Der wunderbare Traum.
Im Staat Pensylvanien, dicht am nordwestlichen Fuß der Alleghanies, liegt oder lag vielmehr das kleine Städtchen Seneka, das damals, als man es gründete, von Ansiedlern fast überschwemmt ward; denn jeder Einzelne hoffte goldene Berge in dem neu entdeckten Eldorado zu finden und Seneka bald als den Brennpunkt des Staates zu sehen, nach dem sich aller Verkehr, wie die Blumen zur Sonne, hinwenden müsse.
Jetzt sind freilich diese schönen Träume größtentheils in ihr ursprüngliches Element Luft zurückverschwommen, und ein allein und einsam stehendes Farmhaus kündet die Wohnung des »Letzten der Senekaner,« der hier, allen früheren Plänen und Hoffnungen von gepflasterten Straßen und Gaßbeleuchtung entsagend, gar ehrsam Ackerbau und Viehzucht treibt.
Noch vor zwölf Jahren aber, und in derselben Zeit, von der ich hier erzählen will, befand sich Alles in seiner Blüthe; mehre Wirthshäuser waren angelegt, ein Gerichtshaus und ein Gefängniß standen fertig aufgerichtet und wurden auch schon benutzt, denn es fehlte nur noch das Dach zu beiden, mehre kleine Stores oder Läden waren etablirt, in denen der fleißige Städter Whiskey beim Quart und Kaffee, Zucker und Kattun, wie Schuh und Stiefel, Ackergeräth, Kochgeschirr etc. etc. etc., kaufen konnte, und zwei Schul- und Kirchengebäude, das eine den Presbyterianern, das andere den Baptisten gehörig, standen zum frommen Dienst bereit und wurden von der gottesfürchtigen Gemeinde gar häufig benutzt.
Wie es nun aber stets bei so neuerrichteten und gegründeten Städtchen geht, so sammelte sich auch dort ein buntes Gemisch von allerlei oft recht wunderlichen Leuten, und wo viel gute und ordentliche Menschen sind, da bleibt es fast nie aus, daß sich auch ein parr rauhe, wilde und nichtsnutzige Gesellen mit einschwärzen, die dann so lange mit der übrigen Bevölkerung auf einem Fuß stehen und mit ihr gleiche Achtung und gleiche Rechte genießen, bis sie entweder selbst sehen, daß die Zeit naht, wo sich jeder brave Mann von ihnen fern hält und sie ihr Wesen nicht länger treiben können, oder die Gemeinde auch fest und entschlossen auftritt und sie ausstößt.
Ein solcher Bursche, zu allem Schlechten fähig und zu nichts Gutem zu gebrauchen, war ein junger Kentuckier, Hills, der sich eine Zeitlang auf dem Monongahelafluß als Flatbootmann herumgetrieben hatte, und nun einmal versuchen wollte, ob er's nicht schneller und bequemer »in der Stadt« zu etwas bringen könne.
Er lebte oder »boardete« wie man dort sagt, im Hause eines Irländers, eines braven fleißigen Mannes, der mit seiner jungen Frau erst kürzlich aus dem alten Vaterlande herüber gekommen, und von einem der sogenannten Landhaye in New-York auch gleich beredet worden war, sich hier in Seneka, der künftigen Königin aller westlichen Städte anzukaufen und niederzulassen. Hills aber, der an nichts Heiliges, weder im Himmel noch auf Erden glaubte, fand Gefallen an der jungen Irländerin und suchte sich ihr, wenn ihr fleißiger Mann sein kleines Grundstück bearbeitete, zu nähern und sie sich geneigt zu machen. Diese aber wies ihn ernst und strenge zurück und drohte endlich, als Alles das nichts half, ihren Mann von dem nichtswürdigen Betragen seines Hausgenossen in Kenntniß zu setzen.
Eine Zeit lang schüchterte das den Kentuckier ein, denn der Irländer war ein kräftiger Gesell und verstand sicherlich, was seine Hausrechte betraf, keinen Spaß; eines Abends aber, als er der jungen Frau im Walde begegnete, die gerade eine kranke, nicht sehr entfernt wohnende Freundin besucht hatte, und nun zu Hause zurückkehren wollte, schloß er sich ihr an und wurde nach wenigen miteinander gewechselten Worten so frech und zudringlich, daß sie ihm mit lauter Stimme drohte, um Hülfe zu rufen, wenn er sich nicht gleich entferne, als plötzlich mit zorngerötheten Wangen und finster zusammengezogenen Braunen ihr Mann aus den benachbarten Büschen sprang und im nächsten Augenblick neben dem erbleichenden Kentuckier stand.
Was an jenem Abend weiter vorgefallen hat nie ein Mensch erfahren, am nächsten Morgen aber fand man, durch Blut in der Straße aufmerksam gemacht, den Kentuckier mit zerschmettertem Schädel im Gebüsch liegen. Er schien schon mehrere Stunden todt, und jede Hülfe kam zu spät. Noch an demselben Abend wurde er begraben.
Wüthend durchtobten aber indessen die Freunde des Ermordeten die kleine Ansiedlung und forschten nach dem Mörder; ja selbst der stillere Theil der Bevölkerung, die Baptisten und Presbyterianer, waren entrüstet, daß in ihrer ruhigen und frommen Gemeinde so etwas vorgefallen war. Durch einen kleinen Knaben ward endlich der Verdacht auf den Irländer gelenkt, denn dieser hatte ihn noch spät Abends mit seiner Frau zu Hause kommen gesehen, und zwar gerade aus jenem Weg, neben welchem die Leiche lag und der kleine Bursche behauptete dabei steif und fest, der Irländer sei blutig im Gesicht gewesen.
Man forschte jetzt genauer nach, durchsuchte das Haus und fand – sorgfältig hinter einer großen Kiste versteckt, eine baumwollene Jacke, an welcher noch frische Blutflecken nicht zu verkennen waren. Zwar behauptete Mac Ferson (der Name des Iren), einen Hirsch erst an dem Nachmittag erlegt und den Kentuckier wohl gesehen, aber keinen Streit mit ihm gehabt zu haben; in seinem ganzen Wesen ließ sich aber dabei eine gewisse Verlegenheit nicht verkennen, und weder seine Betheuerungen »er sei unschuldig,« noch die Bitten seiner Frau halfen ihm etwas; er wurde gebunden und in das Gefängniß – ebenfalls ein aus starken Stämmen errichtetes Blockhaus – abgeführt.
Dort blieb er den Tag seinen einsamen Betrachtungen überlassen, und wurde am nächsten Morgen, da gerade Gerichtstag im Städtchen war, vor seine Richter, vor die Geschworenen gestellt. Hier aber schien leider Zeugniß auf Zeugniß gegen den armen Teufel auftauchen zu wollen, denn außer dem blutigen Kleidungsstück hatte man noch ganz nahe bei seiner Wohnung einen ebenfalls mit Blut befleckten schweren Knittel gefunden, und mehrere Einwohner sagten dabei aus, Mac Ferson habe sich mehre Male gegen sie geäußert, er glaube, seine Frau gefalle dem Kentuckier, und er wolle sich nur erst Beweise verschaffen, ehe er ihn fühlen lasse, was es heiße, den Rechten eines Irländers zu nahe zu treten. Mac Ferson leugnete dies auch nicht, blieb aber bei seiner Behauptung, an dem Nachmittag keinen Streit mit dem Kentuckier gehabt, ja kein einziges Wort mit ihm gewechselt zu haben und betheuerte nur in einem fort seine Unschuld.
Der Staatsanwalt versuchte jetzt ihn durch Kreuzfragen zu verwirren, Mac Ferson war aber nicht der Mann, der sich, wenn wirklich schuldig, durch einen Advokaten außer Fassung bringen ließ – er blieb dabei, das an der Jacke gefundene Blut sei von einem Hirsch, und man sah sich gezwungen, ihn aufzufordern, die Männer zu der Stelle hinzuführen, wo er den Hirsch geschossen habe. Der Ire war auch gern bereit dazu, aber erst seit kurzer Zeit in Amerika, behauptete er mit dem Wandern im Walde nicht recht vertraut zu sein, indem er nie genau wisse, nach welcher Richtung er sich wenden solle, sobald er einmal mitten zwischen den Bäumen sei, den Ort also auch nicht wiederfinden könne, wo er das Wild erlegt und aufgebrochen hätte. Er bat daher die Richter nur, in dieser Gegend herum mehrere Männer zu postiren, die dann bald aus dem Flug der Aasgeier erkennen könnten, nach welcher Richtung zu die im Walde zurückgelassene Beute läge.
Er war dabei so ernst und ruhig, blieb sich in allen seinen Antworten so gleich, und widersprach sich nicht ein einziges Mal, so daß die Männer, die sein Urtheil sprechen sollten, wirklich anfingen, trotz allen vorliegenden und fast unumstoßbaren Beweisen, an seine so fest betheuerte Unschuld zu glauben und den Bitten des Gefangenen willfahrten. Vergebens aber blieb ihr Suchen; alle Bussards und Adler schienen die Gegend verlassen zu haben, und erst am dritten Tag, als man auch noch ein kleines Scalpiermesser bei ihm gefunden hatte, was der Ermordete an demselben Abend, wo er erschlagen worden, in dem nächsten kleinen Laden aus der Scheide gezogen, um Brod damit abzuschneiden, glaubte man hinlängliche Beweise (circumstantial proofs) zu besitzen, ihn auch ohne sein Eingeständniß zum Tode durch den Strang zu verurtheilen.
Er lauschte dem Spruch ruhig und ohne eine Miene zu verziehen, nur nahm sein Gesicht eine fast noch bleichere, leichenähnlichere Farbe an und er sagte dann, sich mit leiser aber doch deutlich klingender Stimme an die Geschworenen wendend, »daß er sie nicht tadeln könne, sie haben ihre Schuldigkeit gethan, Alles scheine gegen ihn zu sprechen und die Menschen müßten ihn wohl für schuldig halten, Gott aber wisse, wie er schuldlos sei, und wenn es mit seinen weisen Rathschlüssen übereinstimme, so werde er ihn auch wohl noch zu retten und seine Unschuld dazuthun wissen.«
So rückte der letzte Abend heran, und seine Frau, der man den Zutrit zu ihm natürlich gestattete, blieb mehrere Stunden in der engen Zelle, hielt sich aber sehr gefaßt und ruhig und sprach ihm sogar Muth ein – Gott werde ihn schon nicht in dem fremden Lande verlassen – er solle nur auf ihn bauen. Mac Ferson verlangte dann nach dem Priester; es war aber in der ganzen Ansiedelung kein katholischer Geistlicher, und der Ire bat dann, ihm einen Prediger der Baptisten zu senden, da er sich nach dem Trost der Religion sehne, wenn dieser auch aus einem nicht katholischen Munde käme.
Das freute die Baptisten ungemein und machte ihm ihre Herzen sehr geneigt. Der Prediger der kleinen Schaar, ein kleiner hagerer Mann, mit einem etwas abgetragenen blauwollenen Frack, sehr eingefallenen Wangen und etwas stieren gläsernen Augen, auf der scharfgebogenen Nase eine gewaltige Brille, säumte denn auch nicht lange, und versicherte ihm nach kurzer Unterredung, daß er, sei er nun des angeklagten Verbrechens schuldig oder nicht, in wenigen Stunden am Throne des Höchsten Verzeihung für seine Sünden und Gnade in den Augen des Allerbarmers finden würde.
Mac Ferson betete wohl bis zwölf Uhr in dieser Nacht mit dem frommen Manne, beichtete ihm alle seine Sünden, gestand auch, wie er schon, seit er das freie Land Amerika betreten, gewünscht habe dem katholischen Glauben zu entsagen und sich den Baptisten anzuschließen, deren einfache Formen ihm stets am meisten zugesagt, und bewies sich so zerknirscht, so weich und religiös, daß der Prediger diesen Augenblick nicht ungenützt vorüber lassen zu dürfen glaubte, und dem Verurtheilten noch einmal dringend an's Herz legte, das letztverübte Verbrechen zu gestehen, damit er vor Gott Nichts habe, was noch einen schwarzen Schatten auf seine Seele werfen könne. Hier blieb der Unglückliche aber verstockt und behauptete nur, der liebe Gott wollte ihn durch diesen unverschuldeten Tod für all' seine früheren Sünden und Laster strafen, an dem vergossenen Blute sei er jedoch unschuldig und der Kentuckier müsse von einem Anderen erschlagen sein.
»Ich habe einen Verdacht,« sagte er dann wie überlegend nach kurzer Pause, »aber er ist zu weit hergeholt, zu unwahrscheinlich, als daß ich es gewagt hätte, ihn vor den Geschworenen zu äußern; es würde meine Sache vielleicht noch verschlimmert haben.«
»Aber mir könnt Ihr ihn entdecken, armer Mann,« sagte der Prediger – »meinem Herzen könnt Ihr ihn vertrauen; wer weiß, ob nicht vielleicht dadurch noch Rettung für Euch möglich ist.«
»Ach nein, ehrwürdiger Herr,« erwiederte der Ire – »der Verdacht ist zu wild, zu oberflächlich, doch Ihr sollt ihn hören. Erst vorgestern äußerte der Kentuckier – wie auch allenfalls meine Frau bezeugen könnte, denn wir saßen zusammen am Tisch – daß er glaube einen Menschen hier in der Gegend gesehen zu haben, der seinen Wohnort umschliche, und dessen Anwesenheit er eigentlich fürchten solle, da er ihn früher einmal tödtlich beleidigt habe. Damals achteten wir nicht sonderlich auf die Worte, jetzt aber, da der Unglückliche erschlagen ist, kann ich kaum umhin zu glauben, daß jener Fremde die That verübt hat.«
»Aber weshalb erwähntet Ihr diesen so wichtigen Umstand nicht bei Euerem ersten Verhör?« rief der Prediger aus. »Man hätte in der benachbarten Gegend nachforschen und den Mörder, wenn es wirklich jener Fremde war, vielleicht auffinden können.«
»Ich wußte nicht gewiß, ob Jener der Thäter sei,« sagte der Ire mit frommen zum Himmel gerichteten Blicken, »und wollte keinen Unschuldigen in's Verderben bringen.«
So lange blieben die beiden Männer nun noch im Gespräch und Gebet zusammen, bis der Diener des Herrn fast wirklich von der Unschuld des armen Irländers überzeugt war; das einmal gesprochene Urtheil ließ sich aber einer solchen oberflächlichen Vermuthung nach nicht abändern, und die Stunde rückte heran, in welcher der zum Tode Verdammte die Strafe für ein Verbrechen erleiden sollte, das er, wie jetzt ein großer Theil der Bewohner von Seneka zu glauben anfing, gar nicht begangen. Der Baptist hatte nämlich seiner ganzen Gemeinde am nächsten Morgen das in der Nacht erhaltene Geständniß des armen Iren mitgetheilt, wobei er nicht zu erwähnen vergaß, mit welch frommem Herzen er sich ihrer Religion zugeneigt und dem Papstthum entsagt habe, und wer weiß, ob nicht schon aus diesem Grunde eine Art Gnadenakt zu seinen Gunsten ausgeübt wäre, hätten sich die Presbyterianer dabei nicht in's Mittel geschlagen, die schon das mit neidischen Augen betrachtet hatten, daß der Katholik die Religion der Baptisten der ihren vorgezogen.
Der Baptistenprediger suchte etwa zwei Stunden vor der Execution den Verurtheilten wieder auf und frug ihn, ob er vielleicht noch wünsche, seine Frau vor seinem Tode zum letzten Mal zu sehen; Mac Ferson verneinte das aber, indem er sagte, er habe schon Abschied von ihr genommen, und wolle sich das Sterben nicht durch eine zweite solche Scene erschweren. Sein ganzes Benehmen war aber an diesem Morgen so sonderbar, so eigenthümlich, daß es nicht umhin konnte, dem frommen Manne aufzufallen, der dann natürlich gar eifrig in ihn drang, ihm das zu entdecken, was seine Seele noch belaste, damit er rein und sündenfrei vor den Thron des Höchsten treten könne. Der Baptist glaubte nicht anders, als Mac Ferson fange an, durch die Nähe seiner letzten Stunde geängstigt, sein bisheriges verstocktes Leugnen zu bereuen, und wolle nun bekennen, daß er das Verbrechen doch begangen habe.
Mac Fersons ganzes Benehmen schien ihn auch darin zu bestärken, denn erst war er unruhig, ging mit etwas verstörten Blicken in dem engen Raume auf und ab, und beantwortete fast alle an ihn gerichteten Fragen zerstreut und wie mit ganz andern Dingen beschäftigt. Der Mann Gottes bat ihn zwar mehrere Male, seine Blicke nun der Ewigkeit zuzuwenden, an deren Pforten er in wenigen Minuten stehen würde; der Ire schien jedoch das Alles nicht zu beachten, preßte aber oft die Hände gegen die Stirn, als ob ihn ein wilder Traum schrecke oder irgend ein, vor seiner Seele ansteigendes Bild ängstige, bis endlich die Stunde schlug, die zu seiner Hinrichtung bestimmt war, und erst als er den nahenden Sheriff hörte, da warf er sich auf die Kniee nieder, betete mit leiser flüsternder Stimme ein kurzes Gebet, und gestand nun dem Prediger, er habe einen Traum gehabt, von dem er nicht wisse, ob er ihm von Gott, oder von dem Erzfeind, dem Teufel, gesandt sei.
Der Prediger drang jetzt in ihn, ihm den Traum mitzutheilen, der Gefangene wies aber auf den eben eintretenden Sheriff, der mit zwei Constablen in der Thür erschien, und flüsterte leise:
»Es ist zu spät!«
»Nein Mann – nein – es ist nicht zu spät,« rief der fromme Geistliche entsetzt, »das wolle Gott verhüten, daß Ihr in Euerem letzten Augenblick daran verhindert werden solltet mir mitzutheilen, was Euere Seele peinigt – nein – der Sheriff ist ein braver Christ und wird sicherlich nicht solche Verantwortung vor Gott auf sich nehmen wollen.«
Dieser versicherte auch dem Geistlichen augenblicklich, daß er gern bereit sei, noch eine Viertelstunde zu warten, die Zuschauer wären aber versammelt, und länger dürfe er den Ausspruch des Gesetzes nicht verzögern. Er zog sich dann nebst seinen Begleitern zurück und mehre Sekunden sah ihm Mac Ferson sinnend und ernst nach; dann aber wandte er sich an den frommen Mann und sagte mit fester, ruhiger Stimme:
»Ich sehe, ich darf nicht länger zögern; der Augenblick, der mich mit meinem Gott vereinen soll, ist gekommen. Vorher, ehrwürdiger Herr, erfahren Sie aber noch einen Traum, den ich in letzter Nacht geträumt und der mir in diesem Moment fast mehr als Traum scheint – ich habe den Mörder des Kentuckiers gesehen!«
»Großer Gott – wär' es möglich!« rief der Prediger, überrascht von seinem Stuhle aufspringend, »hätte Euch Gott in seiner unendlichen Güte den wahren Mörder gezeigt und wäret Ihr wirklich unschuldig? Wer war es?«
»Ich kenne ihn nicht.«
»Keiner aus dieser Stadt?«
»Nein!«
»Und Ihr habt ihn früher nie gesehen?«
»Nie!«
»Aber was, um des Heilandes willen, soll Euch das nützen? wer wird Euch glauben? wie wollt Ihr den Mann zur Stelle schaffen?«
»Ich kenne seinen Aufenthalt« –
»Ihr? aber woher?«
»Ich sah ihn im Traum – doch hört mich und sagt mir nachher, was ich thun, ob ich schweigen oder dem Volk den Traum bekannt machen soll. Mir war, als ob ich langsam, mit meiner Axt auf der Schulter, durch den Wald, und zwar auf demselben Fahrweg, auf dem der Mord geschehen, hinschlenderte, als ich plötzlich um eine Ecke bog, die hier durch dichtes Gestrüpp und einige umgestürzte Fichten gebildet wurde. Was ich dort wollte, weiß ich nicht mehr, denn ich bin nie so weit mit der Axt in dem Walde gewesen, aber mir war wunderbar leicht zu Muthe und ich hätte von der Erde auffliegen und über die Baumwipfel dahinstreichen mögen. Es kommt Einem ja manchmal im Traum ein ähnliches Gefühl. Da, wie gesagt, bog ich um jenes Dickicht herum und sah ein Schauspiel vor mir, das mir das Blut in den Adern zu Eis erstarren machte. Mitten im Fahrweg lag die große, kräftige Gestalt des Kentuckiers, und über sie hingebeugt, eben wieder zu erneutem Schlage ausholend, stand ein schlanker, schmächtig gebauter Mann, mit rabenschwarzem Haar, einer breiten Binde um das linke Auge, die sein halbes Gesicht verdeckte, und einem gelben, breiträndigen Strohhut auf dem Kopfe. Er trug ebenfalls einen hellen Rock, und wenn ich nicht irre, blaue Beinkleider und Schuhe.«
»Sie erstaunen vielleicht, daß ich das Alles so deutlich und genau behalten konnte, aber als ich den Mörder gewahr wurde, stand er, wie aus Stein gehauen, mit der gehobenen Waffe über seinem Opfer, und mehrere Minuten lang verharrten wir Beide so, starr und regungslos, wie die uns umgebenden Riesenstämme des Waldes.«
»Da fand ich zuerst Leben und Bewegung wieder und stieß einen lauten, durchdringenden Hülferuf aus, denn jetzt durchzuckte mich wie mit Blitzesschnelle der Gedanke: dort steht der wirkliche Mörder und Dich wird man dafür bestrafen, wenn Du ihn nicht ergreifst und festhältst. In demselben Augenblick aber begann auch der finstere Fremde sich zu regen; der schwere, keulenartige Stock fiel noch einmal mit dumpfem Schall auf den schon zerschmetterten Schädel des unglücklichen jungen Mannes nieder, und eilenden Laufes entfloh dann der feige Mörder in das Dickicht. Mir aber ward es in diesem Augenblicke klar. »Er oder Du!« rief ich mir zu, und mit einer Schnelle, die ich damals selber nicht begreifen konnte, folgte ich dem Flüchtling in das wildeste Dickicht der Niederung.«
»Wohl erinnere ich mich, wie ich dabei über meine eigene Kenntniß der Waldpfade erstaunte, ich, der ich sonst kaum zwanzig Schritte weit den gebahnten Weg zu verlassen wagen durfte, aus Furcht, mich zu verirren. So folgte ich dem Mörder, dessen leichte Gestalt immer in gleicher Entfernung vor mir blieb, den ich aber nicht zu erreichen vermochte, bis es mir endlich vorkam, als ob ich ihm, zwar langsam, aber doch sicher, näher und näher rücke.«
»Eine Stunde waren wir auf diese Art, wie mir träumte, gerannt, als wir eine Gegend erreichten, die mir bekannt schien, und ich sah bald, daß wir in einem weiten Bogen Seneka umlaufen hatten. Wir befanden uns nicht weit von der großen Straße nach Pittsburg, gerade da, wo die beiden tiefen Höhlen in den Berg hineingehen, und der Verfolgte mußte wohl in einer derselben Schutz suchen wollen, denn ich war ihm jetzt dicht auf den Fersen und hatte schon die Axt erhoben, um ihn vielleicht zu treffen und nieder zu werfen – – als Sie, ehrwürdiger Herr, an die Thüre klopften. Ich fuhr erschreckt empor und – erwachte. Der Traum war verschwunden und anstatt frei im Walde, auf der Spur des wirklichen Thäters, fand ich mich wieder gebunden und eingekerkert, wie ein zur Schlachtbank bereit gehaltenes Opferthier.«
Mac Ferson warf sich stöhnend auf sein Lager zurück und der Prediger stand tief erschüttert neben dem Unglücklichen, den er nicht einmal zu trösten vermochte. Da mahnte ihn das wiederholte Klopfen des Sheriffs an die ihres Opfers harrende Gerechtigkeit und er schritt schnell zur Thür, diese zu öffnen. Rasch hatte er aber auch seinen Entschluß gefaßt, und dem eintretenden Beamten den Gefangenen überlassend, rief er diesem nur mit wenigen Worten zu, noch nicht zu verzagen, der alte Gott lebe noch, und eilte dann flüchtigen Schrittes dem Executionsplatz zu, wo schon die ungeduldig harrende Menge an zu murren, ja an zu toben fing, daß man die versprochene Hinrichtung so lange – verschiebe. – Dieselben Männer, die noch nicht einmal recht von der Schuld des Verurtheilten überzeugt waren, murrten, daß sie eine Viertelstunde länger seinen Tod erwarten sollten.
Da kam schnellen Schrittes der Prediger herbei – er bestieg das Schaffot, mit kurzgefaßten aber klaren und zum Herzen dringenden Worten rief er von dem todmahnenden Gerüst seine Überzeugung herab, daß der Angeschuldigte das Verbrechen nicht begangen, Gott selbst aber ihm durch einen wunderbaren Traum den Mann gezeigt, ja offenbaret habe, der schuldig und zum Tode reif sei.
Mit wenigen Worten erzählte er nun den ganzen Traum Mac Fersons, und wenn auch zwei gerade anwesende presbyterianische Geistliche sehr mitleidig darüber mit den Köpfen schüttelten, so war doch das Volk selbst nur zu gern bereit, einer so geheimnißvollen Enthüllung eines Verbrechens Glauben zu schenken und mit Jubelruf wurde der jetzt herbeigeführte Gefangene empfangen. Zwar hielten die Constabel die Masse zurück und ließen sich den ihnen Überlieferten nicht entreißen, aber dem ganzen Andrang der Menge konnten sie nicht widerstehen. Alles tobte und schrie:
»Nach den Höhlen! – nach dem Schlupfwinkel des Mörders! Gott selber hat seinen Versteck dem rächenden Arme des Gerichts verrathen! nach den Höhlen – fort nach den Höhlen!«
Und den Gefangenen in der Mitte, von dem Baptistenprediger angeführt, wogte die Menge dem etwa drei Meilen entfernten Gebirgszweig zu, an dessen Fuß sich jene, in der Ansiedlung genugsam bekannten Höhlen befanden, in die, wie der Traum gesagt, der Verbrecher geflohen war. Die breitausgehauene Countystraße führte auch in kaum fünfhundert Schritten daran vorüber und auf dieser hin wälzte sich der Zug in unaufhaltsamer Eile. Dort aber angelangt, wo die Männer die befahrene Straße verlassen und die pfadlose Wildniß betreten mußten, hielt sie ein alter Backwoodsman, ein Freund des erschlagenen Kentuckiers, auf und erklärte, daß sie, wenn sie auf solche Art noch weiter vorrückten, den Flüchtling im Leben nicht einholen würden, der ja schon eine halbe Stunde vor ihrer Ankunft den Lärm hören mußte, den sie machten, und dann natürlich nicht warten werde, bis sie herankämen und ihn einfingen. Er schlage daher vor, daß man sechs oder acht Jäger voranschicke, die sich anschleichen und das Terrain vorher recognosciren sollten; bemerkten diese dann vor den Höhlen und in der Nachbarschaft derselben nichts Verdächtiges, dann war es ja noch Zeit, die ganze Masse herbeizurufen.
»Haben wir nachher den Raum umzingelt,« fuhr der rauhe Backwoodsman in seiner Rede fort, »so kann uns nichts Lebendes, was in den Höhlen steckt, entgehen, denn die mitgebrachten Fackeln werden Licht genug geben; und finden wir ein solches Subject, wie unser Gefangener hier im Traum gesehen haben will, nun gut, so mag der seine Stelle einnehmen, denn wenn er ein gutes Gewissen hätte, triebe er sich nicht in den Schluchten und Felsecken herum. Finden wir aber Nichts, wie es mir fast am wahrscheinlichsten vorkommt, so schlag' ich vor, daß wir dann mit dem Wunder sehenden Mosje keine weiteren Umstände machen, sondern ihn an die erste beste Eiche aufhängen, denn umsonst soll er uns doch, beim Teufel, nicht in den April geschickt haben.«
Dieser Plan schien allgemein anzusprechen, schnell und geräuschlos wurden die Männer ausgewählt, die den Grund und Boden vorher recognosciren sollten, und der Sprecher, zum Führer ernannt, ordnete systematisch, wie bei einer Treibjagd, den Plan zum Vordringen.
Nach einigen, mit dem Gefangenen gewechselten Worten, hielt aber der Baptist die eben aufbrechenden Männer noch zurück, und schärfte ihnen besonders ein, den, den sie da treffen würden, lebendig einzufangen, da sie sich ja sonst gar nicht von der Unschuld des Verurtheilten überzeugen könnten; das sahen denn die einfachen Hinterwäldler auch recht gut ein und versprachen, ihr Blei zurückzuhalten, so lange es ginge. »Will er aber in spite auskratzen,« rief Einer, indem er seine Büchse schulterte, »nun dann will ich von Grashüpfern zu Tode getreten werden, wenn ich ihm nicht eins mit meiner langen Betsy auf den Pelz brenne; fort kommt er nicht, wenn er Knochen genug zeigt, um darnach zielen zu können.«
Im nächsten Augenblick waren die Männer im Walde verschwunden und Mac Ferson warf sich auf die Kniee nieder, preßte das Angesicht gegen die Wurzel einer alten hochstämmigen Eiche und betete inbrünstig. Sein Antlitz hatte eine wirklich unheimliche Leichenfarbe angenommen und seine blutunterlaufenen Augen starrten, ehe er sich zum Gebet niederbog, wild von einem der Zurückbleibenden zum andern.
Doch wir wollen indessen den Kundschaftern folgen, die, ihre Büchsen vorher untersuchend und die Messer in den Scheiden lockernd, langsam vorrückten, um sich nicht vor der Zeit zu verrathen. Leslie, der Führer der Schaar, gab endlich, an einer kleinen Waldblöße angelangt, das Zeichen zum Halten, um seine Leute zu vertheilen, und versammelte diese nun leise um sich, während er, erst nach allen Seiten einen scheuen Blick hinüber werfend, flüsternd sagte:
»Hört, Ihr Burschen, mir wird's ganz unheimlich und schauerlich zu Muthe. – Hol' mich Dieser und Jener, 's ist doch curios, einem Menschen nachzujagen, den ein anderer im Traum gesehen hat – es wird Einem ganz grauslich dabei.«
»Der Prediger hat aber doch auch gesagt, daß wir gehen sollten,« bemerkte ein Anderer.
»O der Prediger mag zu – Grase gehn!« rief Leslie, »deshalb thu' ich's beim Teufel nicht – ich will nur sehen, ob so ein Schuft noch da herumkriecht, der heimtückischer Weise einen Mann wie Hills zu erschlagen gewagt. – Oder ich will mich wenigstens selber überzeugen, daß Keiner da ist,« fuhr er, ärgerlich mit dem Fuße stampfend, fort, »denn – Tod und gelbes Fieber – verdammt will ich sein, wenn ich ein Wort von dem ganzen Unsinn glaube.«
Der alte ehrliche Backwoodsman suchte durch halbunterdrücktes Fluchen das unheimliche Gefühl zu ertödten, das sich ihm unwillkürlich aufdrang; er selbst aber zweifelte keinen Augenblick, daß hier irgend ein böser Geist, vielleicht gar der Teufel, sein Spiel treibe, und begriff nur nicht recht, was die Prediger dabei zu thun hätten.
So beschränkt aber auch seine Ideen in geistiger Hinsicht sein mochten, so ganz war er am Platz, wo es galt, einen Feind zu beschleichen oder irgend einen vermutheten Lagerplatz, wie es hier der Fall war, zu umzingeln. Schnell und umsichtig traf er seine Maßregeln. Er kannte auch das Terrain genau und wußte, nach welcher Richtung hin ein Mensch, der sich hier wirklich verborgen halten wolle, entfliehen könne, sobald er Gefahr ahne, und nur Einen deshalb auf einem Umwege dem steilen Bergkamm zusendend, in dessen Fuß die Höhlen hineinliefen, postirte er die Übrigen in einen weiten Halbkreis und gab, durch täuschend nachgemachten Eulenruf, das Zeichen zum gemeinschaftlichen Vorrücken.
Er selbst aber glitt, von einem jungen Hinterwäldler allein gefolgt, auf einem schmalen Fußpfade, der gerade zu den Höhlen hinführte, weiter, und eine kleine Anhöhe übersteigend, sah er plötzlich Rauch von dorther durch die hohen Kiefernwipfel emporwirbeln.
Ein zweiter Eulenruf fesselte Jeden an die Stelle, auf der er sich befand, und Leslie kroch nun auf beiden Knieen und auf den linken Ellbogen gestützt, während er die treue Büchse mit der Rechten fest auf der rechten Schulter hielt, jenem Orte zu, von woher der Rauch zu kommen schien.
Der Wald bestand hier größtenteils aus Nadelholz, mit sehr wenig Unterholz vermischt, der Boden war deshalb auch fast einzig und allein mit Fichtennadeln bedeckt, und geräuschlos – hier und da die niedergebrochenen, trockenen kleinen Äste und Zweige vermeidend, um sich nicht durch das Knacken derselben zu verrathen – schlich der geübte Jäger dem Eingang der ersten Höhle näher und immer näher. Gerade auf dem Kamm der ziemlich flachen Anhöhe lag jedoch eine umgestürzte Fichte, mit der Wurzel der verdächtigen Stelle zu, und sich vorsichtig um den Wipfel herumbiegend, glitt er am Stamme hin und befand sich nun hinter dem Erdwall, der in den durch den Sturz der Riesin mit ausgerissenen Wurzeln hängen geblieben war. Hier aber kauerte er mehrere Sekunden lang laut- und regungslos nieder – das Herz schlug ihm schwer und ängstlich in der Brust, und er getraute sich kaum den Kopf zu heben, um über das niedere Bollwerk hinwegzuschauen. Dort sollte er ja das Wesen sehen, das er, er wußte selbst nicht weshalb, zu den Überirdischen rechnete, weil seine Existenz einem Sterblichen durch ihm unbegreifliche Mittel verrathen war, und lange konnte er sich nicht entschließen, das mit eigenen Augen zu erblicken, was zu glauben sein Verstand sich sträubte. Endlich faßte er ein Herz, hob leise den Kopf empor und – hätte vor Überraschung fast laut aufgeschrieen, denn in kaum zweihundert Schritten Entfernung – das Gesicht ihm zugewandt – saß – Zug um Zug – die von dem Gefangenen beschriebene Gestalt.
Ein schmächtiger, bleicher junger Mann, mit rabenschwarzem Haar, einer breiten Binde um das linke Auge, die das halbe Gesicht verdeckte, und mit einem gelben, breitrandigen Strohhut auf den dunkeln Locken – dazu der helle Rock und die blauen Beinkleider – es war der im Traum gesehene Mörder, bis auf das Kleinste, Unbedeutendste der Beschreibung herab. Selbst seine Stellung verrieth die That, die er begangen, denn ängstlich, halb vorgebeugt saß er, wie zum Sprunge bereit, neben dem Feuer, und schien die Gegend, in welcher sich Leslie gerade befand, mit seinem Blick zu überfliegen, als ob er von dorther Jemanden erwarte oder zu sehen fürchte.
»Weshalb, um aller guten Geister Willen, lagert das Menschenkind hier?« frug sich Leslie unwillkürlich – »und ist es überhaupt ein Menschenkind?« fuhr er dann leise schaudernd fort. »Doch Alles eins – Mensch oder Teufel – Du bist der, welcher meinen Freund erschlagen hat, und fort kommst Du nicht mehr.«
Mit dem Adlerblick des Jägers überflog er die ganze Gegend und sah bald, daß der Flüchtling, nach dem wie er seine eigenen Leute postirt hatte, ihnen nicht mehr entgehen konnte. Auf der einen Seite starrte steil und kahl der nackte Felsenkamm empor, in dessen Fuß sich die Höhlen befanden; zur Linken tobte der kleine, durch die Bergwasser angeschwellte Strom; und hätte er diesen auch durchschwimmen wollen, so erwarteten ihn doch drüben die wackeren Männer von Seneka, die bei solchen Gelegenheiten gerade nicht mit sich spaßen ließen. Alle andern Schluchten und Anhöhen waren ebenfalls von den Jägern und Backwoodsmen besetzt, und Leslie, darüber beruhigt, schlich nun eben so leise zurück als er gekommen, ließ den jungen Mann, der ihn begleitet hatte, die Übrigen von seinem Plane in Kenntniß setzen, und auf sein gegebenes Zeichen brachen von allen Seiten zugleich die in dunkles Hirschleder gekleideten Gestalten aus dem Dickicht hervor und sprangen, flüchtigen Panthern gleich, mit vorgehaltenen Büchsen auf den Fremden ein. Dieser aber, durch das Plötzliche des Überfalls betäubt, stieß einen gellenden Angstschrei aus und warf sich dann, ohne weiter einen Versuch zur Flucht oder zum Widerstand zu machen, mit dem Antlitz auf die Erde nieder. Er schien jeder Hoffnung auf Rettung entsagt zu haben und die Männer, die ihn zuerst erfaßten und vom Boden emporrissen, fühlten, wie seine Glieder zitterten und seine ganze Gestalt erbebte.
»Hund!« schrie der kräftige Leslie aber jetzt, und hob die eiserne Faust zum Schlage auf – »Hund – feiger – nichtswürdiger Hund, der Du bist – Du also hast es gewagt, die Hand an den kräftigsten Burschen zu legen, den je Kentucky's Boden getragen? Du – Gedanke von einem Manne, den man erst träumen muß, um seiner habhaft zu werden.«
Der Fremde hob die Arme flehend empor und wimmerte »Gnade!« Leslie aber schien wenig geneigt, ihm diese angedeihen zu lassen; denn seine hammerartige Faust sollte eben auf seinen Schädel niederfallen, und wer weiß, ob der Sheriff dann nicht bei der ganzen Verhandlung unnütz gewesen wäre; der eine Constabel aber lenkte den Schlag des Erzürnten zur Seite, daß er machtlos an der Schulter des Knieenden niederglitt, und rief:
»Schämt Euch, Leslie – wollt uns Leute vom Gericht um das Unsrige bringen – der ist dem Strick verfallen – so gönnt ihm den auch.«
Ehe aber noch Leslie ein Wort darauf zu erwidern vermochte, drängte sich die übrige Masse der Männer und Frauen herbei, die es nicht länger ausgehalten hatten, das Resultat in Ungewißheit zu erwarten. Den Gefangenen führten sie in ihrer Mitte und schon von weitem riefen einzelne Stimmen:
»Ist er es? ist es der Mörder, den Mac Ferson im Traum gesehen?« Kaum aber hörten sie das antwortende »Ja« – das »kommt schnell – wir haben ihn – er fleht um Gnade!« da stieg ein wildes Jubelgeschrei in die Luft und Alles drängte jetzt in wilder Eile vor, den zu sehen, der durch Gott selbst den Gerichten überliefert worden. Den bisherigen Gefangenen beachtete Keiner mehr; nur ein Knabe von zehn oder eilf Jahren, auch ein Irländer, der mit Mac Ferson auf einem Schiff herübergekommen war, hatte sich bis jetzt dicht zu ihm gehalten, und als er nun, von Allen zurückgelassen, allein stehen blieb, da ihm seine auf den Rücken zusammengebundenen Hände nicht verstatteten, so schnell fortzukommen, glitt er schnell hinter ihn, schnitt ihm mit einem haarscharfen Messer die Bande durch, drückte ihm in der nächsten Secunde den Griff des Stahls in die Hand und folgte dann in flüchtigen Sätzen den Übrigen. Mac Ferson aber, ohne die mindeste Neugierde zu bezeigen, wie der Mann im wirklichen Leben aussähe, den er schon einmal im Traum erblickt, warf sich, als er kaum seine Hände frei und zugleich bewaffnet fühlte, hinter einem umgestürzten Baumstamm, der ihn den Blicken der Übrigen entzog, lief gebückt, aber so schnell er konnte, hinter diesem hin, kroch über den Kamm der Anhöhe hinweg, bis er diese zwischen sich und seinen bisherigen Feinden wußte, rannte dann, so schnell ihn seine Füße trugen, den Abhang hinunter in das angrenzende Dickicht, sah sich hier einen Augenblick etwas ängstlich um, schien aber bald das, was er suchte, gefunden zu haben – ein Pferd, das hier gesattelt und aufgezäumt, wie des Reiters harrend, stand, schwang sich auf dessen Rücken und sprengte, ihm die Hacken in die Seiten bohrend, in vollem Carriere gen Süden.
Wie eine zürnende Fluth ergoß sich jetzt die wogende Menschenmasse der Stelle zu, wo der so wunderbar Entdeckte noch immer wie in gräßlichster Angst und Verzweiflung auf den Knieen lag. Man riß ihn vom Boden auf und aus den wildverworrenen Fragen, die fast von jeder Lippe an ihn gerichtet wurden, schien er nicht eine einzige verstehen zu können oder zu wollen, denn er warf zuerst einen scheuen Blick im Kreis umher, und barg dann auf's Neue das Antlitz in den Händen.
Der Sheriff drängte die ihm zunächst Stehenden ein wenig zurück, bat sie ihm Raum zu machen, um den Gefangenen zu examiniren, und das Volk, willig gehorchend, beobachtete tiefes Schweigen.
»Hast Du den Kentuckier erschlagen?« war jetzt des Sheriffs erste Frage, der es nach all dem Vergangenen für ganz unmöglich hielt, daß der, den sie hier so mitten im Walde gefunden, vielleicht gar Nichts von der Sache wisse. »Hast Du den Kentuckier erschlagen? Gestehe es, und vielleicht kann Dir noch Gnade werden!«
»Gnade?« unterbrach ihn Leslie entrüstet, ehe der Gefangene auch nur eine Sylbe zu erwidern vermochte – »Gnade? den möcht' ich sehen, der Hills Mörder begnadigen wollte. Tod und –«
»Ruhe!« tönte es von allen Seiten. »Stört den Sheriff nicht und laßt ihn thun, was seines Amtes ist – Ruhe!«
Eine augenblickliche Todtenstille folgte dem früheren Lärmen, und der Sheriff berührte auf's Neue die Schulter des Unglücklichen und sagte mit ernster und doch milder Stimme:
»Hast Du den Kentuckier erschlagen, so gestehe es – nur durch ein offenes Geständniß kannst Du noch auf Gnade oder Mitleiden hoffen. Bist Du der Mörder?«
»Gnade – Gnade!« schrie der Knieende und umklammerte die Knie des Sheriffs – »Gnade – ich will Alles gestehen.«
»Ein Wunder – ein Wunder!« riefen die Baptisten im jubelnden Chor, und der Prediger stimmte mit voller, lauttönender Stimme ein Loblied des Herrn an, in das sämmtliche Mitglieder seiner Gemeinde jauchzend einfielen.
»Wo ist Mac Ferson?« sagte jetzt der Sheriff – – »bringt ihn her, daß wir sehen, ob dies derselbe ist, der ihm im Traum erschienen.«
Die Constabel sahen sich etwas verblüfft einander an, denn Keiner von ihnen hatte mehr an Mac Ferson gedacht. Der war ja unschuldig, der in Erfüllung gegangene Traum bewies das so sonnenklar wie nur möglich. Schnell durcheilten sie jedoch die Menge, den Verlangten aufzufinden und ihn, eigentlich im Triumph, zu dem hinzuführen, für dessen Schuld er beinah hätte büßen müssen; aber vergebens schauten sie sich zu ihrem Erstaunen nach dem bisherigen Gefangenen um, der war und blieb verschwunden und sie sahen sich endlich genöthigt, dem Sheriff Anzeige davon zu machen, der dann augenblicklich nach allen Richtungen hin Botschafter ausschickte, den vermuthlichen Flüchtling zurückzubringen, ihm aber zu sagen, daß er ohne Furcht folgen möge – er sei frei; der, den ihm Gott im Traum gezeigt, habe die Schuld schon gestanden.
»Alle Wetter!« rief da der ehrliche Leslie aus, »jetzt läuft der fort, weil er dem Frieden doch nicht so recht traut, und ist ein ehrlicher Mann und ich habe ihm Unrecht gethan. Nein, Sheriff, der soll nicht lange in der Welt umherirren und sich fürchten, einem ordentlichen Kerl in's Auge zu schauen – den müssen wir wieder finden, und mein bestes Pferd soll er haben, wenn er's annehmen will, nur deshalb, weil ich ihn für einen Schurken und Mörder gehalten. Gebt Ihr aber indessen wohl auf den zitternden Hallunken acht – gnade Gott dem, der ihn entspringen läßt. Nun fort, Ihr Leute, laßt uns Mac Ferson wiederfinden – er kann noch nicht weit sein, und drüben an der Straße stehen ja alle unsere Pferde.«
Der ehrliche Backwoodsman suchte jetzt, von seinen Freunden gefolgt, den ganzen Bezirk ab, und bald entdeckten auch ihre scharfen geübten Augen die Fährten des Entflohenen; Andere waren indessen nach den Pferden abgesandt, und Leslie schwang sich bald auf seinen feurigen Rappen und sprengte mit verhängten Zügeln dem nach, dem er so entsetzliches Unrecht gethan zu haben glaubte. Die Übrigen folgten zwar noch ebenfalls eine Strecke, gaben aber die Jagd bald auf, da sie einsahen, daß sie mit dem besser berittenen Leslie nicht Schritt halten konnten.
Indessen hatte sich um den auf so wunderbare Art gefangenen jungen Mann eine ganz eigene Gruppe gebildet; noch immer barg dieser nämlich sein Gesicht in den Händen und die Frauen, die gar zu gern gewußt hätten, was er denn eigentlich für Augen habe und wie er überhaupt aussähe, drängten immer näher und näher herzu und hielten den Sheriff und den zitternden Mörder fast allein umzingelt, während die kräftigen Gestalten der zurückgebliebenen Hinterwäldler den äußeren Kreis um diesen Zirkel bildeten. Der Sheriff aber winkte jetzt dem einen Constabel, den Verbrecher aufzuheben, um ihn in die Stadt und seinem richterlichen Verhör zuzuführen; erst nach langem Sträuben gehorchte der Unglückliche aber seinen Wächtern, und mehre Male mußte ihm der Baptistenprediger zureden, sich zu ermannen, seine Sünden zu bereuen und Gott wenigstens mit seinem entsetzlichen Verbrechen auszusöhnen.
»Wo ist Mac Ferson?« flüsterte dieser endlich mit leiser, kaum hörbarer Stimme.
»Hol' mich der Henker – ob er den Namen nicht kennt,« sagte der Constabel – »der ist fort, sie werden ihn aber wohl wieder holen!«
»Fort?« rief der Gefangene mit lauter freudiger Stimme und richtete sich schnell und plötzlich hoch auf – »fort? ist er wirklich fort?«
»Jesus von Nazareth!« schrie die Frau des Presbyterianischen Geistlichen, die dicht neben dem jungen Manne stand, und sich bis jetzt vergeblich bemüht hatte, sein Gesicht zu sehen, während ihr dieser jetzt starr in's Antlitz sah – »Jesus von Nazareth, das ist ja Missis Mac Ferson.« –
»Missis Ferson?« rief Alles erstaunt durcheinander; »die Frau des Iren? seine eigene Frau? und das der Mörder?«
Judith Mac Ferson aber, denn es war in der That die Frau des jetzt glücklich Befreiten, sank wieder thränenden Auges auf ihre Kniee nieder und sandte zu dem Allerbarmer ein heißes Dankgebet empor, daß ihr die Rettung ihres Mannes so glücklich gelungen sei.
Der Sheriff sammelte sich zuerst wieder, denn die Übrigen standen wirklich alle so stumm und starr vor Überraschung, als ob sie der Schlag getroffen habe; mit blitzenden Augen trat er der schönen jungen Frau, die jetzt die entstellende Binde und den Strohhut von der dunklen Lockenfülle abwarf, entgegen und rief mit finsterem Blick und drohender Stimme:
»Unglückliche, Du hast einem Verbrecher zur Flucht verholfen und mußt nun selbst dafür seine Strafe leiden – Du kanntest die Gesetze des Landes nicht und bist in Dein eigenes Verderben gegangen. Ich verhafte Dich hiermit im Namen der Gesetze – Mrs. Mac Ferson,« fuhr er dann mit ernster, tiefer Stimme fort, indem er seine Hand nach ihrer Schulter ausstreckte – »Mrs. Mac Ferson – Sie sind meine Gefangene!«
Judith Mac Ferson hatte aber, wenn auch erst kurze Zeit in Amerika, die Charaktere der Frauen kennen gelernt, unter denen sie lebte und auf deren Schutz vertrauend sie das gefährliche Spiel gewagt. Mit schnellem Druck des Constabels Arm zurückschiebend, trat sie zwischen die erstaunt zu ihr aufblickenden Frauen und rief:
»Weg von mir, Sir – weg von mir! Ihr habt keinen Theil an mir. Habe ich ein Verbrechen begangen? Es war mein Mann – der Vater meines Kindes, den ich befreite; ist eine hier unter den Frauen von Pensylvanien, die nicht unter gleichen Verhältnissen ein Gleiches gethan hätte? Ist Eine hier von Müttern oder Weibern, die nicht willig ihr Leben daran setzen würde, den Geliebten zu befreien? Keine – ich weiß es, und kein Gericht des Landes wird mich deshalb strafen können. Werden aber die Frauen von Pensylvanien zugeben, daß ich einem Gericht ausgeliefert werde?«
»Nein – nimmermehr – den wollen wir sehen, der ihr etwas zu Leide zu thun sollte,« rief es von allen Seiten, und um das junge, heldenmüthige Weib schaarten sich besonders die Presbyterianischen Frauen, voller Freude, daß den Baptisten ein solcher Sieg mißlungen sei.
»Ladies – auf Ihre Verantwortung,« rief der Sheriff – »Sie müssen mir für die Dame haften, übrigens wird ihre Gefangennehmung wohl nicht nöthig sein, denn Leslie ist mit seinem Rappen auf Mac Fersons Fährten, und wir kennen Alle miteinander Leslie genug, um nicht zu wissen, daß der nimmer zurückkehrt, ehe er den Flüchtigen eingeholt hat. Einen besseren Renner giebt's in ganz Pensylvanien nicht, als sein Rappe.«
Judith erbleichte, die Frauen aber ließen ihr gar keine Zeit sich zu besinnen, nahmen sie in ihre Mitte und führten sie im Triumphe fort. So eifrig sie früher die Hinrichtung Mac Fersons gewünscht hatten, so sehr interessirten sie sich jetzt für seine Flucht, und selbst die Baptistinnen konnten die Frau nicht tadeln, die ihren Mann befreit habe.
Um so mehr eiferte der Baptistenprediger, der jetzt mit mehren Anderen, mit denen er Mac Fersons Spuren aufgesucht, zurückkehrte, dagegen. Er sah in dieser lügenhaften Eingebung eines rettenden Traumes, zu dem sich die beiden Eheleute verabredet hatten, eine Blasphemie des Göttlichen und forderte ernst und bestimmt die Auslieferung beider Gotteslästerer. Der eine war aber, Niemand wußte wo, und die Andere wurde, nun sich der Baptist so fest dagegen erklärte, von den Presbyterianerinnen nur um so mehr vertheidigt und in Schutz genommen. Bald erreichte man die Stadt wieder, und hier erboten sich augenblicklich drei junge Leute, Mrs. Ferson mit ihrem Kinde, das indessen bei einer Landsmännin geblieben war, hinzubegleiten, wohin sie gebracht zu sein wünsche. Das nahm Judith mit herzlichem Danke an, verschwieg aber natürlich den verabredeten Ort, wo sie ihren Mann wieder zu treffen hoffte, denn der kleine Irländer, der Mac Fersons Bande durchschnitten, hatte ihr ebenfalls zugeflüstert, wie dieser auf schnellem Roß seine Flucht bewerkstelligt, und sie verlangte nur an den Ohiofluß gebracht zu werden, von wo aus sie ihre Bahn selbst verfolgen wolle. Das geschah denn auch noch an demselben Nachmittage, und während der Sheriff mit den zwei Constabeln und dem Baptistenprediger berieth, was in diesem Falle zu thun sei, und ob man erst die Rückkunft Leslie's mit dem Entflohenen abwarten solle, sprengte Judith Mac Ferson, auf einem schlanken Zelter, das Kind im Arm, die Begleiter an ihrer Seite, die Fahrstraße hinunter, die dem schönen Ohioflusse zuführte.
Doch jetzt wollen wir Mac Ferson folgen, der, sobald er das Pferd erreicht und sich hinaufgeschwungen hatte, mit kaum unterdrücktem Jubelschrei einen kleinen Holzpfad entlang flog, welcher ihn endlich zu der Hauptstraße führen mußte. Er ritt ein wackeres Thier, und hatte gegründete Ursache zu glauben, daß der von seinem treuen Weibe so glücklich erdachte Plan gelingen müßte. Einige Meilen vom Ohio noch entfernt, wollte er nämlich absteigen, das Pferd laufen lassen, um etwaige Verfolger irre zu führen, und dann seinen eigenen Weg bis zu einer Stelle am Ohiofluß fortsetzen, wo er früher schon einmal zwei Nächte mit seiner kleinen Familie gelagert hatte. Dort sollte er Judith erwarten, und dann konnten sie von da aus leicht eine neue Heimath im fernen Westen aufsuchen, wohin ihre Verfolger schwerlich vordringen würden, selbst wenn sie den Aufenthaltsort erfahren sollten.
Fröhlich gallopirte daher Mac Ferson, von diesen Gedanken erfüllt, die Straße entlang, und mochte etwa sechs oder sieben englische Meilen zurückgelegt haben, als sein Pferd, das über einen im Wege liegenden, umgestürzten Baumstamm wegsetzen wollte, in einer trockenen aber noch zähen Schlingpflanze hängen blieb, stürzte, den Reiter weit ab gegen einen Baum schleuderte und dann, unfähig sich wieder zu erheben, liegen blieb.
Wie lange diese Bewußtlosigkeit Mac Fersons gedauert haben konnte, wußte er selber nicht, als er aber nach ziemlich langer Zeit wieder zu sich kam, fühlte er, wie ihm Jemand die Schläfe mit kaltem Wasser wusch und erkannte, als er die Augen aufschlug, den Mann, der, wie er wußte, sein grimmigster Feind war.
Mit einem leisen Schmerzensruf sank er wieder zurück, Leslie aber, der wohl ahnen mochte, was den Armen erschreckt habe, bog sich zu ihm nieder, faßte seine Hand und sagte:
»Fürchtet Nichts, Mac Ferson – wir haben Euch Alle Unrecht gethan; der, den Euch Gott im Traum gezeigt, hat das Verbrechen gestanden; Ihr könnt frei zurückkehren, ich selbst bin Euch aber nachgeritten, um Euch abzubitten, daß ich, vor allen Anderen, Euch so feindlich gesinnt war; aber seht, Hills war mein Freund, und wenn auch sonst ein etwas roher Gesell und vielleicht in manchen Stücken tadelnswerth genug, so mußt' ich mich doch seiner im Tode annehmen, da er ja sonst fast Niemanden in Seneka hatte, der seinen Mord rächen konnte. Kommt – steht auf – gebt mir Euere Hand und laßt uns Freunde sein. Ihr habt Euch doch keinen Schaden gethan?«
Mac Ferson wußte kaum, ob er seinen eigenen Ohren trauen sollte. War dies vielleicht ein Traum, der ihn befangen hielt, oder hatte er den früheren wirklich geträumt? Die durch den Sturz angegriffenen Sinne vermochten nicht gleich klar und deutlich seine jetzige Lage zu fassen, und er schloß wieder auf mehrere Sekunden die Augen, um sich erst ganz zu sammeln. Mac Ferson war übrigens nicht der Mann, einen sich ihm bietenden Vortheil leicht hintanzusetzen. Leslie wußte augenscheinlich noch nicht, daß der vermeintliche, von ihm im Traum gesehene Verbrecher sein eigenes Weib, und das ganze ein abgekarteter Plan gewesen war; dieser mußte ihn daher auch für unschuldig halten, und er beschloß nun, seine Maßregeln darnach zu ergreifen.
Er öffnete die Augen, richtete sich mit des Amerikaners Hülfe, indem er sich schwächer stellte, als er wirklich war, vom Boden auf, und ließ sich nun mit kurzen Worten erzählen, wie sie den von ihm so genau bezeichneten Fremden gefunden hätten. Ehe er sich aber noch selbst über seine eigene Flucht entschuldigen konnte, trat Leslie, der darauf weiter gar nicht einging, zu Mac Fersons Pferd und fand, daß dieses das linke Vorderbein gebrochen hatte. Jetzt war guter Rath theuer. Der Irländer erklärte, er könne keine hundert Schritte weit gehen, alle seine Glieder seien ihm wie zerschlagen, und ein Haus war ebenfalls nicht in der Nachbarschaft, wo man vielleicht ein Pferd hätte borgen können; hier blieb also keine andere Wahl, Leslie bot dem Irländer sein Pferd zum Reiten an, versicherte ihm dabei nochmals, er könne unbesorgt mit ihm zurückkehren, er würde von Allen auf das Freundlichste empfangen werden, und half ihm dann selbst in den Sattel. Ob er aber dem Erschöpften doch noch nicht so recht trauen mochte, oder ob ihm der scheue Blick mißfiel, mit dem sich dieser nach der Straße umsah, als ihm Leslie den Sattel und Zaum seines eigenen Thieres hinaufreichte, kurz, der Amerikaner nahm eine lange Leine, die er in der Tasche trug, hervor, befestigte sie in einer Schlinge um den Hals des Pferdes und trieb dieses nun langsam den Weg zurück, den er eben gekommen war.
Mac Ferson wußte aber, daß seine List jetzt entdeckt sein mußte – jeden Augenblick konnte ihnen ein neuer Bote begegnen, der den wahren Sachbestand verkündete und ihm dann jede Aussicht auf Rettung abschnitt; sein Entschluß war also auch deshalb schnell und ohne weiteres Zögern gefaßt, und eben, als sie auf die oben beschriebene Art vielleicht eine Meile zurückgelegt hatten und an eine Stelle kamen, wo der Pfad so schmal wurde, daß Leslie nicht mehr nebenher gehen konnte, sondern voraus mußte, wobei er jedoch das Seil nicht losließ, zog Mac Ferson schnell aber vorsichtig das von dem Knaben erhaltene Messer aus dem Gürtel – trennte mit raschem Schnitt die hänfene Schnur, die ihn bis jetzt noch immer zum Gefangenen gemacht, riß in demselben Augenblick den Rappen auf den Hinterfüßen herum, und ehe sich der bestürzte Amerikaner nur besinnen konnte, ob er seine Büchse gebrauchen sollte oder nicht, war der auf's Neue Befreite schon im dichten Gebüsch seinen Blicken entschwunden.
Acht Tage später erhielt Leslie, der vergebens den Räuber seines Eigenthums zu Fuß verfolgt hatte und die Fährte gegen Abend, da ein ziemlich starker Regen fiel, nicht mehr erkennen konnte, sein Pferd durch einen, etwa zwanzig Meilen von Seneka wohnenden Farmer zurück, der ihm auch zugleich einen kleinen Brief von Mac Ferson einhändigte, worin ihm dieser für die geleistete Hülfe herzlich dankte, sich aber nochmals entschuldigte, daß er zu einem frommen Betruge seine Zuflucht habe nehmen müssen.
»Da er jedoch,« so schloß er seine Zeilen, »bei weitem lieber in dem kühlen Schatten der stolzen Eichen des Westens lagere, als – mit zugeschnürter Kehle an einem Chestnutast in Pensylvanien hänge – so sei ihm das wohl nicht so sehr zu verdenken gewesen.« Über den Mord sagte er weiter Nichts. Sein wirklicher Aufenthaltsort wurde nie näher bekannt, doch hieß es allgemein und vielleicht nicht unrichtig – Mac Ferson ist nach Texas.