Wandernde Krämer.

In den Vereinigten Staaten, wo die Farmer und Pflanzer nicht, wie in Europa, in Dörfern und Marktflecken zusammen, sondern vereinzelt auf ihrem eigenen Lande und von diesem umgeben wohnen, ist natürlich der Handel und Verkehr zwischen den verschiedenen, isolirt liegenden und oft meilenweit von einander getrennten Besitzungen, wenn auch nicht gehindert, doch sehr erschwert, und feststehende Kaufläden könnten nur denen zum Nutzen und zur Bequemlichkeit gereichen, deren Ansiedelung sich gerade in ihrer Nähe befänden.

Da nun aber der Farmer nicht gern sein Land verläßt, an das ihn dringende Arbeiten fesseln, um irgend einen kleinen unbedeutenden Gegenstand, den er vielleicht auch entbehren kann, einzukaufen, und sich lieber einmal eine Zeitlang ohne solche Gegenstände behilft, die er sich, wenn er sie eben bei der Hand hätte, wirklich anschaffen würde, so fanden es die Handelsleute bald für nöthig, anstatt auf seinen Besuch zu warten, ihn selbst aufzusuchen, und durchzogen nun entweder in eigener Person mit ihren Waarenpäcken das Land oder schickten ihre Leute aus, während sie dem Laden zu Hause vorstanden.

Vorzüglich fanden die Deutschen an dieser Beschäftigung Geschmack, besonders unter diesen die Israeliten, (denn von all den wandernden deutschen Krämern in ganz Amerika sind kaum ein Hundertstel Christen) und von New-York und New-Orleans, später von Cincinnati aus durchstreiften sie mit unermüdlicher Ausdauer jeden Winkel der Union.

Der Handel ist das Lebensprincip der Israeliten, davon liefert Amerika den unläugbaren Beweis; dort wird ihnen keine Schranke gesteckt, in der sie sich bewegen müssen; dort sind sie durch Vorurtheile oder Gesetze an keine Beschäftigung, an kein Gewerbe gebunden, sie stehen mit der ganzen übrigen Bevölkerung auf Einer Stufe; was sie aber auch im Vaterlande getrieben haben mögen, welches Handwerk, welche Kunst, es bleibt sich gleich, in Amerika, wo sie wählen dürfen, greifen sie nach dem Handel und werden mit sehr wenigen Ausnahmen Kaufleute, oder geht das nicht, Krämer und Hausirer, wie man sie dort nennt, »Pedlars.« Zwar ist ein kleiner Theil dieser Pedlar, wie schon gesagt, Christen; doch dieser sind so wenige und sie verlieren sich so sehr unter der Masse, daß sie kaum einer Erwähnung verdienen, und nur die wirklichen Yankees (die Bewohner der nordöstlichen Staaten der Union) concurriren bedeutend mit ihnen, und nehmen auch wirklich in diesem Geschäftszweig, selbst den Juden gegenüber, den ersten Rang ein. Wir aber haben es hier erst vor allen Dingen mit den Deutschen zu thun. – In einem der Seehäfen angekommen besteht die Baarschaft der wandernden Krämer, wenigstens die der ärmern Classe, gewöhnlich noch aus wenigen Dollars, mit denen sie denn auch nicht säumen, ohne weiteren Zeitverlust ein »Geschäft zu beginnen.« Ein schmaler Korb (zum Umhängen) wird vor allen Dingen angeschafft, dahinein ein kleiner Vorrath von etwas Band und Zwirn, einige Kämme und Zahnbürsten, Hosenträger und Zahnstocher, wunderbar schimmernde Hemdknöpfchen und Näh- und Stecknadeln und andere derartige Sachen gekauft, und der Weg zu ihrem Glück ist gebahnt.

Noch versteht der angehende Kaufmann keine Sylbe von der Sprache des Landes, das er jetzt zu seiner Heimath gemacht hat, yes und no und noch ein paar kleine Hülfswörter, wie very cheap (sehr billig) und very good (sehr gut) ausgenommen, mit einer liebenswürdigen Dreistigkeit aber sucht er vorzüglich die amerikanischen Häuser auf (denn die Deutschen selbst sind schlechte Kunden), und knüpft hier mit der Hülfe von solch barbarischen Wörtern und lebensgefährlichen Gesticulationen ein Gespräch an, daß die Leute, wenn sie nicht den ohne alles weitere Eintretenden beim ersten Anlauf aus der Thüre werfen, sehr häufig geneigt sind eine Kleinigkeit zu kaufen, die sie natürlich im Leben nicht benutzen können, blos um das Mienen- und Gebärdenspiel wie die außerordentliche Unterhaltung des »jungen Amerikaners« eine kurze Zeit zu genießen.

Das dauert aber nur wenige Monate; in fast unglaublich kurzer Zeit lernt der Pedlar die Landessprache wenigstens so weit, daß er sich verständlich ausdrücken kann, und nun beginnt das eigentliche Leben desselben.

Wie der Schmetterling aus der Puppe, so kriecht er mit seinem mächtigen Packen und einem tüchtigen Wanderstab versehen aus den Straßen der engen Stadt hervor und flattert, wenn man überhaupt mit einem Waarenballen von einigen 60 Pfund auf den Schultern flattern kann, hinaus ins Weite, den fernwohnenden Farmern das an Herrlichkeiten zuzutragen, was er entweder auf Auctionen mit baarem Gelde eingekauft, oder von bekannten Kaufleuten auf Credit erhalten hat.

In dem Staat, in welchem er Handel treibt, muß er freilich eine bestimmte Taxe, sogenannte Licence entrichten, weiter ist er aber auch in nichts gebunden, und kann an Waaren ausbieten, was ihm nur immer und wo es ihm beliebt; deshalb haben sie sich auch über die ganzen östlichen, südlichen und mittlern Staaten ausgebreitet, und nur die ganz westlich liegenden größtentheils den Amerikanern überlassen, da dort die Gegend noch zu unbebaut ist und ihnen der Anblick von wilden Thieren, die, wenn auch einzeln, doch dann und wann umherstreifen, keineswegs zu behagen scheint.

Natürlich wählt sich der Pedlar stets den Strich Landes, auf welchem die meisten Ansiedlungen liegen und der noch am wenigsten von seinen Collegen heimgesucht ist; dort geht er dann von Farm zu Farm und fragt, ob die Inwohnenden etwas von Waaren nöthig haben. Gewöhnlich lautet die Antwort »nein.« Da aber der Mann selten zu Hause ist und die Frauen stets gerne sehen möchten, was der Krämer denn eigentlich in dem großen, schweren Packen für Kostbarkeiten verborgen trägt, so erhält dieser leicht die Erlaubniß seinen Ballen zu öffnen und seine Waaren auszubreiten. Erhält er die übrigens auch nicht, so bleibt sich das im Grunde gleich, denn öffnen thut er ihn doch, und seine Sachen zeigt er auch vor, ehe er geht, Stück für Stück, ob er nun freundliche oder mürrische Zuschauer um sich sieht.

Das Ausbreiten der Waaren in einsamer, den Städten fernliegender Hütte, hat aber seinen doppelten Nutzen; erstlich sehen die Bewohner derselben so viele Sachen, welche sie gut gebrauchen können, ja deren sie wohl gar nothwendig bedürfen, vor sich und werden dadurch an manche Kleinigkeit erinnert, die sie sonst vergessen hätten; und dann gewinnt auch die Waare selbst, in der unscheinbaren niedern Hütte, auf dem rohen Holztisch, in der ganzen hausbackenen Umgebung zur Schau gestellt, ein ganz anderes Ansehen. Wie verführerisch glänzen die schildpattähnlich gemalten Hornkämme von dem schlauen Krämer gegen den dunkeln Scheitel des neben ihm stehenden erröthenden Mägdeleins gehalten; wie feenhaft zauberisch glitzern die mächtig großen Vorstecknadeln und Ohrgehänge auf den sauber gebürsteten, schwarzen sammtmanchesternen Kissen und die goldenen Ringe mit den Brillanten und Rubinen auf der schwarzen Rolle aufgereiht wie Bretzeln am Fenster eines Bäckerladens; welche kaum geahnte Pracht eröffnet sich nicht in den jetzt aufgeschlagenen Stücken Kattun, dessen wunderliche Muster, mit den blitzähnlichen Zickzacks und unzähligen Monden und Sternen selbst der ältern Farmersfrau ein lautes »Ach« der Bewunderung entlocken; und dann erst gar die seidenen Halstücher und Bänder, die Perlmutterknöpfe und Haarnadeln mit den kleinen farbigen Glaskugeln oben drauf, die Haarschleifen und Armbänder, die Ketten und feuerstrahlenden Ohrringe, das alles muß in einem solchen Blockhaus, mitten im Walde gesehen werden, um ganz den, wenigstens für den Verkäufer wünschenswerthen und günstigen Eindruck hervorzubringen.

Der Pedlar läßt seine Waaren gewöhnlich nur für baar Geld aus den Händen; kennt er aber seine Leute oder sieht er an der ganzen Umgebung, daß er gerade nicht viel zu fürchten hat, so creditirt er wenigstens einen Theil derselben, was ihm zu gleicher Zeit Entschuldigung für einen zweiten Besuch gewährt. Ein anderes ist es mit den »Jewelry pedlars« oder denen, die nur goldene Schmuckwaaren, einige Taschenuhren und silberne Löffel führen. Diese geben nie Credit, weil sie aus sehr vernünftigen Gründen nie ein und denselben Ort zweimal besuchen: sie trauen dem Frieden nicht recht und sind selten geneigt, dem Mann wieder unter die Augen zu treten, dem sie früher von ihren Waaren verkauft haben.

Der größte Betrug wird in dieser Hinsicht mit den Argentan-Löffeln getrieben, die in den Städten unter dem Namen german silver oder deutsches Silber bekannt sind und wo, besonders in Ohio, den leichtgläubigen Farmern unter dem Vorwande, daß deutsches Silber nur eine andere Art, aber sonst eben so gut sei, das Dutzend Eßlöffel zu 18 und 20 Dollars verkauft wurde. Hätten die Gesetze in diesen Fällen wirklich einschreiten wollen, so würden sie nichts haben ausrichten können, denn die Waare war unter dem rechten Namen, »deutsches Silber,« wenn auch zu einem übermäßigen Preise, verkauft, die Landleute selbst aber, welche mit der Zeit, obgleich erst durch Schaden, klug wurden, schwuren nachher freilich dem Pedlar, sobald er sich wieder blicken lassen würde, furchtbare Strafe zu. Dieser jedoch trieb dann schon in einem anderen Staat, entweder weiter westlich oder südlich, – wer konnte sagen wohin er gezogen, – sein Wesen, und nur wenige Jahre bedurfte es, so hatte sich der arme Packträger ein Pferd oder gar einen kleinen Wagen angeschafft, auf dem er jetzt seine Waaren, in bedeutend größerer und besserer Auswahl, durch das Land fuhr.

Louisiana besonders wimmelt von diesen Leuten und es kommt dort vor, daß mehrere derselben zusammenlegen und sich ein Pferd gemeinschaftlich kaufen, um ihre Waarenballen fortzuschaffen; das arme Thier ist aber dann wahrlich zu bedauern, denn erstens muß es die sicherlich übermäßige Last, und gewöhnlich auch noch abwechselnd einen der hoffnungsvollen Jünger Mercurs schleppen, und nicht selten geschieht es dann, daß solch ein gequältes Geschöpf zusammenbricht und nicht weiter kann.

In Louisiana besteht der Hauptnutzen des Pedlars in dem Verkehr mit den Negern und besonders den Negerinnen, welche, da sie die Plantagen nicht verlassen dürfen, für alles das, was sie gebrauchen, einzig und allein auf diese wandernden Krämer angewiesen sind. Den jungen Mulattinnen und Mestizen fehlt es dabei nicht an Geld, besonders wenn sie schön sind, und sie wissen den Minnesold natürlich auf keine andere Art zu verwenden, als daß sie Putz und Kleider dafür einkaufen, die ihnen von den geschäftigen Deutschen in reicher Auswahl zugeführt werden. Grellrothe Tücher, Glasperlen, auffallend bunte Kattune und alle Arten von Schmuck finden hier einen ausgezeichneten Markt, und der Nutzen an diesen Gegenständen, die spottbillig auf den Auctionen in New-Orleans eingekauft werden, ist bedeutend. Am meisten verdienen diese Leute aber mit dem verbotenen Handel, wie das fast stets der Fall ist.

Den Negern dürfen sie nämlich keinen Whiskey verkaufen, wie überhaupt kein Kaufmann in den Sklavenstaaten; und die Strafen, welche für Übertretung dieses Gesetzes bestimmt sind, werden sehr streng beobachtet; der Krämer weiß aber der Gefahr entdeckt zu werden, sehr gut zu entgehen; Verrath ist von den Negern selbst nicht zu befürchten und eine mittlere, doppelte Wand im Wagen birgt den geheimen Schatz, aus dem sie heimlich die Flaschen der durstigen Sklaven füllen.

Viel bedeutendere Geschäfte machen übrigens in diesem Artikel die großen Flat- und Kielboote, welche für den heimlich ausgeschenkten Whiskey, wenn sie einmal eine kurze Zeit am Ufer anlegen, Landesproducte annehmen, als Hühner, Ferkel, Truthühner, Mais und was die Sklaven sonst selber ziehen oder in der Geschwindigkeit stehlen können, welche Gegenstände der wandernde Krämer freilich nicht im Handel annehmen kann, da er keinen Ort hat, an dem es möglich wäre, diese Sachen zu verbergen, auch bliebe ihm, im Fall es entdeckt würde, kein Weg zur Flucht offen, während die Bootsleute weiter nichts zu thun haben, als ihr Tau loszubinden, wo sie in wenigen Stunden mit dem Strome hinabtreibend unter der Masse ähnlicher Fahrzeuge verschwinden und vielleicht zehn Meilen weit unten denselben Handel auf's neue beginnen.

Wunderbar ist es übrigens in der That, wie diese Pedlars, besonders in einigen Staaten noch, ihren Lebensunterhalt verdienen können, denn z. B. Louisiana, Ohio, Pennsylvanien und selbst Kentucky sind mit ihnen ordentlich überschwemmt; die Amerikaner kennen sie aber schon, wissen, daß es wirklich positive Unmöglichkeit ist, einen derselben loszuwerden, ohne ihm eine Kleinigkeit abzukaufen und fügen sich dann auch meistens mit vieler Ruhe in das doch einmal unvermeidliche Schicksal.

Hat sich der Pedlar nun endlich nach langen, mühsam und auf der Landstraße durchlebten Jahren etwas erspart, so giebt er das wandernde Leben auf und wird »Storekeeper,« d. h. er miethet sich irgendwo an der Dampfboot-Landung eines kleinen Städtchens oder einer Stadt, und ist das nicht möglich, im Innern des Ortes selbst einen Laden, und beginnt ein Geschäft mit fertigen Kleidungsstücken, inclusive Hüten, Mützen, Schuhen und Stiefeln, Messern, Pistolen, goldenen Ringen und Vorstecknadeln. Die sämmtlichen Kleiderläden der Vereinigten Staaten (es bestehen deren Tausende) gehören auf diese Art, mit nur sehr wenig Ausnahmen, deutschen Israeliten, von denen viele in kurzen Jahren ein recht anständiges Vermögen zusammengescharrt haben, und sämmtliche Städte eben dieser Staaten, die an einem Fluß oder sonstigen Wassercours liegen, sind auf diese Art im wahren Sinne des Wortes mit wehenden und flatternden Kleidungsstücken garnirt, zwischen denen unter jeder Thür ein mit vieler Aufmerksamkeit frisirter, sehr elegant gekleideter, und die rothen Finger mit Ringen, die scheinende Weste mit Ketten und Vorstecknadeln überladener junger Mann steht und die Vorübergehenden fortwährend mit lauter Stimme einladet, sein »wohlassortirtes Lager« etc. etc. in Augenschein zu nehmen; ja oft sogar mit wahrer Todesverachtung besonders ärmlich Gekleidete gewaltsam in das Heiligthum seines Verkaufslocals hineinzerrt, wo er im düstern Schatten einer Unzahl flatternder Beinkleider das unglückliche Opfer förmlich zu irgend einem Handel zwingt.

Diese Kaufleute übrigens, die einst wandernde Krämer gewesen, geben ihren ärmern, noch umherstreifenden Collegen selten oder nie Credit; sie mögen wohl wissen, wie sie es selbst in früheren Zeiten getrieben, und wie oft ein solcher nomadischer Händler, wenn er eine Zeitlang Kleinigkeiten im Vertrauen auf seine Redlichkeit erhalten und verkauft, auch stets richtig bezahlt hat, mit dem ersten größeren Waarenballen spurlos verschwindet, und erst wieder in einem andern Staat, wo möglich 5 bis 600 Meilen von dem ersten entfernt, auftaucht. Ihn durch die Gesetze zu verfolgen, ist kaum möglich, der angeführte Kaufmann erfährt vielleicht auch den neuen Aufenthaltsort seines Schuldners erst nach geraumer Zeit, wenn die Schuld selbst schon lange verjährt ist.

Ich war übrigens selbst einst Zeuge, wie mehrere Kleiderhändler in New-Orleans eine wenn auch komische Art Lynchgesetz in Anwendung brachten, um einen Pedlar zu bestrafen, der fünfe von ihnen, die sich später alle zufällig in New-Orleans zusammengefunden und festgesetzt hatten, in verschiedenen Städten der vereinigten Staaten um eine nicht unbeträchtliche Summe in Waaren betrogen. Die Schuld war verjährt und in einer Versammlung vor die er berufen, wurde ihm als Strafe von jeder Hand (es hatten sich etwa 18 eingefunden, und ich war eigentlich nur ein zufälliger Zeuge) zwanzig Stockschläge zuerkannt, denen er sich auch im Gefühle seiner Schuld, geduldig unterwarf. Als aber der vierte, an dem er vorzüglich gesündigt, seinen größern Verlust auch durch stärkere Schläge, als sie der Delinquent wohl erwartet, wieder einzubringen gedachte, lehnte sich dieser höchst unvorhergesehenermaßen gegen die Gewalt auf, und faßte den Strafenden mit so schlauem Griff, daß dieser erschreckt aufschrie, den Stock fallen ließ und froh war, dem kräftigen Schuldner wieder entrissen zu werden. Das schreckte die andern ab, und der Pedlar ward in Gnaden, aber mit entsetzlichen Schimpfworten entlassen.

Zwei Arten von Waaren giebt es übrigens, mit denen sich die Deutschen nie oder wenigstens sehr selten befassen: es ist dies der Verkauf von Wand- oder Standuhren und Medicinen. Zum ersten Geschäft sind sie nicht gewandt, zum zweiten nicht unverschämt genug. Diesen Handel haben also die Amerikaner fast allein an sich gerissen, vorzüglich die Yankees, d. h. die Bewohner der nordöstlichen Staaten, als Maine, New-Hampshire, Connecticut, Vermont, Massachusetts und Rhode-Island, deren »Clock pedlar« oder Uhrenkrämer in der ganzen Welt berühmt sind.

Sam Slick hat einen tiefen Blick in ihre Verhältnisse thun lassen und ich will sie, da sie doch einmal in diese Rubrik gehören, nur kurz erwähnen.

Mit einem kleinen Wägelchen, vor das ein ziemlich gut aussehendes, sonst aber gewöhnlich höchst nichtsnutziges Pferd gespannt ist, zieht der Uhrenhändler oder Clockpedlar in die weite Welt, und zwar am liebsten in die westlichen und süd-westlichen Staaten hinein; sein Zweck und Ziel ist Uhren zu verkaufen und er verkauft sie auch, mag er nun willige oder zähe Käufer finden. Leute, die früher nie auch nur an die Möglichkeit gedacht haben, je eine Summe, die für sie ein Capital ist, an die Anschaffung eines so leicht entbehrlichen Gegenstandes zu wenden, finden sich plötzlich als Eigenthümer eines solchen Werkes, von dem es ihnen fast wie Zauberei und schwarze Kunst erscheint, wie sie eigentlich und so ganz gegen ihren positiv ausgesprochenen Willen zum Besitz desselben gelangt sind. Da steht es aber jetzt, oben auf einem groben, unbehobelten Bret zwischen dort aufgehangenen Hirsch- und Waschbärenfällen so ruhig und gemüthlich mit seinem stillen, selbstzufriedenen Ticktack, als sei es etwa 1500 Meilen von dort ganz besonders zu dem Zweck angefertigt worden, in möglichst kurzer Zeit hierher geschafft zu werden, und durch die Augen einer holdselig lächelnden Dame in wunderbar schimmerndem, feuerfarbenem Kleid, die, auf der Klappe der Uhr befindlich, in der einen Hand eine außergewöhnlich große Rose, in der andern einen chinesischen Fächer hält, dem wirklich verblüfften Farmer seine volle Zufriedenheit mit dessen trefflicher Wahl zu erkennen zu geben.

Der Yankee, eine stets sehr lange und sehr sorgfältig bis hoch hinauf an die Schläfe rasirte Gestalt mit glatt gestrichenen Haaren und grauen, lebhaften Augen, etwas vorstehenden Backenknochen und etwas schiefgezogenen Gesichtszügen, wovon jedoch größtentheils ein in der linken Backe ruhendes entsetzliches Stück Kautaback die Schuld trägt, versichert indessen den Farmer schon zum drittenmal, daß er ihn erst binnen Jahresfrist und vielleicht selbst dann noch nicht wiedersehen solle, läßt sich jedoch »um Lebens oder Sterbens willen« einen kleinen Wechsel nach Sicht schreiben, setzt sich am nächsten Morgen in sein kleines, grün lackirtes Wägelchen, nickt noch einmal einen freundlichen Gruß herüber und verschwindet in den Biegungen der durch den dichten Wald führenden Straße. Er hält Wort – er selbst kommt weder in Jahresfrist noch jemals wieder in dieselbe Gegend, aber nach zwei Monaten erscheint sein »Partner« oder Compagnon, präsentirt den Wechsel und dringt auf die Bezahlung. Von jähriger Frist weiß er nichts, sein College »hat ihm nichts davon gesagt,« der Wechsel lautet auf augenblickliche Bezahlung und muß, wenn er unter 50 Dollar ist, dem Vorzeiger bezahlt werden. Der arme Backwoodsman weiß das und schafft seufzend Rath, der Pedlar aber, oder Einkassirer vielmehr, zieht heimlich lachend von dannen.

Die Hinterwäldler sind sonst so schlau und gewandt, im Geschäft sowohl wie im wirklichen Leben; in den Händen eines Yankees aber ist es ordentlich, als ob sie ihre bisherige That- und Denkkraft verlieren; sie erkennen seine geistige Überlegenheit an und geben sich rettungslos verloren. Kehrt der Händler in seine eigene Heimath zurück, so hat er auch stets ein ausgezeichnet gutes Pferd vor dem Wagen, denn das vortheilhafte Vertauschen desselben gehörte mit zu seinem Geschäft.

Nur ein Beispiel weiß ich, wo ein Yankee und noch dazu einer der pfiffigsten, von einem Backwoodsman mit seinen eigenen Waffen geschlagen wurde und sehr betrübt abziehen mußte. Es war in Arkansas, und Jackson, ein Ansiedler, der erst kürzlich von Tenessee herübergekommen, sein letztes baares Geld für 40 Acker Land, zwei Milchkühe und ein Pferd, da ihm das alte krank geworden und gestürzt war, ausgegeben hatte, saß Abends in der ärmlichen Blockhütte beim frugalen Nachtmahl von Speck, Maisbrod und Milch, als das kleine Fuhrwerk eines solchen Clockpedlars vor seiner Thür hielt.

Freundlich lud er den Krämer ein, bei ihm die Nacht und mit seinem Mahl vorlieb zu nehmen, und dieser ließ sich auch nicht lange bitten, besorgte sein Pferd selbst, trug, wobei ihm Jackson half, die Uhren unter Dach und Fach und begann hier nun auf den Verkauf einer derselben hinzuarbeiten; Jackson war aber »an old hand,« wie sie in Amerika sagen, und durchschaute nicht allein seinen Plan, sondern hatte ihn schon von dem ersten Anblick an vorausgesehen, sagte daher dem Pedlar ganz freundlich, er sei zu arm eine Uhr zu kaufen, denn wenn er sie wirklich kaufen wolle, könne er sie nicht bezahlen. Dies war übrigens eine zu alltägliche Ausflucht, als daß sich der Yankee dadurch hätte sollen abschrecken lassen; im Gegentheil gab ihm das ruhige Betragen des Mannes die besten Hoffnungen zu einem guten Geschäft, und nicht eher ruhte er, bis sämmtliche Uhren in Reih und Glied vor dem still vor sich hin lächelnden Backwoodsman aufmarschirt standen, und jetzt handelte es sich nach des Krämers Meinung nicht mehr darum, ob er eines der herrlichen Kunstwerke, sondern nur welches er kaufen solle. Vergebens erwähnte der Arkansaner, daß er arm sei und keine Uhr kaufen könne, der Pedlar ließ nicht locker, und jener richtete sich endlich entschlossen auf und sagte:

»Gut – ich nehme eine – Ihr bekommt aber kein Geld.«

»Im ersten Jahr nicht,« lächelte der Krämer, »habt die Uhr nur einmal ein Jahr, Ihr laßt sie nicht wieder fort.«

»So will ich diese wählen – was ist der Preis?«

»Achtundvierzig Dollar.« (Er wußte recht gut, daß er bei einer Klage auf mehr als 50 Dollar Jahre lang hinausgehalten werden konnte.)

Jacksons Frau sah ängstlich zu ihm empor, er winkte ihr aber lächelnd zu, ruhig zu sein, und ließ es, behaglich auf ein Bärenfell ausgestreckt, geschehen, daß der Fremde die aufgedrungene Uhr über dem Kamin auf einem durch hölzerne Pflöcke gehaltenen Bret befestigte und aufzog.

»Ihr bekommt aber kein Geld dafür,« sagte er dem Yankee.

»Ich weiß es wohl,« erwiederte dieser, »aber doch Euern Wechsel, Ihr wißt wohl, das ist so Sitte.«

»Gut, dagegen habe ich nichts, den sollt Ihr haben,« sagte der Farmer, und unterschrieb das schnell ausgestellte Papier.

Der Pedlar zog am nächsten Morgen weiter, aber ehe sein Collecteur mit dem fälligen, natürlich nach Sicht ausgefüllten Wechsel erscheinen konnte, hatte Jackson die Uhr auf sein Pferd genommen, nach der nächsten Stadt gebracht und dort verkauft.

Der Compagnon des Yankees kam endlich nach drei Monaten, und erstaunte zwar, keine Uhr in der Hütte des Farmers zu finden, äußerte jedoch hierüber nichts, sondern präsentirte nur seinen Wechsel. Der Farmer bedeutete ihn aber sehr kaltblütig, daß er dem Uhrenhändler aufrichtig gesagt habe, er bekäme nie sein Geld und das wäre in der That wahr, denn er sei nicht allein nicht gesonnen, sondern auch nicht im Stande, die 48 Dollars jetzt oder jemals zu bezahlen; er hätte die Uhr nehmen müssen, um den Krämer nur loszuwerden, und der Collecteur möge ihn jetzt, wenn er sonst glaubte, etwas dabei verdienen zu können, verklagen.

Als dieser endlich wirklich sah, der Farmer sei fest entschlossen, sein Wort zu halten, so ging er zum nächsten Friedensrichter und klagte; der gute Mann war jedoch zum erstenmal in Arkansas – er hatte gut klagen, das Erlangen seiner Schuld stand aber auf einem anderen Blatt, denn der Farmer war – nicht zahlungsfähig.

Vergebens warf der Yankee ein, daß er eine Menge Hausgeräth, eine Büchse, ein Pferd und zwei Kühe habe, es half ihm nichts; in Arkansas kann einem Farmer weder die Büchse noch Handwerkszeug, weder zwei Kühe noch zwei Pferde, noch alles nöthige Hausgeräth als Pfand weggenommen werden, denn es giebt ein gewisses Eigenthum, welches er besitzen muß, ehe das Gesetz ein Recht auf das übrige erhält, und da er das, was ihm der Staat als unantastbar zugestand, noch nicht einmal alles besaß, denn er hatte nur ein Pferd und kaum die Hälfte des ihm verstatteten Hausgeräthes, so war natürlich an eine gewaltsame Bezahlung gar nicht zu denken. Als dies dem Yankee endlich in all seiner entsetzlichen Wahrheit einleuchtete, versuchte er die Uhr zurückzuerhalten, aber auch das war zu spät, und seit jener Zeit ist Jackson nie wieder eine Uhr zum Verkauf angeboten worden.

Ein anderer Handelszweig und keineswegs der unbedeutendste, mit dem die Yankees fast gänzlich Monopol treiben, ist der Medicin-Handel. Ein alter Yankee, der seine Söhne in die Welt schickt, damit sie Erfahrungen – die wichtigste Schule im menschlichen Leben – sammeln, und einmal von den Zwiebelbeeten erlöst werden, an die sie bis zu ihrem einundzwanzigsten Jahr gefesselt gewesen, stellt ihnen die Wahl frei, ob sie Clockpedlar oder – Doctor werden wollen, und wählen sie das letztere, so bedarf es noch nicht einmal so vieler Warnungen und Ermahnungen, als bei dem ersten Geschäft, um den jungen Mediciner mit der Wirkung seiner Heilkräfte, die er in einem kleinen Felleisen bei sich führt, bekannt zu machen.

Die Mittel, deren er sich bedient, sind sehr einfach. Calomel ist die Hauptcur, und macht, nebst irgend einer großnamigen Patentmedicin, den Mittelpunkt, um den sich alles übrige dreht; sonst gebraucht er noch etwas Opium (aufgelöst), Ricinusöl, Glaubersalz, etwas Ipecacuanha, Chinarinde und Brechweinstein, und er hat alles, was er zu einer ausgebreiteten Praxis bedarf.

Schon fünf Meilen von seinem Heimathsort, wo er dem ersten fremden Menschen begegnet, erhält er den Namen »Doctor,« und die können von Glück sagen, die noch mit Salz oder andern unschädlichen Medicinen abgefertigt werden, denn wo der junge Doctor Geld wittert, da müssen die Leute von seiner Patent-Medicin kaufen, und Gnade ihnen Gott, wenn sie das rothe, zusammengeknetete Zeug verschlucken. Sind sie vollkommen gesund, so kommen sie vielleicht mit einer heilbaren Kolik oder einigen gelinden Krämpfen und einem schwachen Anfall von Apoplexie davon; sind sie aber ohnedies kränklich, dann ist ihnen selten mehr zu helfen, und sie vermehren die Zahl der Schlachtopfer, die jährlich dem so scheußlichen Götzen »Quacksalberei« geopfert werden.

Manchmal betreiben auch diese wandernden Krämer oder »Doctoren,« wie sie sich am liebsten genannt hören, ihr Geschäft humoristisch, im Fall sie entweder zu gewissenhaft sind, den Farmern ihre Latwergen aufzudringen oder darin eine leichtere und schnellere Art sehen, Geld zu verdienen; so durchzogen z. B. im Jahre 1843 zwei Yankees die nördlichen oder nordwestlichen Staaten mit solchem Glück, daß sie in wenigen Monaten eine bedeutende Summe Geldes erübrigt hatten. Ihr Plan, oder vielmehr ihre List, war die folgende gewesen.

Der Eine von ihnen, ohne Waaren oder Gepäck, mit nur einer gewöhnlichen amerikanischen Satteltasche von seinem kleinen, feurigen Pferde getragen, war der erste auf der unter ihnen ausgemachten Marschroute, und hielt bei jedem Haus, das auf seinem Wege lag, an, stieg ab, schüttelte den Bewohnern desselben sehr freundlich und lang die Hand, ging an den Wassereimer und trank aus dem langstieligen Flaschenkürbis, der neben demselben an einem Haken aufgehangen war, unterhielt sich dann noch eine Weile mit den Leuten, sprach über dies und jenes, schüttelte ihnen noch einmal zum Abschied die Hand, kehrte wieder um und entdeckte nun irgend einem der Männer, den er bei Seite nahm und um Verschweigen des ihm Anvertrauten bat, daß er – an einer sehr bösartigen Hautkrankheit leide und frug ihn, ob er nicht irgend eine dieser abhelfenden Salbe habe. Er hielt dabei die Hand des Farmers fest in der seinen und sah ihm bittend in's Auge, bis dieser plötzlich den Sinn der Worte begriff und schnell zurücktrat. Gewöhnlich wurde er hierauf schnell und mit einigen kurzen, nicht besonders freundlichen Worten abgefertigt; das that aber nichts, er hatte seinen Zweck erreicht, schwang sich in den Sattel und trabte, wehmüthig zurückgrüßend, langsam der nächsten Ansiedlung zu, um hier seine List zu wiederholen.

Die Farmerfamilie blieb aber in größter Aufregung zurück – was mußten hiervon die Folgen sein? Der Mann mit der ekelhaften Krankheit hatte allen und höchst warm und freundschaftlich die Hand gedrückt, hatte aus demselben Trinkgeschirr mit ihnen getrunken und es war jetzt fast unvermeidlich, daß sie angesteckt werden mußten. Da nähert sich auf hohem, starkknochigem Roß ein Fremder, hält und steigt ab; die Familie ist noch so bestürzt, daß sie kaum seiner achtet, er nimmt aber ohne weiteres das kleine Felleisen, welches er hinter sich am Sattel trägt, geht in's Haus und fragt, ob niemand etwas von seinen Medicinen bedürfe.

Medicin? das war ein Wink des Himmels – der Mann kam wie von Gott gesandt, und welch ein Glück, daß er auch eine solche gerade für diese Art Hautkrankheiten nützliche Salbe bei sich führte. Es ist seiner Aussage nach das letzte, und wenn auch etwas viel für die eine Familie, so kann man ja doch nicht wissen, ob die Krankheit nicht wirklich zum Ausbruch kommt und wie sie sich zeigen wird, gut oder bösartig. Auch ist der Preis gerade für diesen Artikel sehr hoch, aber was schadet das, beugt man denn nicht damit dem Unangenehmsten vor? Der schlaue Krämer hat aber in der That seinen Mantelsack nur mit dieser Arznei gefüllt, welcher blos oben darauf zum Schein noch einige andere beigefügt sind; er streicht daher fröhlich das Geld ein und folgt schnell dem Compagnon, der indessen auf seiner Schrecken verbreitenden Bahn weiter gegangen ist und neue Opfer gesammelt hat. Da sie ihren Weg natürlich immer weiter und stets durch fremde Gegenden fortsetzten, so war auch eine Entdeckung gar nicht zu befürchten, und nie haben wohl zwei Yankees in so kurzer Zeit solche brillante Geschäfte gemacht, als diese beiden wandernden Medicinkrämer.

Zu dieser Menschenclasse gehören auch noch eigentlich streng genommen die unzähligen Kiel- und Flatboote, welche mit den größeren Strömen hinabtreiben; nur eine gewisse Art derselben legt aber an den einzelnen Farmen und Plantagen an, die Mehrzahl schwimmt dem großen Markt des Südens, dem gewaltigen New-Orleans zu. Diese Krämerboote zeichnen sich vor den ersteren Kameraden durch eine kleine Stange und einen flatternden Wimpel aus; sie landen an jeder größeren Ansiedlung und führen theils Producte des Nordens, theils Ausschnitt- oder Blechwaaren, ja manchmal sogar Schaubuden und Theater mit sich. Ist an dem einen Ort ihr Geschäft beendet, so lösen sie das Tau und treiben weiter hinunter zum nächsten Platz, wobei sie, wie schon oben erwähnt, besonders in den südlichen Staaten vorzüglich gute Geschäfte machen, indem sie heimlich an die Negersklaven Whiskey ausschenken und dafür von diesen Feldfrüchte und selbstgezogenes oder gestohlenes Vieh eintauschen.