Zweites Kapitel.

Das hingeworfene Wort des Burschen war aber trotzdem auf fruchtbaren Grund gefallen, denn es schien dem Fremden doch nicht so ganz gleichgültig, ob Madame Müller wieder geheirathet habe oder nicht — wenn auch aus einem anderen Grund, als Herr Louis dachte.

„Hm, hm, hm,“ sprach er leise vor sich hin, indem er in seinem Zimmer auf und ab ging und, die Stirn in tiefe Falten gezogen, seinen eigenen — wie es schien, eben nicht angenehmen — Gedanken nachhing. „Das ist wieder ein Strich durch die Rechnung — also auf’s Neue verheirathet. Welches Interesse wird jetzt der neue Mann an dem alten Schwager nehmen, und wenn ich ihr nun auch meine ganze verzweifelte Lage vorstelle, da — speist mich der Herr Gemahl vielleicht aus verwandtschaftlichen Rücksichten mit fünf oder zehn Thalern ab, und meine letzte Hoffnung ist mir zu Grunde gerichtet.“

„Und meine arme Frau?“ fuhr er nach einer langen Pause fort, indem er, die Stirn an das Fensterkreuz gelehnt, durch die Scheiben auf die Dächer hinausstarrte. „Seit fünf Vierteljahren sitzt die jetzt in Breslau, während ich in der Welt herumfahre und Brot für uns Beide suche, wo ich mich selber kaum am Leben erhalten kann. — Eine verfluchte Einrichtung in der Welt, daß die eben Alles haben, die nichts brauchen, und die Alles brauchen, welche nichts haben. Hol’ der Teufel dieses socialistische System — wenn ich nur auf eine glückliche Idee fallen könnte, das Herz meiner unbekannten Schwägerin zu erweichen.“

Er warf sich mit diesen Worten in einen Lehnstuhl, das rechte Bein über das linke, stützte den Kopf in die Hand und starrte finster brütend auf die ihm gegenüber befindliche Wand. Sein Blick fiel dort auf ein Oelgemälde, das Brustbild eines Mannes, ohne aber im Anfang das Bild desselben in sich aufzunehmen. Nur wie in’s Leere starrte er wohl eine volle Viertelstunde darauf hin, bis das Portrait allmählich Farbe und Gestalt annahm, und seine eigenen Gedanken wieder zu seiner nächsten Umgebung zurückkehrten.

Das Bild stellte einen Herrn in einem blauen Frack mit blanken Knöpfen dar, der eine etwas steife Cravatte, einen aufgedrehten Schnurr- und kurzen Backenbart trug. Mit besonderer Sorgfalt war aber vorzüglich die gestickte Weste und die goldene Uhrkette gemalt, und die rechte Hand auch, etwas gewaltsam heraufgebracht, möglicher Weise um einen sehr schönen und großen Siegelring daran zu zeigen. Es war in der That kein großes Kunstwerk, aber eines von jenen Bildern, denen man trotz einer sehr mittelmäßigen Auffassung, ansieht, daß sie eine gewisse Aehnlichkeit haben.

Des Fremden Gedanken schienen sich aber doch nicht lange auf einen Punkt fesseln zu lassen. Er sprang auf und ging eine Weile mit untergeschlagenen Armen im Zimmer auf und ab — und dennoch fiel sein Blick immer wieder auf das Bild, das ihn anfing zu geniren. Es hatte eine Aehnlichkeit mit Jemandem, den er kannte, und er konnte nicht heraus bekommen mit wem. Es ist das gerade so, als ob wir uns auf einen bekannten Namen besinnen wollen und können nicht darauf kommen; was im Stande ist, einen Menschen den ganzen Tag zu quälen. Aber das Grübeln half nichts; die Gedanken peinigten ihn, und er beschloß, einen Spaziergang durch die Stadt zu machen. Eben trat er aus seinem Zimmer, als Herr Louis vorbeiging.

„Wollen eine kleine Promenade machen?“ sagte er verbindlich.

„Ja,“ lautete die etwas zerstreute Antwort, „aber — apropos, Oberkellner, wen stellt denn das Bild da drinnen vor?“

„Das Bild? Welches meinen Sie?“

Der Fremde schloß statt aller Antwort das Zimmer wieder auf und deutete auf das über der Commode hängende Oelgemälde.

„Ah, das!“ sagte Herr Louis, indem er sich im Zimmer umsah, „das ist eben der verschollene Herr Müller, der frühere Mann unserer Frau. Soll sehr ähnlich gewesen sein.“

„In der That?“ rief der Fremde, und wäre Herr Louis jetzt nicht selber in dem Anschauen des Bildes vertieft gewesen, so hätte ihm nicht entgehen können, daß diese Nachricht einen eigenthümlichen Eindruck auf den Gast machte. „Aber wie kommt das Bild des Wirths hier in ein Gastzimmer?“ fragte dieser endlich nach einer Pause.

„Dies Zimmer,“ sagte Herr Louis, „ist erst seit ein paar Tagen mit zu dem Hotel genommen; früher war es privat, und da Madame verreiste, blieben die Bilder noch vor der Hand hängen.“

„Und ihr jetziger Mann ist zu Haus?“ fragte der Fremde.

„Ihr jetziger Mann?“ sagte Herr Louis, der im ersten Moment ganz seine Lüge vergaß, „ja so — Sie meinen den jetzigen Herrn Müller. Nein — der ist auch verreist — eine Geschäftsreise nach Bordeaux, um Wein zu kaufen, wird aber auch in den nächsten Tagen zurückerwartet.“

„So?“ sagte der Fremde rasch, und schien merkwürdiger Weise ganz vergessen zu haben, daß er hatte ausgehen wollen, denn er setzte sich wieder in den Lehnstuhl und stellte den Hut neben sich. Dort blieb er auch sitzen, als Herr Louis schon lange das Zimmer verlassen hatte, zündete nicht einmal ein Licht an, und ging erst etwa gegen zehn Uhr in das Gastzimmer hinunter, um sein Abendbrot zu verzehren.

Es mochte halb elf Uhr sein, als er damit fertig war (die sämmtlichen Gäste hatten den Wirthsraum schon verlassen) und noch eine zweite Flasche Wein bestellte. Er begann diese, langsam an seinem Glase nippend — der Unterkellner lehnte mit verbundenem Gesicht zwischen dem Büffet und der Thür und schlief, die Serviette fest unter den linken Arm geklemmt, und Herr Louis stand an seinem Pult, notirte eben die zweite Flasche und erwog in seinen Gedanken, ob der Reisesack da oben auf Nr. 36 so viel werth sein möchte, wie die auflaufende Rechnung. Nebenbei überlegte er aber auch noch, weshalb der Fremde so überrascht gewesen sei, als er gehört habe, daß jener mythische zweite Herr Müller vereist sei, denn das hatte ihm doch nicht entgehen können.

„Herr Oberkellner!“

„Befehlen?“

„Bitte — trinken Sie nicht ein Glas Wein mit? Es schmeckt besser zu Zweien.“

Herr Louis machte nur eine der Einladung entsprechende Bewegung, nahm sich ein Glas vom Büffet, versetzte dabei dem jungen Burschen einen leisen Knuff, denn die Gelegenheit war zu günstig, und nahm dann neben dem Gast Platz. Bei einem Glase Wein ließ sich doch am Ende herausbekommen, was er eigentlich beabsichtige. Aber auch hierin sah er sich getäuscht, denn der Fremde schien sich auffallender Weise viel mehr für den todten, wie für den lebendigen Herrn Müller zu interessiren, und da Herr Louis recht gut wußte, daß es kein besseres Mittel gab — wenn alle anderen fehlschlugen — um Jemanden zum Erzählen zu bringen, als wenn man selbst damit beginnt, so theilte der Oberkellner jetzt dem Fremden Alles mit, was er selber über den „Seligen“ wußte.

„Er war vier oder fünf Jahre mit >der Frau< verheirathet gewesen,“ begann Herr Louis seine Erzählung, „und, wie Alle behaupten, sehr glücklich. Dann kam die unselige Reise. Der Dampfer scheiterte, von einem heftigen Sturme verschlagen, auf den Goodwinsands, und nur ein Theil der Mannschaft und Passagiere wurde gerettet. Doch das Alles hatte ja damals in den Zeitungen gestanden und war bekannt, nur Eines schien auch dem Fremden neu, daß nach mehreren Monaten nämlich noch ein paar Leute von eben demselben Schiff auftauchten, die man damals für mit verunglückt gehalten hatte. Diese waren nämlich in der Nacht von einem amerikanischen Schiff aufgefischt worden und mit nach New-York genommen, und sagten auch aus, daß noch ein anderer Schooner ebenfalls an der Stelle gehalten habe und beigedreht wäre — ob er es aber ermöglichte, noch Jemanden zu retten, wüßten sie natürlich nicht, und eine ganze Zeit lang sei dann das Gerücht gegangen, der „selige Herr Müller“ lebe noch, wäre in New-Orleans gelandet und würde mit dem nächsten Schiff zurückkehren. Aber es mußte doch nur ein bloßes Gerücht gewesen sein, denn Jahr nach Jahr verging und Herr Müller kam nicht wieder. Er war jedenfalls in jener Unglücksnacht mit der Mehrzahl der Passagiere zu Grund gegangen.“

Während Herr Louis das erzählte, hatte der Fremde den letzten Rest der Flasche geleert und machte Miene, aufzustehen. Damit war aber dem Oberkellner nicht gedient, der entweder selber heut Abend Appetit zu einem Glas Wein hatte, oder dabei noch etwas aus dem schweigsamen Mann herauszupressen suchte. Vor allen Dingen schickte er den Jungen zu Bett, holte dann selber noch eine Flasche Chateau Margaux herbei und wollte sich eben wieder an den Tisch setzen, als draußen auf der Treppe ein furchtbares Gepolter laut wurde. Aber es war nur der Unterkellner mit dem dicken Backen gewesen, der im Schlaf die Treppe herunterfiel. Unten raffte er sich wieder auf und erneute den Versuch, in sein Bett hinauf zu kommen, während Herr Louis dem Gast erzählte, was er für eine Noth mit dem Jungen habe.

Der sonst so schweigsame Gast thaute aber bei der dritten Flasche ordentlich auf, und fing an, Anekdoten, besonders aus dem Theaterleben, zu erzählen, daß sich Herr Louis vor Lachen ordentlich ausschütten wollte. Bei jeder Anekdote fiel aber Herrn Louis ebenfalls eine entsprechende — wenn auch aus einem anderen Wirkungskreis — ein, und es war zwei Uhr Morgens, ehe sich die beiden würdigen Leute, und zwar als die besten Freunde trennten. Von den früheren Verhältnissen des Trinkcumpans hatte Herr Louis aber eben so wenig zu hören bekommen, wie er vorher gewußt — trotz der fünf Flaschen Rothwein, die sie nach und nach mit einander ausgetrunken; und als Herr Louis zu Bett schwankte, ging der Fremde mit festen Schritten in sein Zimmer hinauf und wanderte dort wohl noch eine volle Stunde mit untergeschlagenen Armen auf und ab. Er konnte jedenfalls mehr vertragen als der Oberkellner.

Herr Louis erwachte am nächsten Morgen mit Kopfschmerzen und außerdem noch mit einem unbestimmten Gefühl, daß er in dieser Nacht sehr fidel gewesen und der Fremde ein „famoser Bursche“ sei. Zwei Sachen drückten ihn aber dabei, und er hatte eine dunkle Ahnung, daß er sich mit ihm Du genannt und wußte nicht recht genau, ob er ein Vielliebchen mit ihm gegessen habe oder nicht. Aber er bezweifelte Beides wieder, als der Fremde zum Kaffee herunter kam und ihn sehr artig und förmlich „Herr Oberkellner“ nannte. Nachher ging er wieder hinauf auf sein Zimmer.

So verging der Tag und es neigte sich schon gegen Abend, als draußen vor der Küche ein kleines Intermezzo spielte. Lieschen nämlich, so kalt und gefühllos sie auch gegen die Aufmerksamkeiten des oft schwachen Herrn Louis blieb, und so schnippische Antworten sie seinen gewähltesten Redensarten entgegensetzte, besaß doch ein zartfühlendes Herz, das, wie das so oft in der Welt geschieht, einem Paar rothen Aufschlägen und überhaupt dem zweifarbigen Tuch nicht hatte widerstehen können. Der Sergeant Meier schien es mit Sturm erobert zu haben, und da sich die beiden jungen Leute bis dahin noch keinen eigenen Herd gründen konnten, begnügten sie sich vor der Hand mit dem des Hotel Müller; d. h. Lieschen steckte dem Geliebten, wo das nur immer verstohlen anging, aufgesparte Leckerbissen zu, und Sergeant Meier zehrte dann später in seiner eigenen Klause an diesen und seiner Liebe zu Elisabeth.

Die Abendstunde war dabei, als die passendste für derlei Ueberlieferungen, ausersehen worden, und die Sache schon eine lange Weile gut gegangen und unentdeckt geblieben. Heute wollte es aber Lieschen’s böser Stern, daß Herr Louis gerade in dem unseligen Augenblick den in die Küche führenden Gang betrat, als Sergeant Meier eben seinen Deputat-Topf unter den Mantel schob. Nach dieser Begegnung schien er aber ein längeres Zögern für unnöthig zu halten, grüßte den verdutzten Oberkellner steif und militärisch mit der Hand an der Mütze, machte rechtsumkehrt und verschwand durch die nächste Thür, während Lieschen in aller Verlegenheit über die Entdeckung nicht gleich wußte, ob sie sich ebenfalls entfernen oder bleiben sollte.

„So?“ machte aber Herr Louis, der seine Sprache wieder erlangte, als der handfeste Sergeant verschwunden war, ihren Zweifeln ein Ende; „das sind mir ja schöne Geschichten! Also das Essen schicken wir aus dem Haus, mischen uns in die Militärfrage, haben einen Sergeanten zum Liebsten und benutzen das Hotel Müller zu einer Speiseanstalt für verwahrloste Krieger?“

„Aber bester Herr Louis!“

„O ja, jetzt heißt es bester Herr Louis,“ fuhr aber der gereizte Oberkellner fort, indem er seine rechte Chausseeseite mit Gewalt zum Aufsträuben brachte „und sonst kann man kaum einen freundlichen guten Morgen über die Lippen bringen! Fräulein Lieschen — ich bedaure, diese Entdeckung gemacht zu haben.“

„Aber bester Herr Louis,“ fuhr das arme Mädchen fort, denn sie fürchtete jetzt nichts mehr, als daß es der beleidigte Oberkellner ‚der Frau‘ sagen würde, — „es war ja wirklich nur das erstemal und soll nie, nie wieder geschehen. — Ich hatte mir ja doch auch nur mein eigenes Abendbrot aufgehoben, weil ich gestern Abend nichts essen konnte.“

„Ihr eigenes Abendbrot, so?“ bemerkte aber Herr Louis spöttisch, „und das war wohl kein Truthahnbein, was aus dem Topf herausguckte?“

„Nichts wie ein Carbonadenknochen — wirklich, Sie können mir es glauben — und an dem überdies nur noch das halbe Fleisch!“ betheuerte das Mädchen. „Seien Sie doch nicht so häßlich; ich thue Ihnen ja auch Alles zu Gefallen, was ich nur kann.“

„Ja wohl,“ bemerkte Herr Louis, „nicht einmal ein Vielliebchen wollten Sie mit mir essen.“

„Ach, ich hatte in dem Augenblick gerade so viel zu thun. Warum sollte ich denn kein Vielliebchen mit Ihnen essen wollen; da ist doch gar nichts dabei. Wenn Ihnen das Freude macht, mit Vergnügen.“

Herrn Louis’ Herz schmolz. Selbst der Sergeant schwand in dem Augenblick in ein Atom zusammen. Während er noch unwillkührlich, wie ein dumpf nachgrollendes Gewitter, mit der linken Hand durch die entsprechende Chausseeseite fuhr, suchte die rechte schon in der Seite der Jackentasche ein paar gefangen gehaltene Knackmandeln, und mit den versöhnenden Worten: „Nehmen Sie sich nur um Gottes Willen in Acht, daß Ihnen die Frau nicht einmal bei einer solchen Militärversorgung in den Weg läuft,“ brach er die Mandel auf und reichte Lieschen die eine Hälfte des Zwillingspaares.

„Aber passen Sie auf, Herr Louis, ich gewinne es Ihnen ab.“

„Darauf riskir ich’s!“ versicherte der Oberkellner, indem er seine Hälfte auf den Kopf biß.

„Aber unten in der Wirthsstube gilt es nicht, Herr Louis,“ verwahrte sich Lieschen, „denn wo man seinen Dienst hat, kann man nicht an solche Sachen denken.“

„Topp,“ versicherte Herr Louis, äußerst coulant in allen solchen Bewilligungen, wo er erst einmal Jemanden fest in seinem Netz hatte.

„Frau Müller nicht zu Haus?“ sagte in diesem Augenblick eine Stimme, nach der sie sich etwas überrascht umsahen. Sie gehörte auch einer noch nicht alten Dame oder Frau — Herr Louis wußte nicht gleich, zu was er sie rechnen sollte, — die gerade durch die offene Hausthür trat und einen einfachen braunen Hut auf, und einen Shawl umhängen hatte.

„Nein — verreist,“ sagte er übrigens kurz, denn er wünschte in diesem Augenblick nicht gestört zu werden.

„Und wann kommt sie zurück?“ fragte die Fremde artig.

„Heute — Zeit unbestimmt.“ Damit wandte sich Herr Louis ab und wollte Lieschen eben noch eine Bemerkung mittheilen, als ihn eine andere Stimme ganz unerwarteter Weise an seine Pflicht mahnte.

„Nun, Louis — hören Sie denn nicht wie drinnen geklingelt wird? Was habt Ihr Beiden denn hier draußen zu stehen und zu schwatzen? Man darf doch nur den Rücken wenden — und es geht Alles drunter und drüber — Sie mein’ ich, Herr Oberkellner! Haben Sie mich verstanden?“

Herr Louis mußte es verstanden haben, denn die Aufforderung war gar nicht falsch zu verstehen, er selber aber über das plötzliche und unverhoffte Erscheinen der Frau, wie über die barsche Anrede — noch dazu vor dem Stubenmädchen — so verdutzt geworden, daß er im ersten Moment wie vor den Kopf geschlagen dastand. Die letzten Worte aber brachten ihn wieder zu sich selber.

„Bitte um Verzeihung, Madame,“ sagte er würdevoll, „wurde eben herausgerufen, da die Frau da —“ und er zeigte mit dem Daumen über die Achsel nach der Fremden, „Sie zu sprechen verlangte; Ich versäume nie meine Pflicht,“ und mit einer leichten, aber stolzen Verbeugung schwenkte er rechts ab und in die Wirthsstube hinein. Lieschen hatte schon den vorhergegangenen Moment benutzt, um in die Küche zu fahren und der Frau außer Sicht zu kommen.

Die Wirthin hatte sich indessen nach der Fremden umgesehen, der es natürlich nicht entgehen konnte, wen sie hier vor sich hatte. Mit einem leichten Gruß überreichte sie ihr auch, ohne weitere Worte, einen schon bereit gehaltenen Brief, den Frau Müller öffnete, flüchtig übersah, und dann die vor ihr Stehende von Kopf bis zu Füßen, musternd, etwas freundlicher als bisher, sagte:

„Kommen Sie mit hinauf auf mein Zimmer. Was wir mit einander zu reden haben, können wir doch nicht hier auf der Hausflur abmachen.“

Frau Müller war in der That noch eine rüstige, selbst hübsche Frau von stattlichem Aeußern, nur mit einem sehr entschiedenen fast männlichen Benehmen, wie es freilich ihre lange selbstständige und unabhängige Stellung mit sich gebracht, und die Fremde schien sich beim ersten Begegnen gedrückt davon zu fühlen. Das verlor sich aber bald, oder milderte sich wenigstens bei einer längeren Unterhaltung, die das Interesse Beider in Anspruch nahm.

Frau Müller suchte nämlich eine Wirthschafterin, und die eben eingetroffene Frau brachte ihr einen Empfehlungsbrief von einer Freundin, in dem sie ihr das beste Zeugniß gab und ihr Engagement warm befürwortete. Die Frau hatte oben im Zimmer, als sie nur eben Hut und Tuch abgelegt, den Brief noch einmal aufmerksam durchlesen und sagte dann, sich schon mit einem viel freundlicheren Gesicht zu der Fremden wendend:

„Also Sie haben Lust bei mir die Wirthschaft zu führen und glauben derselben vorstehen zu können? — Aber bitte, setzen Sie sich doch — Sie sind mir hier durch Frau Ludloff warm empfohlen worden.“

„Ich habe wenigstens den besten Willen,“ sagte die Fremde schüchtern, indem sie der Einladung Folge leistete.

„Und Ihr Name ist? — meine Freundin nennt Sie hier in dem Brief nur bei Ihrem Vornamen, Therese.“

„Wie der Ihrige — Müller!“

„Der Name ist allerdings ziemlich allgemein. Sie waren verheirathet?“

„Ich bin es noch,“ seufzte die Fremde, „aber mein Mann verließ mich vor fünfzehn Monaten schon, um irgendwo eine Beschäftigung für sich — eine Heimath für uns zu suchen und — kehrte nicht zurück — schrieb auch nicht, und ich kann jetzt nicht anders glauben, als daß ihn irgendwo ein Unglück betroffen hat. Bis jetzt ernährte ich mich auch mit weiblichen Arbeiten, denn Vermögen besaßen wir nicht — aber diese werden ja zu ärmlich bezahlt; meine Augen verhinderten mich außerdem, Abends bei Licht zu arbeiten, und ich sah bald, daß ich mich damit nicht am Leben erhalten konnte. Da rieth mir Frau Ludloff, die mich viel beschäftigt und sich stets sehr freundlich gezeigt hatte, mich an Sie zu wenden, und da sie selber glaubte, ich würde diese Stelle zu Ihrer Zufriedenheit ausfüllen können, so — wagte ich es, mich Ihnen vorzustellen. Wollen Sie einen Versuch mit mir machen, so werde ich gewiß Alles thun, was in meinen Kräften steht, mir Ihre Zufriedenheit zu erwerben.“

Ein eigener schmerzlicher Zug hatte sich über das Antlitz der Wirthin gelegt, als sie dem einfachen und doch so wehmüthigen Bericht der Fremden lauschte; schilderte diese doch auch einen Theil ihrer eigenen Geschichte, wenn sie selber auch nie mit Nahrungssorgen zu kämpfen gehabt. Aber sie wußte dafür um so besser, wie weh es thut, den Gatten zu verlieren und dann noch Monate — Jahre lang zu zweifeln, ob er wirklich verloren sei — zu hoffen, daß er wiederkehre, und dann seine Hoffnung immer und immer wieder getäuscht zu sehen. — Und was mußte die arme Frau Alles durchgemacht haben, die da still und in ihr Geschick ergeben vor ihr saß und sich ihren Weg durch dieses Leben allein und freundlos nun erkämpfen mußte. — Sie fühlte tiefes Mitleiden mit ihr und beschloß, sie jedenfalls anzustellen. Zeigte sie sich dann auch nicht gleich in allem Anfang recht geschickt für ihren neuen Dienst, so ließ sich ja Alles lernen, wenn man nur ein wenig Geduld mit ihr hatte.

„Und haben Sie lange in Breslau gelebt?“ fragte sie endlich, um in ihrer Entscheidung nicht zu rasch und voreilig zu scheinen.

„Nur zwei Jahre,“ lautete die Antwort, „mein Mann war früher Reisender; als wir uns aber verheiratheten, gab er das auf, um ein eigenes kleines Geschäft in Hamburg zu gründen. Wir hatten jedoch Unglück; ein Brand zerstörte Alles, was wir besaßen, ohne daß ein Stück versichert gewesen, und — wie das so geht,“ setzte sie zögernd hinzu, „ein Unglück kam zum anderen, bis es uns endlich — gänzlich ruinirte.“

„Wie hieß Ihr Mann mit Vornamen?“ fragte da die Wirthin, die bei dem letzten Bericht aufmerksam geworden war.

„Ferdinand,“ lautete die Antwort.

„Aus Danzig gebürtig?“

„Haben Sie ihn gekannt?“ fragte die Fremde erstaunt, „er war allerdings in Danzig zu Haus.“

„Ihn nicht,“ seufzte die Wirthin und schüttelte traurig mit dem Kopf, „aber hat er Ihnen nie erzählt, daß er einen Bruder gehabt?“

„Allerdings; doch wie es scheint, haben sich die beiden Brüder nie recht mit einander vertragen können; wenigstens keinen Verkehr mitsammen gehabt.“

„Weil —“ wollte ihr die Wirthin rasch erwidern; aber noch ehe sie weiter sprach, fiel ihr ein, daß sie der armen Frau mit ihrer Antwort wehe thun müßte; sie brach deshalb kurz und freundlich ab, „aber das sind Sachen, die uns jetzt zu fern liegen und der Vergangenheit angehören; nur daran haben wir uns noch zu halten, daß wir eigentlich Verwandte, und zwar ganz nahe Verwandte sind.“

„Wir Beide?“ rief die Fremde erstaunt.

„Allerdings,“ sagte die Wirthin; „unsere Männer waren Brüder, und oft habe ich den meinigen von seinem Bruder Ferdinand sprechen hören.“

„Du großer Gott!“ seufzte die Fremde — aber wie es schien, mehr erschreckt als erfreut, „davon hatte ich freilich keine Ahnung, und was müssen Sie jetzt von mir denken, daß ich mich da gerade in meiner bedrängten Lage an Sie gewandt.“

„Lassen Sie sich das um Gottes Willen keine Sorge machen,“ sagte die Wirthin gutmüthig. „Erstlich thaten Sie es unbewußt, und dann verlangen Sie ja auch von mir gar keine Unterstützung. Sie bieten mir Ihre Arbeit gegen einen entsprechenden Gehalt, und die Verwandtschaft soll da wahrlich kein Hinderniß sein — wenn Sie selber sich nicht gedrückt dadurch fühlen. Aber da thäten Sie großes Unrecht,“ setzte sie fast herzlich hinzu, „denn ich hoffe, daß wir uns recht gut mit einander vertragen werden. Keine weitere Einrede, Frau Therese,“ lachte sie, „denn den Namen Müller müssen wir bei Seite lassen, sonst gäbe es nichts als Verwirrung im Haus; und jetzt kommen Sie mit mir, daß ich Ihnen gleich Ihr Zimmer anweisen und einen kurzen Ueberblick über Ihre Pflichten geben kann, alles Uebrige machen wir dann später in Ruhe ab, wenn Sie erst einmal bei mir eingezogen sind.“

Sie ließ auch in der That keine Einrede gelten, führte die Schwägerin selber hinüber in das für sie bestimmte freundliche Gemach, ließ ihre Sachen aus dem Gasthaus holen, in dem sie abgestiegen war, und versprach ihr dann, die ersten Tage mit ihr Alles gemeinschaftlich zu besorgen, damit sie sich erst in das Haus eingewöhne, nachher würde es nicht die geringste Schwierigkeit haben, wenn sie es allein besorgen sollte. Sie erzählte ihr dabei, daß sie allerdings die Absicht gehabt habe, die ganze Wirthschaft zu verpachten und sich vollständig von allen Geschäften zurückzuziehen, denn eigentlich gehöre zur richtigen Führung eines solchen Anwesens ein Mann, und da sie nicht wieder zu heirathen gedenke, wäre sie doch gezwungen, es mit der Zeit aufzugeben. Bis sie aber Jemanden gefunden habe, der ihr auch wirklich convenire, wolle sie es doch lieber selber fortführen, denn einmal habe sie es von ihren Eltern überkommen, und dann auch werfe es wirklich einen zu guten Nutzen ab, um es eben unnöthiger Weise und aus freien Stücken aufzugeben.

Das besorgt, ging sie wieder in ihr Zimmer hinüber und ließ Herrn Louis zu sich heraufrufen, der aber dem Befehl nicht eher Folge leistete, bis er sich in seiner eigenen Kammer davon überzeugt hatte, daß sein Chemisette tadellos sei und sein Toupet nichts zu wünschen übrig lasse. Dann meldete er sich bei der Frau.

„Louis,“ redete ihn diese an, ohne seine Toilette auch nur eines Blickes zu würdigen, denn sie war gerade mit der Durchsicht einiger Papiere beschäftigt; „ich habe heute eine Wirthschafterin in’s Haus genommen, die an meiner Statt die Leitung des Hotels übernimmt, und deren Anordnungen Sie in jeder Weise folgen werden. Haben Sie mich verstanden?“

„Madame!“ sagte Louis, durch diese Eröffnung nicht unerheblich bestürzt, denn diese Wendung lief seinen eigenen Hoffnungen und Wünschen schnurstracks entgegen.

„Nun?“ sagte diese und wandte den Kopf nach ihm um, „haben Sie vielleicht etwas dagegen einzuwenden?“

„Ich?“ rief Herr Louis erschreckt, „bitte, Madame — wie kommen Sie darauf. Ich — ich hatte nur gehofft —“

„Was?“

„Daß ich — daß ich selber vielleicht im Stande sein würde —“

„Im Stande? Was? So reden Sie doch deutlich heraus, und machen Sie dann, daß Sie wieder hinunter auf Ihren Posten kommen. Was hatten Sie gehofft?“

„Daß ich selber im Stande sein würde, Ihr Vertrauen so weit zu rechtfertigen,“ brach jetzt Herr Louis mit einem verzweifelten Entschluß aus, „mir die Leitung Ihres Hauses anzuvertrauen, denn eine Dame —“ er stak wieder fest.

„Ihnen? So?“ sagte die Frau und wandte sich gegen ihn um, „und nicht einmal den Rücken kann man wenden, ohne daß Sie hinter dem Lieschen her sind und ihr mit Ihren Albernheiten keine Ruhe lassen.“

„Aber Madame —“

„Ich weiß Alles,“ unterbrach ihn aber die Frau. „Mit Ihrem dummen Vielliebchenessen, mit dem Sie Gott und die Welt quälen und mir jeden Monat beim Kaufmann eine Rechnung von ein paar Thalern für Knackmandeln auflaufen lassen — Und das Lieschen —“

„Aber Madame!“ rief jetzt Herr Louis noch einmal, denn die Beschuldigung mit dem Stubenmädchen traf ihn um so tiefer, weil sie nicht ganz unbegründet war, „glauben Sie denn wirklich, daß ich mich so wegwerfen würde, um mit der Mamsell ein Verhältniß anzuknüpfen? Nein, ich habe größeren Ehrgeiz, denn, die Knackmandeln ganz abgerechnet, die nun einmal bei einem anständigen Dessert nicht fehlen dürfen, trage ich die Ueberzeugung in mir, daß ich dem ersten Hotel der Welt würdig vorstehen könnte, und wenn ich bis jetzt alle die mir gemachten brillanten Anerbietungen von der Hand wies — wenn ich bis jetzt —“ und sein Auge haftete mit leidenschaftlicher Gluth auf der Wittwe, während er fast unwillkürlich mit dem rechten Fuß ausschritt und die rechte, etwas große und rothe Hand mit weit ausgespreizten Fingern gegen sie streckte, „selbst meinem Herzen einen unnatürlichen Zwang auflegte und da schwieg, wo meine ganze Seele —“ er stak fest, denn die Frau hatte sich ganz erstaunt nach ihm herumgedreht und ihr Blick brachte ihn vollständig aus dem Concept.

Wohl hatte er sich diese Rede, gerade den günstigen Zeitpunkt geduldig abwartend, oft und oft in seiner eigenen Stube und vor dem kleinen schmalen Spiegel einstudirt, aber dabei natürlich nur immer in sein eigenes unwiderstehliches Gesicht geschaut. Jetzt fand er sich aber der Wittwe selber gegenüber, und der Ausdruck ihrer Züge war dabei ein so wenig ermunternder, daß er den Faden vollständig verlor und gerade im entscheidenden Moment, wie schon erwähnt, gründlich stecken blieb.

„Sagen Sie mal, Louis,“ nahm da für ihn die Frau das Wort, seine poetische Rede mit einer höchst prosaischen Wendung unterbrechend, „Sie haben wohl heute zu Ihren Knackmandeln Rothwein getrunken? — oder sind Sie übergeschnappt? In beiden Fällen bleibt mir weder Zeit noch Lust, Ihren Unsinn anzuhören; haben Sie deshalb die Güte, sich wieder hinunter zu bemühen und Ihren Geschäften nachzugehen — wenn Sie es nicht vielleicht vorziehen sollten, sich in’s Bett zu legen. — Schon gut — Sie sehen, daß ich zu thun habe. Die neue Wirthschafterin heißt Frau Therese, und daß ich von ihr keine Klagen über Sie höre wie die bisherigen, — sonst müßte ich Sie Ihren übrigen brillanten Anerbietungen überlassen. Jetzt machen Sie, daß Sie hinunterkommen.“

Dieser letzte Befehl war zu deutlich, als daß er noch eine fernere Zögerung gestattet hätte, und Herr Louis, aus all’ seinen Himmeln gestürzt, und in einer Stimmung, in der er eine Welt hätte vergiften können, mußte wieder hinunter in das Gastzimmer und mit der Serviette unter dem Arm die Gäste fragen, ob sie zu ihrem Beefsteak Kartoffeln oder Salat wünschten.