Der Ostindier.

Die Julisonne brannte heiß und sengend auf Douglas-Flat — ein kleiner Thalgrund an einem der Calaveres-Arme — nieder, und die Mittagszeit hatte die meisten der Minenarbeiter oder Goldwäscher, wie man sie eigentlich nennen sollte, von ihren Maschinen unter den Schutz der Zelte oder der einzeln stehenden Eichen gejagt, ihr einfaches Mittagsmahl zuzubereiten und dann ein paar Stunden süßer Ruhe zu pflegen, ehe die „Quälerei“ auf’s Neue begann.

Douglas-Flat lag in der Nähe von Murphys neuen Diggings, und zwar nur zwei Meilen davon entfernt, über den ersten Hügel hinüber, der sie im Südosten umzog. Bis dahin waren auch häufig „Prospektirer“ mit Pfanne, Spitzhacke und Schaufel dort hinübergezogen, und hatten hie und da eingeschlagen, noch nie aber etwas Erkleckliches gefunden; jetzt aber, da eine große Anzahl von Arbeitern in Murphys Diggings selber nicht so gut „ausmachten,“ als sie wohl erwartet haben mochten, und schon große Lust bezeigten die Gegend ganz wieder zu verlassen, zu gleicher Zeit aber eine wahre Unzahl von Waaren und Provisionen durch Spekulanten dort hinaufgeschafft waren, läßt sich denken daß diese letzteren, die ihnen zur Consumirung ihrer Vorräthe nöthigen Arbeiter nicht gern wieder ziehen ließen, ohne wenigstens ihr Möglichstes zu thun sie zurückzuhalten. Allwöchentlich tauchten deshalb neue Gerüchte von ganz in der Nähe von Murphys gefundenen, fabelhaft reichhaltigen Minen auf, die Alle etwas leicht Exaltirte in einer wahren fieberhaften Aufreizung hielten, und ihrem Zweck auch vollkommen entsprachen. Ehe die Leute mit Sack und Pack weiter zogen, wollten sie das, was sich ihnen hier ganz in der Nähe bieten sollte, doch wenigstens erst noch einmal probiren, und ein Sack Mehl nach dem andern wurde aufgezehrt, während die Masse, weil hie und da Einzelne doch wirklich manchmal etwas fanden, eine Zeit lang unverdrossen weiter arbeitete, bis sich endlich im September die meisten von ihren nutzlosen Anstrengungen überzeugt hatten, und selbst Fletscherism und Mesmerism, beides mit Erfolg eine Zeit lang angewandt nicht mehr zogen.

Am 2. Juli befand sich Douglas-Flat aber gerade in seiner Glanzperiode, d. h. die ersten Gerüchte von, bis jetzt durch ein paar Mexikaner entdeckten, und bis dahin geheim gehaltenen Reichthümern waren eben nach Murphys Diggings gedrungen, und in wenigen Tagen standen schon dort, außer den zahlreichen kleinen Leinwand- und Buschhütten der Goldwäscher selber, drei größere „Store“-Zelte, nicht allein mit Mehl, Fleisch, Zucker und Salz, sondern auch mit Luxusartikeln der Minen, mit Zwiebeln, Kartoffeln, „Pickles,“ in Oel eingesetzte Sardines, Butter, Essig und vor allen Dingen mit Brandy, Genevre, Rum und Wein reichlich und vollauf versehen. Es war eine Pracht, die bunt geschmückten Schenktische nur anzuschauen. Wo aber das Aas ist sammeln sich die Adler, und kaum verbreitet sich das Gerücht neu entdeckter Minen — ob nun gegründet oder ungegründet — so kann man auch sicher darauf rechnen, auf halb todt gehetzten Thieren ein paar Exemplare von dem „Fluch Californiens“ — ein Paar Spieler ansprengen zu sehen, die ihre bunte Californische Serape als Teppich auf einen der Tische eines Schenkzeltes breiten, zur Lockspeise ein paar hundert spanische Dollar d’rauf häufen, und nun geduldig der Dinge harren, die da kommen sollen.

In ein solches Zelt mag mir der Leser jetzt auch einen Augenblick folgen, denn es ist, wenn auch schon ziemlich spät am Nachmittag, heiß, und ich glaube selber nicht daß uns ein Glas Wein und Wasser schaden wird.

„Hol’s der Teufel, Rogers, Euer Wein ist sauer!“ rief der eine Spieler, der sich eben ein Glas gefüllt und es hinuntergestürzt hatte — „das ist Essig — verdammt will ich sein, wenn Ihr Euch nicht vergriffen habt — gebt einmal die andere Flasche dort her!“

„Sauer?“ wiederholte der Wirth ungläubig und versuchte sein Getränk selber mit prüfender Lippe, während er dabei leise vor sich hinlächelnd in das schauerlich verzogene Gesicht des „Gamblers“ schaute — „sauer? — der soll sauer sein? — da weiß ich denn doch wahrhaftig nicht, was Ihr vom Weine verlangen wollt — natürlich Syrup ist’s nicht.“

„Nein, bei Gott nicht,“ bestätigte ein anderer — „ich hätte auch schon lange d’rüber geschimpft, wenn er mir nicht die ganze Kehle wie einen Geldbeutel zugeschnürt hätte.“

„Dann hat mich der verwünschte Franzose damit angeschmiert,“ entgegnete der Wirth mit einem derben Fluche — „ich weiß überhaupt nicht, weshalb wir sie hier noch ihr Wesen in den Minen treiben lassen. Zu Hunderten kommen sie angeströmt, und ob Einer von den Hallunken wohl etwas von einem Amerikaner kaufte, — Gott bewahre, und wenn der ihm dicht auf der Nase sitzt, läuft das französische Gesindel doch lieber fünf Meilen, um nur irgend einem Landsmanne die paar Bit zuzutragen. Man hat keinen Nutzen, nur Schaden von den Parlevuß.“

„Ich wollte überhaupt wir Amerikaner hielten einmal ordentlich zusammen,“ meinte da ein langer Texaner, der sich phlegmatisch auf einen der Tische hinflegelte, „und trieben die ganze Fremdenbande zum Teufel — Franzosen, Mexikaner, Deutsche und wie sie alle heißen — sie gehören nicht in’s Land, und wenn alle Amerikaner dächten wie ich, wären sie lange draußen.“

„Wenns mit dem Munde abgethan wäre,“ entgegnete ruhig ein Franzose, der gerade eingetreten war, sein Gold — ein paar Unzen — an der Bar wiegen zu lassen.

„Hallo,“ sagte der Texaner, hob, ohne seine bequeme Stellung zu verändern, den Kopf etwas in die Höh’ und sah den Sprecher erstaunt an — „habt Ihr gesprochen?“ — der würdigte ihn aber keiner Antwort weiter, wog sein Gold und verließ das Zelt.

„So, das ist recht,“ brummte Rogers — „läßt sein Gold wiegen, trinkt nicht einmal ein Glas und ist dann auch noch obendrein prutzig — hol Euch Alle der“ —

„Alle Wetter, was ist dort los?“ unterbrach ihn da plötzlich der eine Spieler, der sich eben dem Eingange des Zeltes zugewandt hatte, und hinaus über die Ebene hin nach den Hügeln zu zeigte, wo sich allerdings etwas Außergewöhnliches zuzutragen schien. Wenigstens versammelten sich die im Zelt befindlich Gewesenen augenblicklich vor dem Eingang, und schienen an dem ganzen Vorgange besonderes Interesse zu nehmen.

Die Ebene oder Douglas-Flat, war hier etwa eine halbe Meile breit, und nach den Hügeln zu von keinem Baume beschattet, hinter ihr aber dehnte sich ein langer, an manchen Stellen steil aufsteigender Bergrücken hin, der zur linken einen vollkommen abgerundeten Gipfel zeigte, nach rechts zu aber unten mit Eichen und nach oben mit schlanken Fichten ziemlich dicht bewaldet war. In diesen Bergen, an einer klaren, dort aus dem Felsen sprudelnden Quelle, hatte bis dahin ein Stamm der Kayota-Indianer ihr einfaches Buschlager gehabt, das jedoch von den Zelten nicht zu sehen war; von der Richtung her aber sprang eine wunderliche Gestalt und ihr folgten mit Bogen und Pfeilen, die sie aber unbenützt in der linken Hand trugen, sonst aber schreiend und gellend, ein halb Dutzend Indianer, und es war augenscheinlich daß sie den Ersten, der übrigens fast dieselbe Hautfarbe mit ihnen trug, sonst aber mehr europäisch gekleidet war, verfolgten.

Dieser Erstere verdient eine nähere Beschreibung. Ostindiens heiße Sonne hatte ihn gebräunt; er war aus der Gegend von Bombay gebürtig und seine Hautfarbe dunkelbraun und glänzend, das Haar schwarz und gelockt, und sein Auge eben so dunkel und feurig, aber unstät, vielleicht von der Angst sich von den braunen Söhnen der Wildniß also verfolgt zu sehen, und er schien dabei sonderbarer Weise noch unschlüssig, ob er den Zelten der Weißen, wo er doch jedenfalls Schutz fand, zufliehen, oder rechts den kleinen Creek hinab, flüchten sollte — wo er bis Murphys Diggins weiter keine Zelte fand. Eine kleine Gruppe von Indianern, die aber auch nach dort zu, vielleicht zufällig, vor ihm auftauchte, machte seinen Zweifeln, wenn er die irgend noch gehabt, ein rasches Ende und er nahm gerade die Richtung nach Rogers Zelt zu, als die Zechenden darin sein gewahr wurden und vor den Eingang traten. Sobald die Indianer das bemerkten, kehrten sie um, und nur zwei von ihnen blieben noch, wie eine Art Vorposten, stehen, während sich die andern nach den Bergen hinüber zogen. Sie schienen jeden Gedanken an Verfolgung aufgegeben zu haben.

Der Ostindier trug eine, einst weiß gewesene Drillhose, ein rothwollenes Hemd, Schuhe und Strümpfe und eine blauschottische wollene Mütze, um den Leib auch noch statt des Gürtels, ein rothseidenes Tuch. Kaum war er aber in Rufs-Nähe der Zelte gekommen, als er kläglicher zu lamentiren anfing, und in sehr gebrochenem Englisch, aber doch so daß man etwa verstehen konnte was er eigentlich wollte, schrie, er sei bestohlen und beraubt und die Indianer hätten ihm neunzehn Tausend Dollar in Goldstaub, den er bei sich gehabt, abgenommen.

„Neunzehn Tausend Dollar?“ schrie einer der Spieler — „Donnerwetter Mensch, das ist ein Heidengeld — und das haben die braunen Schufte dort?“ —

„All — All“ — kreischte der Indianer wieder und warf sich heulend dem Spieler vor die Füße — „all — all — todt — todt - ich bin todt — ich bin verloren!“

„Bei Gott!“ schwur der eine Texaner, dabei fast wie unwillkürlich nach seiner Büchse greifend, die an dem Brunnen vor dem Zelte lehnte, — „wenn die Canaillen dem armen Teufel Alles abgenommen haben, so sollte man das ihnen doch nicht so ruhig hingehen lassen. Sie werden so immer dreister. Ich habe verdammte Lust einmal zu versuchen, ob ich nicht schneller laufen kann als sie — Hallo Ben, was meinst Du dazu?“

„Neunzehn Tausend Dollar!“ murmelte Ben, der Spieler, dem das Geld im Kopfe herumging, denn er wußte recht gut, daß es, wenn erst einmal in seinen Krallen, zu seinem rechtmäßigen Eigenthümer schwerlich wieder zurückkehren würde. „Der Schuft, der neunzehn Tausend Dollar in Gold schleppt, kann auch nicht so rasch laufen als die Uebrigen — hol’s der Teufel, ich gehe mit — wo ist meine Büchse Rogers?“ —

„Hilfe, Hilfe!“ schrie der Ostindier dazwischen, dessen dunkle Augen indeß blitzesschnell von einem zum andern der Sprecher gezuckt waren — „all, — all — I am lost.“

„Neunzehn Tausend Dollar haben sie dem Schwarzen gestohlen?“ frug ein anderer Amerikaner, ein Arkansas-Mann, der am nächsten Zelte gestanden und den Lärmen gehört hatte — „ei, da soll ja die Pest die diebische Rotte holen — wer geht mit?!“

„Halt, wir Alle!“ rief Ben, dem schon Angst war, es könnte ihm einer der Uebrigen zuvor kommen. — „Ich muß nur erst meine Büchse haben — zum Teufel Rogers, Ihr macht eine Ewigkeit und die schuftigen Hallunken bekommen zu vielen Vorsprung — o da kommen noch mehr!“

In der That strömten auch jetzt von allen Ecken die Goldwäscher herbei, und ohne weiter viel zu fragen, was der Lärm eigentlich bedeute, oder ob die Anklage auch gegründet sei, wurde eine Verfolgung der Indianer kaum schneller beschlossen, als ausgeführt.

„Aber der schwarze Schuft sieht gar nicht aus als ob er neunzehn Tausend Dollar im Vermögen gehabt hätte!“ rief der Franzose und wollte gegen ein so rasches Einschreiten der Amerikaner protestiren. Damit kam er aber schlecht an. —

„Wenn’s blos nach dem Aussehen geht, dann seht Ihr noch viel lumpiger aus,“ rief der Texaner. „Hol mich der Teufel, wenn’s nicht wahr ist,“ lachte der Spieler und warf die Büchse, die ihm Rogers eben gereicht hatte, über die Schulter — „zurück Mann — eine Krähe hackt der andern die Augen nicht aus, und uns, den Eigenthümern vom Boden, gebührt es auch Gerechtigkeit zu üben. — Hurrah Boys.“ —

„Eigenthümern vom Boden!“ wiederholte der Franzose zürnend, „und wie zum Hohn vertreibt und mißhandelt Ihr dabei die wirklich rechtmäßigen Eigenthümer, die armen harmlosen Indianer von den Gräbern ihrer Väter. Hätte ich meinen Willen, ich wollte Euch da bald einen Riegel vorschieben. Aber hallo Sir,“ unterbrach er sich plötzlich und vertrat dem Ostindier den Weg, der sich, als er den einen Theil so eifrig mit der Verfolgung der Indianer, den andern mit Zuschauen beschäftigt sah, leise von dem Zelte ab, und nach einer ganz anderen Richtung fortzudrücken suchte — „wollt Ihr nicht abwarten, bis sie Euch die neunzehn Tausend Dollar zurückbringen? — he Rogers, der Kerl ist mir verdächtig, ich glaube gar nicht, daß sie ihm Gold gestohlen haben.“

„Das kümmert mich nichts,“ sagte der Händler, und drehte ihm den Rücken — „was geht mich der Schwarze an — aha, die braunen Canaillen riechen Lunte. Hui, wie sie auskneifen.“

„Dann will wenigstens ich mich um ihn kümmern,“ sagte der Franzose und sich dann zu dem Ostindier wendend, der damit gar nicht besonders einverstanden schien, rief er ihm zu: „Du Bursche bleibst jetzt bei mir, bis die Amerikaner wieder zurückkommen, und dann wollen wir einmal sehen, ob wir hier oben einen Alkalden blos zum Spaß haben, oder ob er auch seiner Zeit ordentlich und gesetzlich einschreiten kann.“ Damit nahm er ohne Weiteres den Ostindier beim Kragen und führte den armen Teufel, der sich lieber ein paar Meilen von hier fortzuwünschen schien, ohne ein Wort weiter mit ihm zu wechseln, in sein Zelt.