In Michigan.
Es ist ein eigenes Gefühl für den Europäer, die Straßen einer der, wie aus dem Boden gewachsenen jungen Amerikanischen Städte zu durchwandern, und um sich her das Drängen und Treiben jener geschäftigen Menschenwelt zu sehn, die von allen Theilen Amerikas und Europas herbeigezogen, wild und bunt hier zusammen strömt, ihre Hütten baut, und keinen anderen Trieb fast kennt als eben — reich zu werden. Alles ist neu und unfertig, nur dem augenblicklichen Bedürfniß genügend, und selbst wo der Kern der Stadt, der Mittelpunkt von dem aus sie ihre Strahlen schießt, und Häuser und Straßen wie Crystalle ansetzt, stattliche neue Steingebäude bilden, stehen dicht daneben niedere, nur flüchtig errichtete Holzhütten, momentane Wohnplätze für ihre Bewohner, die im nächsten Jahr eine Etage, oder rechts und links einen Anbau treiben, und sich endlich ebenfalls zu einem mächtigen Backsteinhause bilden, das wiederum seinen Anwuchs neben sich keimen und emporsteigen sieht.
Und selbst das Älteste, wie neu; die frischbehauenen Steine vorn als Schwellen, die lichten, noch nicht wettergebräunten Schindeln auf den Dächern, die oft noch nicht einmal gestrichenen Rinnen, die frisch und hell geschmacklos angemalten Jalousien; die kleinen Holzgebäude daneben mit ihren viereckig weiß gestrichenen Fronten, mit einem Bretervorschuh obendrauf, anscheinend das Ganze größer aussehn zu machen, in Wirklichkeit aber riesigen Firmen Raum zu geben, die mit dem Nachbar Steinhaus concurriren sollen; die jungen Kirchen selbst mit dem viereckig hölzernen ungeschickten Thurm — ebenfalls Concurrenzen zwischen Baptisten, Presbyteriern, Methodisten, Unitariern, Episcopalen, Universalisten, Katholiken, Congregationalen und wie die unzähligen feindlichen Sekten unserer einigen christlichen Kirche alle heißen; die Wirthshausschilder selbst mit den kolossalen und oft wunderlich genug gemalten Überschriften wie: »Experiment« — »Opposition« — die aufgehäuften Waaren überall, Massen davon noch nicht einmal unter Dach und Fach gebracht, Whiskeyfässer mit rothen Böden und schwarzer Aufschrift, mit den Cincinnati-Stempeln; ebenso Pork- und Mehlfässer, Colonialwaaren, in Schuppen ungespeichert; Kleiderläden, aus rohen Bretern frisch aufgeschlagen, mit einem durch eine Kattunwand abgegrenzten Schlafplatz drinn, und oben die Firma eines deutschen Jüdischen Namens tragend; die Straßen zum großen Theil noch nicht einmal gepflastert, und einzelne Stücken Fenz sogar noch hie und da im Innern der Stadt, die wie abgeschnitten und überrascht von dem fabelhaft schnellen Bau der Häuser um sie her, vergessen scheinen in dem allgemeinen Drängen nach vorwärts.
Und dann die Menschen erst — wie das rennt und stürmt und galopirt und die Schultern gegen sein Tagwerk stemmt; diese Hast des Erwerbs hat kein anderes Land der Erde aufzuweisen, und mit der kecken Stirn mit der der Yankee jeden Gewinn vom Zaune bricht, der sich ihm bietet, gleichviel woher er komme, mißt sich ebenfalls kein anderer Stamm.
»Du glaubst zu schieben, und Du wirst geschoben,« ein Halten ist nicht möglich, denn der Hintermann weicht Dir nicht aus oder schreitet um Dich herum, er schiebt Dich mit sich, oder — tritt Dich noch lieber unter die Füße, selber einen etwas festeren Halt zu bekommen für den eigenen Fuß; was schiert ihn der Nachbar.
Und das Gemisch von Sprachen, von Trachten, von Sitten in solcher neuen Stadt. Der trunkene Ire, der mit der Schaufel über der Schulter durch die Straßen jubelt, in irgend einem Keller oder Brunnen sein Tagewerk zu beginnen, der glatte Franzose mit dem zierlich gekräuselten moustache, der Seemann wie er vom Schiff herunter kommt, den Mund voll Flüche und Taback; der sanfte Reverend mit der weißen glatten Halsbinde, dem viel glatteren Hut und noch glatteren Gesicht; auch auf der Jagd, wie die Anderen, nicht nach Arbeit zwar, aber nach Gewinn, Abonnenten für seine Sitze in der eigenen Kirche zu schaffen, ehe sie der Nachbar Baptist oder Unitarier für sich geangelt hat; der deutsche Bauer mit dem langen Rock und ausgeschweiften Hut, immer in Schweiß und immer zu spät kommend, wo es den Lohn zu erndten giebt für ehrlich geleisteten Dienst; der lange Yankee dazwischen, glatt rasirt und, als einer höchst lobenswerthen Eigenschaft, mit stets reiner Wäsche, sei er noch so arm, dabei aber nicht selten in zerrissenem Frack, und über kreuz und quer durch das Oberleder geschnittenen Stiefeln, den Zehen freien Raum zu geben. Der Mulatte und Neger, mit aufgestreiften Hemdsärmeln und immer freundlichem, oft gutmüthigen Gesicht, die Arme vor sich her schlenkernd und die Hände halb gekrümmt, zum Zupacken an irgend etwas; und dazwischen hinschleichend vielleicht, ein Indianer in seine Decke gehüllt, den bemalten Kopf mit Federn geschmückt und die Büchse auf der Schulter mit dem Putzstock in der rechten Hand, der staunend und scheu das dunkle Auge nach allen Seiten hinüberwirft, das wunderbare Volk der Bleichgesichter hier förmlich aus dem Boden herauswachsen zu sehn. Wie der die Brauen so finster zusammenzieht und mit den Zähnen knirscht, wenn er daran denkt, daß es seine Jagdgründe sind, die sie ihm verödet, daß der Boden die Gebeine seiner Väter deckt, deren Gräber entweiht und ihres heiligen Schattens beraubt wurden. Aber was hilft es ihm daß er die Büchse fester packt und die Decke halb von der rechten Schulter wirft — seine Zeit ist vorbei, und mit dem ersten Schiff, das weiße Wanderer seinem Lande brachte, brach auch der Damm, der es bis dahin geschirmt und geschützt vor Überschwemmung. Langsam und leise zwar kamen sie im Anfang heran; freundlich und bittend, wie die Fluth auch an dem erst berührten Damm ganz langsam sickernd wäscht und spühlt und einzelne Tropfen nur hinüberfließen läßt zur anderen Seite; aber der Riß weitert sich, und stärker beginnt es zu laufen. Noch wär' es Zeit, wenn Alles jetzt zur Hülfe spränge und sich entgegenwürfe dem gemeinsamen Feind; »aber es ist wohl nicht so schlimm,« denken die Meisten, und die im Lande drin, die kümmerts auch wohl gar nicht. »Da müßt es stark kommen und mächtig werden, wenn es uns hier erreichen sollte — die, denen es am nächsten auf der Haut brennt, mögen sich wehren.« Die wehren sich auch wohl, doch wächst die Fluth und hier und da reißt sie auf's Neue Bahn, stärker, immer stärker und mächtiger, und furchtbar plötzlich mit der ganzen Kraft das letzte Hinderniß zu Boden reißend, das sich ihr noch entgegen stellte. Jetzt möchten die im Lande drinnen die Arme auch gebrauchen, aber das Wasser hat sie schon erreicht — das ganze Land ist überschwemmt, der Boden weicht ihnen unter den Füßen fort. Noch schwimmen sie, das Messer zwischen den Zähnen, doch umsonst — die Strömung ist zu stark, und mit ihr treiben die letzten ihres Stammes dem Meere zu.
Hopfgarten hatte Milwaukie nach gerade nicht sehr langer, aber höchst beschwerlicher Fahrt erreicht, und schlenderte, eben angekommen, noch mit seinem Reisesack unter dem Arm, die Ost-Wasserstraße hinab, dem Mittelpunkt der Stadt zu, die sich hier, mit dem weiten herrlichen See und seinem regen Treiben zu seiner rechten, in bunter thätiger Geschäftigkeit entwickelte.
Unser alter Freund hatte sich übrigens, mit keinem weiteren Ziel der Straße folgend, als ein ihm zusagendes Hotel zu finden, ganz diesen neuen Eindrücken hingegeben, und schaute mit einer Art von Behagen auf das Gewirr und Jagen um sich her, dem er keineswegs fern stand, sondern zu dem er, gerade in seiner Ruhe und mit seinem Reisesack unter dem Arm, recht eigentlich gehörte. Daß sich dabei Niemand um den Fremden, wo Alles fremd war, kümmerte, gefiel ihm ebenfalls, und nach Bequemlichkeit die verschiedenen Schilder und Firmen lesend, wie sie jedem Ankommenden schon Straßen weit in die Augen leuchten, stutzte er plötzlich, als ihm ein bekannter Name zwischen der Unzahl französischer, englischer und deutscher Firmen, in englischer Schrift, auffiel.
»Dr. J. A. Huckler, praktischer Arzt und Geburtshelfer,
Operateur und Chirurg, — Besitzer der Königl. Preuß.
Verdienstmedaille etc. etc. etc. — «
während unten, neben der Thür noch ein ganz kleines Schild hing, auf dem mit winzigen deutschen Buchstaben stand »deutscher Arzt«!
»Wäre doch wunderbar,« murmelte der kleine Mann vor sich hin, ging aber auch, ohne sich weiter zu besinnen, auf das ganz frisch angemalte weiße Häuschen zu, dessen mangelnde erste Etage eben durch diese Riesenfirma vollkommen ersetzt wurde, öffnete die Thüre und fand sich gleich darauf in dem kaum vierzehn Fuß langen und nicht breiteren Raum seinem alten Reisegefährten, dem »Doctor« Hückler, wie einem scheußlichen, dicht hinter ihm aufgestellten Skelett gegenüber.
»Guten Morgen Doctor,« rief der Reisende, unwillkürlich, aber dabei neben ihm weg nach dem Skelett hinübersehend — »wie gehts?«
»Guten Morgen Herr von Hopfgarten,« erwiederte der Doctor, so ruhig jedoch, und so ohne auch nur das geringste Erstaunen über den Eintritt eines Mannes zu zeigen, mit dem er die Seereise gemacht, und von dem er seit der Zeit Nichts wieder gehört, als ob er ihn alle Tage um dieselbe Stunde hätte bei sich eintreten sehen, »doch nicht krank will ich hoffen? sollte mir leid thun.«
»Seh' ich aus wie ein Kranker, Doctor,« lachte Hopfgarten, »nein ich sah Ihr Schild draußen, und wollte mich nur erst einmal überzeugen, ob Sie es wirklich selbst wären, der sich hier, unter der riesigen Firma und mit allen möglichen und erdenklichen vortheilhaften Eigenschaften, niedergelassen hat. Wo zum Teufel haben Sie übrigens das ekelhafte alte Knochengestell dahinten aufgetrieben? steht das zur Verzierung hier in Ihrer Bude?«
»My deur Sir,« sagte der Doctor mit einer nicht ungeschickten Amtsmiene, »in dieser Hinsicht sind Sie in unserem Fache wohl noch zu fremd, die Ursachen zu begreifen, weshalb man dem ungebildeten Theil der Amerikanischen sowohl, wie fremden Bevölkerung, durch die That und gewissermaßen bildlich beweisen muß, daß man sein Fach versteht, und sich nicht nur mit der Haut beschäftigt, sondern in seinen Forschungen bis auf die Knochen unseres Systems gedrungen ist.«
»Warum machen Sie solche Umstände,« lachte Hopfgarten gutmüthig, »und sagen mir nicht lieber mit einfachen Worten, »davon verstehen Sie Nichts,« — das ist mir schon mehre Male passirt. Sie mögen übrigens recht haben,« setzte er dann, indem sein Blick im Zimmer umherschweifte, hinzu; »wahrscheinlich versteh ich davon ebensowenig, wie von den eingemachten Schlangen, und Eidechsen und kleinen Kindern, die Sie hier in Gläsern herumstehn haben. Doctor das ist ein schauerlicher Nipptisch, und könnte Einem den Appetit auf eine ganze Woche verderben. Also es geht Ihnen gut, wie? nun das freut mich; nach alle dem, wie Sie die Sache hier angegriffen, zweifle ich auch wirklich nicht daran, daß Sie Ihren Weg in Amerika machen werden.«
»Lieber Herr von Hopfgarten,« sagte Hückler, sich eine Cigarre aus einem hinter ihm stehenden Kästchen nehmend, und sie anzündend, »der Begriff »Weg machen« läßt sich bei Männern unseres Fachs nicht wohl anwenden. Die Wissenschaft hat ihre eigene Bahn, auf der sie langsam aber sicher fortschreitet, und wer in der Bahn den Anforderungen genügt, die an ihn gemacht werden, der schwimmt oben und kann seinen Kahn ziemlich in jeden beliebigen Hafen steuern. Wer das nicht kann — nun der sinkt eben unter, und verschwindet in der Masse des übrigen Gelichters, das hier nach Amerika kommt, und glaubt, es brauche nur die Nase herein zu stecken, schon mit offenen Armen empfangen zu werden. Wir hier in Amerika überschauen das aber mit ziemlich ruhigem Blick, und wissen, was wir von derlei Hoffnungen zu erwarten haben.«
»Wir hier in Amerika? — hm,« sagte Hopfgarten, wirklich erstaunt über die Veränderung, die wenige Monate in dem sonst so stillen und oft sogar schüchternen Chirurgen hervorgebracht — »nicht so übel, Sie sprechen, als ob Sie so viele Jahre wie Monate in Amerika wären.«
»Die Erfahrungen reifen den Mann, nicht die Jahre,« entgegnete der Doctor ruhig. —
»Sehr hübsch gedacht, besonders vom medicinischen Standpunkte aus,« sagte Hopfgarten, »aber apropos — irr' ich mich, oder habe ich irgendwo gehört, daß Sie auch schon verheirathet sind? — «
»Allerdings,« sagte Hückler, den Rauch seiner Cigarre von sich blasend — »ich kam vor etwa drei Monaten nach Wisconsin, und fand das Unwesen der Ärzte hier zu einem Höhepunkt gediehen, der wirklich nicht zu beschreiben ist. Es quacksalberte eine Anzahl von Leuten hier herum, von denen selbst jetzt sogar noch ein großer Theil seine Gifte all jenen Unglücklichen verabreicht, die ihnen in die Hände fallen, und mehre sehr achtbare Amerikanische Familien besonders, waren von solchen Betrügern wahrhaft gemißhandelt, und langsam aber systematisch nach und nach ausgemordet worden. Da kam ich hierher, und wurde in verschiedenen Fällen zu, von Amerikanischen Ärzten schon aufgegebenen Kranken gerufen. Eine bedeutende New-Orleans Praxis hatte mich dabei mit den hiesigen klimatischen Verhältnissen vertraut gemacht, ein rascher Blick, der einem tüchtigen Arzt eigen sein muß, oder er ist eben kein tüchtiger Arzt, setzte mich in den Stand, die Übel, wie die begangenen Misgriffe richtig zu erkennen, mit einem Wort ich kam — ohne unbescheiden zu sein, sah und siegte. Die Tochter eines sehr wohlhabenden Farmers ganz in der Nähe, riß ich solcher Art aus den Krallen des Todes, und der Vater, der sein Kind schon aufgegeben hatte, gab es mir, zur weiteren Verpflegung.«
Hopfgarten hatte sich, ohne übrigens von dem Besitzer des »doctor shops« dazu besonders aufgefordert zu sein, auf dem einzigen Stuhle niedergelassen, der in dem kleinen Raum, wahrscheinlich zur Bequemlichkeit vorsprechender Patienten, stand, und hörte, beide Daumen dabei um einander jagend und die Blicke fest auf den Erzählenden heftend, diesem Schlacht- und Siegesbericht geduldig zu. Es war ihm ein eignes Gefühl, und nicht ohne Interesse für ihn, die Verwandlung zu beobachten, die in dem ganzen Wesen des früheren Hückler, jetzigen plötzlichen M. D. vorgegangen, und er konnte nicht umhin dabei Vergleiche zwischen ihm und den jungen Donner anzustellen, die allerdings nicht zum Vortheil seines jetzigen Gegenüber ausfielen. Hückler aber, dessen ganz unbewußt, und so fest überzeugt geworden von seinen Talenten, daß er nicht einmal mehr selber erstaunt war, plötzlich einen so ausgezeichneten Arzt in sich entdeckt zu haben, schwatzte noch eine Weile in der obigen Weise fort, und suchte besonders seinem früheren Reisegefährten eine Idee von der ausgebreiteten sowohl wie ausgezeichneten »Kundschaft« beizubringen, die er sich hier schon in der kurzen Zeit seines Aufenthalts erworben, und ersuchte ihn endlich, ihn doch einmal Abends auf seiner »Villa« in der Nähe der Stadt zu besuchen, auch seine häusliche Einrichtung in Augenschein zu nehmen. Vielleicht wollte er dadurch seinem Besuch, den er doch wohl im Verdacht hatte, früher eine nicht ganz so gute Meinung von ihm gehabt zu haben, imponiren; vielleicht aber auch — das Wahrscheinlichere — etwas pariren, was er durch Herrn von Hopfgartens Erscheinen mit dem Reisesack, freilich unbegründet, glaubte fürchten zu müssen, daß dieser nämlich die Absicht habe sich, fremd in der Stadt, bei ihm, als einem alten Reisegefährten, einzuquartiren.
Hopfgarten dachte natürlich gar nicht an etwas derartges, hielt aber gerade den hier jedenfalls ziemlich bekannten Hückler für eine passende Persönlichkeit, das, was ihm am meisten am Herzen lag, zu erfahren. Direkt nach Henkel zu fragen scheute er sich allerdings — er wollte Alles vermeiden, was den Burschen vor der Zeit warnen konnte, und besann sich deshalb eben auf eine passende Einleitung, als ihm Hückler darin schon auf halbem Wege entgegenkam.
Dieser begann nämlich damit, seine Kunden aufzuzählen, und Hopfgarten ließ ihn darin ruhig gewähren, bis er nur fortwährend Amerikanische oder fremde Namen nannte, und Hopfgarten ihn dann endlich unterbrach und sagte:
»Nun — und wie ist es mit den Deutschen? wir scheinen doch hier eine Unmasse Landsleute zu haben, und Wisconsin soll ja, wie mir in anderen deutschen Staaten erzählt ist, überhaupt zum größten Theil von Deutschen bevölkert sein; haben Sie unter denen keine Praxis?«
»Yes, es sind viele hier,« sagte Hückler, anscheinend sehr gleichgültig, »mit denen ist aber wenig anzufangen, mein lieber Herr von Hopfgarten. Es kommt da eine Raçe Menschen von unserem guten Deutschland herüber, daß man sich seiner Landsleute ordentlich schämen möchte, und ich selber habe nicht gern — ich muß es aufrichtig gestehn — etwas mit ihnen zu thun. Es macht Einem auch bei den Amerikanern keinen guten Namen, viel mit den black dutch [4] zu verkehren.«
»Nicht mit den Deutschen« rief Hopfgarten verwundert, und mußte dabei wirklich an sich halten, dem eingebildeten Narren, der sein eignes Vaterland verleugnen wollte, nicht das erste beste Glas an den Kopf zu werfen — »weshalb nicht, wenn ich fragen darf?«
»Ih nun,« sagte der selbstgemachte Doctor, die Nase rümpfend und mit den Achseln zuckend, »ich weiß nicht — man hat eben keine Ehre davon, mit ihnen umzugehn, noch dazu wenn man in Amerikanische Familien eingeführt und der Englischen, doch viel schentileren Sprache mächtig ist. Ich weiß nicht — ich spreche zum Beispiel, obgleich es mir noch manchmal etwas ungewohnt vorkommt, zehntausend Mal lieber Englisch wie Deutsch — es ist auch die Landessprache, und wir müssen uns darein finden. Übrigens,« setzte er rasch hinzu, als er an Hopfgartens Gesicht doch wohl sehn mochte, daß dieser mit den eben geäußerten Ansichten nicht so ganz einverstanden war, »giebt es auch Gott sei Dank einige Ausnahmen hier von der Regel, aber freilich wenige; so habe ich neulich wieder das Vergnügen gehabt, einen alten Reisegefährten von der Haidschnucke hier begrüßen zu können, der dabei auch schon mit mehren Amerikanischen Familien sehr befreundet ist, und in andern durch mich eingeführt wurde — Sie erinnern sich doch noch an Herrn Henkel — «
»Also er ist hier?« rief Hopfgarten ganz gegen seinen Willen schneller als es seine Absicht gewesen, und setzte erst dann wieder langsamer hinzu — »oh ja, ich erinnere mich jetzt gehört zu haben, daß er eine Reise nach dem Norden beabsichtigte.«
Hückler, so sehr er auch mit sich selber beschäftigt sein mochte, bemerkte doch, und zwar mit einem etwas erstaunten Blick, die unverkennbare Erregung Hopfgartens bei dem Namen, wenn er sich auch natürlich die Ursache nicht im Geringsten erklären konnte, oder sich etwa Mühe gegeben hätte das zu thun. Rasch auch darüber hingehend, begann er wieder von seinen Verbindungen, wie ebenfalls von seinen jetzigen Einnahmen zu erzählen, die er mit einer gewissen wegwerfenden Gleichgültigkeit wahrscheinlich noch um das zehnfache übertrieb, dem früheren Reisegefährten so viel als möglich zu imponiren. Im Laufe des Gesprächs, in dem sich Hopfgarten schon entsetzlich zu langweilen begann und auf raschen Rückzug dachte, erwähnte er dabei, daß er jetzt eben im Begriff stehe, bedeutende Gelder nach Europa zu senden, und zwar einen Theil derselben seinen Eltern, einen anderen aber, um ihn in einem gewissen Papier, zu dem er besonderes Vertrauen hege, anzulegen.
»Ich muß auch nach Europa schreiben« sagte Hopfgarten, von seinem Stuhle aufstehend, »von hier aus thut man das wohl am Besten über New-York?«
»New-York wird wohl die schnellste Beförderung sein,« erwiederte Hückler, »ich sende auch in diesen Tagen etwas hinüber, und zwar, da mir daran liegt, es sicher hinüber zu bringen, durch Herrn Henkel selber, der gerade genöthigt ist, eine Geschäftsreise nach Deutschland zu machen.«
»Durch Herrn Henkel?« sagte Hopfgarten rasch und erstaunt »aber — aber um Gottes Willen, weshalb schicken Sie es denn da nicht durch die Post, oder durch einen hier ansässigen Kaufmann, der Ihnen — der Ihnen gewissermaßen eine Garantie für die richtige Ankunft bietet — «
»Ah, mein lieber Herr von Hopfgarten,« lachte Hückler, die Lippen dabei mit einem gewissen bedauerlichen Lächeln zusammenziehend — »Sie haben die alten Geschichten im Kopfe, Märchen und Sagen von Leuten, die Nichts von der Sache wissen und gerne klug reden wollen, daß man, einmal in Amerika angelangt, seinem eigenen Bruder nicht mehr trauen dürfe. Das mag recht gut sein für solche, die »grün« im Lande sind, wie wir hier sagen, wer aber da erst einmal seine Schule durchgemacht hat, mein guter Herr von Hopfgarten, der weiß schon, wem er trauen darf und wem nicht.«
»Ja, aber ich meine nur — «
»Wer mich leimen will, mein guter Herr von Hopfgarten,« fiel ihm Hückler wieder in die Rede, »der muß früh aufstehn, und dann findet er erst recht, daß es ihm Nichts geholfen — ich kenne meine Leute; wem ich vertraue, darauf können Sie sich verlassen, der verdient es.«
»Nun, das ist mir lieb,« sagte Hopfgarten, der sich über den Holzkopf ärgerte; »aber noch eins, Herr Hückler — Sie sind doch hier in der Stadt bekannt, und können mir gewiß ein gutes Gasthaus empfehlen, ein oder zwei Tage da zu logiren.«
»Ih nun,« sagte der Doctor, »es hat sich vor nicht gar langer Zeit ein sehr achtbarer Mann hier etablirt, dessen Frau ich behandle — ein Deutscher allerdings, und obgleich ich eigentlich nicht für die deutschen Gasthäuser bin, muß ich doch gestehn, daß er ein sehr gutes, besonders sehr reinliches Boardinghaus hält. Es liegt in der Westwasserstraße und heißt »der rothe Drachen« — Sie brauchen nur hier gerade auszugehn — ist auch billig; drei Dollar die Woche für Kost und Logis.«
»Dort wird auch wohl Herr Henkel logiren,« bemerkte Hopfgarten vorsichtig, der dem Burschen nicht eher zu begegnen wünschte, ehe er mit dem Staatsanwalt gesprochen hatte.
»Nein,« sagte Hückler lächelnd, »Herr Henkel wohnt in einem Amerikanischen Hause in Prairie street — es ist aber ein Privathaus und würde weitere Boarders,« setzte er hinzu, »nur vielleicht auf die Empfehlung eines bekannten und geachteten Mannes aufnehmen — ich habe Herrn Henkel auch dorthin empfohlen. Herr Henkel wird übrigens heute Abend oder morgen früh wieder abreisen, dann bekommen die Leute Platz, und wenn Sie es wünschen — «
»Bitte, bitte,« rief Hopfgarten rasch und abwehrend, »bemühen Sie sich nicht meinethalben — aber Sie sagen, Henkel verläßt Milwaukie so bald wieder; das thut mir leid, ich hätte ihn gern gesprochen. — «
»Er wäre schon gestern abgereist,« sagte Hückler, »und ist wirklich nur in seiner unendlichen Gutmüthigkeit einigen Deutschen Familien zu Liebe noch so viel länger hier geblieben, die ebenfalls Geld nach Deutschland schicken wollten, Verwandte herüberkommen zu lassen, und natürlich keine bessere Gelegenheit finden konnten.«
»So — deshalb?« sagte Hopfgarten, »doch ich muß es mir jetzt erst ein wenig bequem im Gasthaus machen; also guten Morgen Doctor — «
»Guten Morgen Herr von Hopfgarten — ich hoffe, daß Ihnen hier Nichts passiren wird; wenn es aber der Fall sein sollte so — «
»Passiren? — was soll mir denn hier passiren?« frug Hopfgarten sich, schon in der Thüre, noch ganz erstaunt umsehend.
»Nun, ich meine, wenn Sie vielleicht krank werden sollten — das Klima ist sehr gesund, aber kleine Übel vernachlässigt — «
»Ah so? — ei ja wohl, Herr Doctor, versteht sich von selbst, daß ich dann Ihre Hülfe in Anspruch nähme,« lachte Hopfgarten. »Wahrhaftig, wenn es nicht eigentlich sündhaft wäre, könnte ich mir, nur um das Vergnügen zu haben von Ihnen behandelt zu werden, ordentlich so ein gutartiges Nervenfieber oder einen Choleraanfall an den Hals wünschen — guten Morgen Herr Doktor.«
»Guten Morgen Herr von Hopfgarten — beehren Sie mich bald wieder.«
»Holzkopf,« brummte Hopfgarten leise zwischen den Zähnen durch, als er langsam die Straße hinaufging, aufmerksam die Schilder über den Thüren betrachtete, und die Firmen las, den rothen Drachen herauszusuchen.
Mit Hülfe von ein paar Deutschen, denen er unterwegs begegnete, und die ihn bereitwillig bis zu der Thüre des Wirthshauses begleiteten, fand er diesen endlich und trat hinein. Der rothe Drachen unterschied sich im Äußeren übrigens durch Nichts, als sein Schild — einen furchtbaren rothen Drachen, der eben einen armen Handwerksburschen oder sonst ein unglückliches Menschenkind gefangen und schon halb verschluckt hatte — von den übrigen Gasthäusern dieser Art, »Deutsches Kosthaus zum rothen Drachen« stand auf einem weißen Schild mit großen rothen Buchstaben über der Thür und die kleine bar (der Schenkstand) unten im Haus, hatte eben das stereotype Äußere, wie alle diese ähnlichen zahllosen Einrichtungen durch die ganzen Vereinigten Staaten. Aber gleich nach seinem ersten Eintritt merkte Hopfgarten einen fühlbaren Unterschied zwischen dem rothen Drachen und anderen, mit ihm auf gleicher Stufe stehenden Gasthäusern, die er bis jetzt betreten, und die sehr zu Gunsten dieses Platzes ausfielen: seine große Reinlichkeit, die hier die sorgsame fleißige Hand einer tüchtigen Wirthin verrieth, und einen wohlthätigen Eindruck auf den Fremden machte. Nicht allein das saubere Tischtuch mit Servietten (eine seltene Bequemlichkeit in der Union) das den Tisch bedeckte, nicht allein die blitzenden Scheiben der Fenster und Glasthüren, nein, auch der sorgsam gescheuerte, und mit weißem frischem Sande bestreute Boden, die reinlichen Gardinen an den Fenstern, das blitzende Geschirr, das hie und da stand, gaben Zeugniß davon, und Hopfgarten, sehr zufrieden mit diesem ersten Eindruck, frug den Barkeeper, ob er ein kleines Zimmer für sich allein bekommen könne — vielleicht nur auf kurze Zeit, vielleicht auf länger.
Das hatte einige Schwierigkeit; Amerikanische Gasthäuser, in deren Stuben gewöhnlich immer drei und vier Doppelbetten stehn, sind nicht oft auf derlei Bequemlichkeiten eingerichtet, und der Wirth mußte deshalb gerufen werden, das selber zu entscheiden.
Thuegut Lobsich hatte sich in der Zeit, in der wir ihn nicht gesehn haben, doch bedeutend verändert; er war schwammiger, sein Gesicht röther geworden, aber dasselbe gutmüthige Lächeln lag ihm noch in den breiten Zügen, deren sämmtliche Färbung sich in der Mitte seines Gesichts (auf der Nase) zu »concentriren« schien. Thuegut Lobsich wußte aber auch genau, weshalb das geschah, denn wo er in Deutschland Bier getrunken hatte, in dem vergeblichen Versuch seinen Durst zu löschen, trank er hier schwere Weine, Sherry und Madeira und Cognac und Brandy dazu, dem fehlenden Appetit unter die Arme zu greifen, oder, wie er selber sagte, »seinen Gästen mit einem guten Beispiel voranzugehn.«
»Der Mann da will gern ein Zimmer für sich allein haben,« sagte der Barkeeper — ein ziemlich ungeschlacht aussehender halb Amerikanisirter Deutscher, mit aufgestreiften Hemdsärmeln, ein gelb und rothseidenes Taschentuch über die rechte Schulter und unter dem linken Arm durchgebunden, indem er Herrn von Hopfgarten seinem Principale vorstellte, »kann er eins kriegen?«
»Guten Morgen Herr Landsmann,« sagte aber Lobsich, ohne auf seinen Barkeeper weiter zu achten, indem er auf den Fremden zuging, ihm die Hand gab und diese derb schüttelte — »wie gehts Ihnen? — schon lange im Lande? sind doch ein Deutscher, nicht wahr? — ja wohl, sieht man Ihnen gleich an — hol der Teufel die Amerikaner — wollen also bei uns wohnen? — können ein Zimmer kriegen; was trinken Sie denn?« — und mit dieser Endfrage, auf die er, schon seinethalben eine direkte Antwort haben mußte, während der Barkeeper, kaum das Stichwort hörend, hinter seinen Schenkstand sprang, trat Lobsich mit seinem Gaste, der noch gar nicht zu Worte kommen konnte, zu der Bar, und winkte nur mit den Augen nach seiner Flasche hinüber.
Hopfgarten mußte er freilich die ächt Amerikanische Frage »was trinken Sie« noch einmal wiederholen.
»Ein Glas Portwein, wenn ich bitten darf; also das Zimmer kann ich bekommen?«
»Kostet aber einen Dollar mehr die Woche,« sagte der Barkeeper.
»Der Herr hat ja noch gar nicht danach gefragt, Dickkopf!« rief Lobsich, sich rasch und ärgerlich nach ihm umdrehend — »ist mir doch was Unbedeutendes, was die Art Burschen sich immer in Sachen mischen, die sie Nichts angehn — na, krieg ich Nichts?« fuhr er dabei fort, sein eben ganz in Gedanken ausgetrunkenes Glas dem Barkeeper wieder hinschiebend, der es auf's Neue füllte.
»Noch nicht lange hier in Milwaukie?« nahm Lobsich die Unterhaltung wieder auf, als er auch sein zweites Glas geleert.
»Erst seit einer Stunde etwa,« sagte Hopfgarten, »aber dürfte ich Sie wohl bitten, mir das Zimmer zu zeigen; ich möchte mich gern waschen und umziehn, und vor Tisch noch einige Wege besorgen — Adreßkalender giebt es wohl hier nicht in Amerika?«
»Kalender? — ja — hier hab' ich einen komischen,« sagte der Barkeeper.
»Der Mensch ist zu dumm,« entschuldigte ihn Lobsich — »nein Herr Landsmann, so Dinger giebts hier nicht. Hier kommt und geht Jeder wie's ihn freut; aufgeschrieben wird Niemand dabei, und von zehn Gästen, die bei mir logiren, weiß ich oft von neunen nicht einmal den Namen.«
»Ja, wohl wahr,« sagte Hopfgarten, »apropos, können Sie mir wohl sagen, ob Sie hier in Milwaukie einen Staatsanwalt wohnen haben?«
»Staatsanwalt? — was wollen Sie denn mit dem machen?« frug Lobsich erstaunt, »hören Sie, hören Sie Freundchen, wenn Sie nicht müssen, lassen Sie sich um Gottes Willen nicht mit den Amerikanischen Gesetzen ein; die kosten eben gar kein schweres Geld — und wie haben Sie Einen gleich, wenn man sie nur ganz leise anfaßt.«
»Lieber Herr Lobsich, das ist ziemlich mit allen Gesetzen so,« sagte Hopfgarten achselzuckend, »wer nicht muß, soll sich mit ihnen um Gottes Willen nichts zu schaffen machen; manchmal,« setzte er lachend hinzu, »kann man das aber nicht vermeiden, und dann muß man sich wohl darein fügen — Aber mein Zimmer, wenn ich bitten darf; ich bin wirklich in Eile.«
»So gehn Sie einmal mit dem Herrn hinauf in das kleine Erkerstübchen, Schmidt,« sagte Herr Lobsich zu seinem Barkeeper, den er überhaupt in diesem Augenblick gern los zu sein wünschte, »und nehmen Sie gleich Waschbecken und Handtuch mit hinauf, sonst müssen Sie die Treppen noch einmal steigen, verstanden?«
»Ay ay Sir!« antwortete Schmidt, der einmal Steward auf einem, den See befahrenden Dampfboot gewesen war, und wenn es anging, noch immer gern einen seemännischen Ausdruck gebrauchte. Sich jetzt zu dem Fremden wendend, sagte er zutraulich —»also Freund, wenn Sie mitkommen wollen, will ich Ihnen Ihren Bettplatz zeigen.« Die Hände dabei in die Taschen schiebend, stieß er die Thüre mit dem Fuße auf, und schlenderte langsam voraus, von Hopfgarten mit dem Reisesack unter dem Arme, langsam gefolgt.
Kaum hatten die Beiden die Schenkstube verlassen, als Thuegut Lobsich rasch hinter den Schenkstand ging, eine der Flaschen noch einmal herunternahm, sich ein Glas ganz vollschenkte, auf einen tüchtigen Zug hinuntergoß, die Flasche dann wieder an ihren Platz stellte, das Glas ausspühlte und abtrocknete und eben wieder hinter dem Schenkstand vortreten wollte, als er, in der Thür stehend, seine Frau erblickte, die ihn mit einem keineswegs vorwurfsvollen, aber doch recht ernstwehmüthigen Blicke still und schweigend betrachtete.
»Nun Kind, wie gehts?« rief Lobsich, der fast unwillkürlich nach einem der Gläser griff und den Staub anfing davon zu wischen, als ob sie ihn eben bei dieser Beschäftigung gestört hätte — »wir haben noch einen Gast zum Mittagstisch mehr bekommen.«
»Ich hab' ihn gesehn, Lobsich,« sagte die Frau, tiefaufseufzend, und sich mit der Hand über die Stirn fahrend, als ob sie sich den Schweiß abwischen wollte, in der That aber eine verrätherische Thräne rasch und unbemerkt von den Wimpern zu werfen. Der Mann reinigte indessen unverdrossen Gläser und Flaschen, und erst, als die Frau gar nicht wieder von der Thür wegging, legte er das Wischtuch nieder, steckte die Hände in die Taschen, und ging, leise vor sich hinpfeifend, langsam zu dem mit allen möglichen Getränken und Früchten verzierten Schaufenster, aus dem er hinaus auf die Straße sah.
»Lobsich,« sagte die Frau endlich mit leiser, bittender Stimme.
»Ja, Kind?« frug der Mann, ohne sich nach ihr umzudrehen.
»Ich habe eine rechte Bitte an Dich — «
»Und die wäre?«
»Sieh mich an, Vater; dreh Dich nicht weg von mir.«
»Nun, was hast Du denn?« lachte der Mann halb verlegen, aber sonst guter Laune, indem er sich nach ihr umdrehte und sie wie erstaunt betrachtete — er wußte freilich schon, was sie von ihm wollte. Salome Lobsich war aber nicht mehr die frühere, kräftig gesunde Frau, die von Tagesanbruch bis Mitternacht fast, im rothen Drachen zu Heilingen geschafft und gearbeitet, und die große lebhafte Wirthschaft in Ordnung, und wie in Ordnung, gehalten hatte. Sie war viel magerer und recht bleich und kränklich aussehend geworden; die Augen lagen ihr tief in den Höhlen und sahen verweint aus, und in die sonst so glatte, freie Stirn hatten sich viele schwere Falten gegraben, und ließen sie älter scheinen, als sie der Jahre wirklich zählen mochte.
»Trink heute nicht mehr,« sagte die Frau mit zitternder, tief bewegter Stimme, »laß die Flaschen stehn, Vater, und nimm Dir eine Warnung an gestern — Du weißt, was Du mir versprochen hast.«
»Unsinn,« brummte der Mann, den Kopf herüber und hinüber werfend, »was willst Du denn eigentlich, ich trinke ja gar nicht — wenn mich ein Fremder auffordert, darf ich doch nicht grob sein und ihn zurückweisen. — Das schickte sich schön von einem Wirth.«
»Ich sage ja Nichts darüber,« bat die Frau — »trink nur von jetzt an nicht mehr; Du machst Dich krank Vater, ruinirst Deine Gesundheit, und — und die Leute im Haus thun nachher, wenn sie merken, daß Du nicht mehr auf sie siehst, was sie wollen. — Bitte, lieber, lieber Lobsich — trink heute nicht mehr.«
Sie war während der letzten Worte zu ihm getreten, hatte ihre Hand auf seinen Arm gelegt und sah, mit ihren Thränen gefüllten Augen, die sie jetzt nicht länger verheimlichen konnte, recht ernsthaft, traurig zu ihm auf. Als der Mann aber schwieg, und den Kopf halb von ihr wandte in scheuem Bekenntniß, fuhr sie mit leiserer, dringender Stimme fort: —
»Nicht meinetwegen bitt' ich Dich darum, Lobsich — ich fühle, wie ich mit jedem Tage kränker und schwächer, Dir die ganze Wirthschaft, die ganze Sorge wohl bald werde allein überlassen müssen; aber denke wie Alles werden soll wenn ich einmal — nicht mehr bei Dir bin, fremde Menschen eine Angewohnheit, die bei Dir beginnt zur Leidenschaft zu werden, benutzen können — und die Gelegenheit gewiß dann nicht versäumen werden — «
»Rede nur nicht so,« sagte Lobsich, doch ergriffen, und ihr jetzt die bleiche Wange streichelnd und das Haar glättend — »rede nicht solches Zeug Salome — Du bist gar nicht so krank, wie Du selber glaubst, und wirst Dich in dem gesunden Klima hier bald genug erholen.«
»Das Klima ist wohl gut,« sagte die Frau kopfschüttelnd, »aber was ich habe, trag' ich schon in mir, und die Sorge dabei um Dich, nagt und frißt mir am Leben mehr und mehr. Ich fühle das auch stärker, als ich es Dir sagen kann, und doch ist es Dein eigner Nutzen Lobsich, Dich zu ändern — wenns wirklich nicht meinetwegen wäre — Vater — Deines eigenen Selbst wegen. Sieh,« fuhr sie lebendiger fort — »Du weißt, mit wie schwerem Herzen ich von Deutschland fortgegangen bin — wir hatten keine Ursache zu gehn, und würden uns dort immer wohl befunden haben, hätte der Mensch, der Weigel, was ihm Gott verzeihen möge, nicht immer in Dich hineingeredet, daß Du Dein Glück mit Füßen von Dir stießest, wenn Du bliebst. Aber ich klage jetzt nicht darüber; wir sind einmal hier, das alte Vaterland liegt hinter uns, und mit gutem Willen und nur einigem Fleiß, kannst und wirst Du Dir auch hier das bald wieder erschaffen, was Du in Deutschland verlassen — eine sorgenfreie glückliche Existenz. Wir haben der Beispiele hier schon mehre, wo die Wirthe solcher Gasthäuser sich ein hübsches Vermögen erworben, und es geht denen, die ihr Geschäft fleißig und ordentlich betreiben, vielleicht Allen gut. Aber etwas wird dafür auch von ihnen verlangt; sie müssen sich selber beherrschen können, und dürfen der Verführung, die rings um sie her in Flaschen und Karaffen steht, keine Macht über sich gönnen. Sonst, Lobsich — sonst sind sie verloren, und zu späte Reue macht das Verlorene dann nicht wieder gut.«
»S'ist mir doch was Unbedeutendes, was die Frau für ein Mundwerk hat,« sagte Lobsich, gutmüthig lächelnd — »aber Du hast recht Salome; ich will mich tüchtig zusammennehmen, Du — Du sollst einmal sehn — Du sollst noch Deine Freude an mir haben.«
»Du bist so seelensgut,« fuhr die Frau mit innig gerührter Stimme fort, »mochtest, wenn Du die bösen Flaschen nicht angerührt, gern allen Menschen helfen, und Deine Frau, vor allen Übrigen gewiß nicht unglücklich machen; denke nur immer daran, Lobsich. Sieh, ich bin auch früher manchmal heftig und auffahrend gewesen, und habe gefunden, daß Dich das nur noch schlimmer machte — ich habe es gelassen seit der Zeit, und mir selber Gewalt angethan, bis es nie mehr vorfiel; der Mensch kann sich bezwingen, wenn er nur ernstlich will. So lange ich lebe, werde ich Dir ja auch gern und treulich zur Seite stehn, aber — wenn ich fort von Dir bin, Lobsich — denke nur immer an die Zeit, wie es da werden würde, wenn Du Dir allein überlassen bliebest, und Dich nicht ändern wolltest, und keinen Menschen mehr hättest, der Dir freundlich und ehrlich riethe.«
»Du bist ein gutes Kind,« schmeichelte der Mann, »und machst Dir ganz unnütze Sorgen um mich. Hoffentlich lebst Du noch recht lange, und legst mich noch vielleicht hier irgend wo unter die Erde.«
Die Frau schüttelte langsam und ernst mit dem Kopf, mochte aber auch nicht weiter jetzt in den Mann dringen, und sagte, nach einer kleinen Pause, in der sie sich die Augen getrocknet und wieder ruhiger zu dem Mann aufsah:
»Ich wollte Dich noch an eins erinnern, Lobsich — Du weißt, daß heute Nachmittag die Englische Schoonerladung von Mehl und Mais verauktionirt wird, die neulich von dem Steueramt hier den Leuten, die sie hatten schmuggeln wollen, weggenommen wurde. Versäume die Zeit nicht; wir haben jetzt gerade das Geld dazu, und die Sachen werden billig verkauft werden.«
»Alle Wetter ja,« sagte Lobsich, augenscheinlich etwas verlegen, »daran hatte ich gar nicht mehr gedacht, aber — aber — Du weißt doch, der reiche junge Kaufmann, Herr Henkel, war gestern bei mir und da — «
»Um Gottes Willen Mann, was hast Du da gemacht?« rief die Frau erschreckt — »Du hattest viel getrunken und — «
»Nu nu, ängstige Dich nicht,« lachte der Mann, »das Geld ist gut aufgehoben, — ich wollte nur wir hätten halb so viel wie der — aber er brauchte gestern gerade 400 Dollar, die ihm an der Summe fehlten, eine Anzahl gekaufter Bonds zu bezahlen, und hat mir versprochen, sie mir heute Abend oder morgen früh zurück zu geben.«
»Und ist das auch gewiß?«
»Guter Gott,« lachte Lobsich, »er bekommt ja hier von einer ganzen Menge Deutschen Geld, was er für sie theils nach New-York, Colonialwaaren einzukaufen, theils nach Deutschland nehmen soll, und da er den Leuten sogar für die Zeit, die er es in Händen hält, einige Procente giebt, kann er es doch nicht indessen todt liegen lassen — er hätte ja sonst für seine Gefälligkeit noch Schaden obendrein. Bei Kaufleuten muß das Geld immer cursiren und arbeiten, und da ihm die paar Hundert Thaler gerade auf ein paar Stunden fehlten, mochte ich doch nicht so ungefällig sein und nein sagen. Nun Alte? — was hast Du noch, Du siehst ja noch so verdrießlich aus; ist Dir's nicht recht?« —
»Ich weiß nicht, Lobsich,« sagte die Frau unschlüssig und als ob sie ungern den Punkt berühre — »der Herr Henkel — er mag ein steinreicher, vornehmer und sehr braver Herr sein — ich möchte ihm nicht gern Unrecht thun, aber mir — mir gefällt er nun einmal nicht — mein Mann wär's nicht, und sein Lachen besonders hat für mich etwas Unheimliches; es kommt mir immer so vor, als ob er sich dabei über Euch lustig mache.«
»Papperlapapp,« lachte der Mann — »und noch dazu des alten reichen Dollinger Schwiegersohn, von dem er einmal eine halbe Million erbt, wenn der stirbt. Er mag seine Eigenheiten haben, aber ein tüchtiger Geschäftsmann bleibt er immer und die Wirthe sollten ihm besonders dankbar sein, denn er läßt was drauf gehn wohin er kommt.«
»Aber er hat Dich noch nicht bezahlt.«
»Die Zeche — hahaha, die paar Thaler? für die bist Du doch nicht bange?«
Die Frau zögerte mit einer Antwort und sagte endlich —
»Es wäre kindisch von mir, und doch — Du magst mich auslachen wie Du willst, hat mir der Mann etwas, das mich mistrauisch gegen ihn macht, und der Mensch der immer mit ihm geht, der Amerikaner, dem ist ein schwarzer Strich ordentlich über das ganze Gesicht gezeichnet — «
»Nun ja, der gefällt mir gerade auch nicht besonders,« sagte Lobsich, »aber hier in Amerika kommt man mit Manchem zusammen, von denen man sich in einem anderen Lande wohl fern halten könnte und würde, und unser Herr Gott hat uns eben nicht alle gleich hübsch gemacht; sonst ist er aber gut, denn er zahlt Alles gleich baar.«
»Da kommt der Fremde wieder herunter,« sagte die Frau jetzt, »und ich will machen daß ich in meine Küche komme — in dem Aufzug kann ich mich nicht gut vor dem Herren sehn lassen; also nicht wahr Vater — Du hältst Dein Wort?«
Lobsich gab ihr die Hand und nickte ihr freundlich zu und Salome verließ rasch, und mit viel leichterem Herzen, als sie es betreten, das Zimmer, während durch die andere Thüre Hopfgarten, dem der Barkeeper wieder langsam vorausschlenderte, hereinkam, und ohne sich weiter aufzuhalten, durch den Schenkraum hindurch auf die Thüre zu ging, die auf die Straße führte. —
»Um wie viel Uhr wird gegessen, Herr Lobsich?« sagte er hier, sich noch einmal nach dem Wirthe umdrehend.
»Um ein Uhr.«
»Schön, werde mich einfinden; — noch eins — ich wollte Sie noch fragen ob Sie nicht — aber es ist schon gut, ich werde es schon finden — danke Ihnen — « und mit dem kurz abgebrochenen Satz verließ er das Haus. Er hatte sich noch einmal nach der Wohnung des Staatsanwalts erkundigen wollen, besann sich aber eines Besseren, und hielt es für eben so gut auf der Straße den ersten Besten danach zu fragen. Die Wirthsleute brauchten nicht zu wissen daß er irgend etwas Nöthiges mit den Gerichten zu thun hatte.
Hopfgarten, auf seine erste Anfrage gleich an das Court oder Gerichtshaus gewiesen, fand bald in dessen Nähe die Wohnung des Staatsanwalts, diesen aber leider nicht zu Hause. Er war ausgegangen, wurde aber gleich nach Tisch zurück erwartet.
Das war fatal, ließ sich jedoch nicht ändern, und obgleich Hopfgarten große Lust hatte, indessen zu einem anderen Advokaten zu gehn, hielt er es doch für besser zu warten, um dann durch den Staatsanwalt gleich durchgreifende Mittel anzuwenden. Der Bursche mußte endlich einmal unschädlich gemacht, und der so reichlich verdienten Strafe überliefert werden.
Nach seiner Uhr sehend, fand er, daß übrigens nur noch eine Viertel Stunde an ein Uhr fehlte und drehte eben wieder in die Straße ein, nach seinem Gasthaus zurück zu gehn, dort rasch zu essen, und keinen Augenblick seiner kostbaren Zeit zu versäumen, als ihm, eben wie er um die Ecke bog, zwei Männer begegneten und fast gegen ihn anrannten, in deren Einen er mit nicht geringer Überraschung den so sehnsüchtig verfolgten, in diesem Augenblick aber doch nicht erwarteten oder gewünschten Soldegg oder Henkel, wie er jetzt wieder hieß, erkannte.
»Hallo Herr von Hopfgarten,« rief ihm dieser freundlich und jedenfalls ganz unbefangen entgegen — »das freut mich wahrhaftig, daß wir uns wieder einmal in den Weg laufen. Alle Wetter, ich glaube wir haben uns seit unserer Landung nicht mehr gesehn.«
Hopfgarten, keineswegs ein solcher Meister in der Verstellung als der Mann, mit dem er es hier zu thun hatte, fühlte, wie ihm im ersten Augenblick das Blut in Strömen in's Gesicht stieg, und dann wieder zu seinem Herzen zurückdrängte, wußte aber auch, daß in diesem Moment Alles von seiner eigenen Kaltblütigkeit abhänge, den Verbrecher wenigstens noch auf eine Stunde glauben zu machen, daß er sich zum zweiten Mal von ihm anführen lasse, denn jedenfalls fühlte ihm dieser erst auf den Zahn, ob er mehr von ihm wisse, als sich mit seiner Sicherheit vertrug. Rasch also gesammelt, sah er dem Mann starr in's Auge und sagte dann lachend:
»S'ist doch eine tolle Ähnlichkeit zwischen Ihnen beiden; und man sollte darauf schwören, es könnten nicht zwei sein.«
»Zwischen uns Beiden?« lachte Henkel, auf seinen Begleiter zeigend — »das ist nicht übel — übrigens hab' ich die Herren wohl erst einander vorzustellen — Herr von Hopfgarten — ein früherer Reisegefährte von mir und sehr lieber Freund — Mr. Cottonwell, ein Pflanzer aus Louisiana — «
»Nicht zwischen Ihnen,« rief Hopfgarten mit einer höflichen Verbeugung gegen den Fremden, »sondern mit Ihnen und Ihrem Bruder — oder haben Sie keinen Zwillingsbruder, Henkel?«
»Aber woher wissen Sie das?« rief Henkel, anscheinend erstaunt, »haben Sie ihn gesehen?«
»Er hat mir einen Brief für Sie gegeben.«
»Und haben Sie den Brief?« rief Henkel lachend — der in dem Augenblick wirklich noch gar nicht wußte, welche Rolle er weiter spielen müsse, und sich durch die Frage immer noch eine Hinterthür offen behielt, das Ganze auf einen Scherz hinaus zu drehen.
»Allerdings,« sagte Hopfgarten ruhig, und jetzt wieder ganz gefaßt; »ich bin in der Zeit noch gar nicht nach New-Orleans, wo ich Sie vermuthen mußte, gekommen, und wenn Sie mit mir zu Haus gehn, kann ich ihn an seine Adresse überliefern. Ich habe Ihnen überdieß noch etwas sehr Wichtiges, und für Sie höchst Interessantes mitzutheilen.«
»Und das wäre?« rief Henkel rasch und neugierig.
»Nun hier auf der Straße,« sagte Hopfgarten mit einem flüchtigen Blick auf Henkels Begleiter, »geht das doch wohl nicht; wollen Sie mit mir essen, so können wir es zu Hause abmachen?«
»Wo logiren Sie?«
»Im rothen Drachen.«
»Ah bei Lobsich — da wird ja wohl um ein Uhr gegessen.«
»Ja — «
»Hm — das thut mir leid,« sagte Henkel, nach seiner Uhr sehend, »aber ich habe vorher noch ein kleines Geschäft in der Stadt abzumachen, das sich unmöglich aufschieben läßt. Dorthin bin ich ebenfalls gerade ein Uhr bestellt; ist es Ihnen aber recht, hol' ich Sie um zwei Uhr, spätestens halb drei im rothen Drachen ab.«
»Schön,« sagte Hopfgarten, der bis dahin Zeit behielt seine eigenen Maasregeln zu treffen — keinenfalls konnte Henkel eine Ahnung haben, daß er Alles wisse, und der Verbrecher lieferte sich solcher Art selber in seine Hände — »also treffen wir uns um zwei oder halb drei im rothen Drachen — es ist überdieß jetzt Zeit, daß ich zum Essen gehe, und wir bereden alles Andere dort. Auf Wiedersehn Herr Henkel!«
»Auf Wiedersehn, mein lieber Herr von Hopfgarten,« rief ihm der junge Mann noch freundlich mit der Hand nachwinkend zu, nahm dann den Arm seines Gefährten, und schritt mit ihm langsam die, mit dem Wasser gleichlaufende Straße hinauf.
»Was ist denn das für eine Geschichte mit dem Zwillingsbruder, Soldegg,« sagte der Amerikaner, als dieser vielleicht hundert Schritte schweigend und mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt neben ihm hin gegangen war —
»Lieber Goodly,« erwiederte aber Soldegg finster — »wir haben keine Zeit mehr zu Kindereien; der Bursche, der uns eben verließ, weiß mehr als mir und Euch gut ist, und die halbe Stunde, die wir zum Handeln haben, müssen wir benutzen.«
»Mir? — was weiß er von mir — Donnerwetter, er sah grün und unschuldig genug aus, und von dem sollte ich denken, hätten wir Nichts zu fürchten.«
»Er war in Grahamstown und weiß, daß ein gewisser Goodly wegen einem sehr albern angestellten Raub und Mord steckbrieflich verfolgt wird; und was seine Unschuld betrifft, so steckt hinter dem mehr als Ihr glaubt — mehr als mir lieb ist. Habt Ihr nicht bemerkt, wie er erst roth und dann blaß wurde, als ich ihm so plötzlich in den Weg lief? Er gehörte sonst zu der ehrlich dummen Art, denen ihr eigenes Blut nicht einmal mehr gehorcht; hinter der Gewalt, die er sich aber dann anthat, steckt mehr als ich gerade gesonnen bin abzuwarten, und er hat für jetzt nur den einzigen Fehler begangen, daß er mich für eben so leichtgläubig und thöricht hielt, als er sich früher gezeigt. Noch, mein lieber Herr von Hopfgarten, haben Sie den Fuchs nicht im Bau, und er wird von jetzt an Sorge tragen, daß er Ihnen nicht wieder so leicht begegnet.«
»Tod und Teufel!« fluchte Goodly, mit dem Fuße stampfend, »das wäre eine verfluchte Geschichte, wenn wir jetzt gleich fort, und die 500 Dollar im Stich lassen müßten, die wir noch heute Mittag erheben sollten.«
»Ich lasse Nichts im Stich;« sagte Soldegg ruhig — »vor allen Dingen müssen wir herausbekommen, wie lange der Herr hier ist, und das erfahren wir am besten bei dem deutschen Pflasterschmierer hier gleich unten am Wasser. Kommen Sie Goodly, dort sage ich Ihnen, was wir zu thun haben.«
Den Herrn Doctor Hückler, den Soldegg vorher etwas ungenirt mit dem »deutschen Pflasterschmierer« gemeint, fanden sie gerade im Begriff, seinen Laden zu schließen, um nach Hause zum Essen zu gehn.
»Ach lieber bester Doctor,« rief ihm Soldegg schon von weitem zu — »ich habe noch eine große Bitte an Sie; thun Sie mir den Gefallen und schließen Sie noch einmal auf — ich halte Sie nicht zehn Minuten länger.«
»Ah mein guter Herr Henkel; sehr erfreut sie zu sehen, wie geht es Ihnen, — womit kann ich Ihnen dienen?« sagte der Doctor auf Englisch, dem Wunsche willig Folge leistend, und in seinen »shop« voran hineintretend.
»Ich habe eben jemanden getroffen den auch Sie kennen,« sagte Soldegg.
»Herrn von Hopfgarten — nicht wahr? — ja er hat mir heute Morgen seine Visite gemacht, gerade wie er ankam.«
»Er ist erst seit heute Morgen in der Stadt?«
»Etwa seit zehn oder elf Uhr; er trug seinen Reisesack noch unter dem Arm.«
»Dann hab' ich Glück gehabt, daß ich ihm gleich begegnet bin — Sie wissen, nicht wie lange er zu bleiben gedenkt?«
»Oh wohl nur sehr kurze Zeit — «
»Das glaub' ich, nachdem er mich gesehn,« lachte Soldegg.
»Wie so? was haben Sie mit ihm?« rief der Doctor erstaunt.
»Lieber Doctor, das ist eine lange Geschichte Ihnen die weitläufig auseinander zu setzen; ich erzähle Sie Ihnen ausführlicher, wenn wir nachher zusammen fortgehn; für jetzt muß ich Sie um eine große Gefälligkeit bitten. Wollen Sie einmal mit mir zum nächsten Friedensrichter gehn — er wohnt keine zehn Häuser von hier.«
»Mit dem größten Vergnügen, aber weshalb?«
»Nur mich zu legitimiren, um einen Verhaftsbefehl gegen Jemand auszuwirken.«
»Gegen Herrn von Hopfgarten?« rief Hückler erstaunt aus.
»Allerdings,« sagte Henkel ernst, »so leid es mir thut gegen einen früheren Reisegefährten auf solche Art einschreiten zu müssen, und so gern ich einen kleinen Verlust um den Preis lieber verschmerzen würde; aber siebentausend Dollar bin auch ich nicht im Stande so leicht einzubüßen, sehe wenigstens keinen Grund ein, das an einem wildfremden Menschen zu thun.«
»Siebentausend Dollar?« rief Hückler erstaunt — »also darum erschrak der Herr so, als ich ihm sagte, daß Sie hier wären.«
»Er erschrak? — nicht wahr?« frug Henkel rasch, mit einem bedeutungsvollen Blick nach seinem Begleiter hinüber — »ich will es gerne glauben, aber wir haben auch keine Secunde länger zu versäumen, denn ich glaube, zu Mittag geht schon wieder ein Dampfboot nach den nördlichen Seeen ab, das er, wie ich alle Ursache habe zu vermuthen, benutzen will, mir zu entschlüpfen.«
»Oh nicht vor zwei Uhr!« rief Hückler, seinen Hut wieder aufgreifend — »da können Sie sicher sein, es ist das Postboot, und geht auf die Minute; aber ich stehe Ihnen zu Diensten, lieber Herr Henkel, Sie werden übrigens zwei Bürger brauchen, einen Verhaftsbefehl auswirken zu können; wir hatten neulich den nämlichen Fall — der andere Herr wird wohl wahrscheinlich — «
»Nein, Herr Cottonwell ist vollkommen fremd hier — Einer der bedeutendsten Pflanzer Louisianas — entschuldigen Sie, daß ich die Herren noch nicht einander vorgestellt habe. Herr Doctor Hückler — der beste Arzt, den wir in Milwaukie haben.«
»Oh bitte, lieber Herr Henkel, Sie sind zu freundlich; da gehen wir also am Besten gleich bei Einem ihrer Amerikanischen Freunde vor, den abzuholen.«
»Nein, ich habe noch einen besseren;« sagte Henkel. »Herr Lobsich kennt mich auch schon von Deutschland aus, und überdieß muß ich auch dorthin, um die Leute im Haus zu ersuchen, das Gepäck des Fremden nicht verabfolgen zu lassen, bis ich zu meinem Recht gekommen bin. Wir gehn die Wasserstraße zusammen hinunter — Ihre eigene Wohnung liegt ja überdieß in der Richtung zu — und Sie warten einen Augenblick am Hause des Friedensrichters.«
Hückler war die Bereitwilligkeit selber, und wenn er auch unterwegs sein Erstaunen nicht unterdrücken konnte, daß ein Mann, noch dazu von Adel, solche Streiche machen sollte, kam er doch zuletzt zu der Schlußfolgerung, daß er es ihm schon immer angesehn, wie hinter dem eingebildet vornehmen Wesen nicht viel dahinter sei, und der Adel besonders schütze erst recht nicht vor solchen Sachen. Die Leute glaubten gewöhnlich, sie wären etwas Besseres als Bürgerliche, und dürften thun und lassen was sie wollten; er selber aber halte sich für ebensoviel werth, wie der beste Adliche.
Henkel überließ es gleich darauf Herrn Goodly, seinen Freund ein paar Minuten angenehm zu unterhalten, und ging rasch dem rothen Drachen zu, in dessen Schenkstube, wie er recht gut wußte, Herr Lobsich regelmäßig zu finden war, so lange seine Gäste oben bei Tisch waren, und der Wirth benutzte die Gelegenheit dann nicht selten, seine eigenen Getränke, damit aus keiner Flasche zu viel fehle, der Reihe nach durch zu probiren.
Wie er es gehofft, zeigte es sich; Lobsich war eben wieder eifrig beschäftigt, sich, trotz dem Versprechen, das er heute Morgen seiner Frau gegeben, in seinem eigenen Schenkstand zu traktiren, und fuhr, als die Thüre geöffnet wurde, mit dem eben geleerten Glase rasch unter den Tisch in das dort zum Abspühlen stehende Wasser.
»Ah mein guter Herr Lobsich, so fleißig — der Mann ist doch immer beschäftigt, wenn man zu ihm kommt,« rief ihm Henkel freundlich entgegen.
»Ah mein guter Herr Henkel!« entgegnete der Wirth mit unverkennbar schwerer Zunge — »ungeheuer erfreut, Sie zu sehn — meine Alte hat schon — hat schon gefürchtet, daß Sie — «
»Lieber Herr Lobsich,« unterbrach ihn aber Henkel, dem Nichts daran lag, sich mit dem Mann in ein längeres Gespräch einzulassen — »Sie haben einen neuen Gast heute bekommen, nicht wahr?«
»Ja wohl, lieber Herr Henkel, ja wohl — sehr charmanter Mann,« sagte Lobsich, um den Schenktisch herumkommend.
»Dieser sehr charmante Mann, mein lieber Lobsich,« flüsterte ihm Henkel, seinen Arm dabei ergreifend zu, »ist ein Erzgauner, der, wie ich alle Ursache zu fürchten habe, mir mit 7000 Dollar durchbrennen will — wie gefällt Ihnen das?«
»Ist mir doch was Unbedeutendes!« rief Lobsich, in unbegrenztem Erstaunen.
»Ich bin eben im Begriff einen Verhaftsbefehl gegen ihn auszunehmen,« fuhr Henkel aber indessen fort, »und habe deshalb eine Doppelbitte an Sie. Vor allen Dingen muß ich Sie ersuchen, mit mir zum nächsten Friedensrichter zu gehn und meine Person zu bescheinigen — die Leute kennen mich hier nicht, und Doktor Hückler wartet schon oben in der Straße auf uns zu demselben Zweck; und zweitens möchte ich Sie dringend ersuchen, Ihren Leuten bestimmten Auftrag zu geben, diesen Herrn von Hopfgarten, sobald er zu Hause kommen sollte, nicht wieder fortzulassen, und mir augenblicklich — «
»Zu Hause kommen?« sagte Lobsich vergnügt — »er ist zu Hause — «
»Er ist zu Hause?« rief Henkel überrascht — »beim Essen oben?« —
»Nein, nicht beim Essen,« sagte Lobsich, seufzend nach seiner Flasche hinübersehend, der auf's Neue zuzusprechen ihn jetzt der gerade verkehrt Gekommene verhinderte — »er hatte es furchtbar eilig und ging in sein Zimmer hinauf, ich glaube, einige Papiere zu holen.«
»Wahrscheinlich seinen Reisesack zu packen,« rief Henkel rasch und unruhig, denn Hopfgarten konnte da jeden Augenblick wieder herunterkommen — »ich muß Sie also dringend bitten, mein guter Herr Lobsich, Ihren Leuten ganz bestimmten Auftrag zu geben, diesen Herrn, sobald er vor der Zeit suchen sollte zu entwischen, nicht aus dem Haus zu lassen, bis der Constable hier gewesen ist.«
»Aber erst trinken wir einen, mein guter Herr Henkel — was nehmen Sie?«
»Jetzt nicht, mein lieber Lobsich — nachher so viel Sie wollen — rufen Sie jetzt nur so rasch als möglich Ihren Barkeeper herunter, daß wir keine Zeit versäumen.«
»Der kommt zeitig genug,« sagte Lobsich, nichtsdestoweniger an einer kleinen Klingel ziehend, die dicht an der Thür angebracht war, und sich dann selber wieder vor allen Dingen einschenkend — »also was trinken Sie?«
»Nichts — nichts, ich danke Ihnen herzlich — ich habe keinen Durst,« sagte Henkel, mit raschen ungeduldigen Schritten im Zimmer auf- und abgehend.
»Keinen Durst?« lachte Lobsich — »ist mir doch was Unbedeutendes — gerade wie meine Frau — die hat auch immer keinen Durst — gebe Ihnen mein Ehrenwort, Herr Henkel, die Frau hat nie Durst.«
»Da kommt Ihr Barkeeper,« rief aber Henkel, der einen scheuen Blick nach der sich öffnenden Thür geworfen — »bitte instruiren Sie ihn — es ist die höchste Zeit.«
»Ah ja wohl, Herr Henkel mit dem größten Vergnügen. Sie Schmidt,« wandte er sich an diesen, indem er seinen Hut vom Nagel nahm — »wenn ich fort bin und es — und es sollte Jemand nach mir fragen, so — so sagen Sie ihm nur — daß ich nicht zu Hause wäre.«
»Ja woll Herr Lobsich,« sagte der Barkeeper.
Henkel warf den Kopf ungeduldig hin und her.
»Aber weshalb gehn wir denn fort?« frug er ihn leise.
»Ja, Sie haben auch recht,« sagte Lobsich, der das ganz falsch verstand, gutmüthig, indem er seinen Hut wieder abnahm, »wir können ja auch hier bleiben, und noch ein Glas trinken — ich denke ich nehme dießmal — «
»Was wollten Sie denn Ihrem Barkeeper wegen dem Fremden, der heute angekommen ist, sagen?« frug Henkel ungeduldig werdend.
»Alle Wetter, das hätt' ich ja beinah vergessen,« rief der Wirth, seinen Hut wieder aufgreifend — »Sie Schmidt — verstehn Sie mich, Schmidt?«
»Ja woll, Herr Lobsich — «
»Nun gut, wenn der Fremde herunterkommt, der heute Morgen angekommen ist — «
»Der mit dem Reisesack?«
»Das Maul sollen Sie halten, Schmidt — wenn der Fremde herunterkommt, der heute Morgen gekommen ist — «
»Der mit dem — «
»Das Maul sollen Sie halten, sag' ich — versteht sich, der mit dem Reisesack, der das Zimmer allein bestellt hat — wenn der herunterkommt und durchbrennen will, dann halten Sie ihn fest.«
»Erst soll er bezahlen?« frug Schmidt.
»Sie sind ein Schaafskopf,« bedeutete ihn Lobsich, »als ob Einer nicht erst bezahlen, und dann doch durchbrennen könnte.«
»Ja, aber wenn er bezahlt hat, brennt er doch nicht mehr durch,« meinte der Barkeeper.
»Ja, da hat der nun wieder recht,« lachte Lobsich gutmüthig nach Herrn Henkel hinüber. Diesem aber brannte der Boden unter den Füßen, die Zeit verstrich, und der, wenn auch nicht trunkene, doch vom Wein redselig gemachte Mann war nicht von der Stelle zu bringen.
»Wenn aber Jemand, außer seiner Zeche noch tausende schuldig ist, kann er doch wohl noch durchbrennen, nicht wahr?« sagte er, soviel als möglich vermeidend, in Gegenwart des Barkeepers irgend einen direkten Wunsch auszusprechen.
»Donnerwetter ja — Sie haben ja recht,« rief aber auch jetzt Lobsich, der sich endlich des vorher Besprochenen wieder erinnerte, »wenn also der Mosje herunterkommen sollte und zur Thür hinauswollte — bums, Thüre zu — Nichts da, bis wir wieder mit dem Constable zurückkommen, verstanden?«
»Ich soll den Fremden nicht fortlassen?« sagte der Barkeeper, dem derartige Aufträge wohl schon öfter gekommen waren, ruhig.
»Justement die Sache,« versicherte Lobsich.
»Wenn er aber nun mit Gewalt — «
»Zu Boden schlagen,« sagte Lobsich, mit einer entsprechenden Bewegung, und sich den Hut fester in die Stirn drückend, nahm er Henkel unter den Arm, und verließ mit diesem rasch das Haus.
Der Barkeeper, der indessen vor allen Dingen die Zeit benutzte, in der er allein war, und sich aus einer, der eigentlich nur zur Verzierung auf dem Schenkstand stehenden und ganz extrafeine Liqueure enthaltenden Porcellain-Flaschen ein tüchtiges Glas vollgeschenkt hatte, trank dieses in langsamen Zügen und mit augenscheinlichem Behagen aus, wischte sich dann den Mund sauber mit der Zunge rein, und wollte sich eben wieder, nach Barkeeper Art, die gefallenen Hände vor sich auf den Knieen, sehr behaglich und selbstzufrieden auf den Schenkstand setzen, das Weitere seines Auftrags ruhig abzuwarten, als rasche Schritte auf der Treppe laut wurden, der ihm überwiesene Fremde die Thüre schnell öffnete und zum Schenktisch trat.
»Bitte geben Sie mir ein Glas Genevre,« sagte er, ein Paket Papiere dabei in seine Rocktasche schiebend — »mir ist nicht recht wohl — ein wenig rasch, wenn ich bitten darf.«
»Hm,« murmelte Schmidt, der schon sprungfertig gesessen hatte, irgend eine Bewegung des Fremden nach der Thür hin zu vereiteln, leise vor sich hin, »dagegen ist keine Ordre eingegangen,« und schickte sich dabei langsam an, dem Wunsch des Mannes zu willfahren.
»Machen Sie ein wenig rascher,« drängte Hopfgarten, »ich bin in größter Eile.«
»So?« sagte Schmidt, ihn über die Achsel, während er mit dem linken Auge zwickte, betrachtend — »ja, kann ich mir etwa denken, haben aber reichlich Zeit.«
»Zeit? ich? — was wissen Sie davon, ob ich Zeit habe oder nicht,« sagte Hopfgarten, der sich über das ungenirte Benehmen des Burschen doch ein wenig an zu ärgern fing — »kommen Sie, geben Sie mir den Genevre herunter.«
»Angenehm sein — länger Vergnügen haben — wegen warten müssen — « brummte Schmidt in den Bart, indem er Flasche und Glas auf den Tisch setzte. Hopfgarten nahm aber weiter keine Notiz von ihm, trank, zog sein Taschentuch aus der Tasche sich den Mund zu wischen, und sagte dann zu dem Barkeeper, der indessen rasch um den Schenktisch herum und der Thüre zugeschritten war:
»Schreiben Sie mir das Glas auf, ich habe jetzt kein kleines Geld bei mir, und auch keine Zeit zum Wechseln — geht Ihre Uhr da richtig?«
»Auf den Punkt.«
»Gut; wollten Sie wohl die Güte haben mir zu erlauben vorbeizugehn, Herr — Schmidt heißen Sie ja wohl.«
»Ja wohl, Julius Thiodolph Schmidt.«
»Thiodolph, schöner Name — Sie haben übrigens wohl nicht verstanden, um was ich Sie gebeten — ich möchte auf die Straße hinaus.«
»Ja, das soll ungefähr der Wunsch von allen denen sein, die nicht mehr hinaus können,« sagte Schmidt mit unzerstörbarer Ruhe, ohne auch nur eines Zolles Breite zu weichen.
»Nicht mehr hinauskönnen? ich glaube Sie sind verrückt, oder haben zu viel getrunken,« rief Hopfgarten, jetzt wirklich ärgerlich. »Treten Sie aus dem Weg, oder ich bringe Sie hinaus; glauben Sie, daß ich Lust und Zeit habe, mich mit einem solchen Holzkopf lange einzulassen?«
»Lust? — weiß ich nicht — Zeit? ganzen Arm voll,« sagte Schmidt wieder mit derselben Ruhe. Nur erst als Hopfgarten, dem die Geduld endlich riß, und der nicht Lust hatte, sich mit dem Burschen in einen Wortstreit einzulassen, ihn am Arm ergriff und auf die Seite schieben wollte, stemmte er sich mit Gewalt gegen, klammerte sich mit beiden Händen an die eisernen Haspen an, durch die Abends ein Querstock gesteckt wurde, und begann aus Leibeskräften zu schreien.
Überall giebt es müssige Menschen, denen Nichts lieber auf der Welt ist, als eine Prügelei oder irgend einen Skandal mit anzusehn, sobald sie nur nicht selber dabei betheiligt sind. So kamen denn nicht allein, wie nur Thiodolph Schmidts erster Hülferuf erschallte, eine Anzahl Leute von der Straße heran, zu sehn, was es gäbe, sondern die »Boarder« selber, d. h. die Gäste, die an der Mittagstafel Theil genommen und größtentheils jetzt auch fertig geworden waren, sprangen, als sie den Lärm unten hörten, rasch die Treppe hinunter. Schmidt bekam dadurch natürlich Hülfe, und Herr von Hopfgarten, der jetzt empört über solche Behandlung den Barkeeper am Kragen gefaßt hatte, und allein auch wohl bald mit ihm fertig geworden wäre, sah sich plötzlich von einigen zwanzig anderen Leuten umgeben, die, des Barkeepers Hülferuf unterstützend, die Thüre sperrten, und Thiodolph von den Eisengriffen des kleinen Mannes befreiten.
Hopfgarten, außer sich über eine solche Behandlung, schrie nach einem Constable, und wollte hinaus auf die Straße, Schmidt aber rief den Anderen zu, den Mann da um Gottes Willen nicht fortzulassen, sein Herr sei eben fortgelaufen, eine Gerichtsperson zu holen. Hopfgarten fand sich deshalb auch bald von einem Dutzend Menschen umstellt und angestarrt, gegen die anzukämpfen unmöglich gewesen wäre, und die sich jetzt auch noch auf seine Kosten lustig machten.
»O je, wie er strampelte;« lachte Einer — »no you don't mein Herzchen,« ein Anderer — »Zeit war's aber, daß wir dazu kamen, ein paar Secunden später und er wäre draußen gewesen. Toddy könnte jedenfalls dafür traktiren.«
Thiodolph, dessen Name solcher Art und zugleich mit einer Anspielung auf seinen Beruf, in Toddy[5] von den Amerikanern gemishandelt wurde, fand das selber in der Ordnung und ging, die Sorge um den Gefangenen den Leuten überlassend, hinter den Schenktisch, denen, die am thätigsten bei der Sache gewesen waren, irgend ein Glas Brandy oder Whiskey, was sie gerade verlangten, einzuschenken.
»Was hat er denn gestohlen?« frug indessen Einer der Leute; aber selbst Thiodolph konnte darüber keine Auskunft geben, und alles Protestiren Hopfgartens, daß er eben selber im Begriff gewesen sei, zum Staatsanwalt zu gehn, ja einige der Leute aufforderte, ihn dahin zu begleiten, wenn sie ihm denn absolut nicht trauten, blieben erfolglos.
»Nicht wahr Herzchen,« lachte ihn Einer der Trinkenden, sein Glas in der Hand haltend über die Schulter an, »daß Du uns an der nächsten Ecke durchgingst, und wir das leere Nachsehn hätten? o ja, so dumm sind wir aber nicht.«
»Nur nicht so ungeduldig, mein Schatz,« rief ihm ein rothköpfiger Ire zu, »wenn Du Dich so nach den Gerichten sehnst; die kommen schon zu Dir, segne ihre Augen, die werden sich das Vergnügen nicht lange versagen, Deine werthe Bekanntschaft zu machen.«
Hopfgarten lief, in Ungeduld fast vergehend, mit auf dem Rücken gekreuzten Händen auf und ab, hatte aber auch keine Ahnung über die wahre Ursache seines Festgehaltenwerdens, und schrieb dieselbe natürlich einem sich augenblicklich aufklärenden Misverständniß zu. Zu jeder anderen Zeit würde er auch darüber gelacht haben, jetzt aber kam ihm das freilich gerade so ungelegen, wie nur irgend möglich.
»Na, da kommt ja ein Constable, mein Herzchen,« rief plötzlich Einer der am Fenster Stehenden aus, »nun sind wir ja außer aller Noth.«
»Gott sei Dank,« sagte Hopfgarten, diesem rasch entgegentretend, als sich auch schon die Thür öffnete, und der Constable, von einem ganzen Schwarm Menschen gefolgt, das Zimmer betrat. Lobsich, ungemein lustig und guter Laune, war mitten zwischen ihnen.
»Mein Herr,« rief jetzt Hopfgarten dem Constable entgegen, »hier muß ein Misverständniß obwalten, und ich ersuche Sie, mich ungesäumt zum Staatsanwalt zu führen.«
»Heißen Sie Hopfgarten?« sagte der Constable, ruhig zu ihm tretend.
»Ja wohl — und bin — «
»Sie sind mein Gefangener,« sagte der Constable, seine rechte Hand auf des Deutschen Achsel legend.
»Ihr Gefangener? — auf wessen Klage?«
»Geht mich eigentlich Nichts an,« meinte der Constable; »werden das wahrscheinlich besser wissen wie ich; wenn Sie's aber noch einmal hören wollen, auf eines Herren Henkel Klage, der einen Verhaftsbefehl gegen Sie erwirkt hat.«
»Henkel?« rief Hopfgarten, erschreckt emporfahrend, denn jetzt durchschaute er leicht genug die List des Buben — »das ist nicht übel — um Gottes Willen lassen Sie dann nur nicht diesen Henkel außer Augen — ich will gern mitgehen und verlange Nichts mehr — wo ist der aber?«
»Weiß ich nicht, geht mich auch Nichts an — « sagte der Constable, »wir können nicht die ganze Stadt arretiren — ich habe Nichts zu thun, als Sie zum Friedensrichter Oppel zu bringen, der das Weitere dann bestimmt.«
»Und dort werde ich Ihnen beweisen,« rief Hopfgarten rasch, »daß dieser Henkel der abgefeimteste Schurke ist, der auf Gottes Erde wandelt, und wenn er mir jetzt durch Ihre Schuld entwischt, mache ich das Gericht dafür verantwortlich.«
»Ist mir doch was Unbedeutendes.« rief Lobsich im höchsten Erstaunen aus; »was der Bursche noch für eine Frechheit hat. Hm, hm, hm, werden ihn aber schon zahm kriegen da oben, werden ihn schon zahm kriegen.«
Hopfgarten wollte sich ärgerlich nach dem Wirth umdrehen, besann sich aber eines Besseren und folgte dem Constable, von einigen zwanzig Neugierigen begleitet, zu dem Friedensrichter.
Diesen fanden sie jedoch schon gar nicht mehr in seiner Office — er war, wie Hopfgarten zu seinem Erstaunen erfuhr, mit den Herren Henkel und Dr. Hückler zum Essen gegangen, und wurde erst in einer Stunde zurückerwartet. Vergebens machte jetzt der Deutsche dem Constable die dringendsten Vorstellungen, sich den wirklichen Verbrecher — und die Beweise sei er jeden Augenblick bereit zu bringen, nicht entwischen zu lassen, während er selber hier festgehalten wurde; der Mann hatte weiter keine Befehle erhalten, sich auch gar nicht darum zu kümmern, welche Aussage eingebrachte Gefangene machten. Das Alles würde der justice of the peace, wenn er nachher zurückkam, schon untersuchen.
Hopfgarten gab jetzt, in seiner Verzweiflung und Ungeduld, einem der dort in der Nähe befindlichen Leute einen Dollar, in die Wohnung des Doktor Hückler zu laufen und diesen aufzusuchen. Er war der einzige Mensch, der ihn in Milwaukie kannte, eine volle Stunde verging aber, und weder Bote noch Doktor kam. Auch zu dem Staatsanwalt hatte der Gefangene seine Karte geschickt, und ihn dringend ersuchen lassen, augenblicklich zu ihm zu kommen, da die Sache von höchster Wichtigkeit sei. Es geht das nicht selten so in der Welt, wenn die Policey einmal wirklich nothwendig gebraucht wird, ist sie nirgends zu finden, und Hopfgartens größte Angst war jetzt, daß der schlaue Verbrecher seine Zeit benutzen, und sich aus dem Staube machen würde.
Darin hatte er sich nicht geirrt; als bald nach zwei Uhr der Friedensrichter zurückkam, fehlte der Kläger noch, der, seiner Aussage nach nur fortgegangen war, die nöthigen Papiere zum Beweis seiner Klage zu holen. Erst als Hopfgarten jetzt ernstlich darauf drang, den Staatsanwalt zu sprechen, und dabei erklärte, daß dieser sogenannte Henkel ein alias Soldegg, alias Holwich und Gott weiß was sonst noch sei, und das Gericht sogar wohl thun würde, auch die Leute zu vernehmen, mit denen er in intimer Verbindung gestanden, wurde der Richter doch stutzig und schickte vor allen Dingen einen Constabler nach dem Postdampfschiff, das zu untersuchen, ob jener Henkel nicht etwa an Bord sei, in dem Fall aber ihn ungesäumt hierher zu bringen.
Das Postdampfschiff war vor etwa einer Viertel Stunde abgefahren.