Eine Pantherjagd.

Heulend und bellend liefen und sprangen drei kräftige, schlankgebaute Hunde vom Geschlecht der Bracken, die Nasen im eifrigen Suchen dicht am Boden haltend, durch den dicht verwachsenen Wald, oft die Spur in den dürren Blättern verlassend und auf umgestürzten Bäumen und alten, halbverfaulten Stämmen schnoppernd, auf denen sie hinliefen und von da wieder kläffend ihre Verfolgung erneuerten; ein sicheres Zeichen, daß ihre Jagd einem wilden Thier, sei es nun Bär oder Panther, und nicht dem schnellfüßigen Hirsch galt, der sie wohl, wenn er ihre Bahn durchschnitt, auf kurze Zeit von ihrer Fährte ablocken, nie aber ganz der einmal aufgenommenen Spur untreu machen konnte.

Jetzt hatten sie einen Platz erreicht, auf dem ihr Feind offenbar eine Zeitlang verweilt, und seine Fährten gekreuzt haben mußte, denn heulend standen sie oft einen Augenblick still und durchsuchten dann, mit wildem Winseln hin und herspringend, desto eifriger den, von dicht herabhängenden Schlingpflanzen fast wie mit einer lebendigen Mauer umgebenen Raum, immer wieder zum Mittelpunkt zurückkehrend, um ihr Heulen und Wehklagen dort wie früher zu beginnen.

Plötzlich theilten sich die Büsche, und ein junger Mann auf einem kleinen, schwarzen, indianischen Pony setzte, mit seinem breiten Jagdmesser, das er bloß in der Hand trug, ein paar Schlingpflanzen in kräftigem Zuge durchhauend, die ihn vom Pferde zu reißen drohten, gerade zwischen die Hunde hinein, die bei seinem plötzlichen Erscheinen ihn für einen Augenblick freundlich wedelnd umgaben, und dann wieder, mit erneutem, durch die Nähe ihres Herrn belebten Eifer in ihrem Suchen fortfuhren.

»So recht, meine braven Thiere,« rief der junge Jäger, indem er sein Pferd anhielt, das Messer in die Scheide zurücksteckte und die lange Büchse, die er auf der linken Schulter trug, vor sich auf den Sattelknopf legte, »so recht, – sucht, sucht – ihr seid einmal auf der Fährte, und ich denke doch, daß wir dießmal den Ferkeldieb erwischen, der mir schon so oft entgangen ist!«

»Huhpih!« rief er, sich hoch im Sattel aufrichtend und seinen Jagdruf ausstoßend, als er sah, daß der älteste der Hunde plötzlich die wieder gefundene Fährte aufnahm und von den andern gefolgt, augenblicklich im Dickicht verschwand.

»Huhpih!« und die Büchse zurück auf die Schulter werfend, ergriff er jetzt mit der rechten den Zügel, rannte dem hochaufbäumenden Pony die Hacken in die Seite, und flog in wilden Sprüngen seinen dahineilenden Hunden nach.

Im Wege liegende Stämme, dicht verwachsenes Gebüsch, Sumpflöcher und schlammige Canäle, Nichts konnte ihrem Eifer Schranken setzen, vorwärts ging's, und schnaubend und schäumend folgte der Rappe mit seinem in freudiger Lust hochaufjauchzenden Herrn.

Da hielten die Hunde aufs Neue; dießmal hemmte aber nicht Ungewißheit über die Richtung des Weges, den der verfolgte Feind eingeschlagen haben konnte, die Wüthenden, nein, bellend und heulend sprangen sie an einer starken Eiche in die Höhe, und bissen vor Grimm in die Wurzeln und die rauhe Rinde des mächtigen Baumes, daß er ihrem Feinde Schutz verlieh, und ihn seinen Verfolgern vorenthielt.

Jetzt erschien auch der Jäger auf dem Wahlplatz, und sprang, ohne nur das Anhalten seines feurigen Thieres abzuwarten, mit einem Satz aus dem Sattel, das seiner Last enthobene Thier sich selbst überlassend; mit spähendem Blick aber untersuchte er den dichtbelaubten Baum, an dem die Hunde jetzt wieder jauchzend emporsprangen, und erkannte bald, zwischen ein paar Ästen eingeschmiegt, die Gestalt eines lebendigen Wesens, das dort sich, fest an einen der Äste angedrückt, versteckt und unbemerkt glauben mochte.

Zwar war es im Schatten des dichten Laubes ziemlich dunkel, und ein weniger geübtes Auge als das unseres jungen Waldbewohners möchte wohl lange über den Namen und die Art des Thieres, das sich so angelegentlich den Blicken der Untenstehenden zu entziehen suchte, in Ungewißheit geblieben sein; Wistons scharfer Blick erkannte aber bald in der zusammengepreßten Gestalt das Junge eines Panthers, das der lange Schweif, den es nicht ganz verbergen konnte, leicht verrieth.

Schon hob er die Büchse, um das sich sicher Glaubende aus seiner Höhe herabzuholen, und athem- und lautlos schauten die Hunde ängstlich und erwartend bald nach dem Lauf der Büchse, aus dem sie mit jedem Augenblick den Feuerstrahl herausblitzen zu sehen hofften, bald nach dem Gipfel der Eiche, in deren Laub sie ihren Feind wußten.

Doch vergebens war dießmal ihr leises, flehendes Winseln, mit dem sie den Schuß ihres Herrn zu beeilen glaubten; dieser schien sich plötzlich anders besonnen zu haben, setzte die Büchse ab, und begann auf's Neue den Baum, fast mit noch größerer Aufmerksamkeit als vorher, zu untersuchen.

Nach langem, bedächtigen Ausblicken schien er sich endlich von dem, was er wissen wollte, überzeugt zu haben, stellte seine Büchse gegen einen umgestürzten Stamm, der nicht weit vom Baume lag, schnallte seinen Gürtel ab, in welchem Messer und Tomahawk staken, zog sein Jagdhemd aus und kehrte dann mit dem Gürtel, den er in der Hand hielt, zur Eiche zurück, welche die Hunde, die zwar aufmerksam allen Bewegungen ihres Herrn gefolgt waren, dennoch nicht aus den Augen ließen.

»Ich versuchs,« murmelte er endlich vor sich hin, »ich versuch's und fang ihn lebendig; bringe ich den jungen Panther nach Little Rock, so bekomme ich dort mit Leichtigkeit meine 10-15 Dollars für ihn, schieß ich ihn dagegen, so ist das Fell keinen Bit werth. Die Alte muß überdieß geflohen sein, denn ich kann sie nirgends im Baume sehen, und für 10 Dollars läßt man sich schon einmal von solch einem jungen Teufel kratzen; also Pantherchen, paß auf, ich komme!«

Mit diesen Worten ging er zu seinem Pferde, das ruhig graste, schlang einen Strick, der um dessen Hals gewunden war, von demselben ab, schnallte seinen eigenen Gürtel wieder um, in den er das Messer steckte, den Tomahawk aber zurückließ, und begann den starken Baum, den er nicht umklammern konnte, zu ersteigen, indem er das Seil, dreifach genommen, um den Stamm warf, die beiden Enden desselben, und zwar so kurz, als er sie fassen konnte, ergriff, und dann mit deren Hülfe, indem er bald mit dem rechten, bald wieder mit dem linken Arme sich bedächtig am Baume in die Höhe zog, denselben erstieg.

Die Hunde verstanden augenblicklich, was er beabsichtige und umsprangen winselnd und jauchzend die Wurzeln der Eiche.

Langsam zwar, aber sicher klomm er an dem geraden, schlanken Stamm, wohl 40 Fuß empor, ehe er an die ersten Äste kam und dort einen Augenblick Athem schöpfen und sich ausruhen konnte; hier fühlte er auch nach seinem Messer, ob das noch fest stak, blickte zum jungen Panther, der noch bewegungslos an demselben Ast wie früher angeschmiegt lag, empor, schlang sich jetzt das Seil, dessen er nun, da er die Äste zum Anhalten hatte, nicht mehr bedurfte, um die Schultern, und stieg, gewandt die Zweige als Sprossen seiner natürlichen Leiter benutzend, schnell und leicht zu dem jungen Panther hinauf, der zwar, ohne sich zu regen, liegen blieb, aber dennoch die glühenden Blicke fest auf den nahenden Feind geheftet hielt.

Aber noch andere und wildere Blicke beobachteten und bewachten das Fortschreiten des Jägers, der von solch grimmiger, gefährlicher Nähe keine Ahnung hatte, und zwar Niemand anders als die Mutter des Jungen, die auf einem dicht danebenstehenden verdorrten Baume, dessen Zweige in die des andern hineinragten, auf einen Ast niedergeduckt, zum Sprunge fertig da lag und mit dem Schwanze leise wedelnd nur die noch weitere Annäherung des Jägers zu erwarten schien, um mit gewaltigem Satze sich auf den Kühnen, der ihre Brut greifen wollte, zu werfen, und ihn mit Zahn und Tatze zu vernichten.

Sorglos schwang sich Wiston von Ast zu Ast, und war schon dicht unter dem Jungen, das sich jetzt leise erhob und nach Art der Katzen den Rücken biegend auf dem Aste stand und nach dem Jäger herunterschaute, die Gefahr, welche dessen Nähe mit sich brachte, noch nicht so recht begreifend; da hielt der Jäger, wand das Seil von seinen Schultern, machte schnell eine Schlinge daraus, um sie über den Kopf des Jungen zu werfen, und schaute, sich auf zwei anderen Ästen feststellend, eben zu diesem empor, um den rechten Zeitpunct abzuwarten, als er, gerade gegenüber, kaum zehn Schritte von sich entfernt, in die glühenden Augen der Pantherin blickte, die sich eben zum entscheidenden Sprunge niederbog.

Von Kindheit auf im Walde erzogen und mit den Gefahren, die den einsamen Jäger so oft bedrohen, bekannt und vertraut, behielt er in dem fürchterlichen Augenblick Besinnung genug, schnell und ehe der ihm gegenüber liegende Feind seine Absicht errathen konnte, den Stamm der Eiche, auf dem er stand, zwischen sich und die Bestie zu bringen, was ihm durch eine rasche Bewegung gelang; es war aber die höchste Zeit gewesen, denn in demselben Momente schnellte auch die dunkle Gestalt des Panthers auf den Platz, den er eben verlassen hatte, herüber, und seine glühenden Augen schauten in die des unerschrockenen Jägers, der den linken Arm um einen Zweig gewunden, in der Rechten das blanke Messer, mit jedem Athemzuge erwartete, das gereizte Thier auf sich herabspringen zu sehen.

Die Pantherin jedoch, durch das Auge, das Jener fest auf sie geheftet hielt, eingeschüchtert, begnügte sich damit ihr Junges beschützt zu wissen, und jede Bewegung ihres Feindes auf das Aufmerksamste zu beobachten, während sie, kaum sechs Fuß von ihm entfernt, mit dem Schweife wedelnd da lag.

Zuerst glaubte sich Wiston verloren, denn wenn auch sein Messer eine gute und starke Waffe selbst gegen den grimmigsten Feind sein konnte, so war doch schon der Platz allein, wo er stand, und wo ihn der geringste Fehltritt zerschmettert in die Tiefe gesandt haben würde, nicht zu einem Kampf mit solchem Feinde geeignet; kaum fand er daher, daß sein Gegner sich damit begnügte, ihn zu bewachen, als er schnell, aber vorsichtig und ohne irgend eine rasche Bewegung zu machen, die das Ungethüm hätte reizen können, das Messer in die Scheide schob und langsam seinen Rückzug antrat.

Der Panther, als er sah, daß Jener sich mehr und mehr von ihm entfernte, folgte ihm langsam, und mehreremal zuckte Wiston's Hand nach dem Stahl, wenn sich die schlanke Gestalt der Katze zum Sprung niederbog, immer aber konnte sich diese nicht zu einem offenen Angriff, Aug' in Aug, entschließen.

So erreichte er den untersten Ast wieder, schlang das Seil um den Stamm, erfaßte beide Ende desselben, und glitt bedächtig, aber doch so schnell als möglich hinab. Die Hunde hatten aber indessen ihren Feind in den Ästen bemerkt, wie er ihrem Herrn folgte, und in toller Wuth, fast zur Verzweiflung getrieben, daß sie ihn nicht erreichen konnten, sprangen sie empor und bellten und heulten auf eine herzbrechende Art.

Endlich gewann Wiston wieder den festen sicheren Boden; seine Kleider waren zerrissen, das Blut tropfte von seinen Armen, denn die rauhe Rinde des Stammes hatte sie zerschnitten, seine Kräfte waren erschöpft und seine Kniee zitterten; aber nicht einen Augenblick vergönnte er sich zum Ausruhen, sondern sprang zu dem Ort, wo seine Büchse lehnte, ergriff diese und hob sie, um den Panther aus seiner sicher geträumten Höhe herabzuholen; aber vergebens bemühte er sich das schwere Rohr auch nur eine Secunde lang still und unbeweglich zu halten, seine Glieder zitterten, und er war genöthigt sich niederzuwerfen, um auszuruhen. Aber kein Auge wandte er von der, jetzt dicht an den Stamm angeschmiegten Gestalt der Bestie, neben der das Junge, keine Gefahr weiter fürchtend, mit emporgehobenem Schweife, auf einem etwas vortretenden Aste stand, und sich behaglich an der Mutter strich.

Wiston erholte sich bald, faßte noch einmal seine Büchse, zielte lange und sicher, und donnernd schallte das Echo von fernen Hügeln herüber.

Die Bestie, vom tödtlichen Blei durchbohrt, zuckte zusammen, sprang empor und kletterte in wilder Eile von Zweig zu Zweig in den Gipfel des Baumes; die dünnen Äste schwankten unter ihr; jetzt hatte sie den höchsten Punct erreicht – höher hinauf wollte sie; das schwache Laubwerk gab nach – sie stürzte, faßte noch mit den gewaltigen Tatzen im Herunterfallen nach den Blättern und Ranken und schmetterte, von den Hunden heulend erwartet, verendet zu den Füßen Wiston's nieder.

Zwar stand diesem jetzt kein weiteres Hinderniß entgegen, das Junge lebendig zu fangen, das ängstlich bis zu den niedrigsten Ästen des Baumes der Mutter gefolgt war, doch hatte er das erste Mal seine Kräfte zu sehr angestrengt, und vermochte nicht auf's Neue den beschwerlichen Weg anzutreten; er lud daher seine Büchse wieder und brachte es mit sicherem Schusse in den Bereich der Hunde, die mit grimmiger Wuth über dasselbe herfielen.

In wenigen Minuten waren die Felle abgestreift und auf den Pony geworfen, und von den Hunden gefolgt, trabte der kühne Jäger neuer Beute und neuen Gefahren entgegen.