Des Indiers Flucht.

Der vierte Juli ging laut und geräuschvoll genug vorüber; alle Violinen, Flöten, Mundharmonikas und Akkordions, die nur irgend im Städtchen vorräthig waren, spielten aus den verschiedenen Zelten in eben so viel verschiedenen Tonarten den Yankee doodle, hail Columbia und the star spangled banner. Eine Unmasse von Brandy und Claret wurde dabei consumirt, und Abends brannten an allen Ecken und Enden Freudenfeuer. Herrliches Material hierzu lieferten trockene und verlassene Laubhütten, wie dürre Fichtenbäume, die die Flammen hoch zum Himmel emporwirbelten, und an einer mitten in der Stadt stehenden, riesigen Kiefer, der man bis auf den obersten stehen gelassenen Büschel die Aeste alle um wenige Zoll vom Stamm abgesägt hatte, war sogar hoch oben ein Transparent mit dem roth flammenden Worte Liberty angebracht. Gegen zehn Uhr Abends, als der Brandy sichtlich die Oberhand gewonnen, bemühten sich sogar einige tolle Gesellen den ganzen Baum in Brand zu setzen, der sich dann unvermeidlich quer über das ganze Zeltdorf hinübergelegt hätte. Der Baum war aber klüger als die Menschen, und weigerte sich hartnäckig Feuer zu fangen.

Die Indianer hatten sich indessen, wahrscheinlich der Versicherung des Constabels trauend, in ihre verschiedenen Lagerplätze zurückgezogen, wenigstens sah man keinen von ihnen mehr in der Stadt. Nur zwei Betrunkene trieben sich mitten in der Straße, besonders aber vor des Alkalden und Constabels Zelt noch umher, und Einer von diesen war der alte Häuptling mit dem Muschelschmuck.

Der Constabel war mit dem Alkalden und Sheriff, dem Collektor, der gestern in dem Verhör so kräftigen, wenn gleich ganz unnöthigen Einspruch gethan, Barneywater und noch mehreren anderen Amerikanern, bei einer fröhlichen Abendmahlzeit versammelt. Die ganze Gesellschaft saß kreuzfidel um einen Tisch herum und lachte und sang, und Major Lyatt erzählte komische Geschichten, wobei er selber lachte daß ihm die Thränen in die Augen kamen und kein Mensch weiter auf ihn Achtung gab. Toaste wurden ausgebracht und Gesundheiten getrunken, und um elf Uhr lagen der Collektor und der Alkalde sich in den Armen und schwuren sich unter Thränen ewige und unverbrüchliche Freundschaft.

In dem Zelt des Constabels aber lag der Ostindier ausgestreckt auf einer wollenen Decke, hatte das Zelttuch ein klein wenig in die Höhe gehoben und schien aufmerksam das Niederbrennen einer gewaltigen Fichte zu beobachten, die gar nicht weit von dem Zelte stand und durch ihre züngelnden Flammen die ganze Nachbarschaft mit Tageshelle erleuchtete. Es war außerdem Vollmond und die runde glänzende Scheibe stand hoch und klar am Himmel; von Nordosten herauf zogen aber dichte Wolkenstreifen und näherten sich mehr und mehr dem Monde.

Mitternacht war vorüber — der Himmel hatte sich bewölkt und die Fichte war niedergebrannt — die halbverkohlten glühenden Trümmer rauchten nur noch, und dann und wann stieg zuckend ein heller Flammenstrahl in die Höhe, wenn die Hitze einen bis dahin verschont gebliebenen und niedergefallenen Rindenstreifen erfaßt hatte und nun rasch und gierig verzehrte.

Im Zelt des Constabels war Alles ruhig, Nichts regte sich und nur dicht daneben kamen eben ein paar fröhliche Zechbrüder vom späten Mahl zurück. Unterwegs waren möglicher Weise bei dem Einen von ihnen Zweifel über die Bewohnbarkeit des Mondes aufgestiegen, die der Andere dagegen hartnäckig vertheidigte, und sie stellten sich jetzt vor das Zelt hin, gesticulirten nach dem gleichgültig zu ihnen niederschauenden Mond empor, und wurden dabei unnöthiger Weise viel heftiger, als die Gelegenheit erforderte.

Endlich beruhigten sie sich aber doch wieder, hatten auch vielleicht schon vergessen über was sie eigentlich gestritten, und suchten ihre verschiedenen Zelte auf, aus denen sie nur noch einzelne unzusammenhängende Schimpfwörter vorbrummten.

Gerade jetzt stand eine schwere Wolke vor dem Mond; in diesem Augenblick hob sich die hintere Wand von des Constabels Zelt und eine dunkle Gestalt glitt rasch daraus vor. Unter dem nächsten straußartigen Rothholzbusch hielt sie etwa eine Minute an, kroch dann mehr als sie ging nach dem Creek hinunter, den sie, ohne den darüber hinliegenden Baumstamm zu benützen, dicht unter diesem durchwatete und verschwand gleich darauf als der Mond wieder hinter den Wolken vortrat, in den düstern Schatten, welchen die steilen hohen Ufer auf den murmelnden Strom hinunterwarfen.

In dem Mondschein zurück aber blieb eine andere Gestalt, die jetzt gerade unter dem Stamme weg, an welchem hin der Indier geflüchtet war, und aus dem Wasser heraus vorstieg — es war der alte californische Häuptling, mit dem Muschelschmuck. Lange — lange horchte er, bis die Schritte des davon Eilenden weit in der Ferne verklungen waren und er sich sicher fühlte, daß Jener keinen Blick mehr auf den jetzt hellbeschienenen Hügelhang zurückwerfen könne — dann stieß er einen leisen schrillen Ruf aus — gerade wie die Schnepfe ruft, wenn sie Nachts über dem Wald ihren Lieblingswiesen zustreicht, und folgte, ohne eine Antwort darauf abzuwarten, blitzesschnell dem Davongeeilten.

Der Constabel kam an dem Abend spät, oder vielmehr an dem Morgen sehr früh zu Hause und war viel zu glücklich an etwas anderes zu denken, als an sich selber, ja die Abwesenheit seines Gefangenen oder eigentlich Gastes nur zu bemerken. Als er aber gegen acht Uhr etwa von den hellen Sonnenstrahlen geweckt wurde, sich ein wenig auf das Vorgefallene besann und in seinem Zelte umschaute, entstand auf einmal ein Mordspektakel, und die herbeigerufenen Nachbarn erfuhren gleich darauf, daß der „verdammte schwarze Hallunke von Bombay“ nicht allein sich selber — damit waren alle zufrieden — aber auch zwei Pistolen, ein Messer, zwei Hemden, eine wollene Decke und einen kleinen Lederbeutel mit circa drei eine halbe Unze Gold, mit fortgenommen habe, den der Constabel leichtsinnig genug unter seiner Matratze hatte liegen lassen.

Von Indianern war kein einziger mehr in Stoutenburgk zu sehen.

So ruhig fortlassen wollte man aber den schwarzen Verbrecher nicht, und der Constabel beschloß, ohne erst einen großen Warrant auszunehmen, ihn augenblicklich nachzusetzen. Einige Freiwillige schlossen sich ihm gleich an. An die Kayotas wurde zugleich ein Bote abgeschickt, ein Paar von ihnen zum Spüren herüberzuholen, die dann auch, als sie hörten worauf es abgesehen sei, nicht lange auf sich warten ließen. Zwei Stunden später setzte sich der kleine Zug in Bewegung, von den Indianern geführt, den Fährten des Bombay Mannes zu folgen.


Und wo war der indessen geblieben? — Den kleinen Bergstrom hinab verfolgte er, bei dem unsichern Licht des Mondes, seine stille Bahn. Nicht rechts noch links schaute er, denn links gähnte die tiefe Schlucht und unten hin murmelte über hineingerollte Felsblöcke der Strom, und rechts stiegen hohe rauhe Steinmassen empor, die eine Wanderung bei Nacht zwischen ihnen nicht allein sehr schwierig, sondern fast unmöglich machten. Von dort brauchte er daher auch keine Verfolgung, keinen Ueberfall zu fürchten; vor ihm konnte noch Keiner sein, da seine Flucht erst sicher am nächsten Morgen entdeckt wurde, und hinter ihm — die hätten rasch und sicher auf den Füßen sein müssen, die bei Mondschein und solchem Terrain seinen flüchtigen Schritten gefolgt wären. — Nur einmal hielt er an und lauschte — nein, er hatte sich nicht getäuscht — durch das dürre Laub sprang und rollte ein Stein und fiel jetzt schwer und geräuschvoll in das Wasser hinab. Konnte der Fuß einer seiner Feinde den Stein hinabgestoßen haben? — Er zog die eine Pistole aus dem Gürtel — der Hahn derselben hakte in dem Loch, das ihm der Indianer in das Hemd geschnitten hatte, und er mußte ihn erst mit der linken Hand befreien — dann drückte er sich hinter einen vorstehenden Felsen und lauschte mit klopfendem Herzen. Aber es blieb Alles ruhig, kein Blatt regte sich mehr, so still war die Nacht geworden, und nach zehn Minuten setzte er rasch und zufrieden gestellt seinen Weg fort. Massen von wilden Katzen und Waschbären gab es hier, eines dieser Thiere, die Nachts den Wald durchstreifen, hatte die Steine wahrscheinlich berührt und hinabgestoßen. — Er folgte indeß dem Lauf des Stromes nicht weiter, als bis er zu einer Strecke kam, wo breite solide Felsplatten, auf denen jede Spur eines Menschenfußes verschwinden mußte, einen Theil seines Ufers bildeten. Hier verließ er diesen Wassercours und kletterte jetzt in einem rechten Winkel ab, auf einzelnen Felsstücken höher und höher klimmend, den Berg hinauf und den Wassern des Calaveres zu. Dort lagen noch weite, wenig bearbeitete und bevölkerte Strecken, steile, unzugängliche Gebirgsmassen waren durch die angeschwellten Ströme wie von einander gerissen worden, und einmal in diesen Bergen, brauchte er nicht so leicht zu fürchten, einem Bekannten zu begegnen. Dort hinüber lag auch sein Weg nach den nördlichen Minen, denn er mußte aus dem Bereich der Jesus-Stämme sobald als möglich zu kommen suchen. — Jetzt hatte er den Gipfel erreicht, keuchend blieb er stehen, durch kurze Rast wieder frische Kräfte zu sammeln und sah den Weg zurück den er eben gekommen, und der düster und steil, wie aus einem Abgrund heraufführend, hinter ihm lag.

In Osten dämmerte der erste Strahl des jungen Tages, in den Eichen fing der Morgenwind an zu flüstern und leise, leise tönte dazu das ferne Geräusch des sprudelnden Bergstromes herauf. Der Indier athmete hoch auf, als er aber den Kopf wandte, zuckte er gählings zusammen, denn kaum zwanzig Schritte von ihm entfernt duckte sich in diesem Augenblicke — er konnte es deutlich erkennen, — eine menschliche dunkle Gestalt hinter einen umgestürzten Baumstamm, und schien in den Boden verschwunden.

Das erste Gefühl des Indiers mochte sein sich dem einzelnen Feinde geradezu entgegen zu werfen und den zu vernichten, der sich seiner Flucht in den Weg stellen wollte. Blitzesschnell, als ihn der Gedanke durchzuckte, riß er das Pistol aus dem Gürtel; da aber raschelte es rechts von ihm im Laub und wurde lebendig unter den dunklen Schatten. Gerade da, wo er den Berg heraufgekommen war, sprang eine dunkle Gestalt von Stein zu Stein und mit kaltem Entsetzen ergriff ihn die Ueberzeugung, daß er umstellt — verloren sei. Noch aber blieb ihm ein Ausweg, links hin über den Bergrücken, der die Wasser des Calaveres von denen des Stanislaus schied, war ihm die Bahn noch offen und das Bündel das er bis dahin getragen von sich werfend, die gespannte Pistole in der Hand, flog er in wilden Sätzen den rauhen Bergrücken entlang. Es galt sein Leben und es war, als ob ihm der Gedanke übermenschliche Kräfte verliehen habe.

Aber er hatte die schnellfüßigen Krieger vom Stamme der Witongs hinter sich — ihr Jagdruf schallte durch die Berge, und nicht allein das Echo der Thäler gab ihn zurück, sondern rechts und links, ja selbst von vorn herüber antwortete der gellende Gegenruf, der dem flüchtigen Mörder das Blut zurück in das klopfende Herz trieb.

Näher und näher kamen sie heran, das Wild war umstellt und die Jäger ihrer Beute gewärtig — der Indier wußte schon nicht mehr wohin er floh — nur vorwärts — vorwärts brach er durch die Büsche. Nicht die scharfen Steine, die seine Füße wund rissen, nicht die Zweige, die in seine flatternden krausen Haare griffen, achtete er — vorwärts — das Pistol in der krampfhaft geballten Hand stürzte er sich mehr als er lief einen niederen Berghang hinunter — vorwärts. Aber auch von dort traten ihm die Feinde entgegen — überall, wie aus dem Boden heraus tauchten sie auf, und der alte Häuptling mit dem Muschelschmucke sprang neben ihm her, schrie ihm sein höhnisches „Walle Walle“ entgegen, und schwang die Schnur um den Kopf, mit der der Indier den Witongkrieger erwürgt hatte.

Der Bombay-Mann schrie laut auf in Todesangst, und brannte in demselben Augenblicke, aber selbst unbewußt, was er that, die Pistole aus den alten Häuptling ab. Doch seine Hand flog ihm wie in Fieberfrost; selbst auf die wenigen Schritte Entfernung vermochte er sein Ziel nicht zu treffen, und als der Knall der Schußwaffe noch donnernd über die Hügel hinschmetterte und das Echo in all den hundert kleinen Schluchten und Gulches weckte, lag er, von des Indianers Arm zu Boden geschlagen, bewußtlos auf den Steinen.


Denselben Nachmittag um drei Uhr etwa erreichten die weißen Männer aus Stoutenburgk, von den jungen Leuten der Kayotas geführt, eine kleine Schlucht. Alle Spuren, die sie unterwegs angetroffen, führten dorthin, und der Constabel, der sich den Indianern ziemlich zur Seite gehalten hatte; rief aus, er sei überzeugt der Dieb habe sich nach den San Antonio Diggins hinüber gewandt. Da deutete plötzlich einer der Indianer mit einem halbunterdrückten Schrei die Schlucht hinunter. Aller Augen folgten der Richtung, und sie sahen deutlich eine dunkle Gestalt, die in der Luft zu schweben schien. Wenige Secunden raschen Laufes brachten sie an Ort und Stelle, und bald fanden sie, daß sie nicht weiter zu gehen brauchten — sie hatten Alles was sie suchten gefunden.

An einer niedrigen Eiche, von der nämlichen Schnur getödtet, die er selber gebraucht hatte sein Opfer zu erwürgen, hing der Ostindier; unter dem Baum aber lag Alles, was er aus dem Zelte des Constabels mitgenommen hatte, selbst der Beutel mit dem unangerührten Golde, obgleich die Indianer das recht gut für das Geraubte hätten beanspruchen können. An dem Körper war keine Wunde weiter zu entdecken; nur ein einzelner Pfeil stak in seiner Brust, und zwar genau durch das Loch geschossen, das der Häuptling schon am vorigen Abend mit dem Messer in das Hemd seines ausersehenen Opfers geschnitten hatte.

Von den Söhnen der Witongs aber war keine Spur mehr zu finden.

Leipzig,
Druck von Giesecke & Devrient.

Fußnoten:

[1] Spade, Spaten; pick oder pickaxe, Spitzhacke, die beiden Hauptwerkzeuge der Miner.

[2] Pfeffermünzkraut, das dort in großer Menge wächst.

[3] Heißes Wasser, Branntwein.

[4] Setzt Euch, José.

[5] Der Leser darf nicht etwa glauben, daß auch nur ein Buchstabe dieser Redensarten übertrieben ist — ich habe alle, wie sie aus Erben’s Mund kamen, auf der Stelle niedergeschrieben, und werde nie im Leben das halb verdutzte, halb drollige Gesicht vergessen, das Erbe immer schnitt, wenn er mir etwas zu erzählen anfing und ich dann gleich mein Taschenbuch herauszog und zu notiren begann. Im Anfang wollte er auch nicht weiter erzählen; ich kam aber von Leipzig, und dem konnte er nicht widerstehen. So habe ich die wenigen Monate, die ich mit ihm auf der Mission Dolores zubrachte, manche lange Stunde mit ihm verplaudert.

[6] To raise up, aufrichten, eigentlich unrichtig als aufstehen gebraucht, da es mehr passiv ist;

[7] by myself, allein;

[8] tent, Zelt;

[9] hill, Hügel;

[10] jackass, Esel;

[11] of course, gewiß, natürlich;

[12] to travel, reisen, marschiren;

[13] to keep up with somebody, mit Jemand Schritt oder gleiche Entfernung halten.

[14] to stumble, stolpern;

[15] pocket, Tasche;

[16] hole, Loch;

[17] to hurt, weh thun, beschädigen;

[18] road, Weg, Straße;

[19] it is no matter, es thut nichts, es schadet nichts;

[20] trouble, Mühe;

[21] stump, Baumstumpf.

[22] waterholes and briars, Wasserlöcher und Dornen;

[23] to stop for good, endlichen Halt machen;

[24] to be knocked up, ermüdet, total erschöpft sein;

[25] to fall in a doze, einschlafen, auf kurze Zeit einnicken.

[26] close to me, dicht bei mir;

[27] to look, sehen;

[28] to smell a rat, Lunte riechen;

[29] rock, Stein, Fels;

[30] to crawl, kriechen.

[31] satisfied, zufrieden gestellt.

[32] To have seen the elephant, den Elephanten gesehen haben, bedeutet in Amerika, etwas versucht zu haben, was vielleicht mit großen Schwierigkeiten verbunden war, und doch ohne Erfolg blieb.

[33] Pile, Haufen (Gold), Cal. Redensart.

[34] Green mountain boys, aus dem Staat Vermont.

[35] Dasselbe was Gelbschnabel ist.

[36] Ja, ein wenig.

[37] Gute Nacht, meine Herren.

[38] „Kein Grund?“ der Ruf beim Senkbleiwerfen am Bord.