Der Mexikaner in den californischen Minen.
Die Mexikaner bilden in Californien, fast wie die Chinesen, eine ganz besondere und streng in sich abgeschiedene Gesellschaft, die dem fremd Eingewanderten gleich von allem Anfang an, zuerst durch ihre dunkle Hautfarbe sowohl wie durch das Eigenthümliche ihres National-Kleidungsstückes, der bunten, oft in den lebendigsten Farben prangenden Serape ausfällt, während er, je mehr er mit ihnen zusammenkommt, desto mehr kleine Züge kennen lernt, die sie von allen anderen Stämmen deutlich abzeichnen und unterscheiden.
Wohl zu trennen dabei sind die Mexikaner von den Californiern, den eigentlichen Herren des Landes, die früher allerdings unter mexikanischer Botmäßigkeit standen, doch aber eine gänzlich verschiedene Raçe scheinen, und sich mit den eigentlichen Mexikanern auch nicht viel abgeben, jedenfalls sich für mehr und besser halten, als diese.
Der Californier (ich spreche hier nicht von dem eingebornen Indianer, der in Farbe, Haaren und Gesichtsbildung seinen östlichen Bruder nicht verleugnen kann, sondern von den Abkömmlingen der echt spanischen Raçe, die aber in Californien geboren wurde) ist schlanker und kräftiger gebaut, als der Mexikaner, auch wohl von etwas hellerer Gesichtsfarbe, aber in Tracht und Sitte ähnelt er seinem südlichen Milchbruder, wie in dem Haß gegen den Amerikaner, in dem er ihn vielleicht noch übertrifft. Doch mit diesem haben wir es hier nicht zu thun, eben so wenig mit den anderen spanischen und meist von Süd-Amerika heraufgekommenen Volksstämmen, den Chilenen wie den Argentinern, beides treffliche Lassowerfer, die selbst dem Californier nicht nachstehen darin oder den Peruanern und Bewohnern der centralamerikanischen Staaten. Der Mexikaner zeichnet sich vor Allen aus und ist leicht erkennbar.
Schon auf den Straßen die nach den Minen führen, tritt sein Charakter scharf und deutlich vor. In kleinen Trupps zusammen und mit keiner anderen Nation sich mischend, mit Maulthieren, wenn sie reich genug sind solche zu bezahlen, oder sonst zu Fuß, mit der runden hölzernen Waschschüssel auf dem Rücken, die kurze, leichte Brechstange, das einzige Werkzeug bei ihrer Arbeit, in der Hand, und das Wenige, was sie außerdem noch brauchen, in ein kleines Bündel auf den Rücken geschnallt, ziehen sie singend, lachend und erzählend ihre Straße entlang und lagern, wenn es Abend wird, seitab von dem Weg oder Pfad, in dem sie die Packsättel ihrer Maulthiere, in einem engen oder weiten Kreis, je nachdem sie zahlreich sind, um sich herum aufstellen, und mit dem anderen Gepäck dazwischen eine Art befestigtes Lager bilden, als ob sie fortwährend einen Ueberfall fürchteten.
Sie tragen leichte Hosen und Jacken und meist weiße Hemden, und ihre Serape, was der Süd-Amerikaner Poncho nennt (eine große, wollene, bunt gewebte Decke mit einem Loch in der Mitte, den Kopf hindurchzustecken), bei kaltem oder nassem Wetter halb zusammengeschlagen, den einen Zipfel über die linke Schulter gelegt, daß er nur etwas vorn herunterfällt und den anderen über den Rücken herum vorn über die Brust gezogen und dann nach hinten über die linke Schulter geworfen. Es sieht das einestheils sehr malerisch aus und hält auch Brust und Leib warm und gegen den Regen vollkommen geschützt, da das dicht gewebte wollene Zeug keinen Tropfen Wasser durchläßt. Ein Panama-Strohhut auf dem Kopf, und Ledersandalen an den Füßen vollenden ihre Toilette, die bei den Wohlhabenderen noch durch eine meist rothseidene, chinesische Schärpe, welche sie um den Leib tragen, und deren lange Zipfel von den Seiten herunterfallen, gehoben wird.
Während der Argentiner aber z. B. nie ohne sein langes Messer, das ihm hinten im Gürtel steckt, gesehen wird, und selbst der weniger blutdürstige Chilene sehr gern ein solches trägt, wird man den Mexikaner selten damit finden, er müßte es denn versteckt unter den Kleidern führen. Nur die Berittenen haben meist einen Säbel bei sich, den sie auch auf etwas eigenthümliche Art, wenn sie zu Pferd oder zu Maulthier sitzen, unter dem linken Bein durch, an den Sattel geschnallt tragen, wo der Griff solcher Art der rechten Hand leicht und bequem liegt. Der Säbel hindert sie dadurch nicht allein nicht beim Reiten, indem er, wie gewöhnlich umgeschnallt, an der Seite herumklappern würde, sondern sie können auch, besonders wenn sie durch Busch und Wald reiten, nirgends damit hängen bleiben. Pistolen führen sie ungemein selten, wissen auch nicht mit Feuerwaffen, oder doch nur sehr mittelmäßig umzugehen. Dafür haben sie ebenfalls den Lasso rechts hinter sich am Sattel zusammengerollt aufgebunden, daß er mit einem Griffe zu lösen und zu fassen ist.
Der Mexikaner ist aber keineswegs so blutdürstig und grausam wie manche seiner Stammgenossen, und die Ursache hierzu liegt sicher mit in der großentheils vegetabilischen Nahrung. Während sich der Argentiner nie um Brod bekümmert, wenn er Fleisch haben kann, und selbst der Californier es wohl ißt wenn er es gerade hat, aber sich auch keine besondere Mühe damit geben mag, bilden die auf großen Blechen gedörrten, ganz dünnen, knusprigen Weizenkuchen einen Haupt-Bestandtheil von des Mexikaners Mahlzeit, und er wird lieber dem Fleisch entsagen, ehe er diese aufgiebt. Ueberhaupt bietet ein solcher mexikanischer Lagerplatz ein belebtes, fröhliches Bild, und wenn kein Fremder zwischen ihnen ist, singen und lachen sie und tanzen auch wohl, trotz dem ermüdenden Ritt über Tag, bis spät in die Nacht hinein, um am anderen Morgen wieder mit Tages-Anbruch aufzustehen und ihren Marsch fortzusetzen, oder ihre Arbeit zu beginnen.
Eine außerordentliche Fertigkeit haben sie im Bepacken ihrer Maulthiere, auf die sie mit ihren Lassos und langen ledernen Riemen an zwei- bis dreihundert Pfund, sei dies nun in Kisten, Fässern oder Säcken, aufbinden. Säcke packen sich am besten, und ein Maulthier, schwer geladen, trägt gewöhnlich drei, von je hundert Pfund; Fässer mit gepöckeltem Schweinefleisch und anderen Provisionen werden immer zu zweien aufgeladen, und kleinere und größere Kisten auf eine Art weggestaut und befestigt, daß sich die Last nicht rühren und regen kann und das Thier, wenn es überhaupt nicht überladen ist, leicht darunter fortschreitet. Selbst einzelne große Fässer, besonders mit gepöckeltem Schweinefleisch, die oft dreihundert Pfund wiegen, wissen sie allein oben auf dem Packsattel eines Maulthieres so geschickt zu befestigen, daß ein Nachschnüren unterweges fast gar nicht nöthig ist. Die Mexikaner verdienten deshalb auch gleich im Anfang viel Geld damit, Lebensmittel in die Minen und besonders in die Bergschluchten zu schaffen, die man mit Wagen und Geschirr gar nicht erreichen konnte, und wo Fracht, besonders im Winter bei schlechten Wegen, nach den entfernteren Stellen bis zu einem und einunddreiviertel Thaler preuß. Courant (siebzig, achtzig, ja, bis zu hundertzwanzig Cent) für das einzelne Pfund bezahlt wurde. So verdienten sie oft mit einer einzigen Reise, die sie recht gut in acht Tagen zurücklegen konnten, ihr Maulthier.
Die Mexikaner sind dabei ungemein mäßig; sie essen nur wenig und einfache Kost und trinken fast Nichts als Wasser, sind deshalb auch vortrefflich geeignet, in den Minen und in einsamen Bergschluchten — ihren Lieblingsstellen — auszuhalten, und verdienen gewöhnlich eine für ihre bescheidenen Ansprüche sehr große Quantität Gold, mit dem sie sich dann eben so ruhig über die Berge wieder zurück in ihre Heimat ziehen, wie sie gekommen sind.
Der Amerikaner mag übrigens deshalb den Mexikaner eben so wenig wie den Chinesen leiden. Die Menschen verzehren zu wenig, haben zu wenig Bedürfnisse, und das wenige Geld, was sie umsetzen, bleibt fast ausschließlich unter ihren Landsleuten. Sie kommen meist in Karawanen und Zügen zu Lande von Mexiko herauf und weichen dem Amerikaner in Californien aus, so viel sie können. Sie suchen auch die Gesetze, die ihnen für Arbeiten in den Minen einen gewissen Beitrag auferlegen, so viel als möglich zu umgehen, indem sie fortwährend aus einer Schlucht in die andere wechseln, bis sie einen guten Platz gefunden haben den sie, ohne sich mit einem Laut zu verrathen, ausbeuten und dann wieder mit ihrem Gold verschwinden.
Sie haben dabei eine von den übrigen Stämmen ganz verschiedene Art zu arbeiten. Während die Amerikaner, wie sämmtliche übrige Nationen fast, sich der Schaufeln und Hacken zum Auswerfen der Erde und der verschiedenartigsten Maschinen zum Auswaschen derselben bedienen, bleiben die Mexikaner noch in den meisten Fällen, größere Compagnieen ausgenommen, bei ihrer hölzernen Waschschüssel und dem kleinen, kurzen Brecheisen, mit dem sie die Erde aufstoßen, dieselbe mit den Händen in die Schüssel werfen und forttragen. Natürlich ist es mit diesem unvollkommenen Handwerkszeug viel mühsamer den schweren Grund zu bearbeiten, und wollten sie dabei auf dieselbe Art verfahren, wie alle übrigen Goldwäscher, d. h. große Löcher auswerfen und frei arbeiten, und dann daran gehen, das von der oberen Decke befreite, so wie sie die Golderde einmal erreicht haben, auszuwaschen, würden sie nie und nimmer auf die Kosten ihrer Arbeit kommen, wie auch gar nicht im Stande sein so viel Erdreich mit ihrem unvollkommenen Geschirr zu bewältigen. Die Mexikaner arbeiten aber auf ganz andere Art. Gewöhnlich graben oder wühlen sie ein brunnenartiges Loch aus, von so schmaler und enger Röhre aber, daß wirklich nur ein Mexikaner sich im Geringsten darin regen könnte. Mit ledernen Säcken meist schaffen sie die taube Erde dann zu Tage, fortwährend dabei mit ihren hölzernen Pfannen versuchend, ob sie noch nicht auf goldhaltigen Grund kommen und die „Ader“ treffen. Von da an nun wühlen und stochern sie weiter, folgen der Goldader, die sich fast immer in nicht zu großem Umfange, bald hierhin, bald dorthin abkreuzend, in der Erde hinzieht, stoßen die Erde vor sich weg mit den Brechstangen gleich in ihre Pfannen oder Säcke los, und scharren und kratzen sich ordentliche Stollen unter dem Erdboden hin auf weite Strecken.
Die Amerikaner nennen dieses Arbeiten cayoting, nach den kleinen Wölfen, cayotas, die sich auch ihre Höhlen in die Erde graben.
Still und abgeschlossen, halten sie sich dabei für sich, ja selbst den Eingang ihrer Gruben verborgen, so weit das irgend geht, und arbeiten fleißig und unverdrossen fort, verkehren auch so wenig wie möglich mit ihren Nachbarn und stehen selten oder nie dem Fremden, der sich mit ihnen einlassen will, Rede und Antwort. Kömmt man deshalb an einer solchen Stelle vorbei wo sie arbeiten, und will sich mit ihnen in ein Gespräch einlassen, so hält das schon an und für sich schwer. Sie sehen es auch gar nicht gern, wenn man bei ihnen stehen bleibt, obgleich sie es eben auch nicht verhindern können, und antworten nur artig auf den ihnen gebotenen Gruß; jede weitere Frage wäre vollkommen nutzlos. Hundertmal wohl habe ich gehört, wie sie von Anderen angeredet wurden, die aus ihnen herauszubekommen suchten, ob sie irgend etwas verdienten.
„Mucho oro aqui, amigo?“ („Viel Gold hier, Freund?“) ist eine Redensart, die besonders den Amerikanern geläufig wird, da es auch ungefähr das Einzige ist, was sie von der spanischen Sprache behalten, und sie sehen dann gleichgültig und ernsthaft dabei aus, als ob ihnen eben nicht besonders viel daran läge es zu erfahren — die Antwort bleibt immer dieselbe.
„Si, poquito, Señor“ („Ja, ein wenig, Señor“) was sie mit einem eigenthümlich singenden Ton und einem halben Achselzucken erwiedern. Alle anderen gebrochenen Redensarten verstehen sie nicht, und wer wirklich spanisch spricht und dadurch schon näher mit ihnen bekannt geworden ist, fragt sie schon überhaupt um Nichts, denn wenn er auch Etwas erführe, könnte er sich darauf verlassen, daß es eine Lüge wäre.
Sogar an total wasserarmen Stellen, wo es keinem Amerikaner einfallen würde zu arbeiten, sieht man sie mit ihren kurzen Brechstangen stoßen und wühlen oder „trocken waschen“, wie es die Uebrigen nennen. Sie zerdrücken dann die bröckliche Erde in ihren hölzernen Pfannen und blasen den Staub mit dem Mund hinaus, wo das schwerere Gold natürlich zurückbleibt; aber es läßt sich denken, welche schwierige Arbeit das ist, und was für eine Lunge dazu gehört.
Mit diesem stillen, unermüdlichen Fleiß und der Art ihrer Arbeit, bei der sie sich nicht mit oberflächlichem Untersuchen begnügen, sondern eben in die Erde wie ein Maulwurf hineingehen, und darunter fortwühlen, haben sie aber auch schon in Californien fast an allen Wassercoursen die reichsten Goldlager zuerst entdeckt, und sind nicht selten später von den Amerikanern daraus vertrieben worden. So war es in Murphy’s Diggings, wo die Letzteren ein paar Mexikaner mit einer Frau an der Arbeit fanden, die unter einigen einzeln stehenden Kiefern eine Art Brunnen gegraben hatten und von den rohen Gesellen geradezu verjagt wurden. Der Platz wies sich nachher als sehr reich aus. Sodann mit Carson’s-Flat, wo zehn oder zwölf Mexikaner fast ein halbes Jahr gearbeitet hatten und, wie das Gerücht ging, eben nur knapp ihren Lebensunterhalt verdienten, denn wo sie sich ihre Provisionen holen mußten, bezahlten sie nur mit sehr feinem, unansehnlichem Gold, und handelten bis auf das Blut, um Alles billig zu bekommen. Als aber einige Amerikaner später zufällig und wirklich fast aus Verzweiflung, nirgends anders Etwas finden zu können, mit begannen, erwies sich die ganze Fläche als eine der reichsten in den californischen Minen, und die Mexikaner zogen still mit schwerbeladenen Maulthieren ab.
Dieser Nation wurden auch, besonders in den ersten Jahren, eine Menge Mordthaten vor die Thür gelegt, die sie an Minern verübt und sie beraubt haben sollten. Gewiß ist, daß es auch unter ihr, wie bei allen Nationen, eine Masse Gesindel gab, das sich den ungeregelten Zustand der Minen zu Nutzen zu machen suchte und manches Verbrechen verübte. Ihnen allein darf aber wahrlich nicht die Schuld gegeben werden, denn auch jener von Amerika herübergezogene Schwarm von Spielern, die, wenn sie kein Gold mit falschem Spiel erbeuten konnten, eben so gern bereit waren mit Blut und Raub ihre Säckel zu füllen, ferner die von Australien in nicht unbeträchtlicher Zahl hierher verschifften Deportirten, die sich glänzende Aerndten mit Aufnahme ihres alten Geschäfts versprechen durften, suchten, wenn sie eine solche That verübt, den Verdacht auf Mexikaner zu lenken, indem sie irgend ein kurzes Brecheisen, am häufigsten eine hölzerne Waschschüssel oder auch eine Sandale als corpus delicti zurückließen, und nun vielleicht gar mit die waren, welche gleich von Anfang an Zeter über die blutdürstigen „Mexicans“ schrieen. Mehrere Mordthaten haben sich, besonders in der Gegend des Sonora-Camp und der benachbarten Minen, anfänglich mit den Beweisen mexikanischer Hände, endlich doch auf jene Bande zurückführen lassen, deren Hauptstamm später in San-Francisco durch die Vigilance Committee aufgehoben und zerstört oder wenigstens zerstreut wurde.
Nichts destoweniger war jenem amerikanischen Gesindel, das in Masse von den Vereinigten Staaten mit eingeschmuggelt worden, ein solcher Verdacht gerade gegen diese fleißigen und für die Bearbeitung der Minen so geeigneten Stämme nur höchst wünschenswerth, denn sie machten nicht selten ordentlich Jagd auf solche mexikanische Lager, in deren Nähe sie stets, und oft nicht mit Unrecht, die reichsten oder doch reichhaltige Stellen vermutheten. Wo sich das bestätigte, griffen sie dann irgend ein altes Gerücht eines verübten Mordes auf, und vertrieben die armen Teufel von ihren mühsam bearbeiteten Plätzen.
Der Haß der Mexikaner gegen die Amerikaner fand dadurch immer neue Nahrung, aber nur in einzelnen und sehr wenigen Fällen wagten sie, sich ihnen wirklich ernstlich zu widersetzen; Tapferkeit gehört nicht zu ihren vorwiegenden Eigenschaften, und sie räumten meist immer das Feld, sobald die tollköpfigen Amerikaner gegen sie anrückten. Dann zogen sie sich wieder, um auch besonders der den Fremden auferlegten monatlichen Steuer zu entgehen, in noch unbearbeitete Berge zurück, und es war ihnen solcher Art schwer beizukommen. So viel aber ist gewiß, daß sie mit ihrem Fleiß und ihrer Ausdauer, wie zugleich mit ihren mäßigen Ansprüchen an das Leben, in den meisten Fällen vortreffliche Geschäfte machten. Ob sie nun in den Bergen gruben oder als Maulthiertreiber Waaren und Provisionen in die Minen schafften, sie verdienten Geld und, was mehr ist, sie bewahrten was sie verdienten, bis sie für ihre Bedürfnisse genug hatten und in ihr Vaterland zurückkehren konnten.
An den Wassern des Stanislaus, in den südlichen Minen und an ziemlich reichen Stellen arbeiteten auch, während meines dortigen Aufenthalts, in der Nähe eines kleinen Minenstädtchens oder großen Lagers mehrere Gesellschaften Mexikaner und einige Deutsche und Amerikaner. Der Platz, wo das meiste Gold, auch wieder durch die Mexikaner, gefunden worden, war eine große „Flat,“ d. h. eine ebene Strecke in einem Thal, wo diese schon mehrere tiefe Löcher gegraben und, wie es hieß, viel Gold herausgenommen hatten. Herzuwandernde Miner fingen dort ebenfalls an nach Gold zu suchen, und die Bewohner des Camps oder Lagers stellten, wie das fast immer geschieht, ein Gesetz zwischen sich fest, daß ein einzelner Arbeiter nicht berechtigt sein sollte mehr Terrain zum Niedergraben zu beanspruchen, als eine gewisse Anzahl Quadratfuß (gewöhnlich 48–64, höchstens 80). Hatten sie die ausgearbeitet, so konnten sie einen neuen „Claim,“ wie derartige Plätze genannt wurden, beanspruchen.
Drei Deutsche arbeiteten ebenfalls in dieser „Flat,“ hatten sich ihre drei „Claims“ gleich zusammen an einer Stelle genommen und ein weites bequemes Loch ausgeworfen, bis auf den goldhaltigen Kies hinunter zu arbeiten, wonach sie erst, jedenfalls die bequemste und auch sicherste Art, wollten zu waschen anfangen. Einige zwanzig Schritt von ihnen entfernt arbeiteten mehrere Mexikaner, und der Platz zwischen den beiden Parteien lag noch, wenn auch schon belegt, doch noch nicht in Angriff genommen.
Die Deutschen, Wolf, Meier und Ehrhardt, hatten da begonnen, wo das höhere Land anfing aufzulaufen, und zwei Bäche, aus beiden Thälern kommend, niederliefen. Unter ihnen arbeiteten die Mexikaner, die schon wochenlang da thätig gewesen waren und viel Gold herausgeschafft haben mußten, sie wären sonst nicht so lange auf der einen Stelle geblieben. Das hier aufsteigende Land zwang die Deutschen aber auch, bei der großen Anlage ihres Claims, eine große Masse Erde auszuwerfen, und sie hatten mit angestrengtem Fleiß ziemlich acht Tage gehackt und gegraben, ausgeworfen und weggefahren, als sie endlich auf lehmhaltigen Kies, fast stets die goldhaltige Erdart, stießen und nun zu probiren anfingen.
Wolf hatte eine Pfanne voll heraus und zum Wasser genommen, sie dort zu untersuchen, und die beiden Anderen saßen unten auf dem Kies, die Rückkehr des Kameraden abzuwarten und das Resultat zu erfahren, ob der Kies „lohne,“ d. h. ob es der Mühe werth wäre mit Waschen anzufangen, oder ob sie erst lieber noch einen „Spatenstich“ hinauswerfen sollten. Wenn die Pfanne voll Erde nicht wenigstens etwa ein Sechstel Thaler Goldwerth enthielt, wurde der Grund gewöhnlich noch nicht für gut befunden, und selbst das „zahlte nicht,“ sobald man ihn weit zum Wasser zu schaffen hatte.
Wolf kam jetzt zurück, blieb oben am Rand des etwa zehn oder eilf Fuß tiefen Loches stehen und sagte, die Blechpfanne vor sich haltend und langsam mit dem Kopfe schüttelnd: „’s Große ist’s noch nicht!“
„Nun wie macht sich’s Wolf?“ fragte ihn Meier, aufstehend und den Arm nach der Pfanne ausstreckend um sich von dem Goldbestand zu überzeugen, „sollen wir anfangen?“
„Ich weiß nicht,“ meinte Wolf, die Pfanne hinabreichend, in der Beide unten die paar Körner Gold, die sie enthielt, herüber- und hinüberschoben, „wenn’s nicht mehr ausgiebt kann’s noch Nichts helfen, und wir werfen den Quark lieber zu Tag, als daß wir uns den Buckel damit wund schleppen. Das lohnt nicht.“
„Hm, wir wollen lieber erst noch einmal eine andere Pfanne voll probiren,“ sagte Meier, „am Ende werfen wir uns sonst selbst das Gold hinaus und behalten nachher nur ein paar Zoll Erde zum Waschen übrig. Ich glaube gar nicht, daß wir so schrecklich weit vom Fels ab sind, und nachher ist’s Essig.“
„Gut, dann können wir noch eine Pfanne voll aus der Ecke da drüben versuchen,“ meinte Ehrhardt. „Nach der Seite hin hab’ ich so das meiste Vertrauen.“
„Das weiß der Henker,“ sagte Meier jetzt, sich überall umsehend, „mir ist es immer, als ob ich hier unten so was bubbern und klopfen höre, und es regt sich doch Nichts — ob es hier Maulwürfe giebt?“
„Maulwürfe?“ lachte Ehrhard, der zu gleicher Zeit seinen Spaten aufgegriffen hatte und die Pfanne (aus der er vorher die paar Goldkörner auf einen flachen, trockenen Stein gelegt) wieder auffüllte, „wo sollen hier Maulwürfe herkommen? und wenn sie da wären, machten sie doch keinen Spektakel; wo ist denn was?“
„Jetzt ist es wieder ruhig,“ meinte Meier, der ein paar Sekunden aufmerksam gehorcht hatte, „aber ich habe es den ganzen Morgen schon gehört.“
„Wer weiß was Dir in den Ohren gebrummt hat,“ sagte sein Kamerad, mit dem Spaten dabei die aufgefüllte Erde auf die Pfanne festschlagend, daß sie nicht herunterfiel — „der Grund wird übrigens hier tüchtig lehmig, und es sollte mich nicht etwa wundern, wenn wir bald auf den Felsen kämen.“
„Stoß doch einmal mit der Brechstange in das Loch hinein, das Du jetzt eben ausgeworfen hast,“ rief Wolf, der sich am Rand der Grube hingekauert hatte und den Beiden zusah, von oben nieder — „da kannst Du zugleich fühlen, wie weit wir noch etwa haben, und ob Du festen Grund oder Fels kriegst.“
„Na, sei so gut,“ sagte Ehrhard, „das wäre nicht übel, wenn wir jetzt schon auf den Fels kämen; die paar Spatenstiche zahlten dann auch die ganze Arbeit nicht, denn jetzt ist es ja nicht einmal der Mühe werth anzufangen. Nein, ich habe starke Hoffnung daß wir noch ein paar Ellen tiefer müssen und dann eine Zeitlang tüchtig hinter einander waschen können.“
Meier hatte indeß die Brechstange, die an der Wand lehnte, und die sie manchmal gebrauchten größere Quarz- oder Kiesblöcke bei Seite zu wälzen, aufgenommen, ging damit zu der Stelle, wo die letzte Pfanne voll Erde hinausgeschaufelt und der Grund dadurch etwa sechs Zoll tiefer geworden war als in dem übrigen Theil ihres Claims, und stieß hinein.
„Fühlst Du was?“ fragte ihn Wolf.
„Noch nicht,“ sagte der Andere, mit der eingestoßenen Brechstange in dem etwas harten Boden herumarbeitend, die begonnene Oeffnung zu erweitern und einen zweiten Stoß zu versuchen. — „Das wär’ auch zu früh, aber der Lehm wird zu zähe sein, die Stange geht nicht durch,“ und mit den Worten hob er das lange Eisen aufs neue und stieß es mit aller Kraft in das aufgedrehte Loch hinein, wäre aber beinahe vornüber gefallen, denn die Stange schwand ihm plötzlich fast unter den Händen fort und sank wohl einen Fuß tiefer, als er erwartet hatte.
„Hallo,“ rief Wolf von oben herunter, „no bottom[38], eh?“
„Jesus, Maria und Joseph!“ schrie aber Meier, ließ die Brechstange los und sprang mit ein paar Sätzen an dem eingestellten Baum, der ihnen als Treppe diente, hinaus aus dem Loch, an dessem Rande er, ein Bild des Entsetzens, mit todtenbleichen Zügen und stieren Augen stehen blieb, während Ehrhard, der nicht anders glaubte als die Wand fiele ein, seine Pfanne, die er eben aufreichen wollte, fallen ließ und ihm, so rasch ihn seine Beine trugen, folgte.
„Alle Wetter,“ lachte Wolf oben, als er die Beiden so im Sturm ankommen und nicht die mindeste Ursache dafür sah, „wer ist todt und wo brennt’s? — Mensch, Meier, was machst Du für ein Gesicht? — Hast Du am hellen, lichten Tage einen Geist gesehn?“
„Wolf,“ stöhnte aber Meier und strich sich mit der linken Hand, noch immer in Schrecken und Entsetzen, die Haare aus der Stirn, während er mit der anderen, und stieren Blicks in das ausgeworfene Loch hinunterdeutete. — „Da unten — da unten hat was — da unten hat was geschrieen.“
„Hahahahaha!“ lachte Wolf, „das ist gut — das ist kostbar — und was hat Dich heraufgejagt, Ehrhard?“
„Mich?“ fragte dieser verdutzt — „mich? — ich weiß nicht — aber, wie Meier so auskniff, da glaubt’ ich, die verdammte Bank fiele ein, und seit ich dabei war wie der Neger verschüttet wurde, hab’ ich allen Respekt vor solchem Einsturz bekommen — was war denn los, Meier?“
„Ich sage Euch, Menschen!“ rief aber dieser, noch immer todtenbleich und an allen Gliedern zitternd — „so wahr ich hier stehe und lebe und gesund zu bleiben hoffe, dort, unter der Erde d’runten — Du brauchst nicht zu lachen, Wolf — da unten hat, bei Gott! was geschrieen.“
„Na nu setz mich mal an Land!“ rief Wolf, der einige Seereisen gemacht und noch gern Schiffs- und See-Ausdrücke in seiner Rede gebrauchte — „Junge, Du hast Dir heute die Brandyflasche zu genau gegen das Licht gehalten.“
„Ich bin bei meinen fünf Sinnen,“ betheuerte aber Meier — „ich lebe und sterbe darauf, und es ist mir den ganzen Morgen schon so vorgekommen, als ob da unten etwas laut wäre.“ —
„Hallo, was ist da vorgegangen!“ riefen jetzt von den benachbarten Gruben ein paar Amerikaner, die die Aufregung der Deutschen sahen und rasch herbeigesprungen kamen, — „wer hat einen Klumpen gefunden?“
„Ja Klumpen gefunden,“ lachte Wolf noch immer — „mein Compagnon da hat mit der Brechstange in den Grund gestoßen und behauptet jetzt, es hätte Jemand da unten geschrieen.“
„Geschrieen? — wo? — unter der Erde?“
„So wahr ich selig zu werden hoffe,“ betheuerte Meier.
„Aber Menschen, weshalb steht Ihr denn da hier oben?“ rief der Amerikaner, „hat’s Euch gebissen? — weshalb seht Ihr denn nicht nach?“
„Was soll denn da schreien?“ rief Wolf.
„Was da schreien soll? — ja, weiß ich’s?“ rief der Nachbar, „aber horchen kann man doch einmal;“ und rasch an dem zackigen Stamm, der in der Ecke lehnte, niedergleitend, sprang er, jetzt von den Deutschen gefolgt, in die Grube hinunter und blieb, die linke Hand, zu Stillschweigen mahnend erhoben, einen Augenblick lauschend stehen.
„Dort war’s wieder!“ rief Meier plötzlich, nach der Ecke deutend, „gerade, wo die Stange steckt!“
„Bei Gott!“ rief aber auch jetzt der Amerikaner, der sich bei den ebenfalls gehörten Lauten mit dem Ohr auf die Erde geworfen hatte und jetzt gerade über der ausgeworfenen kleinen Grube lag, — „da unten stöhnte Etwas, gerade wie ein Mensch.“
„Ein Mensch,“ — rief Wolf, der ebenfalls mit heruntergekommen war, „wie soll ein Mensch da unten hingekommen sein, — der müßte jetzt ein paar tausend Jahre unter der Erde liegen und sollte wahrscheinlich das Schreien verlernt haben.“
„Spaten her, meine Burschen!“ rief aber der Amerikaner jetzt, in die Höhe springend, — „Spaten her, da unten liegt irgend etwas Lebendiges, das wir heraushaben müssen, — vielleicht ist’s eine Naturmerkwürdigkeit, und dann bekommt Ihr mehr Geld dafür, als ob es Gold wäre.“
„Das ist ein Mensch!“ rief aber auch Meier jetzt, der sich ebenfalls auf den Boden geworfen und sein Ohr in die Oeffnung hineingehalten hatte, „ich kann deutlich sein Wimmern hören.“
„Nur zwei Dinge sind möglich,“ lachte der Amerikaner, „entweder ist’s ein Cayota oder ein Mexikaner, und in beiden Fällen wollen wir bald wissen woran wir sind. Zugepackt meine Burschen, am Ende steckt doch ein Menschenleben da unten.“
Er brauchte die Deutschen aber wahrlich nicht mehr anzufeuern, denn nun über die erste, ziemlich natürliche Bestürzung hinweg, gingen sie mit vollem Eifer daran, die Erde aus und in die andere Ecke der Grube zu werfen. Wie sie aber an der Stelle kaum einen Fuß tiefer gegraben hatten, wich der Boden plötzlich unter ihnen fort, und wenn sie bis dahin noch irgend einen Zweifel gehabt, wurde er durch das aus der Oeffnung tönende „Ave Maria purisima“ gehoben.
Sehen konnten sie allerdings noch Nichts, aber wie sie den Kies jetzt nur etwas vorsichtiger weggeräumt, kam ein blau gestreiftes Hemd zum Vorschein, und etwa funfzehn Minuten später förderten sie richtig einen Mexikaner zu Tage, der sich unter ihrer Grube durchgewühlt und glücklicher Weise mit seinem Kopf eben unter die noch von ihnen stehen gelassene Wand gerathen war, der niederstürzende Kies hätte ihn sonst ersticken müssen. So, obgleich von der schweren Erde böse gedrückt, war ihm doch wenigstens genug Luft zum Leben geblieben, und nach tüchtigem Einreiben mit Brandy, von dem sie ihm auch etwas einflößten, nach Waschen mit kaltem Wasser, wie Reiben seiner Glieder mit wollenen Lappen, die Ehrhard lieferte, indem er sein wollenes Hemd auszog und in Stücke riß, brachten sie den armen Teufel nach etwa einer Viertelstunde wieder wenigstens so weit, daß er die Augen aufschlug.
Seine Kameraden mußten indessen geholt werden, denn obgleich sie den Auflauf der Miner gesehen, die fast sämmtlich von allen Ecken und Enden herbeiströmten, zu erfahren was es da gebe, hielten sich die Mexikaner fern von dergleichen. Sie mochten mit den Amerikanern in keine Berührung kommen, und hatten in der That keine Ahnung daß sie die Sache so nahe anging. Unter der Erde nämlich, der Goldader folgend, ist es ungemein schwer ohne Kompaß die genaue Richtung zu wissen, welche der bald rechts, bald links hinüberzweigende Stollen genommen. Kümmerten sie sich doch auch nicht darum, wenn sie eben nur die goldhaltige Erde zu Tage förderten.
Mit dem Bewußtsein des Betäubten, der dort unten jedenfalls Todesangst ausgestanden, gewann aber auch Meier seine Sprache wieder, und kaum sah er daß er lebte und außer Gefahr war, als er auch an die Ursache dachte, die den Burschen dort unter ihren Claim geführt und daß nun all ihre Mühe, den weiten Platz niederzugraben, vergebens gewesen wäre. Hatten doch diese „diebischen mexikanischen Schufte,“ wie er sie in vollem Grimm nannte, ihnen die „Butter vom Brod geleckt“ oder im wahren Sinne des Worts das „Gold aus der Pfanne gestohlen.“
Ueber die Art wie der Mexikaner dahin gekommen, blieb denn auch in der That kein Zweifel mehr. Nach alter Gewohnheit hatten er und seine Kameraden, der Goldader folgend, in den harten festen Boden sich eingewühlt und waren so nach und nach weit über ihren Claim hinaus, unter den ihrer nächsten Nachbarn gerathen, die jetzt umsonst ihre ganze Arbeit an dieser Stelle gethan hatten. Das, was die Mexikaner übrig gelassen, lohnte allerdings nicht mehr der Mühe es auszuwaschen.
Die komischste Figur war übrigens jedenfalls der Mexikaner, der, einer in einer Falle gefangenen Ratte nicht unähnlich, zuerst, als er seine Besinnung wieder erlangte, gar nicht begreifen zu können schien, wie er dahin gelangt sei und wo er sich eigentlich befinde, und nur langsam und nach und nach zu einem ihm allerdings höchst fatalen Verständniß gebracht werden konnte.
Als sich übrigens diese Mexikaner später weigerten, das Gold, was sie unter dem Claim der Deutschen ausgegraben, diesen, als den rechtmäßigen Eigenthümern, zurückzuerstatten, und bei ihrer Behauptung blieben, sie hätten nicht zehn Dollars Werth darunter gefunden, wurden sie von den also Uebervortheilten (eigentlich sollte man hier sagen „Untervortheilten“) bei dem amerikanischen Alkalde verklagt und mußten eine nicht unbeträchtliche Strafe zahlen: über ihren Claim hinausgegangen und in den einer anderen Gesellschaft eingebrochen zu sein. Das Strafgeld aber behielt der Alkalde natürlich für sich selbst, und die Deutschen konnten auf einer anderen Stelle wieder von vorn anfangen.