenschwarzes Haar, das ihm in Büscheln an den Seiten des Kopfes und in den Nacken hineinhängt. Er ist ein tüchtiger Kajakruderer, aber kein Fänger — man beschuldigt ihn der Trägheit — und infolgedessen ist er arm. Zum Fischen, ein Handwerk, auf das die Großfänger mit Verachtung herabsehen, zur Rennthierjagd und jeglichem anderen zufälligen Sport ist er gut zu gebrauchen. Er ist grundfaul, böse Zungen sagen ihm auch nach, daß er keine ganz klaren Begriffe über das „Mein“ und „Dein“ hat. Er ist mit einer Dame seines eigenen Kalibers, Namens Anne Kornelia verehelicht.
Wir erreichten an jenem Nachmittage die Mündung des Ameralikfjords, wo wir durch widrige Winde am Vordringen gehindert wurden. Nachdem wir uns eine ganze Weile im Dunkeln abgemüht haben — das Tageslicht ist dort oben um diese Zeit von sehr kurzer Dauer, — und nachdem wir mehrere Stunden damit zugebracht hatten, für einen Zeltplatz den Schnee hinweg zu schaffen und Zeltsteine das steile Ufer hinauf zu schleppen, ist endlich alles in Ordnung, der Ofen ist aufgestellt, ein lustiges Feuer knattert darin und der Theekessel summt ganz lustig, in unser kleines, gemüthliches Zelt sein lebhaftes Aroma aus dem fernen Osten entsendend, das uns, während draußen Sturm und Schnee tosen, an die Heimath und die Freuden des Familienlebens erinnert.
Die Abendmahlzeit wird verzehrt, wir zünden unsere Cigarren an, und eine behagliche Gemüthlichkeit verbreitet sich in dieser norwegisch-lappisch-grönländischen Versammlung, wir überlassen uns einem angenehmen Dolce far niente, zufrieden in dem Bewußtsein, daß wir jetzt keine solche Eile mehr haben wie damals, als wir früher auf dem Inlandseis in unserm Zelt kampirten.
Am nächsten Tage war Joel der Ansicht, daß es nicht gerathen sei, weiter zu reisen, da ein ziemlich heftiger Sturm in widriger Richtung wehte. Wir gingen deswegen auf Schneehühnerjagd. Am andern Tage war es besser, freilich war der Wind noch immer widrig, aber es war doch möglich, vorzudringen; so ruderten wir denn weiter, von Joel in seinem Kajak geleitet.
Als wir uns am Nachmittage in der Dämmerung Kasigiangiut, der Stelle an der Südseite des Fjords, wo wir landen sollten, näherten, führte uns Joel auf die unerklärlichste Weise herum, ehe wir unsern bleibenden Zeltplatz erreichten. Erst kamen wir bis an das Ende einer tiefen Bucht, wo Joel in einen Fluß hinaufruderte, um Wasser zu trinken und sich gütlich zu thun, während er uns ruhig warten ließ, dann ging er aus der Bucht heraus, am andern Ufer entlang, darauf lag er eine Viertelstunde vor einer Landzunge still, mit einer räthselhaften Arbeit beschäftigt, die, soweit ich es begriff, hauptsächlich darin bestand, daß er eigentlich nichts that. Dann ging es weiter bis an das Ende einer andern Bucht und abermals an dem andern Ufer entlang. Was in aller Welt das zu bedeuten hatte, war uns ganz unmöglich zu verstehen. Die Antwort hierauf lag möglicherweise in dem Vortrag, mit dem uns Joel unausgesetzt unterhielt, da wir aber nicht so glücklich waren, ihn zu verstehen, ist es mir bis auf den heutigen Tag ein Räthsel geblieben. Hungrig, müde und ärgerlich wie wir waren, gaben wir uns keine weitere Mühe, Joels Streiche zu ergründen, sondern beschlossen, uns nicht länger von ihm zum Narren halten zu lassen. Sobald wir eine Strecke aus dieser Bucht herausgekommen waren, landeten wir. Da aber vernahmen wir Joels Stimme draußen im Dunkeln, — wir sollten dorthin kommen. Wir hatten jedoch durchaus nicht die Absicht, uns vom Fleck zu rühren, ehe wir sicher waren, deshalb fragten wir zum letztenmal, und vernahmen denn auch endlich das langersehnte „Ajungilak“. (Hier ist es gut).
Es war übrigens ein vorzüglicher Zeltplatz, Wasser gerade vor der Thür, ein guter Hafen für die Kajaks, gutes Wildterrain ringsumher, — wenn Joel uns nur sofort hierher geführt hätte, so wäre alles gut gewesen.
Das Zelt wurde aufgeschlagen und der Ofen aufgestellt. Joel machte Feuer an, holte Wasser und brachte den Theekessel „in Schwung“. Er war jetzt der personifizierte Diensteifer, was er wohl kaum gewesen wäre, wenn er die vielen Flüche verstanden hätte, die an jenem Nachmittage über sein sündiges Haupt ergossen waren.
Hier verbrachten wir neun gemüthliche Tage, theils auf der Rennthier- und Schneehühnerjagd, theils im Kajak. Dann zogen wir ein wenig weiter bis Iterdtlak.
Es würde zu weitläufig und zu einförmig sein, eine Beschreibung von dieser ganzen Zeit zu geben. Um aber doch einen Begriff von dem Jägerleben dort oben in Grönland zu bekommen, kann man uns ja, falls man nicht bereits genug bekommen hat, noch ein paar Tage auf der Jagd begleiten.
Den 27. November. Die Sonne war schon aufgegangen, die Berggipfel auf der andern Seite des Fjords errötheten gerade in ihren ersten Strahlen, als Joel und ich in unseren Kajaks an das Ende der westlich von unserm Zeltplatz gelegenen Bucht kamen, wo uns Joel an dem Abend unserer Ankunft auf so unbegreifliche Weise umhergezerrt hatte.
Hier wurden die Kajaks auf das Ufer gezogen, die Schneeschuhe angeschnallt, und dahin ging es, das Thal entlang. Heute haben wir es auf das Rennthier abgesehen.
Wir waren noch nicht sehr weit gelaufen, als wir schon die Spuren zweier Thiere im Schnee fanden, die den vorhergehenden Tag das Thal passirt haben mußten. Wir folgten der Spur, die Augen schweiften unablässig von dem einen Gebirgsabhang bis zum andern, aber kein Thier war zu erblicken.
Wir gelangten an einen See, hier gingen die Spuren zurück, aber wir setzten trotzdem unsern Weg thaleinwärts fort, kamen über den See, tranken aus dem Bach unter Gefahr, kopfüber hineinzustürzen, während wir auf der morschen Eisdecke lagen, setzten unsern Weg dann aufwärts fort und waren gerade im Begriff, einen kleinen Hügel zu erklimmen, als ich plötzlich Joel, wie vom Blitz getroffen, den Kopf herabbeugen und auf die Ostseite des Thals zeigen sah, wobei er mit leiser Stimme „Tugtut“ (Rennthier) rief.
Mit Blitzesgeschwindigkeit senkte sich jetzt auch mein Kopf dem Erdboden zu, — dort, in nicht weiter Entfernung von uns, standen sechs Thiere! Schnell zogen wir uns zurück, so daß wir Deckung durch einen Hügel erhielten. Ich zog mein weißes leinenes Ueberziehhemd und die dazu gehörigen Beinkleider heraus, die eigens zu dem Zweck angefertigt waren. Joels Antlitz, als er mich in dieser Kleidung erblickte, drückte das unverhohlenste Staunen aus, und er rief ein einziges „Jupinnekaok“ (du gerechter Schöpfer) aus.
Der Zweck dieser Schneekleidung war ihm jedoch sofort klar, weshalb er mich aufforderte, voranzugehen, und sich selber hinter meinem Rücken verkroch. Als wir nähergekommen waren, mußten unsere Waffen nachgesehen, von Schnee und Eis befreit werden etc. Um zu einem neuen Schuß mit seiner Mundladebüchse bereit zu sein, nahm Joel eine Kugel in den Mund. Da ich fand, daß dies ein sehr praktischer Aufbewahrungsort war, und ohne an die Kälte zu denken, wollte ich dasselbe mit einer Büchsenpatrone thun, kaum aber berührte das Metall die Zunge, als es auch schon festhing. Ich riß die Patrone heraus, es blieb aber ein Stück von der Zunge daran hängen.
Das Rennthier in Schußweite.
(Von A. Bloch.)
Vermuthlich habe ich ein furchtbares Gesicht geschnitten, denn Joel bekam einen krampfhaften Lachanfall. Die Patrone wurde nun mit einigen anderen in dem einen Fausthandschuh angebracht, und wir krochen vorsichtig weiter. Es war gerade keine leichte Arbeit, still und unbemerkt zu gehen, wenn man bei jedem zweiten Schritt bis an den Magen in den Schnee versinkt — die Schneeschuhe hatten wir natürlich wieder abnehmen müssen, da wir auf ihnen nicht kriechen konnten — und noch dazu zwischen den großen Kieselsteinen in einem grönländischen Flußbett! Mein weißer Ueberrock bildete indessen einen vorzüglichen Schutz, was den Anblick betraf, der Schnee dämpfte den Laut, und der kleine Joel verbarg sich, so gut er vermochte, hinter meinem breiten Rücken oder vielmehr hinter dem Körpertheil der, wenn man auf allen Vieren kriecht, davorliegt.
Endlich kamen wir an den Rand eines Hügels und hatten nun die ganze Rennthierherde auf einer Ebene vor uns, sie befand sich aber außer Schußweite. Da war nichts, was uns hätte Deckung gewähren können, deswegen mußten wir abermals zurückgehen und versuchen, weiter ostwärts vorzudringen.
Hier kamen wir in dem Schutz einiger hoher Hügel gut vorwärts, spürten gleichsam einen schwachen Luftzug hinter uns im Nacken, und Joel mußte mit einer Wollflocke ausprobiren, aus welcher Richtung der Wind kam. Da erblickte ich plötzlich einen jungen Rennochsen, der allein stand und uns ansah, und den wir noch nicht bemerkt hatten. Wir bückten uns Beide, er aber kam plötzlich auf uns zugesprungen. Ein Höhenrücken entzog ihn unserm Blick — wir hielten die Büchsen bereit —, da kam er in guter Schußweite oben auf einem Hügel zum Vorschein, ich legte an und zielte, aber der Schuß ging nicht los.
In größter Hast spannte ich den Hahn von dem zweiten Lauf, der inzwischen mit einer Rundkugel glattgebohrt war, und legte abermals an. Jetzt knallte mein Schuß gleichzeitig mit Joels. Das Thier zuckte zusammen, es war offenbar in den Rücken getroffen, das rechte Vorderbein schleppte. In wilden Sprüngen entfernte es sich von uns. Ich versuchte nochmals meinen Büchsenlauf, aber er versagte wieder. Schnell steckte ich eine neue Patrone hinein, diesmal knallte es und von der Expreßkugel hinten getroffen, fiel das Thier todt um. Ich sprang nun vor, um nach den andern Rennthieren zu sehen, die waren aber nirgends zu erblicken. Da es bereits über die Mittagsstunde war und die Tage nur kurz waren, hielt ich es für zu spät, um sie zu verfolgen, und wir kehrten nach unserer Hütte zurück, unsere Beute hinter uns herschleppend.
Das Erste, was ich that, war jedoch, daß ich niederkniete und einen tüchtigen Trunk warmen Blutes aus der Schußwunde sog. Das schmeckt an so einem kalten Tage! Joel stand da und sah mir verwundert zu. Ich fragte ihn, ob er nicht auch einen Schluck haben wolle, da aber lächelte er verschmitzt über das ganze Gesicht, schüttelte den Kopf und zeigte auf die Schnauze und den Magen des Thieres, was so viel heißen sollte, als „aus dem Blute macht der Eskimo sich nichts, die Schnauze und der Inhalt des Magens sind aber für ihn eine Delikatesse, die er dem ganzen übrigen Rennthier vorzieht“.
Es handelte sich nun darum, unsere Beute an den Fjord hinunter zu schleppen, wo unsere Kajaks lagen, aber dies war keine leichte Arbeit. Wir holten unsere Schneeschuhe, verfertigten eine Art Schlitten, indem wir sie alle nebeneinander legten, und packten das Rennthier darauf. Dann spannten wir uns vor das Gefährt und zogen es. Es war aber kein leichtes Stück Arbeit, um so weniger, als wir keine Schneeschuhe mehr an den Füßen hatten und oft bis an die Hüften in den Schnee versanken. Am schlimmsten war es, wenn wir auf Geröll kamen, wo wir unablässig zwischen die großen Steine fielen, die der Schnee verrätherisch bedeckte.
Aber es ist alles nur ein Uebergang, wie der Fuchs sagte, als er geschunden wurde!
Gegen Nachmittag erreichten wir den Fjord. Es war eigentlich unsere Absicht gewesen, unsere Kajaks zusammenzubinden, das Rennthier hinten quer darüber zu legen und es so auf gewöhnliche Eskimomanier bis an unser Zelt zu schaffen; aber wir fanden, daß es zu spät und zu dunkel geworden war, deshalb zogen wir es vor, unsere Beute einstweilen liegen zu lassen.
Nachdem wir den Bauch geöffnet, das Herz und die Leber herausgenommen und von der letzteren einen Theil verzehrt hatten, sammelten wir Steine, um das Thier damit zu bedecken, warfen Schnee darüber, steckten einen Skistab daneben und banden einige Lappen daran fest, um Füchse, Raben und Raubvögel fernzuhalten.
Dann bestiegen wir unsere Kajaks und zogen fröhlich heimwärts. Wir waren nicht gar weit gekommen, als Joel die Melodie zu dem „ewig munteren Kupferschmied“ anstimmte, die damals in Grönland in der Mode war, und der man grönländische Worte untergelegt hatte. Unter Gesang glitten die Kajaks durch die Dunkelheit dahin, und die Kameraden konnten uns schon aus der Ferne hören.
Sverdrup und Balto, die ebenfalls auf Rennthierjagd gewesen waren, erzählten, daß sie vier Thiere in einem hochgelegenen Thal gesehen hätten, aber nicht bis auf Schußweite an sie herangekommen wären.
Am folgenden Tage war das Wetter schlecht, wir schafften das Rennthier mit dem Boot bis an unser Zelt, zogen die Haut ab und zerlegten es. Das Blut war nicht ganz rein. Unvorsichtigerweise hatte ich nämlich ein Loch in einen Darm geschnitten, als ich am vorhergehenden Abend den Bauch öffnete. Es war aber doch schade, dies gute Blut fortzuschütten, deswegen versetzten wir es mit Mehl und kochten trotzdem eine Blutspeise davon in unserem Kaffeekessel, der so leck war wie ein Sieb. Er mußte mit Grütze und Fleisch und allem, was wir finden konnten, dicht gemacht werden. Den Ausguß banden wir mit Stroh, Mehl und Tauwerk zu. Es war wirklich ein schöner Anblick!
Und dann speisten wir unser Schwarzsauer! Die ersten Löffel voll hatten eine große Neigung, wieder zurückzukommen, aber die Gewohnheit ist ein guter Lehrmeister, wir gingen mit Todesverachtung darauf los, und bald schmeckte es auch besser. Joel sah dieser Zubereitung mißvergnügt zu, und als er aufgefordert wurde, an der Speise theilzunehmen, schüttelte er den Kopf und sagte: „Ajorpok“, was auf Deutsch heißt „das ist Dreck“. Um sich zu trösten, holte er ein ungekochtes Schneehuhn hervor, öffnete den Bauch, zog den Magen und die Gedärme heraus und verschlang sie auf einmal, als sei ihm in unserer Blutspeise nicht genügend Darminhalt. Dieser Anblick war Balto denn doch zu viel, er rief: „Nein, nein!“ steckte den Kopf zur Zeltthür hinaus, und dann folgten einige unartikulirte Laute, wie von einem Menschen, welcher seekrank ist. Joel setzte indessen ruhig seine Mahlzeit fort, rupfte das Schneehuhn und verzehrte es mit Haut und Haaren. Das Einzige, was zurückblieb, war ein Federbüschel. Dies war in Baltos Augen sehr heidnisch und er sagte: „Das sieht gerade so aus wie ein Adler.“
Später kochten wir einen Theil des Rennthieres, aber es schmeckte leider fast ebensosehr nach dem Inhalt des Darmes, wie die Blutspeise. Dies schien jedoch Balto und Joel zu behagen, die Beiden aßen ganz gehörig, ja, sie tranken sogar die Brühe dazu, an deren Geruch wir Anderen mehr als genug hatten.
Ueberhaupt war unsere Zubereitung des Essens nicht gerade ausgesucht. Wenn wir Mehlbrei kochten, wurde er fast immer halbgar verzehrt und schmeckte wie Kleister, denn wir ließen uns niemals Zeit, zu warten, bis er ganz gar war. Brieten wir Rennthierfleisch, so geschah es auf die Weise, daß wir die gefrorenen Stücke auf den Ofen legten und die äußere Rinde abschälten, sobald sie warm wurde. Balto behauptete, daß wir es nicht in Godthaab hätten aushalten können, weil es dort zu reinlich herginge und wir unser Leben auf dem Inlandseise nicht vergessen könnten, deswegen seien wir nach „Ameralik“ gezogen, um „Schweinerei“ zu machen. Das sei der einzige Grund gewesen!
Balto war übrigens unser steter Spaßmacher. Sobald wir unsere Abendmahlzeit im Zelt eingenommen und Cigarren und Pfeifen angezündet hatten, holte er die Karten hervor, die bald so schmutzig waren, daß wir Mühe hatten, sie zu unterscheiden; die eifrigsten Kartenspieler holten sofort eine Kiste herbei, die als Tisch dienen mußte, und dann fing das Spielen an, das bis tief in die Nacht hinein währte und von diesen pelzgekleideten Männern bei einer Temperatur von −15° ebenso lebhaft betrieben wurde, als säße man in dem wärmsten Zimmer jenseits des Meeres. Wenn die Finger gar zu steif wurden, so machte man einige schlagende Armbewegungen, um das Blut wieder in Cirkulation zu bringen, und dann begann das Spiel wieder mit erneuter Kraft.
Durch seine Bemerkungen in seinem oft höchst wunderlichen Norwegisch verschaffte uns Balto viel Amusement. Wenn er z. B. sagte: „Morgen will ich auf die Jagd gehen und Rennthiere schießen, wenn ich aber nichts bekomme, dann gehe ich nie wieder auf Rennthierjagd, sondern nehme meine Bürschte (Büchse) und schieße Schneehühner,“ da konnten wir uns vor Lachen kaum halten. Oder wenn er uns erzählte: „Tod und Teufel! Ueber Nacht will ich einen Fuchs sitzen!“ so wirkte auch das unwiderstehlich komisch; er meinte damit, er wollte Füchsen auflauern, die in der Nacht an den Strand hinab zu kommen pflegten.
Den 4. Dezember. Das Tageslicht dämmerte schwach, als ich erwachte. Ich steckte meinen Kopf aus dem Schlafsack und war angenehm überrascht, als ich Joel schon in seinem kalten Segel aufgerichtet sitzen sah, mit seiner höchst primitiven Morgentoilette beschäftigt, die darin bestand, daß er sich mit den Fingern durch sein rabenschwarzes Haar fuhr, das ihm wie Hörner nach allen Seiten hin abstand. Dann steckte er den Kopf zur Zeltthür hinaus, ließ die Augen über die Berggipfel zu beiden Seiten des Fjordes gleiten und zog den Kopf wieder zurück. „Nun, Joel, wie sieht’s heute mit dem Wetter aus, eignet es sich wohl für die Rennthierjagd?“ „Asukiak, imekame.“ („Ich weiß nicht, es ist möglich.“) Ich kenne Joel genügend, um zu wissen, daß dies so viel bedeutet als: „Das Wetter ist schlecht.“ Es ist eine Eigenthümlichkeit, die ich nicht bei unserem Freunde Joel allein, sondern ganz allgemein bei den Grönländern gefunden habe, daß sie einem Europäer nicht gern widersprechen oder ihm eine Antwort geben, die ihm unangenehm sein könnte. In letzterem Falle kleiden sie ihre Worte gern in eine etwas zweideutige Form. Dies ist ja im Grunde ein hübscher Zug ihres Charakters, der aber für Diejenigen, die mit ihnen zu thun haben, oft recht unangenehm sein kann.
Ich kannte Joel, wie gesagt, und erwiderte ihm: „Du meinst also, daß es heute wieder schlecht aussieht?“ „Soruna Ajorpok.“ („Freilich, es sieht schlecht aus.“) „Der Wind steht thalaufwärts.“ Nun, dabei war nichts zu machen. Wenn der Wind thalaufwärts steht, so daß man ihn, wenn man dem Rennthier nachspürt, im Rücken hat, da soll man die Sache lieber ganz aufgeben, denn man erreicht nichts weiter, als daß das Wild scheu wird. Freilich sagte Joel oft, daß der Wind ungünstig sei, wenn er selber faul war (und das kam häufig vor), da mußte ich denn selber hinaus und mich davon überzeugen, und gelangte dann häufig zu dem Resultat, daß es sich schon machen ließe. Diesmal verhielt es sich jedoch so, und wir beschlossen, wie gewöhnlich in solchen Fällen, auf die Schneehühnerjagd zu gehen. Joel kleidete sich an, heizte ein und ging an den Bach, um Wasser für unsern Kaffeekessel zu holen, wobei er gewöhnlich einigemale auf dem Glatteis fiel, so daß man ihn und den Kaffeekessel deutlich hören konnte. „Da liegt Joel wieder,“ pflegte Sverdrup zu sagen.
Endlich war dann der Kaffee fertig, und wir verzehrten unser Frühstück in den Schlafsäcken, wobei wir berathschlagten, wohin die Einzelnen heute gehen wollten, und wo wohl am meisten Aussicht auf Schneehühner sei. Sobald das Frühstück eingenommen war, kleideten wir uns an, griffen nach den Büchsen, gingen hinaus, schnallten die Schneeschuhe unter die Füße und verschwanden Jeder in seiner Richtung.
Es währte eine ganze Weile, bis ich fertig war, mehrere von den Gefährten hatten sich bereits auf und davon gemacht, besonders waren Balto und Kristiansen heute sehr früh auf den Beinen gewesen. Als ich die Schneeschuhe angezogen hatte, ging ich über einige Bergrücken ein wenig östlich vom Zelt, wo es aussah, als könnten dort Schneehühner sein. Der Weg war beschwerlich, er führte über unebene Stellen, wo das Schneehuhn sich gern aufhält. Das Auge späht und späht nach allen Richtungen zwischen den Steinen, aber ich hatte heute kein Glück, nichts war zu entdecken, was auf die Nähe eines Schneehuhns schließen ließ, kein schwarzer runder Punkt, der dem Auge eines Schneehuhns[92] gleichen konnte, hob sich von der weißen Schneedecke ab, nirgends eine Spur oder ein gackernder Laut! Ich vernahm nichts als meine eigenen Schritte auf dem Schnee. Ich stieg immer höher und erreichte einen Bergrücken, der eine Aussicht über das Land nach dem Inlandseise gewährte. Wie wunderbar leblos, nicht einmal ein kreisender Adler oder ein krächzender Rabe, an denen es doch sonst niemals zu fehlen pflegt. Rings umher stehen die schweigsamen schneebedeckten Berge mit den dunklen Abhängen, an denen der Schnee nicht liegen bleibt. Tief unten, an der steilen Felswand entlang, schlängelt sich der dunkle Ameralikfjord schwermüthig dem Meere zu, von allem Leben, allem Sonnenlicht vergessen, — bis an sein Gestade dringt den ganzen Winter nicht ein einziger Sonnenstrahl. Kein Wald, keine Bäume, ja nicht einmal ein Busch oder Strauch ist zu erblicken. Und doch ist es schön hier! Jetzt wirft die Sonne ihr Streiflicht über die Berggipfel an der anderen Seite des Fjordes, der Schnee erglänzt, erröthet. Die Natur bedarf, um schön zu sein, nicht immer des Lebens.
Ich lenkte meine Schritte weiter landeinwärts. Vor mir lag eine flache Ebene mit einer Moorstrecke, und jenseits derselben eine steile Felswand. Ich hatte noch nicht viele Schritte zurückgelegt, als es mir vorkam, als vernähme ich dort oben auf der Felswand einen Laut. Ich glaubte, daß es möglicherweise ein Rennthier sein könne, das sich verlaufen hatte. Ich blickte hinauf, konnte aber nichts entdecken, und fand es auch ganz natürlich, kein flügelloses Wesen konnte den steilen Abhang erklimmen. Abermals schritt ich landeinwärts weiter, da vermeinte ich ganz deutlich ein rasselndes Geräusch zwischen den Steinen zu hören, und diesmal konnte ich mich nicht getäuscht haben. Ich hielt an, ich blickte hinauf, entdeckte aber nichts; es mußte dennoch ein Irrthum gewesen sein, und abermals setzte ich meinen Weg fort, indem ich darüber grübelte, wie ich mich im Grunde so irren könnte. Da erschallten plötzlich Schritte von der Bergwand her, diesmal aber so scharf und deutlich, daß von einem Irrthum nicht die Rede sein konnte, und so suchte ich denn mit meinen Augen die ganze Bergwand nach dem vermeintlichen Rennthier ab. Es währte lange, bis ich etwas fand, — ich suchte zu weit nach unten; als ich aber bis an die Mitte der steilen Felswand kam, wie staunte ich da, als ich einen Menschen erblickte, der dort oben gleich einer Mücke zwischen den Steinen umherkroch. An dem langen Wams und der viereckigen Mütze erkannte ich Balto, er ging gerade mit seinen Schneeschuhen über einen kleinen schneebedeckten Abhang, der über die steile Felswand hinausragte. Ich stand wie angenagelt da. Soweit der Abstand es gestattete, verfolgte ich jede Bewegung. Ich konnte sehen, wie er die Schneeschuhe in die Schneewand hineinstampfte, um festen Fuß zu fassen, die Büchse hing ihm schräg über den Rücken, den Kopf wandte er der Bergwand zu. Er bewegte sich vorsichtig Schritt für Schritt vorwärts, während er sich auf seinen Stab stützte. Ich konnte nicht begreifen, woher er, der doch sonst so für sein Leben besorgt war, plötzlich diesen Muth bekommen hatte. Da glitt ein Fuß aus, er hieb den Stab fest ein, da glitt auch der andere Fuß aus, — in sausender Fahrt ging es bergabwärts, — das Blut erstarrte mir förmlich in den Adern. Der Schnee wurde mit hinabgerissen, es ging in immer wilderer Fahrt, und gerade unter ihm befand sich eine tiefe Schlucht. Da blieben seine Kleider an einem Felsvorsprung hängen, der über dem Abgrund aus dem Schnee hervorragte. Einen Augenblick blieb er in der Schwebe, zappelnd und bemüht, festen Fuß zu fassen, dann aber gab das Felsstück nach. Nun folgte eine Luftreise, dann ging es über eine schneebedeckte Strecke, dann abermals an einem steilen Abhang hinab, bis er als unbewegliche Masse auf einem Felsabsatz liegen blieb. Ich hielt ihn für todt oder doch jedenfalls völlig gerädert.
Da ward ein Arm sichtbar, der sich vorsichtig im Gelenk bog, dann ein zweiter, und dann der Kopf, der sich ein wenig aufrichtete und einige vorsichtige Nackenbewegungen machte, dann die Beine — merkwürdigerweise schien alles heil geblieben zu sein —, und nun erhob er sich. Ich konnte nicht so recht sehen, was er eigentlich wollte, dann erklang aber ein Schuß. War seine Büchse losgegangen? Ich sah ihn mit etwas beschäftigt, konnte aber nicht erkennen, was es war. Ein zweiter Schuß folgte. Was hatte dies nur zu bedeuten? Er ging auf dem kleinen Absatz umher, augenscheinlich nach einem Ausweg spähend, der nicht zu finden war. Nun aber nahm er die Schneeschuhe auf den Nacken und fing vorsichtig an, die Bergwand an einer Stelle hinabzusteigen, wo er einigermaßen festen Fuß fassen konnte. Schritt für Schritt ging er. Als ich ihn endlich unten im Steingeröll außer Gefahr sah, zog ich weiter. Ich fand an dem Tage jedoch keine Schneehühner, ich hatte kein Glück. Da vernahm ich einen Schuß von Balto, er befand sich nun nicht weit von mir oben zwischen dem Steingeröll an der anderen Seite einer Felsspalte. Ich blickte hinüber und gewahrte einen Flug Schneehühner, die von ihm weg flatterten und sich zwischen dem Steingeröll in der Bergspalte niederließen. Da es nicht weit von mir war, ging ich den Weg hinauf und gewahrte bald Unmengen von Schneehühnern, die in dem Schnee zwischen den Steinen umhertrippelten. Sobald man sich näherte, standen sie still und reckten ängstlich die Hälse aus, ließen mich aber doch bis auf Schußweite herankommen. Ich schoß ein paar Vögel, scheuchte aber damit den ganzen Schwarm tiefer in das Geröll hinein, wo Balto gerade zum Vorschein kam, und wo er nun seine Mundladebüchse lud und damit schoß, als gälte es sein Leben. Da ich sah, daß er sehr gut allein damit fertig werden konnte, setzte ich mich hin, schaute ihm zu und wartete auf ihn. Die Schneeschuhe hatte er abgenommen und sprang nun von einem Stein zum andern, überall vorsichtig umherspähend. Es mußte ihm sehr heiß sein, denn er hatte die Mütze abgeworfen, obwohl es 15 Grad Kälte waren. Erblickte er ein Schneehuhn, so schlich er sich an dasselbe heran, theils krummgebeugt hinter den Steinen gehend, theils auf allen Vieren kriechend, bis es ihm oft so nahe kam, daß er es fast hätte mit dem Büchsenkolben tödten können, — ein langes vorsichtiges Zielen, dann ein Knall, und das Schneehuhn lag in der Regel todt da. Dann lud er und sah sich, ehe er sich näherte, vorsichtig um, ob mehr Schneehühner in der Nähe wären. War das Thier angeschossen, so entstand eine wilde Jagd, es flatterte voran und Balto eilte hinterdrein, so daß der Schnee um ihn her aufstob, hin und wieder trat er fehl und versank bis an den Magen zwischen den Steinen. Schließlich stürzte er sich über den Vogel und biß ihm den Kopf ab. Endlich war er fertig und kam nun barhäuptig und außer Athem zu mir hinab, während ihm die Schneehühner von der Schulter herabhingen, mich fragend, ob ich ein angeschossenes Huhn gesehen habe, das ihm nach dieser Richtung hin entwischt sei. Wenn er das bekäme, hätte er gerade fünfzehn. Nein, ich hatte es nicht gesehen. Dann fand er aber Spuren im Schnee und bald auch das Schneehuhn selber, jetzt entstand eine neue Jagd, die damit endigte, daß es oben zwischen einigen Steinen gefangen wurde. Dann sammelte er seine Siebensachen und wir zogen heimwärts; auf dem Wege erklärte er mir, daß unter dem einen Bergabhang einige Schneehühner liegen müßten, die dort hinuntergefallen seien, und richtig, wir fanden sie dort. Er war in rosigster Laune, sichtlich erfüllt von seinem Jägerglück, und erklärte mir ganz genau, wie er die einzelnen Schneehühner geschossen habe. Im Laufe des Gesprächs erwähnte er auch, daß er nahe daran gewesen sei, das Leben zu verlieren, er sei einen Berg hinabgefallen. Ich ließ ihn ruhig erzählen. Als er geendet hatte, sagte ich ihm, daß ich Augenzeuge des Ganzen gewesen, daß es mir aber nicht klar geworden sei, was die beiden Schüsse zu bedeuten gehabt hätten. Er erwiderte, daß er, als er sich vergewissert hatte, daß alles an ihm heil geblieben sei, sich umgesehen und plötzlich bemerkt habe, daß er neben zwei Schneehühner gefallen sei, die ihn mit schiefen Köpfen verwundert anschauten. Er holte die Büchse hervor und schoß das eine Schneehuhn, das andere blieb ruhig sitzen, während er lud, auch das habe er erlegt. „Aber,“ schloß er seinen Bericht, „jetzt hab’ ich’s fürs Erste satt, Schneeschuhe auf steilen Felswänden zu benutzen,“ und das bewies er auf dem Rückwege, denn sobald er an einen steilen Abhang kam, nahm er seine Schneeschuhe ab und trug sie.
Wir hatten nun alle Rennthierstriche um Kasigianguit herum besucht und sehnten uns nach Abwechselung und neuen Jagdgebieten. Joel erzählte, daß sich weiter ins Land hinein bei Iterdtlak vorzügliche Rennthierweiden befinden sollten, und so brachen wir denn eines Morgens unser Lager ab, schoben das Boot ins Wasser, belasteten es und zogen weiter, während Joel uns mit seinem Kajak den Weg zeigte. Die See vor dem Zeltplatz war ruhig, als wir auszogen, sie lag vor den Winden geschützt da. Sobald wir aber an der nächsten Landzunge in den Fjord hinausgekommen waren, sollten wir indessen andere Erfahrungen machen. Vom Ende des Fjordes her wehte ein heftiger Ostwind, der auf die hohen Felsen stieß und das Wasser hoch aufpeitschte. Unser langes, jämmerliches Boot, „der Walfischfänger“, das trotz seines Namens nie Dienste als solcher gethan hat, durchschnitt die hohen, wilden Wogen gleich einem Keil mit seinem spitzen Bug, so daß jede Welle darüber zusammen schlug. Dies hätte nichts zu sagen gehabt, falls wir hätten schöpfen können, aber es war so kalt, daß das Wasser, das sich schon auf dem Gefrierpunkt befand, in dem Augenblick, wo es mit dem kalten Holz oder Eisen des Bootes in Berührung kam, gefror. Bis zu mir, der ich hinten am Steuer saß, gelangte auch nicht ein nasser Tropfen, während Sverdrup, der vorne saß und ruderte, bald in einen vollständigen Eisharnisch gehüllt war. Wir mühten uns lange ab, es wäre eine Schande, die Flinte ins Korn zu werfen, um so mehr, als Joel in seinem kleinen Kajak nur über das Ganze lachte, dann aber half es nicht mehr, wir mußten wenden, das Boot war dem Sinken nahe. So ging es denn in fliegender Fahrt zurück nach unserem alten Zeltplatz. Sobald wir in dessen Schutz kamen, bemerkte ich, daß die Nase mir völlig abgefroren war, sie war weiß und gefühllos wie ein Eiszapfen. So eine gefrorene Nase ist kein schöner Anblick, wenn sie nachher wieder auftaut und zu einem rothen Gewächs mit Fransen von abfallender Haut anschwillt.
Unser langes jämmerliches Boot durchschnitt die hohen wilden Wogen.
(Von Th. Holmboe nach einer Zeichnung des Verfassers.)
Es war kein geringer Genuß nach all den Beschwerden des Tages, die ja die Würze des Jägerlebens sind, das Boot ans Land zu ziehen, das Zelt aufzuschlagen und eine gute Tasse warmen Kaffee in den Schlafsäcken zu sich zu nehmen.
Am 5. Dezember hatten wir besseres Glück und gelangten trotz des starken Seeganges nach Iterdtlak, wo wir indessen statt der erwarteten Rennthiere die Thäler mit Steingeröll und Moränen angefüllt fanden, die für das Auge eines Geologen interessant genug waren, für einen Jäger aber wenig Interesse boten. Dies ist diejenige Art von Land, auf welcher die Rennthiere am allerwenigsten gedeihen. Wir hatten unseren guten Freund Joel in Verdacht, daß er uns nur da hinausgelockt habe, um Fuchsfallen aufzustellen und möglicherweise Blaufüchse zu fangen, deren Fell nach grönländischen Verhältnissen gut bezahlt wird. Die Handelscompagnie bezahlt ein solches Fell mit 4 Kronen, um es in Europa für etwa 100 Kronen wieder zu verkaufen.
Als wir uns über zwei Wochen im Ameralik-Fjord aufgehalten hatten, fing unser Proviant an auf die Neige zu gehen, alles Brot war verzehrt, auch an Mehl gebrach es uns, und die Rennthiere waren fast gänzlich verschwunden. Als deswegen am 10. Dezember ein günstiger Wind wehte, beluden wir unser Boot und zogen heimwärts. Wir spannten unsere beiden Segel auf, eins auf jeder Seite, und in fliegender Fahrt durchschnitten wir die Wellen auf unserm Wege aus dem Fjord hinaus.
Joel leistete Erstaunliches in seinem Kajak, denn trotz unseres schnellen Segelns konnte er es mit uns aufnehmen. Bald erreichten wir die Mündung des Fjordes, da wir aber nun eine nördliche Richtung einschlagen mußten, so hatten wir den Wind entgegen und mußten rudern.
Bald brach die Dunkelheit herein, der Wind flaute ab und bei dem herrlichsten Mondschein zogen wir über die dunkle Wasserfläche dahin, von der sich die schneebedeckten Felsen und Inseln weiß und schweigend abhoben; hinter uns blitzte unser Kielwasser im Mondschein wie ein langer silberner Streif.
Eine grönländische Winternacht kann unvergleichlich schön sein!
In der Nähe von Godthaab wurde Joel mit seinem Kajak vorausgesandt, und als wir am Landungsplatz anlangten, war die ganze Kolonie dort versammelt, um uns in Empfang zu nehmen. Grönländer und Europäer standen nebeneinander unten am Strande. Diese Menschenmengen nahmen sich phantastisch aus in dem glänzenden Mondlicht, mit der winterlich gekleideten Kolonie im Hintergrunde.
Viele Hände waren behülflich unsere Sachen ans Land zu schaffen. Ein wenig Reinlichkeit, etwas europäischer Komfort und ein erwärmtes Zimmer, das that gut nach dem mehrwöchentlichen Zeltleben in Eis und Schnee.
[92] Die weißen Schneehühner sind nämlich für jedes ungeübte Auge schwer von dem Schnee zu unterscheiden; am leichtesten erkennt man sie an dem schwarzen Schnabel und den schwarzen Augen.
Kapitel XXVIII.
Die erste Uebungsstunde im Kajakrudern.
as Kajakrudern übte natürlich auf uns Europäer eine große Anziehungskraft aus. So schnell wie möglich hatte ich mir einen Kajak anfertigen lassen, den ich, wie bereits erwähnt, auch auf den Jagdausflug an den Ameralikfjord mitgenommen hatte. Jedoch erst Ende Dezember war er vollständig eingerichtet mit Pelzwerk für schlechtes Wetter etc., so daß die Uebungen allen Ernstes vor sich gehen konnten.
Dem Ungeübten wird das Kajakrudern anfänglich sehr schwer. Es ist nicht leicht, dies schmale, schlanke Fahrzeug zu balanciren. Wenn man die Eskimos leicht wie Seevögel über die Wogenkämme dahinhuschen sieht, so hat das Ganze freilich den Anschein, als wäre es ein Tanz.
Sobald mein Kajak fertig war, ging es an den Strand. Nach verschiedenen vergeblichen Versuchen gelang es mir, die Beine und die Hüften durch die Kajaköffnung zu zwängen und mich zu setzen, was für den Ungeübten keine Kleinigkeit ist, wenn der Kajak so klein ist, wie er sein muß. Dann wurde ich vorsichtig ins Wasser hinausgeschoben, aber das Gefühl, das mich in dem Augenblick erfaßte, als der Kajak den festen Boden verließ, läßt sich nicht beschreiben. Erst schwankte er auf die eine, dann auf die andere Seite, jeden Augenblick war ich darauf gefaßt, mich herumzudrehen. Mit hoffnungsloser Sehnsucht und Neid sah ich die Eskimos an, die natürlich alle in ihren Kajaks draußen waren und den Anblick von „Nalagak“ im Kajak genießen wollten. Die Uebung hat aber einen merkwürdigen Einfluß, und schon nach wenigen Malen fand ich mich einigermaßen damit zurecht. Noch besser wurde es, nachdem ich mir zwei „Kajakjunge“ hatte machen lassen. Dies sind kleine Unterstützungsböte von 2 Fuß Länge aus Holzwerk und ähnlich wie ein Kajak von außen mit Fellen bezogen, auch die Form gleicht der des Kajaks. An jede Seite des Kajaks wird eins dieser Böte befestigt, wodurch der Ruderer mehr Halt bekommt. Die Eskimos selber bedienen sich ihrer jedoch nur äußerst selten.
Eines Tages gerieth ich beim Rudern in eine Schar Delphine, die ich bis weit ins Meer hinaus verfolgte. In meinem Jagdeifer bemerkte ich nicht, daß der Tag auf die Neige ging, und als ich endlich den Rückweg antrat, hatte es bereits angefangen zu dunkeln. Unglücklicherweise erhob sich ein heftiger Südwind, den ich von der Seite hatte, und der mir das Rudern sehr erschwerte. Erst gegen Abend erreichte ich Godthaab. Hier war man meinetwegen schon in großer Sorge, denn alle Fänger waren längst zurückgekommen. Die ganze Kolonie, Grönländer wie Europäer, war auf den Beinen.
Balto schildert die kleine Begebenheit folgendermaßen:
„Als es anfing zu dunkeln, fingen wir an, uns zu verwundern, daß Nansen noch nicht kam. Wir warteten noch eine gute Weile auf Nansen, er kam aber noch immer nicht. Da geriethen Alle in große Bekümmerniß darüber, denn wir hatten gehört, daß Nansen nicht nach Neuherrnhut fahren wollte, wohin die anderen Europäer gefahren waren, um den Geburtstag des Missionar Voged zu feiern. Trotzdem sandten wir einen Boten dahin, aber er war nicht dort. Sogleich, als ich hörte, daß Nansen nicht dort sei, fiel ich auf das Bett nieder, und meine Thränen begannen zu rinnen. Bistrup versammelte alle Einwohner der Kolonie und befahl ihnen, sich fertig zu machen und hinauszurudern, um Nansen zu suchen. Sie waren gleich bereit, und Dietrichson fuhr mit und nahm Büchse, Licht und Horn, um damit rufen zu können. Gerade, als das Boot vom Lande abstieß, kam Nansen guter Dinge am Ufer an, und da erhoben die Grönländer ein schreckliches Gebrüll und riefen: „Kujanak, Kujanak, Nansen tigipok, ajungilak“, d. h. „Gott sei Dank, Nansen ist gekommen“, oder „Danke, danke, Nansen ist gekommen, es ist gut“. Dann kam das Herz wieder auf seinen rechten Fleck, und wir waren fröhlich wie vorher.“
Nachdem ich mich eine Zeit lang im Kajakrudern geübt hatte, und meine Kameraden sahen, daß es einigermaßen gut ging, bekamen noch mehrere von ihnen Lust, es zu versuchen. Sverdrup war der erste von ihnen, der einen Kajak bekam. Er fing nun auch an, sich zu üben, und erlangte bald eine große Fertigkeit. Balto hatte bereits gleich nach unserer Ankunft den Wunsch geäußert, im Kajak zu rudern, und fragte mich, ob ich glaube, daß es schwer zu lernen sei. Inzwischen hatten dann die am Orte ansässigen Dänen, von denen keiner in dieser Kunst bewandert war, ihm die damit verknüpften Gefahren vorgestellt und ihm erzählt, wie Viele jährlich dabei verunglückten, und Balto, der sich gerade nicht durch Muth auszeichnete, hatte die Sache aufgegeben und es ruhig mit angesehen, daß ich mich auf der See tummelte; als aber auch Sverdrup anfing, wurde ihm die Versuchung denn doch zu stark.
Sowohl Sverdrup wie ich stellten ihm vor, daß es durchaus keine leichte Sache sei, im Kajak zu rudern, und daß er sich sehr dabei in acht nehmen müsse. Aber Balto hatte jetzt große Rosinen im Sack und sagte, er würde schon damit fertig werden, denn er sei daran gewöhnt in dem „Pulk der Lappen“ zu fahren. Sverdrup meinte indessen, er würde schon gewahr werden, daß dies nicht dasselbe sei wie das Fahren in dem „Pulk der Lappen“. Balto aber blieb bei seiner Meinung. Sverdrups Kajak wurde an den Strand hinabgetragen, und ein großer Theil der Godthaaber Bevölkerung, sowohl Europäer als auch Grönländer, hatten sich eingefunden, um bei dem großen Ereigniß zugegen zu sein. Ich lag in meinem Kajak, bereit, ihn wieder aufzufischen.
Balto setzte sich in den Kajak, zwängte sich in die Oeffnung hinein, steckte sein langes Wams hinein und machte sich mit sehr überlegener Miene bereit, jetzt wollte er ihnen einmal zeigen, wozu ein Lappe im stande ist. Als er fertig war, griff er nach dem Ruder, nahm es fachmäßig in beide Hände und bat, daß man ihn jetzt ins Wasser hinab lassen möge.
Kaum berührte jedoch der Kajak den Wasserspiegel, als seine Miene auch schon ein wenig bedenklich wurde, aber er wollte doch den Flotten spielen und versuchte sogar, den Kajak mit ins Wasser hinein zu helfen, jetzt war nur noch ein kleines Ende auf dem festen Lande. Da wich alle seine Zuversicht dem Ausdruck grenzenlosester Angst, der Kajak glitt hinaus, ungemüthlich schwankend. Balto machte einige verzweifelte Bewegungen mit dem Ruder in der Luft, wohl mit der Absicht, das Ruder ins Wasser zu stecken, sein Antlitz drückte die hellste Verzweiflung aus und dann rief er: „Å så dä, å så dä — —“.
Weiter kam er aber nicht, denn dann ging der Mund und der ganze Kerl unter, und wir sahen nichts mehr als den Boden des Kajak und seine viereckige Federmütze, die oben auf dem Wasser schwammen. Glücklicherweise war es so flach, daß er den Grund mit den Armen erreichen konnte, und der Kajak war dem Ufer so nahe, daß man ihn von dort aus erreichen und aufs Trockene ziehen konnte. Er wurde mit einem unbarmherzigen Hohngelächter von allen Anwesenden, besonders von den Mädchen begrüßt. Dann kroch er aus dem Kajak heraus, und während er so am Ufer stand, mit Armen und Beinen zappelnd, während ihm das Wasser aus den Kleidern tropfte, die ihm am Leibe fest klebten, sah er aus wie eine Vogelscheuche.
Die Mitglieder der Expedition in ihren Kajaks im Hafen von Godthaab.
(Nach einer Photographie von C. Ryberg.)
Das Erste, was er sagte, war: „Nun, ich bin beinahe naß!“ (Er gebrauchte häufig das Wort „beinahe“ statt „ganz“). Dann besann er sich eine Weile und sagte: „Ja, das muß man aber sagen, ein Kajak ist ein Teufelsboot!“
Es währte lange, ehe Balto wieder einen Versuch im Kajakrudern machte. Kurz darauf ließ sich übrigens auch Dietrichson einen Kajak machen, und gar bald war er ein tüchtiger Ruderer.
Als Balto und Kristiansen sich dies eine Weile ruhig mit angesehen hatten, konnten sie es nicht länger aushalten, am Lande zu stehen. Sie machten sich Beide selbst einen Kajak, indem sie sich von den Grönländern mit der Form etc. helfen ließen. Bald waren ihre Fahrzeuge fertig und wurden von den Grönländerinnen mit Fell bezogen, worauf sie anfingen, sich fleißig zu üben. Balto war nun jedoch so vorsichtig geworden, daß er sich von Anfang an der „Kajakjungen“ bediente. Er wollte nicht Gefahr laufen, daß es ihm wieder so erging wie das erste Mal. Kristiansen war weniger verzagt. Er flößte uns Allen große Angst ein, indem er sich schon am ersten Tage ohne die Kajakjungen weit in die See hinaus wagte, aber er zog sich merkwürdig gut aus der Affaire.
Als der Frühling kam, konnte man alle Mitglieder der Expedition mit Ausnahme des alten Ravna in ihren Kajaks auf Jagd nach Seevögeln ausziehen sehen.
Seehunde giebt es im Winter nur wenig, weswegen es sich nicht verlohnt, des Vergnügens halber Jagd auf sie zu machen. Wir legten uns hauptsächlich auf das Vogelschießen, und besonders die Eidergansjagd übte große Anziehungskraft auf uns aus. Während der ersten Hälfte des Winters wird diese Jagd hauptsächlich des Abends betrieben, wenn die Eidergans in größeren oder kleineren Schwärmen am Ufer des Fjordes entlang zieht. Die Kajaks liegen da in Reih und Glied an den Landzungen, und von dort aus schießt man die Vögel im Fluge. Es war ganz spannend, so auf der Lauer zu liegen. Das Auge ist unverwandt gen Süden gerichtet, von woher der Vogel erwartet wird. Plötzlich beugen die hintersten Kajakmänner, so weit man sie erkennen kann, sich vorüber und treiben die Kajaks mit aller Kraft vorwärts, die ihnen Zunächstliegenden machen es ebenso, und die ganze Kajaklinie neigt sich nach vorne. Dann liegen die Fernsten eine Weile ganz regungslos da, auf einmal durchdringt ein Blitz die Finsterniß, ein Knall folgt, noch ein Blitz und noch einer, bis es sich die ganze Reihe hinauf verpflanzt. Eine dunkle Masse wird im Süden sichtbar, sie kommt lautlos an der Oberfläche des Wassers entlang, man drängt die Kajaks noch ein wenig mehr vor, um einen besseren Halt zu haben, das Ruder wird unter den Riemen gesteckt, und man hält die Büchse bereit. Jeder Vogel ist jetzt zu unterscheiden, und im selben Augenblick, wo der Schwarm vorüberkommt, legt man an und zielt auf eine kleine Strecke vor dem Punkt, an welchem die Vögel am dichtesten fliegen; der Schuß knallt, und wenn man Glück hat, fallen oft zwei oder mehr Vögel. Dann ladet man wieder, die Vögel werden aufgesammelt, hinten auf den Kajak gelegt, und man hält sich zum Empfang des nächsten Schwarms bereit. Auf diese Weise fährt man fort, bis es dunkel ist, die Kajaklinie beugt sich vorwärts und rückwärts, je nachdem die Vögel näher oder weiter vom Lande fliegen.
Diese Jagd erfordert eine nicht geringe Fertigkeit im Schießen, denn die Eidergans fliegt bekanntlich sehr schnell, außerdem muß man völlige Herrschaft über den Kajak haben, um sich in richtiger Schußweite zu halten und einigermaßen sicher treffen zu können. Hierin besitzen die Eskimos zum Theil eine ganz erstaunliche Tüchtigkeit. Die Geschwindigkeit, mit der sie die Kajaks bewegen, die Ruder befestigen und die Büchse anlegen, sowie die Sicherheit, mit der sie treffen, selbst wenn es nur ein einziger Vogel ist, auf den sie schießen, muß die Bewunderung des besten Vogelschützen erregen, um so mehr, als das leichte Fahrzeug auf der See unablässig hin- und herschwankt.
Kapitel XXIX.
Weihnachten in Godthaab.
nd dann kam das Weihnachtsfest heran. In Bezug auf dessen festliche Begehung wollen die Grönländer hinter keinem anderen Volk zurückstehen. Schon Monate vorher beginnen die Vorbereitungen. Die Frauen sind eifrig mit dem Anfertigen einer Unmenge von schönen Kleidungsstücken, Anoraks, Beinkleidern und Kamikern beschäftigt, die mit strahlenden Stickereien verziert werden. Die ganze Familie, von den allerjüngsten bis zu den ältesten Mitgliedern muß von Kopf zu Fuß in neuen festlichen Gewändern erscheinen. Besonders die jungen, unverheiratheten Mädchen müssen sich putzen. Gehören sie einer der bessergestellten Familien an, die im Dienst der Handelscompagnie stehen, so pflegen die Eltern im Sommer mit dem Schiffe etwas besonders Schönes an Stoffen aus Kopenhagen kommen zu lassen, wie man es nicht in der Kolonie findet, am liebsten Seide, ja es ist sogar vorgekommen, daß sie Sammet für ihre Töchter verschrieben haben. In ihrem neuen Staat, der gewöhnlich in aller Stille angefertigt wird, kommen sie dann plötzlich an dem großen Fest zum Vorschein, eine immer strahlender als die andere.
Unterhalten sich die Frauen anderer Länder über Putz und Kleider, so thun es die getauften Grönländerinnen nicht minder. Ich kann freilich nicht leugnen, daß die westgrönländischen Mädchen am Weihnachtsabend oft so bezaubernd aussehen, daß ein Vergleich für die Schönheiten jenseits des Meeres trotz ihres europäischen Pompes nicht immer vortheilhaft ausfallen würde.
Aber nicht allein mit dem Anzuge macht man sich vor dem Fest zu schaffen. Um gehörig in körperlichen Genüssen schwelgen zu können, spart man wochenlang Geld zusammen, soweit ein Grönländer überhaupt im stande ist zu sparen, und wenn man nichts hat, so verschafft man sich etwas, indem man die nothwendigsten Geräthschaften an den Kaufmann verkauft. So z. B. ist es nichts Ungewöhnliches, daß der Grönländer die Federn aus seinen Betten verkauft, um dafür einige Leckereien zu erstehen, und dann den Rest des Winters in aller Kälte, nur mit einem baumwollenen Bezug bedeckt, daliegt. Vor allen Dingen gilt es, sich Ueberfluß an Kaffee zu schaffen.
Hieraus ersieht man, daß das Weihnachtsfest durch Ueberführung auf grönländischen Grund und Boden seinen Charakter nicht verbessert hat. Es ist der Ruin besorgter Familienväter und das Verderben aller Mägen. Es bringt eine kurze Freude, der oft ein langer fühlbarer Mangel folgt. Daß dies in den Geschmack der Eskimos fällt, die sich mehr als jedes andere Volk die Lehre der Bibel: „Sorget nicht für den morgenden Tag“ zu Herzen genommen haben, ist ganz selbstverständlich.
Auch bei dem Koloniedirektor war man eifrig mit Vorbereitungen beschäftigt. Schon seit langer Zeit hatte unsere liebenswürdige Wirthin, Dietrichson und Sverdrup, Tüten, Körbe und andere Sachen aus buntem Papier verfertigt, während der Direktor einen Tannenbaum fabrizirte, indem er grönländische Wachholderzweige in einen Stock einfügte, der als Stamm diente.
Und dann kam der Weihnachtsabend. Am Vormittage wurde der Tannenbaum aufgeputzt.
Um 2 Uhr fand eine große Festfeier in der Kirche statt, es betraf die Prüfung der Schulkinder; bei einer solchen Gelegenheit sind natürlich alle Grönländer zugegen.
Sobald die Feier beendet ist, stürzen einer alten Gewohnheit gemäß alle Kinder nach der Wohnung des Koloniedirektors, wo sie jedes eine Tüte mit Feigen erhalten. Als dieser Schatz nach Hause gebracht war, kamen sie auch zu uns, um sich von uns ein ähnliches Geschenk abzuholen. Es war eine ganze Völkerwanderung von diesen kleinen Pelzmenschen. Alle Kinder, die nur eben gehen können, kommen herangetrippelt. Sind sie unter dem Alter, so werden sie von ihren Müttern getragen, für die Allerkleinsten nehmen es die Andern mit.
Am Nachmittag um 5 Uhr fand ein Kirchenkonzert statt. Von einem aus Grönländern und Grönländerinnen bestehenden Chor, der lange vorher in aller Stille eingeübt war, wurden Weihnachtslieder gesungen, die theils von den Katecheten verfaßt, theils von ihnen ins Grönländische übersetzt waren. Das Ganze machte einen liebenswürdig-kindlichen Eindruck. Die Melodien waren frisch und schön, nicht schleppend und monoton, wie es die Melodien von Kirchenliedern leicht sind. Ein älterer halbcivilisirter Grönländer, der sein Licht nicht gern unter den Scheffel setzte, meinte, daß der Kirchengesang ja freilich nicht mehr auf derselben Höhe stände, wie zu seiner Zeit, daß er aber trotzdem „sehr schön“ sei, — es wäre ungefähr so, als wenn man das Geräusch eines Taterat-Berges (Mövenberges) höre, wo die Tateraten[93] unter stetem Geschrei auf- und niederflattern.
Nach dem obligaten Reisbrei und dem Rennthierbraten beim Koloniedirektor, wo alle Mitglieder der Expedition eingeladen waren, wurde der Weihnachtsbaum unter großem Jubel angezündet.
Als die Fröhlichkeit ihren Höhepunkt erreicht hatte, wurde ein großer, runder Kopf mit einer fürchterlichen Perrücke zur Thür hineingesteckt. Er gehörte unserm Freund Joel, der nach einer Bierflasche fragen wollte, die er sich bei den Lappen gegen einige Eidergänse eingetauscht hatte, die er aber mit verschiedenen anderen Sachen zurückgelassen hatte, während er sich etwas beim Doktor zu schaffen machte, um bei der Gelegenheit in Veranlassung des Festes einen oder auch gar zwei Schnäpse zu ergattern. Er schien seinen Zweck erreicht zu haben. Große Heiterkeit erregten die lebhaften Gebärden, mit denen er beschrieb, wie lang ihm das runde Gesicht geworden sei, als er, wiedergekommen, fand, daß alles verschwunden war, „bogase nami mitit nami clisa nami damase nami,“ d. h.: „Flasche nichts, — Eidergänse nichts, Angelschnüre nichts, alles gar nichts.“ Er ließ sich jedoch durch eine neue Bierflasche bald über seinen Verlust trösten. Seine Verwunderung und der Glanz seiner dunklen Augen, die beim Anblick des Weihnachtsbaums und all der Lichter zu zwei runden Punkten wurden, erheiterten uns sehr. Groß war seine Freude, als er einige Tüten mit Weihnachtskonfekt erhielt. Reich wie ein Krösus kehrte er schwankenden Schrittes über die Berge zu seiner lieblichen Ehehälfte bei Neu-Herrnhut heim.
Als ich am Morgen des ersten Weihnachtstages gegen 6 oder 7 Uhr in meinem süßesten Schlummer lag und mich im Traum nach Norwegen zurückversetzt glaubte, erschallte plötzlich ein Kindergesang, der sich mit meinen Träumen verwob. Der Gesang wurde lauter und lauter, ich erwachte und hörte nun den lebhaftesten Weihnachtsgesang, der von einem großen Chor in dem Gang vor unserer Thür gesungen wurde. Die ganze Nacht hindurch war dieser Chor umhergegangen, hatte in allen Grönländerhäusern gesungen und endete seinen Rundgang nun damit, daß er alle am Orte ansässigen Europäer mit Gesang erweckte. Ich muß gestehen, daß es schön klang, und daß ich meinestheils niemals auf so schöne Weise geweckt worden bin, als aber der Gesang verstummt und der Chor weitergezogen war, schlief ich abermals sanft ein, um den verlorenen Faden im Lande der Träume wieder aufzunehmen.
Anne und Lars Heilman.
Ein guter Seehundsfänger und seine Frau aus Godthaab. (Gemischte Rasse.)
(Nach einer Photographie von C. Ryberg.)
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GRÖSSERES BILD
Als ich am Morgen in die Küche hinaus kam, stand Balto dort und unterhielt die Mädchen. Er sprach sich in einem längeren Vortrag über die grönländische Art und Weise, Weihnachten zu feiern, aus. Dieselbe gefiel ihm sehr. Er war die ganze Nacht von Haus zu Haus gezogen. Der herrliche Kaffee, den er überall bekommen hatte! Es war noch nicht zehn Uhr des Morgens, und doch hatte er es an „diesem Morgen“ bereits fertig gebracht, vierundzwanzig große Tassen Kaffee zu trinken. Es hatte auch allerlei gegeben, was stärker war, was er freilich verschwieg, obwohl es aus seinen Augen und seiner Rede sprach. Ein solches Weihnachtsfest hatte er noch niemals erlebt! Es war alles zu herrlich gewesen.
Bald nach Mittag gingen nach guter alter Sitte alle am Platze ansässigen erwachsenen Grönländer, Frauen wie Männer, bei den Europäern herum, um ihnen die Hand zu schütteln und ein fröhliches Weihnachtsfest zu wünschen, worauf man nur „ivdlitlo“ d. h. „Du auch“ zu antworten hat, was freilich einförmig genug werden kann, wenn es zu mehr als fünfzig Menschen wiederholt werden soll.
Zum Nachmittag um 3 Uhr waren die vornehmsten von den in der Kolonie ansässigen Grönländern, die Katecheten, der Buchdrucker, die Kifaker (d. h. im Dienste der Handelscompagnie Angestellte), sowie die Fänger sämmtlich mit ihren Frauen zu dem Koloniedirektor eingeladen, um mit Kaffee, Schokolade und Kuchen traktirt zu werden. In ihrem besten Feststaat kamen sie Alle, begrüßten die Gastgeber und setzten sich ruhig an die Wände. Es ging sehr feierlich zu, was ja auch kein Wunder war, denn sie befanden sich jetzt in dem Gesellschaftssalon des Nevertoup (d. h. Kaufmann), eines der hohen Herren. Bald verbreitete sich indessen eine gemüthlichere Stimmung über die Versammlung. Die Bewirthung übte hier wie gewöhnlich ihre Wirkung aus. Einer von den Grönländern, der in Kopenhagen gewesen war und der seinen Landsleuten zeigen wollte, wie es in der großen Welt zuging, bot einer der hervorragenden grönländischen Damen den Arm, mit einer sehr ungeschickten Verbeugung. Sie verstand natürlich dies Manöver nicht, und er mußte sie mit Gewalt mit sich schleppen, um sie, wie er sich ausdrückte an einen würdigeren Sitz weiter in die Stube hineinzuziehen. Nachdem dies besorgt war, wandte er sich an mich, um mir auseinanderzusetzen, wie dumm seine Landsleute seien, und wie sie geleitet werden müßten, wenn es sich um den feineren geselligen Ton handelte. „Jetzt können Sie,“ sagte er, „meine Frau nehmen und sie an einen Ehrenplatz führen.“ Ich dankte ihm für die mir zugedachte Ehre und bedauerte, daß ich mich deren nicht würdig fühle. Der Mann hatte an jenem Abend übrigens etwas im Kopf.
Er gehörte zu den wenigen Grönländern, denen am Fest Branntwein geschenkt werden durfte. Infolgedessen war er während der Festzeiten selten ganz klar. Des Nachts war er ganz unmöglich, so daß seine niedliche kleine Frau das Haus verlassen oder auf dem Boden schlafen mußte, obwohl sie sich nach Kräften dagegen zu wappnen suchte, indem sie Zeichen machte und Amuletts unter die Stuhlsitze befestigte, damit der Mann in der Trunkenheit gut sein sollte, so wie es der grönländische Aberglaube erheischt.
Endlich verabschiedete man sich und zog weiter auf der heiligen Weihnachtswanderung, um in einem andern Hause von neuem wieder zu beginnen.
Am dritten Weihnachtstage gab der Koloniedirektor ein Gastmahl für die Kifaker und die besten Fänger der Kolonie. Man hatte zu diesem Zweck einen Raum im Krankenhause gemiethet, und dort wurde mit grauen Erbsen, Schweinefleisch, gesalzenem Rennthierfleisch und Branntwein und Apfelkuchen als Dessert traktirt. Später gab es Punsch, Kaffee und Cigarren. Zu dergleichen Bataillen stellte man sich mit Teller, Tasse oder Schüssel, einem Löffel und einem Punschgefäß bewaffnet ein. Was man von seiner zuertheilten Portion nicht verzehrt, nimmt man mit nach Hause für Frau und Kinder, die sich häufig auch während der Mahlzeit einfinden, um sich ihren Antheil zu holen.
Erst spät am Abend endete dies Fest, das mit Tanz und Lustbarkeit in der Böttcherwerkstatt beschlossen wurde.
[93] Taterat ist eine Mövenart.
Eskimo-Wohnung im Winter. (Vom Verfasser.)
Kapitel XXX.
Tagebuchaufzeichnungen aus Sardlok und Kangek.
6. Februar. Ich wohne in einer Erdhütte, halb unter der Erdoberfläche, der Raum ist sehr niedrig, ich kann nur so eben aufrecht stehen. In die Hütte hinein gelangt man, wie dies bei allen Eskimowohnungen der Fall ist, durch einen langen, noch tiefer liegenden Hausgang, der so niedrig und eng ist, daß man, um hindurch zu kommen, fast auf allen Vieren kriechen muß. Das Haus ist völlig vom Schnee begraben. Das Einzige, was ich sehen kann, ist ein Stückchen vom Fenster, das, so weit es sich machen läßt, von Schnee frei gehalten wird, sowie das Loch, durch das man in den Hausgang hinabkriecht.
Es war schon längst meine Absicht gewesen, nach Sardlok zu reisen, und da der Doktor im Januar hierher mußte, um sich nach einem Kranken umzusehen, so reiste ich in Begleitung meines Freundes Joel mit. Sardlok liegt drei Meilen von Godthaab entfernt, es war eine ungewohnte Bewegung für die Arme, und die gezwungene Stellung der gerade ausgestreckten Beine im Kajak war sehr ermüdend für den noch ungeübten Ruderer. Als der Nachmittag kam, dachte ich deswegen nicht ohne Sehnsucht an das Ziel unserer Reise.
In Joel hatte ich indessen, wie der Leser weiß, einen munteren Gefährten. Bald sang er Lieder, bald erzählte er eine Menge unverständliches Zeug über die Orte, an denen wir vorüber kamen, bald machte er, wenn er eine Schar Eidergänse fliegen sah, ganz entsetzliche Anstrengungen, um die Büchse aus dem Kajak herauszuholen, was ihm jedoch nur einmal rechtzeitig gelang, und da schoß er vorbei (er war gerade kein Meisterschütze), bald brüllte er, daß er ans Land müsse, und dann ruderte er, was das Zeug halten wollte, um seinen Kajak zu entleeren. Derselbe war halb voll Wasser, da er sich wie die ganze übrige Person in einem sehr schlechten Zustand befand und grausam leckte.
Der Abend war dunkel. Drohend standen der „Sattel“ und die übrigen Berge da und verschlossen die Ostseite des Fjords, während über uns die Sternenwölbung funkelte. Wir ruderten schweigend nebeneinander, außer dem Plätschern der Ruder und dem Rieseln des Wassers gegen die Kajakwände war kein Laut zu vernehmen.
Endlich, als wir an einer Landzunge vorübergekommen waren, schien uns ein Licht vom Lande her freundlich entgegen, und wir befanden uns am Ziel. Der Doktor war etwas vor uns angekommen.
Es hat seinen eigenen Reiz, durch den Hausgang zu kriechen, in die kleinen aber gemüthlichen Räume zu gelangen und mit der den Eskimos eigenen Gastfreiheit empfangen und gepflegt zu werden. Ich halte mich in dem Hause des alten Katecheten Johan Ludwig auf. Außer ihm und meiner Wenigkeit wohnt hier seine Gattin, eine Tochter und ein junger Sohn. Johan Ludwig erzählte mir mit sichtlichem Stolz, daß sein Großvater ein Norweger gewesen, der wegen seiner ungeheueren Stärke sehr berühmt war. Er selber war früher ein sehr tüchtiger Fänger, jetzt war er aber über 70 Jahre alt und ging nicht mehr auf Fang aus. Er hat mehrere Söhne gehabt, die tüchtige Fänger waren, zwei von ihnen sind jedoch im Kajak umgekommen. Jetzt ist nur noch ein 18jähriger Sohn bei ihm zu Hause, der aber kein guter Fänger ist. Die Eltern sind zu besorgt, um ihn hinaus zu lassen.
Der „Sattel“, Gebirgsstock nördlich von Godthaab.
(Nach einer Photographie von C. Ryberg.)
Der vierte Sohn,[94] Johannes, der einmal der Stolz der Familie gewesen, lag jetzt, als wir kamen, bleich und abgemagert auf der Pritsche. Er litt an Schwindsucht. Er hatte einen zehrenden Husten und konnte fast nichts genießen, aber während er so dort lag, ohne jegliche Hoffnung, jemals wieder von seinem Krankenlager zu erstehen, weilten doch alle seine Gedanken bei der Jagd und dem Leben in freier Luft. Die Erinnerung an alte Zeiten, als er der erste Fänger des Ortes gewesen, tauchten wieder in seiner Seele auf, und wenn der Husten es gestattete, wurde er nicht müde, von seinen Heldenthaten zu erzählen. Dann glänzten seine Augen, ein Lächeln umspielte seine Lippen, er saß abermals im Kajak, er sah den Seehund, er erhob den mageren, kraftlosen Arm, um zu harpuniren, er bugsirte sein Fahrzeug durch Wind und Wellen. Dann kamen die Hustenanfälle, er spie Blut und sank auf das Kissen zurück, schöne Traumgebilde umgaukelten ihn, er warf die Harpune zum letztenmal.
Der Arzt nahm ihn mit, um ihn im Krankenhaus zu Godthaab zu pflegen. Jetzt hat er ausgelitten.
Im Hause nebenan liegt Johannes’ Vetter, Justus; auch er war einstmals einer der besten Fänger von Sardlok, liegt jetzt aber noch elender an Schwindsucht darnieder als Johannes und macht es wohl nicht mehr lange.[95] Beide hinterlassen eine Familie. Der Letztere hat mehrere hoffnungsvolle Söhne, Justus dagegen hat nur einen. Es ist unheimlich, zu sehen, wie dies arme Volk von dieser schleichenden Krankheit dahingerafft wird.
Es ist gerade kein sehr thatenreiches Dasein, das ich hier führe, ich werde immer mehr zum echten Eskimo. Ich lebe das Leben dieses Volkes, esse ihre Speisen, lerne ihre Leckerbissen schätzen, wie rohen Speck, rohe Hellbutthaut, wintergefrorene Krähenbeeren mit ranzigem Speck etc.
Ich schwatze mit ihnen, so gut ich kann, rudere mit ihnen im Kajak, fische, schieße, gehe mit ihnen auf die Jagd, kurz es wird mir klar, daß es nicht ganz unmöglich für einen Europäer ist, ein Eskimo zu werden, wenn ihm nur die nöthige Zeit dazu gelassen wird.
Unwillkürlich fühlt man sich wohl in der Gesellschaft dieser Menschen. Ihr unschuldiges, sorgloses Wesen, ihre anspruchslose Zufriedenheit und Güte wirken ansteckend und vertreiben allen Mißmuth, alles unruhige Sehnen.
Es war meine ursprüngliche Absicht, auf Rennthierjagd zu gehen, ich war auch eines Tages auf Schneeschuhen aus, da ich aber keine Spur entdecken konnte, gab ich es seither auf. Mein größtes Vergnügen war es, Hellbutt zu fangen. Es giebt kein interessanteres Fischen, als diese großen, kräftigen Thiere, die im stande sind, ein Boot zum Kentern zu bringen, in dem schmalen Kajak sitzend, aus dem Wasser zu ziehen.
Man kann lange, ja häufig tagelang, daliegen, ohne einen einzigen Biß zu haben, und gewöhnlich ist das keine Kleinigkeit bei einer Kälte von 20° und einem beißenden Nordwind, der oft mit Schnee vermischt ist; man muß sich sehr in acht nehmen, daß nicht ein kleinerer oder größerer Theil des Gesichts abfriert.
Das Fischen der Hellbutt.
(Von A. Bloch nach einer oberflächlichen Skizze des Verfassers.)
Beißt der Fisch aber endlich, so ist alles vergessen. Man fühlt aber in der Regel nicht sofort einen heftigen Ruck, es ist mehr, als wenn die Schnur mit langsamer aber unwiderstehlicher Kraft hinabgezogen wird, dann werden die Rucke fühlbarer, in einem Nu fährt das Ruder unter den Riemen[96], man ergreift die Leine mit beiden Händen und zieht so hart und so heftig daran, wie man nur irgend kann, wiederholt das mehrmals, dann kann man fühlen, ob der Fisch noch da ist; ist dies der Fall, und zuckt er wieder, so zieht man abermals an, dies wiederholt sich einmal über das andere, man sieht zuletzt aus wie ein Rasender, aber es gilt, fest zuzugreifen und wenn sich das Ziehen durch hundert Klafter Angelleine fortpflanzen soll, so muß es schon recht kräftig geschehen. Endlich hat der Fisch fest genug angebissen, und man beginnt, die Leine aufzuziehen. Es ist nicht leicht, denn der Fisch widerstrebt heftig, und die Leine ist lang, die Arme werden lahm dabei. Die Leine wird regelrecht auf dem Kajak hingelegt und um sie vor dem Zusammenfrieren zu bewahren, mit Seewasser besprengt. Falls der Fisch abermals zu Grunde gehen und mit der ganzen Leine fortlaufen sollte, wirft man die Blase, welche an das eine Ende der Leine befestigt ist, neben dem Kajak aus, man läßt den Fisch dann ruhig laufen, folgt der Blase, die oben auf dem Wasser schwimmt und nimmt die Leine erst wieder auf, wenn der Fisch matt geworden ist.
Es ist wunderbar, wie lang eine Schnur sein kann, wenn man einen Hellbutt aufzieht. Endlich merkt man, daß das Ende da ist, man sieht, wie die Leine den Bewegungen des Thieres folgt, der Widerstand wird stärker, man vermag es kaum mehr zu halten, Zug für Zug geht es in die Höhe, jetzt kommt der Senkstein, — noch ein Zug, und nun ragt ein mächtiger Fischkopf über dem Wasser empor, mit einem Maul und ein paar Augen, daß einem angst und bange davor werden kann. Man greift nach der Holzkeule, die hinten auf dem Kajak liegt und versetzt ihm, wenn es möglich ist, einige tüchtige Schläge auf den Hirnkasten. Mit einem verzweifelten Ruck fährt der Kopf unters Wasser und in pfeilschneller Fahrt gehts wieder auf den Grund. Wehe Dem, der die Leine dann nicht in Ordnung hat, so daß es irgend wo hapert. Ist dies der Fall, so wird man, ehe man sichs versieht, mit dem Kajak rund herum gedreht. Ist der Fisch auf den Grund gekommen, so vermindert sich die Schnelligkeit, und man kann abermals anfangen, aufzuziehen. Man zieht ihn zum zweitenmal an die Oberfläche, aber möglicherweise geht er nochmals auf den Grund. Es ist keine leichte Arbeit, einen Hellbutt drei- bis viermal aus einer Tiefe von hundert Klaftern an die Oberfläche zu ziehen. Endlich gelingt es, ihn ganz in die Höhe zu ziehen und ihm einige wohlgezielte Schläge zwischen die Augen zu versetzen. Das Thier wird matter, man schlägt so hart und so schnell wie möglich darauf los, es macht noch einige verzweifelte Versuche, hinab zu tauchen, allmählich aber betäuben es die Schläge. Man steckt nun das Messer ins Gehirn und Rückenmark. Dann wird die Fangblase an seinem Mund befestigt, um es an der Oberfläche schwimmend zu halten; man nimmt die Schnur, die an dem Fisch befestigt ist, zwischen die Zähne und rudert dem Lande zu. Ich muß gestehen, daß mir dies Bugsiren das Unangenehmste von der ganzen Geschichte war, denn jedesmal, wenn der Kajak auf den Kamm einer Welle gehoben wurde, hielt die Schnur plötzlich gegen, und es gab einen Ruck in den Zähnen, so daß ich häufig glaubte, sie würden mir aus dem Munde gerissen. Dies kann ein Eskimo wahrscheinlich nicht verstehen, denn ihm hat die Natur so feste Zähne gegeben, daß er ohne alle Schwierigkeit Nägel damit ausziehen kann.
Sobald man ans Land gekommen ist, wird der Hellbutt sorgfältig derartig an die Seitenwand des Kajak gebunden, daß er aufrecht im Wasser steht, mit dem Kopf voran, um beim Bugsiren so wenig Schwierigkeit wie möglich zu verursachen; dann geht es heimwärts.
Ein solcher Fang ist übrigens nicht zu verachten. Diese Fische wiegen 100–200 Kilogramm und bieten im Winter, wo es an anderem Fang gebricht, eine vorzügliche Nahrung. Von den beiden Fischen, die ich fing, lebten wir fünf Menschen ungefähr drei Wochen und hatten während der ganzen Zeit fast keine andere Speise.
Als wir eines Tages bei stillem Wetter auf dem Fangplatz lagen, verdunkelte sich der Himmel plötzlich im Süden und ein Südwind zog herauf. In größter Eile sammelten Alle ihre Fangleinen, ehe wir aber noch damit fertig waren, brach das Unwetter los, — zuerst kamen ein paar gelindere Windstöße, die aber bald an Heftigkeit zunahmen. Die See brauste schwarz-weiß heran, und bald war die eben noch spiegelblanke Fläche in ein einziges Schaummeer verwandelt. Strömung und See kämpften miteinander, grünlich-weiße Wellen rollten daher, die Kajaks verschwanden gänzlich in den Wellenthälern. Wir mußten an Land rudern, um unseren Fang und uns selber in Sicherheit zu bringen, und quer durch die Wellen hindurch ging es, so schnell unsere Ruder uns vorwärts zu zwingen vermochten.
Für die Grönländer war dies ja natürlich etwas ganz Alltägliches, für mich aber hatte es das ganze Interesse der Neuheit, und meine Fertigkeit im Kajakrudern wurde auf eine harte Probe gestellt. Man mußte die schweren Sturzwellen aufmerksam verfolgen. Schlug so eine über den Kajak dahin, ehe das Ruder auf der Windseite fertig war, so konnte man auf das Allerschlimmste gefaßt sein.
Wir hielten uns hart an der Küste, um Schutz zu suchen. Den Wind im Rücken, ging es nun mit fliegender Fahrt nordwärts, aber es ist noch schwieriger als vorhin, die Wellen kommen hinter uns her gerollt, und man muß das Ruder mit der größten Vorsicht handhaben, um nicht umgeworfen zu werden. Da kommt eine schwere Sturzsee, ein paar schnelle Ruderschläge, das Ruder flach auf der einen Seite, und das Hintertheil des Kajaks wird hoch in die Höhe gehoben, man legt sich aber hinten über, die Welle bricht sich, man bekommt sie wie einen Schlag in den Rücken, hoch spritzt das Wasser über dem Kopf auf und man fühlt sich auf der Spitze des schäumenden Wellenkammes durch die Luft geschleudert. Dann rollt sie weiter, man sinkt hinab in das Wellenthal, dann wieder ein paar schnelle Ruderschläge, eine neue Sturzsee und man wird wieder dahin getragen.
Ich hatte einen guten Begleiter und Lehrmeister in Eliase, der sich stets so nahe an meiner Seite hielt, wie die Wellen es gestatteten. Bald jagte er wie ein Sturmwind an mir vorüber auf dem Kamm einer Welle reitend, bald überholte ich ihn auf einer anderen Woge. Es war ein Tanz mit den Wellen und ein Spiel mit Gefahren.
Dann wurde das Ufer höher, und wir kamen in Schutz, ein Eisgürtel legte sich uns aber hindernd in den Weg. Hindurch mußten wir, da galt es denn, die Kajaks in acht zu nehmen, daß sie nicht zwischen den unruhigen Eisschollen zerdrückt wurden. Wir entdeckten eine kleine Oeffnung; der Augenblick mußte ausgenutzt werden, und mit ein paar raschen Ruderschlägen trieb ich den Kajak auf dem Kamm einer großen Welle glücklich hindurch.
Terkel, Sardloks stolzer Fänger, und sein Bruder Hoseas hatten jeder ihre Hellbutt im Schlepptau, und sie kamen erst eine Weile nach uns in den Schutz. Wir hofften, daß der Wind sich ein wenig legen würde, während wir die Beute an den Kajaks befestigten und andere Vorkehrungen trafen, aber es trat keine Veränderung ein, und wir mußten wieder ins Unwetter hinaus, um nach Sardlok zu gelangen. Da wir aber den Wind mit uns hatten, ging es schnell, und wir befanden uns bald im sichern Hafen.
Ich werde oft in die andern Häuser zum Hellbuttessen eingeladen, nachdem ich mich schon zu Hause darin satt gegessen habe, und muß dann essen, so lange der Magen es annehmen will. Besonders oft bin ich in Terkels Haus, welches das größte hier am Ort ist. Neulich abends, als ich dort saß, ward ich Zeuge eines eigenthümlichen Schauspiels. Hoseas’ Sohn, der etwas über ein Jahr alt war, tanzte den „Mardleck“ mit Terkels dreijährigem Töchterchen. Der kleine Bursche tanzte im bloßen Hemd, das ihm bis an die Mitte des Magens reichte, die Arme hielt er steif vom Leibe ab und mit der ernstesten Miene von der Welt hüpfte er bald auf dem einen, bald auf dem andern Bein, dann drehte er sich rund herum, alles in vollständig richtigem Takt mit der Musik, die aus Gesang bestand, und immer mit der gleichen Miene das kleine, hübsche Mädchen anschauend, die ihr Haar und ihre Kleidung genau so trug wie eine erwachsene Grönländerin und dabei ein so kokettes Gesicht aufsetzte, als sei es nicht das erste Mal, daß sie mit Herren zu thun habe. Der ganze Anblick war unwiderstehlich lächerlich. Die eskimoischen Kinder sind sehr früh entwickelt.
Terkel, der beste Seehundsfänger in Sardlok.
(Von A. Bloch nach einer Photographie von C. Ryberg.)
Kajaks in offener See.
(Von Th. Holmboe nach einer oberflächlichen Skizze des Verfassers.)
Am 14. Februar kehrte ich wieder nach Godthaab zurück, nachdem ich mich ungefähr einen Monat in Sardlok aufgehalten hatte. Unsre Reisegesellschaft bestand außer Joel und mir noch aus Hoseas aus Sardlok. Alle Kajaks waren mit Hellbuttfleisch, Vögeln und dergl. schwer belastet. Deswegen war es kein leichtes Rudern, als wir von einem heftigen Westwind überfallen wurden. So lange wir uns an dem westlichen Ufer hielten, ging es einigermaßen gut, da der Wind hier keine Macht hatte, als wir aber über den Godthaaber Fjord setzten, wurde es schlimmer. Je mehr wir uns vom Lande entfernten, desto höher wurden die Wellen und wir verschwanden gänzlich zwischen ihnen. Als es nun auch anfing zu schneien, so daß wir nicht die Hand vor Augen sehen konnten, wurde es den Eskimos bedenklich und sie riefen mir zu, daß wir umwenden müßten, um wieder unter den Schutz des Landes zu kommen. Ich war der Meinung, daß es trotz des Schneetreibens leicht sein müsse, das gegenüberliegende Ufer zu erreichen, und bestand darauf, daß wir es noch eine Weile versuchen wollten, es ging auch noch eine Zeit lang, die Wellen kamen halb von hinten, aber es wurde von Minute zu Minute schlimmer, und nun halfen keine Bitten mehr, sie riefen mir wieder etwas zu, was ich nicht verstand und wandten sich dann um, ohne meine Antwort abzuwarten. Wir arbeiteten gegen den Wind nach dem Lande zurück, wo wir im Schutz lagen, und warteten ab, ob sich das Wetter nicht ändern würde. Unsere Bootslast, die hinten auf den Kajaks lag, wurde an Land gebracht und mit Steinen und Schnee belastet, da wir sie am folgenden Tage, wenn das Wetter es erlaubte, abholen wollten. Es ist nicht gut, die Kajaks bei Seegang zu sehr zu belasten, weil sie dann dem Kentern zu leicht ausgesetzt sind. Als das Schneetreiben sich ein wenig verzogen und der Wind sich gelegt hatte, machten wir uns wieder auf den Weg und gelangten glücklich über den Fjord nach Godthaab.
Kangek, 28. Februar.
Heute schreiben wir den 28. Februar — auch dieser Monat ist schon zu Ende. Vielleicht noch einer — dann kommt das Schiff und dann geht es fort von diesem Leben und diesen Menschen auf Nimmerwiedersehen.
Aber das läßt sich nicht ändern, deswegen ist es am besten, den Gedanken daran fahren zu lassen.
Es ist so frisch hier draußen am Rande des Meeres. Die Wellen stehen mit voller Kraft aufs Land, sie spielen mit dem Kajak, als sei es ein Knäuel Garn, brausen schäumend weiß dahin und donnern gegen Klippen und Felsen, während der Schaum hoch hinaufspritzt bis über das schneebedeckte Land.
Es ist ein herrliches Leben, Wind und See bespülen die Wange, während Hirn und Muskeln sich in steter Spannung befinden, um den Kajak auf den rechten Kiel zu halten, und das Auge nach der Windseite ausspäht, um die Sturzsee jedesmal richtig abzupassen. — — —
Und dann die Nächte, die oft ganz still sind, still und schweigend stehen die Felsen da, sich schwarz von dem weißen Schnee und dem Meere abhebend, das in melancholischem Takt gegen das Ufer schlägt und in dem sich ein schwacher Widerschein des dunklen sternenglitzernden Himmels widerspiegelt. Hin und wieder huscht ein glänzendes Nordlicht, bald in bläulichem, bald in röthlichem, in gelbem, dann wieder in bläulichem Schein über das nächtliche Firmament, bald als wogende, stets wechselnde Bänder, bald als Flammen an dem südlichen Himmel dahinrollend, sich bald in blendenden Strahlenbündeln sammelnd; es brennt und leuchtet, breitet sich aus, sammelt sich wieder und verschwindet. Dann kommen neue Feuergarben, neue Flammen sprühen auf — es ist ein ewiger Wechsel, stets dasselbe, und doch stets etwas Neues — gleich räthselhaft und fesselnd —, das Meer aber rollt wie vorhin in schweren Wellenschlägen gegen das Ufer.
Vor kurzem war ich in Sardlok, jetzt bin ich hier draußen — und weshalb? Ich weiß es nicht. Vielleicht warte ich auf den Frühling, wo die Tage länger werden, die Sonne wärmer scheint und der Schnee schmilzt. Ich fühle mich ihm hier draußen gleichsam näher gerückt, wenn er vom Süden her übers Meer gezogen kommt, werde ihn aber doch nicht mehr hier oben erleben, trotzdem aber ist es wohlthuend, zu sehen, wie die Tage länger werden, zu sehen, wie das Meer in der höher aufsteigenden Sonne erglänzt, sie beinahe wärmend zu fühlen, und mit dem grauenden Tag auf Fang auszuziehen, gegen Abend heimzukehren, ohne daß der Tag schon zu Ende ist. Die menschliche Gesellschaft, ihre großen Gedanken und ihr großes Elend — alles liegt gleich fern — nur das Gefühl der Freiheit, die reine Freude am Leben ist geblieben.
Am 17. Februar kam ich hier heraus. Es ist ein guter Ort, um sich im Kajakrudern zu üben. Die Strömung ist reißender als sonst irgendwo, sie stürzt zwischen den Scheeren und an den Landzungen vorüber wie ein Fluß, und wo sie den großen Wellen draußen in dem offenen Meer begegnet, da thürmen diese sich auf und zischen wild in die Höhe. So ist es denn kein Wunder, daß die Kangeken die besten Kajakruderer hier in der Gegend sind, und schwerlich findet man ihres gleichen in ganz Grönland. Auf dem offenen Meere suchen sie ihren Erwerb, oft setzen sie dabei das Leben aufs Spiel, Viele kommen um, aber unberührt davon bewegen sie sich tagaus, tagein auf dem tückischen Element. Es ist ein Vergnügen, sie mit den hohen Wellen tummeln zu sehen, die gleich galoppirenden Pferden mit ihnen herangestürmt kommen, die flatternden Mähnen mit weißem Schaum bedeckt. Keine Welle ist ihnen zu hoch. Kommt ihnen einmal eine Sturzsee zu schwer heran, so stemmen sie die Seite des Kajaks dagegen, stecken das Ruder unter den Riemen an der Windseite, beugen sich tief über den Kajak und lassen die Sturzwelle über sich hinrollen, oder sie legen auch das Ruder flach gegen die Windseite und indem die Welle sich bricht, wälzt sich der Ruderer mitsamt seinem Kajak in den Abgrund hinab und schwächt dadurch ihre Macht. Sobald sie vorübergerollt ist, richtet er sich wieder auf dem Ruder auf. Man hat mir erzählt, daß die wirklich überlegenen Kajakruderer noch einen anderen Kunstgriff haben. Ist eine Welle so hoch, daß sie sie nicht auf andere Weise zu bezwingen glauben, so kentern sie ihren Kajak in demselben Moment, wo die Welle sich über sie ergießt, und lassen den Boden den Stoß aufnehmen, ist die Welle vorüber, so richten sie sich wieder auf.
Die Stöße, welche eine solche Welle versetzen kann, müssen oft sehr heftig sein. Es wurde mir erzählt, daß ein Mann durch eine Welle, die mit ihrer ganzen Gewalt über ihn hereinbrach, derartig auf den Kajak gedrückt wurde, daß er eine Rückgratsverletzung davon trug, die ihn fürs Leben zum Krüppel machte. Trotzdem kenterte er aber nicht. Es ist bewunderungswerth, welche Geistesgegenwart und Herrschaft über die Kajaks diese Eskimos besitzen!
Ein Kajakmann läßt eine Sturzwelle über sich hinrollen.
(Von A. Bloch nach einer oberflächlichen Skizze.)
Anton, ein hervorragender Fänger aus Karusuk (einem tief in den Fjord hineingelegenen Wohnort), kam eines Tags auf Fang nach Kangek. Die See war sehr erregt, und, unbekannt wie er war, jagte er auf einer Welle über eine Untiefe dahin. Plötzlich saß er fest und im nächsten Augenblick stürzte sich eine neue Welle über ihn. Er glaubte, daß es mit ihm aus sei, beugte sich aber vorüber, klemmte das Ruder gegen den Kajak und verschwand unter dem schäumenden Wasser. Als die Sturzsee sich verlaufen hatte, war auch Anton wieder flott geworden und schoß in seinem Kajak dahin, genau so überlegen wie vorher.
Hauptsächlich betreibe ich hier Jagd auf Eidergänse. Man hat dazu die beste Gelegenheit hier draußen bei einigen kleinen Inseln und Werdern, die Jemerigsek genannt sind.
Simon, Katechet und Seehundsfänger von Kangek.
(Nach einer Photographie von C. Ryberg.)
Man schießt die Eidergänse hier gewöhnlich auf andere Weise als in Godthaab, indem man selber umherzurudern und die Vögel aufzusuchen pflegt. Bemerkt man Eidergänse auf dem Wasser, so hält man sich auf der Windseite und nähert sich ihnen, soweit man kann. In der Regel kommt man ihnen jedoch nicht sehr nahe, bevor sie auffliegen, da sie aber gegen den Wind auffliegen müssen, so sehen sie sich gewöhnlich gezwungen, in Schußweite an den Kajaks vorüber zu kommen. Da gilt es denn, eine solche Stellung einzunehmen, daß sie an der richtigen Seite vorüberfliegen und man zum Schuß kommen kann. Ein Mensch, der nicht links zu schießen versteht, kann nämlich nicht rechts schießen, wenn er im Kajak sitzt, sondern muß die Vögel gerade vor sich oder auf der linken Seite haben. Der Kajak gestattet keine großen Schwenkungen. Wenn die Vögel auffliegen und man sieht, welche Richtung sie einschlagen, muß man also, wenn der Kajak nicht die richtige Lage hat, ihn in aller Eile wenden, das Ruder unter den Riemen stecken, den rechten Fausthandschuh abziehen, die Büchse aus dem Sack holen und an die Wange legen — dann knallt der Schuß! Will man aber Aussicht auf Erfolg haben, so muß dies alles Sache eines Augenblicks sein, und bei hoher See muß man so verwachsen mit seinem Kajak sein, daß man die Büchse ebenso sicher hantirt als auf dem Lande, natürlich darf man, wenn der Schuß knallt, nicht kentern. Viele von den Kangeken haben diese Jagd zu einer großen Vollkommenheit gebracht. Ich habe sie bei hohem Seegang ihr Dutzend Eidergänse und mehr schießen sehen, und zwar indem sie nur auf einzelne Vögel zielten. Zuweilen ging ich mit einem Fänger Namens Pedersuak — der große Peter — weit in See hinaus. Er war ein guter Vogelschütze, und ich habe oft mit ihm um die Wette geschossen, zog aber zu seinem Entzücken gewöhnlich den Kürzeren dabei. Eines Tages, als wir zusammen auf der See lagen, kamen zwei Eidergänse in voller Geschwindigkeit mit dem Winde daher geflogen. Sie befanden sich außerhalb meiner Schußweite, flogen aber in der Richtung auf Pedersuaks Kajak zu. Ich machte ihn auf sie aufmerksam, er bemerkte sie auch, ließ sie aber ruhig an sich vorüberfliegen, ich konnte gar nicht begreifen, was er damit beabsichtigte, plötzlich aber erhob er die Büchse, es knallte und beide Vögel fielen. Er erklärte mir später, er habe nur gewartet, um sie beim Schießen auf einer Linie zu haben. Ich hielt das Ganze für einen bloßen Glückszufall, aber wir hatten gar nicht lange gerudert, als abermals zwei Eidergänse genau so wie vorhin herangeflogen kamen, diesmal aber noch in besserer Schußweite für Pedersuak. Er steckte das Ruder unter den Riemen und hielt die Büchse bereit, jedoch ohne zu schießen. Endlich als sie längst vorüber waren, knallte ein Schuß, und abermals fielen die beiden Vögel. Ich habe das später häufig erlebt, ja ich habe sogar drei Vögel, die zusammen dahergeflogen kamen, auf einen Schuß fallen sehen, indem der Schütze den Augenblick abwartete, wo sie aneinander vorbei flogen und sich alle auf einer Linie befanden. Die Eskimos schießen nur mit einer Mundladebüchse, die sie indessen gut zu laden wissen und mit der sie in einer ganz unbegreiflichen Entfernung treffen können. Oft, wenn ich mit ihnen auf Jagd gerudert war, unterließ ich es, auf die vorüberfliegenden Vögel zu schießen, weil mir der Abstand viel zu groß erschien, dann aber hat ein Eskimo neben mir sofort angelegt, gezielt und den Vogel getroffen. Es ist gar nicht leicht, diese Büchsen zu laden, wenn die See über die Kajaks hereinbricht; man legt sie mit dem Kolben vorn auf den Kajak und kehrt die Mündung dem Gesicht zu oder stützt sie auf die Schulter, während man Pulver, Zündhütchen etc., das man, nur um es trocken zu halten, in der Mütze aufbewahrt, hervorholt. Auf diese Weise kann man sich selbst bei dem stärksten Seegang so einrichten, daß kein Wasser in den Büchsenlauf kommt. Zur Aufbewahrung der Büchse, die man am liebsten immer bei der Hand hat, dient ein oben auf dem Vordertheil des Kajaks liegender Sack.
Tobias, einer der besten Seehundsfänger von Kangek.
(Nach einer Photographie von C. Ryberg.)
Boas, einer der besten Seehundsfänger in Kangek.
(Nach einer Photographie von C. Ryberg.)
Eine andere Art der Vogeljagd, die, falls man Uebung darin hat, im Grunde ein noch größerer Sport ist, wird mit dem Vogelpfeil betrieben, doch ist hierzu noch mehr Uebung erforderlich. Hierin sind jedoch die Kangeken wahre Meister. Es ist ein wahres Vergnügen, sie ihre Vogelpfeile werfen zu sehen.
Nach einem dreiwöchentlichen Aufenthalt in Kangek kehrte ich wieder zurück. Bei der Gelegenheit erhielt ich einen guten Beweis von dem Aberglauben der Grönländer. Als ich in Godthaab ankam, wurde ich wie gewöhnlich von einer ganzen Schar von Grönländerinnen empfangen. Ich muß unfreundlicher und wortkarger als gewöhnlich gewesen sein, vielleicht war ich auch, da ich den ganzen Tag auf Jagd nach Vögeln umhergestreift hatte, ermüdet. Die Grönländerinnen waren sich aber sofort darüber einig, daß ich einem großen, unheimlichen Kobold begegnet sein müsse oder einem Wesen, das auf den Inseln da draußen hausen und den einsamen Kajakmännern erscheinen soll, die sich in die Nähe dieser Inseln wagen (sie nennen dies Wesen Tupilik, weil es in der Form einem Zelt gleicht). Kehren die Jäger heim, nachdem sie dies Wesen gesehen haben, so pflegen sie noch lange nachher stumm zu sein. Hieran glauben die Grönländer steif und fest, und die Kajakmänner nähern sich aus diesem Grunde niemals allein diesen Inseln und wollten es auch mir nicht erlauben, so viel allein umherzustreifen, wie ich es that, jetzt hofften sie, daß ich mein Lehrgeld bezahlt hätte.
[94] Man lese nur die Beschreibung, die Lieutenant Bluhme im Jahre 1864 von ihm macht.
[95] Er starb noch bevor wir Grönland verließen.
[96] Das Ruder wird unter den an dem Kajak befestigten Querriemen gesteckt, so daß es gegen die Seitenwand des Kajaks liegt. Durch den Widerstand, welchen das Ruderblatt im Wasser leistet, trägt das Ruder sehr dazu bei, die Lage des Kajaks zu befestigen.
Kapitel XXXI.
Abermals auf dem Wege nach dem Inlands-Eise. Umiarsuit! Umiarsuit! (Schiff! Schiff!) Die Heimreise.
ir hatten uns lange mit dem Gedanken getragen, wenn der Frühling kommen würde, eine Schneeschuhtour über das Inlandseis zu unternehmen, um zu untersuchen, ob diese Jahreszeit nicht die geeignetste zur Befahrung der äußeren Theile des Eises sei. Nach allem, was wir schon im September gesehen hatten, schien es, als ob alle Spalten und Risse im Laufe des Winters durch starke Schneefälle und anhaltende Winde ausgefüllt und geebnet werden müßten.
Ich war deswegen der Ansicht, daß künftige Schiffsexpeditionen, deren Zweck es ist, den äußeren Rand des Inlandseises zu untersuchen, hauptsächlich die Monate April, Mai und vielleicht auch die erste Hälfte des Juni benutzen müssen. Man wird da sicher verhältnißmäßig leicht die meisten Stellen des äußeren Inlandseises befahren können, ohne im wesentlichen von den vielen Unebenheiten und Spalten gehindert zu werden, die später im Jahr bloßgelegt werden und die durch die Wirkung der Sonne und das Schmelzen des Schnees entstehen. Wenn man zu einer solchen Untersuchung ein eigens dazu eingerichtetes Schneesegelboot benutzte, das sicher große Vortheile bieten würde, so wäre ebenfalls der Frühling und der Vorsommer die günstigste Zeit, da alsdann außer einer guten Schlittenbahn auch noch der Wind zu statten käme. Möglicherweise könnte man mit einem solchen Fahrzeug ohne große Schwierigkeit den ganzen Rand des Inlandseises von dem südlichen Theil bis nach Norden hinauf, ja vielleicht auch selbst die nördliche Spitze besegeln.
Da lag es denn für mich sehr nahe, als der Frühling herankam, einen Ausflug auf das Inlandseis zu machen. Es erschien mir von größtem Interesse, gerade die Strecke zu untersuchen, auf der wir heruntergekommen waren, um zu sehen, welche Veränderungen dort im Laufe des Winters vor sich gegangen waren.
Da man in der Kolonie das Schiff, das uns nach Hause bringen sollte, schon vom ersten April an erwarten zu können glaubte, durften wir uns freilich nicht allzu weit entfernen. Einige von uns beschlossen deswegen, im März einen Versuch zu machen, obwohl es etwas früh war, um auf eine wirkliche Ausbeute rechnen zu können. Die Ausrüstung, die sich auftreiben ließ, war übrigens nach mehr als einer Richtung hin höchst mangelhaft. Alles, was wir bekommen konnten, beschränkte sich auf gedörrte Angmagsetts, hartes Brot und Butter. Von dem zum Schmelzen des Schnees erforderlichen Spiritus hatten wir nur sehr wenig.
Am 21. März fuhren Sverdrup und Kristiansen in einem Boot, ich selber aber in meinem Kajak in den Ameralikfjord hinein. Wir erreichten Kasigianguit, wo wir, ehe wir uns auf das Inlandseis begaben, einige Rennthiere zur Vermehrung unseres Proviants zu erlegen hofften. Hier wurden wir indessen fünf Tage durch Schneesturm und Thauwetter aufgehalten. Wir lagen den größten Theil des Tages im Zelt und lebten von unseren Angmagsetts und Schiffsbrot mit Butter, während der nasse, alles durchweichende Schnee sich auf uns legte und Eis und Schnee unter uns schmolzen. Die letzten Tage wohnten wir buchstäblich in einer Wasserlache, und da der Schlafsack, in dem wir alle Drei lagen, ziemlich feucht war, untersuchten wir ihn und fanden, daß sich mehrere Zoll Wasser darin befanden, besonders unter denjenigen Körpertheilen, die, wenn man auf dem Rücken liegt, hauptsächlich mit der Unterlage in Berührung kommen. Wir konnten das Wasser mit den Händen herausschöpfen, es half uns aber nicht viel, denn es war sofort wieder da. Sverdrup meinte, unser Zeltleben auf dem Inlandseise sei im Vergleich hiermit der reine Genuß gewesen.
Als gegen Ende des Monats die Zeit heranrückte, wo nach der allgemeinen Ansicht das Schiff erwartet werden konnte, hatte es keinen Zweck unsern Ausflug noch in die Länge zu ziehen; so begaben wir uns denn am 28. März nach Godthaab zurück.
Am selben Tage, an welchem wir diesen Ausflug antraten, ruderten Dietrichson und Balto in ihren Kajaks in den Godthaabsfjord hinein, wo sie die Wohnplätze Sardlok, Kornok, Umanak und Karusuk besuchten. Sie kehrten erst einige Tage nach uns wieder heim. Als sie sich auf dem Rückwege, am letzten Tage ihres Ausflugs unterhalb des „Sattels“ befanden, rief Balto plötzlich Dietrichson zu, daß er an Land gehen müsse, sein Kajak lecke und sei halb mit Wasser angefüllt. Dietrichson erwiderte, das könne ihm gar nicht nützen, das Land sei so steil, daß sie nirgends landen könnten, sie müßten weiter rudern, vielleicht würde das Ufer allmählich flacher. Da antwortete Balto mit kläglicher Stimme: „Ja, dann muß ich elend zu Grunde gehen.“ Indessen ruderten sie, was das Zeug halten wollte, und bald darauf kamen sie an einige Steine, auf die Balto hinaufkriechen konnte, so daß es ihnen gelang, seinen Kajak zu entleeren. Auf dem Boden befand sich ein Loch, sie hatten aber nichts anderes zum Verstopfen desselben als einen Handschuh und ein wenig Butter; dies genügte jedoch und sie konnten ihren Weg fortsetzen.
Eine Weile später wurden sie plötzlich von einem heftigen Sturm überfallen, zum Glück befanden sie sich an einer Stelle, wo sie landen konnten. Wäre der Sturm ein wenig früher oder später gekommen, so ist es sehr zweifelhaft, wie sie davon gekommen wären, denn da war kein Zufluchtsort, und in dem Unwetter hätten sie sich wohl schwerlich auf der See halten können. An demselben Tage verunglückte ein Grönländer bei Umanak. Sie mußten nun volle 7 Stunden auf dem schmalen Felsvorsprung liegen bleiben, wo sie gelandet waren. Am Abend legte der Sturm sich ein wenig und sie kamen wohlbehalten nach Godthaab zurück, wo sie mit Jubel von den Grönländern begrüßt wurden, die es für eine gute Leistung erklärten, an dem Tage hinaus zu rudern, — sie selber hatten es nicht gewagt.
Als ich ungefähr eine Woche in Godthaab gewesen war, ohne daß sich eine Spur von dem viel besprochenen Schiff zeigte, beschloß ich, einen neuen Versuch zu machen, auf das Inlandseis zu gelangen und begab mich zu dem Zweck am 4. April mit Aperavigssuak (dem großen Abraham, einen alten, bekannten Kajakruderer aus Kangek) in meinem Kajak in den Godthaabsfjord hinein. Am selben Tage erreichten wir Kornok, das acht Meilen von Godthaab entfernt liegt, und am nächsten Morgen setzte ich in Begleitung von zwei Kajakmännern — Karl und Larserak — meine Reise über den Fjord nach Ujaragsuit fort, wo ich auf das Inlandseis zu gehen gedachte. Da das Ende des Fjordes mit Eis bedeckt war, gingen wir in die Bucht bei Kanguisak, zogen die Kajaks ans Land, schnallten die Schneeschuhe an und liefen an das Ende dieser Bucht, die gleichfalls mit Eis bedeckt war; dann begaben wir uns über Land nach dem Godthaabsfjord; hier angelangt, schlugen wir unser Zelt auf, das wir ebenso wie den nothwendigsten Proviant mitgenommen hatten. Unser Vorrath war jedoch lange nicht ausreichend, deswegen mußten wir Schneehühner schießen, die auf Art der Eskimos roh verzehrt wurden und die in dieser bequemen Gestalt wirklich vorzüglich schmecken, nur muß man sie, bevor man sie verzehrt, kalt werden lassen. Eines Tages, als ich sehr hungrig war, versuchte ich es, ein Schneehuhn, unmittelbar nachdem es geschossen war, zu verzehren, es hatte aber einen ganz eigenthümlichen Geschmack, und das Fleisch zitterte förmlich zwischen den Zähnen, — ich stand sofort von dem Versuch ab und habe ihn seither nicht wiederholt.
Mein Freund Aperavigssuak.
(Nach einer Photographie von C. Ryberg.)
Am nächsten Tage (6. April) liefen wir auf Schneeschuhen weiter über den Fjord auf den Ujaragksuikfjord zu. In der Mitte dieses Fjords angelangt, gewahrte ich indessen von einem Berge aus, den ich bei der Verfolgung einiger Schneehühner erklommen hatte, daß die ganze innere Seite des Fjords offen war, so daß wir dort unmöglich würden landen können. Der Bach, der unter dem Inlandseise hervorbricht, ergoß sich hier in den Fjord.
Um das Inlandseis zu erreichen, würde es nothwendig sein, bei Ivisartok auf der Ostseite des Fjords zu landen, aber dann würden wir mindestens zwei Tage gebrauchen, um bis an den Rand des Eises zu gelangen, und da ich es nicht für richtig hielt, mich wegen des zu erwartenden Schiffes so weit zu entfernen, so blieb mir nichts anderes übrig, als abermals umzuwenden.
Dieses Mal war die Ausbeute aber doch ein wenig ergiebiger als das letzte Mal, denn wenn ich auch das Inlandseis nicht dort erreicht hatte, wo ich es zu erreichen wünschte, so hatte ich doch den Gletscher gesehen, der sich zwischen Ivisartok und Nunatarsuak hinausschiebt. Es zeigte sich indessen, daß dieser Gletscher nicht so sehr mit Schnee bedeckt war, wie ich es erwartet hatte, und das Eis sah beinahe ebenso blau und zerklüftet aus, wie gewöhnlich. Auch ringsumher auf dem Lande war die Schneemenge auffallend klein. Auf weiten Strecken guckte das bloße Land hervor, und der Unterschied mit Godthaab war ganz auffallend. Offenbar haben die hohen Berge draußen und weiter im Süden das Eindringen der Feuchtigkeit verhindert.
Die Veränderung, welche mit der Oberfläche des Inlandseises im Laufe des Winters vorgegangen war, mochte daher gar nicht so groß sein, wie ich es angenommen hatte, wenigstens nicht dort, wo sich ein breites Außenland vor dem Eise befindet, so wie es an diesem Theil der Küste der Fall ist. Das Außenland nimmt nämlich einen großen Theil des Schnees fort. Eine andere Ausbeute bestand in der Wahrnehmung der Wassermassen, welche der Fluß aus dem Inlandseise dem Fjord selbst im Winter zuführt. Es war noch nicht so warm gewesen, daß ein Schmelzen im Außenlande stattgefunden haben konnte, nicht einmal in Godthaab. Es ist eine bekannte Sache, daß es drinnen am Inlandseise immer bedeutend kälter ist als außerhalb desselben, und welch ein Unterschied zwischen der Wärme der Oberfläche des Inlandseises und derjenigen des Außenlandes herrscht, das hatten wir bei unserer Eiswanderung gründlich erfahren. Trotz alledem aber hatte der Fluß einen starken Strom, und die Eskimos erzählten, daß selbst mitten im Winter keine Stockung eintrete. Hieraus geht deutlich hervor, daß in den tieferen Schichten des Inlandseises ein von der Temperatur der Oberfläche unabhängiges Schmelzen stattfindet. Welche große Rolle dies im inneren Haushalt der Eismassen spielen muß, werde ich im Anhang noch eingehender behandeln.
Am Abend schlugen wir ein Zelt auf einem Vorgebirge an der Mündung des Ujaragsuitfjordes auf. Da wir nun keine weitere Eile hatten, richteten wir uns so gemüthlich wie möglich ein. Es machte keine Schwierigkeit, eine genügende Grasmenge auf dem aus den Schnee hervorragenden Landrücken zu sammeln. Hiermit bedeckten wir den ganzen Zeltboden und schufen uns dadurch ein gutes trockenes Lager. Dann wurde Kaffee gekocht und die Eskimos kamen mit einem sehr wohlschmeckenden Gericht zum Vorschein, das in gefrorenem Rothfisch oder „Ur“ bestand, der roh verzehrt wurde, außerdem verzehrten wir pro Mann mindestens ein Schneehuhn und befanden uns ganz vorzüglich dabei. Wir legten uns in unseren Kleider schlafen, die Schlafsäcke hatte ich diesmal nicht mitgenommen, da ich die Last zu schwer fand.
Am nächsten Morgen gingen wir über den Fjord zurück. Ich hatte die größte Lust, länger in diesem Eldorado der Jäger zu verweilen, denn das gerade gegenüberliegende Ivisartok- und Nunatarsuak-Land ist wegen seiner guten Rennthierjagden berühmt, außerdem gab es hier auf dem Eise im Fjord viele Seehunde, und wenn man nur genügend Zeit dazu hat, so ist dies eine sehr interessante Jagd. Die alten Norweger wußten wohl, was sie thaten, als sie sich hier niederließen. Hier und im Ameralikfjord hat nämlich aller Wahrscheinlichkeit nach der reichste Theil des alten „Vesterbygd“ gelegen, man findet überall zahlreiche Ueberreste, die darauf hinweisen, besonders ist Ujaragsuik wegen seiner großen Ruinen bekannt.
Als wir über das Land kamen, wo wir bei unserer Ankunft hinabgestiegen waren, fanden wir einen ziemlich steilen Abhang vor. Ich sollte hier die Erfahrung machen, wie mangelhaft es mit dem Schneeschuhlaufen der Grönländer bestellt ist. Sie blieben während der ganzen Zeit zurück, und schließlich mußte ich dem Einen fast seine ganze Last abnehmen, damit er nur mitkommen konnte. Als sie an diesen Abhang kamen, besannen sie sich nicht lange, sondern schnallten die Schneeschuhe ab und trugen sie. Nachdem ich unten angelangt war, hatte ich deswegen das Vergnügen, ungefähr eine Stunde auf sie zu warten, während sie sich durch den Schnee hindurchstampften. Und erst als sie das Fjordeis erreichten, wagten sie es, die Schneeschuhe wieder anzuziehen. Einer von ihnen machte allerdings bei einer kleinen Senkung einen Versuch, da er aber sofort fiel, gab er es wieder auf.
Auf dem Fjordeise schoß Karl einen Ring-Seehund (netsak), der also auch bis an die Kajaks geschleppt werden mußte. Endlich am Nachmittag erreichten wir diese. Wir wußten nicht, wie spät es am Tage sei, da der Himmel bedeckt war und Niemand von uns eine Uhr hatte. Ich wollte gerne noch am selben Tage nach Kornok kommen, da ich es für möglich hielt, daß die Nachricht von der Ankunft des Schiffes da sei. Obwohl besonders Larserak keine Lust dazu hatte, bestiegen wir dennoch unsere Kajaks. Wir waren indessen noch nicht weit gerudert, als es sich herausstellte, daß es bedeutend später war, als wir geglaubt hatten; es wurde nämlich vollständig dunkel. Draußen im Fjord empfing uns eine steife Westbrise, wodurch die Verhältnisse nicht gebessert wurden. So lange wir an der Küste entlang rudern konnten, ging es doch noch einigermaßen. Aber bei einem Vorgebirge Namens Kangersuak mußten wir über den Fjord, um nach Kornok zu kommen. Hier wurde es schlimmer. Der Wind und die Wellen standen hier mit voller Gewalt auf das Land und in der Finsterniß war es keine leichte Sache, die Wellen zu sehen und sich vor ihnen in acht zu nehmen.
Wir lagen still und überlegten. Die beiden Grönländer fragten mich, ob ich es mir getraue, weiter zu rudern; ich wollte mich ungern schwächer zeigen als sie und fragte, ob sie es sich getrauten. Schließlich zogen wir weiter, aber wir sollten gar bald erkennen, daß es kein Kinderspiel war, besonders für Karl, der den Seehund hinten auf dem Kajak liegen hatte, war es schwer, das Gleichgewicht zu halten. Er rief uns zu, er müsse an Land gehen, um sich seiner Last zu entledigen, aber an ein Landen war nirgends zu denken, überall bildete das Ufer eine einzige, steile Bergwand. Deswegen halfen wir ihm, seinen Seehund ins Wasser zu werfen, und er schleppte ihn nun ein Ende mit, aber es ging zu langsam, und wir mußten ihm behülflich sein, das Thier abermals auf den Kajak zu legen. Im Anfang war es ganz dunkel gewesen, dann aber wurde die Wolkenschicht ein wenig lichter, hin und wieder riß der Wind eine Oeffnung hinein, so daß der Mond durchkommen konnte; das war ein großer Vortheil für uns, denn jetzt konnten wir doch die herannahenden Wellen sehen und unseren Weg finden. Es war eine schwere Arbeit, gegen den Wind anzukämpfen, allmählich aber erreichten wir das gegenüberliegende Land. Hier stießen wir indessen auf eine andere Schwierigkeit, nämlich auf Unmengen von treibendem Fjordeis, das uns eine ganze Zeit lang den Weg vollständig versperrte. Erst um 1 Uhr des Nachts kamen wir nach Kornok, wo wir den Einwohnern durch unsere späte Ankunft einen großen Schrecken einjagten.
Gegen Kornok in der Nacht, 7. April.
(Von Th. Holmboe nach einer Skizze des Verfassers.)
Blick nach Süden zu von Kornok.
(Nach einer Photographie.)
Es war keine Nachricht in Bezug auf das Schiff von Godthaab gekommen, und am folgenden Tage reiste ich deswegen nach Umanak, um diesen Ort kennen zu lernen, an dem die Herrnhuter Mission eine Kolonie hat, und um den Missionar Herrn Heincke zu besuchen, bei dem ich vier sehr angenehme Tage verlebte.
Am 12. April war ich wieder in Kornok. Da es am folgenden Tage regnete, hatte mein Freund Aperavigssuak keine Lust, nach Godthaab zu reisen; während ich fortgewesen war, hatte er sich die Zeit damit vertrieben, in den Häusern zu Kornok und Umanak in Gesellschaften zu gehen. In Erwiderung dieser Gastfreundschaft gab ich am Tage meiner Rückkehr sämtlichen Grönländern in Kornok einen Ball. Um 4 Uhr des Nachmittags begann der Ball, die Bewirthung bestand aus Kaffee und Schiffsbrot, und wir amüsirten uns bis tief in die Nacht hinein ganz vorzüglich. Schließlich war ich so müde, daß ich meine Gäste bitten mußte, nach Hause zu gehen, damit ich Ruhe bekam.
Am folgenden Tage, den 14. April, ruderten wir bei verhältnißmäßig gutem Wetter nach Godthaab. Wie schnell man in einem Kajak vorwärts kommen kann, ist daraus zu ersehen, daß wir, obwohl wir während der ersten drei Stunden die Strömung und während der letzten Stunde eine steife Briese gegen uns hatten, die 8 Meilen doch in 8 Stunden zurücklegten, und das ist nichts im Vergleich zu der Schnelligkeit, welche ein geübter Kajakruderer erlangen kann. So erzählte mir z. B. Herr Heincke, daß, als seine Frau vor mehreren Jahren im Dezember heftig erkrankte, ein Fänger aus Umanak, Namens Ludwig, am Morgen vor Tagesgrauen nach Godthaab gerudert sei, um Rath von dem Arzt zu holen. Trotz des kurzen Wintertages wäre er aber schon bei Anbruch des Abends wieder zurückgekehrt. Die Entfernung von Umanak bis Godthaab beträgt 9 Meilen!
In der Kolonie hatte man bei unserer Ankunft noch nichts von dem Schiff gehört.
Am 15. April hatten wir heftiges Schneetreiben und waren uns infolgedessen sämtlich darüber einig, daß das Schiff auch an dem Tage nicht kommen könnte. Plötzlich, als wir nach Tisch im Hause des Koloniedirektors bei unserem Kaffee saßen und uns gemüthlich mit dem Doktor unterhielten, erschallte die ganze Kolonie von einem einzigen Geheul: „Umiarsuit! Umiarsuit!“ (Das Schiff! das Schiff!) Wir stürzten hinaus, starrten auf das Meer, konnten aber nichts sehen als Schnee. Da ward auf einmal ein dunkler Schatten hoch oben in der Luft sichtbar. Es war das Takelwerk des „Hoidbjörnen“, der sich bereits dicht vor uns in der Bucht befand. In größter Eile sprang man nun in die Böte und Kajaks, und als wir den Fuß auf Deck setzten, wurde die norwegische Flagge gehißt und den Norwegern ein donnernder Salut gegeben. Die Mitglieder der Expedition wurden auf das herzlichste empfangen und beglückwünscht von dem Führer des „Hoidbjörnen“, Lieutenant Garde, dessen Name bereits häufiger erwähnt worden ist, sowie von den übrigen Europäern, die sich an Bord befanden.
Es wurden Grüße aus Europa gebracht und Fragen ausgetauscht, die kein Ende nehmen wollten. Wir feierten sofort ein Fest an Bord des Schiffes, es herrschte Frohsinn und Freude, und erst spät am Abend kehrten wir wieder nach Godthaab zurück.
So schlug denn endlich die Abschiedsstunde! Ich hatte lange mit Wehmuth daran gedacht, jetzt ließ sich der Gedanke nicht mehr zurückdrängen, und nicht ohne Trauer schieden wir von dem Ort und dem Volk, bei dem wir uns so unsagbar wohl befunden hatten.
An dem letzten Tage vor unserer Abreise sagte einer meiner besten grönländischen Freunde, in dessen Hause ich viel verkehrt hatte, zu mir: „Nun kehrst Du zurück in die große Welt, von der Du zu uns gekommen bist, Du triffst dort viel Neues und wirst uns vielleicht bald vergessen, wir aber können Dich niemals vergessen.“
Ein paar Tage nachher reisten wir, und das noch schneebedeckte Godthaab lächelte uns ein freundliches Lebewohl in der Frühlingssonne zu. Wir standen lange da und schauten zurück, und die Erinnerung an die vielen glücklichen Stunden, die wir dort mit Grönländern und Europäern verlebt hatten, tauchte wieder auf. Gerade als wir im Begriff waren, den Fjord zu verlassen, begegneten uns drei Kajaks, es waren die drei besten Fänger von Godthaab, Lars, Michael und Jonathan. Sie waren hierher gerudert, um uns die letzte rührende Abschiedssalve aus ihren drei Büchsen zu geben. Mit vollem Dampf ging es jetzt ins Meer hinaus. Eine Weile sahen wir unsere Freunde noch zwischen den Wellen auf und ab tauchen, dann waren auch sie unseren Blicken entschwunden.
Der Bestimmung nach sollte der „Hoidbjörnen“ nördlich nach Sukkertoppen und Holstensborg gehen, ehe er den Heimweg antrat.
Am nächsten Morgen (26. April) kamen wir in Sukkertoppen an. Als Beispiel für die Postverhältnisse in Grönland mag erwähnt werden, daß man hier keine Ahnung davon hatte, daß wir den Winter in dem 20 Meilen südlicher gelegenen Godthaab zugebracht hatten.
Der Hafen von Sukkertoppen mit dem „Hoidbjörnen“.
(Nach einer Photographie.)
Nach einem sechstägigen Aufenthalt in Sukkertoppen mit viel Tanz und Geselligkeit lichteten wir am 3. Mai die Anker, um nordwärts nach Holstensborg zu gehen. Auf dem Wege dorthin begegneten wir dem „Nordlyset“, einer Bark, die ebenfalls der grönländischen Handelscompagnie gehört. Sie saß im Eise fest, und wir schleppten sie noch am selben Tage nach Sukkertoppen. Am Abend machten wir einen zweiten Versuch, nordwärts zu gelangen, trafen jetzt aber das ganze Meer nach Norden zu mit einer oft zehnzölligen Eisschicht bedeckt, durch die wir nicht vordringen konnten.
Da blieb uns denn nichts anderes übrig, als Holstensborg aufzugeben und umzuwenden. Am Morgen des 4. Mai ankerten wir zum dritten Mal im Hafen von Sukkertoppen. Am Nachmittage gingen wir in See und sagten nun Grönland zum letztenmale Lebewohl.
Eine arme Waise aus Sukkertoppen.
(Nach einer Skizze des Verfassers.)
Als wir am Abend schon eine gute Strecke durch die Davisstraße gekommen waren, fand ich Balto in Gedanken versunken am Schiffsrande stehen, er blickte nach der Richtung des Landes hin, was jedoch schon längst unseren Blicken entschwunden war. Dietrichson fragte ihn, weshalb er betrübt sei: „Hast Du etwa Sofia vergessen?“ erwiderte er.
Wir verbrachten 17 Tage an Bord des „Hoidbjörnen“, an dem Kapitän hatten wir eine vorzügliche Gesellschaft, wohl Wenige konnten ein solches Interesse an der Expedition haben wie er. Dank der uns erwiesenen Gastfreundschaft verging die Zeit auf das angenehmste, während wir uns trotz widriger Winde und starken Seegangs der Heimath näherten; wir werden noch an diese Tage zurückdenken und uns u. a. der Vormittagsfeste erinnern, wo wir um den Salontisch sitzend den Champagner tranken und das Konfekt aßen, das den Mitgliedern der Expedition aus Europa gesandt worden war; das war eine andere Kost als wie sie uns das Inlandseis geboten.
Letzter Blick auf Grönland.
Am 21. Mai ankerten wir auf der Innenrhede von Kopenhagen. Meine Feder ist zu schwach, um den gastfreien Empfang zu schildern, der uns in Etatsraths Gaméls Hause, sowie überall in Kopenhagen und in Norwegen zu theil wurde. Ich will auch keinen Versuch machen, dem Leser zu beschreiben, wie viele Toaste ausgebracht wurden und wie viele Erwiderungsreden ich halten mußte, wie viel Wein getrunken und wie viele Gerichte bei einer solchen Festlichkeit verzehrt werden mußten, auch will ich ihn nicht mit der Schilderung der Qualen beschweren, welche eine gewisse Species der Menschheit, die sich Interviewer nennt, einem armen Burschen, der sich keines Verbrechens bewußt ist, verursachen kann. Sie zertheilen förmlich unser geistiges Innere unter sich. Es war keine Kleinigkeit, Grönland zu durchqueren, aber es ist mein bitterer Ernst, wenn ich sage, daß es in dieser Beziehung noch weit schlimmer ist, in die Heimath zurückzukehren.
Am 30. Mai zogen wir bei dem herrlichsten Wetter in den Kristiania-Fjord ein, wo wir von Hunderten von Seglern und einer ganzen Flotte von Dampfschiffen empfangen wurden, den Tag wird wohl keiner von den Mitgliedern der Expedition jemals vergessen. Selbst auf Ravna machte es einen überwältigenden Eindruck. Als wir uns dem Hafen von Kristiania näherten, und den Festungswall und alle Brücken ganz schwarz von Menschen sahen, sagte Dietrichson zu Ravna: „Ist es nicht hübsch mit allen den Menschen, Ravna?“ „Ja, sehr hübsch, — wenn es nur alles Rennthiere wären!“ erwiderte Ravna.
Lebewohl!