Eine Nacht in einer Californischen Spielhölle.

Auf der Plaza von San Francisco wogte eine halb geschäftige, halb mäßige Menschenmasse herüber und hinüber. Kaufleute und Mäkler, die Waaren erstehen oder an den Mann bringen wollten; neue Ankömmlinge, frisch von den Schiffen herunter, die in stummem Erstaunen oder lauten Ausrufen der Ueberraschung die Wunder der neuen Welt, des so ganz anders erträumten „Eldorados“ vor und um sich auftauchen sahen, und noch nicht im Stande waren, die in einander fließenden Wirren zu einem festen Ganzen zu gestalten; die wettergebräunten, in Kleidungsstücken arg vernachlässigten, kräftigen Gestalten der aus den Minen zurückgekehrten Goldwäscher, die, den kleinen strammen und schweren Lederbeutel im Gurt, in ruhigem Selbstbewußtsein durch die Straßen schlenderten; und dazwischen der Californische Spanier in seiner bunten Serape und mit den schweren klingenden Sporen, der bezopfte Chinese in seiner dünnen, weiten, blauen Jacke, wie dem, jeden Hemdkragen verschmähenden, nackten Hals — die Schwärme reinlich und drall gekleidet Matrosen von einem der Amerikanischen Kriegsschiffe in der Bai, Franzosen, Amerikaner, Deutsche, Engländer, Argentiner, Spanier, Südseeländische Indianer, Neger und Mulatten, das Alles drängte und preßte in müßiger Eile auf und ab; Gold die Nadel, um die sich Alles drehte, Gold das Ziel, dem die Masse, welches Vaterland, welche Farbe auch immer, entgegen strebte.

Der erste wilde Rausch war aber vorüber, der die Menschen wie blind und toll hinauf in die Berge jagte, um selber zu sehen, selber zu graben. Die Meisten „had seen the elephant“[32] und waren vollkommen befriedigt zurückgekehrt; d. h. sie hatten nicht allein kein Gold oben gefunden, sondern das wenige, was sie mit hinaufgenommen, noch obendrein zugesetzt, und schienen nun zu der Ueberzeugung gelangt zu sein, daß es auch andere Mittel und Wege in Californien gäbe, ihren „pile“[33] zu bekommen.

Diese warfen sich jetzt in die Städte und wurden Kaufleute oder Makler, Handarbeiter oder Handwerker, Bootsleute, Straßenarbeiter, Markthelfer, Polizeidiener, Händler, Köche, Holzhacker, Conditoren, Restauranten, Kellner, Commis, kurz Alles, was sich nur denken ließ, um so rasch als möglich Geld zu verdienen und — dann damit nach Hause zurückzukehren? — Nein, sondern noch einmal damit in die Minen zu gehen, denn sie „hatten es das erste Mal nicht richtig angefangen.“

Nur eine Klasse Menschen von all den Herübergekommenen dachte nicht daran, weder zu arbeiten noch zu handeln, weder zu kaufen noch zu verkaufen. Mit eigends dazu in den Vereinigten Staaten präparirten falschen Karten, wo ganze Fabriken in diesem Geschäft arbeiten, das innere Blatt durch die Punktirungen auf der Rückseite gleich erkennen zu können, kamen sie nach Californien, und sie thaten Nichts von dem Augenblick an, wo sie das Land, ja das Schiff selber betraten, das sie hinüberführen sollte, als Karten zu mischen und Gold zu zählen oder zu wiegen.

Es waren und sind dies die privilegirten Spieler, die ihre Centralmacht in San Francisco selber haben, und von hier aus in Strahlen nach den verschiedenen Minen in jeder Richtung hin ausschießen. Menschen, die mit dem Betrug als Grundlage ihres Geschäfts, Californien betraten, um Gold zu verdienen und reich zu werden, und die fest entschlossen dieser Bahn folgen, und wenn ihnen Mord und Raub dazu helfen müßte.

Werft den Engländern die Deportirten Australiens vor — sie sind Heilige gegen diesen Auswurf der Amerikanischen Bevölkerung, zu der merkwürdiger Weise keineswegs Engländer und Irländer gehören — eine sehr kleine Zahl vielleicht ausgenommen. Die verworfensten dieser Spieler und die einzigen in der That, die mit dem schlauen, im Hazardspiel so merkwürdig kaltblütigen Spanier concuriren können, sind Amerikanische „Boys,“ wie die Jugend der Städte der Vereinigten Staaten genannt wird.

Von dem prachtvoll ausgestatteten Salon San Franciscos mit seinen üppigen Gemälden und Verzierungen und hunderten von goldbelasteten Tischen, bis zu dem dünnen Zelt in den letzten Bergen oben, wo die Serape, über einen dürftig zusammengenagelten Tisch geworfen, als Spieltuch die Nacht hindurch, und mit dem dämmernden Morgen als Bett und Decke dienen muß, überall sind sie zu finden, jeden Augenblick bereit, dem armen Miner den eben mühsam ausgewaschenen Lohn durch falsches Spiel wieder zu entwenden. Der Spanische Mantel verbirgt dabei das erbeutete Gut sowohl, wie den sechsläufigen Revolver und das scharfe Bowiemesser als Vertheidigungs- oder Angriffswaffe, wie es der Augenblick oder die Aussicht auf Gewinn gerade erfordern.

Doch mit den Minen haben wir es jetzt nicht zu thun; wir sind auf der Plaza von San Francisco, und die Dämmerung ist blitzesschnell hereingebrochen über das Land, wie die Sonne kaum hinter der niederen „coast range“ verschwunden und in das Meer getaucht war, um Indien seinen Morgen zu bringen. Aber welch’ reges Leben beginnt da plötzlich in den gewaltigen Gebäuden, die Kearneystreet mit der Plaza abschneiden? — Weit öffnen sich die mächtigen Flügelthüren, und von einer Masse Astrallampen blendend hell erleuchtet, schwimmt und glüht darin ein Meer von Licht, dem die Menschenmenge fluthend entgegenströmt.

Rechts und links liegen ähnliche Gebäude, aus Backsteinen aufgebaut und mit eisernen Balkonen und Fensterladen, dem nächsten Feuer, das diese Reihen nun schon dreimal in Asche gelegt, trotzig und mit Erfolg die Stirn bieten zu können. Aus allen quillt ein Strom von Licht; aus allen tönt wilde rauschende Musik, in allen wogen dichte Schwärme von Menschen herüber und hinüber, und die Wahl wird dem Schauenden schwer, welches zu betreten. Aber das prachtvollste und großartigste ist jenes dort, über dessen Eingang mit großen goldblitzenden Buchstaben der Name El Dorado prangt, und noch unentschlossen, ob wir uns in die „Höhle des Löwen“ wagen sollen, läßt uns, die Schwelle einmal betreten, die Neugier nicht mehr zurück, und die nächsten Minuten führen den Neuling, förmlich trunken von Allem was er sieht, in die Mitte des Raumes, ehe er sich dessen selber klar und bewußt ist.

Ein ungeheurer Saal, dessen Decke von zwei Reihen weiß lackirter Säulen getragen wird, breitet sich um uns aus; überall hängen Astrallampen und geben dem Raum fast Tageshelle, und die Wände sind mit üppigen Gemälden geschmückt. Nackende schlafende Frauen zeigen sich dort; badende Nymphen und bacchantische Mädchengestalten; bunte Bilder, die Sinne zu reizen, und darauf berechnet, mit der rauschenden Musik Schaulustige hereinzulocken. Einmal dann im Innern, mögen die goldbeladenen Tische das Ihrige thun, die Fremden zu halten. Die Masse, die hereindrängt, achtet auch wahrlich im Anfang nicht auf die Tische, die einzeln zerstreut und nur immer weit genug von einander entfernt sind, um einer Anzahl Menschen zu gestatten, zwischen ihnen zu stehen oder zu sitzen, und zugleich einen Gang für die Auf- und Abwandernden zu lassen. Zu viel des Neuen bietet sich außer dem Spiel, und die Sinne müssen das erst erfassen und verdauen, ehe sie sich mit Andacht dem Spiele selber zuwenden können.

Rechts im Saal, hinter dem langen Ladentisch, steht ein Mädchen, ein wirklich lebendiges, junges, recht hübsches und anständig aussehendes Mädchen in schwarzem, enganschließenden Seidenkleid, die zarten weißen Finger mit Ringen bedeckt, dort Thee, Kaffee und Chocolade auszuschenken, wie Kuchen, Confekt und Candy oder andere Näschereien zu verkaufen, während in der anderen Ecke des Saales, hinter einem entsprechenden Tisch ein Mann angestellt ist, Weine und Spirituosen zu verabreichen.

An dem Thee- oder Kuchentisch lehnen aber vier oder fünf lange, ungeschlachte Gestalten und schmachten nach der jungen Dame hinüber, gießen eine Tasse Thee à ¼ Dollar nach der andern hinunter, um eine passende Entschuldigung zu haben dort zu bleiben, und verderben sich den Magen aus eben dem Grunde an dem süßen Gebäck und den Näschereien, die sie in Gedanken verzehren.

Ein Trupp von Hinterwäldlern steht ein Paar Schritt zurück von dem Tisch, hartnäckig den Weg versperrend, und, allerdings auf billigere Art, den Genuß mit den Schmachtenden theilend. Es sind meist derbe, kräftige Gestalten, in ihre selbstgewebten Stoffe gekleidet, die hier in stummem Staunen all’ das Neue, nie Gesehene anstarren. Sie kommen aber auch direkt aus dem Wald. Im fernen Westen der Vereinigten Staaten erzogen, trieb sie der Ruf nach Californien durch die weiten Steppen und über die Felsengebirge. So erreichten sie die Minen, fanden dort im Walde, außer dem Golde, nichts Anderes, als was sie von Jugend auf gekannt: Bäume und Berge, Thäler und Quellen, ein Rindendach zum Schlafen und Wild zum Schießen, und erst, nachdem sie sich etwas verdient, oder auch das Leben voll harter Arbeit in den Bergen satt hatten, stiegen sie in’s Thal hinab, um die berühmte Stadt San Francisco zu besuchen. Daß sie hier staunten, darf ihnen nicht verdacht werden; staunte ja doch der Europäer, der, an großstädtisches Leben gewohnt, kaum etwas Unerwartetes hier zu finden glaubte, und sich jetzt plötzlich mitten in einem Treiben sah, das die tollste, überspannteste Phantasie nicht toller, nicht überspannter sich hätte ausmalen können.

Aber um das Mädchen drehte sich nach und nach der ganze Saal. Wenn auch schon einmal gesehen, sie Alle kehrten noch einmal hierher zurück, und Wenige verlassen den Platz wieder, ohne nicht wenigstens ihren Viertel Dollar für irgend etwas Genießbares oder Ungenießbares da zurückgelassen zu haben. Wäre es auch nur, die Paar Worte mit ihr zu reden die sie sprechen mußte, ihnen den Preis der Waare zu sagen.

Und weshalb? das Mädchen hatte ein recht liebes, freundliches Gesicht und war hübsch gewachsen, sonst aber keinesweges eine besondere Schönheit, und wir brauchen in anderen Städten keine Straße entlang zu gehen, in der wir nicht drei oder vier ebenso hübschen oder hübscheren begegneten, aber — es war ein weibliches Wesen, mit all der sorgfältigen Sauberkeit gekleidet und ausgestattet, wie sie dieselben wohl zu Hause — aber seitdem nicht wieder — gesehen hatten. In ganz San Francisco existirten in jener Zeit nur erst sehr wenig ordentliche Frauen, und diese kamen selten oder nie auf die Straße; die Schiffe brachten fast gar keine, und durch die Prärien kamen nur sehr wenige. Es war ein Staat von Männern, rauh und kräftig, wüst und verwildert, — Männer, meist alle mit den geladenen Waffen in den Taschen, oder im Gürtel unter Jagdhemd und Rock, die sich viele lange Monate in Wald und Wildniß herumgeschlagen nur mit ihres Gleichen, und die nun nach langem mühseligen Marsche, nach schwerer Arbeit in den Bergen, nach Kämpfen vielleicht mit den gereizten Eingeborenen, oder auch nach langer monotoner Seefahrt, zum ersten Mal wieder ein freundliches Mädchengesicht in einem reich eingerichteten, hell erleuchteten Hause — hinter Geschirr und Tassen sahen. Kein Wunder, daß sie eine Weile dabei stehen blieben, um sich satt zu schauen an den freundlichen und doch so dunklen Augen, und dann vielleicht seufzend weiter gingen. Sie seufzten nicht des fremden Mädchens wegen, das da aufgeputzt hinter dem Laden- oder Schenktisch stand, sondern die eigene Heimath, Alles, was sie dort zurückgelassen, fiel ihnen dabei ein, und um das Gefühl wieder abzuschütteln, wandten sie sich zu den Bildern oder Spieltischen.

Die Bilder waren aber das beste Mittel gegen jedes derartige wehmüthige Gefühl — das junge Mädchen in fast unmittelbarer Nähe mit den frivolen, ja halb obscönen Gemälden, zerstörte jeden derartigen Zauber. Die in stiller Anschauung bis dahin Versunkenen wandten sich kopfschüttelnd ab, Anderen Raum zu geben — und die junge Dame goß Thee auf die Anbetung.

Aber halt, was ist das? — um jenen Tisch dort drängen sich die Spieler oder Neugierigen — dort wird wahrscheinlich hoch gespielt, und wer noch einen Platz bekommen kann, sei es auch nur um auf den Zehen zu stehen und über die Glücklicheren weg zu schauen, der preßt hinan, einen Blick von dem zu gewinnen was da vorgeht.

Ein junger Bursche steht dort am Tisch, zwischen den Spielenden und seinen Helfershelfern. Langsam mischt er die Karten, eine Beschäftigung zu haben bis das Spiel beginnt, und überwacht dann mit den kleinen, scharfen, grauen Augen, während die Hände fast unwillkührlich die Bewegung fortsetzen, die gesetzten Karten.

Das Spiel selbst ist uns allerdings fremd; der Spanier an der anderen Seite dagegen, der den Gang desselben und den Händen des Ausgebenden mit einem feinen, kaum bemerkbaren Lächeln folgt, ohne bis jetzt zu setzen, scheint es desto besser zu kennen. Es ist Monte, ein Spanisches Spiel, auch mit Spanischen Karten gespielt, und die wunderlichen Figuren der Karten selber, die gekreuzten Schwerter und goldenen Kugeln, die Reiter statt der Dame etc. etc., fesseln das Auge des Fremden im Anfang vor allen Dingen, und geben den keck darauf gesetzten Rollen und Säckchen von Silber und Gold einen noch viel höheren und geheimnißvolleren Reiz.

Das Spiel selbst hat Aehnlichkeit mit unserem Landsknecht; die links aufgeworfene Karte ist für den Banquier, die rechts geworfene für den Spieler, und es wird dadurch ein doppeltes, daß er zwei oben und zwei unten auswirft, dem einzelnen Spieler also auch Gelegenheit giebt, zwei zu gleicher Zeit zu setzen.

Der junge Bursch, für den wir uns gleich von vornherein interessirten, kann höchstens sechzehn Jahre alt sein. Er ist hoch und schlank aufgeschossen, aber seine Züge hätten noch etwas weichliches, kindliches, strafte den Gedanken nicht das dunkel und leidenschaftlich glühende, eingesunkene Auge, wie die fest und krampfhaft zusammengepreßten bleichen Lippen Lügen. Seine rechte Hand stützt sich geballt auf das grüne Tuch des Tisches, in dessen Mitte aufgestapelte Dollare eine Mauer um einen Haufen kleineren Goldes und Goldstücke, sowie kleiner eingenähter Säckchen mit Goldstaub bilden, und drei oder vier größere Klumpen Gold, und gemünzte kleine Barren, mehr als Zierrath als zum wirklichen Gebrauch obenauf liegen. Seine Linke hat er in der Weste, und der zurückgeschobene Filzhut läßt einzelne blonde Locken, wie die hohe feuchte Stirn frei. Sein Gold, vielleicht zwanzig oder fünfundzwanzig halbe „Eagles“ (5 Dollar), steht auf dem Reiter, und die in ihren Höhlen glühenden Augen haften in peinlicher Spannung auf den Händen des Spielenden.

Dieser, ein Amerikaner, sitzt kalt und ruhig hinter seinem Tisch, die abzuziehende Karte schon im Griff, und nur mit den Augen noch den Satz rings umher revidirend, ob Alles in Ordnung sei. Das Aß und die Dame sind die obersten Karten — der junge Bursche hat gewonnen, und ein triumphirendes Lächeln zuckt um seine Lippen.

„Heut zahl ich Euch zurück, was Ihr mir neulich angethan, Robertson,“ lachte er heiser zwischen den kaum geöffneten Zähnen durch.

„Hoffentlich,“ erwiedert der Spieler ruhig, mit einem zweideutigen Lächeln — „Ihr seid im Glück heute, Lowel, und solltet es eigentlich forciren.“

„Die Summe bleibt auf der Dame und das da auf die Drei!“ — Hier und da am Tisch werden kleinere Umsätze ausgezahlt oder eingezogen, und wieder fallen die Karten — beide Sätze haben verloren.

„Damn it,“ knirscht der junge Bursch leise und kaum hörbar vor sich hin, aber die Hand bringt fast unwillkührlich neue Beute zu Tage, ein Säckchen mit Goldstaub, das der Spieler selbst keines Blicks würdigt. Das Säckchen mochte etwa zwei Pfund enthalten, und der Spanier, der ihm gegenübersteht, wirft jetzt ein Paar Unzen auf die entgegengesetzte Karte.

„Ihr mißtraut dem Glück des Gentleman da, Señor,“ lächelte der Spieler, die Karten fest und ruhig mit der linken Hand umspannt, den eigenen Blick aber forschend auf die Augen des Californiers geheftet.

„Quien sabe?“ murmelt dieser gleichgültig, aber — seine Karte hat gewonnen.

„Teufel,“ zischte der junge Spieler zwischen den fest zusammengebissenen Zähnen durch, und die Hand suchte in krampfhafter Hast in seinen Taschen nach anderem Gold — umsonst — nicht in der — nicht in der — „Fort — gestohlen!“ stammelt er dabei vor sich hin, und die stieren Blicke schweifen mißtrauisch und scheu dabei von Einem zum Andern der ihn dicht Umdrängenden. Er begegnet nur gleichgültigen oder spöttischen Mienen.

„Kommt, Fremder — wenn Ihr nicht mehr spielt laßt einem Anderen den Platz!“ sagte ein in ein blaues, schmutziges und zerrissenes Staubhemd gekleideter bärtiger Gesell, dem der arg mitgenommene zerknitterte Filzhut seitwärts auf dem wirren Haar sitzt — „es scheint mir, Ihr seid fertig.“

„Ich stehe hier so lange als es mir gefällt.“

„Bitte, Sir, wenn Sie nicht mehr spielen, geben Sie Anderen Raum,“ — sagte aber auch jetzt der neben ihm sitzende zweite Spieler gleichgültig — „unser Tisch ist überdies gedrängt voll.“

„Ich bin bestohlen worden,“ — ruft der junge Mann jetzt, einen ingrimmigen Blick dabei auf den im Staubhemd werfend — „schändlich, niederträchtig bestohlen worden.“

„Dann sieh mich nicht so dabei an, mein Bursch, wenn ich bitten darf,“ sagt der im Staubhemd ruhig.

„Ich sehe an, wen ich mag!“ — trotzte der Aufgeregte — „und wer den Blick nicht ertragen kann, der sehe weg.“

„Platz da!“ — brummte der Miner im Staubhemd, den Kopf halb zurückdrehend zu den hinter ihm Stehenden, und den jungen Spieler mit riesiger Kraft packend, hob er ihn auf und warf ihn hinter sich.

„Hab’ Acht — hab’ Acht!“ — schrieen in dem Augenblick mehrere Stimmen, und zwei oder drei Hände fuhren zu und warfen den Arm des Rasenden in die Höhe, der, mit einem Revolver bewaffnet und, unbekümmert um die Folgen, gerade auf den Kopf des Angreifers gerichtet war. Ob aber auch gefaßt, zuckte der Finger des jungen Verbrechers zweimal, ehe sie ihm die Waffe entreißen konnten, und die eine Kugel schmetterte die Glocke einer Astrallampe auf die Untenstehenden, die lachend und fluchend auseinanderstoben, während die andere harmlos in die Decke schlug, dort nur ein wenig Kalk niederwerfend. — Es war nicht das einzige derartige Zeichen da oben.

„Ich danke,“ — sagte der Miner im blauen Jagdhemd ruhig zu den Umstehenden, und ohne sich weiter um den Rasenden zu kümmern, der sich in den Händen der ihn Haltenden wand und förmlich schäumte vor Wuth, nahm er ein Päckchen Gold aus seiner Blouse und setzte es auf die ihm nächste Karte.

Der junge Spieler, von dem man fürchtete daß er noch andere Waffen bei sich haben könne, wurde indessen von einigen handfesten Irländern, die sich der Sache freundlich unterzogen, bis an die Thür geschleppt, wo ihn zwei durch den Schuß herbeigerufene Polizeidiener in Empfang nahmen und fortführten.

Die Neugierigen im Saal hatten indessen alle dahin gepreßt wo der Schuß gefallen war, so viel wie möglich von einem dort vermutheten Kampf zu sehen, und die Spieler der nächsten Tische mußten ein Paar Minuten wirklich Gewalt brauchen, die Andrängenden zurückzuhalten — selbst der Kuchentisch war für ein Paar Augenblicke leer geworden — aber nicht lange.

Zu viel des Neuen, zu viel des Interessanten bot sich indessen überall, die Aufmerksamkeit der Zuschauer lange auf einem Punkt, an einen Platz zu fesseln, selbst wenn ein solches Intermezzo mit einem Schuß gewürzt war. Von einer andern Seite des Saales her tönte in diesem Augenblick wieder Lärmen, Geschrei und Lachen — was war dort geschehen?

„Das war brav gemacht — bravo — hurrah!“ schrie die Menge, und die gellende Stimme eines Mannes, der gegen etwas eifrig protestirte, wurde immer wieder auf’s Neue von dem Jubelruf unterbrochen.

Ein eigener Zwischenfall hatte sich hier ereignet, bei dem sich die Menge bald zum Richter aufwarf und entschied.

Ein Mann in schwarzem Frack und dunklen Hosen, ganz anständig und reinlich gekleidet, war schon seit mehreren Abenden — heute am siebenten — regelmäßig um dieselbe Zeit zu ein und demselben Tisch getreten, hatte dem Spiel eine Weile beobachtend zugesehen, bis er zuletzt einen leinenen Sack aus seiner Brusttasche holte und ihn auf eine Karte setzte. Die Karte gewann am ersten Abend, und er schüttete den Sack, um das Geld zu zählen, auf den Tisch aus. Es waren achtundzwanzig Spanische Dollar, die ihm der Spieler ruhig auszahlte, und der „gentleman“ verließ mit seinem Gewinn, ohne Fortuna einen zweiten Wurf anzuvertrauen, und wahrscheinlich gegen die Erwartung des Spielers, den Tisch wieder.

Am zweiten Abend kam er wieder, setzte wieder und — verlor. Mit größter Kaltblütigkeit aber, ohne auch nur eine Miene zu verziehen, öffnete er den Sack, faßte ihn an den beiden unteren Zipfeln, schüttelte ihn aus — und er enthielt genau die gleiche Summe, wie am vorigen Abend — rollte ihn dann wieder zusammen und verließ, ihn in seine Tasche zurückschiebend, den Saal.

Am dritten, vierten und fünften Abend dieselbe Sache — die Spieler lernten den Mann kennen und amüsirten sich über sein wunderliches Wesen; wieder verlor er und betrug sich genau wie die ersten Male, den Sack nahm er jedesmal wieder mit sich fort.

Am sechsten Abend — und so regelmäßig hielt er dabei seine Zeit, daß die Spieler untereinander lachend sagten — „es ist noch nicht acht Uhr, der Mann hat uns seine achtundzwanzig Dollars noch nicht gebracht“ — dasselbe Spiel. Wieder verlor er sein Geld, und der Barkeeper oder Ausschenker am Spirituosentisch, dem gerade gegenüber dieser Spieltisch stand, lachte laut auf, als der merkwürdige Gesell das Geld so ruhig ausschüttete, als ob er für Jemand Anders hier seine regelmäßige Zahlung zu leisten, und nicht das eigene Geld verspielt und weggeworfen hätte.

Der siebente Abend kam. Es war schon eine volle Minute nach acht Uhr, und der eine Spieler rief lachend dem andern zu: „Wir sind zu hart mit ihm verfahren und haben ihn verscheucht;“ als sein Kamerad lächelnd zur Seite zeigte und der Mann im schwarzen Frack, ohne eine Miene zu verziehen oder auf das Kichern und Flüstern um ihn her zu achten, zu seinem gewöhnlichen Platz am Tisch trat, den ihm einige der zufällig schon früher mit ihm hier Zusammengetroffenen willig räumten, gerade bis ein Viertel auf neun dem Spiel ruhig zusah und dann den Allen wohlbekannten Leinwandsack neben die eben ausgeworfene Zwei niedersetzte.

Ein paar Karten wurden indeß abgezogen, ohne daß die Zwei erschien — jetzt fiel die Drei links, und rechts — ein feines, kaum bemerkbares Lächeln zuckte um des Spielers Lippen — die Zwei. Der Fremde wurde todtenbleich, aber ohne auch nur eine Sylbe über den endlichen Wechsel seines Glücks zu äußern, streckte er ruhig wieder die Hand nach dem Leinwandsack aus und war eben im Begriff ihn aufzubinden, die Dollar, wie er das am ersten Abend gethan, überzuzählen, als der Spieler lachend sagte:

„Laßt nur sein ich weiß schon wie viel d’rin sind. — Achtundzwanzig — hab’ ich nicht Recht?“

„Nein!“ sagte der Mann ruhig und schüttelte das Silber auf den Tisch und schüttelte den Sack stärker, und hinter dem Silber her eine Rolle fest zusammengewickelter Banknoten und ein fest ineinandergefaltetes Papier.

„Was ist das?“ riefen die Spieler erschreckt, und die Umstehenden drängten überrascht und neugierig hinzu.

„Mein Satz,“ sagte der Mann anscheinend gleichgültig und knüpfte das Band auf, das die Banknoten zusammenhielt.

„Halt, das gilt nicht!“ schrie aber der Spieler, seine Karten niederwerfend, „das ist falsches Spiel — Ihr habt die vorigen Abende nur achtundzwanzig Dollar gezahlt.“

„Falsches Spiel?“ — rief der Mann, und seine Augenbrauen zogen sich drohend zusammen — „beweist mir falsches Spiel, Ihr Kartenmischer. Hab’ ich den Sack nicht vollständig, wie er da ist, auf jene Karte gesetzt? und habt Ihr Euch etwa geweigert, ihn uneröffnet anzunehmen?“

„Nein, das ist Alles in Ordnung — Alles in Richtigkeit!“ riefen die Umstehenden, immer gern bereit, gegen den Spieler Parthei zu nehmen. Sie sind fest überzeugt, daß er nicht ehrlich spielt, und trotzdem treten sie doch immer und immer wieder selber hinzu, ihr Geld ebenfalls in den Brunnen zu werfen. „Er hat es gesetzt und gewonnen, und muß es bekommen!“ riefen Andere.

„Zählt Euer Geld — wie viel habt Ihr?“ sagte der Spieler, der rasch ein Paar Worte mit dem Gegenübersitzenden geflüstert hatte — „wie viel ist es?“

„Erstlich achtundzwanzig Dollar in Silber,“ sagte dieser ruhig, und die Anderen lachten — „dann hier in Banknoten ein, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, achthundert Dollar, und dann hier“ —

„Was noch?“

„Eine kleine Anweisung auf Dollsmith und Penneken, so gut wie Silber, acceptirt und Alles; das Geld braucht nur abgeholt zu werden, auf — drei Tausend.“

„Drei Tausend?“ — schrie der Spieler, erschreckt von seinem Stuhl aufspringend — „das wären beinah vier tausend Dollar zusammen; seid Ihr wahnsinnig? — das brauch’ ich nicht zu zahlen.“

Braucht Ihr nicht?“ — sagte der Fremde erstaunt — „hättet Ihr’s nicht genommen, wenn ich’s verloren?“

„Gewiß hätt’ er — das versteht sich — ob die’s nehmen? — Alles, was sie kriegen können und ein klein Bischen noch mehr,“ — schrieen die Stimmen um den Tisch herum. — „Er muß zahlen, da hilft ihm kein Gott.“

„Gentlemen,“ — protestirte aber der Spieler jetzt gegen die Schaar, in der trostlosen Hoffnung diese zu seinen Gunsten zu lenken. — „Gentlemen, der Herr da hat jeden Abend die ganze vorige Woche gesetzt —“

„Und jedesmal verloren,“ — fiel ein Anderer ihm in die Rede — „ich bin einige Male selber dabei gewesen und habe es von Anderen erzählen hören, und er hat nie ein Wort dagegen eingewandt.“

„Aber das waren nur achtundzwanzig Dollar.“

„Und wenn es jetzt so viele Tausende wären.“

„Aber so lassen sie mich ausreden,“ — schrie der Spieler, mit Todtenblässe im Gesicht und funkelnden Augen — „es waren nur achtundzwanzig Dollar die er mir auf den Tisch schüttelte, und die Papiere hielt er zurück — dreimal schon hab’ ich die Summe von ihm gewonnen.“

„Beweist mir, daß ich einen Cent mehr wie die achtundzwanzig Dollar im Beutel gehabt!“ rief aber der Fremde verächtlich — „mit solchen Ausflüchten kommt Ihr nicht durch.“

„Warum hast Du den Sack nicht mitbehalten, compañero,“ — lachte ein Spanier, der dabei stand — „wir behalten Alles was auf die Karte gesetzt wird.“

„Hätt’ er wieder verloren, so wären nicht mehr aus dem alten verdammten Leinwandbeutel herausgekommen, wie die Paar lumpigen Silberdollar“ — fluchte der Andere.

„Möglich, aber nicht zu beweisen,“ — lachten die Umstehenden — „Ihr müßt zahlen.“

„Verdammt, wenn ich’s thue,“ — schrie der Spieler und schlug mit der geballten Faust auf den Tisch. — „Eine neue Art von Betrug und Schurkerei ist’s, die sie an mir versuchen wollen — aber sie sind an den Unrechten gekommen. — Ich zahle nicht.“

„Ich habe an Dich hundert Dollar die letzte halbe Stunde verloren“ — schrie da ein langer riesiger Kentuckier, sich zum Tisch durchdrängend, und über der Anderen Schultern fort — „und hab’ sie Dir zahlen müssen bis zum letzten Cent. Weigerst Du Dem die Zahlung, mußt Du mir mein Geld auch wieder herausgeben.“

„Und mir auch — mir auch!“ — schrieen eine Menge Stimmen durcheinander — „ich habe auch verloren — ich auch — ich zehn Dollar — ich funfzig — ich fünfundzwanzig — ich ein Pfund Gold — heraus mit dem Geld, wenn er nicht zahlen will.“

Ein anderer Spieler vom Nachbartisch war indessen zu dem Kameraden getreten und hatte, während der Tumult wuchs, einige Worte mit ihm geflüstert. Der Verlierende stritt ebenfalls mit unterdrückter Stimme dagegen an, wich aber doch zuletzt dessen Zureden und nahm das Geld, um es noch einmal zu überzählen, wonach Beide die Banknoten wie den fälligen Wechsel eines der ersten Banquierhäuser in der Stadt sorgfältig prüften. Es war gegen beide Nichts einzuwenden, und während der Fremde wieder, in dem Tumult um sich her, seine frühere, vollkommen ruhige Stellung eingenommen hatte und dem Lärm scheinbar so gleichgültig zusah, als ob ihn das Ganze auch nicht das mindeste anging, zählte indessen einer der Spieler das Geld ab, das fast die ganze prahlerisch aufgestapelte Baarschaft des Tisches mit fortnahm. Mehrere Pakete mit Goldstaub mußten sogar noch dazu gelegt werden, die der Fremde, ehe er sie acceptirte, aufschnitt, aufmerksam betrachtete und an dem Spirituosentisch, wo er sich zugleich ein Glas Brandy; einschenken ließ, abwog. Es war Alles in Richtigkeit, und das Gold in den verschiedenen Taschen bergend, schüttete er, was übrig blieb, in den verhängnißvollen Leinenbeutel, schob die Banknoten und Papiere in seine Brusttasche zurück und verließ jetzt mit einem freundlichen Dank gegen die Umstehenden, der mit einem donnernden Hurrah erwiedert wurde, den Saal.

Die Uebrigen lachten und plauderten noch eine Weile über den Fall. Von allen Gegenwärtigen waren vielleicht nicht drei der Meinung, daß er die Banknoten und den Wechsel, wie der Spieler behauptete, die vorigen Abende nicht auch schon im Beutel gehabt, die wohl zu Tage gekommen wären, wenn er nur einmal gewonnen hätte; aber es galt ihnen das nicht als Betrug; es war Schlauheit. Der Spieler wahrte sich ebenfalls jeden rechtlichen oder unrechtlichen Vortheil den er gewinnen konnte; dafür hatte jeder seine Augen, daß er aufpasse.

Oben im Saal und so weit erhöht, daß es von allen darin Befindlichen gesehen werden konnte, befand sich das Orchester, eine etwas zusammengewürfelte Schaar von Streich- und Blaseinstrumenten, die, nur mittelmäßig eingeübt, da oben, wie es der Amerikaner nennt „einen angenehmen Spektakel,“ machten. Die Musici spielten Tänze und Märsche aus Französischen und Deutschen Opern, Negerlieder und Englische Balladen, was gerade vorkam; und der Zweck war viel weniger eine Unterhaltung, als ein Halten des Publikums, das sich in dem warmen, hell erleuchteten und von Musik durchströmten Raum wohl fühlen sollte. Blieben die Leute dann lange da, so ließen sie sich auch wohl verleiten, wie fest Viele auch im Anfang zum Gegentheil entschlossen waren, einmal zu setzen; und das Honorar der Musiker zahlte reichlich die entsetzlich hohe Miethe der Spieltische.

Das Publikum drängte auch gleichgültig unter der Musik hin und her. Nur die Backwoodsmen, die, wie ein Yankee meinte, lange genug vor dem Kuchentisch gestanden, „ihren Schatten an der Wand zu lassen,“ machten auch hier Front und schauten erst in stummer Verwunderung zu den vielen Trompeten hinauf, bis die Posaune anfing aus- und einzuziehen, und stießen sich dann feixend in die Rippen und lachten über den wunderlichen Mann mit der Trompete von „glänzendem Gummi“.

Jetzt schwiegen die Blas-Instrumente. Die der Mitte Nächsten traten ein wenig zurück, und mit einem kleinen leichten Notenpult in der rechten, einer Violine mit dem Bogen unter dem linken Arm, trat ein junges, bildschönes Mädchen auf das Orchester.

„Da ist sie wieder — da oben steht sie“ — flüsterten die Nächststehenden einander zu, und die Augen von Hunderten richteten sich, wie die Worte unten von Mund zu Mund liefen, oben auf die liebliche Erscheinung. Selbst der Thee wurde in diesem Augenblick vernachlässigt, und nur ein langer Yankee blieb, eine volle Tasse vor sich — es war die siebzehnte heute Abend — beide Ellbogen auf den Ladentisch gestemmt, allein und als Sieger zurück. So starrte er in das freundliche Gesicht der Verkäuferin — die allerdings hart an sich halten mußte nicht gerad’ herauszulachen, und dadurch einen ihrer besten Kunden zu verscheuchen.

Die Violinspielerin oben begann jetzt auf dem Orchester ein Adagio-Solo, dessen leise, schwellende Töne aber in dem Murmeln der Versammlung gänzlich verschwammen. — „Bst — bst“ — tönte es von den Lippen der Zunächststehenden; aber was kümmerte die Spieler die Melodie da oben. Wenn in diesem Augenblick ein Engel niedergestiegen wäre, seine himmlischen Weisen anzustimmen, Karten und Würfel würden ihre Augen gefesselt, ihre Ohren verschlossen gehalten haben, und leise gemurmelte oder laut ausgestoßene Flüche waren die einzige Antwort, wenn Jemand etwa gar direkt gemahnt wurde weniger Geräusch zu machen „der Musik wegen“.

„Damn the music,“ — lautete dann wohl die barsche Antwort, mit einem noch schlimmeren Fluch als Träger — „was zum Teufel hab’ ich damit zu thun — die Fiedelspieler geben mir mein verlorenes Gold nicht wieder — geht zum Teufel.“

Das Mädchen oben aber kümmerte sich nicht um den Lärm und spielte ruhig weiter. Ihre Töne hoben sich und drangen zitternd und weich und doch so mächtig, bis in den entferntesten Winkel des weiten Raumes, und die Musici oben saßen still und schweigend und lauschten tief ergriffen den wunderbaren Lauten.

Es war ein junges Mädchen von etwa siebzehn Jahren, jedenfalls südlicher Abkunft, mit dunklen rabenschwarzen Locken und eben solchen Augen, aber marmorbleichen und doch so zarten, fast durchsichtigen Zügen, die jetzt in der Erregung des Augenblicks, wie tief unter der Haut, von einem schwachen rothen Schimmer durchzogen wurden. Wie kam das arme Kind hier in diesen entsetzlichen Aufenthalt des Lasters? wie hatte sich die Nachtigall dazu hergeben können, ihren Ton zu leihen, die Beute in die Fänge der Eule zu locken? — Was hatte sie überhaupt an diese wilden, ungastlichen Ufer getrieben, wo die Gier nach Gold jedes edle Gefühl, jede zarte Sitte und stille Weiblichkeit unter die Füße trat? — Ein Lockvogel in einem Spielhaus — trauriges, trauriges Brod, das sie vielleicht mit ihren Thränen netzte. Oder wäre auch dieses junge Herz schon verdorben gewesen von dem Gifthauch des El Dorado? Das seelenvolle, unschuldige Auge strafte den Verdacht Lügen, und die milden schwellenden Töne des Instruments klangen doch wieder wie wehzerrissene Klagen schuldiger Brust.

„Verdammt feines Mädchen das da oben,“ — sagte ein Miner zum Andern, mit dem er unter dem Orchester stand und hinaufschaute, „wollte ein Paar Pfund drum geben, wenn ich die mit oben in unserm Winterzelt hätte. Donnerwetter, wie die Jungens droben schauen würden, wenn ich solch einen Brodverzehrer mit hinaufbrächte.“

„Würde auch theuer zu kaufen sein,“ — meinte Anderer — „sie sieht stolz und vornehm aus, die ist Nichts für unsereins.“

„Bah,“ — sagte der Andere verächtlich — „Nichts für unsereins! weshalb? — mit Gold kauf’ ich Alles — möchte wissen, wo sie herkommt?“

„Aus dem alten Lande,“ — sagte ein Dritter, der das Gespräch überhört hatte, leise zu den beiden Minern, — „ist aber nicht zu bekommen. Das hat schon Mancher versucht. Dort steht ihr Alter.“

„Wo? — der da mit dem schwarzen abgetragenen Rock und den dunklen langen Haaren? — Das ist ein Spanier.“

„Ja wohl, und so stolz, als ob er der König selber wäre.“

„Aber er spielt hoch —“

„Beide,“ — lachte der Amerikaner — „die Eine da oben, der Andere hier unten, nur mit dem einen Unterschied, daß die Dirne dort der Brodverdiener ist, und der Alte hier das Geld allabendlich schon im Voraus verspielt, was sie da oben von den Spielern bekommt, um Grüne hereinzulocken.“

„Und wovon leben die Leute?“

„Gott weiß es — keinenfalls kostbar, und ich glaube, sie haben ein Zimmerchen hier im Hause irgendwo, hoch oben unterm Dach.“

„Aber was zum Teufel spielt sie für Zeug?“ — sagte der Erste wieder — „hübsch ist sie, aber mit der Fiedel weiß sie nicht umzugehen; da kann ja kein Mensch einen Tackt dazu tanzen.“

„Ja, zum Tanzen spielt sie’s auch wohl eigentlich nicht,“ — sagte der Hinzugekommene — „wer geht mit, eins zu trinken?“

„Wer geht nicht mit?“ — lachte der Erste — „Trinken ist immer besser wie Musik!“

Ein klein wenig oberhalb der Bar oder dem Schenktisch, schien jetzt etwas vorzugehen, und die Neugierigen sammelten sich bald um eine Stelle, wo ein junger Bursch von vielleicht dreizehn Jahren hinter einem kleinen Tisch stand und mit einigen „green mountain boys“[34] vingt-un spielte. Die beiden Burschen sahen aus wie ein Paar Farmerssöhne aus dem Gebirg, die eben noch nicht viel von dem Leben und Treiben in der Welt gesehen; hier aber, mit den Französischen Karten, die sie eher kannten wie die Spanischen, und mit einem Spiel, das sie selber schon oft in New-York hatten spielen sehen, oder vielleicht selbst gespielt hatten, ihr Geld glaubten „finden“ zu können, ohne gerade in die Berge zu gehen und hart danach zu graben.

Die ersten vier fünf Male gewannen sie auch kleine Summen, und der Eine von ihnen fing an Gewissensbisse zu fühlen, daß sie dem „Kind“ das Geld abnähmen.

„Damn it“ — sagte er halblaut zu seinem Bruder, denn die Aehnlichkeit zwischen den beiden langen knochigen Burschen ließ sich nicht verleugnen — „damn it, Bill, ’s ist eigentlich ein Skandal, daß wir beiden großen erwachsenen und vernünftigen Menschen mit solch kleinem „greenhorn“[35] spielen — wir wollen lieber wo anders hingehen.“

„Bah, das seh’ ich nicht ein,“ — sagte der Andere eben so leise — „wenn der Junge so dumm ist sich hier herzustellen und Andere zum Spiel aufzufordern, können wir ihn so gut rupfen wie Jemand Anders. Aber was mich freut ist nur, daß er glaubt er hätte ein Paar „Grüne“ erwischt — halloh mein Junge, wie der sich geschnitten hat.“

Der kleine Bursch verzog, während sich die Beiden solcher Art leise mit einander unterhielten, keine Miene, nur die Lippen hielt er fest zusammengekniffen; und wären die Yankees nicht so eifrig in ihr Gespräch vertieft gewesen, hätten sie wohl sehen können, wie er mit einem Nachbar von sich, einem andern Knaben in gleichem Alter, der hinter einem großen Würfelbecher stand, ein Paar rasche Blicke wechselte. Der junge Bursch sah nicht wie ein „greenhorn“ aus.

„So, hier mein Herz, ist ein Dollar auf die beiden Karten,“ — sagte der Aeltere, jetzt wieder sein Blatt aufnehmend und besehend — „und ich kaufe“ —

„Ist’s genug, Sir?“

„Genug? — hm — ja — ich passe.“

„Und Sie?“

„Ich kaufe noch“ —

„Eine Vier; die wird Ihnen recht sein.“

„Damnit, nein — noch eine“ —

„Ist’s jetzt genug?“

„Dreiundzwanzig,“ rief der Jüngere, die Lippen ausstoßend und schob dem jungen Spieler das Geld hin. Dieser warf lächelnd seine Karten auf; er hatte Funfzehn.

„Ich passe auch,“ — sagte er und der andere Amerikaner warf ihm, ohne seine Karten zu zeigen, mit einem leisen Fluch das Geld hinüber. — Weshalb hatte der junge Gauner schon auf Funfzehn gepaßt?

Wieder begann das Spiel; die beiden Brüder verloren zu ihrem Erstaunen an den jungen Burschen und wurden immer heftiger. Zwei Dollar setzten sie auf eine Karte, dann drei, und ohne daß sie es selber merkten, hatte sich indessen eine ganze Schaar von Zuschauern um sie versammelt, um dem „Rupfen“ mit allen Zeichen augenscheinlichen Vergnügens zuzuschauen.

Nur immer gieriger dadurch gemacht, setzten die beiden Burschen, ohne selbst auf manches wohlmeinend geflüsterte Warnungswort zu hören, mehr und mehr. Der eine warf zuletzt eine ganze Hand voll Silber mit einigen Goldstücken darin — vielleicht seine ganze Baarschaft — zu einem letzten entscheidenden Streich auf seine Karte. Dies Mal mußte er gewinnen — er hatte Einundzwanzig; der Bruder hatte zwei Goldstücke auf seiner Karte stehen und zwei Bilder in der Hand. — Das Glück hatte sich gewandt.

Der junge Bursch warf seine Karten auf; er hatte ein Aß und eine Drei — darauf konnt’ er nicht stehen bleiben. Er kaufte eine Zehn — das waren vierzehn; er kaufte noch einmal, eine Sechs — Zwanzig! Weiter zu kaufen wäre Wahnsinn gewesen, aber sein Blick fliegt von einem der Sätze zum anderen, und suchte verstohlen und wie nachdenkend das eigene Kartenspiel das er etwas vorgeschoben in der Hand hält.

„Ich kaufe,“ — ruft er dann, wie mit einem verzweifelten Entschluß, und das Einzige, was ihn konnte gewinnen machen von allen Karten, — das Aß — fällt, während er mit einem ruhigen Lächeln das Geld einstreicht.

„Nicht verzagt, Gentlemen, nicht verzagt,“ — ruft er dabei. „Das nächste Mal kommt die Reihe an Sie — Glück ist Alles, nicht verzagt — wie ist Ihr nächster Satz? — soll ich Ihren nächsten Satz sehen?“

Aber die beiden green mountain boys hatten gerade genug, und vielleicht selber nicht einmal mehr für einen nächsten Satz übrig. Sie stießen einander an und verließen den Tisch, während sich Andere hinandrängten, ihre Stelle einzunehmen.

Der Tisch nebenan machte keine so guten Geschäfte, wenigstens keine so großartigen, obgleich ebenfalls Dollar nach Dollar einkam, wenn auch der Einsatz meist nur in Vierteln gestellt wurde. Es war ein Würfeltisch, ein Stück Leinewand mit fünf großen Buchstaben A. B. C. D. E. bemalt, darauf. — Drei Würfel lagen daneben, von denen jeder die Buchstaben und ein blankes Feld trug. Der Knabe, der hinter dem Tisch stand, hatte einen großen Lederbecher zum Werfen vor sich stehen. Wer pointiren wollte, setzte irgend einen Satz auf einen oder mehre der Buchstaben und warf dann selber. War der gesetzte Buchstabe mit aufgeworfen, so bekam er seinen Satz herausgezahlt, ja doppelt oder dreifach, wenn es das Glück wollte, daß er zum Beispiel auf das D. gesetzt, und alle drei Würfel das D. gezeigt hätten; dagegen war der Satz verfallen, wenn andere Buchstaben kamen.

Gleich daneben war ein Roulet — weiterhin ein Pharaotisch. Dort stand ein Spieler mit drei Karten die er, halb zusammengebogen, herüber und hinüberwarf, um die erstaunten Zuschauer einzuladen darauf zu setzen. Diese aber wagten es nicht, oder glaubten daß er nur Scherz mache, weil die Sache so entsetzlich leicht und handgreiflich schien.

Dicht vor dem Tisch stand ein Mann in einem schwarzen Leibrock und betrachtete sich die Karten und das Wechseln derselben aufmerksam; um ihn herum stand ein Schwarm Backwoodsmen und Miner und flüsterte miteinander, und der Spieler warf indessen die drei Karten langsam und in solcher Art hin und her, daß man den einzelnen recht gut und leicht mit den Augen folgen und dann auch ganz unzweifelhaft wissen konnte, wo das Aß oder die Dame oder die Zehn — denn das waren die drei — lagen.

„Hier, Gentlemen, hier!“ — rief der Spieler dabei, die Karten mit der inneren Seite gegen die Zuschauer haltend, daß sie dieselben deutlich erkennen konnten — „hier ist das Aß, das leg ich dahin, hier ist die Zehne, die kommt dahin, und hier ist die Dame, die kommt dahin — sehen Sie, jetzt wechsle ich die Karten, nun liegt das Aß hier, nun hier — nun hier und so — und so und so — passen Sie wohl auf — wer gute Augen hat, ist in großem Vortheil — nun, wo liegt das Aß jetzt?“

„Hier!“ sagte Einer der Miner und deutete entschlossen auf die mittlere Karte, die der Spieler für ihn umwarf — es war in der That das Aß.

„Ja, Gentlemen, da muß ich ein wenig schneller mischen, sonst komm’ ich mit Ihnen nicht fort,“ — sagte der Spieler achselzuckend; „so, hier ist das Aß jetzt, und nun hier, so, so, so, so“ — und etwas rascher die Karten durcheinander stellend, aber immer noch langsam genug daß man den einzelnen recht gut mit den Augen folgen konnte, hielt er wieder ein.

„Boys,“ — sagte da der Mann im schwarzen Frack, sich zu den Minern halb umdrehend und mit leiser unterdrückter Stimme — „der Kerl muß toll sein, oder er hat sein Geld auf der Straße gefunden. Hier ist eine Gelegenheit etwas zu verdienen, und ich will sie nicht unbenutzt vorüber gehen lassen — ich setze.“

Der Spieler hatte indessen die Karten wieder aufgenommen und durchgemischt, und zeigte sie den jetzt in Menge Herandrängenden, um sie dann etwas schneller als vorher wieder durcheinander zu mischen.

„Hier sind zehn Dollar auf das Aß da!“ rief der Mann im schwarzen Frack plötzlich und setzte zwei Goldstücke vor die der Länge nach halb zusammengebogene Karte.

„Thut mir leid — nehme keinen Satz an unter fünfundzwanzig,“ sagte aber der Spieler ruhig.

„Fünfundzwanzig?“ rief der im schwarzen Frack, „das ist viel; — aber halt nehmt die Karte nicht weg, ich halt’ es. Donnerwetter,“ flüsterte er dann dem neben ihm Stehenden zu — „ich weiß ganz genau daß es die rechte Karte ist, und ich muß gewinnen.“

„Ich weiß es auch — ich hab’s auch gesehen,“ — riefen die Anderen leise — „der Mensch muß verrückt sein.“

„Wartet — paßt einmal auf, daß er die Karten nicht verwechselt,“ — rief der im schwarzen Frack jetzt im vollen Eifer — „hier ist das Geld — zwanzig, ein-, zwei-, dreiundzwanzig — nun? — keinen Dollar mehr? alle Wetter — ich glaube doch?“ Er befühlte sich umsonst alle Taschen, dreiundzwanzig Dollar waren sein letztes Capital, und er bat einen der ihm nächst Stehenden, daß sie ihm auf die Paar Secunden die zwei Dollar borgen möchten. „Jawohl, mit dem größten Vergnügen, sicherer war noch kein Geld angelegt.“

„Hier sind die fünfundzwanzig Dollar — das ist das Aß.“

„Dank Ihnen, Sir, für den Satz — wollen jetzt gleich nachsehen,“ — sagte der Spieler — „ich muß aufrichtig gestehen, ich weiß selber nicht mehr wohin ich die Karte gethan habe — also diese?“

„Ja wohl, die.“

„Wahrhaftig das Aß,“ sagte der Spieler, sich verlegen das Kinn streichend — „hier — fünfundzwanzig Dollar waren es, nicht wahr?“

„Fünfundzwanzig — hier stehen sie noch.“

„Ja, s’ist in Ordnung,“ sagte der Spieler kaltblütig — „kann es nicht ändern — das nächste Mal rathen Sie’s vielleicht nicht. Also hier, Gentlemen, hier geht das Spiel von vorn an. Hier ist das Aß, und nun so, und so, und so und so — Wer setzt?“

„Ich — ich!“ riefen mehrere Stimmen.

„Nicht unter fünfundzwanzig Dollar.“

„Hier sind sie — hier sind noch funfzig, auch auf die Karte!“ rief ein Dritter ganz im Eifer, während der im schwarzen Frack die zwei Dollar mit den zwei Dollaren Gewinn zurückerstattete — „das da ist das Aß und meinen Hals noch zu den funfzig, wenn Ihr ihn haben wollt.“

„Danke, danke,“ sagte der Spieler lächelnd, — „möchte meinen nicht dagegen setzen — also fünfundsiebzig auf die Karte; nicht mehr?“

„Nein; deckt nur auf zum Henker — Das Spiel spiel’ ich die ganze Nacht mit.“

„Also diese Karte?“

„Die hier — nun?“

„Ist die Dame; diesmal haben Sie sich versehen, Gentlemen,“ — sagte der Mann mit einem förmlich süßen, mitleidigen Lächeln — „und ich habe die Karten doch so langsam umgelegt.“

„Den Teufel noch einmal,“ — riefen die Setzenden erschreckt, denn sie hatten an nichts weniger gedacht als zu verlieren — „und das verdammte Aß steckt da?“

„Nächste Mal mehr Glück, Gentlemen, nächste Mal mehr,“ — lachte der Spieler mit seinem süßen, freundlich höflichen Lächeln — „hier gehen die Karten wieder — da das Aß, und nun da, und nun da — da — da — da — da — wer setzt, Gentlemen? Passen Sie genau auf — wissen Sie jetzt, wo das Aß ist? — keiner wird es glauben, hier ist’s in dieser Ecke.“

„Das habe ich gewußt — ich auch, bei Gott!“ schrieen Mehrere.

„Schade, daß sie nicht darauf gewettet haben, Gentlemen,“ — lachte der Spieler — „sonderbar, daß die Menschen so leicht auf etwas schwören und so schwer auf das nämliche wetten wollen. Hier gehen die Karten wieder, Gentlemen, going, going, going, going, going? — Hier ist das Aß und nun da, und nun da und wieder da, da, da, da, da! — Wer will setzen?“

„Ich — hier — da sind meine Fünfundzwanzig — und hier meine. — Die Karte hier ist das Aß — wenn sie’s nicht ist, hat der Teufel die Hand im Spiele.“

„Wär’ ein gefährlicher Compagnon, Gentlemen, also funfzig Dollar gerade? wird mein Gewinn von vorher wohl wieder in die Brüche gehen. Diese Karte hier, sagen Sie?“

„Die Karte da, ja — die mittelste!“ riefen mehrere.

„Das thut mir Leid, Gentlemen,“ sagte der Spieler achselzuckend — „das hätt’ ich Ihnen aber vorher sagen können, das ist die Zehn. Das Aß liegt hier!“

„Teufel!“ schrieen die Getäuschten, mit dem Fuße stampfend, während die Anderen lachten.

Der Mann in dem schwarzen Frack war indeß von dem Tisch fortgetreten; er hatte nicht wieder gesetzt und — lieferte später das gewonnene Geld zur Theilung im Ganzen, wieder an seinen „Compagnon“ ab.

Aber nicht überall sind die Spieler so glücklich. Dort an den Tisch ist ein Spanier in einer alten zerrissenen Serape, den breiträndrigen Hut tief über die Stirn gezogen, getreten, und folgt dem Lauf des Spiels mit der gespanntesten Aufmerksamkeit.

„Nun, Señor, wollen Sie Ihr Glück nicht versuchen heut Abend?“ — sagte der Amerikaner verbindlich — „weshalb stehen Sie so müßig da?“

„Porque?“ — sagte der Spanier — „ich möchte etwas lernen.“

Das zweideutige Lächeln das dabei um seine Lippen zuckt, gefällt dem Yankee nicht der die Bank hält. Die Spanier sind großentheils abgefeimte Spieler, und besonders mit den Ränken und Finessen des Monte-Tisches genau bekannt. Er zieht vorsichtig ab, denn der dunkelaugige Bursch nimmt ihm die Augen nicht von den Fingern.

„Haben Sie kein Geld, Señor?“ lächelte er endlich verlegen.

„Si, poquito[36]“ — sagte der Californier und nimmt, ohne einen Blick von der Hand des Amerikaners, die die Karten hält, zu verwenden, einen alten geflickten Leinwandbeutel aus der Serape, den er auf die vor ihm liegende Karte setzt. Der Spieler taxirt ihn flüchtig, er kann etwa sechzig oder siebzig Dollar halten. Einen etwas unruhigen Blick wirft er dabei auf die eigenen Karten in seiner Hand, der dem Californier nicht entgeht.

„’sta bueno?“ sagt dieser mit einem leichten, fast boshaften Lächeln.

Der Spieler zögert, aber er wagt nicht seine gewöhnliche List dem gewitzten Gegner gegenüber anzuwenden. Die Gefahr, der er sich dabei ausgesetzt ist zu groß — er zieht ab, und die Karte des Californiers hat gewonnen.

„Wie viel enthält der Sack Señor?“ sagte der Amerikaner mit anscheinender Kaltblütigkeit.

„No se,“ — erwiederte der Gewinner achselzuckend — „zählt es.“

Der Amerikaner zieht den Sack zu sich herüber, öffnet ihn und kann einen Ausruf der Ueberraschung, des Entsetzens nicht zurückhalten. Der Sack ist mit Doublonen gefüllt, und die zitternde Hand, die sie auf den Tisch schüttelt, zählt hundert und dreizehn. Des Californiers Antlitz ist dabei wie aus Marmor gehauen. Er weiß, daß ihm das Geld werden muß, und wartet vollkommen ruhig das Zählen ab, das fast den Tisch aufräumt. Den unteren Zipfel seiner alten schmutzigen Serape dann aufhaltend, streicht er das Gold hinein, nimmt den Sack wieder unter den Arm und verschwindet so geräuschlos unter der Schaar der Zuschauer, wie er gekommen. — Aber nicht so unbeachtet, denn zwei, in dunkle Röcke gekleidete Männer sind Zeugen des Gewinnes gewesen. Ihre Augen begegnen sich dabei, aber haften nicht aufeinander. Gleichzeitig schweifen sie nach den Bildern an der Wand hinüber, und die Beiden treten, nach verschiedenen Richtungen hin und von Niemand beachtet, vom Tisch ab; doch sie behielten den dunklen Hut des Spaniers im Auge, und als dieser die düstere Plaza betritt, verlassen auch sie den hellerleuchteten Saal.

Wollen wir ihnen folgen? — Ueber die Plaza schreitet der Mann jetzt, da er aus dem Saal hinaus ist, und summt dabei ein leises, lustiges Spanisches Lied, denn er freut sich des Triumphs den er über die verhaßten Americanos davon getragen. Er hat ein schweres Gewicht im Arm, aber sein Schritt ist nichtsdestoweniger leicht und elastisch, und er lacht sogar einmal laut auf, wenn er an das Gesicht zurückdenkt das der Amerikaner schnitt, als er den Beutel öffnete und Gold fand, wo er billiges Silber vermuthete.

„Hahahaha, wie bleich er wurde!“ — murmelte er leise vor sich hin, und die Augen funkelten in dem Gedanken — „und wie ihm die Finger danach zuckten die Volte zu schlagen, jene fatale Karte, die der Schurke recht gut kannte, von oben fortzubringen — caramba, er wußte, daß mein Auge auf ihm haftete und ich ihn durchschaute — er wagte es nicht. Der — ha —“ Er horchte, ohne den Kopf zu wenden, zur Seite. Er hörte Schritte, die ebenfalls stehen blieben als er hielt. Kearney-Street hinunter und herauf gingen und kamen noch viele Leute, aber über California-Street hinüber, wo der Weg nach der Mission hinausführte, wurde es öde. Bis an die breite, sandige California-Street reichten auch die gedielten Straßen; dann hörten sie auf, und wer dort nicht Geschäfte hatte, vermied den beschwerlichen, öden Weg.

Dorthin lenkte der Spanier jetzt seine Bahn; aber im Gehen hatte er das Gold, wozu er sich im Spielhause nicht die Zeit genommen, handvollweis in den breiten, mit drei großen Taschen versehenen Ledergürtel geborgen, den er nach Art der Argentiner um den Leib trug. Nachdem er die Serape wieder von ihrer Last befreit, nahm er den Beutel mit den Doublonen unter den linken Arm und schritt rascher vorwärts; aber er sang nicht mehr. Seinem scharfen Gehör waren die vorsichtigen Schritte nicht entgangen, die ihm folgten. Es schien auch daß er gehofft hatte, zu noch nicht so später Stunde mehr Menschen unterweges und besonders in diesem Theil der Stadt zu finden, wo erst ganz kürzlich ein Circus angelegt war; denn wie er die öde Straße vor sich sah, hielt er unschlüssig an und schaute zurück. Aber auch hinter ihm war Niemand mehr zu sehen, und nur die dunklen Gestalten von zwei Männern kamen jetzt mit raschen Schritten näher.

„Caracho,“ — murmelte der Mann, zum ersten Mal vielleicht die Gefahr, in der er sich wirklich befand, erkennend. Raubanfälle waren, vor der Entstehung der dadurch grade in’s Leben gerufenen vigilance comittee, gar nichts Seltenes etwa, in diesen Stadttheilen von San Francisco. Vorsichtig hatte seine rechte Hand auch schon nach dem langen Messer gefühlt, das ihm im Gürtel steckte. Aber er wußte auch daß die beiden Burschen, wenn sie wirklich Böses gegen ihn im Schilde führten, jedenfalls mit Todtschlägern und Pistolen bewaffnet waren, von denen sie im Nothfall Gebrauch gemacht, und daß sie sich dabei auch auf die Scheu der Nachbarn verlassen hätten, an Händeln Theil zu nehmen bei denen sie nichts gewinnen konnten. So, ruhig und in seinem alten Schritt um die Ecke in California-Street einbiegend, floh er dort jetzt, den Verfolgern aus Sicht, mit raschen Sätzen die Straße hinauf, einer Stelle zu, wo, etwa fünfzig Schritt weiter oben, aufgeschichtete Breter für einen Bau, vielleicht für die Dielung der Straße selber bestimmt, standen, und erreichte diese gerade, als die beiden Verfolger, denn als solche erwiesen sie sich jetzt wirklich, ebenfalls flüchtigen Laufs um die Ecke bogen.

„Teufel, wo ist er hin?“ — flüsterte der Eine von ihnen, als er an der Ecke stehen blieb und die Straße hinauf sah — „er muß gelaufen sein, denn wir waren ja dicht hinter ihm.“

„Er wird dort hinter den Bretern stecken,“ sagte der Zweite, „und wird glauben wir geben ruhig vorüber und lassen ihm freien Lauf. — Hahaha, vorbeigeschossen mein schlauer Señor; wir haben den Goldfuchs jetzt in der Falle.“

„Geh Du rechts davon, ich will links gehen,“ — flüsterte der Erste rasch und heimlich — „aber nicht schießen, nur in Selbstvertheidigung, wir sind noch zu weit in der Stadt hier, und der Teufel könnte doch sein Spiel haben.“

Ohne weiter ein Wort zu wechseln, und um keine Zeit zu verlieren, wenn der Flüchtige etwa hinter dem Holze fortgeflohen sein sollte, sprangen sie, Jeder die furchtbare Waffe dieser Art Gauner, eine Kartätschenkugel an etwa fußlanger Schlinge in der Hand, ihrem Posten zu, denn nirgends ließ sich auf dem helleren Sand der Straße eine Gestalt erkennen, und der Spanier mußte noch zwischen dem Holze stecken. Noch ehe sie aber den oberen Rand desselben, der hier nach beiden Seiten etwas auslief, erreichten, schraken sie auch vor einer allerdings unerwarteten Begegnung zurück, denn aus den hier offenen Breter-Stößen heraus flog in raschem Ansprung ein Reiter, — und eine lachende Stimme rief ihnen höhnisch zu:

„Buenas noches, señores![37]

„Damn you!“ zischte der Erste zwischen den Zähnen durch und riß fast unwillkürlich seinen Revolver aus der Tasche, aber das Pferd sprengte in vollem Carriere die Straße hinauf, und die schon so sicher geglaubte Beute war ihnen entgangen.

Es war jetzt etwa zehn Uhr; aber je später es ward und je mehr Läden draußen in der Stadt geschlossen wurden, desto mehr füllten sich die Säle der verschiedenen Spielhäuser — die hier schon die ganze eine Front der Plaza einnahmen und noch rechts und links hinaufreichten — mit Müßigen, die mit ihrem Abend nichts weiter anzufangen wußten als ihn hier zu verbringen.

Stunde nach Stunde verging dort in dem wilden, gierigen Ringen nach Gewinn — nach Gold. Was für eine Welt von Leidenschaften deckte an einem solchen Abend das einzelne Dach; Triumph und Verzweiflung, Haß und Neid und Gier und Habsucht — jede Brust ein sturmbewegtes Meer, mit Hoffnungen genährt und zertrümmert, und lauernder Betrug unter dem Schutze der Gesetze, falsches Spiel und offener Raub, des Unerfahrenen harrend, der die Höhle des Unthiers betrat. So unnatürlich wie die ganzen Verhältnisse des Landes — so unnatürlich dies Verhältniß im Staat, das mitten im Frieden dem Räuber einen Kaperbrief giebt, auf ruhige Bürger zu fahnden und den Arglosen zu plündern.

Und die Nacht durch dauert das Drängen und Treiben, bis zwei, drei Uhr, ja oft bis der frostige Morgenwind in dem durchkälteten Saal die von Aufregung und Spirituosen Ermatteten heimtreibt auf ihr Lager — im Traum noch die Karten fallen zu sehen, und in fieberhafter Angst dem Lauf des Spieles zu folgen.

Es war drei Uhr — fast alle Spieler hatten ihr Gold in Säcke gepackt und mit sich fortgetragen, um die Nacht mit geladener Waffe dabei zu liegen und den Schatz zu wahren. Die Lichter waren meist schon verlöscht — das Orchester hatte schon lange aufgehört zu spielen, und nur noch an einem der Tische schienen die Spieler gezögert zu haben, noch hier und da einen der aus anderen Häusern Zurückkehrenden heranzulocken und ihm die, vielleicht anderswo gemachte Beute — ein keineswegs seltener Fall — wieder abzujagen. Hinter dem Tisch stand der Eine von ihnen, vor dem in einem starken Lederbeutel verwahrten Geld; der Andere war seitwärts im Saal ein Stück vom Tisch entfernt, um etwas fortzutragen oder zu holen, als ein Mexikaner, ein kleiner brauner Bursche, der schon eine Weile in der Thür gestanden und hereingeschaut hatte, den Saal betrat, seine alte zerrissene Serape von den Schultern zog und neben die Thür legte, und dann langsam durch den Saal ging. Der Spieler betrachtete ihn im Anfang aufmerksam, aber der Mann sah nicht aus als ob er irgend Gold zu vergeben hätte; was er sonst wollte, kümmerte ihn nicht. Der Mexikaner kam den schmalen Gang herauf, der zum Tische führte, und bog etwas seitwärts ab, als ob er daran vorübergehen wollte. Der Spieler drehte ihm in diesem Augenblicke den Rücken zu, seinen eigenen Mantel umzunehmen, als der Mexikaner, den Moment benutzend, mit einem Satz am Tisch war, den Goldsack aufgriff und damit der Thüre zusprang.

„Diebe — Diebe!“ schrie der andere Spieler, der es von weiten zu seinem Entsetzen sah, ohne, der vielen Tische und Stühle wegen, zuspringen zu können. — „Diebe!“ — aber der Mexikaner war schon fast an der Thür, und einmal draußen in der dunklen, vollkommen menschenleeren Straße, wäre eine Verfolgung unendlich schwer, wenn nicht ganz unmöglich gewesen.

Auf den Ruf fuhr der Mann hinter dem Tisch rasch herum, und sein erster Blick suchte das Gold — es war fort. Aber auch ihn hemmten die Stühle und Stände, und ohne weiter viel Zeit mit Rufen oder Nachsetzen zu verlieren, riß er den immer bereiten Revolver aus der Brusttasche, zielte einen Moment vollkommen ruhig auf den flüchtigen Mexikaner und drückte ab.

Es bedurfte keines zweiten Schusses; mit dem Knall fast klirrte der schwere Sack auf den Boden nieder und mit einem Satz und Schrei war der Dieb zum Haus hinaus und auf der Straße. Deutlich konnten sie noch die hohlklingenden, flüchtigen Schritte in der anderen Straße hören.

„Hahahaha!“ lachte der Spieler, der indessen über den Tisch gesprungen war und zu seinem Beutel trat, ihn vom Boden aufzuheben, „der Schuß kam zur rechten Zeit.“

„Hast Du ihn getroffen, Bill?“ rief der Andere.

„Weiß nicht; ich hoffe aber doch; ich kam gut ab.“

„Wollen einmal nachsehen, ob er geblutet hat.“

„Bah, was liegt dran?“ — sagte der Erste gleichgültig. — „Hat er was gekriegt, werden sie ihn schon, wenn’s hell wird, in der Straße finden — hast Du die Schlüssel, Jim?“

„Ja, hier — war doch eine grenzenlose Frechheit von dem Kerl; da liegt auch noch seine alte Serape.“

„Wirf sie hinaus — so, und nun komm. — Jeder versucht’s auf seine Art, und wär’ er gut weggekommen hätt’ er Recht gehabt. — So war’s eine Dummheit.“

Und die Spieler, die letzten im Saal, schlossen die Thür ab und stiegen langsam hinauf in ihr Schlafzimmer, dem uneinträglichen Morgen ein Paar Stunden Schlaf abzugewinnen und dann zu neuer Thätigkeit bereit zu sein.