Die Verfolgung.

Indessen bot die Ebene Interesse genug, die Aufmerksamkeit der bei den Zelten Zurückgebliebenen zu fesseln. Die Indianer, die noch eine Zeit lang zurückgeblieben waren, als ob sie den Rückzug der Anderen decken, oder doch wenigstens beobachten wollten was von Seiten der Weißen geschehe, stießen, als sie diese auf sich zueilen sahen, einen eigenthümlich gellenden Schrei aus und flogen in nächster Richtung den Bergen zu. Zu gleicher Zeit wurden die andern wieder auf einer kleinen nackten Anhöhe sichtbar, und wandten sich dann ebenfalls rasch in die Berge.

Das sind die Hallunken die das Gold haben,“ brummte Ben vor sich hin, und lief schräg über die Ebene den letzteren zu, während ihm einige seiner Kameraden, wie der Texaner und noch zwei andere Amerikaner folgten. Die Uebrigen blieben hinter den zwei anderen, weil ihnen diese näher schienen und sie dieselben leichter einzuholen hofften. Noch immer mochten aber die Indianer glauben, es sei mit der Verfolgung nicht so rechter Ernst, oder sie wollten ihren Verfolgern auch vielleicht zeigen, daß sie sich nicht sonderlich vor ihnen fürchteten, denn erstlich liefen sie gar nicht so rasch, wie sie es sicher gekonnt hätten, und dann blieben sie auch manchmal stehen und überschauten das Terrain, als ob sie die Zahl der Verfolger und ihren Fortgang überzählen wollten.

Damit zogen sie sich aber nach und nach in die Berge hinein und waren den Zelten lange schon aus den Augen gekommen, als plötzlich der eine Indianer rasch über eine Anhöhe rannte, und hinter dieser verschwand. Die Amerikaner folgten jetzt mit so größerem Eifer und Ben besonders hatte gesehen, daß der Eine von ihnen etwas Schweres zu tragen schien. „Das ist das Gold,“ dachte er bei sich, und ohne den Anderen ein Wort von seiner gemachten Beobachtung mitzutheilen, beschloß er, diesen Wilden ganz besonders im Auge zu behalten. Gerade hinter dem niederen Hügel aber lag das indianische Dorf, und als die vier bewaffneten Amerikaner auf der kahlen Anhöhe erschienen, sahen sie eben noch, wie die Frauen mit den kleinsten Kindern auf dem Rücken, und andere hie und da ängstlich an der Hand, nach allen Richtungen hinausstoben und ihre Lagerfeuer, wie sie davon aufgesprungen, in den Händen der tollen Verfolger zurückließen.

Im nächsten Augenblicke waren Ben und der Texaner, die ihren Begleitern eine ganze Strecke vorausgeeilt waren, mitten dazwischen, der erste hatte aber sein ausersehenes Opfer nicht aus den Augen verloren und als er es gerade wieder den nächsten Hügelrücken hinanspringen sah, griff er, laut dabei auflachend, einen der Brände, an denen er vorbeisetzte, auf, und schleuderte ihn mit den Worten: „wir wollen den Canaillen doch wenigstens leuchten!“ in die nächste Laubhütte.

Der Lagerplatz, wie ihn die aufgeschreckten Weiber verlassen hatten, bestand aus niederen, mit trockenen Büschen dicht überdecken Hütten, eng zusammen errichtet Schutz gegen die sengenden Sonnenstrahlen zu gewähren. Die kleinen Feuer, an denen auch hie und da Fleisch stak für die einfache Mahlzeit brannten dicht dabei, und an mehreren Orten lag Mais und Gebröckel trockenen Schiffszwiebacks, den sie sich theuer genug für Gold von den Weißen eingehandelt. Auf einer wollenen Decke lag etwa ein halber Büschel gelbes Maismehl, und in einer Ecke befanden sich die flachen runden, mit Eichelmus gefüllten Erdgruben, in denen die Frauen das gewöhnliche Eichelpoe auf gar geschickte und eigenthümliche Weise zubereiten. Diese Gruben vernichteten die Tritte der Verfolger, die noch wilde Flüche ausstießen, weil sie sich dabei die Füße beschmutzten und wie Pulver fast zündeten dabei die dürren ausgetrockneten Fichtennadeln und Eichenblätter, so daß kaum eine Minute später das halbe Lager schon in Flammen stand und dem Ganzen kaum mehr zu vermeidendes Verderben drohte. Der Spieler und der Texaner sahen sich aber kaum darnach um.

„Hui, das flackert ja, wie ein Bund Schwefelhölzer,“ lachte der Erste, als er leicht wie ein Hirsch, über einen quer vor ihm liegenden Baum wegsetzte — „wohl bekomm’s!“

„Ihr hättet das Lager nicht sollen anstecken,“ meinte aber der Texaner, ohne sich jedoch selber darnach weiter umzuschauen — „’s ist nur um der armen Weiber willen.“

„Hol die schwarzbraunen Bestien der Teufel,“ lachte der Spieler, „sie sollen froh sein, daß wir jetzt Besseres zu thun haben, uns nicht noch weiter um sie zu bekümmern, — alle Wetter, da biegt der Kerl rechts ab,“ und ohne ein Wort weiter sprang der schnellfüßige Yankee seinem Opfer nach, das eben wieder einen der Hügelgipfel erreicht hatte. Der Texaner blieb etwas mehr links, um den andern vielleicht den Weg abzuschneiden.

Indessen hatten die beiden anderen Amerikaner, die nicht so schnell auf den Füßen waren, ebenfalls das jetzt hell aufflackernde Lager, in dem schon die zurückgelassenen Provisionen und Decken brannten erreicht und der Erste blieb stehen.

„Das ist nicht recht,“ rief dieser, ein junger kräftiger Mann, mit braundichten Locken, während er mit der linken Hand den Strohhut abnahm, die Büchse mit den Kolben auf die Erde stieß und in den gebogenen linken Arm fallen ließ, und sich mit dem rechten Rockärmel den Schweiß von der Stirne trocknete. „Die Frauen haben uns nichts gethan, daß wir wie Banditen sengen und brennen sollten.“ — Und von einem besseren Gefühle ergriffen, warf er sein Gewehr in’s Gras nieder und riß die eine Hütte, die etwas einzeln stand, und eben gleichfalls an zu brennen fing, durch die aber dann auch das Feuer in den andern Theil des Lagers gebracht worden wäre, auseinander. Sein Gefährte half ihm dabei, und in wenigen Minuten hatten sie das Feuer so weit gebändigt, daß es wenigstens nicht weiter mehr um sich greifen konnte. Eben als der Erste seine Büchse wieder aufgriff, fiel ein Schuß.

„Alle Wetter!“ schrie da der Andere, „sie sind handgemein geworden — da müssen wir dabei sein,“ und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, sprang er bergauf. Der Andere folgte ihm und sie standen Beide gleich darauf auf dem Gipfel des Hügels, von wo aus sie das ganze Schauspiel übersehen konnten.

Der Spieler kniete im nächsten kleinen Thal auf der Erde, griff etwas auf, und schleuderte es dann ingrimmig wieder zu Boden; der Texaner war ihm jetzt ein Stück voraus und zielte eben wieder auf einen andern Indianer, der aber rasch, nachdem er seinen letzten Pfeil auf den Feind abgedrückt hatte, hinter den Büschen verschwand. Ueber einen andern Hügel schleppten aber vier Mann mit unglaublicher Schnelle einen Verwundeten oder Todten, und sechs andere standen mit aufgelegten Pfeilen, den Rückzug der Kameraden zu decken. Die ganze Verfolgung hatte jedenfalls einen höchst ernsthaften Charakter angenommen — es war Blut geflossen und so harmlos und ruhig der Californische Indianer sonst auch ist, und so selten er die Weißen belästigt, so krümmt sich auch der Wurm, und wenn gestellt, greift selbst der scheue Hirsch den Jäger an. Die beiden Amerikaner die es hier zu einem wirklichen Gefecht kommen sahen, wollten sich jetzt aber mit einem lauten Hurrah recht mitten hineinstürzen, und sprangen, die Büchsen über den Köpfen schwingend, in langen Sätzen an dem Spieler vorbei. Dieser richtete sich aber in dem Augenblicke auf, und rief ihnen mit mürrischer Stimme zu:

„Halt an Boys — Gott verdamme mich, wenn ich nicht an zu glauben fange, daß die ganze Geschichte Humbug ist, und der Canaille von Ostindier eben so wenig neunzehn Tausend Dollar gestohlen sind, wie mir!“

„Kein Gold gestohlen?“ rief da der junge Amerikaner verwundert. „Habt Ihr denn den Einen nicht verwundet, und schossen die Indianer nicht mit Pfeilen herüber? Da stecken ja noch zwei in der Erde.“

„Ah bah“ — sagte der Spieler verächtlich — „was können sie denn mit dem Kinderspielwerk für Schaden thun. — Auf achtzig Schritte schießen sie doch keinen Bogen Papier mehr durch — und der eine Kerl — nun der, von dem ich glaubte, daß er das Gold trüge und dem ich eine Kugel nachbrannte, — hatte nur ein Stück eingewickeltes Fleisch — ein Stück von einem Ochsenbein unter dem Arme. Der Lump muß einen schmählichen Hunger gehabt haben, eine Partie Knochen und Sehnen soweit mit herum zu schleppen.“

„Und da habt Ihr den armen Teufel so ohne weiteres niedergeschossen?“

„Ei, zum Henker, ich konnte nicht mehr mitkommen und fortlassen wollte ich die schwarze Bestie, die ich nun einmal für den Dieb hielt, auch nicht. Nun, wenn er’s jetzt nicht verdient hat, schadet’s gar nichts, an der Bande dann und wann ein Exempel zu statuiren; sie werden doch mit der Zeit zu frech und übermüthig — der Kerl schoß ja wahrhaftig alle seine Pfeile nach mir ab, wie er die Kugel schon im Leibe hatte.“

„Ist er todt?“ frug ihn der Andere, tupfte seinen Finger in das Blut, das auf dem Laube lag, und besah es dann aufmerksam.

„Ich weiß nicht,“ — sagte der Spieler gleichgiltig, der indessen seine Büchse wieder geladen hatte und nun schulterte, „ich habe ihm aber auf’s Blatt gehalten und treffe sonst nicht übel.“

Damit wandte er sich und wollte der Richtung nach Douglas-Flat wieder zu schlendern.

„Aber Gift und Klapperschlangen,“ rief der Amerikaner ärgerlich, „sollen wir denn die Verfolgung schon aufgeben und sind wir nur deshalb herausgekommen, daß wir den Frauen die Hütten über den Köpfen ansteckten und dem armen Teufel eine Kugel durch den Leib jagten? — was machen wir jetzt mit dem Ostindier, wenn es doch wahr ist?“

„Der Ostindier kann zu — Grase gehn,“ brummte der Spieler und stieg den Berg wieder hinan nach Rogers Zelt zurück, „des Lumps wegen habe ich mir den Athem nicht aus der Lunge gerannt. Ich wollte nur sehen ob die Canaillen wirklich das Gold hätten oder nicht.“

Er war bei den letzten Worten schon fast außer Sprechweite und den andern Männern blieb jetzt, da die Indianer indessen auch zuviel Vorsprung gewonnen hatten sie wieder einzuholen, nichts weiter übrig als seinem Beispiele zu folgen.

„Der schwarze ostindische Schuft soll aber, wenn wir zurückkommen, beweisen, daß ihm das Gold wirklich gestohlen worden ist,“ rief da ein Amerikaner, den diese Art Gerechtigkeitspflege doch nicht so recht gefallen mochte, entrüstet aus: „Und wenn er das nicht vermag, so kann er sich darauf verlassen, das es ihm eine Weile schlecht geht.“

„Ja, der wird warten bis wir zurückkommen,“ lachte der Texaner, indem er die dort in der Erde steckenden Pfeile herauszog und zusammen nahm — „der ist jetzt schon gewiß über alle Berge. Es sind aber doch bösartige Dinger, diese gläsernen Pfeilspitzen, und wenn die so in einer Wunde abbrechen wie hier im Boden, müssen sie verdammt böse Folgen nach sich ziehen — vergiften sie ihre Pfeilspitzen auch manchmal?“

„Nein, ich glaube nicht,“ erwiederte ihm der Amerikaner, — „habe wenigstens nie davon gehört, und so bösartig sind diese Stämme nicht. Aber kommt, es wird spät, und ich möchte nach dem Vorgefallenen hier nicht im Walde campiren. Verdenken könnte man’s den braunen Burschen wenigstens nicht wenn sie Rache nähmen.“

„O, hol’ sie der Böse, dazu sind sie zu feig,“ rief der Texaner, beschleunigte seine Schritte aber doch, und die Sonne stand noch ziemlich hoch am Himmel, als sie Douglas-Flat wieder erreichten.