Erstes Kapitel.
Es giebt nichts Entsetzlicheres auf der Welt, als Morgens früh eine Wirthsstube zu betreten, in der am Abend vorher, vielleicht bis ein oder zwei Uhr in der Nacht, getrunken und geraucht worden, und wo der Raum noch nicht gelüftet und gereinigt ist.
Ein warmer, widerlicher Dunst liegt in dem Zimmer und versetzt besonders Dem ordentlich den Athem, der es eben aus der frischen Morgenluft betritt. Auf den begossenen klebrigen Tischen stehen schmutzige Gläser und geleerte Flaschen, auf der Erde zerstreut liegen angebrannte Fidibus und Cigarrenstummel, während die unordentlich umhergeschobenen Stühle überall den Weg verstellen und ein solches Gemach, wenn es dafür überhaupt einen Comparativ gäbe, noch ungemüthlicher machen. Kommt dann gar noch ein fauler Hausknecht dazu, der sich nicht einmal die Mühe nimmt, die Fenster zu öffnen, und mit seinem Besen den Staub und Sand umherwirbelt, dann ist ein solcher Ort gerade zum Verzweifeln, und wenn den Reisenden nicht das Wetter dazu zwingt, hält er sicher nicht darin aus.
Genau so sah es heute in dem sonst ziemlich eleganten Gastzimmer des „Hotel Müller“ in B. aus, als ein Fremder die Thür öffnete und, von den auf ihn eindrängenden und mit einer Staubwolke vermischten Dünsten eben nicht angenehm überrascht, auf der Schwelle stehen blieb.
„He, guter Freund“, sagte er zu dem nicht einmal nach ihm umschauenden Hausknecht, „wäre es Ihnen nicht vielleicht einerlei, wenn Sie bei Ihrer Beschäftigung ein paar Fenster öffneten. Ich dächte, frische Luft könnte diese Atmosphäre nur verbessern; glauben Sie nicht?“
Der Bursche, dem die Anrede galt, schlief augenscheinlich noch, er verrichtete wenigstens seine Arbeit mit halbgeschlossenen Augen und schien auch gar nicht zu hören, daß Jemand mit ihm gesprochen, nahm wenigstens nicht die geringste Notiz davon und kratzte ruhig weiter.
„Angenehm“, brummte der Fremde vor sich hin, that aber das, was ihm allein helfen konnte: er öffnete die Fenster nämlich selber und klingelte dann mit einer der auf den Tischen befindlichen Glocken, um irgend eine brauchbare Bedienung herein zu rufen. Zugleich band er sich einen Shawl, den er locker um den Hals trug, fester um die Kehle, denn es zog jetzt bös im Zimmer.
Das Läuten schien indessen keinen wesentlichen Erfolg zu haben. Der Hausknecht kümmerte sich gar nicht darum, und weiter ließ sich Niemand blicken. Erst als er den Versuch einigemal wiederholt hatte, steckte ein sehr niedliches Stubenmädchen den Kopf in die Thür und sagte:
„Na, ist denn Niemand hier, wo steckt denn der faule Kellner nun einmal wieder? He, Hans — habt Ihr ihn nicht gesehen?“
Die Frage galt augenscheinlich dem Hausknecht, auf den sie aber ebenso geringen Eindruck machte, wie das Klingeln vorher. Entweder hatte er sie nicht gehört, oder wollte er sie nicht hören, aber er kehrte ruhig weiter.
„Bitte, wecken Sie den Mann nicht“, sagte der Fremde ruhig, „er scheint im ersten Schlaf zu liegen. Wenn Sie nur so freundlich wären, mein Schatz, mir einen von diesen Tischen abzuwischen und dann eine Tasse Kaffee und ein Glas Cognac für mich zu bestellen, nachher brauchen wir jenen Biedermann nicht zu belästigen.“
„Ei du lieber Gott“, sagte das junge Mädchen, „es sieht ja aber noch gar zu erschrecklich hier aus. Ja freilich, wenn man Nachts bis halb drei Uhr auf den Füßen sein muß, dann verschläft man sich wohl auch einmal. — Sie sollen’s gleich haben.“
Dabei hatte sie ein feuchtes Wischtuch genommen, den einen Ecktisch abgeräumt und rein gewischt, einem Stuhl denselben Liebesdienst erwiesen, und diesen jetzt dem frühen Gast hinrückend, fuhr sie fort:
„Da, nehmen Sie Platz — und wie das hier zieht — aber Sie sollen gleich Ihren Kaffee haben, und dann wird auch der Platz hier rasch aufgeräumt. Wo nur der Mosje Louis steckt.“ Und mit den Worten verließ sie das Zimmer, um das Verlangte selber herbeizuholen.
Der Fremde schien gar nicht mehr zu hören, was sie ihm sagte, sondern nur mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt zu sein. Er hatte den Reisesack, den er trug, neben sich auf einen Stuhl gestellt, setzte sich an den Tisch, stemmte den Kopf in die Hand und sah still und düster vor sich nieder, veränderte auch seine Stellung nicht, bis das Mädchen mit Kaffee und Cognac zurückkam, Beides vor ihn hinsetzte und dann geschäftig daran ging, das Zimmer in Ordnung zu bringen. Der Hausknecht hatte indessen seine Arbeit ebenfalls beendet, und wollte gerade die Thür wieder schließen, als sein Blick auf den Fremden fiel. Er drehte wieder um, kam herein, ging auf diesen zu und sagte, während er sich mit dem linken Daumen am Hals kratzte und mit der rechten Hand auf die Füße des Reisenden zeigte, nur das eine Wort:
„Stiefel putzen?“
Dieser sah überrascht zu ihm auf.
„Ah, guten Morgen, Kamerad. Ausgeschlafen?“ lachte er.
„Auf der einen Seite“, brummte der Mann mit der rothen Schürze. „Stiefel putzen?“
„Hm“, meinte der Fremde, indem er einen Blick auf seine Fußbekleidung warf, der eine Bürste eben keinen Schaden gethan haben würde, „jetzt nicht, später. Kann man hier logiren?“
Das war eine Frage, die den Hausknecht nichts anging, und ohne sie deshalb einer Antwort zu würdigen, drehte er sich auf seinen Pantoffeln wieder um und schlappte aus dem Zimmer.
Der Fremde sah ihm nach und lachte still vor sich hin; andere Gedanken gingen ihm aber doch durch den Kopf, um sich lange mit dem faulen Burschen zu beschäftigen. Er trank seinen Kaffee, stürzte den Cognac hinterher, nahm dann eine schon etwas stark gebrauchte Cigarrendose aus der Tasche und zündete sich mit einem Feuerzeug, das er ebenfalls bei sich führte, eine Cigarre an.
Das Stubenmädchen, ohne sich indeß dabei in ihrer Arbeit stören zu lassen, betrachtete sich den Fremden kopfschüttelnd, denn sie konnte nicht recht klug aus ihm werden.
Es war in der That eine etwas wunderliche Persönlichkeit, und wenn er auch anständig gekleidet ging, lag doch in seinem ganzen Wesen wieder etwas, das man hätte genial nennen können, das aber eigentlich an das Liederliche und Verkommene streifte. Er trug einen weiten leichten Paletot, wie ihn Künstler gewöhnlich tragen, einen breitrandigen, schwarzen, etwas zerdrückten Hut von feinem weichen Filz, gestreifte Beinkleider und lilla Glacéhandschuhe, aber seine Wäsche war nicht tadellos rein, und konnte nur vielleicht damit entschuldigt werden, daß er eben von der Reise kam. Trotzdem würde er entschieden anständiger ohne die unechte Tuchnadel ausgesehen haben.
Für den Mann ist jeder goldene Zierrath unpassend, aber entsetzlich, wenn er auch noch unecht ist, und kann eigentlich nur bei Weinreisenden entschuldigt werden.
Seinem Aussehen nach mochte der Fremde etwa in den Vierziger Jahren stehen; sein Alter ließ sich aber nicht genau erkennen, da der volle braune Bart und der breitrandige Hut das Gesicht ziemlich verdeckten. Im Bart selber zeigten sich aber schon kleine graue Flecke, die Schatten, die der sinkende Abend auf uns wirft, und nur seine Bewegungen waren noch lebendig und fast jugendfrisch.
Er hatte den Rauch in dichten Wolken ausgeblasen und ein paarmal auch den Kopf nach dem Mädchen umgedreht, als ob er sie anreden wollte, es aber immer wieder unterlassen. Da ging die Thür auf und „Mosje Louis“, der Kellner trat ein. Mosje Louis war in der That „jeder Zoll ein Kellner“.
Er erschien spät, aber er erschien seiner würdig, in vollem, nichts zu wünschen übrig lassendem Ornat, die schwarze Tuchjacke sauber abgebürstet, die großcarrirten Hosen nach dem neuesten Schnitt und sehr eng, die Wäsche untadelhaft, mit allem nur darauf anzubringenden Zubehör von Tuchnadel, Chemisett- und Hemdknöpfchen, Berloques, Kette und Ringen; und das Toupet. Es war in der That makellos und über beiden Ohren hoch und gelockt auflaufend, während gerade auf der Mitte des Kopfes eine wahre Chaussee von einem Scheitel schnurstracks hindurch bis hinten hinunter in die himmelblaue Halsbinde lief.
Schade, daß seine etwas stumpfe Nase nicht mit dem Ganzen harmonirte. Selbst dem geistreichsten Gesicht giebt außerdem ein in der Mitte gescheiteltes Haar stets einen „minder geistreichen Ausdruck“, um mich so artig wie möglich auszudrücken, und Mosje Louis besaß unglücklicher Weise nicht einmal ein geistreiches Gesicht. Er sah eigentlich schon, ohne künstliche Vorrichtung, von Natur etwas dumm aus. Aber jene glückliche Selbsttäuschung, die den Schwindsüchtigen mit frischer Lebenshoffnung erfüllt, half auch Mosje Louis über diese weit geringere Unbequemlichkeit des Lebens hinweg. Er selber hielt sich für schön, ja für unwiderstehlich, und sein kleiner Unterkellner, der leider jetzt im Bett lag und krank war, wollte sich über seine Witze immer vor Lachen ausschütten.
Mosje Louis erschien also, warf einen etwas erstaunten Blick auf den frühen Gast, einen schmachtenden auf das Stubenmädchen und sagte leise:
„Guten Morgen, Lieschen!“
„Guten Morgen, Herr Louis!“ erwiderte das junge Mädchen, ohne weiter Notiz von ihm zu nehmen. Sie war mit ihrer Arbeit gerade fertig geworden, überschaute das Zimmer noch einmal flüchtig und verschwand dann mit den Worten, bei denen sie auf den Fremden deutete: „halbe Kaffee und Glas Cognac!“ aus der Thür.
Herr Louis sah ihr freundlich zunickend nach, da er aber ihrem Blick nicht wieder begegnen konnte, nahm er sein sehr groß geblümtes rothseidenes Taschentuch aus der Jackentasche, schneuzte sich mit vielem Geräusch, trat dann, während sich der Fremde nach ihm umsah, auf diesen zu und sagte, indem er das Tuch wieder in die Tasche zwängte und sich die Hände lebhaft rieb:
„Guten Morgen!“
„Guten Morgen,“ sagte der Fremde kurz und musterte den Burschen von Kopf bis zu Füßen.
„Mit dem Frühzug gekommen?“
„Ja“.
„Sehr schöner Morgen.“
„Es hat gegossen, was vom Himmel herunter wollte.“
„So?“ sagte Herr Louis, über die Nachricht erstaunt, denn jetzt schien die Sonne, und er zog die Augenbrauen dabei so hoch hinauf und vorn zusammen, daß sie eine Verlängerung des Scheitels nach vorn herunter bis auf die Nasenwurzel herstellten. Er sah aber trotzdem nicht hübsch aus.
„Kann ich vielleicht — wenn es nöthig sein sollte, ein oder zwei Tage hier wohnen?“ brach der Fremde indessen die meteorologische Verhandlung ab.
„Es ist gerade noch ein Zimmer frei“, log Herr Louis, denn das halbe Haus stand leer; „erlauben Sie —“ und damit streckte er seine Hand nach dem Reisesack aus, um den Fremden vor allen Dingen einmal sicher zu haben.
„Bitte“, sagte aber dieser, indem er sein Eigenthum noch festhielt. „Vorher muß ich mich erst noch nach Einigem erkundigen, aber vielleicht sind Sie im Stande, mir Auskunft zu geben. Wissen Sie, wem diese Wirthschaft zu eigen gehört?“
„Wäre nicht übel, wenn ich es nicht wüßte“, lächelte Herr Louis etwas spöttisch und fuhr sich mit den gespreizten Fingern der rechten Hand durch die entsprechende Chausseeseite; „der Frau Josephine Müller.“
„Josephine Müller?“
„Zu dienen.“
„Ihr Mann ist todt?“ examinirte der Fremde weiter, und Herr Louis schoß einen raschen und forschenden Blick auf ihn, denn ein eigener Verdacht stieg in ihm auf, zögernd sagte er auch nur: „Ja!“
„Und ist sie zu Haus?“
„Nein — verreist, auf Besuch“, bemerkte Herr Louis, und fuhr sich durch die andere Chausseeseite — was zum Henker konnte der Fremde mit seiner Wirthin wollen, daß er sich nach dem Tod ihres Mannes erkundigte. Ueberdies war das eine sehr alte Geschichte und der Herr Müller schon seit sechs Jahren verschollen und damals mit einem Dampfer zu Grunde gegangen.
„Verreist — so —?“ sagte der Fremde gedehnt und, wie es schien, in seinen Erwartungen getäuscht; „weit?“
„Nein, nur zum Besuch aufs Land. Sie kommt morgen Mittag jedenfalls wieder.“
„In der That?“ rief der Fremde rasch und augenscheinlich erfreut; „dann seien Sie doch so gut und weisen Sie mir mein Zimmer an. Ich werde sie jedenfalls erwarten.“
Herrn Louis gefiel das nicht, aber gegen diesen direct ausgesprochenen Willen ließ sich auch nichts weiter thun. Er nahm also, da der Fremde aufstand, den Reisesack und ging, mit einer einladenden Verbeugung ihm zu folgen, voraus, beschloß aber doch, jedenfalls heute noch herauszubekommen, was der Fremde beabsichtigte, denn Herr Louis hatte selber eine Menge weitgreifender Pläne und dachte gar nicht daran, sie sich von einem „hergelaufenen Voyageur“, der mit dem Frühzug und nur mit einem Reisesack eintraf, kreuzen zu lassen. Der Mann trug ja nicht einmal einen Schirm.
Der Fremde schien aber nicht die geringste Notiz von des Oberkellners Gedanken oder Plänen zu nehmen, ging in sein Zimmer, zog seine Stiefeln aus und setzte sie vor die Thür, schloß sich dann ein, entkleidete sich und ging zu Bett, als ob es zehn Uhr Abends gewesen wäre.
Während der Fremde schläft, können wir uns indessen die Verhältnisse des Hotel Müller ein wenig betrachten.
Das Hotel hatte schon der Vater der jetzigen Wirthin innegehabt, bis sie sich in den „seligen Müller“, einen übrigens wackeren und thätigen Mann verliebte, diesen heirathete und nach des Vaters Tod das Wirthshaus „Zum goldenen Elephanten“ in das moderner klingende „Hotel Müller“ umwandelte. Caspar Müller, ihr damaliger Mann, brachte auch das jetzige Hotel durch seine unermüdliche Thätigkeit in „Schwung“, daß es bald das beste der Stadt wurde, und verdiente viel Geld dabei. Da war er einst genöthigt, um bedeutende Außenstände einzucassiren, nach London hinüber zu fahren. Ein sehr heftiger Sturm warf aber den Dampfer an die Küste; er strandete, und von sechsunddreißig Passagieren wurden nur drei gerettet. Caspar Müller aber blieb verschollen. Jene furchtbare Sturmnacht, die so viele Menschenleben kostete, hatte auch sein Schicksal besiegelt, und es wurde nichts weiter von ihm gehört.
Die Wittwe führte indessen das Geschäft fort, und unermüdlich, wie sie in demselben immer gewesen hatte sie ihm auch die Jahre allein und wacker vorgestanden. Aber sie fand zuletzt keine rechte Freude mehr daran, denn mit einem erworbenen Vermögen, von dem sie mit mäßigen Ansprüchen recht gut hätte leben können, sah sie keinen Grund, weshalb sie sich eigentlich noch länger unnöthiger Weise quälen sollte, und beabsichtigte deshalb, das Hotel unter guten Bedingungen zu verpachten. Bis das aber geschehen konnte — denn nichts zwang sie, diese Sache zu übereilen — wollte sie sich eine Haushälterin nehmen und hatte zu dem Zweck schon eine Aufforderung in den Zeitungen erlassen. Bis diese freilich eintraf, mußte ihr Oberkellner, Herr Louis, das Ganze leiten.
Herr Louis hatte unten im Wirthszimmer Kaffee getrunken und seinen eigenen Gedanken dabei Audienz gegeben, als Lieschen, das Stubenmädchen, hereinkam und den einen Tisch deckte, denn einige Stammgäste frühstückten gewöhnlich im Hotel Müller, wo sie mäßige Preise und ein vortreffliches Glas Wein fanden.
Herr Louis hatte gerade nichts zu thun; es war heute Morgen merkwürdig leer in der Weinstube; so, an dem Mädchen vorbeigehend, suchte er ihr unter das Kinn zu greifen und sagte:
„Nun, Schatz, wie geht’s?“ Lieschen parirte aber den Versuch, schlug ihm den Arm zurück und sagte schnippisch:
„Wie man’s treibt!“
„Nu, nu“, bemerkte Herr Louis beleidigt, „die Jungfer ist ja heute Morgen bei sehr übler Laune. Lieschen, Lieschen, Sie stehen sich sehr im Licht.“
„Ich? — daß ich nicht wüßte“, lachte das Mädchen, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen, indem sie mit geschickter Hand die Teller und Gläser auf dem Tisch ordnete; „ich denke mir immer, es ist noch nicht so weit, und ehe Sie das bekommen, wo Sie dahinter her sind, läuft wohl noch mancher Tropfen Wasser den Berg hinunter.“
„Wo ich dahinter her bin?“ rief Herr Louis, anscheinend sehr erstaunt, erröthete aber doch etwas, denn er hatte kein reines Gewissen.
„Na, thun Sie nur nicht so“, lachte Lieschen. „Sie glauben wohl, unsereins ist blind — aber zum Gratuliren wär’s doch wohl noch zu früh —“ und damit wollte sie sich rasch der Thür zu drehen, als ihr Herr Louis in den Weg trat. Es lag ihm aber nichts daran, dies Gespräch fortzusetzen, denn Lieschen hatte wirklich einen wunden Fleck berührt, und er sagte freundlich:
„Na, kommen Sie her, Kind, wir wollen uns nicht zusammen zanken, und Sie sollen auch nicht dabei zu kurz kommen, wie sich die Sachen hier gestalten. Also Frieden geschlossen, und zum Versöhnungszeichen essen Sie jetzt ein Vielliebchen mit mir, wer zuerst dem Andern morgen früh den guten Morgen abgewinnt.“
„Ja, ich hätte Zeit zu solchen Albernheiten“, rief aber das Mädchen; „die ewige Quälerei mit den Vielliebchen — allen Menschen bieten Sie’s an, und Keiner will — guten Morgen, Herr Louis — seh’n Sie, jetzt hätt’ ich’s Ihnen schon abgewonnen!“ und mit den Worten machte sie sich lachend von ihm los und warf die Thür hinter sich ins Schloß.
Herr Louis war beleidigt, aber es blieb ihm keine Zeit, seinem Unmuth Worte zu geben, denn mehrere Gäste kamen zu gleicher Zeit, die bedient sein wollten, und denen konnte er sich nicht entziehen. Lieschen mußte nachher ebenfalls herein, um mit aufwarten zu helfen, und gegen Mittag erschien auch der arme Teufel von Unterkellner, ein furchtbar magerer, aufgeschossener Bursch, der aus Aermeln und Hosen herausgewachsen war und jetzt einen unförmlich aufgeschwollenen Backen in ein rothbaumwollenes Tuch eingebunden trug. Es war gerade keine appetitliche Erscheinung, aber er konnte eben nicht entbehrt werden.
Eine kleine Anzahl von Gästen aß auch später hier zu Mittag, und das Diner war schon beendet, als der Fremde von heute Morgen wieder herunter kam und noch etwas zu essen verlangte. Er hatte es verschlafen, wie er sagte, ließ sich jetzt an einem kleinen Seitentisch besonders decken, bestellte eine Flasche St. Julien und gab sich dann dem Genuß der Speisen mit aller Ruhe hin.
Das Speisezimmer war geräumt, die noch vorhandenen Gäste waren nebenan in das Billardzimmer gegangen, um bei einer Partie ihren Kaffee zu trinken. Der Fremde saß auch bei seiner Tasse im Zimmer und rauchte seine Cigarre, während Herr Louis, dicht neben ihm, aus einem Teller voll Knackmandeln diejenigen Mandeln aussuchte, die durch ihren Umfang zu der Hoffnung eines Vielliebchens berechtigten. Er drückte sich auch nicht absichtslos um den Gast herum, denn er hielt die Gelegenheit für günstig, ihn jetzt ein wenig über seine Absichten auszuforschen. Hatte er doch selber kühne Pläne auf die Hand der noch immer rüstigen und sogar noch hübschen Wittwe — oder vielmehr auf das Hotel, bei dem er die Wittwe nur als Zugabe — gewissermaßen eine Formsache — heirathen mußte, und nicht die geringste Lust, hier einen möglichen neuen Heirathscandidaten so ohne Weiteres heran und ihm freie Hand zu lassen.
Es war aber mit dem Mann nichts anzufangen, er blieb einsilbig und suchte allen an ihn gestellten Fragen vorsichtig auszuweichen. Das aber bestärkte Herrn Louis nur noch mehr in seinem Verdacht, und er begann jetzt seinerseits einen neuen Operationsplan zu entwerfen. So viel hatte er schon herausbekommen, daß der Fremde wenig über die Verhältnisse des Hauses wußte, jedenfalls seit langen Jahren nicht in B. gewesen war. Trug er sich also wirklich mit solchen Plänen, wie Herr Louis fürchtete, so wollte er einmal versuchen, diese mit einem Schlag über den Haufen zu werfen und dann jedenfalls zu sehen, was der Herr für ein Gesicht dazu machte. Mißglückte es, nun so war es immer kein Unglück und nur ein Scherz gewesen, oder — der Fremde konnte ihn auch falsch verstanden haben. Herr Louis beschloß nämlich, der Wirthin einen zweiten Mann zu octroyiren.
Die Wirkung war aber nicht so mächtig, wie sie der eifersüchtige Kellner erwartet hatte. Der Fremde nahm die neue Nachricht ziemlich ruhig hin und fragte nur etwas erstaunt:
„Hm — ich glaubte, die Madame hieße noch Müller?“
„Du lieber Gott,“ meinte Herr Louis achselzuckend, „der Müller giebt’s gar viele. Ihr jetziger Mann führt denselben Namen.“
„Ja,“ sagte der Fremde, „das ist wahr. Ich heiße ebenso,“ und dampfte ruhig weiter.
Herr Louis wußte jetzt ebenso wenig, woran er mit dem räthselhaften Menschen war. Hatte er vielleicht eine Schuldforderung einzukassiren? Daß er die Frau vom Haus unter jeder Bedingung selber sehen wollte, sprach dafür. Das ließ sich vielleicht durch das Fremdenbuch herausbekommen — aber auch das mißglückte. Der Gast schrieb sich ein: „Müller, Particulier, Hamburg — zum Vergnügen,“ stand auf, zündete seine ausgegangene Cigarre wieder an und ging in sein eigenes Zimmer hinauf. Herr Louis aber blieb unten an dem Tisch sitzen und aß in Gedanken drei oder vier Vielliebchen mit sich selber.