Der amerikanische Urwald.
Der deutsche Jäger, der Abends seine Jagdgeräthschaften für den nächsten Tag in der freundlich-gemüthlichen Stube zurechtlegt, Pulverhorn wie Korbflasche füllt und nun mit Tagesgrauen nichts weiter zu thun hat, als den Hund zu füttern und für sich selbst ein Paar Butterbröde zu schneiden, wenn nicht auch das die Frau schon besorgte; der dann sein Schießzeug umhängt und mit dem klugen Ponto durch offene Felder sucht, oder durch lichte Waldung pürscht, Nachts aber wieder ruhig in seinem warmen, weichen Bette liegt: der weiß freilich nicht, wie es einem armen Streifschützen zu Muthe ist, der, weit von jeder menschlichen Wohnung entfernt, in Regen und Sturm, vielleicht in Schnee und Eis draußen im Walde campirt, und hungert und friert.
Das Leben in den amerikanischen Urwäldern hat aber stets einen geheimnißvollen Reiz für den Europäer gehabt; schon der Name klingt romantisch, man denkt dabei an die gewaltigen, riesigen Bäume, an das schaurige Rauschen der mächtigen Wipfel, an die Schlingpflanzen und an den wilden Wein, der in schweren, dunklen Trauben von den Ästen herniederhängt, an das Wild, das leisen, bedächtigen Schrittes hindurchzieht, an den finstern Bären, den stattlichen Hirsch, die zahlreichen Völker wilder Truthühner, vielleicht gar an einen in den Zweigen lauernden Panther; ja das ist Alles sehr schön und gut – existirt auch wirklich, nur ist es schlimm, daß die Sache, so recht in der Nähe, aus der Mitte heraus, betrachtet, sehr, sehr viel an Reiz und romantischem Zauber verliert. – Es ist damit gerade so, wie mit einer weidenden Heerde.
Welch einen lieblichen Anblick gewährt es, wenn man, auf einem Hügel gelagert, in der Ferne, auf grüner blumiger Wiese eine Heerde weiden sieht, wo die einzelnen buntscheckigen Kühe nach dem duftigen Futter umhersuchen, wo der Hirt, dessen Hund ihn spielend umspringt, an seinem Hirtenstabe lehnt; wenn man das melodische Läuten der Glocken, das weiche Blöken des Viehes selbst, das freundliche Klaffen des Hundes hört – ein unendlicher Zauber liegt über dem anmuthigen Bilde; – steigt man aber von dem Hügel herunter und kommt in die Nähe, so wird aus der blumigen Wiese ein mit ganz anderen Gegenständen als Blumen bedecktes Brachfeld, die Glocken klingen nicht rein, die eine besonders, die einen Sprung hat, und die man in der Ferne nicht hören konnte, vernichtet den ganzen günstigen Eindruck. Der Hund läuft Einem schon von weitem entgegen und weist knurrend die Zähne – und kommt man nun gar noch näher – riecht erst die Heerde – und den Hirten – ja dann ist's mit dem idyllischen Wesen vorbei – der Zauber schwindet und wir haben eine Heerde Rindvieh, mit Jürges Gottlieb, der daneben steht und an einem außergewöhnlich schmutzigen Strumpfe strickt.
Nun ist es freilich nicht ganz so arg mit dem Urwald; das einzelne Schöne, aus dem er besteht, bleibt immer, ja gewinnt sogar noch in der Nähe an Großartigkeit, wenn man es nämlich blos anzusehen brauchte; muß sich aber der Jäger durch die Schlingpflanzen mit Messer und Tomahawk Bahn brechen, dann findet er zu seinem Schrecken, daß jene malerischen Geflechte voll Dornen und giftiger Blätter sind, die, wenn ihr Saft die Haut berührt, Blasen ziehen und das Fleisch entzünden; der mit Blumen und Kräutern bedeckte Boden giebt nach, und zäher Schlamm umschließt Fuß und Knöchel, umgestürzte Riesenstämme versperren den Weg und sie zu umgehen, ist unmöglich, denn in ihrem Sturz haben sie alles Danebenstehende mit niedergerissen und undurchsichtige Brombeerhecken sind aus den Wurzellöchern aufgewachsen; – Schaaren von Mosquitos stürmen auf den Geplagten ein, zahllose Holzböcke peinigen ihn auf eine fast unerträgliche Art, und ist er im flachen Lande – (denn nur dort findet er den Urwald noch in seiner ganzen Majestät, da in den Hügeln das dürre, trockene Laub zu oft angezündet wird, was die jungen Bäume tödtet und die älteren im Wachsthum hindert), so darf er den Blick kaum zu den herrlichen Stämmen aufheben, weil er fortwährend fürchten muß, auf eine der zahlreichen Schlangen zu treten, die überall dort, wo die Sonne durch's dichte Laubdach bricht, zusammengerollt liegen und dem Unvorsichtigen leicht gefährlich werden können.
Im Winter fallen nun allerdings eine Menge dieser Übelstände weg, die giftigen Schlingpflanzen sind unschädlich, die Insekten fort, die Schlangen liegen in Erdlöchern und hohlen Bäumen; – das ist etwas; – damit aber der deutsche Jäger einen Begriff davon bekommt, wie ein amerikanischer Urwald im Winter beschaffen ist, so will ich hier ein Paar Tage, freilich nicht die angenehmsten, aus meinem Jagdleben, aus den Niederungen von Arkansas, beschreiben.
Im Januar 1840 hatte ich den Theil dieses Staates wieder aufgesucht, der östlich vom Mississippi und westlich vom Whiteriver, zwischen diesen beiden Strömen einen wohl hundert englische Meilen breiten und viele hundert langen Landstrich einschließt und von zahlreichen anderen, aber kleineren Flüssen durchschnitten wird. Wild gab es in den mächtigen Wäldern genug, das entsetzlich ungesunde Klima aber hatte mich im Sommer aus den Sümpfen getrieben, wo ich das kalte Fieber nicht los wurde, jetzt jedoch, bei Frost und Schnee, war das nicht mehr, wenigstens nicht anhaltend, zu befürchten, und ich beschloß, wo möglich eine Büffeljagd auf meine eigne Hand anzustellen, denn dort ist der einzige Platz in den vereinigten Staaten, wo sich noch Büffel aufhalten.
Nun waren die Aussichten zur Jagd freilich nicht die lockendsten, denn ich bekam die letzten Tage des Januar gar Nichts zu schießen und mußte halb verhungert, als ich endlich nach einer glücklichen Schneenacht einen Hirsch erlegte, den mich von meiner Beute trennenden, schmalen Fluß durchschwimmen um diese zu erreichen, wo ich dann ein paar Tage krank oder wenigstens unwohl im Schnee liegen blieb; das ist aber immer noch nicht das Schlimmste aus jener Zeit, ich hatte wenigstens ein gutes Feuer, eine wollene Decke und Hirschwildpret – was will ein Jäger mehr?
Am 2. Februar endlich brach ich auf, warf meine Decke zusammengerollt, über den Rücken, und schritt südlich in den mächtigen Wald hinein, oder besser gesagt, darin fort, denn ich war schon recht eigentlich im strengsten Sinne des Worts darin. Bald kreuzte ich mehrere Hirschfährten; das war aber das Wild nicht, dem ich zu begegnen wünschte, und ich verfolgte meinen Weg.
Der Wald war in dieser Gegend wahrhaft großartig, die gewaltigen Riesenstämme, größtentheils sechzig bis achtzig Fuß vom Boden gerade emporsteigend, ehe sie auszweigten, boten mit den schneebedeckten Wipfeln einen wundervollen Anblick. Es hatte zu schneien aufgehört, und eine heilige Stille herrschte rings umher, die nur dann und wann durch das Herunterbrechen irgend eines zu schwer mit Schnee beladenen Astes, oder das heisere Krächzen eines Raben unterbrochen wurde. Es ließ sich auch sehr gut marschiren; lange schmale Streifen hohen Landes liefen zwischen den zahlreichen Bächen und dem überschwemmten Boden der Niederung hin, und auf diesem standen die meisten Schlingpflanzen und Dornen; da es aber jetzt stark gefroren und geschneit hatte, so hielt ich mich fortwährend auf dem Eis und wanderte so leicht und ungehindert wie auf einer geebneten Landstraße darauf fort, denn der Schnee hinderte mich wenig, da ich damals noch meine alten, deutschen Wasserstiefeln trug. Mehre Male kreuzte ich auch die Spur von Wölfen, sah mich jedoch nicht einmal darnach um, denn ich würde keinen Wolf geschossen haben, selbst wenn er mich darum gebeten hätte, weil ich Pulver und Blei mehr zusammen halten mußte. In einer Gegend, wo man seine Ammunition nicht wieder ersetzen kann, geht man gewiß haushälterisch damit um; ich verließ mich daher auch auf meine Stücken Hirschwildpret und zog an ein paar Völker Truthühner ruhig vorüber, wobei diese ebenfalls sehr wenig Notiz von mir zu nehmen schienen.
Nach einigen Stunden vorsichtigen Pürschens jedoch, wobei ich immer noch nicht die stille Hoffnung aufgab, einem alten Bären zu begegnen, der seine Winterwohnung einmal verlassen haben konnte, obgleich dazu eigentlich wenig Hoffnung war, erreichte ich plötzlich einen Platz, wo in der vorigen Nacht etwa zwanzig Büffel gelagert haben mußten. Die Betten waren vom Schnee entblößt, die Zweige der Büsche ringsumher abgenagt und die Fährten sahen noch so frisch aus, als ob sie eben erst der weißen Schneedecke eingepreßt worden wären.
Das war Alles, was ich wollte – Büffel – und welche Fährten fand ich? ein alter Bull besonders mußte ein unmenschlich starker Bursche sein. Natürlich hoffte ich die Heerde, die, meiner Ansicht nach, nicht weit konnte gewandert sein, in kurzer Zeit beim Äsen zu erwischen, und schnell, aber so geräuschlos als möglich, folgte ich den breit ausgetretenen Fährten eine Strecke am Fluß hinunter, und dann wieder, westlich von diesem ab, als ob sie nach ihrem gewöhnlichen Sammelplatz, den »Cash-« Sümpfen, hinüber gewollt hätten; auf einmal aber änderte sich ihre ganze Richtung und sie waren wieder nordwestlich hinaufgerannt und zwar diesmal, wie es schien, in wilder Eile.
Erst konnte ich mir dieses schnelle Wenden nicht erklären, fand aber bald die Auflösung in einer Masse Wolfsfährten, die wahrscheinlich die Heerde, in der Hoffnung, ein Junges zu fangen, angefallen und zerstreut hatten, obgleich sich der Büffel sonst nicht besonders vor dem Wolf fürchtet. Jetzt ging auch für mich ein viel beschwerlicherer Marsch an, denn da sich die schweren Thiere vereinzelt hatten, mußte ich mir selbst meinen Weg hinter ihnen her bahnen. Unglücklicher Weise war ein Schilfdickicht von ihnen durchbrochen worden und die Folge daher erschrecklich beschwerlich gemacht, denn nichts ist dem Bärenjäger hinderlicher, als eben diese Schilf- oder Rohrbrüche, in die sich besonders der Bär augenblicklich flüchtet und nur zu oft dadurch gerettet wird; denn wer einen solchen Bruch nie gesehen hat, kann sich unmöglich einen richtigen Begriff davon machen. Das Schilf selbst ist hart wie Holz, wird bis anderthalb und zwei Zoll im Durchmesser stark, und oft dreißig und vierzig Fuß hoch, steht auch in dem fruchtbaren und sumpfigen Thalland so dicht, daß man sich kaum dazwischen hindurchdrängen kann; ein Fortschreiten in diesen Dickichten wird aber nur zu häufig durch die Unmasse dorniger Schlingpflanzen, die mit einem festen Gewebe ganze Strecken eng verbinden, fast unmöglich gemacht, wenn der Jäger sich nicht, in der Rechten das schwere, breite Jagdmesser, Bahn haut; kommt er aber zu einem in diesem Gewirre umgestürzten Baum (und die umgestürzten Bäume liegen nicht etwa selten darin), so ist an ein Weiterdringen in gerader Richtung gar nicht zu denken; junge Bäume, Schlingpflanzen, Rohr und Dornen bilden dann eine Masse, durch die man sich nicht einmal Bahn hauen kann, und man muß den Platz umgehen.
Wie langsam aber in einem solchen Schilfbruch ein Vorrücken möglich ist, habe ich einst im Mississippi-Thal erfahren, wo ich drei Stunden zu einer Strecke von etwa 500 Schritt brauchte. Hier ging es jedoch etwas besser, die Büffel hatten mir, wenigstens ein wenig, Bahn gebrochen, und mit dem Messer nachhelfend folgte ich erträglich rasch. Der Tag war aber auch jetzt sehr weit vorgerückt und die hereinbrechende Dämmerung überraschte mich keineswegs angenehm. Das Schilf wollte gar kein Ende nehmen; wenn ich daher auch, beim hellen Schein des Schnees, der Spur in der Nacht hätte folgen wollen, so wäre dies schon wegen des dicken Rohres nicht möglich gewesen, das, nach allen Richtungen hinaus stehend, die ganze Aufmerksamkeit des Hindurchdringenden am hellen Tage in Anspruch nahm, indem man sich bei jedem Schritt die Augen aus dem Kopfe stoßen konnte; daher zündete ich ein Feuer an, was mit Hülfe des Tomahawks und etwas trockenen Schwammes sehr bald gelang, reinigte einen Platz vom Schnee und hatte mich bald behaglich genug eingerichtet.
Ich lag gerade auf einer kleinen Erhöhung, mitten im Schilf, so daß ich gegen den kalten Nordwind ziemlich geschützt war; der Platz hatte aber das Unangenehme, auch nicht die mindeste Aussicht zu gewähren, nicht zwei Schritte weit konnte ich sehen und fühlte mich durch die Nähe des Dickichts, von dem ich förmlich umschlossen lag, beengt; die Sache ließ sich jedoch nicht ändern, eine offene Stelle auszuhauen, dazu fühlte ich mich zu ermüdet, Wirthshäuser waren auch nicht in der Nähe, also machte ich gute Miene zum bösen Spiel und bekümmerte mich mehr um mein Feuer als um das Dickicht.
Weil ich doch noch nicht recht schläfrig war, holte ich, nachdem ich mein frugales Abendbrod verzehrt hatte, den Compaß vor, und denselben gerade in eine der Büffelfährten an meiner Seite stellend, vertrieb ich mir damit die Zeit, zu rathen, auf welchem ganz genauen Strich nun die Heimath läge, und dabei zu überlegen, wie mich hier, von diesem Punkt aus, das Abweichen eines 32stel Zolles zur Rechten oder Linken, entweder in die Wüste Sahara oder nach Sibirien hinaufbringen könnte. Diesem Gedanken gesellten sich andere zu – was sie jetzt wohl zu Hause machten, ob sie auch an mich hierher dächten und noch viele, viele Dinge – so daß ich endlich vom vielen Denken müde wurde und einnicken wollte. – Da krachte ein kleiner Zweig – dicht neben mir; – zwar war der Laut gedämpft – der Zweig mußte unter dem Schnee gelegen haben, ich hatte es aber deutlich gehört und hob schnell den Kopf, um wenigstens den kleinen Raum, in dem ich lag, übersehen zu können; auch war ich in der Richtung noch ungewiß, instinktartig hatte ich aber das Messer aus der Scheide gezogen.
Eine Weile blieb Alles ruhig und ich konnte das Schlagen meines Herzens hören – da krachte es wieder, ganz nahe; – was es auch immer sein mochte, es konnte sich keine zwölf Fuß von mir befinden; deutlich vernahm ich auch jetzt die leisen Schritte im Schnee, wie das Thier trap – trap – trap – trap – mich langsam umschlich. O wie ich mir damals einen Hund wünschte.
Eine Zeit lang schien es still zu stehen, dann hörte ich es wieder in der anderen Richtung, deutlicher noch als vorher. All' meine Sinne waren aber jetzt auf das Peinlichste gespannt, denn jeden Augenblick erwartete ich irgend eine Bestie, ob Panther oder Wolf konnte ich nicht wissen, aus dem Dunkel hervorblinzen und mich anschnüffeln zu sehen. In dieser angenehmen Hoffnung hatte ich nun freilich den Hahn der Büchse aufgezogen, aber auch diesmal starb das Geräusch hinweg und das frühere, lautlose Schweigen herrschte.
Aus allem Vorhergegangenen mußte ich nun nach wohl Stunden langem Harren vermuthen, daß mich mein Nachtbesuch verlassen habe, doch war ich zu aufgeregt, um gleich einschlafen zu können und blieb noch lange wachend liegen, indem ich einen vor mir stehenden alten Baum betrachtete, der ein gar eigenthümliches Aussehen hatte. Es war ein ungeheuerer Sassafrasstamm, der, von einem dichten Gewebe von Schlingpflanzen umgeben, seiner Äste und Zweige beraubt, wie eine riesenmäßige Säule gegen den dunkeln Nachthimmel emporstarrte. Eine hohe, breite Schneekappe krönte den Gipfel. Im Sommer, wenn die Schlingpflanzen ihre grünen Blätter bekommen, sehen diese Baumleichen herrlich aus, denn dann ist von der alten, vertrockneten Rinde auch nicht die Spur mehr zu erkennen, und nur die grüne, lebendige Säule steht wie ein Denkmal vergangener Zeiten da, wo noch der Indianer die Wildniß durchzog, die jetzt nur sein Grab umschließt. – Ich schlief bald darauf ein und der Morgenruf der Eulen weckte mich erst wieder.
Vor allen Dingen untersuchte ich aber jetzt, wer mein nächtlicher Besuch gewesen war, und fand auch dicht am Lager, einmal sogar bis auf drei Schritte, die Spuren eines ziemlich starken Wolfes, was mich um so mehr befremdete, da der Wolf sonst sehr menschenscheu ist und einem Lager selten gern naht; – später übrigens habe ich oft Beweise vom Gegentheil erhalten, denn einmal, zwei Jahre darauf, holte mir eine solche Bestie das Jagdmesser fort, das dicht neben mir lag und zerkaute den schweißigen Griff; ich hatte erst an demselben Nachmittag einen Hirsch damit aufgebrochen.
Mit neuen Kräften verfolgte ich nun die jetzt wieder vereinigten Fährten, die an manchen Stellen, wo kein besonderes Futter sie aus der Bahn lockte, eine förmliche Straße bildeten; aber wie ich auch spähte, immer noch konnte ich nicht das ersehnte Wild selbst entdecken, hundertmal wohl ließ mich ein niederbrechender Ast, oder ein aufgescheuchter Hirsch ihre Nähe hoffen, stets sah ich mich aber getäuscht. Meine einzige Hoffnung blieb jetzt, als die Sonne wieder blutigroth am Horizont verschwand, die Nacht; der Wald war offener als am vorigen Abend, ich gedachte daher meinen Weg fortzusetzen, da die Büffel auf keinen Fall nach einbrechender Dämmerung weiter wandern würden. Das wäre auch recht gut gegangen, denn hell genug leuchtete der Schnee, um die Fährten zu verfolgen, wieder aber stellte sich mir ein solch unglückseliges Schilfdickicht in den Weg, dazu umwölkte sich der Himmel und ich wurde auf's Neue gezwungen »beizulegen.«
Mein Nachtlager war ausgezeichnet, denn durch einen umgestürzten Stamm gegen den kalten Luftzug geschützt, bei einem herrlichen Feuer, an dem ein ansehnliches Stück Hirschwildpret schmorte, hätte ich mich sehr wohl fühlen können, aber – aber – die aufsteigenden Wolken machten mich besorgt, dazu wurde es merklich wärmer, und mir bangte vor Thauwetter. Ich war viele Meilen in den Sumpf eingedrungen und die ganze Zeit fast nur auf Eis marschirt, durfte daher wenig trockenen Boden hoffen, wenn diese Schneemasse jetzt flüssig werden sollte. Doch was konnte ich thun? ich mußte es abwarten, hüllte mich also in meine Decke und schlief bald ein. Die Sonne mochte aber schon lange aufgegangen sein, als ich endlich erwachte und zu meinem Entsetzen das, was für mich das Schrecklichste war, bestätigt fand – es regnete und die Luft war mild und warm wie im Mai – o wie ich mich jetzt nach einem tüchtigen Nord-Ostwind sehnte.
Mit welchen Gefühlen ich übrigens meine nasse Decke zusammenrollte und mich marschfertig machte, läßt sich denken; dabei kamen mir bedeutend starke Gedanken an Umkehren und Büffel Büffel sein lassen; die Fährten sahen aber gar zu lockend aus, noch blieb mir die Hoffnung, sie einholen zu können, ja sogar die Wahrscheinlichkeit war vorhanden, daß sie bei solchem Wetter nicht weiter ziehen, sondern ruhig äsen würden; fest entschlossen also, da es jetzt doch auf eine Meile mehr oder weniger nicht ankam, folgte ich auf's Neue den Fährten und trotzte dem Himmel, der mir eine Wolke voll Wassers nach der andern auf den Pelz goß. Die Büffel schienen auch ganz in der Nähe zu sein; in den Fährten stand das schlammige Wasser, das ihre Tritte aufgerührt hatten, Losung sogar, die ich fand, war noch warm – ich mußte sie finden; – da kam es mir plötzlich vor, als ob der liebe Gott alle Zapfen aus den Schleußen dort oben herausgezogen habe – es regnete nicht mehr, es wasserfallte und der Erdboden glich einer ungeheuern Eislimonade, nur fehlten Zucker und Citronen.
Es ist jedoch ein eigenes Ding um das Menschenherz; vor kleinen Beschwerden und Gefahren bebt es zurück, stürmt aber alles wild und toll darauf ein, kommt ein Schlag nach dem andern; dann wird es verstockt und störrisch, wie ein wilder Stier, macht die Augen zu und stürmt blindlings gegen Jedes an, was sich ihm in den Weg stellt.
Etwas besser macht ich's doch, die Bäume umging ich, aber so erbittert hatte mich dieser, für mich wahrhaft fürchterliche Witterungswechsel gemacht, daß ich das Äußerste zu wagen beschloß. Der ganze Wald stand unter Wasser, d. h. unter geschmolzenem Schnee, und ich mußte jetzt schon auf das höhere, mit Dornen und Schlingpflanzen bewachsene Land, da sich erstlich die Büffel hierher gewandt hatten und dann auch das Gehen auf dem Eis fast zur Unmöglichkeit wurde, indem es unter dem Schnee geschmolzen, wenigstens weich geworden war und beim zweiten oder dritten Schritte stets einbrach. Noch konnte ich die Fährten erkennen und folgte, oft bis an den Gürtel im Wasser, dem Wild – ich war gegen Alles gleichgültig geworden und hatte nur den einen Gedanken noch – Büffel – ich wollte Büffel sehen – ich wollte einen schießen und wäre dann mit dem größtmöglichen Vergnügen gestorben, um nur nicht wieder den ganzen Weg, den ich gekommen war, zurück machen zu müssen.
Da wurde der Wald plötzlich licht und nach wenigen hundert Schritten dehnte sich eine weite, öde Fläche vor mir aus – es war ein See – wenigstens jetzt, er konnte aber nicht gefroren gewesen sein, denn es lag nur eine dünne Decke geschmolzenen Schnees auf der Oberfläche, und hier – hier waren die Büffel hindurch. Deutlich konnte ich die langen, dunkeln Streifen, die sich quer durch zum anderen Ufer zogen, erkennen; vergebens aber spähte ich nach den Thieren selbst – eine räthselhafte Wanderlust trieb sie vorwärts und ich unglückseliges Menschenkind hatte gerade diesen Zeitpunkt wählen müssen, um Jagd auf sie zu machen; doch das Überlegen brachte mich nicht weiter; auf einem etwas trockenen Fleck band ich alle meine Habseligkeiten in die Decke zusammen, nahm diese auf die Schulter und – folgte den Fährten.
Noch jetzt, wenn ich an diese Jagd zurückdenke, kann ich nicht anders glauben, als daß ich damals einen gelinden Anfall von Wahnsinn haben mußte, denn wenn ich die Büffel wirklich überholte, so konnte ich höchstens ein paar Pfund Fleisch und vielleicht ein Horn, als Siegestrophäe, mitnehmen; ich fühlte aber jetzt nur den einen Trieb in mir, hatte nur das eine Ziel im Auge und fand mich sehr bald bis unter die Arme im Schneewasser, mitten im See. Als mir das Wasser über die Brust stieg, verging mir der Athem, doch war der Boden glücklicherweise fest, nicht schlammig, wie ich im Anfang gefürchtet hatte, und ich erreichte das andere Ufer, – oder, besser gesagt, das höhere Land, denn von Ufer war keine Rede, – ohne unterwegs erstarrt zu sein. Hier fand ich das Wasser doch wenigstens nur knietief und athmete etwas freier. Zu meiner großen Verwunderung schien es aber Abend zu werden, und kaum konnte es, wie ich wenigstens glaubte, Mittagszeit sein. Sollten wir eine Sonnenfinsterniß haben? dacht' ich einmal – das war möglich, aber immer dunkler wurde es, immer stiller im Wald – in der Ferne ließ sich ein einzelner Wolf hören – es war kein Zweifel mehr, die Nacht brach schon wieder herein, und noch ist es mir unbegreiflich, wie mir die Zeit an jenem Tage verschwunden sein konnte.
Der Regen, der am Nachmittag etwas nachgelassen hatte, fing wieder von frischem an zu gießen, und als ich mich, mit gerade keinen freundlichen Gefühlen, nach einem Platz zum Lager umsah, regnete es, wie man sagt, Bindfaden; trotzdem gab ich die Fährten nicht auf – an Feuermachen war jedoch gar nicht zu denken; auf dem trockensten Platz, den ich finden konnte, stand das Wasser anderthalb bis zwei Zoll, und Jedermann wird eingestehen müssen, daß das immer noch feucht war; ich kauerte mich daher unter einem halbumgestürzten, schräg liegenden Baumstamm, der wenigstens die fürchterlichsten Regengüsse von mir abhielt, nieder, obgleich ich auch schon bessere Dächer, als er war, gesehen habe, und versuchte zu schlafen. – Zu schlafen? ja, wenn ich das einen Versuch nennen will, daß ich einige Male die Augen zumachte; an wirkliches Schlafen war aber natürlich unter solchen Verhältnissen nicht zu denken; zwar trug ich noch ein Stück gebratenes Hirschwildpret bei mir, fühlte aber nicht den mindesten Appetit, es zu verzehren, und erwartete sehnend und vor Frost schüttelnd den anbrechenden Morgen.
Mitternacht mochte es sein, als ich, seit der Dämmerung, die ersten Wölfe wieder hörte – sie schienen ganz in der Nähe zu sein und heulten jämmerlich; die armen Bestien mochten wohl auch nasse Füße haben; so gleichgültig war ich aber gegen ihre Nachbarschaft, so abgestumpft gegen jede, nur erdenkliche Gefahr geworden, daß ich es nicht einmal der Mühe werth hielt, das Messer aus der Scheide zu ziehen, sondern ruhig sitzen blieb und abwartete, was sie thun würden, denn schon der Gedanke, mich zu bewegen, war mir gräßlich. Es mochten sechs oder sieben Wölfe sein – so viel verschiedene Solosänger konnte ich wenigstens unterscheiden und ich erinnere mich sogar noch recht deutlich, daß ich einmal gelacht habe, als ein junger Wolf, mit einer besonders dünnen Stimme, so gar klägliche Töne ausstieß. Immer näher kamen sie, aber, und da es nicht anders möglich sein konnte, als daß sie mich wittern mußten, denn der Wolf wittert, wie bekannt, ungemein scharf, so begreife ich eigentlich jetzt noch nicht, was sie, wenn es nicht ihre grenzenlose Feigheit war, abhielt, über mich herzufallen, da ich ihre dunklen Gestalten deutlich erkennen konnte, wie sie im Wasser hin und her wateten.
Weil mir ihre Nähe aber doch jetzt fast etwas zu freundschaftlich wurde, beschloß ich, der Sache auf einmal ein Ende zu machen, nahm die Büchse an den Backen, zielte auf den größten Körper und drückte ab. – Ja ich hatte gut drücken – es war Alles naß geworden; da blieb mir denn weiter nichts übrig, ich lehnte die Büchse neben mich, und schloß die Augen; die ganze Sache um mich her kam mir so ekelhaft und fatal vor, daß ich sie gar nicht mehr sehen mochte.
Endlich brach der so heiß ersehnte Morgen an – aber wie – grau und feucht; der Regen hatte freilich nachgelassen, doch schien das Wetter noch viel wärmer geworden zu sein – der Schnee war jetzt vollkommen geschmolzen und der ganze Wald eine flüssige Masse, in der jede Fußspur zusammenlief – Büffelfährten existirten nur noch in der Erinnerung. Da stand ich nun, mit meiner Büffeljagd – Gott weiß, wie viele Meilen von irgend einer menschlichen Wohnung entfernt, in einem Wald, in dem sich ein Frosch hätte erkälten müssen, mit einem Stückchen kalten, gebratenen Hirschfleisch und einer Büchse, die nicht losgehen wollte; ich verzehrte jedoch vor allen Dingen das erstere, wobei ich Pulver statt Salz gebrauchen mußte, und stand dann auf, um meine Marschroute für diesen Tag zu beschließen.
Wie ich damals das Alles ausgehalten habe, ist mir jetzt noch ein Räthsel; naß zum Ausringen, die ganze Nacht im Schneewasser, gekrümmt unter einem Baumstamm gesessen, von Wölfen umheult, fühlte ich mich jetzt so wohl und kräftig, als ob ich in einem warmen Bette geschlafen hätte, nur waren mir die Kniegelenke etwas steif.
Wenn ich aber auch, zu meiner Zeit, ein so eifriger Jäger gewesen bin, als sich selten findet, so hatte meine Jagdlust durch die letzten Begebenheiten dennoch einen bedeutenden Stoß erhalten, ich sehnte mich nach Menschen – nach Brod, nach Bergen – denn ohne Berge konnte ich mir gar keine Erlösung aus dieser Wasserwüste denken: schnell faßte ich daher meinen Entschluß. – Ich hatte mein Möglichstes gethan, hatte bis auf den letzten Augenblick ausgeharrt, und brauchte mir nichts vorzuwerfen; den Büffeln sagte ich also, mit einem halb traurigen, halb ärgerlichen Blick nach Südwesten Lebewohl, und schlug die gerade Richtung nach Nordost ein, um an den S. Francis-Fluß, an die breite Fahrstraße, zu kommen und von dort den Mississippi zu erreichen, auf dem ich in den Ohio und auf diesem nach Cincinnati zurückkehren wollte.
Meiner Lust nach dem Urwald war für eine Zeit lang genügt, und ich kann mit gutem Gewissen fragen, wer hätte den Wald, unter solchen Umständen, nicht satt bekommen? Das »Sattbekommen« allein half mir aber noch nicht heraus und der vor mir liegende Weg erfüllte mich mit Grausen und Schauder. – Tagelang mußte ich noch in dem kalten Wasser fortwaten und eine einzige Nacht Frost konnte meinen Untergang herbeiführen, denn wenn sich jetzt auf dem Wasser eine dünne, scharfe Eisrinde sammelte, so wär' ich verloren gewesen; glücklicher Weise blieb es aber warm und ich trat meinen Marsch, wenn auch nicht mit Singen und Jubeln, aber doch mit dem festen Entschluß an, Alles, auch das Schlimmste, ohne Murren, zu ertragen.
Unmöglich wäre es jedoch, den Weg zu beschreiben, den ich zu durchwandern hatte. Nur wenige Streifen trockenen Landes fand ich, und hielt auf dem ersten, um meine Büchse wieder in Stand zu setzen. Dann aber durch Sumpf und Moor, durch Fluß und seegleiche Wasserstrecken meine Bahn verfolgend, oft bis unter die Arme im Eiswasser (einige Male mußte ich sogar schwimmen) erreichte ich gegen Abend einen hohen indianischen Grabhügel und erquickte mich in dieser Nacht wieder bei einem lodernden Feuer und einem am Spieß steckenden Truthahn, den ich, wenige hundert Schritt von meinem Lager, von einem Baum herunter geschossen hatte.
Am nächsten Tage blieb mein Marsch nun zwar derselbe – dieselbe öde Wasserwüste, derselbe kalte, nasse Wald, mit seinen ungeheueren Bäumen; doch interessirte mich an diesen jetzt nur noch das Moos, nach dem ich meine Richtung beibehielt, denn in dem flachen Lande, an den geraden Stämmen, ist das Moos an der Nordseite (ein klein wenig mehr westlich als östlich) am stärksten, und man kann ziemlich sicher darnach gehen; ich wenigstens habe meinen Weg stets sehr gut mit der Beobachtung desselben gefunden. Wer beschreibt aber meine freudige Überraschung, als ich gegen Mittag Spuren eines menschlichen Wesens fand und bald darauf einen Schuß hörte; ich brauche wohl nicht erst zu sagen, wie ich eilte, um mich diesem anzuschließen; nach nicht gar langem Marsch holte ich den Jäger auch ein, wie er eben einen erlegten Hirsch aufgehangen hatte; er war aber ebenfalls nicht wenig erstaunt, mich und zwar an solchem Ort und in solchem Aufzuge zu sehen. Wäre er nur ein Bischen mit europäischer Civilisation bekannt gewesen, so würde er mich unbezweifelt für einen Weinreisenden gehalten haben, so konnte ich ihm nur versichern, daß ich ein »Pech-Reisender« sei und mich in den Sümpfen hier zu meinem Vergnügen aufhalte; mein Aussehen mußte das auch bestätigen.
Ich hatte jedoch nun den schlimmsten Weg überstanden und erreichte einige Tage darauf die Ansiedelungen; es bedurfte aber langer Monate, ehe ich diese Jagd vergessen, wenigstens verschmerzen konnte; doch durfte ich mich gar nicht beklagen; ich lernte dadurch nur eine der vielen Schattenseiten kennen, die eine jede Sache haben muß, um nicht durch Einförmigkeit allen Reiz zu verlieren; fand aber auch zu gleicher Zeit, daß der Urwald trotz all dem Zauber, der schon allein in dem Worte liegt, recht sehr prosaisch, ja sogar recht sehr langweilig sein konnte. Sind daher die deutschen Jagden auch weniger gefahrvoll, also auch weniger interessant, als die amerikanischen, so ist der Jäger hier doch auch nicht solchen erschrecklichen Lagen ausgesetzt, als es nur zu oft dort der Fall ist, und wo einmal eine Sache Zwang wird, wo der im Walde Lebende schießen muß, wenn er nicht verhungern will, hört sie auf Vergnügen zu sein.
Drum, – haben wir auch hier in Deutschland keine Bären- und Pantherjagden, so sind die Hasentreiben doch äußerst gemüthlich; und liefern fette Bärrippen und Honig ein sehr leckeres Mahl, so schmeckt ein gespickter Rehziemer auch nicht so übel.