Mariens Geburtstag.

Am nächsten Morgen, als einem Sonntag, mit Sonnenaufgang, wo die Frauen allerdings schon im Haus beschäftigt, aber noch nicht sichtbar waren, machte Hopfgarten einen kleinen Spatziergang allein in den Wald, seinen eigenen Gedanken wieder einmal ungestört nachhängen zu können, als er Jemanden Holz hauen hörte und den jungen Donner fand, ein paar Hickoryäste für das Kaminfeuer in Lobensteins Haus zu schlagen.

Hopfgarten hatte den jungen Mann von allen Zwischendecks-Passagieren immer am liebsten leiden mögen, und sein jetziges ganzes Benehmen bestätigte ihm die gute Meinung, die er früher von ihm bekommen, nur noch mehr.

»Nun, lieber Donner,« sagte er, sich ihm gegenüber auf einen von ihm gefällten Baum setzend, »wie ist es Ihnen die Zeit über gegangen? — wir haben noch nicht einmal ein vernünftiges Wort mitsammen reden können und — ich möchte doch Manches von Ihnen erfragen.«

»Gut, Herr von Hopfgarten,« sagte der junge Mann, sich lachend auf seine Axt stützend und zu dem früheren Reisegefährten hinüberschauend, — »gut, wenn auch manchmal ein wenig bunt. Das Amerika ist ein wunderliches Land, und wer da 'nicht mitschiebt, wird geschoben'.«

»Allerdings, allerdings,« lächelte Hopfgarten, »also Sie haben mitgeschoben?«

»Aus Leibeskräften,« lachte Georg. »Zuerst, nur um mein Brod zu verdienen, wurde ich Feuermann auf einem Dampfboot — ein Hundeleben, bei Gott, aber doch ein Leben, bei dem ich wenigstens dreißig Dollar den Monat verdiente, eben keine Ausgaben weiter hatte, und ein tüchtiges Stück von Amerikanischem Leben und Treiben, wie von dem Lande selbst zu sehn bekam. Auf die Länge der Zeit griff es aber doch meinen Körper zu sehr an, und um nicht etwa gar krank zu werden, gab ich es auf und wurde Holzschläger am Mississippi, wo ich nicht ganz so viel verdiente, denn ich bekam 75 Cent für die Klafter aufzusetzen, und mußte die Woche noch einen Dollar Kost für Speck und Brod zahlen. Aber auch hier trieb mich das Sumpffieber, das hier sogenannte ague oder kalte Fieber fort, und ich fuhr, dem vor allen Dingen einmal gründlich aus dem Weg zu gehn, nach Norden hinauf. Vorher wollte ich es allerdings noch erst einmal mit der Jagd versuchen, denn allerlei romantische Beschreibungen, die ich darüber gelesen, hatten den Amerikanischen Wald für mich mit einem gewissen Zauber übergossen, dem ich doch nicht ganz widerstehen konnte. Ich bin aber von je her viel zu wenig Jäger gewesen, allein in der Jagd selber auch meinen ganzen Lohn für alle die entsetzlichen Strapatzen und Beschwerden zu finden, wie ich sie da ertragen mußte; Nutzen war auch nicht daraus zu ziehen, denn wo es wirklich Wild gab, wie mir das schon früher ein Freund bestätigt, bekam man Nichts dafür, und wo ich Wildpret und Haut hätte gut verkaufen können, war ich nicht im Stande genug zu schießen, mich nur am Leben und in Kleidung zu halten. Hier eben angelangt, arbeitete ich dann ein paar Monate bei einem Amerikaner auf einer Farm, machte dabei eine sehr glückliche Kur an seiner Frau, und wäre auch dort so leicht nicht fortgegangen, wenn nicht der Mann selber, mit seinem Pferd stürzend, den Hals gebrochen hätte, wonach die Frau die Farm verkaufte, und zu ihren Verwandten nach New-York zurückging.«

»Das war etwa funfzehn Miles weiter den Ohio hinab, und dort hörte ich denn auch in jener Zeit, daß Professor Lobenstein mit seiner Familie sich hier niedergelassen, eine ziemlich bedeutende Farm gekauft habe und viel deutsche Arbeiter beschäftige. Lobensteins hatten sich an Bord immer schon so hübsch benommen,« setzte er nach einigem Zögern hinzu, »daß ich beschloß, ihnen meine Dienste anzubieten und — da bin ich.«

»Aber warum um Gottes Willen folgen Sie nicht lieber Ihrem Beruf, in dem ich Ihnen vollkommen genügende Geschicklichkeit zutraue recht Gutes zu leisten?« rief Hopfgarten; »Sie wollen doch nicht Bauer bleiben Ihr Lebelang?«

»Und warum nicht?« sagte Georg, nach einigem Zögern — »habe ich doch dabei zuerst die Hoffnung selbstständig werden zu können.«

»Weshalb prakticiren Sie nicht?«

»Aufrichtig gestanden,« rief der junge Mann, »weil ich den Muth nicht dazu habe. Jeder hergelaufene Arzt, er mag seine Sache verstehn oder nicht, jeder Chirurg, der daheim Nichts anderes betrieben als Aderlassen und Schröpfen, jeder wandernde Krämer selbst, der sich für ein paar Dollar Pulver und Pillen in seinen Kasten gepackt, wird hier zum Arzt, verschafft sich auch wohl, wenn es Noth thut ein Diplom, und kurirt, unüberwacht, unbestraft darauf los nach Herzenslust. Das Publicum ist nicht mehr im Stande den guten von dem schlechten Arzt zu unterscheiden, und wendet sich dem zu, der den meisten Spektakel von sich macht oder machen läßt. Die Marktschreierei ist deshalb hier auch wirklich auf ihren Gipfelpunkt gestiegen, und man braucht nur die Anzeigen in den verschiedenen Tagesblättern zu lesen, um einen völligen Ekel davor zu bekommen. Ich selber passe nicht dazu, mich zwischen das Gesindel zu mengen, ich habe nicht — Selbstvertrauen genug und will lieber den sicherern, einfacherern Weg einschlagen, mir erst ein kleines Eigenthum zu gründen. Kann ich es dann später damit vereinigen, an dem Ort wo ich mich niedergelassen, und zu dem ich jedenfalls einen gut besiedelten Platz wählen würde, auch vielleicht zu prakticiren, desto besser, geht das nicht, dann weiß ich, daß ich als Farmer nicht allein durch, sondern mit Fleiß und nur etwas Glück auch vorwärts komme, und das genügt mir.«

»Bravo!« sagte Hopfgarten, freundlich mit dem Kopfe nickend — »recht brav — Sie werden auch schon durchkommen, lieber Donner, dafür ist mir nicht bange — wenn ich nur mit allen anderen Leuten so sicher wäre — « setzte er nach einer kleinen Pause recht tief aufseufzend und vor sich niedersehend hinzu.

Donner schwieg ebenfalls kurze Zeit und begann wieder langsam an dem Holz zu schlagen, das vor ihm lag, hieb dann die Axt in den Stamm, und sah Hopfgarten forschend an.

»Sie meinen den Professor,« sagte er endlich.

Hofgarten erwiederte Nichts darauf, nickte aber schweigend mit dem Kopfe und Georg fuhr jetzt lebendiger, wie selber froh, sich einer Last entladen zu können, die er auf dem Herzen habe, fort:

»Lieber Herr — Sie — Sie stehn der Familie näher wie ich — sind mit ihr befreundet und Ihr Wort gilt, ich weiß es, viel; ich bin nur Arbeiter auf der Farm und als solcher dem Professor selber, was eben die Arbeit betrifft, am wenigsten zugänglich. Bleiben Sie noch einige Zeit hier bei uns — beobachten Sie das ganze Wesen und Treiben, die ganze Behandlungsart, den Aufwand, mit dem Alles an Zeit und Arbeitskräften geschieht, und sagen Sie dann selber, ob ich nicht recht habe, wenn ich behaupte, das ganze Wesen der Farm, die Leitung des Ganzen sei nicht in guten Händen, und könne auf die Länge der Zeit so nicht fortbestehn, wenigstens nicht zu einem Resultate führen, wie wir es ja doch wohl Beide den sonst so guten lieben Menschen wünschen.«

»Ich fürchte, lieber Donner, Sie haben recht,« sagte Hopfgarten, der indessen mit seinem kleinen Spazierstock die in dem Gras vor ihm liegenden gelben Blätter aufgespießt und fortgeschnellt hatte — »ich fürchte, Sie haben recht; der Professor ist nicht praktisch.«

»Der unpraktischeste Mensch unter der Sonne!« rief Donner, »und jetzt von dem überspannten Gesellen, dem Dichter, noch mehr verdorben, der ihm fortwährend Weihrauch streut, und immer vor Erstaunen außer sich ist über die »Musterwirthschaft«. — Wie lange soll das aber dauern?«

»So lange baar Geld da ist,« sagte Hopfgarten, fast mehr mit sich selbst, als zu dem jungen Manne redend.

»Und auch das scheint auf die Neige zu gehn,« sagte Donner leise.

»Wie so? — was wissen Sie davon?« rief Hopfgarten, rasch zu ihm aufsehend.

»Anstatt seinen Viehstand zu vermehren, hat er wieder zwei von seinen Kühen fast unter dem Preis verkauft,« sagte Donner, »er hofft dabei fortwährend auf die hohen Maispreise und die baldige Erndte sowohl, wie auf den Ertrag der Mühle und seine Talg- und Seifensiederei. Was er noch an Capitalien liegen hat, weiß ich nicht; möglicher Weise sind diese bedeutender als ich jetzt glaube, und ich will es zu seinem Besten hoffen, aber seine letzte Reise nach Cincinnati hat wenigstens einen Theil davon wieder flüssig gemacht, der aber bei den jetzigen, im Verhältniß zu der Farm viel zu großen Auslagen, auch nicht so lange anhalten kann. Er beschäftigt eine Menge Arbeiter — das gerechnet was sie ihm leisten — für nicht viel mehr, als sie eben zu beschäftigen, und so gern ich arme Deutsche in dem fremden Lande unterstützt sehe, thut es mir doch in der Seele weh, Zeuge sein zu müssen, wie ein Haufen faules Gesindel, die Güte und — um ganz aufrichtig zu sein, denn lieber Gott, ich will ja dem wackern Manne nichts Böses nachsagen — die Unerfahrenheit des Professors benutzt, so wenig wie möglich zu arbeiten und seinen Lohn allwöchentlich regelmäßig einzustecken. Läßt er sich dann noch dazu nicht davon abbringen die Zuckerfabrik, von der er keinenfalls genug versteht einen Anfang in einem neuen Lande damit zu machen, zu beginnen, so bin ich überzeugt, daß er sein Vermögen dabei, und wenn er noch über viele Tausende zu gebieten hätte, geradezu zum Fenster hinauswirft, und seinen Reden nach scheint er erst von allen diesen Einrichtungen ein Einkommen, die jetzigen bedeutenden Auslagen zu bestreiten, zu erwarten.«

»Schlimm, sehr schlimm, wenn Sie recht hätten,« seufzte Hopfgarten, » — und ich fürchte fast, daß dem so ist.«

»Auch mit dem Ankauf der Farm ist er schmählich betrogen worden,« fuhr Donner fort — »ich habe Gelegenheit gehabt mich nach dem Preis derartiger »improvements,« wie man solch halbwilden Fleck noch überall nennt, zu erkundigen, und weiß, daß er um die Hälfte des Geldes, einen günstiger gelegenen Ort gefunden haben konnte wie dieser ist. Er hat sich darin übereilt, und wird noch lange hinaus dafür büßen müssen, da er, der bedeutenden Transportmittel wegen, gar nicht im Stande ist, in dem Preis seiner Produkte, z. B. mit den dicht am Ohio liegenden Farmen zu concurriren. Aber was geschehen ist, ist geschehn; wenn er denn nur jetzt wenigstens Alles thäte, die einmal begangene Übereilung wieder gut zu machen; doch er hört und sieht nicht, und hat sich selbst schon einige Mal mit dem Weber, der wirklich ein tüchtiger fleißiger Mann, und wenn auch gleichfalls unpraktisch, doch wenigstens Alles in seinen Kräften stehende thut, den Nutzen seines jetzigen Herrn zu wahren, ganz ernsthaft gezankt und ihm Undankbarkeit, und Gott weiß, was sonst noch, vorgeworfen. Mich selber fortzuschicken ist er schon drei oder vier Mal auf dem Punkt gewesen, während er gegen den eigenen Sohn, der seine Zeit geradezu aus dem Fenster wirft, an Blindheit grenzend, nachsichtig ist. Eduard würde ein ganz tüchtiger braver Junge werden, wenn er unter ordentlicher Aufsicht stände; so wird ein Vagabund aus ihm, und den zu vervollkommnen, ist jetzt Herrn Theobald's eifrigstes Bestreben. Weiß es Gott,« fuhr Georg, der einmal im Zuge war, und dem es wohlthat, sein Herz endlich einmal gegen Jemand auszuschütten von dem er wußte, daß er es auch gut mit der Familie meinte — »wäre es nicht der Frauen wegen, die von einer unbeschreiblichen Liebenswürdigkeit und Herzensgüte sind, und dabei arbeiten, als ob sie von Kindheit auf nichts Anderes gekannt hätten wie Magddienste zu verrichten, ich hätte mein Bündel schon lange wieder geschnürt, weiter zu ziehn, denn es thut mir in der Seele weh, den Professor, und sie mit ihm, wenn auch langsam, doch ganz unvermeidlich, einer recht trüben Zeit entgegen gehn zu sehn.«

»Ich will mit ihm reden,« sagte Hopfgarten, entschlossen von seinem Sitze aufstehend — »recht ernsthaft will ich mit ihm reden, und sehn, was sich thun läßt aber — ich fürchte fast, es wird vergebens sein. Der Professor, so seelensgut und rechtschaffen er sonst sein mag, ist Einer der Leute, die sich ihre Systeme selber aufbauen, und was sie einmal in einem Buch lesen, und von einem wildfremden, ihnen vollkommen gleichgültigen Menschen lesen oder hören, zehntausend Mal lieber befolgen, als was ihnen ihre besten Freunde, Menschen von denen sie überzeugt sein müssen, daß sie es gut mit ihnen meinen, rathen. Ich weiß über seine früheren Verhältnisse wenig oder gar Nichts, aber es sollte mich nicht im Mindesten wundern zu erfahren, daß ihn das auch von Deutschland weggetrieben hat, und es würde ihm nicht das Geringste schaden, wenn er erst einmal durch Schaden klug werden sollte — hätten die armen Frauen nicht dann gerade am Meisten darunter zu leiden; eine solche Klugheit könnte nachher am Ende, wenn Alles verloren ist, sogar zu spät kommen.«

»Das wollen wir nicht hoffen,« sagte Georg leise — »es wäre ja doch zu traurig, wenn die armen Frauen die Schuld des Vaters und Gatten büßen müßten; von vorn beginnen wieder, in Amerika — in einer Wildniß dann, auf billigem Grund und Boden und von allen Hülfsmitteln entblößt, von denen ihnen jetzt schon lange nicht alle früher gewohnten zu Gebote stehn, wie sollten sie es da ertragen, und welche Vorwürfe müßte sich der Mann dann selber machen.«

»Noch wollen wir das Beste hoffen, lieber Donner,« sagte Hopfgarten ernst, »aber es giebt viel, viel Elend hier in dem weiten Reich, mehr als ich früher selber eine Ahnung davon gehabt, und so kurze Zeit ich auch hier bin, hab' ich doch schon entsetzlich viel davon gesehn; und überall kann man doch nicht helfen. Ich baue hier aber viel auf Sie,« fuhr er, dem jungen Mann die Hand hinüber reichend, fort — »guter redlicher Willen kann Manches ablenken, was sich drohend heraufziehen sollte, und der Professor ist dann doch nicht blind. Reitet er sich mehr und mehr in Verlegenheiten hinein, wird er auch um so williger nach der Hand greifen, die sich fest und männlich nach ihm ausstreckt, und die falschen von den rechten Rathgebern wohl unterscheiden lernen.«

»Wenn er die rechten dann nur nicht vor der Zeit von sich stößt,« sagte Georg seufzend.

»Dann geschiehts ihm eben recht,« polterte Hopfgarten ärgerlich heraus — »wem nicht zu rathen ist, ist selten zu helfen, wenigstens jetzt noch nicht, und er muß dann eben durch Schaden klug werden.«

»Lieber Herr von Hopfgarten,« brach in diesem Augenblick der junge Mann das Gespräch ab, oder lenkte es wenigstens nach anderer Richtung, indem er zugleich seine Arbeit wieder aufnahm, das Holz fertig zu hauen und zum Haus zu schaffen — »ich glaube Sie haben Briefe von Henkels mitgebracht — wie geht es der Madame Henkel?«

»Kennen Sie Henkels genauer?« rief Hopfgarten rasch und aufmerksam werdend, denn er hoffte, hier schon wieder, und ganz unerwarter Weise, eine Spur zu finden.

»Nicht genauer als vom Schiff,« sagte aber der junge Donner ruhig — »leider hörte ich zu spät in New-Orleans, daß die arme junge Frau recht ernstlich krank geworden und mich habe suchen lassen. Ich war damals gerade im Begriff stromauf zu gehen, und habe sie, wie ich nach New-Orleans zurückkehrte, wie eine Stecknadel in der ganzen Stadt gesucht, ohne im Stande zu sein, sie aufzufinden.«

»Ich habe sie jetzt gesehn.«

»Und es geht ihr gut?«

»Besser wenigstens als früher; sie ist nach Europa zurückgekehrt.«

»So? — schon jetzt? ich glaubte nicht, daß Henkel seine Geschäfte so rasch hier beenden würde.«

Hopfgarten zögerte einen Augenblick mit der Antwort, aber er durfte auch keine Mittel versäumen Nachricht von dem Mann, wenn er irgendwo wieder auftauchen sollte, zu bekommen; so nach einigem Zögern sagte er langsam:

»Henkel selber ist noch hier — es sind — es sind Sachen vorgekommen, die — die seinen längeren Aufenthalt; — aber zum Teufel auch, ich sehe nicht ein weshalb ich Ihnen ein Geheimniß aus einer Sache machen soll, die eigentlich überdieß kein Geheimniß mehr ist. Henkel ist ein nichtswürdiger Schurke, der seinen Schwiegervater auf das Scheußlichste bestohlen und betrogen, seine Frau dann eben so schändlich verlassen hat, und den aufzufinden ich jetzt in den Staaten die Kreutz und Quere schon Monate lang herum gefahren bin. Da haben Sie die ganze Geschichte, und wenn Ihnen jemals dieser Schuft in den Weg laufen sollte, so wissen Sie vor allen Dingen, woran Sie mit ihm sind, und dann thun Sie mir einen ungeheuern Gefallen, wenn Sie mir augenblicklich nach dem St. Charles Hotel in New-Orleans schreiben, wo er möglicher Weise anzutreffen ist, denn ehe ich ihn treffe, verlasse ich Amerika nicht wieder.«

»Aber ich begreife nicht,« — rief Georg in Schreck und Staunen aufsehend —

»Wäre auch eine viel zu weitläufige Geschichte, Ihnen jetzt breit auseinander zu setzen; übrigens sollen Sie das Nähere doch noch erfahren, ehe ich diesen Platz verlasse, und Sie mögen jetzt selber urtheilen, was für ein Schurke dieser Henkel oder Soldegg oder Holwich — denn er hat Namen wie Sand am Meere, ist, und welche Scheusale auf der Welt umherwandern.«

»Die arme, arme Frau,« sagte Georg leise, »ach, daß ich sie damals doch gefunden; wie gern hätt' ich ihr beigestanden — wie nützlich ihr vielleicht sein können.«

»Das hat nicht sein sollen,« tröstete sich Hopfgarten, »und ist jetzt noch Alles gut geworden, ihr Vater hat sie selber abgeholt.«

»Von Heilingen aus?« rief Georg schnell.

»Kennen Sie ihn?«

»Recht gut — ich war oft in Heilingen — Waldenhayn wo ich zu Hause bin, liegt gar nicht so weit von dort — Apropos Waldenhayn — erinnern Sie sich des schwarzhaarigen Mannes, mit der schlanken, magern Frau an Bord, die fortwährend krank war, und im Anfang stets so große unächte Ohrringe und Halskette trug?«

»Ja wohl — was ist mit denen?«

»Ich weiß nicht, ob Sie den Steckbrief in den deutschen Zeitungen gelesen haben, nach dem ein Mann mit seiner Frau, die ihre vier Kinder — das jüngste noch fast ein Säugling in Deutschland allein zurückgelassen hatten und nach Amerika gegangen waren.«

»Ja wohl,« rief Hopfgarten rasch — »das waren doch nicht jene Beiden? Heiland der Welt, was haben wir für eine Bande von Verbrechern mit über das Wasser geschleppt, die drei Eisengefangenen gar nicht gerechnet. Der Bursche hieß Meier, wenn ich nicht irre.«

»Eigentlich Steffen, oder der schwarze Steffen genannt — er war aus Waldenhayn.«

»Und was ist aus den Beiden geworden?« frug Hopfgarten.

»Sie waren mit an Bord der Backwoods Queen, auf der ich feuerte, als wir unterhalb Memphis einen Kessel platzten und strandeten.«

»Das haben Sie erlebt?« rief Hopfgarten schnell, und ein Theil des alten Humors blitzte ihm wieder aus den Augen, »Sie Glückspilz — ich gäbe wahrhaftig funfzig Thaler, wenn ich hätte dabei sein können.«

»Mir wäre die Erinnerung um weniger feil,« sagte Georg schaudernd — »der arme junge Bursche an Bord, der von Bremen glücklich desertirt war, kam auch dabei um's Leben. Dort erkannte ich jenen Steffen, und die Amerikaner, denen ich sein scheußliches Verbrechen erzählte, wollten ihn hängen, aber er floh in den Wald einer großen Insel im Mississippi, auf der wir fest saßen, und dort ließen wir ihn zurück; ich habe nie wieder etwas von ihm gehört.«

»Und die Frau?«

»War wie tiefsinnig geworden; ich nahm sie mit bis nach Memphis und verschaffte ihr dort ein Unterkommen. Als ich aber später nach ihr frug, sagten mir die Leute, denen ich natürlich ihr Vergehen nicht erzählt, daß sie sich vollständig erholt und fleißig und unverdrossen gearbeitet, aber nie ein Wort gesprochen hätte. Nur im Anfang soll sie ein einziges Mal geäußert haben, daß sie sich Geld sparen und nach Deutschland zurückkehren wollte. Sie wusch für andere Leute und war dann, nachdem sie ihre Kost und Wohnung ordentlich bezahlt, zu Fuß stromab gegangen.«

»Durch den Wald?« rief Hopfgarten erstaunt.

»Wohin, wußte Niemand, hat sie New-Orleans aber zu Fuß erreichen wollen, so muß sie in den Sümpfen umgekommen sein.«

»Desto besser für sie,« sagte der kleine gutherzige Mann schaudernd — »großer Gott, eine Mutter, die solcher Art ihre Kinder verlassen kann, trägt den Fluch ihres Schöpfers, ihrer eigenen Eltern mit sich herum; möge ihr Gott einst gnädig sein. Aber wer kommt dort?« unterbrach er sich plötzlich, als er Jemand den schmalen Pfad herunter kommen sah.

»Das ist Theobald,« lächelte Georg — »er macht Gedichte — seine schwächste Seite — vielleicht zur Feier des heutigen Tages. Gegenwärtig betrachtet er den Landbau von der poetischen Seite, und besingt alle Pflüge und Eggen; wir wollen ihm lieber aus dem Wege gehn.«

»Ließt er manchmal vor?« rief Hopfgarten rasch und fast ängstlich — Georg lachte.

»Wenn er Schlachtopfer findet, ja; aber hier ist selten Jemand der Zeit hätte ihm zuzuhören.« Und seinen indeß abgehauenen Klotz auf die Schulter nehmend und mit der Axt stützend, trat er den Heimweg an.

»Hallo, warten Sie,« rief aber Hopfgarten rasch, »so ganz leer, mit dem Spatzierstöckchen, laufe ich auch nicht neben Ihnen her — darf ich eins von den anderen Stücken mitnehmen?«

»Wenn Sie wollen,« lachte Georg zurück, der stehen blieb und sich nach ihm umdrehte — »dort das schwächere; aber Sie werden sich schmutzig machen.«

»Ah bah, das ist trocken und staubt wieder ab — so — der hier wird's thun — ahoy — y — sehn Sie, das geht vortrefflich — nun bringen wir gleich eine ganze Ladung zusammen fort. Ah guten Morgen Herr Theobald; schon so fleißig? — Sie könnten auch ein Stück von dem Hickoryholz mit aufpacken und zum Haus nehmen, nachher hätten wir für den ganzen Tag genug!«

Leute die selten oder nie gröbere Arbeiten verrichten, können, wenn sie wirklich einmal zufassen, nicht gut einen anderen Menschen müßig sehn; es macht sie gleich ungeduldig und mürrisch und sie betrachten das gewissermaßen als ein ihnen selbst geschehenes Unrecht. Theobald aber hielt, wenn er an Wochentagen auch wenig that, die Sonntage besonders heilig, und war jetzt überdieß zu vertieft in einer anderen höheren Sphäre, viel Notiz von der freundlichen Zumuthung zu nehmen.

»Ah guten Morgen Herr von Hopfgarten,« sagte er — »Sie bemühn sich selber?« und schritt dann langsam an den Männern mit ihrer Last vorüber.

»Faulpelz,« brummte Hopfgarten, dem schon anfing warm zu werden, zwischen den Zähnen durch, »Dich sollt' ich auf meiner Farm haben, ich wollte Dich lehren Gedichte machen.«

Am Hause angelangt, warfen sie ihre Last ab, und wurden hier besonders lachend von den Mädchen begrüßt, die Herrn von Hopfgarten nicht genug bedauern konnten, seinen eigenen Rücken als Polster für das harte Holz hergegeben zu haben.

Capitel 7.
Click to [ENLARGE]

»Erst meinen herzlichsten Glückwunsch für den heutigen Tag!« rief aber Hopfgarten, Mariens Hand ergreifend und fest und freundlich drückend — »mögen Sie nur frohe Tage hier finden, meine liebe Marie, und Ihr ganzes Leben ein so milder Sonnentag sein, wie er sich heute klar und rein über Ihrem Hause ausspannt.«

Marie erwiderte den Druck, leicht erröthend und mit ihrem lieben Lächeln recht treuherzig und dankend in des Freundes Augen schauend, als Georg ihr schüchtern nahte und mit viel leiserer, fast bewegter Stimme sagte:

»Darf auch ich mich demselben Wunsche anschließen, Fräulein Marie? Andere mögen die Worte künstlicher setzen, aber sie können es nicht ehrlicher und herzlicher mit Ihrem Wohle meinen.«

»Ich danke Ihnen — danke Ihnen so herzlich wie der Wunsch geboten ist,« sagte Marie auch ihm die Hand reichend, viel tiefer aber dabei erröthend, als das eigentlich nöthig gewesen wäre — »ich weiß, daß Sie es gut meinen — mögen Sie sich recht lange wohl bei uns fühlen.«

»Übrigens meine Damen,« rief Hopfgarten, wieder in seiner alten launigen Weise, indem er sich den Schweiß mit seinem Tuch von der Stirne trocknete, »thun Sie gerade als ob ich zu gar Nichts gut wäre, und mir im schlimmsten Fall nicht auch mein Brod durch meiner Hände Arbeit verdienen könnte. Da sehn Sie hier meinen Geschäftsfreund an, den jungen Donner, über den wundert sich Niemand, daß er Holz schleppt, und den ganzen Tag draußen mit Axt und Pflug und Hacke und Spaten herumarbeitet, und der ist zu Hause eben so wenig daran gewöhnt gewesen; warum bedauern Sie den nicht?«

»Herr Donner ist auch eine Ausnahme von der Regel,« rief Anna freundlich, »der faßt zu, als ob er wirklich dazu geboren wäre, und hat dabei Lust und Freude an der Sache.«

»Und thun Sie das nicht selber Fräulein Anna?« sagte der junge Mann, »arbeiten nicht Sie und ihr Fräulein Schwester, die beide in weit anderen Verhältnissen erzogen sind, von Früh bis Nacht, und glauben Sie, daß ein Anderer da ruhig daneben stehn und nicht mit zugreifen könnte?«

»Oh ja,« lachte Marie mit einem halbverstohlenen und recht schelmischen Blick nach Georg hinüber, »Herr Theobald kann das ruhig mit ansehn.«

»Er schwärmt in höheren Regionen« lachte Anna, »und da dürfen wir es ihm schon nicht so übel nehmen. Wenn er auch einmal für diese Welt zu sorgen hat, wird sich das schon bei ihm ändern.«

»Wir sind ihm eben im Walde begegnet,« sagte Hopfgarten, »und wenn mich nicht Alles getäuscht hat, verbarg er wie wir ihm näher kamen, ein Papier.«

»Oh, er macht jedenfalls einen Prolog zum heutigen Feste« rief Marie — »zur Einweihung unseres Lusthauses — er wollte den Platz auch nach mir »Mariens Ruhe« nennen, Eduard aber meinte, es würde weit passender »Theobalds Schweiß« heißen, denn es sei ihm blutsauer dabei geworden, trotz den wildledernen Handschuhen.«

»Alle Wetter, wer kommt da?« rief Hopfgarten plötzlich das Gespräch unterbrechend, und den Fahrweg nieder deutend, »das ist ein alter Bekannter, so wahr ich lebe.«

»Maulbeere! — Maulbeere!« rief George — »hahahaha und noch immer in dem grünen Rock; der ist doch unverbesserlich!«

»Wahrhaftig, der wunderliche Mensch aus dem Zwischendeck!« rief Marie, lachend in die Hände schlagend, »mit seinem Karren vor sich her, da muß ich nur gleich den Vater rufen, daß der ihn auch sieht.«

Der eben Ankommende war in der That niemand Anderes als unser alter Freund Maulbeere von der Haidschnucke, der Mittel und Wege gefunden hatte sich und seinen Karren von New-Orleans aus bis hierher zu bringen.

Georg hatte aber Recht, Maulbeere sah genau noch so aus wie an Bord, mit demselben alten, bis oben hin zugeknöpften Rock — nur neue Knöpfe mußte er jedenfalls bekommen haben — denselben karirten Hosen, demselben alten Hut, derselben räthselhaft verborgenen Wäsche, den Zipfel eines alten roth und weiß karirten baumwollenen Taschentuches ausgenommen, der ihm vorn zwischen dem zugeknöpften Rock etwas kokett, sonst aber ganz anspruchslos herausschaute. Auch die nämliche alte Pfeife mit dem schauerlichen rothgeschmückten Frauenkopf darauf, trug er noch zwischen den Zähnen, und ordentlich dick und fett geworden, war er in der Zeit. Sein Gesicht strotzte von Gesundheit, die Backen, die er an Bord etwas eingefallen trug, hatten Fülle bekommen, während die kleinen grauen Augen lebendiger als je unter den hochblonden und entsetzlich struppigen Augenbrauen vorblitzten.

Wie er die Gruppe übrigens vor dem Haus entdeckte gewann seine ganze Gestalt Leben; er richtete sich höher auf, bließ den Rauch in starken Puffen aus seinem kleinen Stummel, und seinen Karren vertrauensvoll dem Rückband überlassend nahm er den Hut mit der rechten Hand ab, schwenkte ihn ein paar Mal um den Kopf, und rief mit lauter fröhlicher Stimme:

»Land! Land! Hurrah noch einmal, da ist die ganze Haidschnucke versammelt, und wie die Orgelpfeifen in der Kirche stehn die Herrschaften da; drüben der Weber mit der ganzen Famile, und hier Cajüte und Zwischendeck in geschlossenem Bunde. Herr von Hopfgarten, meine schönste Empfehlung — Herr Professor ich melde mich eingetroffen.«

Die letzte Anrede galt dem, von Marie gerufenen, eben aus dem Haus tretenden Professor, der aber auch den Scheerenschleifer lächelnd begrüßte und dem Mann, mit dem er an Bord nie eine Sylbe gesprochen, jetzt freundlich die Hand entgegenstreckte, da er ihm an Land, und auf dem eigenen Land begegnete.

»Ei, ei Herr Maulbeere, das ist ja ein recht lebendiges Schiffs-Andenken, wie er da vor uns gewissermaßen aus dem Boden steigt. Wie geht es Ihnen, wo haben Sie sich die ganze Zeit herumgeschlagen und kommen Sie mit der Fuhre direckt von New-Orleans?«

»Habe die Ehre mich dem Herrn Professor ganz gehorsamst zu empfehlen,« sagte aber Maulbeere mit vieler Förmlichkeit, und einer Verbeugung, die er zugleich dazu benutzte sein Tragband von dem Karren abzuhaken, »hörte hier in der Nachbarschaft, daß ganz in der Nähe deutsche Schiffsgesellschaft zu finden wäre, und habe mir die Freiheit genommen Ihnen meine Dienste anzubieten.«

»Nun das ist schön, das ist sehr schön, lieber Maulbeere, Ihre Kunst — Sie sind Scheerenschleifer, nicht wahr?«

»Scheeren, Messer, Instrumente, Werkzeuge schleif ich zur Perfektion — «

»Nun gut, wollen wir nachher — «

»Bessere dabei zugleich defekte Töpfe und Geschirre aus — «

» — in Anspruch nehmen — für jetzt — «

» — kitte Porcellan, Glas, Steingut, Gyps, Marmor — « fuhr aber Maulbeere, ohne sich unterbrechen zu lassen fort, »reparire Stutz- und Taschenuhren — heile Pferde-, Rinder- und Schafkrankheiten — habe ein Depot vorzüglicher Pillen und Latwergen für alle nur erdenkliche Leibesschäden und Gebrechen — schneide Hühneraugen aus, bespreche Warzen, mache Flecken aus Kleidern und Wäsche — Dinte-, Fett-, Blut-, Wein-, Kaffee-Flecken — bin Besitzer eines vorzüglichen Feuer-Diamants alle Arten von Hohl-, Milch-, Cylinder-, Spiegel- und Tafelglas in allerhand beliebige Verzierungen schneiden zu können — es kommt auf die Farbe des Glases nicht an, es kann auch gepreßt, geschliffen oder gemalt sein, es schneidet allemal durch und durch — verkaufe ausgezeichnete Recepte zu Stiefelwichse und Schmiere — habe Gift für Ratten, Mäuse, Wanzen, Flöhe, Läuse, Schaben, Insektenpulver — eine vorzügliche Krätz- und Ausschlagsalbe — Schönheitstinkturen und Faltenvertilger, löthe und niete zerbrochene und auseinander gegangene Utensilien, und« — setzte er tief Athem holend hinzu, indem er einen der kleinen Schiebladen seines Kastens, ohne sich dabei zu bücken und nur mit einer geschickten Bewegung des Fußes aufzog — »ein vorzügliches Assortiment von Steck-, Näh- und Haarnadeln, Haarwickeln, Bändern, Kämmen, Hosenträgern, Schuhanziehern, Schnürbändern, mit einer Masse anderer Artikel zu langweilig einzeln aufzuführen — womit sich zu gütiger Kundschaft empfiehlt, einem verehrten Publicum ganz ergebenster Zachäus Maulbeere.«

»Vortrefflich — vortrefflich Herr Maulbeere,« lächelte der Professor, während die Mädchen vor Freude in die Hände schlugen, und sämmtliche Kinder sich jubelnd um ihn her drängten, »ganz vortrefflich, Sie sind ein wahres Juwel in der Wildniß, und wir werden Ihre Hülfe bei einer großen Menge von Sachen in Anspruch nehmen, die einer kundigen Hand bedürfen, sie wieder in Stand zu setzen. Jetzt aber ist das Frühstück fertig, so gehn Sie indessen hinüber in die Küche — Sie finden dort ebenfalls Reisegefährten vom Schiff her, und essen Sie erst mit den Leuten? nachher wollen wir sehn was sich thun läßt.«

»Aber Herr Maulbeere,« sagte die kleine Camilla, Mariens und Annas jüngste Schwester — die dicht neben dem Manne gestanden und aufmerksam seinen Anpreisungen gelauscht hatte, »wenn Sie alle Flecken so gut ausmachen können, weshalb haben Sie denn da so viele auf Ihrem grünen Rock?«

»Das Kind verräth jedenfalls Anlagen,« sagte Maulbeere, der mit der ernsthaftesten Miene den Kopf nach ihm hinuntergedreht hatte, »übrigens mein Fräulein, erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß das an meinem Rock, was Sie Flecken zu nennen belieben, eigentlich der Urzustand, die Urfarbe desselben ist, zu dem er an diesen Stellen zurückgekehrt; das wenige Grün dagegen, was ihm geblieben, mehr einem unnatürlichen, künstlichen Zustand zugeschrieben werden muß, in dem er sich an den Stellen noch befindet, und der im Lauf der Jahre ebenfalls den vorangegangenen Bestandtheilen folgen wird.«

»Hahahahaha Herr Maulbeere!« rief die Kleine, und lief lachend in das Haus, wo die Mutter jetzt erschien und die Familie zum Frühstück rief.

»Aber Eduard und Herr Theobald fehlen noch!« rief Anna.

»Theobald?« sagte Maulbeere, der, eben im Begriff sein Tragband aufzunehmen, sich rasch wieder emporrichtete — »der Dichter Theobald hier und sollte beim Frühstück fehlen — unbegreiflich. Aber täuscht mich mein Sehververmögen nicht, so kommt dort schon eine Gestalt, die ihm wenigstens auf's Haar gleicht, mit sehr schnellen Schritten um die Ecke. Herr Theobald, ich habe das Vergnügen, Ihnen einen guten Morgen zu wünschen.«

»Maulbeere!« rief dieser voller Erstaunen stehen bleibend und nicht einmal die Familie begrüßend aus — »Zachäus Maulbeere!«

Der Scheerenschleifer hatte aber seinen Karren schon wieder aufgenommen, und fuhr langsam dem nächstgelegenen Blockhaus zu, sich selber beim Weber zum Frühstück zu melden, während die Lobensteinsche Familie ebenfalls in das Haus ging, und sich lachend über die wunderliche Erscheinung des sonderbaren Mannes unterhielt. Eduard fehlte noch; er war gestern Abend wieder dem Hirsch zu Gefallen gegangen, hatte auch auf ihn geschossen, aber vorbei, und gedachte sein Glück heute Morgen noch einmal zu versuchen. Der feierliche Einzug der erlegten Beute, falls diese noch erlangt werden sollte, war schon zwischen ihm und Theobald verabredet worden.

Der Professor wollte nun allerdings in seiner Gastfreiheit den Scheerenschleifer heute am Sonntag bei sich behalten, und ihm dann morgen erst die Arbeit geben, die er im Hause für ihn zu thun hatte, Maulbeere aber war damit nicht einverstanden, »Zeit ist Geld,« behauptete er, und »was man heute thun könne, solle man nicht auf morgen verschieben«; ließ sich auch nicht abhalten, gleich nach dem Frühstück an allen möglichen Sachen, die auf der Reise beschädigt worden und ihm jetzt gebracht wurden, zu beginnen, und erzählte dabei den übrigen Arbeitern des Platzes, die sich um her lagerten und setzten und standen, eine Unmasse Geschichten aus seinen Amerikanischen Erlebnissen, daß die Leute oft in lautschallendes Gelächter ausbrachen. Selbst der Weber, der den Burschen noch vom Schiff her, seiner gottlosen Predigten wegen nicht leiden mochte, und auch heute wieder keineswegs damit einverstanden war, daß er den Sonntag solcher Art entweihte, konnte es sich doch nicht versagen, manchmal zu den Leuten zu treten, angeblich nur nach der ihm übergebenen Arbeit zu schauen, dann aber auch zu gleicher Zeit zu hören, was denn da eigentlich so Lustiges vorgehe.

Maulbeere hatte aber auch nicht allein eine ziemliche Anzahl der Haidschnucken-Passagiere getroffen, von denen er oft die komischesten Berichte abstattete, sondern auch einen großen Theil der Staaten in den drei Viertel Jahren durchzogen und — wodurch er den Anderen besonders imponirte — wirklich erstaunlich viel Englisch, allerdings noch mit einem schlechten Accent, in der kurzen Zeit gelernt.

Im Hause selber hatten die Frauen indessen heute noch unendlich viel zu thun, ihr kleines Sommerfest, wie das erste Hinausziehn zu dem beendigten Lusthaus würdig zu feiern. Die Kinder waren in den Wald geschickt, Blumen für Guirlanden zu holen, die Frauen bucken Kuchen. Theobald war gleich wieder nach dem Frühstück unsichtbar geworden, und der Professor mit Georg Donner nach dem beabsichtigten Mühlplatz hinausgegangen, den Plan noch einmal durchzusprechen.

Hopfgarten war sich selber und seiner Zeit ganz überlassen worden, und schlenderte, mit nichts Besserem vor sich, der Gruppe zu, die sich um den Scheerenschleifer gebildet hatte, und in ihrem Lärmen und ihrer Lustigkeit immer lauter wurde. Hier brachte dabei Einer ein Messer zu schleifen, dort Kanne oder Blechbecher zu löthen, dort sogar wieder einen eisernen Topf zu flicken; da war eine Tasse zerbrochen, hier ein Teller, die verkittet werden sollten, die Theekanne hatte den Henkel, die Milchkanne den Fuß verloren, in die Stalllaterne mußten ein paar Scheiben eingeschnitten werden, Einer von den Leuten hatte Zahnschmerzen und verlangte ein Mittel dagegen, dort brachte Einer seinen Sonntagsrock, sich den Kragen reinigen zu lassen, hier wünschte Einer die rothwerdenden Knöpfe seiner blauen Jacke versilbert zu haben, dort ein Zehnter seine Uhr nachgesehn und ein neues Glas einzusetzen, kurz Zachäus Maulbeere wurde von allen Seiten auf das lebhafteste in Anspruch genommen, und schien wirklich auch zu jedem neuen Geschäft, das man ihm zumuthete, ein paar neue Hände zu gebrauchen.

Bis elf Uhr ließ sich die Weberfamilie selber, die Frauen wenigstens, nicht draußen sehn; die Tochter las der Mutter drin am Kamin ein Capitel aus der Bibel vor, und die alte Frau saß mit gefalteten Händen und geschlossenen Augen daneben und hörte andächtig zu. Wie aber die Kirchzeit etwa vorbei war, kamen auch diese aus der Hütte heraus, und die alte Mutter, der die Tochter ein weiches Kissen auf ihren gewöhnlichen Sitz, im Schatten eines breitästigen wilden Maulbeerbaumes trug, blieb dort still und freundlich mit dem Kopfe nickend sitzen und schaute, die abgemagerten Hände im Schooß gefaltet, auf das Leben und Treiben um sie her, bis das jüngste Enkelchen zu ihr hinanlief und ihr Blumen brachte, und die alte Frau dann das blonde Lockenköpfchen streichelte und sich niederbog und es küßte. Eine Thräne hing ihr dabei in den noch immer recht klaren hellen Augen, aber es war eine Freudenthräne; die alte Frau sah und erkannte, wie ihre Kinder gediehen, wie thätig sie schafften, und wie sie vorwärts kamen, und jetzt bald, recht bald hoffen durften, eine kleine Farm selber ihr eigen zu nennen. Wenn sie auch dann und wann an ihren Leberecht unter der Linde dachte und leise — ganz leise im Herzen vielleicht — eine Sehnsucht dorthin erwachte, gab sie der doch keinen Laut mehr; sie sah und fühlte, wie ihre Enkel hier, wenn sie einmal groß geworden, gedeihen und fortkommen würden, und freute sich deren Glück.

»Nun, Herr Maulbeere, wie gehn die Geschäfte?« sagte Hopfgarten, der zu der ihm freundlich Platz machenden Gruppe getreten war, und die Hände auf dem Rücken dem vielseitigen, überallhin thätigen und geschickten Burschen lächelnd zuschaute; »Sie vereinigen ja ein ganzes Stadtviertel von Arbeitern in sich selbst, und wären ein wahres Capital für jede Ansiedlung.«

»Es thut mir nur leid, daß ich das Capital nicht auf Zinsen legen kann,« sagte Maulbeere in den Zwischenpausen mit dem Löthrohre beschäftigt eine Uhrkette wieder in Stand zu setzen, »sondern, daß besagtes Capital genöthigt ist, seinen schweren Karren selber im Lande umherzufahren. Habe aber den Trost,« setzte er langsam und immer dazwischen blasend hinzu, »daß es mir nicht allein so geht, und andere Leute — ebenfalls ihre Glacéhandschuh — haben — ausziehn — müssen.«

»Ja die zieht hier Mancher aus, lieber Maulbeere,« lachte Hopfgarten, »aber wen zum Beispiel meinen Sie?«

»Ih nun, verschiedene,« sagte Maulbeere, — »kannten doch Herrn Eltrich?«

»Den netten jungen Mann im Zwischendeck, mit dem reizenden kleinen Frauchen? — er war Künstler, glaub ich.«

»Ja, das sah man ihm an,« meinte Maulbeere — »es sah wirklich künstlich aus, wie er die schweren Porkfässer die Levée mit den zarten Händchen hinaufrollte.«

»Lieber Gott, geht es ihm so schlecht?«

»Jetzt nicht mehr,« sagte Maulbeere — »sie hatten ihm Alles gestohlen, nun aber scheint er sich wieder genug verdient zu haben, anständige Kleider und eine Violine kaufen zu können. Da hat er denn die Zuckerfässer und Kaffeesäcke, die ihm dazu verhalfen, schmählich im Stich gelassen, und bezieht sein Colophonium wieder im Einzelnen.«

»Was heißt das?«

»Nun, er rollt es nicht mehr Fässerweis das Ufer hinauf; er hat, wie er vor ein paar Monaten sagte, eine Anstellung am Französischen Theater erhalten, und es geht ihm jetzt besser.«

»Das freut mich, das freut mich von Herzen,« rief Hopfgarten, »es waren liebe brave und sehr anständige Leute.«

»Ja,« sagte Maulbeere, »wollte mir auch eine Stellung als ersten Liebhaber dabei verschaffen, ich wieß es aber in Entrüstung von mir. Ich konnt' es nicht über's Herz bringen, jeden Abend derselben ersten Liebhaberin vorzulügen, daß ich vergehen müßte, wenn sie mich nicht gleich zum Glücklichsten der Sterblichen machte.«

Hopfgarten lachte.

»Den Oldenburgern ging's dafür desto schlechter,« fuhr Maulbeere fort, der die Uhrkette beendet, und seinen Schleifkarren wieder bestiegen hatte, eine Anzahl ihm gebrachter Messer und Scheeren in Stand zu setzen — »in Amerika können die Bauern in den Kuts-chen fahren — ja wohl Kuts-chen, denen ist das Singen vergangen, und jetzt blasen sie Trübsal. Dummes, starrnackiges Volk, denen die Holzschuh bis über die Ohren gingen; wollten immer klüger sein als Andere.«

»Was ist denn aus Herrn Schultze geworden?« frug da des Webers Frau, die jetzt auch herangetreten war, auf ihre Scheeren zu warten, und dem Mann indessen zuhörte. »Das war ein netter, rechtschaffener Mensch, und hatte so feine, hübsche Wäsche.«

»Schultze ist übergeschnappt,« sagte Maulbeere ruhig.

»Was? — um Gottes Willen? — ih, das ist doch gar nicht möglich — rein toll geworden?« frug der Weber und seine Frau, und auch Hopfgarten, der sich der eigenthümlichen fixen Ideen des Mannes erinnerte, sagte rasch, »das wäre doch gar zu traurig, Herr Maulbeere; ist das wirklich begründet?«

»Nun, er sitzt noch nicht im Tollhaus,« sagte der Scheerenschleifer, indeß die Funken von dem kleinen durch das Rad gedrehten Stein abspritzten, die Kinder lachend die flachen Hände dagegenhielten, und sich die naßgewordenen, sehr zum Ärger der Mütter an Röcke und Hosen wischten, »aber er hat die besten Anlagen dazu, und wird auch jedenfalls nächstens eingesteckt werden müssen.«

»Aber wo ist er jetzt, und was hat er nur gemacht?«

»Gegenwärtig,« sagte Maulbeere, »ist er noch in St. Louis und macht Cigarren, hat aber großartige Ideen, eine neue Flugmaschine entdeckt zu haben, die er unserem System anzupassen und damit über den Mississippi und Illinois hinüberzufliegen gedenkt. Außerdem hat er neulich, unter einer Reiherart, die am Mississippi häufig vorkommt — kleine graue Vögel mit unnatürlich langen Beinen, — einen entfernten Verwandten von sich entdeckt, und treibt nun förmliche Abgötterei mit dem ausgestopften Balg.«

»Aber es ist doch nicht möglich — «

»Nicht möglich? — fragen Sie ihn einmal, was unmöglich wäre — so, wo war denn das lange Messer von vorhin? — ah hier.«

»Hier bring ich auch etwas — « rief Marie Lobenstein in diesem Augenblick herbeispringend — »hier Herr Maulbeere, wären Sie wohl so gütig, mir diese kleine Scheere, aber ja recht recht sauber zu schleifen? — Anna wird Ihnen die Küchenmesser nachher auch noch herausbringen; denen thut es besonders Noth. Wissen Sie wohl, daß ich mir die Scheere neulich selbst geschliffen habe?«

»Es ist mir doch 'was Unbedeutendes,« sagte Maulbeere mit einem sehr erstaunten Gesicht.

»Hahahaha — « rief Marie — »wo haben Sie die Redensart gehört? — das ist ja unseres alten Drachenwirths in Heilingen stehendes Sprichwort — wie oft haben wir darüber gelacht.«

»Wie hieß der Wirth?« frug Maulbeere.

»Lobsich.«

»Und das Wirthshaus?«

»Zum rothen Drachen, bei Heilingen.«

»Ganz recht,« sagte Maulbeere, ruhig die Scheere nehmend und seine andere Arbeit bei Seite legend — »habe vor vierzehn Tagen bei ihm gewohnt.«

»Das möchte Ihnen schwer geworden sein,« lachte Marie — »aber bitte, nehmen Sie mir die Spitze recht in Acht — Heilingen ist weit von hier.«

»Aber der rothe Drachen nicht,« sagte Maulbeere, den Lederriemen wieder einhängend — »Herr Lobsich scheint seinen rothen Drachen jetzt in Milwaukie aufgeschlagen zu haben.«

»Was? — Lobsichs ausgewandert?« rief Marie in größtem Erstaunen, »das ist doch gar nicht möglich.«

»Fragen Sie einmal hier in Amerika, mein Fräulein, was da unmöglich wäre,« sagte der Scheerenschleifer; »übrigens weiß ich nicht, ob die Lobsichs, die in Milwaukie in Michigan ein Gasthaus zum rothen Drachen mit entsprechendem Schilde über der Thüre haben, und von denen die männliche Hälfte jenes von mir reproducirte und zu ihrer Entdeckung geführt habende Sprichwort häufig gebraucht, wirklich dieselben sind, die Sie meinen, oder vielleicht Geschwister.«

»Gewiß sind sie's — gewiß,« rief Marie, »der rothe Drache und der Name könnte sich zufällig wiederholt haben, aber das Sprichwort nicht — geht es ihnen gut?«

»Recht gut,« sagte Maulbeere, »besonders ihm; er ist immer selig.»

»Was heißt das — er trinkt doch nicht?«

»Nein,« sagte Maulbeere, »er säuft.«

»Guter Gott, seine arme Frau!« rief Marie.

»Er wird ihre Armuth nächstens theilen,« meinte Maulbeere, »apropos Milwaukie — da oben stecken auch noch einige Cajütspassagiere von der Haidschnucke.«

»Cajütspassagiere?« rief Hopfgarten schnell, der sich indessen schon bei Marie nach jenem Lobsich erkundigt hatte, jetzt aber wieder auf den Scheerenschleifer aufmerksam wurde — »und die waren?«

»Doktor Hückler vor allen Dingen — « sagte Maulbeere still vor sich hinlachend — »wird Herrn Donner interessiren — von New-Orleans fortgegangen und hat sich in Milwaukie mit einem Gerippe etablirt.«

»Mit einem Gerippe? — was heißt das?«

»Nun, er hat einem andern Doktor einen abgeknaupelten Menschen abgekauft, und in seinem Laboratorium, wie er die Barbierstube nennt, aufgestellt; rasirt, schröpft und kurirt nicht allein was das Zeug halten will, sondern heißt auch schon der »berühmte deutsche Doktor« in Milwaukie, wo er mit Lakrizenwasser einige ganz ausgezeichnet glückliche Kuren gemacht und sich neulich, zu dem Gerippe, auch noch eine Frau genommen.«

»Er ist verheirathet?« rief Marie.

»Glücklicher Gatte und — ich hätte bald was gesagt« — versetzte Maulbeere, »die Sache hebt sich wieder — Dr. Hückler eine Frau plus, Herr Henkel eine Frau minusfacit gleich.«

»Sie haben Henkel in Milwaukie gesehn?« frug Hopfgarten so rasch, daß sich der Scheerenschleifer erstaunt nach ihm umdrehte und setzte dann, da er nicht gerade diesen wollte ahnen lassen, in wieweit er selber dabei interessirt wäre, langsamer hinzu — »ich glaubte, der hätte sich in New-Orleans etablirt — also Herr Henkel ist jetzt in Milwaukie?«

»Haben andere Leute vielleicht auch geglaubt,« sagte Maulbeere, seine Arbeit wieder aufnehmend — »in Milwaukie war er aber damals noch nicht. Ich traf ihn jetzt auf meinem Hierherweg von Michigan in Illinois, in einem Städtchen — Paris oder London oder so ein kleiner unbedeutender Name — wo wir in der einzigen Blockhütte, die in der Stadt stand — weiter waren überhaupt keine Häuser da — zusammen campirten.«

»In Illinois also?«

»Ja, aber er war auf dem Weg nach Milwaukie,« sagte Maulbeere, »und ich habe ihm einige Empfehlungen dorthin mitgegegeben.«

»Alle Wetter, da wird er sich gefreut haben,« meinte der Weber.

»Und er war allein?« frug Hopfgarten.

»Ganz allein, das heißt ohne Frau,« lautete die Antwort, »sonst hatte er noch einen Herrn bei sich, mit dem er zusammen reiste.«

»Und der hieß?«

»Kolwel glaub' ich, oder so ein Name — so mein Fräulein — mit der Scheere können Sie jetzt Butter schneiden, so scharf ist sie, sonst noch 'was? — schön — wenn Sie wieder was brauchen, ersuch' ich Sie vorzukommen — Zachäus Maulbeere steht Ihnen mit Vergnügen zu Diensten.«

Marie, die während die Männer von Henkel sprachen, Herrn von Hopfgartens Gesicht ängstlich beobachtet hatte, zog sich jetzt, von diesem gefolgt, nach dem Haus zurück, und fand bald ihre schlimmste Furcht bestätigt, als ihr der kleine Mann versicherte, daß er jedenfalls mit Tagesgrauen morgen nach Hollowfield hinüberfahren würde, seine Glieder noch einmal einer Amerikanischen Postkutsche anzuvertrauen. Die Wege waren jetzt trocken und sein Ziel lag, so rasch ihn irgend eine Beförderung, sei sie so mühselig und beschwerlich sie wolle, vorwärts bringen könne gen Milwaukie.

»Jetzt muß ich nur Ihren Vater gleich aufsuchen,« setzte er hinzu, »mit ihm Rücksprache zu nehmen — ah da kommt Georg Donner, der wird uns sagen können, wo er ist; — aber wie sieht denn der aus? — ganz roth und aufgeregt?«

Georg kam allerdings an dem Felde herunter den kleinen Waldweg gerade auf sie zu, und sah roth und verstört im Gesicht aus. Als er Hopfgarten mit Marien sah, blieb er stehn, und es war fast, als ob er umdrehen wollte, wenn so, besann er sich aber wieder, und kam langsam auf sie zu.

»Wie sehn sie denn aus?« rief ihm Hopfgarten schon von weitem entgegen — »haben Sie ein Fieber, oder sich einen Kopf am heiligen Sonntag angearbeitet, der wie Feuer glüht — fühlen Sie sich nicht wohl? — Mensch, Ihre Augen sind ja ordentlich mit Blut unterlaufen.«

»Wirklich?« sagte Georg, und versuchte dabei zu lächeln — »das hat Nichts zu sagen — allein draußen im Wald wollte ich mir ein paar Klötze zurecht rücken, und habe mich wahrscheinlich zu sehr dabei angestrengt.«

»Unsinn, Sie werden sich noch einmal Schaden thun, wo ist denn der Professor?«

»Er ging mit Theobald in der Richtung nach dem Lusthaus zu,« sagte Donner, und man sah ihm an, daß er sich Mühe gab, ruhig zu scheinen; Hopfgarten war aber viel zu sehr mit sich und seinen neuen Plänen beschäftigt, darauf Achtung zu geben, grüßte deshalb nur Marie freundlich, bat sie dem jungen Mann indessen mitzutheilen, was er beabsichtige, und schlug rasch den Weg ein, der nach dem Lusthaus hinüberführte.

»Was war es mein Fräulein, das Herr von Hopfgarten Sie bat mir zu sagen?« frug der junge Mann, als sie allein auf dem Hofe standen, und Marie indessen forschend und ängstlich zu ihm aufschaute — »er hat mich an Sie gewiesen.«

»Herr Donner,« sagte aber Marie leise und schüchtern, die an Sie gerichtete Frage ganz überhörend — »es ist etwas vorgefallen — etwas — etwas sehr Unangenehmes — vielleicht — vielleicht zwischen Ihnen und meinem Vater — «

»Nichts — nichts mein Fräulein,« sagte Georg ausweichend und fast unbewußt denselben Weg langsam einschlagend, auf dem ihnen Hopfgarten vorangegangen war, während Marie in der noch unbestimmten Angst um etwas, das man ihr verheimliche, an seiner Seite blieb — »Sie sollten mir etwas sagen.«

»Herr Donner, beruhigen Sie mich erst über meine Frage,« bat aber Marie — »Sie haben etwas — etwas sehr Ernstes gehabt — So roth und erhitzt Sie vorhin schienen, so bleich sind Sie jetzt; das ist nicht von Anstrengung — es ist sicher etwas, was ich schon lange gefürchtet, vorgefallen. Gestehen Sie, Sie haben sich mit meinem Vater — sagen Sie mir Nichts,« — unterbrach sie ihn aber rasch, als er sich gegen sie wandte und reden wollte, und sein ganzes Äußere dabei verrieth, wie recht sie in ihrem Verdacht gehabt — »guter Gott ich — wir Alle wissen zu gut, wie ungerecht mein Vater schon mehre Mal gegen Sie gewesen, wie er treuen Freundesrath hartnäckig und barsch von sich gewiesen hat; Sie kennen ihn ja aber auch, wie seelensgut er sonst ist, und wie ihn das hartgesprochene Wort gleich hinterher gereut.«

»Dann wissen Sie ja auch,« setzte sie wieder zögernd und schüchtern hinzu, »wie er einmal gefaßten Plänen, selbst wenn es sein eigener Schade ist, hartnäckig folgt, und Schilderungen fremder Leute oft nur zu viel, zu ungerecht vertraut. Sehen Sie ihm das nach — lassen Sie sich nicht zurückschrecken und seien Sie besonders jetzt, wo er gerade wieder so vielen romantischen Plänen sein Ohr leiht, und Sachen thut, die ein praktischer erfahrener Landwirth vielleicht nicht thun würde, selbst gegen seinen Willen, sein — und warum soll ichs nicht sagen,« setzte sie in all ihrer Verlegenheit gar so lieb und vertrauensvoll lächelnd hinzu, »sein guter Engel, der, wenn auch wieder und wieder zurückgewiesen, doch nicht ungeduldig werden darf, um — unseretwillen.«

»Fräulein Marie,« sagte Georg, und die Worte rangen sich ihm nur schwer und mühsam aus der Brust — »Sie haben mir da ein Ziel vorgezeichnet, das zu dem höchsten Streben meines Lebens gehört; vorgezeichnet in dem Augenblick, wo es — rettungslos für mich verloren ist.«

»Was meinen Sie damit?« rief Marie, rasch stehen bleibend und seinen Arm ergreifend.

»Ich wollte den heutigen Tag nicht stören, keine andere, als freudige Worte sollten zu Ihren Ohren dringen, daß sie eine liebe Erinnerung daran in Ihrem Herzen wahrten. Das Leben bietet Ihnen ja hier überdieß so wenig andres, als Müh und Arbeit; Sie zwingen mich selbst dazu, und ich kann nicht länger schweigen — ich verlasse noch heute diese Farm, und mit ihr den Staat.«

»Herr Donner — « stammelte Marie, kaum im Stande, ihre Bewegung zu verbergen — »gehn Sie — gehn Sie nicht fort!«

»Ich kann nicht anders Fräulein Marie — Gott da oben ist mein Zeuge, die harten Worte, die Ihr Vater heute zu mir gesprochen — ich wollte sie gern vergessen, gern dem Mann, den ich liebe und achte wie einen Vater, mehr Rechte einräumen, als ich einem anderen Mann zugestehen würde, aber — er hat mir selber befohlen, daß ich gehen soll — kann ich da bleiben?«

Marie wandte den Kopf von ihm ab und schwieg, und auch Georg fand nicht gleich Worte wieder; endlich sagte er mit weicher, nur gewaltsam gesammelter Stimme:

»Ich habe noch eine Bitte an Sie Fräulein Marie — eine recht große Bitte, deren Erfüllung mich recht glücklich machen würde.«

»Wenn ich sie erfüllen kann, — « sagte Marie doch so leise, daß die Laute kaum zu Georgs Ohren drangen.

»Den kleinen Rosenstock,« fuhr Georg fort, »den, wie Sie wissen, mir die Mutter mitgegeben, und der mir unendlich lieb und theuer ist, muß ich zurücklassen, bis ich selber eine feste Stätte habe, ihn zu pflanzen. Schon einmal war ich gezwungen, ihn in New-Orleans fremden Händen zu übergeben, und hatte gehofft — darf ich ihn Ihrer Obhut überlassen?«

»Ich will ihn treulich aufbewahren,« flüsterte Marie.

»Dank Ihnen, tausend Dank — wie weh mir selber jetzt der Abschied thut, — « fuhr er dann traurig fort, »darf ich Ihnen wohl nicht erst sagen. Ich hatte auch den heutigen Tag noch hier bleiben, Ihre Freude, wenn auch nicht theilen, doch nicht stören wollen — ich fühle aber jetzt, daß ich es nicht einmal gekonnt; ich habe mir mehr Stärke zugetraut, als ich besitze — leben Sie wohl mein Fräulein und — denken Sie manchmal freundlich an Ihren alten Reisegefährten zurück, der die Stunden zu den schönsten zählen wird, die er in Ihrer Nähe verleben durfte — leben Sie wohl.« —

Marie reichte ihm die Hand, ohne den Kopf nach ihm umzudrehen, nicht ein Wort brachte sie dabei über die Lippen und Georg fühlte wie die Hand die in der seinen ruhte, zitterte. Er hielt sie viele Secunden lang fest, hob sie, als ob er sie an die Lippen drücken wollte, ließ sie wieder sinken, und wie mit einem raschen, wenn auch theuer genug erkämpften Entschluß sie frei lassend, wandte er sich, und schritt den Weg zurück, der zu dem Hause führte.

Marie drehte sich nach ihm um — ihr Mund öffnete sich, aber kein Laut kam über ihre Lippen; wieder kehrte sie sich von ihm ab, und während die hellen, bittern Thränen an ihren Wangen niederrollten, schritt sie dem Walde zu.


Der Mittagstisch versammelte wie gewöhnlich die Familienglieder um die lange Tafel — nur Georg Donner fehlte. Sein Couvert lag aufgedeckt, aber Anna nahm, als sich die Gäste setzen wollten, den Stuhl fort und den Teller mit Messer und Gabel vom Tisch.

»Wo steckt denn Donner eigentlich?« frug Hopfgarten, der das Zimmer schon flüchtig mit den Augen überflogen hatte, und den jungen Mann gerade suchte.

»Er läßt sich heute Mittag durch mich entschuldigen,« sagte die Frau Professorin, einen schüchternen Blick dabei nach ihrem Mann hinüberwerfend; dieser schien jedoch die Frage überhört zu haben und fing schon an die Suppe auszuschöpfen. Nur Theobald war aufmerksam geworden, und frug die Frau Professorin ob sie nicht wisse, wo Donner sei, und ob er vielleicht nach dem Lusthaus hinausgegangen wäre. Ein dunkler Verdacht stieg in ihm auf, daß sich der junge Mann auch bei der Festlichkeit, über die er mit eifersüchtigem Auge wachte, betheiligen könne, und am Ende gar die Tischzeit, wo er wußte, daß er ungestört blieb, benutzt habe, hinauszugehn. Die Frau Professorin beruhigte ihn aber darüber, und Theobald hatte bald andere Sachen im Kopf, ihn das wieder vergessen zu machen.

Die Tischgesellschaft war aber eine recht stille heute, wo Alle sich eigentlich vorgenommen hatten recht heiter zu sein, und wunderbarer Weise fiel es Niemandem auf. Donner war noch dicht vor Tisch im Haus gewesen, von Mariens Mutter und Schwester Abschied zu nehmen, und hatte nicht einmal bewogen werden können, wenigstens noch zum Essen zu bleiben. Der Professorin selber war das aber recht schwer auf die Seele gefallen, denn sie wußte, wie treu und redlich es der junge Mann mit ihnen meinte, und wie oft er den Vater schon von Sachen abgehalten, die, wie sich später auswieß, nur zu seinem Schaden gewesen, wenn er dem eigenen Kopf dabei gefolgt. Der Professor selber fühlte sich am Unbehaglichsten — er trug das unangenehme Bewußtsein mit sich herum, einen unüberlegten, vielleicht gar ungerechten Streich gemacht zu haben, und anstatt auf den böse zu sein, der die alleinige Schuld davon trug — auf sich selber — war er es auf die unschuldige Ursache desselben. Hopfgarten hatte nun vollends seine neuen Reise- und Rachepläne im Kopf, und hörte und sah kaum was um ihn her vorging. Eduard, erst kurz vor Tisch unverrichteter Sache von seiner Hirschjagd zurückgekehrt, war ärgerlich und verdrießlich, und Theobald brütete über einen Toast in Versen, den er vorher sorgfältig einstudirt und von dem er jetzt unglückseliger Weise gerade die Pointe vergessen hatte.

Marie, die Königin des Festes war die Allerstillste, und Anna, die neben ihr saß, wagte nicht sie um die Ursache zu fragen.

Nach und nach kam allerdings ein wenig mehr Leben in die Gesellschaft — Theobald hatte die Pointe wiedergefunden und fuhr plötzlich in die Höh sich seiner Last zu entledigen, daß er die Geschichte nicht am Ende gar noch einmal verlöre. Die Männer sprachen dabei fleißig dem heute ausnahmsweise gegebenen Weine zu, und selbst der Professor, der sich glaubte zusammennehmen zu müssen, damit ihm Niemand etwas anmerke, wurde gesprächig, lachte über ein paar Anekdoten die Theobald erzählte, und neckte den Sohn über sein unverbesserliches Jagdglück.

Gleich nach Tisch brach die Gesellschaft aber nach dem neuen Lustplatz auf, diesen einzuweihen und Theobald lief mehr als er ging, voran, sie dort, wie er meinte, würdig empfangen zu können.

Das gelang ihm auch vollkommen; die kleine freundliche Stelle im Walde war mit Blumen, grünen Reisern und blühenden Lianen geschmückt, und als die Familie, von Herrn von Hopfgarten begleitet, nur erst einmal den Prolog überstanden, mit dem sie Theobald von oben aus bewillkommte, und wobei ihm der neben ihm kauernde Eduard die fehlenden Worte zuflüstern mußte, wurde dort von den Männern ein Feuer gemacht, und der Kaffee mit dem schon vorher hinausgeschafften Kuchen genossen.

»Aber wo steckt denn nur Donner?« frug Hopfgarten, wie das Gedicht endlich wirklich vorüber war, den Professor noch einmal; »bei Tisch war er nicht — hier ist er auch nicht, und vorhin sah er so verstört aus — ich habe ihn nachher gar nicht wieder gesehn.«

»Ich habe den jungen Mann aus meinem Dienst entlassen,« sagte der Professor ernst und ruhig.

»Den Teufel haben Sie!« rief Hopfgarten, von seinem Sitze aufspringend — »den jungen Donner?«

»Ich schätze seinen Fleiß wie seine anderen guten Eigenschaften, und weiß sie vollkommen zu würdigen,« erwiederte Lobenstein, »aber ich bin nicht gesonnen, mir auf meinem eigenen Grund und Boden von einem Manne, der dem Alter nach mein Sohn sein könnte, Vorschriften, ja sogar Vorwürfe machen zu lassen.«

»Professor, Professor,« sagte Hopfgarten unruhig, »ich will zu Gott hoffen, daß Sie den Schritt in Ihrem Leben nicht bereuen — Donner war ein tüchtiger Kopf und ein fleißiger Arbeiter, und würde Ihnen von unberechenbarem Nutzen gewesen sein.«

»Wenigstens glaubte er das selber,« sagte Theobald, der mit Hopfgarten darin keineswegs einverstanden war, und jetzt zu seinem innigen Vergnügen hörte, daß der junge Mann, der ihm schon oft im Weg gewesen, den Platz räumen würde.

Hopfgarten sah den jungen Dichter an, und hatte eigentlich eine recht bittere Erwiederung auf der Zunge, schluckte sie aber hinunter, und sagte Nichts weiter als — »nun ich will Ihnen in der That wünschen, daß Sie es nicht bereuen mögen; mir aber ist es für den Augenblick gerade recht, und ich habe desto dringender mit ihm zu sprechen — Sie erlauben mir da wohl, daß ich einen Augenblick zum Haus zurückgehe, ihn aufzusuchen.«

»Ich werde Sie begleiten,« sagte Anna — »ich habe so noch etwas vergessen,« und ihr Bonnet aufnehmend, schritt sie mit Herrn von Hopfgarten dem Hause wieder zu.

Dort fanden sie Georg aber nicht mehr, und als sie zum Weber hinüber gingen, hörten sie von diesem, der sich gar keine Mühe gab, seinen Ärger zu verbergen, daß der junge Mann schon, trotz allen Gegenreden von seiner Seite, vor dem Essen den Platz verlassen habe. Er hatte seinen Tornister, der bei ihm gelegen, und Alles enthielt, was er bei sich führte, auf den Rücken geworfen und war damit nicht einmal eine Straße, sondern gerade querfeldein in den Wald hinein marschirt.

»Hätt' er den anderen Faullenzer, den Gedichtemacher fortgejagt,« sagte der alte ehrliche Bursche dabei, »so wäre Vernunft d'rin gewesen, so aber schickt er den besten Arbeiter fort, den er auf dem Platze hat, und mag nun auch sehn wie er so fertig wird. Soviel weiß ich aber, wenn mein Jahr nicht ohnedieß bald um wäre, ich kündigte ihm auch auf und ging meiner Wege, denn die ganze Geschichte hier nimmt doch kein gutes Ende und wem das nicht egal ist, dem dreht sich nachher das Herz im Leibe dabei um.«

Hopfgarten selber war außer sich, und machte alle möglichen Pläne, den jungen Mann wieder zu finden, schickte auch drei von den Leuten aus, denen er eine sehr gute Belohnung versprach, wenn sie ihn fänden und, wenn auch nicht zurückbrächten, doch aufhielten, daß er ihm selber nachginge. Alle drei kehrten jedoch spät am Abend unverrichteter Sache zurück — sie hatten gar nicht auf seine Spur kommen können.

Capitel 8.