Der Halteplatz der flüchtigen Indianer.
Wir waren unserer sechse, hatten aber alle unsere Waffen, selbst die Messer, zurückgelassen, die armen Teufel von Indianer nicht noch mehr zu ängstigen. Nur der Sheriff trug seinen „Revolver,“ ein sechsläufiges Pistol, hinten im Gürtel. Die beiden Indianer dagegen führten jeder eine einläufige Flinte, Pulverhorn und Schrotbeutel, so daß es fast aussah, als ob sie uns als Gefangene in die Berge escortirten. Unterwegs schauten uns auch ein Paar Züge von wandernden Goldwäschern, denen wir begegneten und die von dem ganzen Lärm noch gar nichts gehört hatten, verwundert genug nach, wir hielten uns aber mit diesen nicht auf, sondern wanderten rasch durch die weite Ebene, auf die der Sonne Strahlen sengend niederbrannten, die schattigeren Hügel sobald als möglich zu erreichen.
Unsere braunen Begleiter sprachen auch über die Ebene hin kein Wort. Lautlos und mit gesenkten Köpfen gingen sie dicht hinter einander, aber so rasch her, daß wir kaum zu folgen vermochten. Der eine Amerikaner, ein dicker, wohlbeleibter Gesell, das Gesicht glühend und die großen klaren Schweißperlen auf der Stirn, erklärte endlich feierlich — d. h. er schrie hinter uns drein — er könne nicht mehr mit, und wenn das Gericht den sechsten Theil der Jury auf so leichtsinnige Art hinten lassen wollte, so möge es das auf seine eigene Verantwortung thun, er aber wasche seine Hände in Unschuld. Dabei biß er in stiller Resignation ein riesiges Priemchen von einer langen Stange Tabak, die er bis dahin wie einen Dolch in der Hand gehalten, ab.
Die Indianer, denen das begreiflich gemacht wurde, gingen von jetzt an zwar etwas langsamer, immer aber noch in einer Art kurzem Trab, und erst als wir an den Hügel kamen, blieben sie zum ersten Mal stehen, untersuchten rechts und links den schmalen Hirschpfad, den wir die letzte halbe Stunde gefolgt waren, und bogen dann rechts nach einer niedern Hügelkuppe, die von höheren Wänden umgeben war, ab.
Ziemlich auf dem Gipfel angekommen, hielt Einer von ihnen einen Moment und stieß dann plötzlich einen scharfen, gellenden Schrei aus, der zu unserem Erstaunen fast in derselben Secunde und zwar dicht neben uns beantwortet wurde. Dabei sprang hinter einem Baumstamme, an dem wir so nahe vorübergegangen waren, daß wir ihn hätten mit dem Fuße berühren können, ein bewaffneter und bemalter Krieger mit Bogen und Pfeilen vor, wechselte, ohne uns weiter auch nur eines Blicks zu würdigen, ein Paar Worte mit unsern Begleitern, und schritt uns dann rasch voran.
Eine Meile mochten wir auf diese Art wieder gemacht haben, als er einem von unseren früheren Führern ein Zeichen gab, und dieser gleich darauf erst sein Gewehr losschoß und dann dicht danach einen gellenden Kreisch, wie früher, ausstieß. Der Ruf wurde von beiden Seiten in der Ferne beantwortet, und als wir schon wieder weiter schritten, sah ich wie rechts und links an beiden Hügelhängen ein Paar bewaffnete braune Gestalten über die Felsen fortsprangen und mit uns, ohne näher zu kommen, Schritt zu halten suchten.
Der Indianer hatte wieder geladen, und der andere schoß bald darauf sein Gewehr auf ähnliche Art ab, wonach wieder fremde Gestalten sich unserem Zuge in der Ferne anschlossen. In solcher Weise zogen diese braunen Söhne der Berge ihre Vorposten zusammen, und auf den Haupttrupp zurück, und zeigten den Ihren dadurch zu gleicher Zeit an, daß die Weißen friedlich gesinnt seien und sie weiter keinen Angriff zu erwarten hätten.
Wir kamen jetzt an das angezündete indianische Lager. Es war ein trauriger Anblick: halbverbrannte wollene Decken und Lederschürzen, die noch an den verkohlten Zweigen hingen — auf der Erde die zerstreuten oder versengten Provisionen — hier sogar noch die Stücken eines kleinen Kinderkorbes, der zurückgeblieben war als die Mutter, wahrscheinlich in Todesangst, ihr Kind aufgriff, sein und ihr Leben in Sicherheit zu bringen.
Der Indianer mit Bogen und Pfeilen, der sich uns zuerst angeschlossen hatte, blieb einen Moment stehen, sah auf sein Lager und dann auf uns — ich mochte seinem Blicke nicht begegnen — aber er sprach kein Wort. — Die Andern schritten, ohne auch nur einen Blick auf ihr zerstörtes Eigenthum zu werfen, schweigend und finster daran vorüber.
Wir stiegen von hier aus in der Schlucht eines kleinen Baches bis zu dem Gipfel hinauf, an dem er entsprang. Unser Zug war dabei, schon lange ehe wir den Ort unserer Bestimmung erreichten, angekündigt worden, denn von verschiedenen Seiten wurden Rufe gethan und beantwortet. Endlich näherten wir uns dem oberen Rücken des Berges, und meine Begleiter hielten, denn hier standen einige zwanzig Krieger, alle ihre Bogen in der Hand und mehrere sogar die Pfeile wie größerer Bequemlichkeit wegen, schon aufgelegt. Ich kannte aber diese Indianer schon und hatte mich ihnen in mancher Hinsicht freundlich bewiesen, glaubte daher auch nicht etwas von ihnen fürchten zu dürfen. Außerdem war es keineswegs gerathen, in einem solchen Augenblicke Furcht zu zeigen, und ich sprang rasch den etwa noch hundert Fuß hohen Abhang hinauf, gerade in ihre Mitte.
Nie werde ich den Anblick vergessen der sich mir hier bot, denn wenn mir auch hie und da aus dunkelglühenden Augen finstere Blicke entgegenblitzten, und besonders ein alter Krieger mit grauem Haar und kalten starren Zügen gar keine üble Lust zu haben schien, die Glasspitze seines Pfeils an meiner Haut zu versuchen, — ja er spannte sogar, wie unwillkürlich, die Sehne des Bogens, und nur als mein Blick dem seinen fest begegnete, ließ er sie wieder, aber nur langsam und widerstrebend, nach, — nahm doch das Wunderbare, Wilde, Eigenthümliche all der mich umgebenden Gruppen meine Aufmerksamkeit augenblicklich und einzig und allein in Anspruch.
Den Mittelpunkt bildete der unglückliche Verwundete, der aufgerichtet unter einer niedern Eiche stand, und seine linke Hand auf die Schulter seines Weibes stützte. — Er stand aufrecht, aber in seinen Zügen lag der Tod, und die Lippen zuckten von nur mühsam verhaltenem Schmerz. Sein Oberkörper war nackt, nur um die Hüften trug er ein altes, blutbeflecktes Stück Cattun geschlagen, und seine Farbe hatte das Braunglänzende verloren und mehr ein mattes Graubraun angenommen. Seinem armen Weib perlten dabei die großen hellen Thränen die dunklen Wangen herunter, aber sie sprach kein Wort, keine Klage kam über ihre Lippen. Nur ihr Blick flog manchmal zu dem des Leidenden empor, und senkte sich dann wieder still zur Erde nieder.
Um ihn her standen fünf oder sechs Männer, wie alle Anderen mit ihren Bogen und Pfeilen in der Hand, und sahen vorwurfsvoll zu mir herüber. — „Das hat Einer von euch Weißen gethan!“ sagte der Aelteste in gebrochenem Spanisch; ein Jüngerer aber vertheidigte mich — „Americano“ sagte er — „no Alemano“ — Er hatte aber auch recht; ich glaube nicht daß ein Deutscher so leichtsinnig auf einen armen Teufel von Wilden geschossen hätte.
Etwa zwanzig Schritte zurück lagerten die Frauen mit ihren Kindern und den wenig geretteten Habseligkeiten, und hie und da keuchten noch andere mit den spitzen, um die Stirne mit Tragbändern befestigten schwergeladenen Körben, hie und da auch noch ein Kind obendrauf, herauf, und drückten sich scheu und furchtsam, so weit sie konnten von den fremden Weißen zurück — wußten die Armen doch nicht, ob ihnen aus dem neuen Zusammentreffen nicht wieder ein Unglück und Kummer bereitet werde. Und um sie her breiteten sich die weiten, mit den herrlichen Fichten bedeckten Berge Californiens, und die Sonne lag weich und warm auf den kühlen Schatten der Gebirge.
Armes Volk, es ist das nur das Vorspiel zu deinen spätern Leiden, und du wirst einst das Schicksal deiner rothen Brüder in allen anderen Ländern der Erde theilen müssen — aber tröste dich, du wirst dafür civilisirt. Wenn der Letzte deines Stammes, der vielleicht all die Deinen, durch Stahl, Blei, ansteckende Krankheiten durch Habsucht und Goldgier oder das vernichtende Feuerwasser der Weißen in die stille Erde sinken sah, stumm und traurig an ihren Gräbern steht, mag er sich damit trösten, daß er zwar Alles verloren was er auf dieser Welt sein eigen nannte, — aber die christliche Religion ist ihnen doch verkündet worden, und — der Versuch ist gemacht, ob sie nicht der Cultur gewonnen werden könnten. Daß das nicht anging war allerdings traurig, aber auch nicht der Christen Schuld. In der Bibel steht: „Gehet hin und lehret alle Heiden,“ und dazu gehörten sie ebenfalls — warum konnten sie das nicht vertragen. — — Und nun die Entdeckung des Goldes gar: Lieber Gott, in den anderen Ländern ließ man den armen Teufeln doch noch Zeit, sich wenigstens selber unter einander aufzureiben, da aber, wo das Gold die Leidenschaften noch außerdem anfachte — nicht blos die Fruchtbarkeit des Bodens oder der Reiz ihrer Weiber — da ging die Civilisation mit rasenden Schritten vorwärts — nur das Resultat blieb dasselbe.
Wir hatten unter unserer Jury einen Doktor — wenigstens nannte er sich so, und trug zum Beweis ein Besteck mit chirurgischen Instrumenten bei sich; der untersuchte jetzt vor allen Dingen den Verwundeten. Die Indianer schienen, als sie das sahen, großes Vertrauen in ihn zu setzen — die Frau wenigstens verschlang, während er die Wunde besichtigte, mit gierigen Blicken den Ausdruck seiner Züge. Er wußte aber keinen Rath dafür, und ich glaube auch kaum, daß noch ein Arzt auf der Welt dem armen Burschen hätte helfen können. Die Kugel war hinten im Rücken, dicht neben dem Rückgrat auf der rechten Seite etwa zwei Hände hoch über der rechten Hüfte eingegangen, und saß allem Anschein nach irgendwo an der linken Seite inwendig fest — der Schießende hatte beim Schuß etwa dreißig Fuß höher gestanden, als das Opfer. Die Oeffnung, wo die Kugel eingegangen war klein — die Büchse schoß etwa 35 Kugeln auf das Pfund.
Der Doktor schüttelte mit dem Kopfe, stand auf und überließ den Verwundeten seinen Freunden. Dieser konnte sich jetzt auch nicht mehr länger aufrecht halten, und man sah ihm an welche entsetzliche Mühe er sich dazu gegeben hatte. Langsam ließen sie ihn auf die Erde nieder und die Frau breitete ihre Decke unter seinen Rücken und legte seinen Kopf in ihren Schooß. Er schien das Alles freilich nicht mehr zu fühlen; sein Blick sah starr in den grünen Wipfel der Eiche hinauf, unter der er lag, und nur manchmal rang sich, so sehr er sich auch Mühe gab das zu unterdrücken, ein leiser Seufzer aus seiner Brust.
Hier oben war weiter nicht viel zu thun, als herauszubekommen weshalb die Indianer den Schwarzen eigentlich verfolgt hätten, und ob es wahr sei daß dieser Gold bei sich gehabt habe. Einer der Weißen, der schon drei Jahre in Californien lebte, sprach die Sprache der Indianer ziemlich fertig und suchte nun Erkundigungen einzuziehen. Nach Aussage der Indianer — und später abgehörte Zeugen machten das auch wahrscheinlich — verhielt sich die Sache einfach so: Der Ostindier war an dem vorigen Abend zu ihrem Lager gekommen und hatte mit ihnen gegessen und die Nacht dort geschlafen. Schon am Abend hatte er versucht, mit einer oder der anderen von den Frauen anzuknüpfen — und ich glaube, daß es wenig wilde Stämme giebt, von denen die Frauen zurückgezogener und keuscher leben — war aber von allen zurückgewiesen, und mochte nun wohl geglaubt haben daß ihm die Gegenwart der Männer blos hinderlich wäre. Er verhielt sich also die Nacht ziemlich ruhig und verließ am nächsten Morgen das Lager, bis er glaubte, daß die Männer etwa auf die Jagd oder ihren sonstigen Beschäftigungen nachgegangen wären. Dann kehrte er zurück, und suchte mit Gewalt das zu erreichen, was ihm durch Ueberredung nicht möglich gewesen war.
Dabei kam er aber bös an, wie der Blitz waren ein Paar von den Männern bei der Hand, und der Ostindier behielt eben nur noch Zeit, sein Bündel aufzufassen und die Flucht zu ergreifen. Im Fliehen hatte er nachher, wie Einer der Indianer sagte, das kleine Packet Kleidungsstücke von sich geworfen, und es war in dem Lager zurückgeblieben, wo es wahrscheinlich mit den übrigen Sachen verbrannte — oder auch noch dort lag — es hatte sich Niemand weiter darum gekümmert. Von Gold wußten sie gar nichts — und hatten keines bei ihm gesehen. Der Golddiebstahl war von dem Hallunken rein erfunden, und ihm sonst von den Indianern gar kein Schaden zugefügt worden; nur aus ihrer Nähe hatten sie ihn vertreiben wollen, und nicht einmal mit einem Pfeile nach ihm geschossen — und dafür dies Elend.
In einer recht trüben und wehmüthigen Stimmung verließen wir Alle das Lager, jetzt aber von einer größeren Anzahl der Indianer begleitet. Diese hatten nämlich nun erfahren, was der Ostindier von ihnen erzählt, und wollten im Lager der Weißen ihre Unschuld beweisen und den Schurken bestraft wissen. Ihr großer Häuptling, — Jesus genannt, — der unter seiner Oberherrschaft die verschiedenen Stämme des Magualome, Calaveres und Stanislaus vereinigte, war gerade jetzt leider nicht anwesend. Der Häuptling der Kayotas ging aber mit uns hinunter und ihm folgten etwa noch zwölf oder sechzehn seiner jungen Leute, Alle mit Bogen und Pfeilen bewaffnet — die meisten nackt, nur mit einem Tuch um die Hüften, und einige mit einem bunten Hemd bekleidet.
Als wir den Hügel verließen blieben alle Indianer plötzlich stehen und schauten zurück — der Verwundete lag ausgestreckt auf der Decke und athmete schwer — sein Weib saß starr und regungslos ihm zu Häupten. Keine Thräne hing mehr an ihren Wimpern aber ihr Blick haftete fest und stier, fast ausdruckslos auf der wogenden Brust des Sterbenden. Ueber diesen aber hingebeugt lag jetzt eine alte Frau — seine Mutter — und ihr schrilles monotones Wehgeschrei zuckte mir durch die innersten Nerven. Es war ein entsetzlicher Augenblick und ich floh, ihm so schnell als möglich zu entgehen, mit raschen Sätzen den Berg hinunter. Als ich unten ankam, folgten mir die übrigen Weißen und bald darnach schlossen sich auch die Indianer wieder unserem Zuge an. Wir wanderten, ohne weiter ein Wort mitsammen zu wechseln, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, vorwärts. Ueber dem Gipfel des Berges aber schwebten ein paar Aasgeier mit langsam faulen Flügelschlägen.