Der vierte Juli.
Der vierte Juli, das Freiheitsfest der Amerikaner, der Jahrestag ihrer Unabhängigkeits-Erklärung, brach hell und sonnig an. Von dem hohen Fahnenstock Stoutenburgks, wie von den meisten Zelten flatterten die „Sterne und Streifen“ der Union. Alle Minenarbeiter, und das kleine Zeltstädtchen zählte wohl drei- bis vierhundert Einwohner, mit Amerikanern, Franzosen, Deutschen, waren festlich geschmückt (d. h. hatten reine Wäsche an) und die Arbeit war, ohne daß darüber vorher irgend eine Bestimmung getroffen wäre, allgemein ausgesetzt. Nur die Mexikaner arbeiteten hie und da in den einzelnen gulches — erstens wußten sie Nichts von dem Fest, und dann hätten sie sich auch wohl wenig daran gekehrt. Um zehn Uhr hielt sogar ein langer Yankee, ein Mr. Moos, dem sonntäglichen Fest ein kurze Predigt, und ein paar andere Amerikaner sprachen einige Worte zum Andenken des für die Union so wichtigen und bedeutungsvollen Tages.
Das war aber keinen Falls Alles; diese Masse von Menschen aller Nationen, die sich hier herum drängte, besonders diese Unzahl von Indianern, die heute von allen Lagerplätzen herbeigeströmt schienen, rasch und geschäftig durch einander preßten, ein paar Worte mit einander wechselten und wieder nach verschiedenen Richtungen aus einander stoben, hatte jedenfalls noch einen andern Grund. Ein hier eben ankommender Fremder — und es kamen heute viele an, da fast alle Amerikaner aus den benachbarten Minen Stoutenburgk als den Mittelpunkt dieses Theils zur Feier des vierten Juli gewählt hatten — wäre aber nicht lange in Zweifel geblieben, denn wo zwei Weiße zusammenstanden, bildete die Ursache dieses eigenthümlichen Lebens den einzigen Unterhaltungsstoff. Nur die Indianer schwiegen, wenn sich ein Europäer oder Amerikaner ihren Gruppen näherte.
Die Ursache war übrigens doppelter Art — die Weißen und auch viele der Indianer, wie z. B. fast der ganze Stamm der Kayotas hatte sich versammelt, die Abstrafung des Ostindiers mit anzusehen. Von Carsons Creek herüber waren aber Boten der Witongs gekommen und hatten eine neue, viel gewichtigere Anklage gegen den braunen Sohn der Indischen Wälder gebracht. Zuerst nahmen sie deshalb Rücksprache mit ihren Nachbarn, und dann wandten sie sich an die Gerichte der Weißen, von diesen Gerechtigkeit und Schutz zu verlangen. — Der Alkalde war außer sich.
Die neue Anklage lautete auf Mord, und zwar Meuchelmord. Der Ostindier war vor zwei Tagen mit einem Indianer aus dem Stamme der Witongs von Carsons Creek fortgegangen. Er selber hatte damals, wie das schon bewiesen worden, keinen Cent Geld, wenigstens nicht einmal genug gehabt ein Glas Brandy zu bezahlen. Der Indianer, der Gold in die Ecke eines kleinen, rothbaumwollenen Taschentuchs geknüpft, bei sich geführt, war nicht zu den Seinen zurückgekehrt; gestern Abend aber, gerade mit Dunkelwerden, hatten ihn zwei vom Eichelsuchen zurückkehrende Frauen mitten in einem der dürren Rothholzdickichte erwürgt gefunden, und die Schlinge, mit der die That vollbracht war, trug er noch um den Hals. Dieselbe Nacht noch brachten die Frauen ihre Männer an Ort und Stelle, und mit Tagesanbruch folgten diese den Spuren des Mörders — denn Regen war seit der Zeit nicht gefallen — nach Douglas-Flat. Natürlich hörten sie dort gleich was vorgefallen, und eilten nun nach Murphys Diggings herüber, wo sie gerade zur rechten Zeit vor der Strafe des Verbrechers eintrafen.
Der Alkalde wollte sich aber auf Nichts weiter mit ihnen einlassen. Sie sollten ihm erst einen weißen Mann zum Zeugen bringen, und überhaupt wäre das auch eine „verdammt unsichere Geschichte,“ wie er meinte, daß das gerade der Ostindier gewesen sein solle. Das könne auch einer von ihnen gewesen sein, und jetzt wollten sie’s auf den andern Braunen schieben.
Diesem Zweifel machte übrigens der Sheriff ein Ende, er visitirte den Ostindier, dem gar nicht wohl bei der Sache zu sein schien, und fand bei ihm etwa zwei Unzen Gold in rothen Cattun eingebunden. Die Witongs-Indianer erkannten und reclamirten das Gold, Major Lyatt nahm es aber vor allen Dingen erst einmal selber in Beschlag und erklärte, später darüber entscheiden zu wollen.
Mit dem Sheriff hielt er jetzt eine sehr lange und lebendige Unterredung. Obgleich dieser aber darauf antrug, den Ostindier für sein erstes Vergehen hier abzustrafen, und dann auf die neue Anklage hin nach Double Spring an die Distrikt Court zu senden, wollte er darauf unter keiner Bedingung eingehen — er hätte das Gold ja sonst wieder abliefern müssen — und gab bald darauf den Befehl, den Indier hinaus zu führen und ihm seine bestimmte Anzahl Schläge zuzutheilen.
Der zweite Sheriff oder Constabel ging jetzt in das Zelt, nahm den Indier am Arm und führte ihn über die Straße nach der Einfriedigung hin, die der Fleischer für sein Vieh gebaut. Erst an diesem Morgen hatte er einen Ochsen darin geschossen und ausgeschlachtet, und der Blutfleck war noch in der Mitte. Als der Indier in die hohe starke Fenz, an der hie und da Pfosten in die Höhe standen und ein paar Bäume hinüberhingen, hineingeführt wurde, als er den Blutfleck und seine ganze Umgebung sah, und das Jubelgeschrei der Indianer hörte, wurde er wieder aschgrau und die Kniee versagten ihm fast den Dienst. Da fiel sein Blick auf einen dicht neben ihm stehenden Witong — dieser trug dieselbe Schlinge in der Hand, mit der er den Indianer gewürgt hatte, und hob die Schnur, als er sah, daß er von dem Verbrecher bemerkt wurde, drohend gegen ihn empor.
Ob aber nun der Indier glauben mochte, daß er jetzt mit derselben Schnur, trotz aller frühern Versicherungen vom Gegentheil, gehenkt werden solle, oder ob er nur darin den Beweis seiner entdeckten Frevelthat sah, die ihn natürlich auch das Schlimmste mußte fürchten lassen, kurz er sank plötzlich in die Knie, schlug vor dem Sheriff zur Erde nieder, und richtete in Todesangst ein wildes Gemisch fremdklingender und dem Mann natürlich total unverständlicher Worte an ihn.
Die Indianer stießen, als sie das sahen, ein wildes, ohrzerreißendes Freudengeschrei aus. Der Constabel versuchte ihn dabei zu beruhigen, vermochte es aber nicht, und mußte ihn zuletzt mit Gewalt zu dem hintern Theil der Fenz schleifen. Dort zog er ihm das Hemd herunter und band ihn dann mit ausgespreizten Armen an zwei Pfosten, den Rücken dem innern Raum zugekehrt.
Es war ein eigenthümlich malerisches, aber auch zugleich wildes und schauderhaftes Bild, dessen Mittelpunkt ein gequältes, mit Todesangst ringendes Menschenkind bildete. Es war allerdings ein Verbrecher, aber doch auch ein Mensch, und litt in diesem Augenblick, wo er gar nicht wußte, was man mit ihm vor hatte, und durch das teuflische Geschrei der braunen mitleidlosen Wilden fast rasend gemacht wurde, sicherlich mehr als Todesqual.
Der innere Raum der Fenz, wenigstens die Hälfte, in der der Delinquent angebunden stand, und bis zu dem Blutfleck etwa, war ziemlich frei geblieben, von dort an standen, besonders an der Fenz hin, die Bewohner Stoutenburgks, und harrten der Dinge die da kommen sollten. Die wunderlichsten Gruppen zeigten sich aber auf der Fenz selber.
Hier hingen auf den starken Balken, die schwer genug eingerammt waren, einem mit voller Kraft dagegen rennenden Stier Trotz zu bieten, in den tollsten Stellungen und den buntesten Trachten, die Männer der Kayotas und Witongs. Die dunkelbraunen Gesichter glänzten von Fett und Freude, und unter den grellrothen oder hellfarbenen Kopftüchern, die sie gern trugen, glühten die schwarzen Augen in wilder blutgieriger Lust heraus. Ihre Bogen und Pfeile hielten Alle in der Hand und Viele führten sogar noch ein Messer im Gürtel. Ein alter Häuptling sah besonders trotzig und kühn aus. Er hatte die langen, straffen, schwarzen Haare sämmtlich hochauf gestrichen, und mit dicken Schnüren weißer Muscheln in der Mitte des Kopfes festgebunden, so daß sie wie ein hoher wulstiger Federbusch emporstanden. In diesem stacken zwei lange, nickende Adlerfedern, und an der einen hing, aus der Spitze herab, eine kleine rothverzierte und umwickelte Federspule, die im Winde hin- und herflatterte. Sein Oberkörper war nackt, und nur um die Hüften hatte er einen schmalen, baumwollenen Schurz geschlagen. Er führte dabei einen außergewöhnlich langen Bogen, mit hellblinkender weißer Sehne bezogen, und die Spitzen seiner Pfeile waren volle drei Zoll lang und schmal und scharf. Um den Hals trug er vier dicke Reihen eben solcher Perlen, als seine Haare zusammenhielten, und durch den Nasenknorpel und beide Ohrenlöcher lange weiße Stücken zierlich geschnitzten Holzes. Er stand, mit einem Arm um den Pfosten geschlagen, dicht über dem angebundenen Verbrecher oben auf der Fenz.
Rechts und links von ihm hingen jüngere Leute, mit bunten Kopf- und Lendentüchern, oben auf den Stangen. Von beiden Seiten der Fenz herüber und aus dem Innern derselben heraus riefen sie sich dabei in ihrer wunderlich klingenden, kurz abgestoßenen Sprache ihre Bemerkungen zu, und lachten und jubelten vor lauter Freude über den fröhlichen Anblick der sie erwartete.
Indessen hatte der Constabel seine kurzstielige Peitsche hergerichtet, schritt auf den gebundenen Indier zu, der ihn dabei von der Seite mit weit aufgerissenen, ängstlichen Augen erwartete, holte langsam aus und zog dem Zusammenzuckenden einen scharfen Schlag über den Rücken. Der Schrei, den die Indianer hiebei ausstießen, machte selbst den Constabel erschreckt zusammenfahren; der alte Häuptling aber, mit den zusammengebundenen Haaren, fing oben auf der Fenz an einen wunderlichen Tanz aufzuführen, und die Augen leuchteten und blitzten ihm dabei, und die Stangen über dem Gebundenen bogen sich und drohten jeden Augenblick, mit dem springenden Wilden auf ihn hinab zu schlagen.
„Allah, Allah!“ schrie der Muhamedaner in seiner Noth, die Indianer hielten das aber für ihren Gruß: Walle, Walle, und glaubten, der Indier wolle dadurch ihr Mitleiden erflehen — „no walle walle“ — schrieen sie von allen Seiten — -„no walle walle — mucho mas — mucho — mucho!“
Der Constabel fuhr, während dieses wirklichen Heidenlärmes, ruhig in der Vollziehung seiner Pflicht fort, der Indier wand sich unter den scharf und mit Kenntniß geführten Streichen, die jedesmal dicke Schwielen hinterließen, und an einigen Stellen, wo sie sich kreuzten, schon die Haut geöffnet hatten. Die Indianer jauchzten und jubelten, die Sonne schien warm und freundlich von dem blauen, von keinem Wölkchen getrübten Firmament hernieder, und die Amerikanische Flagge flatterte munter in der frischen Brise über dem wilden Schauspiel — zur Feier des vierten Juli. — Die meisten Amerikaner schüttelten aber auch mit dem Kopf und meinten, der Alkalde hätte die ganze Geschichte wohl auf den nächsten Tag verschieben können.
Nach dem dreizehnten Schlage hörte der Constabel zu schlagen auf, winkte einem der jungen Indianer, die ihn umstanden, heran, gab ihm die Peitsche und bedeutete ihn fortzufahren. Das Urtheil war dahin von dem Richter bestimmt, daß ihm der Sheriff einen Theil, und um die Indianer mehr zu versöhnen, Einer aus ihrer Mitte den andern geben solle.
Der Indianer griff die Peitsche mit wahrer Gier auf, warf dann seinen Bogen und seine Pfeile nieder und schlug fast in demselben Moment auch schon auf den Indier los, der jetzt wahrscheinlich glauben mochte, er solle nun seinen Feinden ausgeliefert werden, und ein Zetergeschrei mit „Allah Allah“ — erhob.
„No Walle Walle!“ versicherte ihm aber der Californier bei jedesmaligem aus vollen Kräften geführten Streiche, und die übrigen schrieen ordentlich vor lauter Vergnügen, daß der Gepeitschte bei den Hieben ihres Kameraden so viel mehr lamentirte, als bei denen des Constabels. Der schlaue Indier war aber klug genug sie nur glauben zu machen er litte mehr Schmerzen, denn nach den frühern Hieben konnte er diese kaum fühlen. Der Indianer verstand nicht zu prügeln; seine Schläge fielen, ohne daß sich die Peitsche über die Haut zog, nur gerade darauf nieder und hinterließen keine Schwielen, war aber auf’s Aeußerste entrüstet, als er nach dem zwölften Schlage, wo er sich nun erst recht hinein und warm gearbeitet hatte, schon wieder aufhören sollte. Von allen Seiten schrieen auch die Indianer: „mas, mas, mucho mas!“ aber es half nichts, der Constabel nahm die Peitsche an sich, band den Gefangenen los und führte ihn fort.
Jetzt entstand ein anderer Streit. Die Indianer wollten ihn, wenn ihn die Weißen nicht mehr bestraften, ausgeliefert haben — die Witongs verlangten ihn, weil er Einen ihres Stammes getödtet hatte, wenigstens so lang, bis ihr großer Häuptling, Jesus, von Magualome zurückkommen und darüber entscheiden würde. Die Weißen wollten sich aber darauf nicht einlassen, und der Richter beauftragte den Constabel, den Abgestraften freizulassen.
Hiergegen protestirte aber jetzt der Sheriff, indem er meinte, das sei gerade so gut, als ihn an die Indianer ausliefern, die förmlich und offen erklärt hatten, sie würden ihn unter keiner Bedingung lebendig von hier fortlassen. Gäben sie den Angeklagten unter diesen Umständen frei, so müßten sie gewärtig sein, daß er vor ihren Augen von den aufgeregten heißblüthigen Rothhäuten mit Pfeilen erschossen würde, und dann könnten sie nachher von dem Distriktsgericht, und mit Recht, zur Verantwortung gezogen werden.
„Gut denn!“ rief der Richter endlich in Verzweiflung, „so behaltet ihn heute noch hier und laßt ihn die Nacht oder morgen früh laufen — ich will aber von dem verdammten Kram nichts weiter hören, ich habe jetzt gerade genug damit. Kommt Sheriff, wir wollen einen trinken.“
Der Sheriff lachte, gab die nöthigen Anweisungen und ging dann mit dem Alkalden in das nächste Zelt. Dem Indier wurde indessen begreiflich gemacht daß er frei sei, daß ihm aber die Indianer zu Leibe wollten und es besser für ihn sei die Nacht noch bei den Weißen zu bleiben. Wunderbarer Weise schien er hier ein jedes Wort zu verstehen, denn er überflog mit den Blicken die Zahl der Rothhäute, die überall durch das Städtchen und die Ebene zerstreut waren, und folgte dann schnell, und jetzt mit ganz heiterem Gesicht dem Constabel, der ihn in sein eigenes Zelt führte und ihm dort zu essen gab.
Dicht vor dem Zelte vertrat ihnen übrigens der alte Indianer den Weg und verlangte von dem Constabel noch einmal den Mörder Eines der Seinen. Dieser dagegen bedeutete ihn, daß heute „Sonntag“ sei und nichts weiter gethan werden könne. Er solle morgen früh zum Alkalden gehen, dann könnten sie das mit einander ausmachen, bis dahin bliebe der Indier in Gewahrsam.
Der Indianer hatte, während er sprach, den Ostindier, gerade über dem Gürtel vorn, mit zwei Fingern an dem wollenen Hemd festgehalten — er sah die Beiden scharf an, bog sich dann halb herum — und plötzlich sprang der Gefangene mit einem Schrei zurück. Der Indianer drehte sich aber ab und ging, ohne weitere Notiz von den Beiden zu nehmen, zu seinem Stamm zurück. Zu seiner nicht geringen Verwunderung sah indeß der Constabel, daß der braune Bursche in dem einen Moment mit wirklich fabelhafter Gewandtheit dem Indier das kleine Stück Zeug in einem runden Fleckchen, vorn aus dem Hemd geschnitten hatte, das er zwischen seinen Fingern gehalten.