Zweiter Theil.
Erster Brief.
Cincinnati, den 16. August 48.
Lieber Theodor!
Sei nicht böse, daß ich Dir so lange nicht geschrieben habe, aber, es ist hier ein gar so geschäftiges Leben, und ich selbst bin in so eigenthümliche Verhältnisse hineingerathen, daß ich selbst kaum weiß, wie ich Dir das Alles mit kurzen Worten schildern soll. Auch bei Euch daheim sind, wie ich höre, indessen große Veränderungen vorgegangen; nun, seid nur vorsichtig in der Gründung einer Republik und nehmt Euch Amerika zum Muster – d. h. wie Ihr Vieles nicht machen sollt.
Hätt' ich gewußt, daß sich Alles bei Euch so rasch gestalten würde, so wär' ich doch lieber noch in Deutschland geblieben – Amerika hat viel vortreffliche Seiten, aber – es ist doch die Heimath nicht. Die Gesetze sind allerdings ausgezeichnet – die Amerikanische Constitution könnte jedem Lande der Welt zum Vorbild dienen und sein Glück sichern – aber sie sollte auch in jeder Beziehung nicht dem Wortlaut, sondern dem Sinn nach ausgeführt werden, wie es sich jene edlen Männer bei dem Entwurf derselben gedacht haben. Die Gesetze allein können aber ein Land nicht glücklich machen, wenn die Regierung nicht auch die Macht hat sie auszuüben, und ihnen Achtung zu verschaffen. Das Lynchgesetz giebt davon ein trauriges Beispiel, wo das Volk mit den Personen, die seiner Rache einmal, ob gerecht oder ungerecht, verfallen sind, angiebt was es ihm beliebt.
Der Amerikaner mag aber noch angehn hier, er ist zwar kalt und theilnahmlos, eine schändliche Geldaristokratie läßt Einen manchmal wahrhaftig ordentlich den Adel des alten Landes herbeiwünschen, und ewig auf kaufmännische List – ja oft auf wirkliche Betrügereien sinnend, versteckt er das hinter der Maske ekelhafter Bigotterie; doch ist er wirklich mit Leib und Seele Republikaner, seine Constitution geht ihm über Alles, und er würde für ihre Vertheidigung und Aufrechthaltung Leib und Leben einsetzen. Aber widerlich wurden mir hier die Deutschen, und ich muß leider gestehn, ich begreife unter dem Namen die große Mehrzahl derselben, die hier in die Republik hineingeschneit sind, sie wissen selbst nicht wie, und jetzt, zur Schmach und Schande ihrer Nation, den Partheien zum Spielball dienen. Es ist wahr, die meisten sind Demokraten, aber frag' sie warum? – sie wissen es nicht; unklar mit sich über die einfachen politischen Fragen des Landes, in dem sie leben, gehen sie mit dem Strom, und werden nicht selten in Masse von ein oder der anderen Parthei förmlich übergekauft. An eine knechtische Existenz in Deutschland dabei gewöhnt, sind sie im Anfang kriechend höflich gegen besser gekleidete, und lernen sie erst erkennen, daß sich hier Alle Menschen gleich sein sollen, so werden sie gegen Alle, die sie sich an Geist oder Vermögen überlegen glauben, grob und ungezogen, um ihnen nur ja zu beweisen, daß sie ihr Recht kennen, sich in Amerika eben so viel zu dünken, wie jeder Andere.
Theodor, Theodor, mir bangt, wenn ich in hiesigen Blättern von Euerem Streben in Deutschland nach Republik lese, und dann Exemplare der Leute hier um mich sehe, mit denen Ihr dort, in der ungeheueren Mehrzahl eine Republik gründen müßtet – es sind Elemente, trefflich geeignet zum Zerstören, zum Ansturm gegen einen hartnäckigen feindlichen Widerstand, aber zum Aufbau untüchtig, ja gefährlich. Ich habe in Illinois einen Prairiebrand gesehen, der nicht allein das trockene Gras verzehrte, das er verzehren sollte, sondern auch noch in unzähmbarer Wuth Fenzen, Farmhäuser, Scheunen und ganze Waldstrecken zerstörte und in Asche legte, und der Strecke, der er nützen sollte, unendlichen Schaden brachte. Es war das in einer Zeit, wo ich noch keine Nachricht über Euere deutschen Bewegungen hatte, und doch zuckte mir, wunderbarer Weise bei dem Brande der Gedanke an eine »deutsche Republik« durch die Seele.
Willst Du übrigens wissen, was der Amerikaner von den »deutschen Republikanern« hält, die in ihren deutschen Blättern hier immer von Freiheit und Selbstständigkeit, von deutscher Treue und Hochherzigkeit prahlen? – er braucht ihren Namen als Schimpfwort, und besonders ist das hier in Cincinnati, wo es viele Tausende von ihnen giebt, der Fall. Das Wort »dutchman« was Deutscher heißen soll, obgleich es ursprünglich einen Holländer bezeichnet, dient zum wirklichen Schimpfwort – »you shall call me a dutchman« Du sollst mich einen Deutschen nennen – ist die empörende Versicherung, die ich hier nur zu oft hören mußte »he fights like a dutchman« wird von Einem gesagt, der bei einer Aussicht auf Kampf die Flucht ergreift, und sich nur schlägt, wenn er in einer Ecke eingeklemmt ist. Black dutch ist ein Schimpfwort, das den Deutschen mit der verachtetsten Race, mit dem Neger, in eine Kategorie wirft. Doch genug davon, wenn ich sehe, wie meine Landsleute in dem Lande der Freiheit verachtet sind, verachtet von Republikanern doch –
»wollt' ich sie alle zusammenschmeißen
ich könnt' sie doch nicht – Lügner heißen.«
Zürne mir nicht, wenn meine Worte vielleicht etwas bitter klingen; mir ist's nicht gut gegangen seit ich dies Land betreten, und ich habe in mancher Hinsicht Unglück gehabt. Gleich im Anfang betrog mich ein Amerikaner, der mich anscheinend ganz freundschaftlich und uneigennützig aufnahm, um Alles, was ich besaß, indem er mich zum Kauf eines ganz werthlosen Gutes verleitete, auf das er noch nicht einmal gegründete Ansprüche hatte; ich fiel einem Advokaten in die Hände und sah mich nach wenigen Monaten arm wie eine Kirchenmaus in dem fremden Lande. Der englischen Sprache vollkommen mächtig, wollte ich mich dann mit literarischen Arbeiten beschäftigen. – Deutsche wie Amerikanische Zeitungen erwiesen sich auch gleich bereitwillig, meine Artikel abzudrucken, aber – an Honorar war nicht zu denken.
Als Advokat aufzutreten, wagte ich nicht – bei der Oeffentlichkeit und Mündlichkeit des Gerichtsverfahrens glaubte ich nicht der Aussprache und Rede so mächtig zu sein, einigermaßen mein Glück zu machen – wohl rieth man mir dagegen nur dreist und geradezu in der Medicin zu prakticiren, doch dazu besaß ich, bei meinen mittelmäßigen Fähigkeiten nicht Frechheit genug – was blieb mir übrig? – Handarbeit. Aber auch darin zeigten sich anscheinend unüberwindliche Schwierigkeiten – die meiste Arbeit, die hier verlangt wird, ist mit der Axt – mein Arm war darin ungeübt – was anders sollte ich ergreifen? so wurde ich denn – Du lächelst sicherlich wenn Du die Zeilen liest – Feuermann oder Heizer auf einem der Mississippi-Dampfboote.
Erlaß mir die Beschreibung dessen, was ich darauf erlitten, mit schmutzigen Negern mußte ich fast unmittelbar Mahl und Lager theilen, der rauhen Behandlung der Ingenieure ausgesetzt, auf die Willkühr des Capitäns angewiesen, der uns in New Orleans, eine halbe Stunde vorher ehe er abfuhr in kaum halbwerthigen Banknoten den sauer verdienten Lohn auszahlte. –
Ich ging allerdings wieder auf ein anderes Boot, wurde aber krank und liege nun jetzt hier in Cincinnati in einem erbärmlichen deutschen Boardinghause. Komm ich wieder zu Kräften, seh ich mich nach neuer Arbeit um, jedenfalls aber schreib mir recht bald, mein theuerer Theodor – Du glaubst nicht, wie ich mich nach einem Brief aus der theueren Heimath sehne. Es grüßt und küßt Dich tausendmal Dein
Carl von Horneck.
P. S. Eben wie ich schreibe, entsteht unten auf der Straße ein Scandal – die liebe Jugend hatte in tollem Muthwillen Stroh und Heu mitten in Sycamore street aufgehäuft und angebrannt, so daß aus den entfernteren Theilen der Stadt schon die Spritzen herbeikamen. Nein, was diese Amerikanische Jugend für eine Brut ist, davon kann sich, weiß es Gott, kein Ausländer einen Begriff machen.
Zweiter Brief.
Aus dem Staat Wisconsin am 14. August 1848.
Lieber Vetter!
Als ich Dir vor so und so viel Monaten vom Staat New York aus schrieb, da war mir's recht häßlich und trüb zu Sinn – Alles ging contrair, Alles war anders wie ich es mir gedacht, Alles anders wie ich es bis dahin gewohnt gewesen, und die ganze Welt sah mir deshalb schwarz und düster aus. Es ist auch wirklich gar ein böses Ding um die lockenden Beschreibungen, die uns alles mit überbunten Farben ausmalen; die Einbildungskraft thut dann auch noch das ihrige, und findet man nachher nicht wirklich auch jede Kleinigkeit wie man sie sich gedacht, so wird man mürrisch und fängt ohne weiteres an, am hellen Tage Gespenster zu sehn.
So war ich z. B. in Deutschland bequeme warme Häuser gewöhnt, und fand hier, im Verhältniß zu denen elende Hütten, dachte aber nicht daran, daß das ja jedes eigne Schuld ist, wer sich sein Haus nicht so wohnlich und behaglich einrichtet wie es ihm gefällt. Auch die Viehzucht stand mir nicht an; ja, da war mir vorerzählt, man brauche eine Sau nur in den Wald zu lassen und nach der gehörigen Zeit käme sie mit zehn, elf Ferkeln wieder zu Hause und die Ferkel kriegten wieder Ferkel und so fort, bis unabsehbare Heerden daraus würden. Ja lieber Gott, so bequem ist die Viehzucht nicht, aber sie bietet im Verhältniß zu Deutschland doch ungeheuere Erleichterungen, und wer da nur mit einigermaßen gemäßigten Ansprüchen herkommt, muß sie befriedigt finden.
Auch der Ackerbau ist den hiesigen Bedürfnissen vollkommen entsprechend, und die Cultur steigt, wie diese sich vermehren. Mit den wilden Thieren ists dabei eben nicht so arg, der Schaden den die thun, kann man ertragen und die Insekten, nun ja, das ist verwünschtes Zeug, und ich wollte der Böse holte den Schwarm und verwendete sie vielleicht auf irgend eine zweckmäßige Art im Fegefeuer – aber – es läßt sich eben ertragen – vollkommen ist kein Land.
Doch, Du willst in Deinem letzten Briefe wissen wie es mir geht und scheinst schon das Schlimmste zu fürchten – ich habe Dir durch mein Schreiben vielleicht Ursache dazu gegeben – doch sei nicht ängstlich, es ist nicht so gefährlich. – Im Staat Wisconsin, in der Nähe von Milwaudie habe ich mir, für einen nach deutschem Maasstab ungemein billigen Preis, eine recht hübsche Farm gekauft; auch den Keim zu einer heranwachsenden Viehzucht hab' ich gelegt, und Ställe gebaut, in denen meine Heerden im Winter Schutz gegen die Kälte finden. Die wild im Wald herumlaufenden Schweine machen dem Farmer allerdings oft viel Noth, wenn er nicht einen großen Theil derselben einbüßen will, doch mit ein wenig Fleiß läßt sich das Alles beseitigen, und meine deutschen Nachbarn versichern mich, sie kämen recht gut damit zu Stande. Auch das Ackern, über das ich mich im Anfange der vielen Wurzeln und Stümpfe wegen, so ärgerte, geht jetzt recht gut – man muß sich nur erst hineinfinden und nachher sieht man stets, daß eines jeden Landes Geräthschaften, Sitten und Kleider auch den Bedürfnissen und Eigenthümlichkeiten desselben am besten angepaßt sind und entsprechen. Für die schwere Arbeit des Urbarmachens der Waldstrecken und des Bischens Unbequemlichkeit beim Pflügen, entschädigt reichlich das herrliche fruchtbare Land – – wahrhaftig es wäre Verschwendung, wenn man das düngen wollte, und ich werde mich nicht auslachen lassen.
Allerdings ist das Leben hier nicht so gesellig wie in Deutschland, doch habe ich vortreffliche Nachbarn, und da kommen wir mit unseren Familien oft zusammen und sind dann stets recht vergnügt; und selbst das Verhältniß der Dienstleute, was mir im Anfang gar nicht behagen wollte, leuchtet mir jetzt als ganz vortrefflich ein. Die Leute werden von ihren Arbeitsgebern (nicht Arbeitsherrn, denn das Wort Master wird in dem Sinn nur von Sklavenhaltern gebraucht) eben so behandelt, als ob sie mit zur Familie gehörten und müssen deßhalb auch ihren freien Willen haben, aber nur so ist es auch möglich eine wirklich freie Generation zu erziehn, Republikaner zu bilden.
Der Arbeitsgeber wird deßhalb nicht im mindesten von ihnen geknechtet, wie ich das im Anfang glaubte, sie verschwören sich nicht zu einem festen Preis um den sie arbeiten wollen und säen dadurch Haß und Zwietracht, Gott bewahre, unabhängig in all ihren Bewegungen und ihrer Freiheit sich bewußt, gönnen sie die auch jedem anderen und Zeit und Umständen überlassen sie Lohn und Verdienst. Haben sie sich dann ein kleines Capital verdient, so beginnen sie meistens selbst und die Leute die sie dann miethen, werden wieder ebenso behandelt, als ob sie noch zusammen in einer Arbeit stünden.
Sieh, Alterchen, ich will Dich nicht etwa überreden hierher zu kommen, wenn Du aber keine zu großen Ansprüche machst, und die Verhältnisse in Deutschland wirklich so fatal werden wie Du schreibst – ei dann glaub ich, kömmst Du auch hier durch, und würdest Dich am Ende recht wohl fühlen.
Es ist jetzt hier eine kleine Farm mit guten Steingebäuden, zehn Acker urbarem und 310 Acker Holz- und Prairieland, und einem recht hübschen Anfang zur Viehzucht, mit 3000 Dollar verkauft worden, und es sind billigere wie theuerere Farmen immer zu haben. Die Gebäude darfst Du Dir aber nicht etwa groß und prachtvoll denken; sie entsprechen nur einfachen Bedürfnissen, doch sind sie wohnlich errichtet. Wir haben jetzt auch eine Brauerei hier in der Nähe und stellen ein vortreffliches Bier her.
Meine kleine Familie läßt Euch alle in der Heimath herzlich grüßen – wir hatten und haben noch von Krankheit manches zu dulden, denn die Fieber, die in dem neu urbar gemachten Boden ihren Ursprung finden, müssen im Norden wie im Süden ertragen werden. Doch geht es jetzt, trotz der ziemlich starken Hitze etwas besser, und die Nachbarn, Amerikaner wie Deutsche, sind wirklich so theilnehmend, als man es nur wünschen kann. So wenig mir der Amerikaner in den Städten gefallen hat, so sehr hat mich sein Charakter mit ihm im Lande selber ausgesöhnt; die Backwoodsmen Amerikas sind wirklich eine prächtige Menschenrace.
Doch ich komme wieder in's Schwatzen und die Kinder quälen mich, ich soll mit ihnen in's Holz gehn und wilde Weintrauben holen. Also leb wohl, mein lieber guter Vetter – nimm nochmals die schönsten Grüße und behalte lieb
Deinen
getreuen Vetter
Christoph Roßberger.
Entschließt Du Dich noch dazu hier herüber zu kommen, so laß es mich nur recht bald wissen, und ich werde Dir und den Deinen schon ein freundliches Plätzchen herrichten.
Dritter Brief.
Lüber Ludewig
Sondern nach Teksas haben se mich jezt kujenirt un nich mehr in Kendukki Hurrjeh is das vor ein Land das Ameriga wenn ich nur erscht wieder raus were gesund Die Leite hengen se hür wie gar nix un se bigen man blos einen Baum krum und hengen se dran wie bei uns de Maulwirfe. Vor das eine Ferd konnt ich gar nix un wenn ich mir aus Fersehn drauf sezte un fort ritt so war es nur Unglick das ich den Eigendimer gleich in die Straße begegnen musste un die Haue, hurrjeh wenn man einmal fort is soll man aug fort sein die vertammten Intianer suchen einem Menschen seine Fußtappen nach wer weis wie weit un alles wegen lausiche 20 Dollars und ein baar Stiebeln. Un mit di Mormonen na di sollen mich wider kommen na aber hür kommen se nich her – was kans Du denn davor wenn se dir sagen das is mein Land hol mich einmal 1 Arm voll Korn un mach 1 Schwein dot? Un denn vor en 1 faches Fersehen will mann Einen nich gleich ufhengen wie en Maulwurf un wie ich here soll es bei eich in Deitschland jezt regd hibsch sein o wenn ich doch Geld hette un hiniber kennte hir felts keinen ein das teilen un doch sagen se alle Menschen weren gleich die sin aug grade so wie bei uns de Arisdograden hole si alle der Deibel. Was ich habe das gehert aug mein Nagbar dass is mein Grundsaz un danag handel ich aber hir lasse se kein Menschen seine Grundseze ungeschoren, wenn alles was ich habe mein Nagbar gehert so gehert alles was mein Nachbar gehert aug mein dass is doch klar aber gottbeware aufbacken bünden un vor Gerücht schleppen is hür eins un in Anfang wollte se kurtsen Brozess mit mür machen un alle fassden mit an. Was hülft mich denn dass das keine Bolizeidiner un Schandarmen nich da sin wenn jeder en Bolizeidiner spilen will es war ein Glick dass se mich noch den Scherif hir lißen – denn Scherif nennen se di Oberschandarmen wo ich nur erst geglaubt habe es weren keine da weil se nich 3eckige Hite aufhaben wi bei uns; nimand hatte mich nich gesehn un da lißen se mich schweren hurrjeh war das en Glick un aug freie Pasasche haben se mich auf en Damfbot gegeben nach Teksas – so, mich kriegen se nich wider nach Kendukki. Lüber Ludewig wenn Du in Deitschland wo es jezt regd hibsch sein soll was eribrigsd un wenn ihr ans teilen komd so thu mich doch den gefallen un schicke mein teil heriber das ich auch nach Deitschland kann wo es jezt so hibsch sein soll un meine Frau sage sie megde mir doch 5 Daler schicken oder noch mer wenn sie kennte denn es ginge mir hir söhr schlegd un ich hette sie söhr lieb must du ihr sagen aber ich muss nu schlüßen. so lebe regd wol un gesund un besser wie ich denn ich habe das Füber un das schitteld mich söhr un dieses winscht dein getreier Bruder
Eregott Bomaier
vergis ja nich mir mein teil zu schiken womit du mir ein großen gefallen duhn wirst es soll dein schaden nich sein wenn ich nach Deitschland wider komme un meine Frau die 5 Daler.
Vierter Brief.
Theuerer Scharffenstein.
Nur mit wenig Worten möchte ich eine Bitte an Dich richten. Du weißt, daß ich außer Dir in ganz Deutschland nur einen einzigen Menschen habe, von dem ich hoffen könnte, eine Gefälligkeit erzeigt zu erhalten – es ist dies mein Oheim in Sondershausen – gehe zu ihm und gieb ihm die einliegende Zeichnung – so sieht der Nachkomme jenes hochgräflichen Hauses, dessen Vorväter zu den stolzesten Geschlechtern des deutschen Kaiserreiches gehörten, aus – er wird mich nicht lange in dem Zustand lassen wollen.
Ich bin Feuermann auf einem Dampfboot – Du staunst? ja wahrlich, Du hast Ursache dazu, doch laß mich Dir nicht lange mein ganzes Elend vorerzählen – ich müßte es noch einmal durchleben und, Gott weiß es, ich habe keine Freude an der Erinnerung.
In meinem letzten Briefe schrieb ich Dir, daß ich selbst gesonnen sei ein großes Fest in New-York zu geben, um damit die vielen empfangenen Freundlichkeiten zu erwiedern. Ich besaß noch eine Summe die, wie ich Grund hatte zu hoffen, nicht allein vollkommen hierzu ausreichen, sondern mir auch noch ein kleines Capital zurücklassen würde, mit dem ich – aber was nützt es, Dir die Pläne zu erzählen die ich hatte. – Während dem Feste selbst brach irgend ein Schuft – wahrscheinlich Einer meiner sogenannten Freunde – bei mir ein, stahl mir Alles, selbst das letzte was ich an baarem Gelde in meiner Börse auf dem Tisch vergessen hatte, und als ich am nächsten Morgen – Tod und Pest, ich will den Gedanken nicht noch einmal zurückdenken, vielweniger schreiben.
Irgend ein boshafter Mensch, vielleicht der Dieb selber, hatte indessen das wahnsinnige Gerücht zu verbreiten gewußt, ich sei nicht allein gar nicht von Adel, sondern auch noch von unehrlicher Geburt, kurz es traf Alles zusammen mich förmlich in den Staub zu treten. Meine Erzählung des Raubes wurde mir jetzt nicht einmal geglaubt und Mr. Broadfoot, der reich gewordene Krämers- oder Schneiderssohn, kam am zweiten Morgen zu mir, that entsetzlich vornehm und bot mir zwanzig Dollar an, damit ich nur – ich wollte Du könntest die Zornesthräne sehn, die mir jetzt zwischen den Wimpern hängt – recht bald New-York verlassen könnte. Ich warf ihn die Treppe hinunter.
Ich überließ den Anordnern meines Festes meine sämmtliche Garderobe und Wäsche und Alles was ich mein nannte und behielt nur die vier goldenen Spielmarken, die ich zufällig an dem Morgen in meine Westentasche gesteckt.
Verlange nicht das demüthigende meiner Reise ins Innere zu hören – der Amerikaner des Westens staunt wohl, wenn er einen wirklichen lebendigen Grafen zu sehen bekommt, aber – er staunt eben nur und kümmert sich nicht weiter um ihn – das Volk ist selbst noch zu neu, zu erst erschaffen, um auch nur möglicher Weise Sinn für das Alterthum, und die Vorrechte desselben zu haben. Das wird später wohl auch kommen, aber was nützt das mir – ich erlebe es nicht.
Ich will Dich nicht mit den Einzelnheiten meines Geschicks oder besser gesagt meines Mißgeschicks langweilen, es trieb mich zuletzt auf ein Dampfschiff und drückte mir die Schürstange in die Hand – ja wäre noch Krieg gewesen – aber nein, ein ehrlicher Soldatentod wird mir versagt und ich muß jetzt hier, um wenigstens noch auf ehrliche Weise mein Brod zu verdienen, die elendesten Sklavendienste thun.
Mein Oheim wird Dir eine kleine Summe für mich einhändigen, die wenigstens ausreicht mich anständig zu equipiren und meine Reise nach Mexico zu bestreiten; ich will dort in mexicanische Dienste treten, möchte das aber nicht eher, als ich dort meinem Range angemessen erscheinen kann.
Wären Euere Verhältnisse jetzt nicht so traurig in Deutschland, so kehrte ich augenblicklich zurück, was aber ist gegenwärtig dort für einen Mann von meinem Stande zu hoffen? – nein, da lieber noch hier die Schürstange, wo mich Niemand kennt.
Schreibe mir recht bald, ich erwarte in heißer Sehnsucht die Rettung aus diesem traurigen Zustand.
Dein
Hugo.
P. S. Meine Adresse ist – Mr. Hugo – care of Bridle & Smith Nro. 8 Tchapitoulas street New Orleans. U. S.
Einen Leidensgefährten habe ich auf unserem Boot getroffen – ebenfalls einen deutschen Edelmann Namens v. Horneck, doch verschweige ich ihm meinen Namen und halte mich überhaupt von ihm entfernt – ich theile seine Ansichten nicht.
Fünfter Brief.
Staat Indiana am 1. August 1848.
Liebe Eltern und lieber Bruder.
Es freut mich recht herzlich Euch dießmal einen besseren Brief schreiben zu können, denn es geht mir lange nicht mehr so schlecht als damals, wie ich den letzten Brief an Euch schrieb. Soviel habe ich allerdings eingesehen, daß die vielen gewaltig schönen Beschreibungen von Amerika, die uns zu Hause das Maul wässrig gemacht haben nach all den guten Sachen, meistens nicht wahr, oder doch wenigstens so gestellt sind, daß man sich nicht recht hineinfindet, wenn man mit der Sache nicht recht vertraut ist, und sich nachher bei allem Schönen noch immer das Schönste dazu denkt. Und die Leute thun sehr Unrecht, die solche schönen Beschreibungen hinaus schreiben, aber ich weiß auch warum es geschieht, entweder schämen sie sich offen einzugestehn wie schlecht es ihnen geht, wo sie doch früher so geprahlt haben, oder sie sitzen auch, wie es mir hier die Leute gesagt haben, an so einsamen Plätzen und so in Noth, daß sie nur dadurch ihre Lage verbessern können, wenn sie noch recht viel andere Menschen auch dort hin ziehn.
Daß ich nun im Anfang um alles betrogen bin was ich hatte, das geht vielen Deutschen so und ich kann mich da mit vielen trösten, wer aber hier gesund ist und Lust hat zu schaffen, der kommt auch fort und wenn er eben so wenig hätte wie mir geblieben war. Aber zu keine Deutschen sollten die deutschen Handwerker gehn, wenn sie auswanderten, sondern immer zu Amerikaner. Die Deutschen sind erstlich auch nur herübergekommen um ihr Glück zu machen, und reich zu werden und die geben am wenigsten her, wenn sie's wirklich haben, und besonders an Deutsche, wo sie schon wissen daß die's zu Hause schlecht gewohnt sind. Und dann lernt man auch bei Deutschen nie im Leben die englische Sprache, die man doch als Handwerker so zu seinem Fortkommen braucht, und in deutsche Colonien muß man gewöhnlich was einzahlen, oder Land vorauskaufen wodurch man sich an die Stelle bindet, und nachher bleibt man gewöhnlich lieber sitzen, ehe man sein Bischen Eingezahltes im Stich läßt. Und die Deutschen sind auch nicht immer die besten; die bei denen ich arbeitete haben mich recht betrogen und sich viel Geld an mir verdient.
Endlich und nach und nach hab ichs aber gemerkt, und da bin ich zu Amerikanern gegangen und da hab ich viel besseren Lohn gekriegt und viel bessere Kost, und habe in kurzer Zeit englisch gelernt, so daß ich mich schon recht gut verständlich machen kann. Das klingt einmal komisch, liebe Eltern, das englisch, und im Anfang kams mir vor als ob die Leute die kauderwelschen Worte nur so Hals über Kopf heraussprudelten, daß kein Mensch einen Sinn hinein finden konnte, aber wie man sich ein Bischen dran gewöhnt, klingts ganz natürlich, und hat alles seinen Sinn, wie das Deutsche.
Was nun das betrifft, daß viele Menschen hier brodlos herumlaufen, und worüber Du Dich besonders in Deinem letzten Briefe wunderst lieber Vater, so hat das auch wohl seinen Grund. Es ist hier in Amerika gar keine Schande wenn einer umsattelt, und was anderes wird als was er draußen gelernt hat – hier arbeitet jeder was er gelernt hat, und wenn ein Schuster Kleider oder ein Schneider Schränke macht, so schadet das gar nichts, wenn er sie nur gut macht und Geld für seine Arbeit kriegen kann. Man muß sich auch nicht allein auf das setzen wozu man in Deutschland aufgezogen ist, und sonst gar nichts thun wollen, sonst kann man leicht brodlos werden. Ein armer Mann hat aber hier rechte Gelegenheit es zu was zu bringen und sein Auskommen zu haben, viel eher wie in Deutschland, denn wenn er nur ein klein Bischen fleißig ist, so kann er sich leicht was zurück legen, und wenn er nur einen ganz kleinen Anfang hat, so kann er es nachher leicht zu was bringen, denn die Amerikaner unterstützen recht gern arme Leute und die Nachbarn helfen ihnen wo das nur immer angeht. Und ein armer Mann, der in Deutschland recht viele Kinder hat, der kommt immer mehr in's Unglück, aber hier in Amerika, da ists gerade umgekehrt. Hier sind die Kinder ein Segen und helfen den Eltern auf, wenn sie alt und schwach werden. Ein armer Mann ist hier auch geachtet und es kommt nicht auf den Rock an den ich trage.
Das Land und Vieh ist hier alles sehr billig und gut und man kann mit ein weniges eine rechte hübsche Farm kaufen, denn Farm nennen sie hier ein Landgut, aber ein Deutscher, der hierherkommt, und der die Sitten und Gebräuche noch nicht kennt, der sollte sich doch ja nicht gleich ankaufen, denn dann muß er gewöhnlich aus eigener Tasche Lehrgeld zahlen und verliert vielleicht alles, was er mitgebracht hat. Am besten ists, er arbeitet erst eine ganze Zeit bei Amerikanern und lernt die Axt gebrauchen und den Amerikanischen Feldbau, denn der ist ganz verschieden von dem deutschen, und wenn er nachher ein oder zwei Jahre im Lande ist, dann kann er sich leicht ankaufen, und dann thun ihm 100 Dollar so gut, wie sonst vielleicht nicht 500, ehe er Lehrgeld bezahlt hatte. Ich arbeite noch immer bei den Amerikanern und ich befinde mich recht wohl, wenn ich aber erst ein kleines Gut habe, was gar nicht mehr so lange dauern kann, denn der Amerikaner hat mir versprochen, daß er mir helfen will, dann müßt ihr zu mir herüber kommen, liebe Eltern und lieber Bruder, und dann wollen wir hier recht vergnügt leben auf meinem eigenen Land.
Mit nächstem Jahr kann das vielleicht schon gehn aber ich will noch nichts vorher bestimmen, denn es thut einen nachher leid wenn so eine Freude zu Wasser wird. Und bis dahin grüßt Euch, liebe Eltern und lieber Bruder herzlich und von ganzer Seele
Euer Traugott Erdmann.
Den Brief für mich schickt nur nach der Stadt Vincennes in Indiana, da hol ich ihn mir schon ab, ihr müßt aber meinen Namen englisch darauf schreiben, liebe Eltern, wie sies hier machen. Der Amerikaner wird mirs hier drunter schreiben wie es sein soll.
Mr. Traugott Erdmann
to be left at Vincennes post office
I–a U. S.
Sechster Brief.
Indiana den 15. August 1848.
Mein herzlieber Carl.
Ich hatte geglaubt Dir um diese Zeit, und wenn auch nur wenige Monat verflossen waren, schon einen Bogenlangen Brief, mit lauter Jagdabenteuern gefüllt, schreiben zu können, aber Du lieber Gott, wie hab' ich mich hier in der Amerikanischen Jagd geirrt. Fast schäm' ich mich auch, Dir in allen Stücken, besonders was meine eigenen Erlebnisse betrifft, die volle Wahrheit zu schreiben, aber – es kann doch nichts helfen, es muß heraus, am Ende kämst Du sonst selber, von meinen früheren Schilderungen verlockt, und mit den Hoffnungen müßtest Du Dich in einem Paradiese enttäuscht finden.
Um also das Fatalste gleich von vorn herein los zu werden, will ich auch ohne Weiteres mit dem beginnen. Denke Dir, dieser einfache ehrliche Farmer, den ich für so unschuldig hielt, daß ich mich fürchtete den Handel mit ihm abzuschließen, weil ich mich der Sünde scheute ihn zu übervortheilen – dieser gutmüthige Bursche, dem ich noch, um ihn ja in jeder Hinsicht zufriedenzustellen, eine wundervolle, – Esel ich – Büchse für 60 Dollar kaufte, war – ein abgefeimter Hallunke, ein ächter Yankee und Betrüger. Der Lump hat mich mit einem erbärmlichen Improvement für 250 Dollar angeschmiert, das ich hier mit größter Bequemlichkeit an jedem Tage für 50 Dollar kaufen könnte. Doch das ist das wenigste, das verzieh ich ihm gern, es wäre ein kleines Lehrgeld, wenn all seine sonstigen Aussagen nur auf Wahrheit begründet gewesen wären, aber beim Himmel, der Kerl hat kein wahres Wort über die Zunge gebracht, und ich glaube meiner Seele, er lügt sogar im Traume.
Daß er Bären aus seinem Küchenfenster schießt, ist aus zwei Gründen unmöglich – erstlich hat er in dem Haus gar keine Küche, denn das was die Leute hier Küche nennen, ist nur ein Schuppen und hat wieder gar kein Fenster, und dann – wenn wirklich Küche und Fenster da wären, – giebts keine Bären. Keine Bären? – rufst Du erstaunt, das ist aber noch nicht Alles – auch keine Hirsche, Panther, Truthühner und wie das Zeug sonst alles heißen sollte, was hier, des alten Jägers Aussage nach (soll mich der Böse holen wenn ich jetzt glaube, daß der Kerl überhaupt ein Jäger war) den Wald förmlich durchwimmelte. Opossums oder Beutelratzen schießen sie hier manchmal - ekelhaftes Zeug, das hauptsächlich vom Aas lebt, und das man auch oft mit dem Stocke todt schlagen kann, also gar kein jagdbares Wild. – Truthühner lassen sich in der That manchmal blicken, auch kommt zu Zeiten ein Hirsch in die Nähe der Farm, doch, Du lieber Gott, da kann sich Einer die Beine ablaufen, ehe er von denen nur etwas zu Gesicht bekommt.
Du kannst Dir übrigens einen Begriff machen wie die Jagd hier bestellt ist, wenn ich Dir einen kleinen Auszug aus meinem, wie Du sehn wirst, sehr hoffnungsvoll angelegten Beuteregister mittheile; ich thue das übrigens auch mehr mir zur eigenen Strafe, als Dir zur Erbauung, denn ich habe mich im vorigen Monat, trotz all der gemachten Erfahrung, doch einmal wieder nach Canada hinauf zur Bärenjagd sprengen lassen, und natürlich weder etwas geschossen, noch überhaupt gesehen:
| Bären | Panther | Büffel | Hirsche | Füchse | Truthühner | Anderes Wild |
| — | — | — | 1 | — | 1 | 17 Prairiehühner. 20 Rebhühner. 13 Kaninchen. |
Den einen Hirsch schoß ich am Wabasch und den einen Truthahn Morgens dicht bei der Ansiedlung, wohin er sich, Gott weiß wie, verirrt hatte. In Illinois war ich einmal drüben und schoß eine hübsche Parthie Prairiehühner – Dinger so groß wie unsere Haushühner, aber an größeres Wild, wie Bären, Panther und Büffel ist gar nicht zu denken. Büffel sind nun vollends in die Möglichkeit weit gen Westen getrieben; ein alter Bär kommt dagegen manchmal hier durchgeschlendert, und ist auch im vorigen Jahr einer in der Gegend geschossen worden – das wird aber als Merkwürdigkeit erzählt.
In der Nachbarschaft des Ortes, wo ich auf der Farm des alten Mannes meinen Wohnsitz aufgeschlagen habe, ist die Jagd nur höchst mittelmäßig und was der Strick, der wahrscheinlich gewittert hatte ich sei ein leidenschaftlicher Jäger, von der Gefahr erzählte, in welcher der ganze Viehstand durch die Masse der wilden Thiere schwebe, ist eine nichtswürdige Fabel. Wölfe giebt es allerdings hier viel, und die Regierung hat eine Belohnung auf jeden Wolfsscalp gesetzt, so scheu aber sind sie und so schlau, daß ich, der ich in der ersten Zeit besonders den Wald von Morgens bis Abends nach allen Richtungen durchstreifte, noch nicht einen einzigen Wolf zu Gesicht bekommen, vielweniger erlegt habe.
»Hirsche für die Hunde erlegen,« ei so lüg du und der Teufel, und ich dankte jetzt Gott, wenn ich selbst ein Stück Wildpret hätte, aber Gott bewahre, trocknes Rindfleisch muß ich kauen oder Speck essen und will ich denn nun einmal Wild haben, so sind's Eichhörnchen, die man hier verzehrt, und die auch wirklich ausgezeichnet schmecken. Du lieber Gott, wer mir in New-York gesagt hätte, daß ich in Indiana, viele hundert Meilen im Westen drin, auf die Eichhörnchenjagd gehn würde. Muß der Schuft über mich gelacht haben, wie ich ihm die Büchse kaufte, – nun weiß ich auch weßhalb er gepfiffen hat.
Und das sogenannte Improvement ist keine 20 Dollar werth; das beste Improvement das ich auf dem ganzen Besitzthum machen könnte, wäre, wenn ich die beiden wahnsinnigen Blockhütten die darauf stehn, ansteckte – thu' ichs nicht, so stürzen sie mir doch nächstens einmal auf eigene Faust über dem Kopfe zusammen; und das Land – da könnt' ich wieder von vorn anfangen und urbar machen – Alles ist mit Büschen und Bäumen wieder bewachsen und kaum ein Platz von einem halben Acker frei, wo der Schuft Kartoffeln hat stehn gehabt. Von den Kühen sind bis jetzt auch erst zwei aufzufinden gewesen und mein einziges Vergnügen hab' ich noch an den Schweinen – die sind so wild, daß ich jedesmal förmlich auf die Jagd gehen muß, wenn ich eins haben will – selten komm ich dann in gute Schußnähe heran; muß jedoch jedesmal bei solcher Gelegenheit einen Farmer bitten, mich zu begleiten, weil ich mein Zeichen oder dem Lump sein Zeichen vielmehr nicht aus dem andern heraus erkennen kann. – Die Schweine sind nämlich mit Schlitzen und Löchern im Ohr »gemarkt«. Es hat mir neulich ein Nachbar hier für Land und Vieh, wie's daliegt 50 Dollar geboten; wenn der Thor genug ist das noch einmal zu thun, hat er's, und mög's ihm wohl bekommen.
Doch nun ein Wort zu Dir über Amerikanische Jagd, denn ich sehe Du verlangst darnach. Lieber Carl, die Sache habe ich mir ganz anders gedacht. Ja Du lieber Gott, in Deutschland hat man davon ganz falsche Begriffe. Die Jagd war das in den Vereinigten Staaten, was wir jetzt noch von ihr erwarten, aber seit langen Jahren ist ja auf das Wild förmlich hineingewüthet, und da muß es wohl einmal dünn werden. Ich habe hier vor einigen Tagen einen Jäger aus Arkansas – dem besten Jagdgrund der Union gesprochen, und der hat mir ganz aufrichtig das folgende mitgetheilt.
Es giebt noch Gegenden in Arkansas und überhaupt westlich vom Mississippi, wo ein guter Schütze, und besonders einer der mit dem Wald bekannt ist und sich nicht leicht verlaufen kann, seinen Hirsch und auch manchmal einen Bär schießt; auch Truthühner soll es dort noch an gewissen Plätzen in ziemlicher Anzahl geben, aber die Zeit, wo man die Bären aus den Fenstern schoß, ist für die Vereinigten Staaten vorbei. Auch von der Jagd leben, wie ich das früher fest geglaubt, kann kein Mensch mehr dort, er verstände denn wirklich weiter Nichts als leben darunter, aber was für eine Existenz wäre das; Jahraus und ein ununterbrochen im Walde zu liegen und weiter keine Abwechslung zu haben, als die, die sich ihm zwischen frischem und getrocknetem Fleische bietet.
Was den Verkauf des erlegten Wildes betrifft, so giebt es an den Stellen, wo Wildpret überhaupt einen verkäuflichen Werth hat, weder Hirsche noch Bären mehr, und wo die noch existiren, da ist man froh, wenn man einmal ausnahmsweise für einen ganzen Hirsch acht Groschen kriegt, oder die Keulen zum Verkauf trocknen kann. Zu verdienen ist aber mit der Jagd gar Nichts und nach alle dem, was ich jetzt darüber gehört – denn die Aussage des Arkansas-Mannes wurde mir von Mehreren bestätigt, bin ich überzeugt, man kann, wenn man in noch unbesiedeltem Lande sich niederläßt, dann und wann einmal seinen Hirsch oder Truthahn schießen und in sofern, wenn man die Jagd als Erholung betrachtet, Nutzen daran haben, indem man das selbst verzehrt, was man erlegt, sonst aber als Erwerbszweig ist diese Sache Essig.
Doch genug für jetzt, mein guter Carl, ich werde wahrscheinlich weiter westlich ziehen, und sobald ich meinen neuen Wohnsitz bestimmt habe, sollst Du mehr von mir hören. Bis dahin grüßt Dich herzlich Dein
Fritz Sternberg.
Siebenter Brief.
Guter Edde und allerbeste Mämme.
Gott der Gerechte was is das vor a Land, Edde? Nehmt de Mämme und den Schmul und den Moses und de Rachel, und bringt se so schnell ihr kennt nach Amerika. Wie haißt Amerika – Canaan sillts haiße – soll mer Gott helfe und will ich nich gesund auf meine Fiße stehn. Seekrankheit? – wie haißt Seekrankheit? – Cholera, s' böse Wesen und die Pocken – Alles wär net ze viel wenn mer nur kennt damit komme nach Amerika.
Was ich for Geschäftcher gemacht hab, sait ich in Amerika bin? – frog mich der Edde mol noch meine Geschäftcher – bin ich jetzt drei Monat in's Land gewese und was hab ich verdient in die drei Monat? – will ich nich gesund auf meine Fiße stehn – 700 baare Dollars klingende Münze hab ich verdient, un womit hab ich die Geschäftcher gemacht, mechte der Edde wissen? mit klaine winzig klaine Paket'ger hob ich se gemacht, un nur getauscht hab ich Silber mit Silber wie en ehrlicher Mann.
Nu die Geschicht is gar ainfach – hab ich mich doch geferchte in Anfang in 'en Wald ze gehn, aus Forcht vor die wilde Katzen und Bären. – Wie haißt wilde Katzen – will ich nich gesund auf meine Fiße stehn wenn ich nich schon drai Monat im Lande 'rim handle und noch nich gesehn habe an ainzige wilde Katz, vielweniger en Kater. Aber was sin das vor Menschen hier im Land, in Pensilvanien und Ohio und in Indiana und Kentukki? – Gott der Gerechte, Menschen sind's wie die Kinder, so unschuldig wie die Täubcher. Die Mämme hätt' ihre Fraid gehabt, wenn se's hette sehn kenne, wie se den Veitel getracktirt haben un in was ver schaine Betten er geschlofen hat. Und mit was hat der Veitel hauptsächlich gehandelt? – Fragt ämol den Veitel mit was er gehandelt hat? – mit Juwelen Bischutterie und silberne Leffeln hat er gehandelt, will ich nich gesund auf meine Fiße stehn, wenn er nich gehandelt hat mit Bischutterie und silberne Leffeln.
Aber den Edde muß ich vorher in's Gehaimniß lasse – das Englisch is nemlich a ganz firtreffliche Sprach – un 's drickt die Sach so gnau aus, wo's sie beschreibt, daß mer's im Dunklen erkennen kennt. In Daitschland haißt's Argentan oder Neisilber – wie haißt Neisilber – was thu ich demit ob's nei oder alt is? wos vor a verständiger Mann is devor der Amerikaner – der nennt's deitsches Silber, Dschermen Silwer wie se hier sagen, un wenn ich gekommen bin zu die Lait und hab ihne gebracht Leffeln von Dschermen Silwer so habe se mich gewehnlich gefragt – wie haißt Dschermen Silwer – is das was besonderes oder was anderes als Amerikanisches Silber? »Gott der Gerechte« hab ich denn aber gesagt – »muß doch Silber haißen wenn es in Dschermani is, Dschermen Silber und wenn es in Amerika is, Amerikanisches Silber, will ich nich gesund auf meine Fiße stehn, wenn da waiter en Unterschied is als der Prais – wir Deitsche nehmen mit wenig Verdienst vorlieb – aber mer sin reell.« Gott der Gerechte sill mer beistehn wann ich nich habe gehabt 700 Procentchen un die ainzige Unbequemlichkait in der waiten Gotteswelt, daß ich nich bin wieder gekommen ganz genau in die Gegend.
Un hab ich immer geglaubt, 's wär ä Unglick daß uns Kainer kennt hier und mer net Credit hättet – wo so Unglick g'rod des Gegenthail ist's – Gottes Wunder was wir Jüdden hier vor en Credit haben – 's geht ins Hebräische hinain und immer waiter, immer waiter. Im Anfang en klans bissel un nachher immer greßer und der Itzig Löwenhaupt hat schon 5 Städte, wie er sogt, wo er nich mehr hinkommen derf, bei mir fangts aber erst an un der Itzig is schon a angesehener raicher Mann.
Gott der Gerechte, wenn ich doch de Rachel hier hätte, was hat mer hier en Feld vor Geschäftcher, und den Edde und die Mämme aber se alle missen noch her kommen nach Amerika. – Wie haißt Bamberg? – was thu ich mit Bamberg –? net abgemolt mecht' ich sain in Bamberg.
Un frogt ämol den Veitel wo er sain klan Kerbche hindahn hot, mit dem er is schachere gange, un wo ihn die Lait haben uf die Stroß gesetzt, geschwinder als er is hinain gekomme? – Gottes Wunder, wie haißt Kerbche jetzt? un der Veitel hat ä klan's Wägelche un ä lebendiges Pfärd, un oben druff sitzt er mit seine Packjes und kutschirt im Lande herim wie ä Färscht – frogt ämol den Veitel wo er sain klan Kerbche hindahn hot.
Gott behit's Edde und Mämme – macht Eich kaine Sorg' um den Veitel, es geht Eirem Jingelche gut – so grißt mer de Rachel un der Simon soll riber kommen mit sain klain Handel und der Stern und der Rosengarten – aber sogt en nix von die Leffeln, Edde – wo ich gewese bin kenne se doch nix verdiene un setzen sich nur Unannehmlichkeiten aus – und wo ich nich gewesen bin – Gottes Wunder, was brauch ich do den Stern und den Simon und den Rosengarten? do geh ich selber hin.
Gott behits noch e mol, Edde und Mämme und es grißt Eich herzlich
Eier lieber Sohn
Veitel.
Der Klöppeldistrict des sächsischen Erzgebirges.
Es ist seit langen Jahren, und besonders seit der Zeit, wo ich die Vereinigten Staaten von Nordamerika kennen gelernt, immer ein Lieblingswunsch von mir gewesen, die unglücklichen Proletarier unseres so sehr übervölkerten Vaterlandes nach jenen fruchtbaren Gefilden der neuen Welt hinübergeschafft und sie so ihrem fürchterlichen Elende gewissermaßen mit einem Gewaltstreich entrissen zu sehen. Bis jetzt ist das freilich noch ein frommer Wunsch geblieben; die Idee einer solchen Auswanderung durchzuckte mir auch nur manchmal in form- und gestaltlosen Bildern das Hirn, ich hatte mir selbst noch keine Rechenschaft darüber gegeben oder das Für und Wider solcher That geprüft und erwogen. Als uns aber der wieder und immerwieder kehrende Jammer jener Gegend stets zu neuer Hülfe und Unterstützung rief, als ein Nothschrei nach dem andern aus den Bergen drang, da stieg der alte Wunsch in mir immer lebendiger und kräftiger auf und im Geiste sah ich schon die Schaaren fröhlicher Auswanderer auf wogender See einem neuen, glücklichen Leben entgegeneilen.
Wohl sprach ich mich jetzt gegen Freunde und Bekannte darüber aus und suchte zu erfahren, auf welche Art ein solcher Schritt möglicher Weise zu realisiren wäre; die Leute schüttelten aber fast Alle mit dem Kopf und sagten einfach: »Das geht nicht – das thut's in den Gebirgen nicht – der Bergbewohner klebt an der Scholle und ist nicht fortzubringen, ja kann nicht einmal in seiner nächsten Umgebung verwendet werden; überdies sind sie schwächlich und entnervt und würden unmöglich die schwere Arbeit des Landurbarmachens ertragen können.« – Und gleich danach kamen unzählige Beispiele von Dienstmädchen, die es wundergut bei ihren Herrschaften hatten und doch nicht aushielten, sondern wieder zurück in's alte Elend liefen, – von Knechten, die entweder ihrer Arbeit nicht gewachsen, oder aus anderen Gründen nicht zu bewegen gewesen waren außer dem Gebirge auszuhalten, und das Resultat blieb stets das nämliche: ein solcher Versuch wäre unnütz – die Leute hielten es nicht aus.
Dem konnte ich nicht mehr widersprechen, denn ich kannte die Menschen ja nicht, über die ich solches Urtheil hörte; der Gedanke ließ mir aber keine Ruhe und ich beschloß einmal selbst hinauf zu wandern und mich an Ort und Stelle von der Wahrheit des Gesagten zu überzeugen. Allerdings war es damals gerade Winter und das Erzgebirge wird in dieser Jahreszeit von den Bewohnern des flachen Landes gewöhnlich für eine Art von Sibirien gehalten. Das schien mir aber auch in sofern die passende Zeit, als ich die Familien mehr zusammenfand und mich eher davon überzeugen konnte, ob die »Stubenhocker« auch wirklich für jede andere Arbeit untüchtig und verloren wären. Angenehm war es mir, daß ich mit einem Spitzenhändler Hrn. H., die Reise wenigstens zum Theil gemeinschaftlich machen konnte; ich wurde dadurch gewissermaßen in jene Gegend eingeführt und brauchte meine Zeit nicht mit langem Suchen zu verlieren.
Am ersten Tag erreichten wir Eibenstock, eine aus lauter Eckhäusern bestehende Stadt, und ich fand mich hier, wenn auch noch nicht mitten unter ihnen, doch schon im Bereich der Unseligen, die den Titanenkampf gegen englische Fabrikate kämpfen.
In und um Eibenstock wohnen eigentlich mehr die Tambourirer als Klöppler, aber auch hier hat das Elend schon seine Vertreter; bleiche abgemagerte Gestalten, die von Morgens, bis Abends spät, über dem Stickrahmen beugen und mit geschäftigen Händen die Erhaltung ihres Lebens, wenige Neugroschen, zu erstreben suchen. Durch den freundlichen Eifer des Herrn Oberförster Thiersch ist erst jetzt ein Arbeitshaus errichtet, wo die Kinder ganz armer Eltern wenigstens in warmer Stube und bei freiem Lichte arbeiten können. Manches arme Kind, das bis dahin bettelte, verdient doch jetzt wenigstens etwas die Woche; aber die Preise sind heruntergedrückt, eine gute Arbeiterin kann mit aller Noth wirklich nur wenige Groschen verdienen, und Sorge und Mangel furcht die bleichen farblosen Wangen.
Auch eine Schwefelholzfabrick – von lauter Kindern – ist in Eibenstock. Hier werden Streichhölzchen fabricirt – die gewöhnlichen Streichhölzchen in Papierkapseln, unten mit Sand beklebt. – Die Kapsel, die vielleicht 60 bis 80 Stück enthält, zu – einem Pfennig. Und die Kinder leben und athmen die ganze Zeit in dem Phosphordampf – einzelne Eltern behielten sogar die Kleinen zu Hause, weil sie »den Geruch nicht aushalten konnten,« den jene mitbrachten; – die Noth zwang sie aber doch bald wieder dazu, sie an die Arbeit zu schicken und – sie gewöhnten sich endlich daran.
Von Eibenstock brachte uns am nächsten Tage ein vierstündiger Marsch, oder eigentlich mehr Spatziergang, durch prächtigen schneegefüllten Nadelwald und malerische Schluchten und Thäler, bergauf und ab nach Breitenbrunn. Aber schon unterwegs kamen wir durch einzelne Klöppeldörfer und die Fenster füllten sich überall, wie sie die fremden Männer vorbeigehen sahen, mit einer wahren Unmasse von kleinen Köpfen. Jedes einzelne Haus sah aus, als ob es eine Kinderbewahranstalt wäre.
Mir graute es im Anfang davor, eines derselben zu betreten; die niederen Stuben sahen von Außen alle so dumpfig und gedrückt aus; wie erstaunte ich aber, als ich mich endlich überwand, über die Reinlichkeit und Ordnung, die in diesen Räumen der Noth und des Elends herrschten. Das erste derartige Zimmer, was ich sah, war in Sosa, einem kleinen Dorfe zwischen Eibenstock und Breitenbrunn. Mehre Familien, wie das im Erzgebirge gewöhnlich der Fall ist, wohnten darin, und ein paar junge Mädchen waren noch mit ihren Tambourir- und Stickrahmen aus der Nachbarschaft zum Besuch gekommen – d. h. nicht etwa zum Kaffee und zum Plaudern, die Armen haben keine unnütze Zeit zu versäumen und keinen Kaffee zu trinken, sondern um gemeinschaftlich im warmen Zimmer die mühsame Arbeit zu fördern. Nur einige von diesen tambourirten, die übrigen klöppelten, und ich hörte hier zum ersten Male das monotone, unheimlich raschelnde Geräusch der hin und hergeworfenen Klöppel.
Es waren weiche, schwächliche Gestalten, aber ihre Gesichter sahen nur bleich, nicht kränklich aus – die Stubenluft und die sitzende Arbeit lähmte ihnen nur die Körper- und Geisteskraft, und hatte sie noch nicht ertödtet. – Die unheilvolle Ursache einmal beseitigt, und nicht ausbleiben würde die segensreichste Wirkung; nur das gutmüthige Lächeln, mit dem sie die Fremden empfingen, hatte etwas Leidendes. Das Ganze war mir aber noch zu neu – ich schämte mich zu fragen, ich hielt es für Sünde, diese Armen, Unglücklichen auch noch durch, wie sie doch jedenfalls glauben mußten, bloße Neugierde zu kränken; erst später verlor sich das, als ich Hütte nach Hütte betrat und an den Jammer gewöhnt, endlich auch Worte fand, seinen Grund zu erfahren, ohne mehr zu fürchten, den Gefragten wehe zu thun.
In Hütte nach Hütte aber fand ich dieselben Gestalten, fand ich dasselbe Leid – ein Dorf glich darin dem anderen, und nur manchmal, wo das Elend seinen höchsten Grad erreicht, wo die Unglücklichen nicht allein kein Bett, sondern nicht einmal einen Platz hatten ihr Stroh trocken hinzulegen, auf dem sie Nachts die erschöpften Glieder ausstrecken, so daß dieses also in den Stuben bleiben mußte, sahen dieselben unordentlich und dadurch unreinlich aus. Die natürliche Folge davon aber ist, daß der Staub und Schmutz ihre Arbeit unansehnlich macht, und sie nun auch noch mit den Preisen gedrückt werden.
Die Klöppelarbeit erfordert nämlich die größte und möglichste Reinlichkeit, da die Spitzen nicht mehr gewaschen werden, sondern gleich von den Kissen weg zum Verkauf kommen; die Klöppler und Klöpplerinnen haben denn auch feine weiße Hände, ihre wohl oft zerissene und tausendmal geflickte Wäsche ist schneeweiß, die Diele und das Hausgeräth auf das Sauberste gescheuert – keine Spinnenwebe in der Stube, kein Schmutz unter dem Ofen oder in den Ecken, auch das wenige irdene Geschirr – Gott weiß es, es ist wenig genug – reinlich aufgewaschen und an seinen gehörigem Ort.
Rührend ist es dabei, mit welcher Liebe der arme Erzgebirger an seiner Heimath hängt; Jeder, der mit ihm nur je in Verbindung kam, weiß Beispiele zu erzählen, wie die Söhne und Töchter der ärmsten und elendesten Familien doch nicht unter besseren Verhältnissen, aber von den Ihrigen getrennt, aushalten wollten, und lieber wieder in den alten Jammer zurück flohen, lieber das Leid zu Hause mit den Ihrigen theilten. Mir kommt das aber, was bei diesen Menschen Heimweh genannt wird, eher wie eine Krankheit, wie eine Angst vor, die sie in der ihnen fremden Umgebung erfaßt. Es ist das Alles wahr, daß die Erzgebirger nicht unter fremden Leuten ausharren wollen, daß Knechte wie Mägde guten Lohn und nahrhafte Kost verlassen und lieber an ihren Klöppelkissen oder bei der heimischen Arbeit, aber mit den Ihrigen doch zusammen, hungern und Noth leiden. Aber nicht Faulheit ist daran Schuld, wie es ihnen nur zu oft aufgebürdet wird, nicht Widerwillen ist die Schuld, den sie gegen härtere, als die gewohnte Arbeit, fühlen sollen, denn die Klöpplerin arbeitet auch von Morgens früh bis spät in die Nacht, und der Mann verrichtet im Sommer die gewiß nicht leichte Waldarbeit und bestellt sein Feld. Nein, es ist einestheils die Furcht, die das Mädchen wieder aus ihrem Dienst treibt, sich die weichen Hände zu verderben und dann zum Klöppeln nicht mehr tauglich, für immer aus ihrem Familienkreis ausgeschlossen zu bleiben; es ist das unbehagliche Gefühl, das den Knecht ergreift, wenn er sich seines linkischen ungeschickten Benehmens wegen verlacht und verachtet sieht oder auch nur glaubt, und dann in der That nicht im Stande ist, mit seinem, durch keine gesunde Nahrung gekräftigten Körper eben so viel und so gute Arbeit liefern zu können, als seine Kameraden. Ist dann auch der Herr nachsichtig mit ihm, will er ihn nach und nach gewöhnen und heranziehen, so fühlt der Erzgebirger nur zu gut, wie er indessen von seinen Mitarbeitern verachtet wird, und muß vielleicht auch noch rohe Reden darüber hören, daß er eben so viel ißt, eben so viel Lohn erhält als ein Anderer und nur halb so viel dafür leistet.
Woher kommt aber diese Weichlichkeit des Geschlechts? Woher kommt dieser abhängige, schüchterne Charakter eines Bergvolkes? Noth und Mangel hat es nach und nach entnervt. Die ewige vegetabilische Nahrung, und diese nicht einmal in einem gesunden und genießbaren Zustand, hat an seinem Mark und Leben gezehrt. Und haben diese Leute denn eigentlich wirklich gelebt? heißt das ein Leben führen? sind das mit Vernunft und Gefühl begabte Wesen, wie sie da bei dem monotonen Klappern der hölzernen Klöppel zusammenkauern und Woche aus und ein für wenige Groschen an einem vorgezeichneten Muster arbeiten, nur um zu existiren? Nein, es sind nur lebendige Maschinen, die blos da zu sein scheinen, eine gewisse Quantität Spitzen – so und so viele hundert Ellen – anzufertigen, um dann wieder zu denen, die sie zu Mangel und Jammer der Welt gegeben, in die steinige Erde gelegt zu werden.
Und könnten sie noch wirklich dabei existiren – – wären sie im Stande, wenigstens so viel zu verdienen, daß sie nicht allein das Leid, nein auch die Freude des Lebens genössen, so möchte es noch sein; aber so blieb ihnen selbst nicht einmal Zeit in ihrer Jugend mehr als die einfachsten Schulkenntnisse zu erwerben, denn sie müssen ja schon zu Hause, selbst als Kinder, mit an dem ganzen gemeinschaftlichen Tagewerke schaffen, um nicht gemeinschaftlich mit zu verhungern. Allerdings ist von der Regierung viel für Schulen gethan, so viel vielleicht, als es für einen so ausgebreiteten Strich des Elends möglich war; aber diesen Versuchen einer wohlthätigen Belehrung haben die Verhältnisse selbst, und leider mit nur zu vielem Erfolg, entgegengearbeitet.
Die Dörfer des Erzgebirges, besonders die ärmsten, wie Breitenbrunn und vorzüglich Rittersgrün, liegen über weite Bergflächen zerstreut und es ist z. B. in dem letzteren Dorfe den armen Kleinen dadurch förmlich unmöglich gemacht, bei tiefem Schnee die unten im Thal liegende Schule zu besuchen – selbst wenn sie, was leider nur zu oft nicht der Fall ist, Kleidung hätten, die sie vor Wind und Wetter schützte. Aber auch wirklich den Fall angenommen, daß sie im Stande wären, die Schule, und zwar regelmäßig zu besuchen, was haben die armen, durch ihre sonstige Umgebung in keiner Weise angeregten Kinder dann gelernt? nothdürftiger Weise etwas Lesen, Schreiben, Rechnen und – Bibel- und Katechismusverse. – Die letzteren sagten ihnen auch am meisten zu – das Hersagen solcher Verse und Lieder und das einförmige Geräusch der Klöppel paßte vortrefflich zu einander, aber dadurch zog sich der kaum entzündete Funke von Geist wieder mehr und mehr in sich zurück, und verlöschte endlich nach kurzer Zeit in dem weiten Meer des Elends, wo er mit dem Ringen nach einem Lebensunterhalte langsam aber sicher versank und keine Spur mehr in den bleichen ausdruckslosen Zügen zurück ließ.
Welchen Begriff hat ein solcher Unglücklicher von der Welt? keinen – er kennt nur den Jammer der ihn umgiebt, und nicht einmal die Hoffnung kann ihn trösten, denn was soll er hoffen? das Grab – nur im künftigen Leben, hat ihm sein Pfarrer gesagt, blüht der Lohn für sein Ausdauern und Harren und er harrt, – aber dauert nicht aus, denn er geht nach und nach physisch und moralisch zu Grunde.
In Breitenbrunn, wo wir bei dem dortigen Pastor Hrn. Uhlmann freundliche Aufnahme fanden, besuchte ich Abends die Klöppelschule. Am Tag arbeiten dort auch Erwachsene, so spät aber trafen wir nur noch Kinder; Kinder von sieben bis zwölf und vierzehn Jahren, meistens Mädchen. Je sechse saßen auf einer Art von Fußbänken um einen hölzernen Schämel herum, auf dem eine einfache Blechlampe brannte; sie hatten nicht das Gesicht dem Schämel zugedreht, sondern hockten von der Seite immer Eine hinter der Anderen im Kreis, während eben so viele mit Wasser gefüllte Glaskugeln, wie sie die Schuhmacher bei ihrer Nachtarbeit gebrauchen, den scharfen, blendenden, aber schmalen Lichtstrahl nur eben auf den Punkt ihrer Klöppelarbeit warfen, wo sie ihn gebrauchten. Und so sitzen diese Kinder Tag aus Tag ein; des Morgens haben sie einige Stunden Schulunterricht, der Nachmittag findet sie wieder im lauten Geklapper ihrer Arbeit. Spiel und Erholung kennen sie nicht – sie rasten nicht – und doch – doch rasten sie manchmal – der Klöppellehrer erzählte uns mit leiser Stimme, »die armen kleinen Dinger hätten schon mehr male mit Arbeiten aufgehört und gemeint: sie könnten nicht mehr – sie wären so hungrig.« Der arme Teufel konnte ihnen selbst nichts geben, er verdient mit seiner Frau auch nur 2½ Thlr. die Woche und hat fünf Kinder.
Und doch sind diese Klöppelschulen ein Segen für die Unglücklichen – sie haben doch wenigstens eine warme Stube und freies Licht und bekommen Geld für ihre Arbeit. Aber nicht in allen Klöppelschulen ist das der Fall – das teuflische Drucksystem fängt auch im Erzgebirge wieder an aufzublühn, und das fehlt jetzt nur noch, die Bewohner desselben ganz zur Verzweiflung zu bringen. Fast alle die Factoren oder Verleger von Spitzen legen dort oben noch neben ihrem Geschäft kleine Ausschnittläden an, und wenn auch Manche brave rechtliche Leute sind, die keinen Mißbrauch damit treiben, so giebt es doch auch wieder gewissenlose Menschen unter ihnen, welche die Noth der Armen benutzen, nicht allein die Preise herunter zu drücken, sondern ihnen auch noch werthlose Waare aufzudringen, mit der sie nachher Tagelang umherlaufen müssen, um sie nur, natürlich wieder mit Verlust, anzubringen.
Breitenbrunn wie Rittersgrün sind mit die ärmsten Dörfer des Erzgebirges; Hunderte von armen Familien leben dort, ja das letzte Dorf besteht fast einzig und allein, und mit nur sehr wenigen Ausnahmen, aus solchen Unglücklichen. Die Pastoren derselben sind denn auch in der That mehr Armenpfleger als Seelenhirten; sie müssen mehr Zeit darauf verwenden, die Körper als den Geist ihrer Beichtkinder zusammen zu halten, denn der Arme hat ja weiter Niemanden als gerade seinen Pastor, der ihm die ewige Barmherzigkeit Gottes predigt – dieser allein giebt ihm eine, wenn auch weit hinaus geschobene Hoffnung auf ein künftiges Leben – ach es ist die Einzige, die der Unglückliche kennt, und er blickt nun vertrauend zu dem Mann empor, der ihn zu trösten und aufzurichten sucht.
Die Pastoren könnten hier von vielem und großem Einfluß sein, und Manche sind es auch, andere aber wieder, und vielleicht in ganz guter Absicht, quälen ihre Pfarrkinder noch mit dem, was eigentlich freiwillig aus innerstem Herzen springen sollte, mit der Religion und dringen darauf, daß »Gottes Tempel« nicht allein in »gutem Zustande« sei, sondern auch »anständig aussehe.« In den ärmsten Dörfern, wo Hunderte von Einwohnern wie die Schafe zusammengepfercht und in elenden Hütten, oft ohne Betten liegen, wird das stets unter die »nothwendigsten Ausgaben« gerechnet, daß die Kirche restaurirt werde. Sogar in Rittersgrün, wo mir der Pastor selber sagte, daß sein ganzes Dorf wie ein einziges Armenhaus dastehe, verlangt er zwölf- oder vierzehnhundert Thaler für die Herstellung der etwas baufälligen Kirche, und wollte zu diesem Zweck eine Pfennigsteuer erheben. Die Menschen können auf faulem Stroh liegen, aber der liebe Gott darf nicht mit einem gewöhnlichen und billig hergestellten Bethaus, wie ich es vorschlug, abgespeist werden. – »Das Dorf kann doch nicht ohne Kirche sein?« rief er erstaunt. Und der Mann meint es sicherlich gut, denn er hat schon unendlich viel für die Armen gethan, wenn er auch die etwas bevorzugt, die am regelmäßigsten zur Communion gehen und die Kirche besuchen.
Die Erzgebirger sind arm, aber ehrlich, Diebstähle fallen nur höchst selten bei ihnen vor; selten, aber doch manchmal. So war ich in Rittersgrün in einer Hütte, wo auch Gott weiß wie viel Personen in einem engen Käfterchen zusammenstaken, die übrigens Alle zu einer Familie, wenigstens zu einer Verwandtschaft gehörten; unter diesen saß eine schwangere Frau, vielleicht acht und zwanzig Jahre alt – oder wohl auch jünger, denn die Noth altert vor der Zeit – der liefen aber die Thränen über die Backen, als der Pastor, der uns begleitete, ein paar Worte mit ihr sprach. Böse Menschen (in Rittersgrün meinten sie, die Diebe müßten von der nicht fernen böhmischen Grenze herübergekommen sein) hatten ihr vor einigen Tagen das einzige Bett gestohlen, was sie mit ihren Kindern bis dahin getheilt. – Schwanger – unausgesetzte Arbeit den Tag über, Hunger und Sorge um die Kinder – und nicht einmal ein Bett, auf dem sie Abends die müden Glieder ausstrecken konnte. Vor der Thür der Hütte lagen auf dem Schnee drei weißgewaschene Hemden zum Trocknen; weiß gewaschen waren sie wohl, aber nur mit Mühe hielten noch die unzähligen kleinen Lumpen zusammen.
Mit Sonnenuntergang verließen wir Rittersgrün und wanderten durch eine Gegend, die im Sommer paradiesisch sein muß, am Schwarzwasser entlang auf Raschau zu.
Am nächsten Morgen trennte ich mich von meinem bisherigen Reisegefährten und wanderte allein das Dorf entlang, der Straße nach Annaberg folgend. Ich weiß nicht, wie die Dörfer zu anderer Zeit dreinschauen mögen; aber jetzt, von dem weißen blendenden Schnee umgeben, sahen sie alle mit ihren blank gehaltenen Fensterscheiben reinlich und sauber aus; der hie und da vom Eis befreite Bach rauschte und murmelte dabei fröhlich durch's Dorf hin und neugierige Kindergesichter blickten hie und da aus den Fenstern zu mir herüber, immer jedoch augenblicklich wieder und blitzesschnell verschwindend, sobald ich nur den Kopf zu ihnen hinwandte. Raschau kam mir im Ganzen nicht so ärmlich vor, als die früheren Orte die ich gesehen, dennoch fehlte es wahrlich nicht an den Hütten der Noth und des Elends. In einer von diesen fand ich eine freundliche Familie beisammen – die Mutter mit zwei erwachsenen Töchtern und drei oder vier anderen kleineren Kindern.
Die Leute schienen wenigstens das Nothdürftigste zu haben, die Stube war hell und geräumig, ihr Anzug, wenn auch einfach, doch wenig geflickt und von größter Sauberkeit, und die Kinder sahen, wenn auch bleich, doch nicht gerade so hohläugig darein, wie ich das leider bei so vielen gefunden. Der Mann war Bergmann und stak jetzt irgendwo in der Erde, die Frauen aber saßen gar eifrig an ihren Klöppelkissen und förderten die klappernden Spuhlen. Und was verdienten sie mit dieser Arbeit? – Für drei Viertel Zoll breite, sauber geklöppelte Spitzen bekommen sie von dem Händler für zehn Ellen fünf gute Groschen vier Pfennige, für zehn Ellen, an denen eine erwachsene Person mehrere Tage arbeiten und auch noch das Leinengarn zugeben muß. Die Leute hielten mich für einen Spitzenhändler und boten mir ihre Waare, als ich sagte, daß ich eine Kleinigkeit zu kaufen wünsche, um diesen Preis an. Ich kaufte an demselben Tag noch schmalere Spitzen – etwas über ein Drittel Zoll breit, die mir die Frau für fünf Neugroschen für zwanzig Ellen anbot. Als sie hörte, daß ich kein Spitzenhändler sei und nur ein einzelnes Stück kaufen wollte, setzte sie dann schüchtern hinzu: »so dürfen Sie mir schon ein paar Pfennige mehr geben – es ist gar wenig.«
In Oberscheibe, links und rechts zwischen ärmlichen Gebäuden hin, sah ich einen bleichen, krank aussehenden Mann, der mit einer Axt auf der Schulter eben in eine niedere Thür eintreten wollte; er blieb, als er mich herankommen sah, stehen und es kam mir vor, als ob er mich anzureden beabsichtigte – wenn das aber wirklich der Fall gewesen, so müßte er sich anders besonnen haben, denn er grüßte nur und verschwand in der Thür. Der Mann sah recht leidend aus – er hinkte auch, wie mir vorkam – die Männer waren sonst alle größtentheils auswärts an irgend einer Arbeit – ich hatte noch wenige zu Hause getroffen und beschloß diesem zu folgen. Rasch trat ich nach ihm in einen engen dunkeln Gang, der in den hinteren Theil des Gebäudes führte; er blieb stehen und sah sich erstaunt nach mir um, als er mich kommen hörte.
»Darf ich einmal mit Euch eintreten, Freund, und einige Worte mit Euch sprechen?«
»Ach Gott ja,« sagte der Mann und sah mich verlegen an; »aber – es ist gar eng bei uns und – und sieht nicht besonders aus –.«
»Schadet nichts, will nur einen Augenblick bleiben – gehe gleich wieder fort.«
Er öffnete eine Thür dicht vor uns und ich fand mich gleich darauf in einem kleinen, kaum vier Schritt im Quadrat haltenden Zimmer. An dem Tisch saßen die Frau und zwei erwachsene Töchter von etwa sechzehn und siebzehn Jahren, rechts davon, nach dem Ofen zu noch ein paar kleinere Kinder und ein anderes, vielleicht zwölf oder vierzehn Monate altes, lag in einem Kasten, der ihm als Bettchen und Wiege diente. Die fürchterlichste Armuth herrschte in diesem Gemach, nicht einmal reinlich waren die Leute im Stande es zu halten, denn das Stroh, auf dem sie Nachts lagen, mußte in der Stube bleiben, sie hatten keinen andern Raum dafür. Die Frauen rückten schüchtern zusammen, als ich eintrat und der Mann schob mir einen der hölzernen Stühle hin, von denen zwei im Zimmer standen, sonst waren Bänke an den Wänden.
»Wie geht es Euch denn, Ihr Leute,« frug ich endlich, nachdem ich den Jammer, der mich umgab, wenige Secunden schweigend überblickt hatte; »wie geht es mit den Preisen, mit der Arbeit, mit den Lebensmitteln?«
»Ih nun,« sagte der Mann seufzend und schaute gar wehmüthig ernst vor sich nieder, »es geht recht schlecht – es kann nicht mehr viel schlechter werden.«
Die Frauen klöppelten eifrig fort und redeten keine Sylbe – sie waren so reinlich, wie das der enge Raum und das Zusammenleben mit den Kindern gestattete, angezogen, ihre Kleidung bestand aber aus fast lauter zusammengeflickten Lumpen. Es war ein peinliches Schweigen, das keiner brechen mochte.
»Sie sind wohl ein Spitzenhändler?« sagte die Frau endlich mit leiser Stimme und wandte sich halb nach mir um – ich verneinte es und der Mann fuhr fast mehr mit sich selber sprechend, als zu mir gewandt fort:
»Die Preise werden immer schlechter, die Kartoffeln sind verdorben und – aufgezehrt – ich wollte es wäre Sommer, aber damit hat's noch lange Zeit.«
»Und es ist keine Aussicht, daß die Preise wieder steigen.«
»Wenn sie nur einmal in England aufhörten Spitzen zu machen,« murmelte der Mann; »die Engländer haben doch viel auf dem Gewissen.«
»Aber Ihr wollt es ja auch nicht anders haben?« sagte ich jetzt; »warum hört Ihr nicht auf, warum klebt Ihr hier in den Bergen und zieht nicht fort, weit fort, wo es andere Arbeit und etwas zu verdienen giebt; lieber Gott, wenn Niemand Eure Spitzen mehr kaufen will, weshalb macht Ihr sie denn noch unausgesetzt und verhungert und verkommt dabei?«
»Fortziehn?« rief der Mann und sein Gesicht nahm eine etwas lebhaftere Farbe an; »fortziehn? ach Du guter Herr Gott, ja, wohin es ist und wenn's nach Amerika wäre – überall hin, wo wir nur nicht verhungern – aber wovon? fort betteln kann man sich doch nicht mit Weib und Kind, und das wäre die einzige Art, wie man daran denken könnte.«
»Aber warum gehn Eure Töchter nicht in irgend einen Dienst, sie kämen aus der Noth heraus und könnten etwas mehr verdienen.«
Die Mutter schüttelte mit dem Kopfe.
»Ja,« sagte sie, »aus der Noth kämen sie heraus, was aber kriegt so ein armes Ding, das weiter nichts gelernt hat als Klöppeln, für einen Lohn – es könnte selber nur nothdürftig davon leben, und hier zu Hause ging es nur noch schlimmer, wenn die großen Mädchen fort wären, die doch jetzt noch etwas verdienen – mein Mann ist krank, und wenn ich's auch von Herzen gern wollte, ich kann die übrigen Kinder nicht alle von den zehn oder zwölf Groschen erhalten, die ich die Woche verdiene. Und dann, wenn sie's nun nicht draußen aushielten, oder wenn ich auch krank würde und sie zurück müßten, dann haben sie sich ihre Hände zum Klöppeln verdorben und wovon dann leben? Aber ich sehe schon, es wird doch nichts anderes übrig bleiben, wenn nur der Winter erst vorbei ist, dann mögen sie hinaus gehen und sehen, wie's der liebe Gott mit ihnen fügen wird.«
»Ach ich ginge ja so gern,« flüsterte die Aelteste und sah mit stierem Blick auf ihr Klöppelkissen, »wenn ich nur einen Dienst wüßte, wo ich gut behandelt werde, – an mir sollt es nicht fehlen.«
»Sie sind gewiß ein Spitzenhändler?« sagte die Frau noch einmal und blickte mich dabei halb schüchtern an.
Ich sah mich in der Stube um – neben dem Ofen standen mehrere Töpfe, aber alle leer, – keine Spur von Lebensmitteln war im Zimmer und doch verrieth die ganze Umgebung, daß dieser eine Raum ihr Alles umschloß, was sie das Ihre nennen konnten.
»Habt Ihr kein Brod Ihr Leute?«
»Nein,« sagte er kopfschüttelnd; »wir haben bis jetzt von Kartoffeln gelebt.«
»Aber Brod ist dieß Jahr so billig.«
»Ach ja,« erwiederte der Mann, – »es ist viel billiger als voriges Jahr, – aber – wir sind hier gar viele Mägen.«
Das kleine Kind fing an zu schreien; die Mutter stand von ihrer Arbeit auf, nahm es in die Höhe und schaukelte es auf dem Arme, – in der Stube konnte sie nicht auf und ab mit ihm gehen, der Platz, wo sie stand, war der einzige freie Raum. Ich mochte den stillen Jammer nicht mehr länger ertragen, stand auf, legte etwas Geld auf den Tisch und wollte fort.
»Da – kauft Euch Brod,« sagte ich, – »es wird schon einmal eine bessere Zeit kommen.«
Der Mann sah überrascht das Geld an und griff nach meiner Hand; – bis dahin war keine Klage weiter, – keine Bitte um Unterstützung über seine Lippen gekommen, jetzt aber brach sich der gewaltsam zurückgehaltene Jammer Luft und die Thränen stürzten ihm aus den Augen.
»Wir haben seit gestern Mittag keinen Bissen gegessen,« flüsterte er, – »mein Bein ist offen und entzündet, aber ich war eben aus, Arbeit zu suchen um nur ein paar Groschen für Brod zu bekommen, vergebens –.«
Es war noch viel, viel, was er sagte und auch die Frauen fingen an zu weinen; – bis jetzt hatten sie sich vor dem Fremden gescheut, nun war das Eis gebrochen und ihr Schmerz ließ sich nicht länger zurückdämmen. Das Kind schrie auch mit hinein in diesen Jammer, aber die Mutter drückte es freudig an die Brust. –
»Sei ruhig mein Herzchen, Du bekommst jetzt Brod –.«
Ringsum steigen freundliche Berge empor, dunkelgrüne Waldesschatten schmiegen sich an die breitlehnigen Kuppen an, – weite, im sonnigen Lichte blitzende und funkelnde Schneeflächen decken die Halden und leichte durchsichtige Nebelwolken ziehen sich wie duftige Schleier am scharfen Abhang der Schluchten hin. Munter sprudelt der Bach dazwischen durch und das blaue ätherreine Firmament umschließt wie mit liebenden Armen das herrliche Land. Der Habicht streicht in langsam bedächtigen Kreisen über die Flur, – die Krähe sitzt gesättigt oben in den Zweigen des Apfelbaumes und wetzt an dem rauhen Aste den Schnabel – und der Mensch? –
Geht in die Hütten und seht wie sie zusammenkauern; hebt den Deckel von dem irdenen Topfe, der in der Röhre steht und einen widerlich dumpfigen Geruch verbreitet; – aus was besteht die Nahrung, die sich der Erzgebirger zusammengeknetet hat, sein und der Seinigen Leben zu fristen? Faule, kranke Kartoffeln zu Muß gedrückt und mit etwas schwarzem Mehl angerührt, – Salz hat er nur selten, – etwas Häringslauche muß dem Stoffe eine Art Geschmack geben, und will er verschwenderisch sein, so vertritt Lampenöl die Stelle des zu theuren Fettes. Und das sind Menschen, – denkende, fühlende Menschen, von Gott mit denselben Anrechten an dieses Leben ausgestattet, wie wir selbst, das sind Menschen, die hier rettungslos ihrem sicheren Verderben entgegengehen. Rettungslos, wenn nicht bald etwas geschieht, sie dem fürchterlichsten Elend zu entreißen.
Die Klöppelarbeit ist kaum noch im Stande ihr elendes Leben zu stiften, und in den englischen Spitzenmanufacturen ihnen ein Feind erstanden, mit dem sie den verzweifelten Kampf um die Existenz nur noch wenige Jahre werden bestehen können. Die Preise der Spitzen fallen wirklich jährlich, und es ist Thatsache, daß die Leute im Gebirge in diesem Jahr (1848), trotz des billigen Brodes, doch nicht mehr für ihre Arbeit bekamen, als das vorige. Die Leute vegetiren also dieses Jahr eben so wie das vorige; wie aber nun, wenn wiederum, was doch jeden Augenblick geschehen kann, eine neue Theuerung die Brodpreise hinauftreiben sollte? Die Arbeitspreise steigen nicht wieder, und die Klöppler sind dann einem Verderben nahe, dessen Ahnung schon jetzt ihr Herz mit Schrecken erfüllt.
»Wenn das Brod wieder theuer wird, müssen sie uns todtschlagen,« sagte ein junger bleicher Bursche, der in Scheibenberg auf einer Hobelbank saß und faule Kartoffeln kaute. – Es liegt eine fürchterliche Wahrheit in den Worten, man kann doch die Leute nicht langsam verhungern lassen.
»Aber warum verlassen sie das Gebirge nicht?« – rufen die Tausende – »warum gehn sie nicht in's flache Land – im Gebirge selbst und in der nächsten Nachbarschaft müssen die Bauern baierische Dienstboten nehmen, weil die Gebirger nicht aushalten, selbst an den Wegen, die der Staat hat fast nutzlos anlegen lassen, nur um den Unglücklichen zu helfen, haben sie nicht länger arbeiten mögen – sie wollen ja zu Grunde gehen – warum ergreifen sie nicht etwas Anderes, wenn das alte Geschäft nicht mehr geht?«
Dort ist Jemand in einen Fluß gefallen – er schlägt mit Armen und Füßen um sich – aber er sinkt – er hebt sich noch einige Mal – dreht sich eine Zeit lang auf derselben Stelle im Kreise herum und sinkt immer und immer wieder. »Warum schwimmt der Mensch nicht – er braucht ja nur mit Armen und Beinen gleichmäßig auszutreten, – nur gerade so, wie es ihm die Leute, die da in Herzensangst am Ufer stehen, vormachen – er braucht nur den Kopf dann zu heben und dem nächsten Ufer zuzuarbeiten, so kann er ja nicht untergehen.« – Ei ja wohl, wäre ihm das in seiner Jugend gelehrt, so könnte er das allerdings – wüßte er, wie er seine Kräfte gebrauchen soll, er würde auch nicht untergehen; aber die Leute am Ufer, die alle auf ihn einschreien und ihm zuwinken, kleine Stückchen Holz nach ihm werfen, auf denen er sich einen Augenblick ausruhen soll, machen ihn nur noch mehr irre und bringen ihn ganz außer Fassung. – Guter Rath und schwache That kommen hier zu spät, hier bedarf es eines kräftigen Mittels, das ihm die Hand reichen und vom Verderben zurückreißen muß, dem er sonst im nächsten Augenblick zu erliegen droht.
Der Erzgebirger ist entnervt und erschlafft, aber weniger noch an körperlichen, als an geistigen Kräften; jetzt geschieht allerdings was möglich ist, um nur in etwas seine Energie zu wecken; die Schulen werden überall vermehrt und verbessert, man sucht die Einzelnen ihrem Jammer zu entziehen und mit dem wirklichen Leben bekannt zu machen, bedeutende Summen werden vom Staat und von Privaten daran gewandt, der augenblicklichen Noth zu steuern – aber es ist auch nur die augenblickliche Noth, und solche Hülfe genügt nicht mehr allein. Die Wunde, die vielleicht in früherer Zeit mit leichten Umschlägen und Salben geheilt gewesen wäre, ist jetzt geeitert, der Brand ist hinzugetreten und jede Verzögerung einer ernstlichen Cur macht sie nur noch schmerzhafter und noch gefährlicher. Dem Erzgebirger sind seine Berge die Welt; kommt er in das flache Land, so stellt er sich linkisch und ungeschickt an, – aber das ist's nicht allein – durch eine Nahrung, wie sie bei uns kein Hund verzehren würde, ist er auch schwach und kraftlos geworden. Haben ihn auch nun wirklich Bauern als Knecht einmal angenommen und ihm denselben Lohn, wie ihren andern Arbeitern, gegeben, so vermochte er natürlich nicht von allem Anfang so auch zu arbeiten, das Alles zu leisten, was jene wirklich leisteten. War dann auch der Herr vernünftig und gutmüthig genug, das Alles nachzusehen, wollte er den Unglücklichen eher zurechtweisen als einschüchtern, so fand dieser dagegen bei seinem ihm fremden rohen Cameraden – denn unsere Arbeiter sind leider in der Mehrzahl roh – keine so freundliche Gesinnung. Wer das Verhältniß der Knechte und Dienstleute zu einander kennt, wird mir recht geben; erst verspotten sie den Fremdling, besonders wenn er sich etwas täppisch und unbeholfen zeigt, oder gar nach einem anderen Dialekt redet, und machen sich über ihn lustig, äffen ihm auch wohl die Worte nach; dann aber auch murren sie und werden gehässig, wenn ein Anderer, der mit ihnen auf gleicher Stufe steht und dieselben Pflichten hat wie sie, nicht auch alles das leisten kann oder wirklich leistet, was man von ihnen selbst fordert.
Der Erzgebirger aber, nur in seinem innersten Familienkreise aufgezogen und groß geworden, ist zu weichlich, zu schüchtern, dem Allen begegnen zu können, die geistige Energie fehlt ihm, jetzt einmal doch zu zeigen, daß er ein Mann ist und den Feind, der sich ihm zeigt, zu bekämpfen. Nein, das Heimweh faßt ihn nach seinen Bergen; dort mußte er wohl hungern und Noth leiden, aber dort lachte ihn auch keiner aus, dort war er nicht verspottet und verachtet. Der geringe Funke von Geist, der noch in ihm schlummerte, wurde dort nicht mit Füßen getreten, und zurück flieht er mit aller Hast und Angst zu den Seinen und theilt lieber Jammer und Elend mit ihnen. Ebenso, nur in einem fast noch stärkeren Grade, war es mit den Mädchen, die sich in's flache Land ausmiethen wollten. – Nichts auf der Gotteswelt haben sie daheim gelernt, als ihre Klöppel zu führen und höchstens einmal, und selbst das noch mangelhaft, ihre Kleider auszubessern und herzurichten – jetzt auf einmal verlangt man lauter fremde unbekannte Sachen von ihnen, und dieselbe Scheu treibt auch sie zu den Ihren zurück.
Wohl wäre es vielleicht auch jetzt noch Zeit, auf die Jugend mit allen nur zu Gebote stehenden Mitteln einzuwirken, daß wenigstens diese einer so fürchterlichen und gefährlichen Lethargie entrissen wird, – es muß sogar wirklich geschehen, wenn nicht der ganze Stamm doch verderben soll. – Die Unglücklichen haben sich aber gegenwärtig dem Abgrund, der sie verschlingen muß, so fürchterlich genähert, daß – und zwar rasch und ohne Zögern – etwas Gewaltiges, etwas Durchgreifendes geschehen muß, wenn nicht jede Hülfe zu spät kommen soll.
Jener fürchterlich übervölkerte Gebirgsdistrikt, dessen Bewohner mit einer Hartnäckigkeit an ihrer Beschäftigung hängen, die der der Schaafe gleicht, wenn sie, befreit, in den brennenden Stall zurückstürzen – jener Distrikt muß gelichtet und auf eine Art gelichtet werden, die den Zurückbleibenden Luft giebt und ihnen freier zu athmen gestattet. Durch keine bürgerliche Hülfe kann dies aber allein geschehen, und wäre sie auch zehnmal größer, als sie Sachsen zu bieten vermag. Der moralische Trieb dieser Menschen muß geweckt werden, und nur dann ist es möglich, an eine wirkliche Rettung derselben zu glauben.
Das ist aber wieder nur durch eine Auswanderung möglich, und nicht etwa durch die Auswanderung Einzelner, die immer nur auf ihren engen Familienkreis zurückwirken, nein, durch die vom Staate selbst geleitete Auswanderung von Tausenden, für die man in den Vereinigten Staaten von Nordamerika eine neue Heimath gründet. Zwanzigtausend Menschen müssen übersiedelt werden, oder Hunderttausende gehen rettungslos zu Grunde. Wie das geschehen könne, ist hier nicht Raum genug zu erörtern, aber dadurch wird nur die Möglichkeit hergestellt, erstlich für den Augenblick die zwanzig Tausend der Noth zu entreißen und den Zurückbleibenden in den ersten Jahren eine Concurrenz zu nehmen, die sie freier aufathmen läßt. Abgerechnet von all dem materiellen Nutzen, den eine solche That für Gehende und Bleibende haben muß, von dem Lande, was frei wird, von den gewonnenen Producten, die nicht mehr in die kleinsten Atome vertheilt werden müssen, von den gelieferten Arbeiten, die jetzt doch wenigstens regelmäßig ihre Käufer finden, wenn sie auch keinen höhern Preis erreichen – abgesehen von alle diesem ist es aber besonders der moralische Einfluß, den eine solche Auswanderung auf den übrigen Theil der Gebirge üben wird und muß. Bis jetzt erschien ihnen selbst das außer ihrer nächsten Umgebung Liegende wie eine fremde Welt – daß man ohne Klöppeln existiren konnte begriffen sie nicht – selbst die Einzelnen, die es tollkühn versucht hatten, in das »Ausland«, nach Leipzig, Dresden, ja selbst Chemnitz zu gehen, kamen fast sämmtlich wieder zurück und kauerten lieber an ihrem Klöppelkissen – da hatten sie den Beweis – es ging draußen für sie nicht an – sie gehörten nicht da hinaus und mit ängstlicher verderblicher Scheu hielten sie selbst ihre Kinder davon zurück. Dann aber wäre die Bahn gebrochen – Tausende sind plötzlich über tausend Meilen weit, über das Meer sogar, nach einem fremden Lande gezogen – der Gebirger hat auf das Aeußerste gespannt – in Angst und Sorge um die Tollkühnen, einer Nachricht von ihnen gelauscht – da plötzlich treffen Briefe auf Briefe ein – in alle Theile des Gebirges zweigen sie aus – solche Schreiben laufen von Hand zu Hand, jede Familie drängt sich herzu, wenn der Vater oder Schullehrer die ersehnte Kunde meldet, und eine neue Welt geht plötzlich vor ihren Augen auf, als sie das Jubelgeschrei der Ihren aus der Ferne hören – als sie mit Staunen und Verwunderung hören, daß Jene nicht mehr zu hungern und zu frieren brauchen, daß sie mit mäßiger Arbeit einen Ueberfluß von Nahrung und Kleidung verdienen können und jetzt zum ersten Male steigt der freiwillige und durch nichts anderes geweckte Wunsch in ihrer Brust auf – »könntest Du dorthin.«
Mit dem Wunsche aber denkt der Gebirger auch schon an die Möglichkeit der Ausführung, und jetzt, jetzt ist die Zeit gekommen, seinen verkümmerten Geist mit allen Waffen der gesunden Vernunft anzugreifen und aus seinem Traume mit aufrütteln zu helfen. Jetzt ist die Zeit gekommen, wo dem im alten Schlamme noch Versunkenen der Fortschritt der Welt gezeigt und er selbst zum thätigen Mitwirken daran aufgefordert werden muß. Aeußere Umstände kommen dann noch dazu, die Einwirkung zu vermehren; bis dahin wird das Klöppeln durch die sich immer mehr verbessernden englischen Spitzen fast ganz vernichtet und zu Grunde gerichtet sein; der Gebirger, aus seinem Stumpfsinn erwacht, sieht auf der einen Seite seinen alten Erwerbszweig, an den er wie an ein Evangelium geglaubt, zerstört, auf der anderen dagegen Sachen möglich gemacht, die er bis dahin nur für tolle Märchen gehalten, und er wird dann, wenn der alte Zauber erst einmal gebrochen, auch nicht allein ein Mensch werden, sondern was noch viel wichtiger und für ihn nothwendiger sein muß, fühlen, daß er wirklich ein Mensch ist.
Der dortigen fürchterlichen Noth kann auf keine andere Art möglicher Weise abgeholfen werden – eine Auswanderung ist meiner Meinung nach das Einzige. Mag aber da der Staat nicht durch eine scheinbare Verantwortlichkeit zurückschrecken, eine Verantwortlichkeit, die nur in der Idee existirt. Bei einer Auswanderung werden wohl Manche sterben, Manche dort, statt der gehofften Heimath, ein Grab finden; hier aber gehen die Leute gewiß, und wie die Aussicht jetzt ist, alle zu Grunde. Jenes sind dann auch nicht Folgen der Auswanderung, nein, es sind noch die Folgen des fürchterlichen Elends, das hier ihren Körper aufgerieben und vergiftet – der Keim des Todes ist es, der hier schon durch widernatürliche Nahrungsmittel und Lebensart gepflanzt und gepflegt wurde. Und was für ein Unterschied zwischen dem Tode eines Vaters dort und hier. Dort weiß er die Seinigen versorgt, oder die Hoffnung versüßt wenigstens seine letzten Stunden – ein gemeinsames Unternehmen hat sie in seinen Schutz genommen, er fühlt, daß sie nicht hülflos untergehen werden – und hier? – wenn er hier stirbt – wenn er noch einmal auf die bleichen elenden Gestalten sieht, die sein hartes Lager umstehn – wenn er weiß, wie er sein ganzes Leben verbracht hat, weiß, daß all die Seinen auch nur Aehnliches, vielleicht jetzt noch größeres Elend erwartet – muß ein solcher Augenblick nicht alle Qualen der Hölle in sich schließen, und kann da noch von einer Verantwortlichkeit die Rede sein? Nein, wahrlich nicht, die alte Generation wird freilich aussterben, ohne viel Heil und Segen von der Uebersiedelung gehabt, ohne die Vortheile alle genossen zu haben, die man für sie beabsichtigte; aber die Kinder, die hier nur dem sicheren Elend entgegen gingen, sind gerettet. Der Erzgebirger, der den Anwuchs seiner Familie bis dahin nur als einen Fluch betrachtete und betrachten mußte, sieht plötzlich, daß er ihm dort, in den freien Wäldern einer neuen Welt zum Segen wird. Die erzgebirgische Mutter, die bei dem Tode eines Kindes wohlhabender Eltern mit stierem Blicke sagte: »Mir stirbt keins!« findet Brod für die Kleinen, und die natürliche Liebe, die durch Noth und Elend gewaltsam erstickt worden, wacht wieder auf in ihrem fast erkalteten Herzen.
Auch der Einwand kann keine Geltung finden, daß die Armen zu schwach und entkräftet wären und die schweren Arbeiten des dortigen Ackerbaues nicht aushalten würden. Die Erzgebirger, wenigstens ein großer Theil derselben, arbeiten hier auch in Wald und Feld und würden mit Freuden noch mehr arbeiten, wenn sich ihnen nur die Gelegenheit böte. Ist er aber auch schwach und entkräftet, so sind das nur ganz natürliche Folgen seines elenden Lebens, die sich mit einer Aenderung desselben ebenfalls ändern werden. Und gehört denn nicht wirklich eine Riesennatur dazu, eine solche Noth so lange Jahre hindurch zu ertragen? Ueberdies sollen solche Uebersiedelten im Anfang, und ehe sie sich ganz erholt und gekräftigt hätten, aber auch gar keine so übermäßig anstrengenden Arbeiten verrichten, – sie sollen in den ersten Jahren nur so viel bauen, als sie zum einfachsten Leben, aber an gesunder nahrhafter Kost brauchen, und Gott weiß, sie brauchen wenig genug. Mit der Zeit mögen sie dann an Verbesserungen, an den Absatz ihrer Producte und an die Zukunft denken, dann werden sie auch im Stande sein, derartige Pläne nicht allein auszuführen, sondern auch fassen zu können – früher, wo ihnen die Kraft und Fähigkeit sowohl zum Einen wie zum Andern fehlt, haben sie das gar nicht nöthig.
Schafft sie nur erst hinüber, die Unglücklichen, gebt ihnen nur erst die Gelegenheit, sich emporzuraffen, wählt nur das rechte Mittel, sie zu Menschen zu machen, und sie werden Euch beweisen, was sie vermögen. – Heil und Segen wird dem Unternehmen folgen, aber mit Ernst muß es auch angegriffen werden, mit Lust und Liebe zur schönen That, und starke Opfer dürfen nicht gescheut werden, dann aber läßt sich auch wirkliche Hülfe, nicht eine bloße Galgenfrist bleichen Hungertodes erwarten, und der alte Krebsschaden, der jetzt an unserm schönen Sachsenlande zehrt und nagt, wird endlich einmal, so bald die kranken Theile herausgeschnitten sind, heilen und gesunden.
Mir war von all dem Elend so weh geworden, daß ich kaum weiß, wie ich diese Hütte verließ, und doch fand ich in vielen andern, die ich an diesem Morgen noch besuchte, immer nur dasselbe Leid, denselben Jammer, der wie ein düsteres Trauertuch das ganze Land bedeckte. Und doch leben diese Menschen noch – wo nur noch eine Aussicht auf Existenz blieb, da schien auch die Hoffnung nicht ganz erstorben zu sein – sie kannten den Umfang ihres Elendes selbst zu wenig, und eine Voraussicht auf die Zukunft haben diese Menschen nicht, sie sind wie unmündige Kinder und müssen auch wie solche geführt werden. – An den meisten Orten war aber der Jammer doch schon so groß und nachhaltig gewesen, daß sie auf meine Fragen, ob sie denn die Gebirge verlassen würden, wenn sich ihnen eine Aussicht böte, mit thränenden Augen und wie schon früher antworteten:
»Ja – ach Gott, ja – nur nicht verhungern!«
Und auch ich rufe das: – Fort mit den Unglücklichen – fort mit ihnen nach einem Orte, wo sie nicht verhungern. – Was nützen die Palliativmittel, mit denen wir uns vorlügen, wir hätten eine Noth gelindert, einen Schmerz gestillt? Der flüchtige Moment war es, den wir beschwichtigten, und der nicht einmal, denn in dem nämlichen Athemzug erwacht auch schon die Angst für die nächste Stunde. Ernste, durchgreifende That muß hier reifen und schnell reifen, wenn nicht die nächsten Jahre schon auf ein Elend herabsehen sollen, wie es uns aus den Bergen Oberschlesiens in scheußlichem Hohn entgegengrinste – mit dem Angstgeschrei der Sterbenden mischt sich dann ihr Fluch und die Verantwortung dann wäre fürchterlich.
Doch genug von all diesem entsetzlichen Jammer – mir schnürte er die Brust zusammen, und ich floh, so schnell ich konnte, zurück in's flache Land. –
Die Otter-Jagd.
Die Zeiten, die schönen Zeiten sind vorüber, wo der Mann noch auf männliche Art sein Vergnügen suchte; wo er mit Speer und Messer, mit Wurfgeschoß oder Büchse den Wald durchstreifte, den Bär im eigenen Lager angriff, und dem Eber auf schäumendem Rappen durch Dickicht und Unterholz folgte.
Die schönen Zeiten der edlen, männlichen Jagd sind vorbei; jetzt höchstens gehn die jungen Herren mit Jagdfrack nach neuestem Schnitt, und sauberen, eng anschließenden Kamaschen, die Hände in einem Muff, den Hals dicht und warm in wollene Shawls eingeschlagen, hinaus und stellen sich an (und Gott weiß es, wie sie sich manchmal dazu anstellen). Die Bauern müssen ihnen dann das arme, unglückliche, verrathene und verkaufte Wild herbeitreiben, und wenn kein Unglück passirt, das heißt, wenn der Hahn wirklich aufgezogen, oder die Sicherheit nicht vorgeschoben, oder die Flinte nicht verladen, oder das Zündhütchen nicht »schändlicher Weise« herabgefallen, oder die Brille verloren ist, der Gewehrriemen nicht »gerade als man zielen will« über dem Lauf liegt, oder der Schuß nicht nachbrennt, als man das Wild »so herrlich auf dem Korn hatte«, oder der Hase zu weit oder zu schnell läuft, oder wenn tausend andere Oder und unvorhergesehene Zufälle nicht dazwischen kommen und besonders das Haupt-Oder – ihnen keinen Strich durch die Rechnung macht, wenn sie nämlich nicht effectiv fehlen – dann schießen sie wohl ihr Häschen oder ihre unglückliche Ricke, die sie in der Eile, »weil sie nicht aus den Büschen heraus wollte«, für einen Bock angesehen haben.
Das nennen sie nachher Jagd.
Die Otterjagd ist vielleicht die einzige, der, in England wenigstens, bis auf unsre Tage viel Eigenthümliches und Kräftiges geblieben.
Noch halten sich manche Edelleute ihre Ottermeuten und verfolgen Tage lang mit einer, unsren Jägern gewiß unbegreiflichen Mißachtung jeder Feuchtigkeit das flüchtige Thier durch Bäche und kleine flache Ströme; ihre Blüthenzeit ist aber auch vorüber, und wirklich interessante Jagden werden mit jedem Jahre seltener.
Der Pomp und die Umständlichkeit der alten Jagden gaben an sich schon dem Ganzen einen eigenthümlichen Reiz, und die Otterjäger hatten nicht allein ihre verschiedenen Sitten und Gebräuche, sondern auch eine ganz besondere Tracht. Ihre kurzschößigen Jacken waren grün, mit Scharlach, ihre Pelzmützen mit Goldbändern besetzt, und mit Straußenfedern geziert. Stiefeln, ziemlich nach Art unsrer jetzigen hohen Wasserstiefeln, reichten bis zu ihren Hüften hinauf, und trugen oben goldene oder silberne Franzen. Ihre Speere zeichneten sich ebenfalls durch ihre reichen Verzierungen und ihre geschnitzte Arbeit aus, und der Anblick eines Zuges vollständig ausgerüsteter Otterjäger war zu gleicher Zeit so pittoresk als imposant. Mit der Verringerung der Ottern hat aber auch zu gleicher Zeit ihre Jagd sich vereinfacht, doch war selbst noch zu Ende des letzten Jahrhunderts die Otterjagd in England eine der betriebensten und volksthümlichsten. Regelmäßige Ottermeuten wurden gehalten, und die Landleute schienen damals von ihren Otterspeeren so unzertrennlich, wie jetzt von ihren Spazierstöcken.
Zu eben dieser Zeit war übrigens der Otterspeer einfacher als er jetzt ist, und er bestand nur aus einer gewöhnlichen, geraden Eschenstange mit einfachen oder doppelten Harpunen oder Pfeilspitzen. Jetzt hat eine neuere und wohl auch zweckmäßigere Erfindung den gewöhnlichen Widerhaken verdrängt, und die Stahlspitze ist so gearbeitet, daß sie erst dann, wenn in den Körper des Thieres getrieben, zwei Haken ausläßt, die es dem verwundeten Otter unmöglich machen, sich von der tödtlichen Waffe wieder zu befreien.
Ich will dem Leser eine solche Otterjagd beschreiben.
Es hatte sich eine Gesellschaft von sieben Jägern zusammengefunden, um in einem kleinen Flusse, Namens Tiesie, eine am vorigen Abend durch den Squire selbst aufgefundene Otterfährte zu verfolgen und wo möglich den schlauen Fischdieb zu erlegen. Der Tiesie läuft eine lange Strecke durch flaches, etwas sumpfiges Land, dort aber, wo er zuerst seinen Lauf in wenn auch niedere, aber dennoch seine Ufer steil begrenzende Hügel lenkte, hatte Mr. Halway die Spuren entdeckt, und als am nächsten Morgen die Gesellschaft mit ihren Speeren und einer tüchtigen Meute Hunde den Platz erreichte, bezeugten mehrere frische Gräten, die an der linken Uferbank unter einer kleinen Lindengruppe lagen, seine Nähe.
Die Hunde wurden, kaum den Platz erreicht, schon unruhig, und Nell und Boney, ein Paar ausgezeichnete Otterfänger, schienen es besonders auf ein kleines Schilfdickicht abgesehen zu haben, das sich der Lindengruppe gegenüber befand.
Halway stimmte dafür, daß ein Theil der Jäger hinüber an's andere Ufer waten, und dort die Hunde unterstützen solle, es war aber noch beim Beginn der Jagd und Alles – trocken, und da meinten denn Mehrere: »der Otter sei wahrscheinlich an dieser Seite«, wo ja auch die Gräten alle lagen und die meisten Spuren waren; der gegenüberliegende Platz blieb also von den Jägern unbesetzt, und am hohen Flußrande hingehend munterten sie durch Zurufe und den fröhlichen Jagdschrei die immer hitziger und eifriger werdenden Hunde auf, den Feind zu finden, damit sie ihn mit ihren Speeren verfolgen und erlegen könnten.
»S'ist nur ein Glück,« meinte Dickson, einer von Halway's Nachbarn, »daß sich der Otter nicht ein Paar hundert Schritte weiter oben aufhält, der kleine See dort würde alle unsre weiteren Versuche, seiner habhaft zu werden, unnütz gemacht haben, denn der Grund ist so schlammig, daß es wahrhaftig mit Lebensgefahr verknüpft ist, sich nur bis an die Knie hineinzuwagen.«
»Hahaha« lachte Merville, »davon weiß Dickson eine Geschichte zu erzählen. Als wir das letzte Mal hier waren, stak er in dem Sumpfe drinnen und unsrer Sechse haben mit Stricken und Seilen wohl eine Viertelstunde lang gezogen, bis wir ihn wieder heraus und auf's Trockene brachten.«
»Ha – was hat Nell dort?« rief Blower – ein anderer Gutsbesitzer aus der Gegend – »Wahrhaftig, Halway, ich glaube, Ihr habt Recht, der Otter sitzt da drüben, ich werde hinüber waten.«
Er war im Begriff, seinen Entschluß augenblicklich in's Werk zu setzen, aber zu spät. Der Otter hatte wirklich in jenem Schilfdickicht gelegen und wahrscheinlich die um ihn herumsuchenden Hunde vorbeilassen, und dann zurück zu dem schützenden See schwimmen wollen, wo jede weitere Verfolgung vergeblich gewesen wäre, das wurde aber durch die Aufmerksamkeit Boney's, der durch derartige Kunstgriffe schon mehrere Male getäuscht worden und nicht gesonnen schien, sich auf's Neue anführen zu lassen, vereitelt, denn er und Nell hielten sich fortwährend ziemlich hoch im Schilfe, und überließen es den anderen Hunden, den schlauen Feind aufzustöbern und flüchtig zu machen.
Dieser sah auch kaum, wie jeder Versuch, das tiefe Wasser zu erreichen, vergeblich war, als er das dichte Schilf verließ und, über den hier mehrere hundert Schritt breiten Wasserspiegel hinwegschwimmend, erst entschlossen schien, den Fluß mit aller nur möglichen Schnelle stromab zu gehen, dann aber wieder links einbog und in einem rechten Winkel eine seichte Stelle erreichte, wo das Wasser etwa drei Fuß tief, den Hunden nicht erlaubte Grund zu fassen, und der Otter selbst, unter dem dichten Wurzelwerk und Rohr verborgen, vor ihnen geschützt blieb und auch dann und wann, ohne fürchten zu müssen entdeckt zu werden, an die Oberfläche kommen und Luft schöpfen konnte.
»Hier hilft kein Zaudern mehr« schrie aber Halway jetzt, selbst bis unter die Arme in das Wasser springend – »von dort heraus bringen ihn die Hunde nicht, und wenn wir nicht mit unsren Speeren die Bestie heraustreiben, so können wir die Jagd nur aufgeben.«
Merville sprang dicht hinter ihm her, und auch Blower folgte, Dickson aber, als er die drei der Stelle zu waten sah, während die Hunde einen Heidenlärm vollführten und bellend und winselnd ihren Herren nachplätscherten, dachte bei sich, daß zum Vortreiben vollkommen genug Menschen im Wasser säßen, suchte sich daher eine seichte, kaum wenige Zoll tiefe Stelle aus, und schritt an das andere Ufer hinüber, wo er auf einem vorragenden, steilen Felsblock die Jagd übersehen und auch augenblicklich stromab das niedere Ufer wieder erreichen konnte, wenn das verfolgte Thier, wie es fast nicht anders konnte, die Flucht durch die weiter unterhalb liegende Stromschnelle und über einen kleinen Fall, versuchen sollte.
Halway hatte übrigens Recht gehabt, die Hunde vermochten nichts gegen ihren listigen Feind auszurichten, der nur dann und wann, in irgend einem ungangbaren Gebüsch, die bärtige Schnautze über die Oberfläche des Wassers hob, um die nöthige Luft zu schöpfen, und dann schnell und geräuschlos wieder untertauchte in sein sicheres Versteck.
Die drei Jäger fanden bald, daß auch sie hier ihre Hilfe leihen mußten, langsam also, und in gleicher Linie das schmale und kaum hundert achtzig Schritt lange Schilfdickicht durchwatend, stießen sie höchst aufmerksam in alle die Stellen mit den umgekehrten Speeren hinein, unter denen möglicher Weise der Fischdieb verborgen liegen konnte. Schon näherten sie sich indessen dem Ende des seichten Platzes und die Hunde fingen an wieder zurückzusuchen, während Halway selbst zu glauben begann sie hätten ihre Beute übergangen, als diese plötzlich, höchst unverhofft zum Vorschein kam.
Merville hatte nämlich eben mit der Stange in ein besonders dichtes Gewirr von Wurzelwerk und Wasserpflanzen hineingefühlt, als Nell, der seinen Standpunkt überhalb des Schilfbruches noch immer nicht verlassen, die Nase prüfend in die Höhe hob und im nächsten Augenblick auch schon, eifrig schnaubend auf die Stelle zuschwamm, wo Merville noch immer stand, und den Hund beobachtete. Da tauchten, nur wenige Schritte von ihm entfernt, einzelne kleine Luftblasen in die Höhe, und er wußte, dort müßte der Otter sein. Die Tiefe des Wassers, in dem er sich selbst befand, also schnell berechnend, schwang er den Speer hoch empor, und stieß ihn mit rascher, sicherer Hand nieder auf den Grund des Flusses, wo sich der listige Flüchtling verborgen hielt.
Aber wehe! in allem Eifer hatte er vergessen, den Speer, den er noch verkehrt in der Hand trug, umzudrehen, und als der mit ausgezeichneter Geschicklichkeit geführte Stoß, denn Merville war ein guter Otterjäger, niederfuhr, kam er in höchst unsanfte Berührung mit dem wirklich dort lauernden Thier, brachte aber demselben leider keinen weiteren Schaden, als daß er es bedeutend erschreckte, aus seiner bisherigen Sicherheit auf und zu dem höchst unbesonnenen Entschluß trieb, die Rettung in offener Flucht zu suchen.
Instinctmäßig wandte sich der Otter nun zwar stromauf, der sicheren Bahn zu, hier aber begegnete er den beiden offenen Rachen von Nell und Boney, die gierig nach ihm schnappend, ihre Beute schon gefaßt wähnten. So leicht sollte ihnen aber der Sieg nicht werden.
Jener, die Seichtheit des Wassers fürchtend, in welchem er, wenigstens an dieser Stelle, nicht wagen durfte zu tauchen, schien schnell entschlossen das andere Ufer des Flusses zu erreichen, und ehe Merville, der jetzt natürlich seine Waffe schnell genug wandte, wieder festen Fuß fassen, und sich von seinem Schreck erholen konnte, strich er schon wie ein Aal, die ganze Länge des Körpers außer dem Wasser zeigend, von der Schilfinsel fort, und schräg über den Fluß hinüber dem steilen Vorsprung zu, auf welchem Dickson, an seine Waffe gelehnt, dem Kampfe bis jetzt behaglich zugeschaut hatte.
Kaum merkte dieser aber, wie sich der Schauplatz der Hetze auf seine Seite verlegen würde, als er, so schnell ihn seine Füße trugen, von der Höhe heruntersprang, und das Ufer gerade in demselben Augenblicke erreichte, in welchem der Verfolgte das feste Land betreten und, argbedrängt von den Hunden, wahrscheinlich über die in den Fluß hinauslaufende Landspitze hinweg schlüpfen und das auf der unteren Seite befindliche ruhige und tiefere Wasser erreichen wollte. Durch den unvorsichtig auf ihn Einstürmenden aber geängstigt, änderte er seinen Plan und wandte sich wieder; da schallte ein Triumphruf von der gegenüber liegenden Seite und selbst Dickson hielt ihn für verloren, denn dicht, dicht hinter ihm, kaum wenige Zoll von seiner bärtigen Schnauze entfernt, schnappte Boney, schon im Vorgenuß der ihn erwartenden Seligkeit, gierig mit den Fängen und öffnete den weiten Rachen.
»Hurrah!« schrie Halway vom anderen Ufer aus – »Hurrah Hunde – faßt ihn – faßt ihn!«
Boney hörte den Zuruf seines Herrn und fuhr, schwerlich noch einer Anreizung bedürfend, mit wildem Biß nach dem Nacken des Thieres, doch war es nichts als Wasser, was ihm, im wahren Sinne des Wortes, im Maule zusammenlief, der Otter tauchte in demselben Moment, als ihn Dickson schon zwischen den Fängen des Hundes glaubte, blitzschnell nieder, glitt unter dem Bauche seines Feindes fort, und schoß nun, wieder zur Oberfläche emporkommend, mit aller ihm nur zu Gebote stehenden Schnelle stromab.
»Hinüber – hinüber noch Einer von Euch!« schrie Halway jetzt erregt – »die Bestie will über den Fall hinunter und in die tiefe Stelle, kaum hundert Schritte unterhalb. Fünf Ottern haben wir schon bis zu dem Platz verfolgt, und dann regelmäßig aufgeben müssen. Jetzt nur hinunter an die Fälle, so schnell wir können.«
Hawkins leistete dem Rufe Folge und watete schnell zu Dickson hinüber, die Uebrigen jedoch glaubten auf der Seite, auf welcher sie sich befanden, am Ersten zum Wurf kommen zu können und eilten Halway nach, der, so schnell es ihm der weiche, schlammige Boden gestattete, unter der Felswand fortlief, die hier das Flußthal überhing und sein Bestes versuchte, einen kleinen mit hohem Schilfgras bewachsenen Vorsprung zu erreichen, der sich, von mehreren Fichten überschattet, gerade über dem Fall befand, so daß der Otter, wollte er hier durch, dicht an ihm vorbeidefiliren mußte.
»Wie kam's, daß Ihr den Otter fehltet, Merville?« rief er diesem zu, als er ihn eben eingeholt hatte – »er lag Euch doch dicht vor den Füßen.«
»O zum Teufel – ich hielt den Speer verkehrt.«
»Unsinn« lachte Halway, »ein so alter Otterjäger, wie Ihr, wird mit dem verkehrten Speer stoßen.«
»Ich gebe Euch mein Wort darauf,« betheuerte Merville im vollen Laufen, um neben dem schnellfüßigern Halway zu bleiben, der ihn schon zurücklassen wollte – »ich fürchtete mit dem Widerhaken im Schilfe hängen zu bleiben und –«
»Dort ist er,« schrie Halway, und überflog mit einem Satze eine schmale sich hier hineindrängende Bucht, arbeitete sich mit verzweifelter Anstrengung durch das hohe Rohr, und stand im nächsten Augenblick auf der ersehnten Stelle. Es war aber auch die höchste Zeit, denn der Otter, durch das viele Tauchen ermüdet, hatte es aufgegeben, im Dickicht augenblickliche Zuflucht zu finden, und wußte nun, das in dem tiefen Wasser seine alleinige Rettung lag; den Fall also einmal passirt, trug ihn schon die Strömung des Flusses in wenigen Secunden dorthin, und eine am rechten Ufer liegende Schilfgrasecke nun dazu benutzend, die dicht folgenden Hunde irre zu führen oder aufzuhalten, schnitt er wieder hinüber, und näherte sich reißend schnell dem niedern Wassersturz.
Nell und Boney, mit der größeren Schwimmfertigkeit ihres Feindes wohl bekannt, sahen kaum, wie dieser in offener Flucht und den mit Speeren bewaffneten Jägern so weit voraus, sein Heil suchte, als sie auch schon, wie verabredet, dem ihnen am nächsten liegenden linken Ufer zuschwammen, dieses erreichten, und nun schnellen, flüchtigen Laufes darauf hinstürmten, dem Schwimmenden den Weg abzuschneiden. Dicht über dem Fall aber, von Dickson's wüthendem Schreien zum Aeußersten getrieben, sprangen sie wieder, jetzt dicht hinter dem Otter, in's Wasser, während die Anderen der Meute ebenfalls in nur wenigen Schritten Entfernung kleffend und winselnd folgten.
Wo der Otter zum letzten Male in's Schilf gekrochen war, hatte er mehrere junge Hunde verleitet, ihn immer noch dort zu glauben, und eifrig nach ihm das dichte Gestrüpp zu durchwühlen, was, Einem besonders, fast sehr schlecht bekommen wäre, da Hawkins, der im ersten Augenblick, als er sich Etwas bewegen sah, glaubte, es sei der Otter, schon zum tödtlichen Stoße ausholte, seinen Irrthum aber noch glücklicher Weise zeitig genug einsah.
Schlimmer erging es Dickson, der, jetzt Nässe und Feuchtigkeit verachtend, in das seichte Wasser sprang und mit der Linken den Hut um den Kopf schwenkte, die Meute durch immer grellere und ohrenzerreißendere Töne zu fast wahnsinniger Wuth antrieb, während er selbst der Jagd nachzukommen versuchte. Aber wehe – der nächste Schritt, den er that, brachte ihn mit dem Fuß in ein tiefes Senkloch – er verlor das Gleichgewicht, und verschwand im nächsten Moment unter der über ihn wieder friedlich zusammenschießenden Fluth, wenig von den Jägern, und noch weniger von den Hunden beachtet, die wild und theilnahmlos vorbeistürmten.
Jetzt hatte aber auch der Otter den Fall erreicht, und glitt mit Blitzesschnelle darüber hin – doch kaum zehn Schritt von ihm entfernt, stand Halway, den Speer hoch erhoben und ruhig und kaltblütig den Zeitpunkt abwartend, der ihm einen sichern Wurf gestatten würde, denn kaum durfte er hoffen, seine Waffe in diesem Augenblick mit Erfolg schleudern zu können. Er sollte auch nicht lange harren – in der nächsten Secunde verschwand der Otter in den schäumenden Sprudelwellen, die hier seit Jahrtausenden gegen den Fall ankämpften, und gleich darauf stieg er korkähnlich wieder daraus hervor.
Dies war aber das einzige Moment, in dem Halway hoffen durfte, seinen Wurf anzubringen; und er wußte das. – Schnell zuckte noch einmal der schon gehobene Arm zu kräftigerem Schwunge zurück, und dann, von der starken Hand gesandt, zischte er nieder in die schäumende Fluth, aus welcher eben das bärtige Gesicht des armen, gehetzten Thiers aufgetaucht war.
Wie mit Zauberschnelle verschwand Otter und Harpune unter Wasser, jetzt aber glitten auch, kühn und unerschrocken, die beiden Hunde über den Fall, und als der zum Tode Getroffene zuckend und sich sträubend wieder an die Oberfläche kam, erfaßten ihn die treuen Rüden, und zerrten ihn, winselnd und mit den Schwänzen wedelnd an's Ufer.
Dickson war indessen ebenfalls seinem nassen Bade entstiegen, und Merville, der jetzt, freilich etwas spät, auf dem Kampfplatz erschien, half die Beute auf's Trockene ziehen und wehrte die übrige Meute ab, die kleffend herbeistürmte und ihre Freude wenigstens durch einige wohlangebrachte Bisse kund zu thun wünschte.
Nach und nach versammelte sich nun die ganze Jägerschaar um das glücklich erlegte Thier, und nachdem es gemessen war – es maß vier Fuß fünf Zoll vom Kopf bis zum Schwanzende – zog sie jubelnd dem nicht weit entfernten Farmhof Halway's zu, um sich dort bei Speise und Trank von den gehabten Anstrengungen zu erholen.
Dickson aber und Merville waren an diesem Tage die beiden unglücklichen Schlachtopfer aller Jägerscherze.
Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig.