Die französische Revolution.
Murphys neue Minen, oder Murphys New Diggins, wie sie von Amerikanern wie Deutschen, Franzosen und Spaniern genannt wurden, (obgleich sie auch manchmal sogar den allerdings noch nicht verdienten der „reichen“ bekamen) liegen an Angelscreek — der sich weiter unten in den Stanislaus ergießt. Sie bestehen theils aus kleinen Bergbächen, die von den Hügeln kommend in den größeren Bach oder Creek fließen, theils und hauptsächlich in der sogenannten Flat oder Barre, die durch eine Biegung von Angelscreek gebildet ist, und über deren Reichthum die fabelhaftesten Gerüchte verbreitet wurden. In der Zeit wo unsere kleine Erzählung spielt, Mitte Mai, war aber noch zu viel Wasser in den Quellen wie Bächen, als daß man schon tief in den Grund der Erde hätte hineingraben können. Für jetzt ließen sich also nur Vorbereitungen treffen die Arbeit, wenn die rechte Zeit (d. h. der Spätsommer) einmal kam, gleich mit Kraft und Energie zu beginnen. Solche Vorbereitungen waren aber: Pumpen bauen, Wasserrinnen ausschlagen, die abgesteckten Gruben bis auf das Wasser hinunterzugraben, d. h. w.
Während die Miner oder Goldwäscher selbst diesen Beschäftigungen oblagen, gab es noch eine andere Menschenclasse in „Murphys“, die nicht weniger eifrig ihren eigenen, von diesen aber verschiedenen Interessen oblag. Es waren dieß die in den Minen nur unter dem Namen „Store Keeper“ bekannten Händler oder Kaufleute, die Zelt nach Zelt in der Nähe des Flats bauten, Provisionen und Getränke einlegten und, den täglich mehr hinzuströmenden Arbeitern nach, hoffen durften ein recht einträgliches Geschäft den Sommer hindurch zu machen. Ein unternehmender Yankee stellte sogar eine Kegelbahn auf, Kosthäuser wurden errichtet, und die Spieler, diese Aasgeier des Geldes, kamen von allen Seiten herbei, um gleich an Ort und Stelle zu sein wenn die erste Ausbeute beginnen würde.
Unmassen von Franzosen, und zum großen Theil Basken, hatten sich ebenfalls in Murphys eingefunden, und eine Menge französischer Läden sprangen zwischen den amerikanischen auf. In diesen figurirten besonders einige Grisetten — jedoch sämmtlich aus dem Mittelalter — und eine von ihnen, die Jüngste, ging sehr zum Ergötzen der eben aus dem Innern Nordamerika’s kommenden Backwoodsburschen, denen bis dahin noch nicht einmal der Gedanke in den Kopf gekommen war, daß ein Frauenzimmer auch Mannskleider tragen könne, in kurzer Jacke, weiter Hose und weißem kek auf die Seite gestülptem Filzhut umher.
Auch Deutsche, Spanier und Engländer befanden sich in Murphys, die Franzosen waren ihnen aber an Zahl weit überlegen, und bildeten jedenfalls drei Viertheil der totalen Bevölkerung dieses kleinen Minenstädtchens.
Gerade zu demselben Zeitraum, und zwar in den letzten Tagen des April oder ersten des Mai, war ein Gesetz von der Californischen Legislatur erlassen worden, daß sämmtliche fremde Goldwäscher in den Minen Californiens mit einer monatlichen Taxe von 20 Dollars belastet werden, und falls sie das nicht bezahlen wollten, oder nicht im Stande seien es zu entrichten, ohne weiteres die Minen verlassen sollten. Würden sie hiernach aber dennoch wieder an einer andern Mine, ebenfalls mit Goldwaschen beschäftigt betroffen, so sollte dieß als ein Vergehen gegen den Staat angesehen und als solches bestraft werden etc.
Man kann sich denken welchen Eindruck die Bekanntmachung dieses Gesetzes auf die „fremden Goldwäscher“ machte, und selbst die Vernünftigen unter den Amerikanern schüttelten darüber den Kopf, und meinten das sei ein unsinniges Gesetz und würde viel unnöthigen Spectakel und Unfrieden machen. Die Franzosen besonders schimpften und raisonnirten auf das freisinnigste; erklärten das Gesetz für infam, und beschlossen nicht einen Cent zu zahlen. Unter den Deutschen waren einige Elsasser die ihnen besonders beistimmten, und die Basken holten ohne weiteres ihre Musketen und Flinten vor, indem sie erklärten: es sei das Beste, sich gleich von vorn herein in den Vertheidigungszustand zu setzen, damit die Amerikaner Respect bekämen.
Die Amerikaner kümmerten sich aber gar nicht um sie. Bis jetzt war die ganze Sache überhaupt noch viel zu neu, um schon ernstere Maßregeln im entferntesten nöthig zu machen. Dem Gesetze nach sollten gewisse Collectoren die verschiedenen Minen bereisen, und bis diese, oder einer von diesen nicht nach Murphys selber kam, ließ sich gar nichts in der Sache thun.
Es war ein wundervoller Abend in der letzten Hälfte des Mai, die Sonne sank eben hinter die stattlichen Fichtenstämme, die Murphys Hügel bedeckten. Die Leute kamen von ihrer Arbeit zurück, hie und da stieg vor den Zelten der blaue Rauch der Feuer auf, an denen die Goldwäscher ihr frugales Abendbrod kochten. Aus verschiedenen Seiten der Stadt (denn eines solchen Namens erfreute sich die kleine Zeltgruppe wirklich, und zwar als Stadt Stoutenburg) tönten zugleich die wunderbarsten Klänge — Klänge wie von alten zusammengeschlagenen eisernen Kochtöpfen, ein chinesischer Gong, eine kleine blecherne Kindertrompete d. h. w. herüber — es waren die Zeichen der verschiedenen Kosthäuser, daß das Abendessen fertig sei und der „Boarder“ harre. Dahinein mischten wieder eine Menge von frei herumlaufenden Eseln, die von den Minern gehalten wurden, ihre lieblichen Y-ahs, und mit dem Schlagen der Holzäxte die Feuerholz für den nächsten Morgen hieben, mit den einzelnen Fragmenten französischer Lieder, die aus Zelt und Busch hervorschallten, den lebendigen Gruppen die in der breiten, durch die Kaufläden gebildeten Straße standen und lachten und sangen und gestikulirten, mit der auf der langen über des Sheriffs Zelt errichteten Stange wehenden amerikanischen Flagge, dem sich immer dunkler schattirenden Nadelholz und dem herrlichen, nur von leisen, goldenen Wölkchen bestreuten Abendhimmel gab es ein Bild, das einem armen Teufel wohl in seiner Lieblichkeit auf kurze Zeit all die Strapazen und Mühen konnte vergessen machen, die er den langen Tag über in der heißen Sonnenhitze und bei der schweren, ungewohnten Arbeit ausgestanden.
Das Abendessen in den meisten Häusern hatte schon lange begonnen — was standen die Leute da noch so eifrig vor den Thüren und gestikulirten so lebhaft mitsammen?
„Die Franzosen haben’s heute recht eifrig miteinander,“ sagte ein langer Texaner zu einem eben so langen „Down Easter“ (der amerikanische Scherzname für die ächten Yankees, oder Bewohner der nordöstlichen Staaten der Union), mit dem er zusammen die Straße hinunterschlenderte und selbstgefällig vor sich hinlächelte — „könnt Ihr nicht verstehen was sie zusammen schwatzen?“
„Ich?“ sagte der Yankee erstaunt, daß sein Begleiter ihn auch nur im Verdacht hatte er verstände französisch oder irgend eine andere Sprache der Welt außer „amerikanisch“ — „wie soll ich das Geschlabber kennen? s’wird nichts Wichtiges sein.“
„Und wie sie dabei mit den Händen herum agiren“ meinte der Texaner, und sah sich noch einmal nach der letztverlassenen Gruppe um — „ohne das geht es aber auch nicht, denn bind’ einem Franzosen die Hände auf den Rücken zusammen, und er bringt kein Wort über die Zunge.“
Die beiden Männer traten gleich darauf in ein amerikanisches Spielhaus, und dort, wo sie nur Landsleute von sich fanden, hatte das Spiel zu viel Interesse für sie, sich noch um etwas anderes zu bekümmern.
Gar verschieden sah es dagegen in einem, diesem schräg gegenüber liegenden französischen Zelt aus, das ein gewisser Louis mit einer Grisette — die man anstandshalber Madame Louis nannte — hielt. Hier wogten Franzosen, und besonders Basken und Deutsche bunt durcheinander, und vermischte Ausbrüche des Zornes, wie: mechant, au secours, à bas les Américains etc. etc. ließen eine nur sehr unbestimmte Ahnung in dem eben Hinzutretenden aufkommen, um was es sich eigentlich handle und was vorgefallen sei.
Die Unterhaltung wurde hauptsächlich französisch, doch auch hie und da spanisch, natürlich mit den verschiedenen bunt durcheinander gewürfelten Dialekten geführt, und die hauptsächlichste und hervorragendste Gruppe waren ein Deutscher Namens Fuchs, mit großem rothen Bart, ein kleiner Baske, pockennarbig mit hämischen, scharf ausgeprägten Gesichtszügen, ein Schweizer, eine hohe stattliche Gestalt, einen argentinischen Poncho über die Schulter geworfen, und ein eben solches Messer hinten im Gürtel, und ein vierschrötiger Baske, der eben den magern loyalen Wirth des Hauses, Mr. Louis, an der Schulter herbeischleppte, und zum Beweis dessen was er wahrscheinlich gesagt, gegen den Tisch stellte.
„Hier, Louis,“ rief er dann in allem Eifer, „zeige ihnen einmal den Brief den wir heute bekommen — sie wollens noch nicht glauben.“
„Ja es ist wahr,“ bestätigte der kleine Mann, nur vermuthend von was bis dahin die Rede gewesen — „meine Frau hat den Brief.“
„Und was steht darin?“ fragte der Schweizer.
„O es ist scheußlich, niederträchtig!“ rief Fuchs.
„Nur ruhig Blut,“ meinte aber der Schweizer — „erst einmal genau hören — die ganze Geschichte kann auch übertrieben sein.“
„Uebertrieben?“ zürnte der Baske — „Madame Louis, wären Sie wohl so gut uns einmal auf einen Augenblick den Brief zu geben?“
„Thut mir leid, Monsieur,“ antwortete ihm die Frau, eine etwas magere, schlanke, schwarzäugige Gestalt von ungefähr 26 Jahren, indem sie hinter dem Schenktisch vorkam und zu der Gruppe trat. „Die beiden Männer die ihn brachten, haben ihn, ihrem Auftrage zufolge, weiter nach Angels Camp hinunter genommen.“
„Und der Inhalt?“
„War kurz folgender. In Sonora haben die Amerikaner an Franzosen, die sich weigerten die Taxe zu zahlen, gewaltsam Hand gelegt. Zwei von ihnen und ein Deutscher liegen im Gefängniß, und man erwartet, daß gegen Recht und Gesetz des Lynch law an ihnen vollzogen werden wird, noch dazu, da auch der Sheriff von Sonora, ein Amerikaner, gestern von einem Spanier erstochen wurde. Die Franzosen in Sonora fordern nun in jenem Brief ihre Landsleute in den Minen auf, ihnen ohne weiteres Säumen bewaffnet zu Hülfe zu eilen, wenn sie nicht die scheußlichste Gewaltthat vor ihren Augen wollen verübt sehen. Das ist der Inhalt des Briefes, und unterzeichnet hat ihn ein sehr achtbarer Franzose, der ein Geschäft dort hat, ein gewisser Ledroy. Machen Sie sich übrigens fertig denn es wird spät,“ fuhr die junge Dame etwas lebhafter fort, „und in einer Stunde etwa brechen wir alle auf.“
„Und wollen Sie denn auch mit?“ — sagte der Schweizer verwundert.
„Certainement; ma vie pour mes paysans.“
„Wer wird denn da zurückbleiben,“ schrie Fuchs kirschroth vor Eifer. „Das ist ja eine niederträchtige Scheußlichkeit, die nur mit Blut ausgewaschen werden kann.“
„Erst sehen und dann glauben,“ brummte aber, immer noch ungläubig, der Schweizer; „es haben in letzter Zeit hier so viele Lügen circulirt und überall gleich Aufnahme gefunden, daß man wohl Ursache hat ein wenig mißtrauisch zu werden. Kaltes Blut ist bei solchen Dingen die Hauptsache.“
„Kaltes Blut? Fischblut!“ zürnte, in kampflustigem Eifer, Fuchs, und goß ein Glas Claret die durstige Kehle hinab. „Wer kann bei solcher Nachricht noch an Ueberlegen denken. Und liegt denn Sonora etwa am andern Ende der Welt, daß „falsche Gerüchte“ so leicht zu uns herüber kommen könnten? Sonora ist kaum 25 Meilen von hier entfernt, und die beiden Männer, die sich dort auf ihre Pferde geworfen und uns die Nachricht gebracht haben, sind uns Bürge genug.“
„Wie wär’s, wenn ich mich heute Abend einmal hinüber machte,“ sagte da ein anderer Deutscher auf spanisch, denn er war der französischen Sprache nicht mächtig. — „Bis morgen früh kann ich drüben sein, und genaue Erkundigung über die Sache einziehen. Verhält sich dann Alles so, wie’s in dem Briefe steht, so bring’ ich die Bestätigung bis morgen gegen Mittag hierher. Nachher brechen wir alle auf, und dann wollen wir schon sehen ob eine Bande gesetzloser Amerikaner, ihrem eigenen Gesetz zum Trotz, mit den verachteten Fremden thun kann, was sie eben will. Dann sind wir auch noch da.“
Fuchs wollte hiergegen eben wieder eine grimmige Erwiederung machen, Madame schnitt ihm aber mit einer graciösen Bewegung der Hand, die gewissermaßen als Entschuldigung dienen sollte, hier aber etwa so viel sagte als: nachher, dann kannst du reden so viel du willst, das Wort ab, indem sie sich ohne weiteres zwischen die Männer drängte und besonders den letzten Sprecher anredete.
„Monsieur Fisher,“ sagte sie in ziemlich geläufigem Spanisch — „weitere Erkundigungen sind gar nicht nöthig. Der Brief, den wir fast alle gelesen haben, wie das mündliche Zeugniß der Ueberbringer verbürgt uns die Thatsachen. Also, wem noch ein muthiges Herz in der Brust schlägt, der reihe sich unserer Fahne an — Allons enfans de la patrie, le jour de gloire est arrivé!“
Fuchs fiel mit ein paar Umstehenden augenblicklich in das Lied ein, ein Gedränge nach dem Schenktische entstand zugleich, und das Gespräch wurde jetzt allgemein, lief aber auch in allen Richtungen auf den einen Punkt hinaus, daß sich sämmtliche Franzosen rüsten wollten, noch an dem nämlichen Abend nach Sonora, das sie dann am nächsten Morgen mit der Morgendämmerung erreichen konnten, aufzubrechen.
Fischer, von dem Schlachtenmuth der übrigen angesteckt, traf ebenfalls alle nöthigen Vorbereitungen, kaufte sich in aller Eile eine Doppelflinte und Pulverhorn für 40 Dollars, womit ihn ein Landsmann aus reiner Gefälligkeit, eben so in Eile, übers Ohr hieb, schaffte sich noch Pulver und Blei genug an, im schlimmsten Fall eine Belagerung von drei Wochen auszuhalten, und fand sich zur bestimmten Zeit pünktlich in Louis Zelt zum Aufbruch ein.
Dort ging es indessen bunt genug her; ein großer Theil hatte des Guten in Wein und Brandy schon weit mehr gethan, als sich mit seinen sonstigen Bedürfnissen und Gewohnheiten vertrug. Deutsche, Spanier und Franzosen waren dabei wild durcheinander gemischt, alle möglichen Sprachen wurden gesprochen, denn selbst Englisch mußte manchmal zwischen einzelnen, und nicht selten gemißhandelt genug, zur Aushülfe dienen.
Unter den Deutschen zeichnete sich jetzt besonders — denn Fuchs war seit der letzten halben Stunde, und als es wirklich zum Ausbruch kam, merkwürdig ruhig geworden — ein langer Barbier, Namens Frei, alias... alias ... aus, der diesen Abend angelegentlich dazu benutzt hatte die Zähigkeit seines bis dahin schon etwas sehr ausgedehnten Credits bis auf das Aeußerste zu erschöpfen. Er stand solcher Art jetzt auch wirklich im Begriff mit geborgter Flinte, geborgtem Messer, geborgtem Hut und geborgten Schuhen in die Schlacht zu ziehen.
„Brüder!“ sagte er dabei, denn der geborgte Wein lag ihm schwer auf Herzen und Zunge, „wenn ich bleibe, so seid überzeugt, — ich bin — ich bin für Deutsche geblieben. — Mein Blut, mein ganzer Körper schlägt nur für Deutsche — und ein Hundsfott, wer kein ächter Deutscher ist.“
Diese letzte Redensart wäre nun allerdings etwas umfassend zu deuten gewesen, hätte sich überhaupt Jemand um ihn oder seine Reden bekümmert. So, als er sah daß die übrigen mit ihren eigenen Vorbereitungen beschäftigt waren, trank er, in seinen tiefen Schmerz versenkt, sämmtliche im Bereich seines Armes stehende Gläser aus, drückte einem kleinen Negerjungen, der neugierig hereingekommen war zu sehen was die bewaffneten Männer alle wollten, die Hand mit solcher Wärme, daß der kleine Kerl laut aufschrie, steckte dann noch einen Genickfänger, der auf dem Tisch lag, und der, wie er vielleicht fürchten mochte, hätte verloren gehen können, in seine eigene Tasche, und verschwand in der draußen indeß vollkommen eingebrochenen Dunkelheit. Und seine Ahnung hatte ihn nicht betrogen, er blieb wirklich — d. h. er blieb fort; in jenem Minenstrich hat ihn wenigstens Niemand wieder gesehen, und etwas später erkundigten sich noch mit einiger Theilnahme Wirthe und sonstige Händler nach ihm, doch vergebens. Wie er gesagt, er war für Deutsche geblieben.
Der Plan des Zuges lag aber nicht darin en masse von Mr. Louis Schenkzelt, der dadurch später leicht hätte in Unannehmlichkeiten verwickelt werden können, aufzubrechen. Der Sammelplatz war deßhalb im Freien, etwa eine halbe Meile vom „Camp“ weg, an einen bestimmten Pfad verlegt worden, wohin man sich einzeln oder in kleinen Gruppen begeben, und von dort dann vereint den Marsch antreten wollte.
Die meisten Männer waren schon voraus und Louis Zelt hatte sich fast ganz geleert, so daß nur noch Herr und Madame Louis, und unser alter Bekannter Fuchs darin zurückblieben, und diese drei Personen hielten eben einen ernsten, entscheidungsvollen Kriegsrath. Madame Louis stand dabei schon in Amazonentracht, in dunkler Hose, rothwollenem Hemd und dunklem breiträndigen Filzhut, an dem keck eine schwarze Straußenfeder schwankte, eine Doppelflinte über der Schulter, zwei Pistolen und ein Messer im Gürtel und einen kleinen gestickten Arbeitsbeutel — den Fouragesack — in der Hand. Ihr Mann dagegen schien mehr zum „schweren Getränk“ zu gehören. Er hatte nämlich nur eine Flinte, dafür aber drei Feldflaschen umhängen, und überwachte zugleich auch das Aufschnallen eines zwölf gallonigen Fäßchens Brandy, was dicht vor der Zeltthür zwei andere Franzosen besorgten.
Der Kriegsrath in Louis Zelt handelte sich aber um nichts geringeres als ein an Fuchs gestelltes Verlangen seine sämmtlichen Ansprüche an Ruhm und Heldentod für diesen Zug aufzugeben, und, während Herr und Madame Louis Abwesenheit, statt Blut aus den Adern der Amerikaner, die Korke aus den Flaschen zu ziehen, d. h. indessen an Madame Louis Stelle die Schenke zu versehen, und etwa einsprechende Kunden zu bedienen. Ihre Grausamkeit erstreckte sich nicht so weit, die auswärtigen Amerikaner zu vernichten und die zurückbleibenden verdursten zu lassen, nein, das konnten sie nicht übers Herz bringen und Fuchs war ausersehen diese gute Absicht ins Leben treten zu lassen. Madame Louis hatte hierbei, und daß sie diesen gerade wählte, einen tieferen Grund — „einen anderen müßten wir besonders bezahlen,“ flüsterte sie ihrem „Gatten“ leise zu, „und der ist uns doch noch genug schuldig.“
Herrn Louis leuchtete das vollkommen ein, obgleich er allem Anscheine nach am allerliebsten selber geblieben wäre. Seine Frau konnte er aber unmöglich dem Schutz eines anderen anvertrauen, und da sich Fuchs nach einigem Zureden nur schwach sträubte, hatten sie das bald geordnet. Fuchs stellte seine Flinte in die Ecke und war eben im Begriff seine Ärmel aufzustreifen, ein nöthig gewordenes Gläserspülen vorzunehmen, als Pferdegetrampel vor der Thür gehört wurde, gleich darauf der Kopf eines Pferdes und dicht darüber ein Frauenkopf, ebenfalls mit schwarzem Filzhut und breitem rothem Band geschmückt, sichtbar wurde, und eine feine, aber resolut genug klingende Stimme rief.
„Traversons la „creek,“ ma chère, traversons la creek, a parbleu nous sommes les denières — et Monsieur Fuchs? was machen Sie da? — wo ist Ihr Gewehr — wir haben keinen Augenblick Zeit mehr zu verlieren.“
„Im Augenblick, ma chère, im Augenblick“ antwortete die Amazone, für den etwas verlegen dastehenden Stellvertreter — „Monsieur Fuchs will indessen die Güte haben unser Haus zu bewachen — und ich wollte nur“ —
„Ah quelle galanterie,“ lachte die Dame zu Pferd, „mais montez, montez. Es wird wahrhaftig zu spät, und wir können doch nicht allein nachreiten.“
Madame Louis steckte nur in der Eile noch etwas Eau de Cologne, Heftpflaster und Leinwand in ihren Arbeitsbeutel, warf einen flüchtigen Blick in den kleinen, am mittleren Pfosten hängenden Spiegel, einen flüchtigeren Gruß dem verlassenen Kellner zu, bückte sich dann rasch unter dem noch immer zum Zelt hereinschauenden Pferdekopf weg. Dabei stieß sie dieses mit der auf der Schulter hängenden Flinte dermaßen an die Nüstern, daß es schnaubend zurückfuhr und seine schwere Last bald sehr unceremoniös abgeladen hätte. Madame achtete aber nicht darauf, trat an ihr eigenes Thier hinan, schwang sich dort, von dem herbeieilenden Louis unterstützt, leicht in den Sattel, und die beiden Amazonen galopirten lachend und singend die Straße hinunter. Mr. Louis band indessen sein eigenes Pferd los, rückte die verschobene Brille wieder zurecht, rief noch einmal ein: bon soir, monsieur Fuchs in das Zelt zurück, das von da aus mit einer Art Knarren beantwortet wurde, und folgte dann in einem ungemein harten Trab den Damen, wobei er alle Hände voll zu thun hatte die Flaschen und das Gewehr an seinem auf und niederfliegenden Körper fest zu halten.
„Well if I ever,“ — sagte ein kleiner dünner Amerikaner, der bis dahin ganz erstaunt und stumm, im Schatten der gegenüberliegenden Zelte gestanden und die Damen hatte abreiten sehen, „what the devil is the matter with the French? haben denn die heute alle den Teufel im Leib? die wollen wohl Californien stürmen?“
„Californien nicht, aber Sonora,“ sagte eine andere Stimme neben ihm, und als sich der Kleine nach ihm umschaute, stand der Aelteste der dort in der Flat arbeitenden Texaner Compagnie, ein Mann Namens Fletcher neben ihm.
„Sonora? — zum Henker auch,“ rief der Kleine, „woher wißt Ihr denn das“ —
„Oh, Kurnel der Canadier da drüben hat mirs gesagt. Der spricht französisch.“
„Aber was ist denn da drüben vorgefallen?“ sagte der kleine Mann etwas ängstlich. „Da müßte man ja lieber gleich eine Meeting zusammenrufen und Gegenmittel ergreifen. Wenn sie nur“ —
„Ah was,“ brummte der Texaner phlegmatisch — „die ganze Sache wird auf einen Unsinn hinauslaufen. — Wirds aber ernsthaft, und brauchen sie uns drüben, so werden sie’s uns schon wissen lassen!“
„Hallo Fletcher, wißt Ihr’s schon?“ schrieen diesen jetzt ein paar junge 19 oder 20jährige Burschen an, die einen Fleischerladen in Compagnie hielten, und sich außerdem in dieser Compagnie noch täglich ein- bis zweimal prügelten. Der eine von ihnen trug eine mexicanische, an den Außennäthen offene Hose und eine sechsläufige Pistole im Gürtel. „Die Franzosen sind ausgezogen und wollen Sonora stürmen — jetzt nur alle unsere Jungen zusammengetrommelt und nach, nachher bekommen wir sie zwischen zwei Feuer.“
„Unsinn“ entgegnete ihm hierauf aber der andere, ein dickes rothbäckiges Gesicht mit glanzlosen nichtssagenden blauen Augen — „unsere Jungen werden dort schon allein mit ihnen fertig werden, aber ein amerikanisches Lager wollen wir hier indessen machen, eine Verschanzung aufwerfen, und keinen von den gottverdammten Franzosen wieder hereinlassen.“
„Unsinn?“ rief aber erzürnt sein Compagnon — „Du Holzkopf weißt wohl was Unsinn ist — nein zu feige bist Du mit auszurücken, und willst Dich lieber hier hinter einem Dutzend Baumstämme verschanzen.“
„Zu feige?“ entgegnete jetzt aber auch ingrimmig der mit den blauen Augen und der mexikanischen Hose — „Du verdammter“ —
„Ruhig, Boys, ruhig!“ mischte sich hier aber Fletcher, der bis dahin den beiderseitigen Ansichten und dem späteren Wortwechsel, ohne eine Miene zu verziehen, zugehört hatte, in das zu drohend werdende Gespräch. — „Seid vernünftig und geht ruhig zu Hause — Morgen wird die Sache ganz anders aussehen. Wer weiß auf was für einen blinden Lärm hin die ausgezogen sind, und morgen kommen sie dann wie die begossenen Pudel wieder heim.“
Einige andere wollten noch dagegen anstreiten, sprachen von „amerikanischer Flagge aufpflanzen und darunter sterben,“ von „Beispiel geben“ und „Undankbarkeit der Fremden,“ die man je eher je besser aus dem Lande jagen müsse. Die Vernünftigeren gewannen aber doch endlich die Oberhand, und erwirkten, daß die Uebrigen ruhig zu Hause gingen und der Sache, für heut Abend wenigstens, ihren Lauf ließen.
Die Franzosen sammelten sich indessen unverdrossen an dem bestimmten Ort, und die beiden Amazonen kamen gerade noch zeitig genug, sich an die Spitze der Bewegung zu stellen.
Unter der Zeit waren aber auch die beiden, von Sonora ausgesandten Emissäre nicht müßig gewesen — und hatten die Nachricht, theils selber theils durch andere Gelegenheiten, an den Calaveres hinüber, nach Angels und Carsons und Douglas Flat geschickt. Von allen Seiten kamen in der That die ganze Nacht hindurch Franzosen, ihre Decken und Flinten mit ein paar spärlichen Provisionen zusammengepackt auf dem Rücken, anmarschirt, verlangten in Murphys die Bestätigung des Gehörten, und wanderten dann rasch der ungewissen Gefahr entgegen, weiter.
So wenig das Ganze auch in seinem Erfolg dem entsprach was man davon erwartet hatte, so gaben die Franzosen in dieser Zeit den Amerikanern doch eine ganz heilsame Lehre, wie sie, wenn wirklich einmal Noth sein sollte, zusammenhielten; und mehrere Amerikaner meinten später auch wirklich erstaunt, sie hätten nie geglaubt, daß so viele Franzosen noch einzeln in den Minen stäcken, denn wie aus dem Boden seien sie von allen Seiten und Ecken in der Nacht und am nächsten Tage, ja nach zwei Tagen noch, aufgetaucht.
Dieser, von Murphys ausgehende erste Zug war übrigens abenteuerlich und romantisch genug. Lauter kräftige, wild aussehende Gestalten, meistens in rothe wollene Hemden und eben solche Mützen, oder schwarze oder graue Filzhüte gekleidet. Dabei hatten sie sich mit jeder nur möglichen Wehr bewaffnet, die sie im Augenblick aufgetrieben. Die meisten trugen jedoch Doppelflinten, andere auch Büchsen oder nur ordinäre Musketen, viele sogar noch ihre französischen Seitengewehre, wie auch Säbel, Dolche und Pistolen.
Viele dieser Waffen waren nun gar nicht in Stand. Aus allen Winkeln, wo sie bis dahin in Staub und Rost unbeachtet gelegen, hatte man sie heute Abend vorgesucht; Zeit sie zu reinigen, wurde natürlich nicht gegeben, und viele nahmen sich nicht einmal die Mühe, zu untersuchen ob das alte Feuereisen, mit dem sie jetzt in den Kampf eilten, geladen gewesen oder nicht. Ruhig stießen sie noch eine andere Patrone oben auf und eilten dann weiter.
Der pockennarbige Bäcker hatte übrigens die meiste Noth mit seiner Waffe, die unter keiner Bedingung losgehen wollte.
Er ging, wie fast alle seine Cameraden, zu Fuß, und blieb alle Augenblicke stehen seine alte Muskete in Ordnung zu bringen. Freilich wurde er nie damit fertig, mußte dann eine Strecke aus vollen Kräften laufen, die Uebrigen wieder einzuholen, und holte nur wieder Athem, sich auf’s Neue mit dem alten Schießeisen abzuquälen. In diesen Zwischenräumen schüttete er dann gewöhnlich zwei oder dreimal Pulver auf die Pfanne, nachdem er jedesmal vorher das Zündloch wohl aufgerührt hatte, blitzte es ab, versuchte einen anderen Ladestock mit einem Krätzer daran, den er sich geborgt, der aber, wie er recht gut wußte, zu kurz war, immer wieder von neuem, bis er ihn endlich abbrach, und blies dann endlich, als letzten verzweifelten Versuch, in den Lauf hinein, daß ihm das Gesicht dick und roth aufschwoll. Dieß war auch für solche Pausen die Schlußoperation, hiernach stieß er nur noch einen kräftigen Fluch aus, und eilte dann, schon durch das Blasen athemlos gemacht, keuchend hinter den Seinigen her.
Allerdings war es von Anfang an der Plan der Ausrückenden gewesen, nicht eher zu rasten bis sie in Sonora selber wären. Durch die ungewohnte Anstrengung aber ermüdet und, da sie weiter gar keine Provisionen mitgenommen und sich dafür desto mehr an den Brandy gehalten hatten, auch dadurch mehr als gewöhnlich erschlafft, machte der Zug um eilf Uhr etwa Halt, lagerte sich um mehrere, rasch entzündete gewaltige Feuer und campirte im Freien.
Toll genug ging es dabei her, die Flaschen kreisten, und muntere Lieder verscheuchten alle trüben Gedanken. Nur der pockennarbige Bäcker war mürrisch, sein widerspenstiges Gewehr aber doch endlich, Dank seinen unausgesetzten Bemühungen zum Losgehen bewogen. Freilich schlug er sich dabei den eigenen Backen und verlor den Hahn vom Schloß, den er in der Dunkelheit nicht wieder finden konnte.
Kaum besser ging es Mr. Louis mit seiner Frau. Sie war ihm, oder er ihr plötzlich abhanden gekommen, und der arme, kurzsichtige Teufel hatte jetzt nicht wenig Müh, unter all den roth wollenen Hemden das herauszufinden was seine zweite Hälfte umschloß. Durch das halbe Lager forschte er den Leuten dicht unter die großen Hüte und in die bärtigen, verdutzt nach ihm umschauenden Gesichter, bis er Madame endlich an der Seite ihrer Freundin, unter einem Baume ausgestreckt fand, und sich nun ebenfalls, über die dort Umhergestreuten erbarmungslos hinüber stolpernd, zu Ruhe begab.
Am nächsten Morgen brach der ganze Zug mit der ersten Dämmerung, und zwar ohne Frühstück, nur wieder durch einen Brandy gestärkt, auf, und selbst in der Nacht stießen noch mehrere ihrer Landsleute aus den benachbarten Minen zu ihnen. Keine Stunde waren sie aber noch marschirt, als ihnen plötzlich ein Trupp Mexicaner begegnete.
„Donde vais, amigos,“ riefen ihnen die ersten Franzosen erstaunt entgegen, „wo wollt Ihr hin und wo kommt Ihr her? Wißt Ihr nicht, daß wir Euch zu Hülfe ziehen gegen die Amerikaner? Wir wollen einmal sehen ob sie Euch wegtreiben sollen?“
Die Spanier schienen betreten und wollten nicht recht mit der Sprache heraus. So viel ließ sich übrigens endlich verstehen, daß man sie noch nicht förmlich vertrieben hatte, sondern daß sie vielmehr gutwillig gegangen waren.
Die Franzosen redeten ihnen ernstlich zu wieder mit ihnen umzukehren, und ihre eigene Sache nicht auf so schmähliche Art im Stich zu lassen. Nur bei sehr wenigen half aber dieses Zureden, die meisten meinten, sie wären nicht der Unruhen, sondern der Minen wegen fortgegangen. Die Sonora-Minen seien doch meistens ausgearbeitet, und es lohnte nicht mehr der Mühe noch viel Zeit darauf zu verschwenden.
Unter dem Fluchen und Schimpfen der entrüsteten Franzosen kehrten sie sich endlich ab, und zogen nach Murphys zu durch den Wald, während den wenigen die wieder mit umkehrten, die Rolle die sie jetzt als heldenmüthige Vertheidiger ihrer Rechte zu spielen hatten, keineswegs zu behagen schien. Viele davon wußten es auch noch wirklich unterwegs möglich zu machen, seitab in die Büsche zu verschwinden, und nur sehr wenige hielten bis Sonora aus.
Noch begegnete der Zug mehrern kleinen Trupps, wie vielen einzelnen Spaniern, Mexikanern wie Chilenen. Diese ließen sich aber auf gar keine weitern Demonstrationen ein, und die einzelnen drückten sich gewöhnlich gleich seitab, irgend einen kleinen Abhang hinunter oder hinter die dichten Rothholzbüsche.
Um 10 Uhr etwa erreichten sie den Stanislausfluß, über den ein alter Amerikaner die Fähre hatte, und dieser war, wie man leicht denken kann, nicht wenig erstaunt und auch bestürzt, so viele Bewaffnete in jedenfalls feindlicher Absicht gegen Sonora rücken zu sehen.
„Um Gottes Willen, Kinder,“ sagte er gutmüthig, „macht keinen Unsinn, bedenkt was Ihr thut, und gerade im Begriff seid zu unternehmen. Noch wißt Ihr nicht einmal ob das, was Ihr über Sonora gehört habt wirklich alles so wahr ist, und wenn es wirklich der Fall wäre, so bedenkt, daß immer auch nur einzelne wieder daran die Schuld tragen. Rückt Ihr aber jetzt, wie Ihr da seid, in Sonora ein, so kann es nicht ohne Blutvergießen abgehen, und wenn erst Blut vergossen worden ist, wer steht dann für das Uebrige? Handelt also nicht gleich so leichtsinnig, sondern prüft vorher und haltet Euer Gewissen frei, daß Ihr Euch nicht später Euer ganzes Leben hindurch bittere Vorwürfe über die Folgen machen müßt, die ein einziger unüberlegter Schritt herbeigeführt.“
Gestern Abend hätte der alte Mann jedenfalls in den Wind gesprochen; heute Morgen hatte sich das schnell erregte Blut aber schon bedeutend abgekühlt, wozu denn auch der nüchterne Magen nicht wenig beitragen mochte. Sie versicherten den Alten sie wollten seinem Rath folgen, und ehe sie nach Sonora einzögen und Gewalt brauchten, vorher einen Parlamentär hineinschicken, der sich dort nach allen näheren Verhältnissen noch einmal genau erkundigte. Der alte Amerikaner wollte nun freilich, daß die Andern so lange an dieser Seite des Flusses bleiben sollten. Dagegen waren aber alle; im Fall sie wirklich gebraucht würden, wollten sie auch gleich bei der Hand sein.
Noch während des Uebersetzens stießen die beiden Franzosen wieder zu ihnen, die gestern Brief und Nachricht von Sonora nach Murphys und der dortigen Gegend gebracht hatten. Als diese die Absicht ihrer Landsleute hörten, erboten sie sich augenblicklich vorauszureiten, und ihnen bestimmte Nachricht, wie die Sachen jetzt ständen, unverweilt zu bringen. Hiergegen opponirten indessen einige, und besonders Deutsche, und meinten es wäre besser, dießmal andere hineinzusenden, da man der beiden Männer Urtheil über Sonora schon gehört habe. Sie wurden aber überstimmt; die zwei Franzosen gaben ihren Pferden die Sporen und sprengten voraus, der Zug rückte bis auf 1½ Meilen von Sonora, als dem mit den Abgesandten verabredeten Sammelplatz vor, und lagerte dort, die Rückkehr dieser zu erwarten. Alle unter der Zeit noch nachfolgenden Franzosen zogen sie indessen an sich heran, und es mochten damals wohl auf solche Art 4 bis 500 Bewaffnete vor Sonora versammelt liegen, von denen jedenfalls drei Viertheile Franzosen waren.
Die beiden Ausgesandten hätten etwa wieder zurück sein können, noch immer aber ließ sich nichts von ihnen sehen. Einzelne gingen den halben Weg ihnen entgegen, doch umsonst, sie mußten ohne sie getroffen zu haben, wieder umkehren. Was war aus ihnen geworden? Freiwillige meldeten sich jetzt, das feindliche Terrain zu recognosciren, unter ihnen Fischer, der an demselben Morgen von einem der ihnen begegnenden Spanier ein Pferd mit Sattel und Zaum gekauft hatte. Rasch schwangen sie sich in die Sättel und galopirten auf Sonora zu, erwarteten auch dabei nichts weniger, als die Stadt in Vertheidigungszustand und alle Punkte von amerikanischen Scharfschützen besetzt zu finden. Im Anfang erstaunten sie nun zwar, daß man sie so weit und ungehindert in die Stadt hineinließ, ihr Erstaunen wuchs aber, als sie Sonora endlich, den letzten Hügel übersteigend, ansichtig wurden und auch nicht das geringste Auffällige darin bemerkten. Allerdings standen hie und da Gruppen von Menschen zusammen, denn es war in Sonora kein Geheimniß geblieben wie eine bewaffnete Macht im Anzug dagegen sei, man schien aber weiter gar keine Notiz davon zu nehmen, und die Abgesandten ritten, etwas verdutzt darüber, die Hauptstraße hinunter vor allen Dingen einmal ihre ersten beiden Boten aufzusuchen und dann bei ihren Landsleuten anzufragen wie es mit den Gefangenen stände.
Die Nachrichten die sie hier erhielten, waren indessen wohl geeignet, sie den jetzt versuchten friedlichen Schritt, nicht bereuen zu lassen. Die Geschichte mit den gefangenen und gefährdeten Franzosen war rein aus der Luft gegriffen. Einen Deutschen hatte man allerdings vorgestern aufgegriffen, aber auch gleich wieder losgelassen, da ihn mehrere dort kannten, und er nur im Trunk gegen einen Amerikaner angeritten sein sollte, um ihn vom Pferd zu werfen. Der Angegriffene brachte das im Anfang mit den in letzterer Zeit häufig vorgefallenen Räubereien in Verbindung, und klagte deßhalb, zog aber seine Klage augenblicklich zurück, als er erfuhr wer der Mann, und in welchem Zustande er gewesen sei. Die in Sonora zahlreich wohnenden Franzosen wußten dabei gar nichts von dem Brief und der ausgesandten Botschaft, und waren aufs äußerste entrüstet darüber. Eben so wenig konnten die beiden Boten wiedergefunden werden; sie blieben trotz der genauesten Nachforschungen spurlos verschwunden, und es unterlag gar keinem Zweifel mehr, daß dies Gerücht boshafter oder doch wenigstens unkluger und vielleicht selbstsüchtiger Ursachen wegen verbreitet worden.
Allerdings hatte vor zwei Tagen eine Demonstration zwischen Mexicanern und Amerikanern stattgefunden, und die ersteren ihre Flagge aufgepflanzt und erklärt, sie würden die ihnen an Zahl weit unterlegenen Amerikaner aus den Minen treiben, wenn sie die Taxgesetze in Kraft wollten treten lassen. Wie es aber gewöhnlich mit den Mexicanern ist, so hörten sie sich gerne reden, und als es zur That kam, wollte Niemand bei der einmal erfaßten Sache, bei der sie übrigens auch wie sie recht gut wußten, im Unrecht waren, Stand halten. Die Amerikaner rückten mit ihrer Flagge und klingendem Spiel gegen die Mexicaner an, und diese gingen ruhig auseinander, und ließen ohne Widerstand geschehen, daß ihre Flagge gestrichen und die amerikanische dafür aufgezogen wurde. Es fiel kein Schuß bei der ganzen Sache, eben so wenig war der Sheriff, wie das Gerücht gegangen, erstochen, oder auch nur bedroht worden. Die ganze Geschichte lief auf einen großen Humbug aus, und Amerikaner und Fremde kamen dadurch in Gefahr, sich ganz ohne hinreichenden Grund feindlich gegenüber zu stehen.
Die von dem Zug zum zweitenmal abgesandten Männer beschlossen jetzt, da sich die Boten aus dem Staub gemacht hatten, und sie den Ihrigen doch bestimmte Nachricht zurückbringen mußten, wenigstens den unberufenen Briefschreiber mit hinaus zu nehmen, damit er sich dort selber vertheidigen und eine Erklärung seines Betragens abgeben könne. Dieser zeigte sich allerdings nichts weniger als geneigt, der Aufforderung Folge zu leisten; weder Ausreden noch Sträuben halfen ihm aber, denn indessen hatten sich auch die meisten seiner Landsleute und eine Menge Amerikaner, welche die Ursache des Zusammenlaufs erfahren, vor und in dem Zelte versammelt, und man drohte, ihn, wenn er nicht gutwillig ginge, zu binden und gewaltsam hinauszuschaffen. Der arme Teufel war durch diese Alternative nichts weniger als beruhigt, und suchte nach allerlei Ausflüchten, all sein Sträuben war aber umsonst und er mußte wohl oder übel, seinen Führern folgen. Diese brachten ihn denn auch von vielen der Sonorier gefolgt, hinaus zu den Ihrigen, dort über das Begangene Rede zu stehen.
Seinen Empfang dort kann man sich denken. In der ersten halben Stunde war allerdings kein Wort, weder von der einen noch andern Partei zu verstehen. Alles schrie und gesticulirte wild durcheinander, und man bekümmerte sich fast gar nicht um den Gefangenen; er hätte in diesem Gewirr, wenn er überhaupt Geistesgegenwart genug behalten, sogar entwischen können. Nach und nach regelte sich aber das Getöse etwas mehr, einzelne Stimmen drangen schon hie und da durch, und es bildete sich zuletzt, durch im Gespräch selbst aufgerufene Wahl, eine Art Jury, die über den Beklagten zu Gericht sitzen sollte.
So manche komische Seite die ganze Sache auch vom ersten Anfang bis zuletzt gehabt haben mochte, so ernsthaft wurde sie jetzt, denn es handelte sich in diesem Augenblick um nichts weniger als ein Menschenleben. Dem Gefangenen hielt man sein Vergehen vor, wie er, durch einen lügenhaften Brief, dessen nähere Gründe sie gar nicht weiter untersuchen wollten, da sie in der Hauptsache nichts ändern könnten, das ganze Land in Aufruhr gebracht, seine zu vermeinter Hülfe eilenden Landsleute und andere Freunde nicht allein lächerlich gemacht, sondern auch beinahe Blutvergießen herbeigeführt, und jetzt jedenfalls nach diesem Schritt Mißtrauen zwischen Amerikanern und Fremden ausgesäet hätte. Vergebens entschuldigte er sich dagegen, daß er die ganze Sache mit zu schwarzen Farben gesehen, daß es nur übereilter Eifer gerade für seine Landsleute gewesen sei, der ihn dazu getrieben; daß man ihm selber die Nachricht gebracht, zwei Franzosen seien wirklich grundlos verhaftet worden, wonach er gleich in der ersten Aufregung Brief und Boten abgesandt habe. Es half ihm nichts, die Jury sprach ihr Schuldig über ihn aus; er wurde einstimmig zum Strange verurtheilt, und das Urtheil sollte gleich an Ort und Stelle vollzogen werden.
Stumm und regungslos standen die Männer um den Verurtheilten her, und sahen starr vor sich nieder — vergebens suchte sein ängstlicher Blick Mitleiden in einem der rauhen bärtigen Gesichter — Todtenstille herrschte, und nur außerhalb des Kreises stand der Bäcker und wickelte einen Lasso vom Halse des nächsten Pferdes los. Der Mann trug noch den gestrigen Aerger mit sich herum, und schien jetzt eine Art von Genugthuung darin zu finden, denselben an irgend etwas, das ihn mit hervorgerufen, auslassen zu können.
„Ihr wollt mich doch nicht mit kaltem Blut morden?“ sagte der Gefangene endlich mit leiser, heiserer Stimme zu den ihn nächst Stehenden, „ich habe Frau und Kind daheim.“
Keiner antwortete ihm; Manchem mochte es wohl ins Herz schneiden, aber sie fühlten auch wie strafbar er sei, und wollten dem gethanen Spruche nicht entgegenstehen.
„Dieß ist ein guter Baum,“ sagte der Bäcker, der sich indessen den benachbarten Holzwuchs angeschaut hatte, „über den Ast dort können wir den Lasso leicht hinüberwerfen.“
Die beiden Männer, die neben dem Verurtheilten standen, und deren Bewachung er anvertraut war, nahmen jetzt seine Hände und banden ihm die Ellbogen auf dem Rücken zusammen.
„Landsleute, Freunde, Ihr wollt mich doch nicht morden?“ rief jetzt der Unglückliche zum erstenmal mit lauter, aber immer noch heiserer Stimme. Sein Antlitz hatte Leichenblässe überzogen, und wie Fieberfrost schüttelte es seine Glieder.
Der Kreis öffnete sich indeß geräuschlos dem Baume zu; der geschäftige Bäcker hatte das kleine mitgenommene Brandyfaß als Springbret unter den vorragenden Ast einer Eiche, über dem der Lasso hing, gestellt. Die Schlinge wehte, von dem leichten Luftzug bewegt, hin und her.
„O Gott!“ stöhnte der Mann, und zum erstenmal brach eine Thräne aus seinen Augen.
Da trat plötzlich aus der Schaar der umstehenden Männer ein Franzose, ein schlanker Gesell mit gutmüthigem Gesicht und braunem Bart hervor. Er streckte die linke Hand gegen den Gefangenen aus und sagte mit herzlicher Stimme:
„Laßt den Mann gehen, Freunde. Der arme Teufel hat jetzt Angst genug ausgestanden, und die ganze Sache doch eigentlich keinenfalls so bös gemeint, den Tod zu verdienen. Laßt ihn gehen; er wird in Zukunft vorsichtiger sein, und mit seinem Tode wär’ doch nichts weiter gut gemacht.“
„Allerdings wird damit gut gemacht,“ riefen indessen einige Stimmen von verschiedenen Seiten her; „die Folgen seines Leichtsinns hätten zu furchtbar sein können, und deshalb verdient er die Strafe.“
„Ja,“ sagte der freiwillige Vertheidiger hier wieder mit ruhiger Stimme; „aber straft Ihr dadurch, daß Ihr ihn richtet, nicht seine unschuldige Frau und Kinder weit mehr als ihn?“
„Und haben wir nicht auch Frau und Kinder?“ riefen andere, aber schon ruhiger als vorher, „und war er nicht auf dem besten Weg unser aller Leben zu riskiren?“
Der Gefangene sagte kein Wort mehr, aber sein Auge fuhr mit neu auflebender Hoffnung im Kreise umher; er wagte kaum zu athmen. Hie und da wurden jetzt noch Einwürfe gegen eine Begnadigung gemacht; der erste Zorn war aber einmal gebrochen, der ersten Rachlust Genüge geschehen, und die in den meisten vorherrschende Gutmüthigkeit, die zwar in dem hitzigen Blut leicht einmal untergehen konnte, aber doch zuletzt immer wieder oben schwamm, siegte endlich. Die Wächter des Gefangenen selber schnitten seine Bande entzwei, und kaum fühlte er seine Arme frei, als er die Hände der ihm nächststehenden griff und sie drückte, und einzelne der wilden Gestalten sogar an die Brust zog, und im Uebermaaß seines Gefühls des neugeschenkten Lebens küßte.
Hiermit hatte aber auch die ganze Revolution ein Ende. Einzelne beschlossen zwar nun, da sie doch einmal so nahe bei Sonora wären, hineinzugehen und den Ort zu besuchen, jetzt in allerdings freundlicherer Absicht, als sie gestern Abend gedacht. Viele mochte auch wohl der Hunger hineintreiben. Die meisten schämten sich aber doch den Ort, wo sie auf so verzweifelte Art angekündigt waren, zu betreten, und entschlossen sich lieber mit leerem Magen den weiten Weg nach Murphys zurückzulegen. Dort mußte außerdem das Gerücht, daß alles Humbug gewesen, schon vor ihnen eingetroffen sein, und je stiller sie wieder in ihre alte Heimath einrückten, und mit je weniger Aufsehen, desto besser war es.
Sie machten sich also ohne weiteres auf den Rückweg, und kamen nach einem tüchtigen Marsch fast sämmtlich noch an dem nämlichen Abend, oder doch vor Tagesanbruch am nächsten Morgen wieder nach Murphys.
Die Franzosen sandten später den Amerikanern eine Art brieflicher Entschuldigung über ihr allerdings gegen die Gesetze der Vereinigten Staaten verstoßendes „bewaffnetes Ausrücken,“ und die Amerikaner hatten ein paar „Meetings,“ worin über diesen Gegenstand eine Masse von Anträgen gestellt und nicht ein einziger angenommen wurde. Dabei blieb es aber auch; später lachte man darüber, und der Zug selber erhielt den Namen der „französischen Revolution.“