Die Entdeckung des Jackaßgulch (Eselschlucht).

Wer meiner Leser erinnert sich nicht jener ersten Berichte, die über den californischen Reichthum zu uns herüber drangen, und Manchem gleich in ihrem ersten Andrang das richtige echte Goldfieber dermaßen gaben, daß es nur durch eine fünfmonatliche Seereise geheilt werden konnte. Andere schüttelten freilich zweifelnd den Kopf, und wollten an diese Massen von Gold nicht so recht glauben. Und doch waren jene Berichte keineswegs übertrieben. Es ist aber eine sonderbare Thatsache, daß in Californien gerade die reichhaltigsten Stellen, und zwar die, wo das Gold, und noch dazu grobes Gold, nur wenige Fuß unter der Oberfläche lag, gleich im ersten Anfang entdeckt und bearbeitet wurden, und die wenigen Glücklichen, die dort gewissermaßen über den Schatz herstolperten, konnten und wollten nicht anders glauben, als das ganze Land stecke jetzt dermaßen voll Goldsplitter, daß sie eben weiter nichts zu thun hätten, als sich daneben hinzusetzen und sie herauszuziehen.

Sutters Mühle und Mormoneiland im Norden, Mormongulch und Sullivans Creek im Süden, wurden fast zu gleicher Zeit und bald nach einander gefunden, und sie alle lieferten, für die jetzigen Minen, fast unglaubliche Resultate. Die Leute dort hielten zwei Unzen den Tag für einen höchst mittelmäßigen Tagelohn, ja verließen die Stellen, wo sie das mit Leichtigkeit gewinnen konnten, und fanden an denselben Schluchten andere, die sie besser bezahlten. Sie verkauften um einen Spottpreis oder verschenkten die Plätze, die sie niedergegraben und die ihnen noch Schätze lieferten, vertranken das Gold das sie verdient, und fingen von Neuem an zu suchen. Die Minen schienen unerschöpflich, und mit höchst unvollkommenem Werkzeug, ja mit nur sehr geringer Arbeit — im Vergleich zu dem wenigstens, wie jetzt dort geschafft werden muß — förderten sie spielend zu Tage, was sie eben brauchten, und sie brauchten sehr viel. Die Flasche Champagner kostete damals von 10–16 Dollars, der Brandy 5–8 Dollars, die Flasche Essiggurken 16 Dollars d. h. w., und was sie nicht in solchen Leckereien (denn Essiggurken gehörten unstreitig dazu) geschwind genug loswerden konnten, das verspielten sie, nur wieder reine Taschen zu bekommen.

Man kann sich denken, was für toll und wild zusammengewürfeltes Volk dort hauste, und wie es da manchmal zuging. Dennoch hörte man selten oder nie von Mordthaten, wenn auch Diebereien oft genug vorfielen. Morde kamen erst in Californien an die Tagesordnung, als das Gold schwerer und unsicherer zu gewinnen war, und die Leute lebten damals in einem Zustande, von dem sie später selber versicherten, sie seien „wie im Traume“ herumgegangen.

So wie jetzt aber liefen auch schon zu jener Zeit fortwährend Gerüchte von noch viel reicheren Stellen, Plätzen, wo das Gold, wenige Zoll unter der Rasendecke, nur zum Zusammenscharren läge, und bald sollte dieser, bald jener ein solches Eldorado gefunden haben, dem nun Alle nachzuspüren suchten. Wer irgend einen andern Platz entdeckt hatte, von dem er ja noch gar nicht wissen konnte, ob er sich nicht gerade später als eine solche arabische Schatzkammer auswies, der hielt es so lange als möglich geheim, stahl sich Nachts fort, wenn es nicht anders ging, und lag Wochen lang draußen herum, bis er entweder von den Andern aufgespürt wurde, oder auch ausgefunden hatte, daß sein alter Platz eben so gut gewesen wie dieser, und er nun dahin wieder zurückkehren könne. Fand er doch dort wenigstens Provisionen und Getränke in der Nähe.

Der Leser mag aber lieber gleich einmal mit mir in den Mormongulch hinabspringen. Er lernt dort das echte Minenleben aus erster Quelle kennen, und wir finden, wenn auch nicht lauter gute, doch sicher interessante Gesellschaft.

Es war im August des Jahres 1848, als ziemlich hoch im Mormongulch (ein kleiner Bergbach, der sich in den Stanislaus ergießt und mit diesem später in den San Joaquim geführt wird) Spitzhacken und Schaufeln wacker gehandhabt wurden, und Pfannen klapperten und Maschinen oder sogenannte Wiegen Kies und Erde durchschüttelten, daß es eine Lust und Freude schien. Die Leute sangen und pfiffen dabei und lachten und erzählten sich Anekdoten und wenn man sie ansah, kam es Einem kaum vor als ob sie überhaupt wirklicher Arbeit wegen hier herumwirthschafteten.

Gleich vorn, etwa zehn oder fünfzehn Schritt vom Bach selber ab, wo das Ufer eine Art flacher Niederung bildete, wühlten sich zwei von ihnen, ein paar Deutsche, in die Erde hinein, und Kies und Grund fuhr eine Zeitlang aus dem wohl schon vier Fuß tiefen Loch heraus, als ob sie es beim Zollbreit bezahlt bekämen.

Sie hießen Fuchs und Starke — der erstere mit einem fuchsrothen Bart, der seinem Namen Ehre machte, und dickem rothen Gesicht — der Andere noch ein junger Bursche, der früher mit den Volontairen von Nordamerika nach Californien gekommen war, auf einer etwas wilden Expedition der Vereinigten Staaten, ein Land zu erobern, auf das sie damals noch nicht die mindesten Ansprüche hatten. Wie sie es nämlich später von Mexiko als Schadenersatz für die Kriegskosten forderten und bekamen, oder nahmen, war es wirklich schon, wenigstens in allen festen Plätzen, in ihrem Besitz.

Ich würde Starke indessen Unrecht thun, wollte ich ihm irgend eroberungssüchtige Absichten oder überhaupt Absichten zuschreiben. Er war als Volontair nach Californien gegangen, wie er etwa mit Fuchs in das nächste Trinkzelt gehen würde, wenn dieser zu ihm sagte, „komm Starke, wir wollen Einen nehmen,“ und auf ähnliche Art auch in die Minen gekommen. Zwei von seinen Kameraden desertirten und sagten, „komm Starke, geh’ mit,“ und da Starke für den Augenblick nichts Anderes zu thun hatte, sah er gar keine Ursache, weshalb er zurückbleiben sollte. Er verdiente jetzt hier mit keiner, oder mit nur sehr unbedeutender Arbeit, von zwei bis zu drei und vier Unzen Gold täglich.

Nicht weit von ihnen arbeiteten zwei andere Deutsche, Fischer und Johnny — überhaupt hatten sich zufälliger Weise gerade an diesem Theil des Gulches lauter Deutsche zusammengefundenen, während weiter oben und unten wieder die einzelnen Amerikaner, Irländer oder auch Mexikaner zusammenhielten. Einige Chilenen arbeiteten in demselben Gulch. Sie waren mit dem ersten Schiffe, auf welchem auch Fischer Passage genommen, von Valparaiso hierhergekommen, das von dort nach dem erst entdeckten Eldorado abging.

Sie hießen, wie schon gesagt, Fischer und Johnny. Der Erste, ein Hamburger, hatte sich lange in Valparaiso aufgehalten, sprach sehr gut spanisch und ziemlich englisch und schien überhaupt eine gute Erziehung genossen zu haben. Sein „partner“ war dagegen ein Original, wie deren wohl Manche auf Gottes weiter Erde zerstreut umherlaufen mögen, wie man aber gewiß nur selten das Glück hat, ein so vollständiges und so gut erhaltenes Exemplar frisch und fidel auf seinem Lebenswege anzutreffen. Johnny, wie er allgemein genannt wurde, und Niemand kannte seinen anderen Namen oder kümmerte sich darum, war ein Schneider, und zwar das liederlichste, lustigste, melancholischste und heroischste Schneiderlein unter der Sonne.

Wie alt Johnny war, ließ sich auf den ersten Blick, ja selbst bei längerer Bekanntschaft schwer oder gar nicht bestimmen. Er war sehr klein und schmächtig und hatte gar keinen Bart, auch wandte er sehr selten, eigentlich nur in Nothfällen, eine Hand voll Wasser an sein Gesicht. Die Elasticität der Haut ließ sich deshalb höchst unvollkommen erkennen, so daß er seiner Gestalt und seines glatten Kinnes wegen seinen Bekannten manchmal ganz jung vorkam. Dann aber wieder, besonders in seinen sinnend-melancholischen Stellungen, die er gern annahm, runzelte er die Stirn dermaßen und die Augen lagen ihm so tief im Kopfe, daß man ihn wenigstens hätte für einen Vierziger halten mögen.

Seine Tracht war pittoresk genug. — Ein kleiner, kurz abgestutzter, einst grau gewesener Frack, ein Paar leinene, sehr oft aber noch lange nicht genug ausgebesserte Hosen, ein Hemd von unbestimmter Couleur und ein Paar Schuhe umgaben seinen Leichnam. Das Merkwürdigste aber an ihm war der Hut, und zu diesem zu gelangen, muß ich ein wenig weiter ausholen, und Johnny verdient auch wirklich diese Aufmerksamkeit.

Johnny hatte in früherer Zeit — und seine Lebensgeschichte gehört zu einer der thatenreichsten — lange Jahre in Frankreich gearbeitet und war von dort zuerst nach den Vereinigten Staaten und dann nach Californien gegangen, wo er sich schon mehrere Jahre, ehe noch das Gold entdeckt wurde, aufgehalten. Damals hielt er einen Schenkstand in San Francisco und sein Verdienst, als das erste Gold dahin kam und der Reichthum des Landes durch aus den Bergen zurückkehrende Goldwäscher bekannt wurde, war außerordentlich. Aber das unruhige Blut ließ ihn nicht sitzen. Er verkaufte Alles, vertrank und verspielte den Ertrag, und ging dann selbst auf’s Goldsuchen aus.

Johnny hatte, wie erwähnt, früher lange in Frankreich gearbeitet, und es gehörte diese Zeit zu seinen schönsten Erinnerungen; am liebsten hätte er sich auch Jean nennen lassen. Das ging aber nicht; seine Umgebung, der das Französische nicht so recht geläufig war, wollte darauf nicht eingehen, und es blieb, trotz mehrfacher Versuche einer Aenderung, immer zuletzt wieder bei Johnny. Seine Umgebung that ihm aber einen andern Gefallen.

War es Einbildung oder Wirklichkeit — bei dem jetzigen Zustand seines Gesichts ließ sich das nicht so genau unterscheiden, aber es hatten Einzelne früher eine Aehnlichkeit in Gestalt und Angesicht zwischen Johnny und Napoleon Bonaparte gefunden. Johnny’s Lieblingsstellung war von der Zeit an die mit zusammengekniffenen Brauen und untergeschlagenen Armen, ja seinen grauen Filzhut sogar hatte er dreieckig aufgeschlagen und befestigt, und als Zierrath, allerdings etwas unnapoleonisch, eine unechte Broche und eine kleine Kette aus Bronze darum, aufgenäht.

In dem Augenblick, wo wir die Gruppe der Goldgräber mustern, liegt Johnny auf dem Bauche, dicht am Rand des Gulch, in einer sogenannten Kayota, d. h. in einer Seitenhöhle, die er sich unter der Bank hineingearbeitet hatte, die goldhaltige Erde darunter hervorzuwühlen, ohne sich dabei die Mühe zu nehmen das darauf liegende Erdreich abzuwerfen. Nicht daß Johnny faul gewesen wäre — im Gegentheil, er war einer der besten Arbeiter — aber es ging doch bequemer, und die Hauptsache: schneller. So hatte er erst, während Fischer die Erde abholte, zur Maschine trug und auswusch, mit einer kurzen, zu diesem Zweck besonders nützlichen Brechstange die goldhaltige Erde mehr und mehr, vielleicht zwei Fuß vom Felsengrund ab, weggestoßen und war dabei tiefer und tiefer gekommen, bis er zuletzt mit dem ganzen Körper unter die Erde hineingewühlt war, daß nur noch die Füße eben vorguckten.

Sein Frack mit dem Hut darauf lagen, wie zierende Trophäen eines Monuments, dicht davor auf einem etwa 3 Fuß hohen Quarzblock, um den herum sie die Erde schon weggewaschen.

Fischer war eben mit seiner Pfanne fertig geworden und zurückgekommen. Er saß niedergekauert und mit gebücktem Kopf neben Johnny’s Schuhwerk und versuchte in das Loch hineinzuschauen. Die Pfanne stand neben ihm.

„Johnny“, sagte er endlich mit seiner etwas feinen aber gutmüthigen Stimme, „Du wühlst zu tief. Wenn Dir die Geschichte auf den Leib fällt, so haben wir Napoleons Grab hier, und das sollte mir leid thun.“

„Laß gut sein, Fischer,“ tönte Johnny’s Stimme dagegen etwas hohl und unnatürlich unter der Erde vor — „ich bin gleich fertig, denn der Felsen läuft wieder hoch, und so können wir ihn nachher, wenn’s lohnen sollte, von oben abdecken.“

„Jemine Johnny,“ sagte Fischer, nachdem es ihm gelungen war, einen Blick in die Oeffnung zu werfen, „warum hast Du Dir denn nicht den Quarzstein da oben herausgebrochen. Er zerreibt Dir ja den Rücken.“

„Das geht nicht,“ brummte Johnny dagegen, „er sitzt zu fest. Wenn ich den herausholen will, bricht mir am Ende die ganze Pastete nach, und Gold steckt doch nicht mehr dran. So mag er denn sitzen bleiben.“

Es war ein weißer Quarzblock von vielleicht anderthalb bis zwei Fuß im Durchmesser, unter dem sich Johnny so hindurchgearbeitet hatte, daß er jetzt mit den Schultern unter ihm stak, was ihn allerdings etwas in seinen Bewegungen hinderte. Im Monat August aber ist die Erde so hart und trocken, daß wenig Gefahr eines Einsturzes vorhanden schien, ja die Mexikaner arbeiteten fast einzig und allein auf diese Art. Sie bohrten schmale Löcher, in die sie sich kaum hinabzwängen konnten, worauf sie sich unten nach allen Seiten und oft unglaubliche Strecken weit ausbreiteten. Es hieß dies in der Minensprache, wahrscheinlich nach den kleinen Wölfen, die es in Californien in wahrer Unmasse giebt und die ihr Lager in Erdhöhlen haben sollen — kayoten.

Johnny verlangte nun mit ausgestrecktem Arm die Pfanne, die ihm Fischer hinunterschob und, als sie sein kleiner unterirdischer Partner mit den Händen gefüllt hatte, nicht ohne Mühe wieder vorbrachte. Er ging dann zu seiner Wiege zurück, „den Dreck auszuwaschen“ — ich kann dem Leser nicht helfen, er muß sich an die Minenausdrücke gewöhnen — und Johnny kayotete weiter.

Noch etwas höher hinauf arbeiteten ebenfalls ein paar Deutsche, diesmal aber, etwas allerdings Ungewöhnliches in den Minen, Mann und Frau zusammen. Madame Hilgen, eine Hamburgerin, verdient jedenfalls zuerst erwähnt zu werden, denn sie war unstreitig der Mann von den Beiden, und „schaffte“ so fleißig mit, wie nur ein Mann, wenigstens bei der leichteren Arbeit, hätte schaffen können. Sie verstand dabei einen Spaß und war nicht leicht böse gemacht, wußte aber auch Alle mit einem gewissen Takte in den gehörigen Schranken zu halten.

Madame Hilgen saß an der „Wiege“ und wusch die Golderde aus, die ihr Mann im Schweiße seines Angesichts dem harten Erdboden mit Spitzhacke und Schaufel abgemüht und ihr hingetragen hatte. Die beiden Eheleute waren übrigens die einzigen von all den Goldsuchern dort, die einen wirklichen Nutzen aus dem aufgefundenen Reichthum zogen. Denn die Frau hielt das Erarbeitete zusammen, und Hilgen, wenn er auch dann und wann einmal über die Stränge geschlagen hätte, durfte nicht mucksen.

Fischer und Mad. Hilgen saßen etwa funfzehn Schritte von einander entfernt, so daß sie sich recht gut mit einander unterhalten konnten, besonders da Fischer’s etwas feine Stimme ziemlich weit hinaustönte.

Gleich über Hilgen oben arbeitete eine einzelne Persönlichkeit, und wiederum ein Charakter, wie ich fest überzeugt bin, daß solche das Schicksal eben nur in Californien zusammengeworfen haben kann.

Wilhelm Erbe war ein Barbiergesell aus Leipzig. Er hatte aber seine Vaterstadt schon vor zwanzig Jahren verlassen und sich seit der Zeit, meistens in Nordamerika, als Gott weiß was Alles herumgetrieben, später den texanischen Krieg mitgemacht, und war von dort, wie er in heiteren Stunden manchmal erzählte, desertirt und nach Californien „ausgewandert.“ Nichts machte ihn übrigens glücklicher, als einen Leipziger zu treffen, mit dem er von alten Zeiten, Meistern und Straßen plaudern konnte. Trotz seiner langen Entfernung hatte Erbe noch ganz den singenden echt sächsischen Ton beibehalten und sich dazu durch einen längeren Aufenthalt zwischen Amerikanern das Einwerfen englischer Brocken dermaßen angewöhnt, daß Einer, der sich mit ihm unterhielt und blos deutsch redete, oft zu rathen hatte was er eigentlich meine, und wovon er spreche. Ja selbst wer Englisch verstand, wurde manchmal nicht klug aus seinem Kauderwelsch.

Es ist sonderbar, daß nur die deutsche Nation im fremden Lande, und auch wieder nur mit der englischen Sprache, bei der es wohl die Aehnlichkeit des Dialects machen muß, diese Eigenheit annimmt, und gerade die, die am wenigsten noch vom Englischen verstehen, mißhandeln das Wenige schon, selbst wenn sich ihnen nicht die geringste Ursache dazu bietet, auf das Entsetzlichste. Sie verdeutschen die englischen Wörter — d. h. sie geben ihnen deutsche Endungen und conjugiren und decliniren sie deutsch — wo denn manchmal der drolligste Unsinn zu Wege kommt. So versicherte mich einst ein sonst ganz gebildeter Deutscher in Cincinnati, er müsse jetzt zu Hause, es sei schon „zu dinner gebellt“ — von dinner, Mittagessen, und bell, Glocke. — „Hands mit ihm geschäkt“ — von shake hands, Handschütteln, — „über Fenz getschumpt“ — von fence, Zaun, und to jump, springen, — „kalt gekätscht“ — von to catch a cold, sich erkälten — etc. etc. gehören zu den gewöhnlichsten Phrasen und man könnte ganze Wörterbücher derselben zusammenstellen.

Erbe lieferte wirklich komische Sachen und sein sächsischer Dialect verstärkte den drolligen Eindruck. Seine Tracht war im gewöhnlichen Leben — und er lebte nur gewöhnlich — ein alter kurzer blauer Frack mit hinten einem, und vorn drei — blanken kann man nicht gut sagen — also Messingknöpfen. Ein rothes Hemd, eine graue wollene Hose, keine Socken und ein Paar schwere, eisenbeschlagene Schuhe — (wenn ich von Schuhen oder Stiefeln in den Minen spreche, verstehe ich immer den rechten Hacken schief getreten, was eine unausbleibliche Folge des, in harter Erde, mit dem Spaten Arbeitens ist). Dieser Anzug war soweit nicht von außergewöhnlicher Eleganz. Unter dem alten blauen Frack konnte ein Schulmeister wie ein Grobschmied, ein Handschuhmacher wie ein Blechschläger sitzen, aber die Mütze war Barbier — jeder Zoll Barbier. Die blaue runde Tuchmütze, die „schon manchen Sturm erlebt“, saß nicht allein schief, nein ordentlich gefährlich auf der linken Seite des Kopfes — den Rand derselben so weit unten wie es nur eben das Ohr zuließ und dann den Obertheil derselben so weit herübergezogen wie möglich. Erbe hatte dabei nur dann seine Hände außer den Hosentaschen, wenn er arbeitete oder seinen Leib erfrischte. Das Erstere geschah selten, das Zweite häufiger, aber selbst bei der letzteren Beschäftigung belästigte er so wenig als möglich die Linke, die wirklich eigentlich nur dann an’s Tageslicht kam, wenn sie eine Spitzhacke oder Gabel anfassen sollte.

Erbe arbeitete allein an einem Loche etwas oberhalb Hilgens, d. h. er stand mit den Händen in den Taschen davor, die Mütze schief auf dem Kopf und diesen etwas seitwärts gehalten, und sah sich mit einem halb komischen, halb wehmüthigen Blick die Stelle an, die jetzt wieder, wenn er überhaupt heute noch etwas verdienen wollte, Zeuge seiner Thätigkeit sein sollte.

Die Mütze war übrigens das einzige Merkmal, welches er noch von seinem alten Handwerk an sich trug. Seine Gestalt war dicker, sein Gesicht voll und roth geworden, die Nase sogar verdächtig roth, und seine Hände hatten lange nicht mehr das Seifenwasser seiner Kunden gefühlt. Auch seine Bewegungen waren nichts weniger als das, was man jetzt in Leipzig, und besonders zu Meßzeiten, von einem flinken Barbiergehülfen fordert. Er ging nur sehr langsam, den Kopf keck und selbstgefällig hinter sich geworfen, und die einzige Bewegung, die er dabei mit seinem Oberkörper machte, war mit den Ellenbogen, d. h. er schlenkerte aus alter Gewohnheit die Ellbogen, während er aus neuer die Hände in den Taschen behielt.

„Nun, Madame Hilgen, wie geht’s heute Morgen,“ rief Fischer von Johnny’s Platz aus, wo er wieder auf eine Pfanne voll Erde wartete — „machen Sie gut aus? — wie schüttet’s?“

„O ich danke, Herr Fischer,“ sagte Madame Hilgen, einen Augenblick den blechernen Schöpfer, mit dem sie unablässig beim Schaukeln der Maschine (oder Wiege) Wasser aufgießen mußte, niederlegend, „es will hier nicht mehr so recht zahlen. Das soll die letzte Maschine voll sein. Mein Mann hat einen anderen claim weiter oben, den wollen wir einmal versuchen.“

„Und wie bekommt Ihnen die harte Arbeit, Madame Hilgen?“ sagte Fischer. „Wie geht’s mit den Armen?“

„O ich weiß nicht, Herr Fischer, ganz gut — viel besser wie ich gedacht habe.“

„Ja, Madame Hilgen,“ sagte Fischer mit einem freundlichen Lachen über sein gutmüthiges Gesicht — „an das Wiegen habe ich mich im Anfange nicht so leicht gewöhnen können — das geht den Frauen natürlicher von den Händen.“

„Da haben Sie recht, Herr Fischer,“ lachte Madame Hilgen, und da ihr Mann gerade mit einem neuen Eimer voll Erde angeschleppt kam, den er oben in die „cradle“ hineinschüttete, wiegte sie ruhig weiter. Die Unterredung wäre für den Augenblick abgebrochen gewesen, hatte nicht ohnedies plötzlich ein furchtbarer hohlklingender Schrei die ganze Nachbarschaft aufgeschreckt, und gleich darauf, so rasch sie ihre Füße dorthin bringen konnten, um Fischer’s und Johnny’s Arbeitsplatz gesammelt.

„Hülfe — Mord — Hülfe!“ schrie Johnny nämlich mit wahrhaft peinlicher Lungenanstrengung aus seinem unterirdischen Versteck hervor, und selbst die einsam herausschauenden Schuhe drehten sich so krampfhaft und ängstlich, als ob sie ebenfalls um Beistand flehten. Fischer hatte, als einzigen haltbaren Gegenstand, diese Schuhe mit den Füßen darin gepackt, und suchte den Eigenthümer derselben hervorzuziehen. Zu seinem Erstaunen fand er aber, daß Johnny heute ein ganz außergewöhnliches Gewicht besitze, denn das sonst federleichte Schneiderlein wich und wankte nicht, schrie aber bei diesem Versuch wo möglich noch toller als vorher.

„Um Gottes Willen, Johnny, was ist Ihnen?“ rief Madame Hilgen, mit die erste auf dem Platz, „was fehlt Ihnen denn?“

„Ich bin verschüttet — ich bin lebendig begraben!“ schrie Johnny aber, „Hülfe — Hülfe! grabt mich aus!“

„Um Gottes Willen, grabt ihn aus, Leute!“ schrie Starke, der den Kopf schon verloren hatte, und in Todesangst um den vermeintlich Erstickenden war.

„Ja, aber wenn er verschüttet wäre, könnte er doch nicht schreien!“ rief Fischer und machte einen neuen verzweifelten, wenn auch wieder vergeblichen Angriff auf die strampelnden Schuhe.

„Es liegt ’was auf ihm!“ sagte Fuchs, der sich indessen auf die Kniee geworfen und da hinein geschaut hatte wo Johnny steckte, „er hat einen großen Stein auf dem Buckel.“

„Und das ist es auch!“ rief Fischer — „ich hab’s ihm noch vorhin gesagt. Johnny — o, Johnny! kannst Du noch Athem holen da unten?“

„Hülfe — Hülfe — der ganze Berg liegt auf mir!“ schrie Johnny.

„Nun schreien kann er noch for sure,“ sagte Erbe, der jetzt ebenfalls herangekommen war, und mit den Händen in den Taschen daneben stand, „das spricht für die Lungen.“

Fischer, Hilgen und Fuchs hatten indessen einen Versuch gemacht unter die Bank nachzukriechen, und das, was auf Johnny gefallen sein mußte, von ihm herunter zu wälzen. Allein das Unternehmen erwies sich als gänzlich unausführbar, und Johnny, der indessen seine Besinnung in etwas wiedergefunden hatte, erklärte nun unter einem mäßigeren Stöhnen, es liege ihm eine Last von zwischen vier- bis fünftausend Pfund auf den Schultern. Wenn sie ihm die nicht herunter bringen könnten, müßte er, wo er wäre, elendiglich verhungern.

„Das wäre stark,“ sagte Erbe kopfschüttelnd und fuhr dann in seinem Kauderwelsch fort — „ich hab’s ihm aber lange gesagt, er sollte care taken wie er da immer unter kraust — jetzt hat er’s geketscht. Wenn wir ihn nur ’rum türnen könnten.“

Hilgen wollte jetzt mit hinunter kriechen, um noch einmal zu sehen, ob er die Last von Johnny abwälzen könnte. Seine Frau hatte ihn aber an dem einen Bein erfaßt, ehe er nur halb verschwunden war, und zog ihn mit Fischer’s Hülfe gleich darauf wieder an’s Tageslicht. Sie gab ihm dabei lebhaft zu verstehen, daß er da unten gar nichts zu suchen hätte, wo er sich am Ende auch noch mit verschütten ließe.

Es lag zu viel eheliche Zärtlichkeit in dieser Fürsorge, um Hilgen nicht ohne Weiteres von jedem derartigen Versuch abzuschrecken, und Starke, den Niemand daran verhinderte, kroch jetzt in die Oeffnung und bemühte sich den Stein — denn es war, wie sich jetzt ergab, nichts als der oben erwähnte Quarzblock — weg zu bewegen. Obgleich der Block aber nach oben vollkommen frei lag, fand er doch rechts wie links sowohl, zu vielen Widerstand, um nach einer von diesen Richtungen hin fortgebracht zu werden, so daß es, wie Starke versicherte, weiter kein Mittel gab, als ihn über Johnny’s ganzen Körper herunter und vorn herauszuziehen.

„Wenn wir nun den kleinen Schneider mit dem Stein heraus pullten“ (to pull ziehen) meinte Erbe in seinem Deutsch-englisch — „wie man so einen Zahn herausholt.“

„Du windschiefer Barbiergesell brauchst auch von „Schneider“ zu reden,“ rief Johnny plötzlich von unten hervor, daß Alle auflachten — „Hülfe — Hülfe“ — schrie er aber dann gleich wieder, „ich halt’s nicht mehr aus — ich ersticke!“

„Erbe hat ganz recht“, sagte Fischer — „Du Johnny — oh Johnny — hörst Du?“

„Was willst Du, Fischer?“ stöhnte Johnny — „mir ist der Brustknochen zerquetscht und jetzt drückt es mir eben das Herz ab — sprich schnell — ich lebe keine fünf Minuten mehr.“

„Kannst Du ein Bischen mit den Ellbogen nachhelfen?“ fragte Fischer, ohne auf Johnny’s Klagen zu achten, „wir wollen Dich bei den Beinen herausziehen.“

„Ihr könnt mir die Beine ausreißen,“ sagte Johnny mit furchtbarer Feierlichkeit — „aber Ihr werdet nie im Stande sein die Last über mir zu bewältigen, wenn Ihr nicht Schaufel um Schaufel abtragt. Allein bis dahin bin ich eine Leiche, denn ich ersticke — ich ersticke.“

„Halt Dich nur noch eine kleine Weile tapfer und hilf mit schieben,“ rief ihm Fischer ermuthigend zu. „Wir holen Dich jetzt sammt dem Steine heraus!“

„Windschiefer Barbiergesell?“ murmelte Erbe für sich hin, während er die Hände aus den Taschen nahm, die Aermel etwas aufstreifte und einen von Johnny’s Füßen packte. Die Uebrigen hatten Alle schon angefaßt und langsam begannen sie ihr Gewicht gegen Johnny und seinen Quarzblock in die Schale zu legen. Kaum hatten sie aber, wie Erbe meinte, eine „inch gegaint“ (inch Zoll und gain gewinnen), als Johnny ein wahres Zetergeschrei ausstieß und meldete, der ganze Berg käme herunter, sie sollten aufhören. — „Der Berg liegt auf mir — Ihr zerreißt mir die Brust — meine Rippen haben sich in die Steine eingehakt“ — lauteten seine Angstrufe. Die Rettenden aber, obgleich sie für den Augenblick unschlüssig anhielten, wußten recht gut, daß sie den Schneider entweder auf diese Weise zu Tage fördern oder den Hügel wenigstens um neun Fuß hoch abgraben mußten. Das war zu viel Arbeit, und sie setzten ihre Anstrengung in bisheriger Weise fort.

„Wenn wir ihn ein Bischen liften könnten,“ bemerkte Erbe.

„Ach was lüften,“ brummte Fuchs, der noch kein Englisch sprach und sich immer über die fremden Worte ärgerte — „angepackt Doctor“ (so hieß Erbe häufig zu seinem und dem Vergnügen der Andern) „angepackt und heraus mit ihm — komm Johnny!“ Und dabei that er einen kräftigen Ruck an Johnnys linken Fuß, der, wenn er auch weiter nichts nützte, dem armen Gequälten doch einen neuen Schrei auspreßte.

Sie legten sich aber jetzt alle mitsammen ein, zogen mit gleicher Kraft vorsichtig an und fanden zu ihrer Freude, daß Johnny wirklich „kam!“ Glücklicherweise für ihn bestand der untenliegende und schon früher des Goldes wegen vollkommen glatt gekratzte Fels aus weichem Sandstein und seine beiden Ellbogen, wie er später erzählte, gewissermaßen als Kufen gebrauchend, machte Johnny eine Art Lastschlitten des Quarzblocks aus sich. Mit dem Steine, der ihm unbeweglich auf dem Rücken lag, und unter einem Hurrah der „Retter“ ward er endlich zu Tage gebracht.

Kaum daß der Block frei war, stieß ihn Starke in seinem Eifer von Johnnys Rücken herunter und gerade gegen Erbe’s Füße. Johnny aber blieb wie todt liegen. Erst als ihn Fischer, Hilgen, Fuchs und Starke — denn Erbe hinkte mit verletzten Zehen in der Nachbarschaft umher — gewaltsam aufrichteten, schlug er die Augen auf, zunächst seine übel mitgenommenen Ellbogen und dann die aufgeritzte Haut an der Brust betrachtend.

„Ich sehe wieder Gottes freie Sonne — ich athme frische Luft — ich bin aus der Unterwelt zurückgekehrt.“

„Johnny,“ sagte Fischer, der jetzt, wie er gewöhnlich that, seine beiden Hände oben in den Hosengurt geschoben hatte und den kleinen Schneider mit seitwärts gebogenem Kopfe lächelnd ansah, während er mit der Spitze des rechten Fußes den Quarzblock anstieß, „Johnny, wenn ich wie Du wäre, ließ ich mir das Steinchen hier zum Andenken in eine Tuchnadel fassen.“

„Nein,“ lachte Madame Hilgen, „Herr Erbe hat sich ihn schon zu einer Schuhschnalle angepaßt.“

Erbe blieb plötzlich stehen und drehte sich halb gegen Mad. Hilgen.

„Ne heren Se, Madame Hilgen,“ sagte er dabei in seinem blühendsten Sächsisch, „als wie ich bin das schon lange nicht gewesen. Aber Starke hat den Block so verkehrt gemänetsch (to manage) — wenn ers nicht on purpose gethan hat — das sollt ich aber nur wissen.“

Während die Andern lachten, stand Johnny mit untergeschlagenen Armen, zusammengezogenen Augenbraunen und etwas vorgesetztem rechten Fuß vor der Oeffnung und murmelte düster:

„Also das hätte mein Grab werden können?“

„Ich habe Dir’s ja gleich gesagt, Johnny,“ erinnerte Fischer, während er den Stein mit dem Messer untersuchte, ob nicht Gold darin säße.

„Wer war denn das eigentlich,“ rief Johnny mit plötzlich verändertem Ton und sich rasch umdrehend, „der mich in einem fort am linken Bein gerissen hat? Und hier auch von der Schulter ist mir die Haut herunter.“

„Du, Johnny, — das müssen wir abwaschen,“ unterbrach Fischer den Genossen und zeigte ihm ein kleines Stück Gold, im Werth von etwa anderthalb Dollars, das er in der an dem Stein sitzenden Erde gefunden, — „da sitzt auch noch mehr; am Ende lohnt sich’s doch des Abdeckens.“

„Laß den Quark jetzt, Fischer,“ rief John mit einer verächtlichen Handbewegung, — „ich bin eben dem Grabe entsprungen und feire heute meinen Geburtstag. — Keine Hand rühre ich mehr an.“

„Das ist recht, Johnny,“ rief Fischer, — „da giebst Du auch einen aus.“

„Ja, wenn wir das wissen, machen wir Alle Feierabend,“ riefen Fuchs und Starke.

„Und da gehöre ich denn ebenfalls mit dazu,“ versicherte Erbe; „ich bin auch mit Hebamme gewesen.“

„Wenn Ihr Alle so schnell zur Arbeit zu bringen wäret, wie davon,“ spottete Mad. Hilgen, „so gäbe es hier lauter reiche Leute.“

„Ich muß aber dann auch bei der Fete sein,“ meinte Hilgen mit einem schüchternen Blicke gegen die Frau, — „wenn Johnny seinen Geburtstag feiert.“

„Erst müssen wir unsere Maschine fertig haben,“ bestimmte die Gemahlin. „Wenn Du nachher das Werkzeug in’s Zelt gebracht hast, kannst Du gehen wohin Du willst.“

„Madame Hilgen,“ sagte Johnny, der seine Schmerzen, wie die überstandene Gefahr schon total vergessen zu haben schien, mit Galanterie, „Sie sind ein Muster der Frauen, und wenn mir denn heute Niemand Gutes wünscht, — denn ich feire wirklich an diesem Tage meinen Geburtstag, — so wünsche ich mir selbst dermaleinst eine solche Frau, wie Sie.“

„Na da gratulir’ ich,“ sagte Fischer lachend.

„Ei Herr Fischer, Sie sind ja ein recht grober Mensch!“ rief Madame Hilgen, mit dem Finger drohend.

„Ich habe ja Johnny blos zu seinem Geburtstage, nicht zu einer Frau gratulirt, Madame Hilgen,“ rief aber dieser, sich vertheidigend. Fuchs meinte jedoch, von dem vielen Reden bekämen sie Nichts zu trinken und er selber habe, was er auch bei den anderen voraussetze, einen sträflichen Durst.

„Ich kann auch nicht sagen, daß ich satisfied wäre“ meinte Erbe, „und da ich gerade mit meiner Arbeit fertig bin, gehen wir am besten gleich.“

„Halt!“ sagte Johnny, „die Pfanne steht noch in der Höhlung. Die dürfen wir nicht stehen lassen, — es ist wenigstens für sechs bis acht Dollars Gold darin.“

„Ja ich klettere nicht hinab und wenn zehn Pfannen da ständen,“ erklärte Fischer.

„Ich auch nicht,“ meinte Johnny, „ich bin einmal gut weggekommen — das hieße Gott versuchen.“

„Unsinn,“ sagte Starke, der von Natur sehr gutmüthig war — „die Pfanne wollen wir schon herauskriegen,“ und da Niemand etwas dagegen hatte, kroch er unter den Abhang und hatte sie auch bald darauf, gefüllt wie sie war, herausgezogen.

„Das soll die erste Flasche Champagner geben,“ rief Johnny, indem er die Pfanne anfaßte und zum Wasser trug, sie noch rasch auszuwaschen. „Dann wollen wir zu Mittag essen, Kinder, und nachher haben wir Feierabend.“

Hungrig bin ich gerade nicht,“ meinte Erbe.

Hilgen ging indeß mit seiner Frau auf den Arbeitsplatz zurück, die Uebrigen reinigten ihre Maschinen und trugen das ausgewaschene Gold in den Pfannen nach Hause. Nur Erbe, der an diesem Morgen noch kein Handwerkszeug angerührt hatte, ließ seine Hände in den Taschen, und schlenderte langsam seinem Zelte zu, sich etwas Thee zu bereiten und dazu ein Stück Schiffszwieback und Speck zu essen. Anderes war in der Gegend herum kaum zu bekommen.

In der Nähe hielt ein Amerikaner ein Trinkzelt, in dem die Deutschen gewöhnlich des Abends zusammenkamen. Selten aber nahmen sie, außer Johnny, an den in einem Nebenzelt gehaltenen Hazardspielen Theil, sondern hielten sich mehr „an die Getränke“ bis sie den gehörigen Grad geistiger Lebendigkeit erreicht hatten, und zu singen anfingen. Das war dann auch wieder reiner Profit für den Wirth, denn besonders Fischer sang sehr gut und lockte oft damit die ganze stets durstige Nachbarschaft in den kleinen Raum.

An diesem Abend, als einer besonders feierlichen Gelegenheit, waren sie aber außergewöhnlich lustig und Johnny besonders ging ganz aus sich heraus, erzählte tausend Anekdoten aus seiner fröhlichen Gesellenzeit in Frankreich, von der hübschen Meisterstochter, der er sein Herz dort gelassen, und seinen tollen Streichen. Von seiner Auswanderung nach Amerika, der Fahrt nach Californien, den ersten Ansiedlungen dort, und wie ihn dann der Teufel geplagt habe sein Geschäft in San Francisco an den Nagel zu hängen und in die Minen zu gehen.

Wenn er zu diesem Punkt seiner Erzählung kam, wurde er stets melancholisch; denn er hatte damals ein hübsches Vermögen zum Fenster hinaus geworfen. Aber mit einem Satz sprang seine Phantasie nach Frankreich zurück, und er begann dann mit Fuchs französisch zu sprechen.

„Ach was,“ — rief Erbe dazwischen — „tahkt daß man’s unterständen kann — das soll ja der Teufel herauskriegen, was Ihr da mitsammen schwatzt.“

„Mr. Fuchs,“ sagte in diesem Augenblick der Wirth, „heute ist auch ein Brief mit für Sie von San Francisco heraufgekommen — beinahe hätt’ ich’s vergessen, — hier — ein Dollar, funfzig.“

„Briefe?“ rief Johnny aufspringend, — „und keiner für mich? — eine Million für einen Brief.“

„Woher erwartest Du Briefe, Johnny?“ frug Fischer, „von San Francisco?“

„Von Havre,“ lachte Hilgen. „Da wohnt die schöne Meisterstochter, die nun seit funfzehn Jahren nicht geschrieben hat.“

„Hilgen, Du bist ein — Ehemann,“ sagte Johnny mit Achselzucken; „ich kann Dir nichts weiter auf Deine Bemerkung erwiedern.“

„Hier sind alle die Briefe,“ unterbrach sie der zurückkehrende Wirth, und hielt Fischer etwa zehn oder zwölf Briefe hin, die heute, für dortige Miner bestimmt, durch einen der Leute, die hier oben ein Zelt hatten, heraufgebracht worden waren. Noch jetzt gehen diese Leute in San Francisco auf die Postoffice, lassen sich an Briefen geben, was für die Minen, nach denen sie gerade hinaufgehen, bereit liegt, zahlen ein geringes Porto dafür, und rechnen dann für den Brief ein — zwei Dollar Botengeld. Die Bestellungen, für die sie dort keine Liebhaber finden, nehmen sie selten oder nie wieder zurück, und es läßt sich denken, daß auf solche Art eine Menge Briefe für die wirklichen Eigenthümer verloren gehen müssen. So hatte der letzte Bote zwei für einen Mr. Fischer mitgebracht, weil Einer der Deutschen hier, wie er wußte, Fischer hieß. Es war aber keiner der rechte und beide blieben oben liegen. Für John Smith lagen wenigstens sechs dergleichen dort.

Fischer blätterte auch die andern Briefe durch. „Edward Hustings,“ murmelte er dabei vor sich hin, „William Roberts — Charles Roberts — John — ja, zum Henker,“ unterbrach er sich, seine Finger zwischen den Briefen lassend und Johnny dabei ansehend, „wie heißt Du denn eigentlich mit Deinem Zunamen, Johnny — hier ist einer für John Was — Wes — Wesley — Wetter noch einmal, ist das eine Pfote — ich habe Dich noch nie anders wie Johnny nennen hören, und das kann doch nicht so einfach auf der Adresse stehen.“

„Nein,“ sagte Johnny, den Hut, wie er dies fast hundert Mal des Tags that, vorn an der Krempe fassend und mit einem plötzlichen Ruck etwa sechs Zoll von links nach rechts rückend, wodurch die eigentlich vorn sitzen sollende Brosche alle vier und zwanzig Stunden etwa zwanzig Mal einen Zirkel um seinen Kopf beschrieb — „nein, die Briefe müssen französische Adresse haben an Monsieur Jean Stülbeng.“

„Stüllbeng — hm,“ brummte Fischer, „das ist ja gar kein deutsches Wort. Stammst Du denn aus Frankreich, Johnny? — Haben Sie schon ’mal einen solchen Namen gehört, Herr Erbe?“

„Nein,“ sagte Erbe kopfschüttelnd, „aber in Leipzig workte (arbeitete) ich einmal mit einem Gesellen zusammen, der hieß Sturzmeier, was auch ein sonderbarer Name ist.“

„Ja Herr Erbe,“ sagte Fischer lachend und ihm zunickend, „aber wie buchstabirst Du denn den, Johnny?“ „S — t — ü — asch —“

„O bleib mir mit Deinem ash vom Leibe, Johnny,“ unterbrach ihn aber Fischer — „Du weißt ich verstehe von Deinem Französischen Nichts, damit mußt Du mich ungeschoren lassen. Da — hier ist ein Bleistift — da schreib ihn einmal auf die Karte, nachher werden wir ja sehen.“

Johnny nahm eine der alten auf dem Tische herumliegenden Karten und schrieb mit kühnem Zuge den Namen, den er dann Fischer hinhielt. Dieser las:

„Jean — Stu — Stuhlbein — bei Gott!“ rief er laut auflachend — „und wie sprachst Du das aus, Johnny?“

„Well!“ meinte Erbe, und durch das breite dicke Gesicht zuckte es ihm nach allen Seiten hin — „das ist doch am Ende ein deutscher Name — Jean heißt ja wohl Hans?“

„Laßt mir Napoleon zufrieden,“ rief aber Fuchs dazwischen, während der Kleine finster die Brauen zusammenzog — „es ist heute sein Geburtstag, und da dürfen wir ihn nicht ärgern. Wir sitzen aber meiner Meinung nach verdammt trocken hier — hallo Jean, was sagst Du dazu?“

„Nun,“ sagte Johnny, dadurch freundlicher geworden und die Broche verschwand hinten am Hut, „dann, denk’ ich, bleiben wir jetzt bei französischem Weine — der Medoc, den Drewler hier hat, ist wirklich ausgezeichnet und auch billig — nicht wahr, Drewler, nur fünf Dollar die Flasche?“

„Kann’s wahrhaftig nicht unter sechs, Mr. Johnny,“ sagte aber dieser achselzuckend — „die Fracht ist zu enorm theuer hier herauf, und der Wein jetzt auch schwer zu bekommen in San Francisco.“

„Eh bien! dann geben Sie uns einmal — wie viel sind wir, sechs — eh bien! sechs Flaschen Medoc, setzen Sie’s nur mit auf meine Seite zu dem übrigen — es ist heute mein Tag. Ich glaube, Mr. Erbe’s Geburtstag ist heut in acht Tagen.“

„Meiner?“ sagte Erbe schnell und erstaunt aufsehend, „yes, wenn ich auf solche Art dazu komme, als wie Sie hinte, dann könnt’s passiren — sonst weiß ich gar nicht ob ich wirklich einen habe.“

„Das wäre mir aber lieb,“ lachte Fischer mit seiner feinen Stimme, „nicht wahr, Johnny, dann könnten wir ihm einen geben — dann taufen wir ihn, wenn wir gerade einmal durstig sind.“

„Wenn dann alle Heiden so schnell gebapteist würden,“ sagte Erbe, die rechte Hand aus der Tasche nehmend, denn der Wirth setzte eben ein Glas vor ihn hin, „dann sollten bald keine Ungläubigen mehr existiren.“

„Der Erbe mißhandelt doch das Deutsch auf eine schmähliche Weise,“ lachte Johnny und schenkte sich sein Glas voll. Erbe aber, der ebenfalls solcher Art sehr angenehm beschäftigt war, sah mit einem höchst trocknen Blick, die linke Hand aber dabei noch immer in der Tasche, nach Johnny hinüber und sagte:

„Na heren Se Mister Stuhlbeen.“

„Wißt Ihr denn, wie es Kramer und Schütten gestern Nacht hier oben in Creek ergangen ist?“ fragte Starke, der bis jetzt kein Wort gesprochen hatte, „vorhin beim Essen kam Louis von oben herunter und erzählte uns die Historie.“

„Wie denn?“ forschte Hilgen. — „Die machen famos aus da oben, und sollen ein höllisch reiches Loch in Arbeit haben.“

„Na, also gestern,“ berichtete Starke, „hatten sie wieder hinunter gegraben, bis sie auf die grüne Lehmerde kamen, die hier ja auch am reichsten ist und wo das Gold eigentlich erst drin liegt. Weil es dunkel wurde, ließen sie ihr Werkzeug drin und gingen nach Haus, am nächsten Morgen das Gold herauszusuchen. Wie sie aber heute Morgen wieder an ihren Fleck kommen, hatten sie das gar nicht mehr nöthig, denn das Nest war beinah leer, das gröbste wenigstens Alles rein herausgelesen.“

„Da müssen sie doch die Erde mit fortgenommen haben,“ sagte Fischer.

„Bewahre, bei Licht haben sie’s gethan,“ rief Starke, „ein halbes Licht hatten sie drin vergessen, das lag noch in der Ecke und die Fußspuren waren überall abgedrückt.“

„Und haben sie gar keinen Verdacht?“ fragte Johnny.

„O ja, starken noch dazu — natürlich frugen sie gleich überall nach und machten es bekannt, und bekamen denn auch heraus, daß zwei Amerikaner gestern im nächsten Store zwei Pfund eben solcher Lichte gekauft hatten. Aber was können sie ihnen damit beweisen? gar Nichts. Das Gold, was die herausgegraben haben, kennt ja keiner von ihnen, also schwören können sie gar nicht darauf, und englisch verstehen sie auch nicht, was sollen sie also machen. — Und dann sind’s noch dazu Amerikaner.“

„Und wenn sie Gott weiß was wären,“ rief Fischer. — „Caracho, wenn sie mir einmal auf die Art in’s Gehege kämen, ich wollte ihnen zeigen, wie viel Pulver meine Flinte schießt.“

„Ja da weiter hinauf soll schmähliches Gold sitzen,“ — meinte Johnny. — „Ich habe auch große Lust, es da oben noch einmal zu versuchen. Aber Ihr trinkt ja gar nicht. Donnerwetter, Fischer, Erbe hat wieder ein leeres Glas vor sich. Du mußt ein Bischen auf Deine Nachbarn passen.“

„Nu, ich denke,“ sagte Fischer, „wenn ich den in vollen Gläsern halten wollte, da hätt’ ich eine lebenslängliche Anstellung, — bei dem ist’s gerade, als ob’s in ein Sieb flösse.“

„Well, Mr. Fischer,“ sagte Erbe, und nickte, ihn von der Seite ansehend, bedeutungsvoll mit dem Kopf dazu. „Ihre Gurgel ist Ihnen auch nicht zugetied, und wenn Sie so fortfahren, so kann man Ihnen wenigstens prophezeihen, daß Sie einmal der Durst nicht killt (umbringt).“

„Sagen Sie einmal, Herr Hilgen,“ frug jetzt Fischer, die beiden Ellbogen auf den Tisch gestützt, mit freundlichem Blick zu diesem hinüber, — „die Leute hier in der Gegend behaupten Sie hätten einen neuen Platz aufgefunden, der überreich sein soll. Ist denn da was dran?“

„Unsinn!“ sagte Hilgen und leerte sein Glas, schien aber doch verlegen zu werden. „Ich bin ja gar nicht prospectiren gewesen. Ich hatte nicht einmal Werkzeug mit, und habe nur ein paar Mexikaner arbeiten sehen; weiß aber der liebe Gott, ob sie Gold fanden oder nicht. Sagen thun sie’s Einem doch nicht, wenn man sie auch frägt.“

„Sind gute Burschen das,“ lachte Fischer, „wenn man sie anredet, ob die Arbeit was ausgiebt, ist die ewige unausbleibliche Antwort: Si — poquito Señor (ja, ein Bischen), aber, Herr Hilgen, ich glaube doch nicht, daß Ihre Sache so recht richtig ist. Ihre Frau will auch nicht mit der Sprache heraus, und das ist immer ein böses Zeichen. Aus alter Freundschaft sollten Sie uns doch wenigstens reinen Wein einschenken.“

„Laßt uns ein Bündniß schließen, Freunde! Brüder!“ rief Johnny plötzlich, in Begeisterung auf den Tisch schlagend, „ein Bündniß zu Schutz und Trutz — mit einander zu leben und zu sterben. Fort mit schnödem Eigennutz — fort mit der Gier nach jenem nichtswürdigen Metall, jenem ekelhaften Gold. Manneswürde — Mannesfreundschaft — was giebt es Höheres als dies auf der Welt. Ihr wollen wir uns weihen. Vom Norden und Süden, vom Osten und Westen sind wir zusammengeschneit aus Deutschland, aus den vereinigten Staaten, aus Chile, aus dem schönen — o, dem wunderschönen Frankreich, ma belle France. Selbst aus Texas sitzt dort ein Individuum“ — Erbe guckte hoch auf — „aus allen Theilen der Erde sind wir hier zusammengekommen, Deutsche — biedere, rechtschaffene, treue Deutsche, und so laßt uns denn ein Bündniß beschwören, Alle für Einen und Einer für Alle zu stehen. Jeder schaale Eigennutz sei bei Seite geworfen, jede unedle Leidenschaft unterdrückt, und unsere sechs deutschen Herzen glühen in einer reinen Liebesflamme zusammen auf. Was der Eine hat, habe der Andere; was dem Einen fehlt, fehle dem Anderen, und hier ist meine Hand zum großen, zum herrlichen Männer-Bündniß, das seines Gleichen noch nicht hat auf der weiten Gotteswelt.“

Johnny streckte, sich zu seiner ganzen Länge emporrichtend, — was eben nicht viel war — die rechte Hand offen über den Tisch, und Fischer und Fuchs schlugen ein — Starke und Hilgen sahen sich verdutzt an, und Erbe hatte seine rechte Hand halb aus der Tasche, ließ sie indeß vorläufig noch stecken, erst abzuwarten, ob sie auch wirklich nöthig wäre, ehe er sie unnütz der Abendluft aussetzte.

„Eure Hände her, Männer!“ rief aber Johnny, wie von einem höheren Geiste beseelt, „Eure Hände — Mr. Drewler, Champagner (dieser Zuruf galt dem Wirth) Champagner, dies Bündniß zu besiegeln“ — fuhr er fort — „zu Schutz und Trutz, wir deutschen Männer in Californien.“

Diesem letzten Grund, d. h. dem Champagner, konnte selbst Erbe nicht widerstehen, und Starke und Hilgen legten ihre Hände ebenfalls in Johnny’s Rechte.

Die Amerikaner, die im Zelt herum standen und lehnten, traten näher zum Tische, da sie wohl erkannten, daß etwas Ungewöhnliches vorging. Von den Verhandlungen selbst konnten sie freilich Nichts verstehen, doch kannten sie Alle den kleinen Schneider und wußten, daß er manchmal an schwärmerischen Einfällen litt. Johnny fuhr unbeirrt fort:

„Hier halte ich Euch, Bürger einer neuen Welt — Erbe, nehmt die andere Hand auch aus der Tasche, es ist dies ein feierlicher Act — Bürger einer neuen Welt sag’ ich, aus deren kalten, eigennützigen Herzen ich endlich einmal einen Funken Menschlichkeit herausgeschlagen habe, hier halte ich Euch an Euren Händen und an Eurem Männerwort. Aber es hat Mühe gekostet. Es mußte erst alles Schlechte und Gemeine, was in Euch steckt, förmlich ersäuft werden und das keineswegs mit Wasser.“

„Johnny hat doch ein höllisches Maulwerk,“ sagte Fischer, freundlich grinsend. „Es geht ihm nur so vom Munde weg wie — wie am Fädchen.“

„Und grob ist er wie Bohnenstroh,“ sagte Erbe, „ich „„wundere nur““ wo er hinaus will.“

„So, nun laß aber wieder los,“ bemerkte Fuchs und suchte seine Hand aus dem Knäuel herauszubekommen, „da ist der Champagner und der darf nicht warm werden.“

„Herr Hilgen,“ nickte Fischer, während er den neben ihm sitzenden Johnny mit dem Fuße anstieß, diesem zu, „das ist schön, so sind wir auf einmal Brüder geworden und dürfen nichts mehr vor einander geheim haben. Jetzt werden Sie uns ja wohl sagen, wo der gute Fleck ist. Die Amerikaner verstehen uns nicht, lassen Sie die ruhig zuhören.“

„Schon diese Frage ist eine Beleidigung, Fischer!“ rief Johnny dagegen, der indeß den ersten Kork hoch in die Zeltspitze hineinsandte. „Bürger Hilgen hat jetzt das Wort. Ich sehe, daß er vor Begierde brennt, seine aufrichtige Mittheilung zu machen.“

Hilgen sah sich in eine peinliche Bedrängniß versetzt, denn wußte er wirklich eine hoffnungsvolle Stelle, so durfte er sie schon seiner Frau wegen keinem Anderen verrathen. Vor allen Dingen trank er einmal. Dann sagte er halb lächelnd, halb ernsthaft:

„Aber so treibt doch keinen Unsinn. Wenn ich einen reicheren Platz wüßte, da blieb ich ja doch nicht hier sitzen, sondern ginge gleich auf und davon.“

„Das scheint natürlich,“ sagte Starke.

„Ja aber Herr Hilgen,“ — fuhr Fischer fort — „Sie haben ja auch heute wieder aufgehört hier zu arbeiten, werden Sie denn da morgen wieder anfangen? an diesem selben Creek?“

„Du lieber Gott,“ erwiederte Hilgen und ließ sich sein Glas von Neuem vollschenken, „das weiß ich wahrhaftig nicht. Ich hatte eigentlich Lust, einmal prospectiren zu gehen.“

„Also Bürger Hilgen,“ fuhr Johnny aufstehend und die Hand feierlich gegen ihn ausstreckend fort, „so leugnen Sie hiemit jede Wissenschaft irgend eines aufgefundenen oder auch nur, vermutheten außergewöhnlich reichen Goldnestes?“

„Aber ich weiß ja wahrhaftig gar nicht was Ihr redet,“ klagte Hilgen, „Ihr seid wohl verrückt geworden.“

„Um ganz sure zu gehen,“ meinte Erbe, „könnte man ihm ja nur einmal einen Schwur abtäken.“

„Halt,“ sagte Johnny, den Arm emporwerfend und mit einem plötzlichen Ruck die Broche seines Hutes grade über das linke Ohr bringend, „noch wollen wir nicht anfangen an der Menschheit zu verzweifeln, noch haben wir keine Ursache, Hilgen so schmählich zu mißtrauen.“

„Dennoch, Herr Hilgen,“ sagte Fischer, „schlage ich vor, daß wir Ihnen ein Bischen auf die Finger sehen, oder vielmehr auf die Füße aufpassen, sonst brennen Sie uns doch am Ende trotz aller Brüderlichkeit durch.“

„Donnerwetter, Fischer, halten Sie den Flaschenhals da nicht so lang in den Händen,“ mischte sich jetzt auch Fuchs in das Gespräch. „Mein Glas ist so trocken, daß es ordentlich stäubt.“

„Und nun ein Lied!“ rief Johnny. „Wir sind hier ächte Deutsche, zusammen und müssen singen. Wer fängt an? Du Fischer, Du hast die beste Stimme.“

„Allons enfans de la patrie“ begann dieser.

„Le jour de gloire est arrivé“ donnerte Johnny mit los, um sich durch alle sieben Verse der Marseillaise durchzuarbeiten. Die Anderen tranken. Es war indessen draußen dunkel geworden. Hilgen stand auf, indem er sagte, er müsse noch Feuerholz in sein Zelt tragen, sonst könne seine Frau heute Abend nicht einmal ihren Thee kochen.

„Aber Sie kommen doch wieder, Herr Hilgen?“ fragte Fischer.

„Gewiß, in einer halben Stunde bin ich zurück,“ erwiederte dieser und verschwand aus dem Zelt.

Die „Fahnenwacht“ und eine Menge Lieder kamen nach der Marseillaise an die Reihe. Fischer hatte ebenfalls Champagner aufsetzen lassen. Starke und Fuchs folgten dem Beispiele und es mochte etwa eine Stunde seit Hilgen’s Entfernung vergangen sein, als Johnny, nachdem er das Zelt einen Augenblick verlassen hatte, sich neben Fischer setzte, diesen heimlich anstieß, ihm zublinzte und dann nochmals hinausging. Andere Gäste hatten sich theils um den Tisch gestellt, theils Platz daran genommen. Englische Lieder wechselten bereits mit deutschen ab. Fischer aber, sobald er es unbemerkt ausführen konnte, stand ebenfalls langsam auf, steckte eine frische Cigarre an und folgte Johnny.

Johnny erwartete ihn draußen mit Ungeduld.

„Sie sind wahrhaftig los,“ flüsterte er dem Gefährten hastig zu, als sie das Zelt im Rücken hatten. „Ich hab’s wohl geahnt. Nun komm, Fischer, wir wollen ihnen nach.“

„Wer ist los? — Was ist los?“ sagte aber Fischer, der erst glaubte, Johnny habe wieder einen von seinen nicht selten tollen Streichen im Kopfe, „komm Napoleon, mach’ keinen Unsinn.“

Was Johnny hier vorhatte, betraf aber eine „Geschäftssache“ und darin trieb er selten oder nie Unsinn. Fischer jedoch auch ohne Weiteres über seine Entdeckung aufzuklären, sagte er rasch aber leise:

„Hilgen ist eben mit seiner Frau und Sack und Pack da oben den Pfad hinaufgegangen.“

„Hilgen?“ rief Fischer erstaunt, „aber wohin?“

„Das wollen wir bald herauskriegen,“ lachte Johnny, „sie können noch keine Viertelmeile Vorsprung haben, und der Pfad läuft hier steil den Berg hinan und geht weder links noch rechts ab — komm nur, das können wir Alles unterwegs besprechen. Ha der schlaue Fuchs, das ist seine deutsche Redlichkeit.“

„Ja Fuchs,“ lachte Fischer, „wollen wir denn da von wegen der deutschen Redlichkeit, den andern Fuchs mit Zubehör auch mitnehmen?“

„Fällt mir nicht ein,“ rief Johnny rasch, „schlägst Du meinen Juden, schlag ich Deinen Juden.“

Und ohne Fischer weiter eine Einwendung zu gestatten, faßte er ihn am Arme, und zog ihn mit in den Pfad hinein, der etwa hundertfünfzig Schritt vom Zelt vorüberführte.

„Aber wie hast Du die vom Zelt aus nur in der Dunkelheit erkennen können?“ frug Fischer, immer noch zweifelnd — „wenn Du Dich nur nicht geirrt hast.“

„Das war Vorsehung — Schicksal — was mich geleitet hat, Fischer,“ sagte aber Johnny ernst — „Ich stand vor dem Zelt und dachte daran, wo Hilgen nur bliebe und da fiel mir’s ein hier einmal die kurze Strecke nach dem Hügel hinaufzugehen, von wo aus ich sehen kann, ob Hilgen Licht in seinem Zelt hat oder nicht. Kaum bin ich aber hier oben, als mir die ganze heilige Caravane, Madame Hilgen mit dem Esel und ihrem Manne, fast auf den Hals kam — ich behielt eben noch Zeit, mich hinter einen alten dort liegengelassenen Baumstumpf zu werfen. Gerade als sie bei mir vorbeigingen, sagte Madame Hilgen lachend — „Wenn sie jetzt dort im Zelte wüßten, daß wir hier bei Nacht und Nebel fortziehn, wie sollten sie da so schnell hinter uns her sein. Also sie wollten aus Dir heraus haben, wo es wäre?“ — „O sie waren wie verteufelt drauf,“ antworte Hilgen, „besonders Fischer und der kleine Napoleon“ — weiter konnte ich aber nichts hören und machte auch rasch daß ich zurückkam, Dich zu holen. Nun aber still — wir dürfen kein Wort mehr mit einander reden, denn sie könnten auch ebensogut einmal angehalten haben, und wenn sie merken, daß sie verfolgt werden, ist Madame Hilgen schlau genug, hier irgendwo abzubiegen und lieber ihren Mann und uns die ganze Nacht spatzieren zu führen, ehe wir durch sie herausbekommen sollten wo sie hinwollen.“

Schweigend und lautlos verfolgten sie von da ab ihren Weg, bis sie von weitem die kleine Caravane hörten, und nun dicht, aber sich wohl hütend nicht gesehen zu werden, in ihren Fährten blieben.

Fischer hatte übrigens kaum das Zelt verlassen, als Fuchs Starke anstieß und leise sagte:

„Du — Starke — Johnny hat irgend ’was auf dem Kieker, der winkte eben Fischer, und ist wieder hinausgegangen — wenn wir nun einmal sähen, wo die blieben.“

„Ach laß sie,“ sagte Starke, der noch einen Rest in der einen Flasche sah, „wenn die ’was besonderes hätten, sagten sie’s uns auch — komm, schenk noch einmal ein.“

„Ne, ne,“ fuhr aber Fuchs dringender fort — „komm einmal mit heraus, wir wollen wenigstens sehen was sie haben, nachher können wir ja immer wieder zurückkommen.“

Während Einer der Amerikaner gerade eine endlose langweilige Ballade von irgend einer Seeschlacht mit monotoner Stimme ableierte, standen die Beiden auf und verließen das Zelt.

Erbe saß jetzt allein auf der Bank, war aber keineswegs so vernagelt, daß er nicht hätte Unrath merken sollen. — Erst trank er jedoch vor allen Dingen die Flasche leer, die noch halb gefüllt vor ihm stand, damit der weiter kein Unglück passiren könnte, dann steckte er die rechte Hand wieder in die Tasche und simulirte.

„Well, wenn das unsere deutsche Treue und Einigkeit ist, so will ich auch Spießruthen laufen — lassen Einen hier ganz allein sitzen und putten ihre Köpfe zusammen — aber wart Johnny — wenn das so ist, wie ich’s calculire, dann sollst Du doch hell ketschen (to catch hell was tüchtiges abkriegen). Doch ne,“ fuhr er dann fort — „so ganz ruhig will ich sie auch nicht abtravveln lassen!“ Und damit stand er auf, rückte sich die Mütze noch ein klein wenig mehr auf die Seite und verließ, ganz in seiner gewöhnlichen Art, nur heute mit einem etwas außergewöhnlich rothen Gesicht, das Zelt. Als er übrigens hinauskam, war Niemand mehr zu sehen wie ein Neger, der eben sein Pferd an das kleine, zu dem Zwecke dort angebrachte rack band.

„Hallo Mister!“ frug diesen Erbe auf englisch, „habt Ihr nicht eben ein paar Männer hier fortgehen sehn?“

„Yes Massa,“ sagte der Schwarze freundlich — „gingen eben da den Hügel herauf, wie ich herunter kam — können nur eben jetzt in dem kleinen Weg sein, der oben hinläuft.“

„Ahem? — danke, aber stop — seid Ihr weiter Niemand begegnet?“ —

„Ich,“ — sagte der Schwarze — „nein — ja doch, ein Stück am Berg dort hinauf einer weißen Frau auf einem Esel und einem Mann.“

„Phssss“ — pfiff Erbe zwischen den Zähnen durch — „so türnt sich die Sache rum — aber wart’.“ Und damit verließ er dießmal rascher als seine Art war, das Zelt, und stieg mit schnellen Schritten den Hügel hinan, der sich dort schräg hinauf und einer bedeutenderen Bergkette zuzog.

Hilgen und seine Frau wanderten indessen auf dem schmalen, bei Nachtzeit keineswegs bequemen Wege weiter. Der Mann blieb allerdings manchmal stehen, zu horchen ob ihnen auch Niemand folge; Fischer und Johnny aber waren viel zu vorsichtig, ihre Gegenwart ahnen zu lassen. Sie hielten sich in der gehörigen Entfernung, und da sie beide mit der Gegend umher bekannt genug waren, wurde es ihnen nach kaum einstündigem Marsche nicht schwer zu errathen, wo eigentlich das Ziel ihrer Wanderschaft liege. Endlich senkte sich auch der Weg wieder thalab, und einem ziemlich steilen aber breiten Gulch zu, woran fast noch gar nicht gearbeitet war. Untersucht hatten sie den Gulch selbst schon einmal, aber, wie das gewöhnlich geschieht, nur oberflächlich. Je weniger sie zweifelten daß Hilgen hier Halt machen würde, um so behutsamer eben folgten sie. Der Esel, der über den ungewohnten Nachtmarsch mißvergnügt sein mochte und fortwährend schnob und prustete, stand schließlich an einem umgestürzten Baume still, ward seines Gepäcks entladen, und bald loderte neben ihm ein lustiges Feuer in die klare Nachtluft hinauf.

Fischer und John zogen sich jetzt zurück, zu berathen, was sie eigentlich thun sollten. Wie sie aber leise den schmalen Hirschpfad, den sie niedergekommen, wieder aufstiegen, außer Gehörsweite der „flüchtigen Familie“ zu gelangen, rannten sie beinahe gegen Fuchs und Starke an, die, der letztere voraus, etwas rascher vorwärts eilten, ihre Vorgänger nicht zu verlieren.

„Herr Je!“ rief Starke — Fischer packte ihn aber gleich und bedeutete ihn stille zu sein und Fuchs lachte, während Johnny im ersten Augenblick ein wenig verlegen schien. — Das gab sich aber bald, und die vier Verbündeten gingen nun etwa eine halbe Meile den Berg wieder hinauf und hielten dort Kriegsrath, was sie jetzt thun wollten. Es verstand sich von selber daß sie heute Nacht nach ihrem Zelte zurückkehrten; Fischer und Fuchs stimmten aber dann dafür, daß sie gleich am nächsten Morgen mit ihrem ganzen Geschirr herüberkämen und der „Familie Hilgen“ einen Besuch abstatteten, während Johnny vollkommen dagegen war.

„Verlassen wir jetzt ebenfalls den Mormongulch,“ schloß er ganz richtig, „so ist der Teufel los. — Alle Welt weiß dann auf einmal daß die Deutschen einen neuen Platz gefunden haben, nach dem sie Alle heimlich aufgebrochen sind, und das ganze Amerikanische Gesindel, das ohnedieß den ganzen Tag in den Bergen herumliegt, stiebte augenblicklich nach allen Richtungen auseinander, uns aufzufinden. Das würde ihnen dann bald gelingen, denn dieser Gulch liegt gar nicht so weit aus dem Weg. Ueberdieß wissen wir nicht ob der Platz wirklich so reich ist, wie jetzt Hilgen zu glauben scheint, und das können wir also jedenfalls erst einmal ruhig abwarten. Bleibt Hilgen hier, dann ist es ein Beweis daß er recht hatte, und dann verlieren wir uns so langsam ohne viel Aufhebens zu machen, vom Mormongulch weg, — ist er aber nicht so gut, dann kommt Hilgen schon früher wieder von selber zurück, und dann können wir ihn eben so gut auslachen und haben noch außerdem einen jedenfalls beschwerlichen Umzug erspart.“

Dieser Vorschlag war zu vernünftig, als daß sich die Andern nicht vollkommen einverstanden damit erklärt hätten. — Starke war es überdem gleich, was sie machten, solange er nur nicht selber über etwas nachzudenken brauchte.

„Aber wo ist denn Erbe eigentlich geblieben?“ frug Fischer, sich jetzt erst nach diesem umsehend, „habt Ihr ihn mitgebracht? oder ist er allein zurückgeblieben?“

„Mitgebracht?“ lachte Fuchs — „habt Ihr uns etwa auch mitgebracht? Nein, Erbe sitzt jetzt noch wahrscheinlich bei den Weinresten, und wartet auf unsere Zurückkunft, und ich glaube es ist auch das gescheiteste was wir thun können, daß wir selbst noch heut Abend in das Zelt zurückgingen und uns wenigstens dort zeigten, denn übrig wird der Doktor wohl nichts gelassen haben.“

Dem stimmten die Andern bei und die vier Männer marschirten jetzt, rascher als sie gekommen, und von dem aufsteigenden Mond begünstigt, nach ihrem alten Lagerplatz, den sie etwa um zwei Uhr erreichten, zurück. In dem Amerikanischen Trinkzelt war allerdings noch Licht sowohl als Gesellschaft, denn die Spieler saßen dort oft bis zum hellen Tageslicht — von Erbe aber nicht die Spur mehr zu sehen und der Wirth behauptete, daß er gleich unmittelbar nach den anderen Herren das Zelt verlassen, vorher aber noch sämmtliche Rester ausgetrunken habe. Das war viel zu wahrscheinlich, auch nur einen Augenblick an der Wahrheit dieses Berichts zu zweifeln, und die Viere zerbrachen sich jetzt nur den Kopf, was aus ihm könne geworden sein.

„Geworden?“ meinte Starke erfreut, — „er wird in seinem Zelte liegen und schlafen.“

Das war eine neue Möglichkeit und Starke wurde abgeschickt es zu untersuchen. Starke kam indeß nach etwa zehn Minuten wieder zurück und meldete, das Zelt sei nicht nur leer, sondern die darin liegende Decke kalt und unberührt, und Erbe habe es keinen Falls heute Abend noch betreten.

Was war nun aus ihm geworden? — selbst der nächste Morgen, der nächste Abend brachte keine Spur von dem Vermißten, und drei volle Tage vergingen, ohne daß irgend Jemand hätte angeben oder auch nur muthmaßen können, was aus ihm geworden sei. Die Deutschen dort fürchteten auch schon, es könne ihm ein Unglück zugestoßen sein, als er eines schönen Morgens, die Hände, wie immer in den Taschen, die Mütze wie immer auf der Seite, das Gesicht, wie immer roth und fidel, den Gulch, wo die Uebrigen noch arbeiteten, herauf kam. Als er bei Johnny’s und Fischers Arbeitsplatz von diesen mit lautem Jubel begrüßt wurde und dort anhielt, sprangen Starke und Fuchs herbei, und Alle wollten nun von ihm wissen wo er die Zeit über gesteckt, und was er, ohne Decke, ohne Provisionen, ohne Handwerkszeug, selbst ohne Zelt die ganze lange Zeit über getrieben habe. Erst hielt er freilich zurück und suchte Ausreden zu machen, meinte, er sei „prospectiren“ gewesen etc. Die Andern ließen indessen nicht nach, und als sie ihn endlich, weil es doch bald Mittag war, mit ins Trinkzelt nahmen, konnte er einigen rasch auf einander folgenden Gläsern heißen Brandypunsches nicht länger widerstehen, und die ganze Geschichte kam heraus.

„Well,“ fing er hier in seinem tollen Kauderwelsch zu erzählen an, das ich dem Leser hier, nur der Probe wegen, einmal wörtlich wiedergeben will[5] „well, ich saß noch ganz innocent bei den Bottels und wußte von Nichts, bis Fuchs und Starke da auf einmal aufrehsten[6] und weggingen, da fiel mir unsere geschworene Treue und Einigkeit ein, und da kams mir in den Sinn, daß sie mich wohl hier mit der ganzen Eintracht wollten bei mir selber[7] sitzen lassen. Ich rehste also auch auf, und wie ich vor das Tent[8] komme, find’ ich da einen von den Schwarzen, der mir auf die Sprünge half. Erst hatte er zwei Männer den Hill[9] hinaufgehen sehen und oben auch noch einen Mann, eine Frau und einen Jackaß[10] getroffen. Nun wußt ich ja gleich woran ich war, und machte auf Curs[11] augenblicklich dahinter her. — Es dauerte auch nicht lange, so sah ich zwei dunkle Gestalten vor mir hintraweln[12] die alle Minuten schtoppten und horchten und dann wieder vorwärts marschirten. Ich konnte mir wohl denken, daß das Fuchs und Starke wären, und suchte nun mit ihnen aufzukiepen[13]. Gerade aber, ehe man auf den Hill hinaufkommt, und wie ich so ruhig fortlaufe und denke, daß Alles sicher ist, schtumble[14] ich und falle, weil ich die Hände zufällig in den Pockets[15] hatte, in so ein verwünschtes Hole[16] hinein, das dicht am Wege war. Glücklicher Weise fiel ich blos auf den Kopf und wurde nicht weiter gehürtet[17], wie ich aber wieder in die Höhe kam, mußte ich tüchtig zutraweln bis ich wieder Jemand vor mir merkte. Diesmal wars aber kein Mensch, sondern ich hörte das Schnauben eines Jackaß, und überlegte mir nun, daß Fuchs und Starke wahrscheinlich meine Schritte hinter sich gehört hätten und aus der Road[18] gegangen wären, um nicht gesehen zu werden. Das war aber kein Matter[19] so lange ich nur hinter Hilgens Jakaß blieb, aber auch das ein hart Stück Arbeit und kostete mir vielen Trubbel[20]. Einmal lief der Satan so rasch, daß ich kaum hinterher konnte, und dann schtoppte er wieder und wartete, als ob sie nach mir herüberhorchten. Ich hatte dann immer genug zu thun, daß ich mich irgendwo rasch hinter einen Schtump[21] oder Busch drückte, und Hill auf- und runter durch Wasserholes und Breiars[22] ging’s, bis er endlich, ganz oben auf einem steilen Hügel für gut[23] zu schtoppen schien. „Nun da sind die Minen gewiß nicht“ dachte ich so bei mir selber, wollte mich aber auch nicht melden und war überhaupt durch das Trinken vorher, und den langen Marsch so vollkommen aufgenockt[24] daß ich, wie ich kaum eine halbe Stunde so gesessen haben mochte, richtig in eine Dose fiel[25].

„Wo ist er ’nein gefallen?“ schrie aber jetzt Fuchs, der kein Englisch verstand und dem die Sache zu bunt wurde, Fischer und Johnny hatten überdieß schon Mühe gehabt, ihn abzuhalten, Erbe’s Bericht nicht alle Augenblicke zu unterbrechen, — „in eine Dose ist er gefallen, — was zum Donnerwetter ist das?“

„Ruhig, störe Herrn Erbe nicht,“ rief aber Fischer, der sich natürlich über die Erzählung köstlich amüsirte, „er ist eingeschlafen gewesen — fahren Sie fort, Herr Erbe.“

„Yes,“ sagte Erbe, und nahm erst noch einmal einen tüchtigen Zug, — „da ist nicht viel fortzufahren. Wie ich wieder aufwachte war es heller Tag, und clos zu mir[26] stand ein großer brauner Jackaß — und Hilgens haben einen grauen — und schrie und schlenkerte immer mit dem rechten Ohr, und dann sah er mich wieder an und schrie wieder. Ich lukte[27] erst um mich her, und wußte nicht recht wo ich eigentlich war; aber endlich fiel’s mir von gestern Abend ein, und nun schmellte ich eine Ratte[28].“

Fuchs wollte wieder Einspruch thun, Fischer verhinderte ihn aber daran und Erbe erzählte weiter.

„Durch Breiars und Wasserholes, über Hills und Rocks[29] hinweg, war ich fast die ganze Nacht dem verkehrten Jackaß nachgestiefelt, und einen Durscht hatt’ ich, o Herr Gott von Meißen, wie durschtig war ich. Wie ich mich denn aber nun auszufinden suchte, wo ich eigentlich wäre, krahlte[30] ich natürlich wieder den falschen Hill hinunter und kam an den Stanislaus. Dort fand ich glücklicher Weise einen guten Bekannten, und mit dem wollte ich, da ich doch gerade da drüben war, prospectiren gehen. Wir kamen aber nicht dazu, denn im Anfang hatte er sehr guten Brandy, und er sagte mir, er hätte sich schon lange Jemanden gewünscht, mit dem er prospectiren gehen könnte, und wir wollten nur erst den Brandy austrinken und dann lostraweln — und damit war ich auch vollkommen satisfeid[31]. Wie aber der Brandy alle war, kriegt ich so eine Art Heimweh nach dem Mormongulch, und da bin ich denn wieder herübergekommen.“

Erbe wurde natürlich seines Abenteuers wegen tüchtig ausgelacht, da er indes so viel ausgestanden hatte, erzählten sie ihm auch jetzt wo Hilgen und seine Frau arbeite, und daß sie Ende dieser Woche, wenn jene bis dahin nicht zurückgekommen wären, dorthin aufbrechen wollten.

Erbe war damit vollkommen einverstanden, und fast mehr noch durch den delikaten Punsch, als diese Mittheilung, über alles Ausgestandene getröstet. Hilgen kam aber nicht wieder, ja hielt sich, weil er sich noch vollkommen unentdeckt glaubte, so geheim, daß er nicht einmal seine Provisionen aus der Nachbarschaft des Mormongulch holte, sondern lieber einen viel weitern Weg nahm, von seinen „Verbündeten“ nicht gesehen und aufgespürt zu werden. Er erschrack auch nicht wenig, als diese am nächsten Sonntag plötzlich mit Sack und Pack vor seinem Zelt erschienen und ihm sämmtlich der Reihe nach um den Hals fielen und ihn umarmten, mußte übrigens wohl gute Miene zum bösen Spiel machen. Wenn er sich auch ärgerte, so überlistet zu sein, noch dazu da ihm Johnny wieder mit pathetischen Mienen sein gebrochenes Schutz- und Trutzbündniß vorhielt, kam Erbe doch auch wieder mit der Erzählung seiner Fahrten als Balsam dahinter her, und die kleine deutsche Colonie ließ sich an diesem Gulch jetzt gerade so nieder wie vorher an dem Nachbarbach. Da nun der Bach doch auch getauft werden mußte, und zwei Esel eine so bedeutende Rolle bei seiner Entdeckung gespielt hatten, (Erbe’s und Hilgen’s, welcher letztere ja durch sein fortwährendes Schnauben die Verfolger auf der richtigen Spur gehalten) so wurde er der „Jackaßgulch“ genannt. Diesen Namen hat er bis auf den heutigen Tag behalten, und in seinen Uferbetten sind selbst bis jetzt noch die reichsten Stellen Californischer Schätze gefunden worden.

Von all den Deutschen freilich, die dort arbeiteten, haben nur sehr wenige wirklichen Nutzen aus dem gezogen was sie damals gefunden; Hilgen und seine Frau ausgenommen. Madame Hilgen hielt zusammen, was sie Beide mit schwerer und wackerer Arbeit verdienten, errichtete auch noch später ein Kaffeehaus und einen Schenkstand, in dessen Casse manche Unze der Nachbarn floß. Beide Eheleute haben jetzt Häuser und Grundstücke mit einem boarding oder Kosthaus in San Francisco und sind auf dem besten Wege reich zu werden — wenn sie es nicht schon geworden.

Die Uebrigen verjubelten ihr Gold, wie sie es verdienten, hofften immer auf mehr und fanden bald zu ihrem Schrecken, daß die früher unerschöpflich geschienenen Minen in der That gar nicht unerschöpflich gewesen wären.

Um aber dem Leser einen Begriff zu geben, wie wenig damals das Gold geachtet wurde, und daß die ersten Berichte von Californien, so übertrieben sie schienen, dennoch Thatsachen zum Grunde hatten, will ich ihnen Starke’s Fall mittheilen.

Starke verließ, wie gesagt, den Mormongulch, nach dem Jackaßgulch hinüberzugehen, trotzdem daß er einen ausgezeichnet ergiebigen Platz auszubeuten hatte, ja noch an demselben Morgen, an welchem er sein Werkzeug zusammenpackte, in wenigen Stunden zwei Unzen Gold mit der Pfanne herauswusch. Die Unze Gold galt schon damals 16 Dollar. Nichts desto weniger glaubte er aber wo anders besser zu thun, und verkaufte das gegrabene und noch nicht halb ausgearbeitete Loch für eine Unze an einen Amerikaner. Dieser nahm noch 5000 Dollar heraus und verkaufte dann den Platz an einen Dritten für fünf Unzen, der ebenfalls wieder einige Wochen darin arbeitete. Niemand erfuhr, was der Letzte herausbekommen hatte, aber bald darauf verließ er Californien.

Der Mann an den es Starke verkaufte, stocherte schon in der ersten Stunde über anderthalb Unzen nur mit seinem Messer heraus, und als ich Starke ein Jahr später in Murphys Diggins fand, war er froh wenn er mit harter Arbeit noch so viel Dollars werth Gold finden konnte, als er früher in einem Tag Unzen gewonnen.

Johnny hatte seit der Zeit noch dreimal ein wirkliches Vermögen ausgegraben, und dreimal wieder verspielt und als ich ihn zuletzt sah, nicht Geld genug, sich neues Handwerkszeug zu kaufen, soll aber nachher eine reiche Stelle, jedenfalls zum Besten der nächsten Spielbank aufgefunden haben.

Doch in Californien zieht man gar wild die kreuz und quer umher und es würde mich gar nicht wundern, wenn der Leser und ich noch einmal Einem oder dem Andern unserer alten Bekannten in irgend einer der übrigen Minen begegneten.