Das Geständniß.

Das Einzige übrigens was jetzt manchmal Sadie sowohl als auch den kleinen Mitonare beunruhigte, war das so außergewöhnlich lange Ausbleiben des Mr. Osborne, obgleich es bei den Missionairen, wenn sie auch ihre bestimmte und feste Wohnung haben, doch wohl manchmal vorfiel daß sie auch kleine Abstecher nach anderen Inseln machten wo keine festen Prediger wohnten, und dann widriger Winde wegen oft länger aufgehalten wurden, als sie im Anfang selber beabsichtigt.

So standen die Sachen als eines Morgens, in den letzten Tagen des Februar, ein Bursche über die Berge herüberkam und meldete, der Missionscutter — ein kleines Fahrzeug das sie alle gut genug auf der Insel kannten — sei in Sicht und halte gerade nach hierher zu. Gegen Mittag umsegelte es auch die südlichste Spitze der Insel, und von Sadie’s Lieblingsplätzchen aus konnten sie sein Näherkommen deutlich beobachten.

Sadie und René standen dort schweigend Hand in Hand — war ihnen Beiden aber auch wohl das Herz übervoll, denn dort in dem kleinen Fahrzeug kam der Mann, der ihr Schicksal entscheiden sollte — mochte ihnen doch Keins Worte geben. Als aber der Cutter sich immer mehr und mehr näherte, jetzt sogar in die natürliche Einfahrt der Corallenriffe, von einer günstigen Briese getrieben, einbog, und in dem ruhigen Wasser pfeilschnell auf seinen gewöhnlichen Ankerplatz zuglitt — als die Segel fielen, der Anker niederschlug und das kleine Fahrzeug herumschwingend, kaum mehr als hundert Schritt vom festen Land der Insel ab einbog, da sagte René leise, Sadie zu sich herüberziehend:

»Willst Du zuerst mit Deinem Vater allein reden, Sadie, oder wollen wir ihm Beide zusammen entgegengehn? — wie ist es Dir am liebsten?« —

»Ich weiß es nicht René,« — sagte das Mädchen leise und schüchtern — »ich weiß es nicht — o mir ist auf einmal so bang und weh um’s Herz, als ob ich irgend ein großes Unrecht gethan hätte — und ich bin mir doch nichts Böses auf der weiten Gotteswelt bewußt — ich glaube ich fürchte mich meinem Vater entgegenzutreten — und er ist doch so gut — so unendlich gut.«

»Dann laß mich zuerst mit ihm sprechen, Sadie,« bat René — »laß mich zu ihm gehn — ich habe Papiere die ihn über meine Abkunft und Verhältnisse beruhigen können — ich bin kein gewöhnlicher Matrose wie sie hier über diese Inseln hier und da zerstreut sein sollen; das allein ist auch die Ursache daß ich nicht im Stande war an Bord jenes Wallfischfängers zwischen dem rohen wüsten Volke auszuhalten; — wenn er hört wie innig wir uns lieben, kann er ja Nichts gegen eine Vereinigung mit Dir einzuwenden haben. Aber was hast Du? — was erschreckt Dich so sehr, Du süßes Lieb?«

Der Ausdruck in Sadie’s Zügen ließ sich nicht verkennen — irgend etwas mußte sie beunruhigt haben, aber sie schüttelte erst schweigend mit dem Kopf und blickte nur scharf nach dem Cutter hinüber, an dessen Seite jetzt ein kleines Boot niedergelassen war, den zurückkehrenden Missionair an Land zu rudern. René hatte auf das Fahrzeug, mit der Geliebten beschäftigt, gar nicht mehr geachtet, als er aber jetzt der Richtung ihrer aufgehobenen Hand folgte, sah er wie vom Bord des Schooners zwei dunkelgekleidete Männer in die Jölle niederstiegen, statt einem.

»Kennst Du den Mann, der dort mit Deinem Pflegevater kommt?« frug er das Mädchen.

Sadie nickte langsam und schweigend mit dem Kopf und sagte endlich leise:

»Das ist der einzige Mann, das einzige Wesen auf dieser Insel, das ich fürchte — und ich weiß nicht weßhalb — Er hat noch Niemandem Böses, und Vielen schon Gutes gethan, aber er ist so ernst und streng und ich weiß nicht, aber wenn ich mir seinen Gott als einstigen Richter denke, so überläuft mich’s mit Fieberfrost. Feste Formeln und Gebräuche hat er dabei, von denen er nicht weicht, ja von deren Beobachtung er unser Seelenheil abhängig macht, und nur wenn ich dann meinen Pflegevater dagegen reden höre, ist es mir wie Trost und Linderung für das kalte Wort des finstern Mannes.«

»Das ist der Mann denn, von dem Du mir schon gesprochen, Sadie,« sagte René — »aber wo wohnt er? — was thut und treibt er?«

»Er ist Missionair wie mein Vater, aber der ärgste Feind den Deine Landsleute auf den Inseln haben können — sein Name ist Rowe und obgleich er auf Tahiti seinen festen Wohnsitz hat, besucht er doch, als eine Art geistlicher Oberhirt, zu Zeiten die einzelnen Inseln, ihren Zustand zu untersuchen und an dem Sonntag wo er sich dort aufhält, zu predigen. Aber so lange er auf der Insel ist hörst Du kein Lachen und Singen fröhlicher Menschen, siehst keine Blume in den Haaren der Mädchen — selbst die Kinder fürchten den Mann.«

»Und was kann er uns schaden, Du holdes Lieb,« sagte René — »Dein Pflegevater allein hat Deine Hand zu vergeben, und wenn es selber dann Dein Wille ist, was kümmert uns da der stolze Priester?«

»Aber er wird meinem Pflegevater heftig zureden uns seine Einwilligung zu versagen,« flüsterte ängstlich das Mädchen.

»Dann« — René biß die Lippen zusammen, zwischen denen sich ihm ein heftiges Wort herauszupressen drohte, aber er wollte dem lieben Kinde auch nicht weh thun und sagte, rasch abbrechend: »Hab guten Muth Sadie; es wird noch Alles gut gehen und das Beste sein, daß wir die beiden Herren erst eine Weile landen lassen; der kleine Mitonare mag mich gern leiden und wenn Dein Vater nach Dir frägt wird er schon einen günstigen Vorbericht für uns ablegen. Nachher gehen wir dann grade und offen zu ihm und sagen ihm wie lieb wir uns haben und wie wir hier bei ihm auf der Insel bleiben und wohnen wollen und er wird uns seine Einwilligung gewiß nicht versagen.«

»Mache es wie Du willst, René,« sagte das arme Mädchen leise und schüchtern — »aber ich fürchte mich recht sehr, und ich wollte zu Gott der ehrwürdige Mr. Rowe wäre nur diesmal nicht mitgekommen.«

Das Boot war indessen an Land gerudert, der kleine Mitonare aber, in aller seiner Unschuld niemand Anderen als seinen Missionair, den alten ehrwürdigen Mr. Osborne erwartend, an den Landungsplatz gegangen ihn zu begrüßen. Er trug sein gewöhnliches weißes Hemd, und das rothe Lendentuch fest um den runden stattlichen Leichnam geschlagen, außerdem aber noch, da er als Mitonare nicht gut im bloßen Kopf in der Sonne herumlaufen konnte, einen breiträndrigen Strohhut mit schwarzem breiten Bande, und stand schon schmunzelnd am Ufer seinem alten Freund die Hand mit einem herzlichen Joranna entgegenzustrecken, als er plötzlich die zweite Gestalt im Boot zuerst überrascht bemerkte, und dann erschreckt erkannte — denn Mitonare hatte einen noch viel größeren Respekt vor dem finsteren geistlichen Mann, der ihm diesmal so unverhofft über den Hals kam, als selbst alle Kinder der Insel zusammengenommen, nur daß er nicht ausreißen durfte, wenn ihm der fromme Mann in den Weg kam. Umdrehn aber und in das Haus, und dort angekommen in den schwarzen Frack und die gelbe Weste fahren, war das Werk eines Augenblicks. In beide Kleidungsstücken kam er zuerst in das verkehrte Aermelloch, aber wie eine gehetzte Ratte fand er zuletzt das rechte, und griff nun in wahrer Verzweiflung das eingewickelte Halstuch von dem Bücherbrett herunter, wo es friedlich bis zum nächsten Sabbath hatte ruhen sollen, riß es aus dem Papier, fuhr dann mit dem Halstuch in die Tasche statt dem letzteren, ehe er seinen Irrthum gewahrte, bekam es aber zuletzt doch noch glücklich um, und hätte nun fast, als er wieder mit einem Satze aus der Thür hinaus wollte, das Versäumte gut zu machen, die beiden geistlichen Herren umgerannt, die, the reverend Mr. Rowe voran, indeß gelandet waren und auf die freundliche Wohnung Mitonares zuschritten.

Mr. Rowe, der übrigens wohl erkannte weshalb der kleine Mann so in Hast gewesen, denn dieser hatte in aller Eile den Hemdkragen gar nicht mit in das Halstuch hineingebunden, begrüßte ihn mit einem gütigen väterlichen Blick und Handdruck, wobei Mitonare ein Gesicht machte, als ob er seine Hand in einem Schraubstock hätte.

»Nun, Bruder Ezra,« sagte Mr. Osborne freundlich, als dieser zu ihm hinantrat, und seine Hand auf das herzlichste schüttelte, was Mitonare mit ungemein gutem Willen erwiederte — »wie ist es Euch die Zeit meiner Abwesenheit ergangen? — immer wohl und gesund gewesen, und in keiner Weise zu Schaden gekommen? nicht wahr ich bin weit länger entfernt geblieben als ich im Anfang beabsichtigte?«

Ich muß hier jedoch bemerken daß die Geistlichen mit dem kleinen Mann nur in seiner eignen Sprache redeten, blos wenn sich Mr. Osborne mit Bruder Ezra — wie der kleine Mitonare bei der Taufe genannt worden — allein befand, und gerade nichts Wichtiges zu verhandeln hatte, sprach er englisch mit ihm, um ihm diese Sprache geläufiger zu machen, und seinen etwas schweren Mund an die fremden Worte besser zu gewöhnen.

Bruder Ezra antwortete auf das Befriedigenste, als aber die drei Männer in das Haus traten, sah sich Mr. Osborne erstaunt und vergebens nach seiner Pflegetochter um, die ihn sonst stets fast die erste begrüßt hatte, und er frug rasch, fast ängstlich nach dem Mädchen.

Mitonare hätte in diesem Augenblick eben so gern seinen ganzen Catechismus aufgesagt — ihm sonst die schrecklichste aller Religionsübungen — als vor Bruder Rowe zu erzählen was mit Pu-de-ni-a vorgegangen sei, und welcher Gast sich indessen auf der Insel eingefunden habe. Er wußte ja am besten in welcher Achtung die Feranis bei dem frommen finsteren Manne standen, und sollte er jetzt erzählen was hier unter seinen eigenen Augen vorgegangen war, und was er selber geduldet hatte? denn jetzt kam es ihm auf einmal wunderbarer Weise vor, als ob das ein entsetzliches Verbrechen gewesen wäre.

Durch sein Schweigen wurde der alte Mann aber nur noch besorgter; er glaubte jetzt wirklich es sei dem Mädchen, das er fast wie sein eignes Kind liebte, etwas widerfahren, und als nun auch Bruder Rowe dazutrat und Mitonare zum Sprechen aufforderte, konnte er natürlich nicht mehr zurückhalten. Der Angstschweiß stand ihm auf der Stirn, aber die ganze Sache kam nach und nach zu Tage, und erst als er mit sämmtlichen Factas geendet hatte, fing er an den jungen Ferani zu loben, der ein wahres Muster von einem Menschen sei und sogar als Ferani in seine Kirche gekommen wäre — und so andächtig zugehört hätte, als ob er jedes Wort davon verstände. Er erwähnte auch des Versprechens das ihm Pu-de-ni-a abgenommen, was er ja auch als Hauptentschuldigung für sich aufstellte, und Mr. Osborne der den Charakter des Mädchens kannte, athmete leichter als er dies hörte.

Bruder Rowe’s Züge hatten sich aber indessen mehr und mehr verfinstert — schon als er hörte daß ein, von einem Wallfischfänger entsprungener Matrose auf der Insel geblieben und nicht wieder von seinem eigenen Schiff mit fortgenommen sei, horchte er hoch auf, und als es nun gar herauskam daß es ein Franzose sei, der schon in aller Geschwindigkeit ein Liebesverhältniß mit der Adoptivtochter des Geistlichen angesponnen habe, sah man es ihm ordentlich an daß er sich Mühe geben mußte seinen Groll und Zorn zu bemeistern. Vergebens waren jetzt Bruder Ezra’s Psalmen, die er dem jungen Franzosen sang, vergebens selbst Mr. Osbornes Einwurf, daß man jedenfalls erst einmal den jungen Mann sehen und sprechen wolle — er war Matrose eines Wallfischfängers und Franzose — also Katholik, und ein richtiger Missionair der Südsee Inseln haßt nichts auf der Welt — selbst den Teufel wohl kaum ausgenommen — herzlicher, als diese beiden Individuen.

Sein Urtheilsspruch war auch ohne weiteres gefällt — »ehe das Uebel tiefer griff, mußten schnelle Maßregeln dagegen ergriffen werden, und er wollte jetzt selbst ohne weiteres zu dem Häuptling hinübergehn und mit diesem das Nöthige dazu besprechen. Der Häuptling oder König brauche ihm nur zu gebieten die Insel zu verlassen, so müsse er dem Befehl Folge leisten, und Gelegenheit habe er jetzt gerade am besten in dem kleinen Schooner, der in einigen Tagen wieder mit ihm nach Tahiti zurück sollte. Weigerte er sich aber dem Befehl Folge zu leisten, so war nichts einfacher als ihn als Gefangenen mit fortzunehmen, und an den französischen Consul in Papetee auszuliefern. — Diese Inseln standen unter englischem Schutz, und es war ihnen von der englischen Regierung versprochen sie gegen jede Aufdringlichkeit, besonders von französischer Seite, zu schützen, wo man überdies nicht einmal wissen könne, ob da nicht am Ende gar irgend ein heimlich gehaltenes Missionswesen der Verbreiter »papistischer Gräuel« dahinter stäke. Andererseits würde aber auch die französische Regierung, die gerade erst ganz kürzlich ihr etwas gewaltsames Protectorat angetreten, Alles vermeiden, mit anderen Mächten, noch dazu eines entsprungenen Matrosen wegen, in Collision zu kommen. Für sie hier war es aber gerade in dieser Zeit von höchster Wichtigkeit jenen papistischen Propaganden, die sich über sämmtliche Inseln zu verbreiten suchten, entgegen zu arbeiten. Das Volk dieser Inseln sei viel zu empfänglich für äußeres Gepränge, nicht der Gefahr ausgesetzt zu sein von dem Flitterstaat der katholischen Religion bestochen zu werden, und nicht allein Jahre lange Anstrengungen und Arbeiten, nein auch die Seelen der Unglücklichen wären dann verloren für immer.«

»Aber nicht allein in religiöser, nein auch in moralischer Beziehung sei es Pflicht der Geistlichen dahin zu wirken diese schlimmsten aller Vagabunden, flüchtige Seeleute, von sich entfernt zu halten. Auch Bruder Osborne wisse recht gut, wie gerade diese Menschen dem wohlthätigen Wirken der Missionaire stets feindlich entgegengetreten wären, selbst wenn sie denselben Glauben mit ihnen hatten; wie viel schlimmer war es jetzt, wo solche Menschen auch sogar noch in ihrem Glauben eine, ihrer Meinung nach vielleicht vollkommen genügende Ursache fänden, Unfrieden zwischen dem Geistlichen und seiner kleinen Gemeinde zu säen?«

»Für den Vater sei es außerdem besonders dringende Pflicht, sein angenommenes Kind vor Verführung zu schützen und ihr Herz zu wahren vor den Eindrücken, die bei einer solchen unnatürlichen Verbindung unvermeidlich wären. — Das war seine Meinung über die Sache, und er hoffte Bruder Osborne würde mit ihm hierin vollkommen harmoniren. Es sei nöthig daß sie zusammenständen, in dieser jetzigen Zeit des Trübsals, um des Glaubens willen.«

»Er hatte zuerst die Absicht gehabt den König morgen zu besuchen, aber im Dienste Gottes gäbe es keine Ruhe noch lässiges Verschieben, und er wolle deshalb gleich dorthin aufbrechen, ihn mit sich herüber zu bringen.« Daß er die Einwilligung desselben, oder vielmehr den Befehl für den Flüchtling erhalten würde, mit erster Gelegenheit die Insel wieder zu verlassen, verstand sich von selbst, und er zweifelte daran nicht im mindesten.

Mr. Osborne ersuchte ihn jetzt noch einmal, den Fremden wenigstens erst einmal rufen zu lassen und mit ihm zu sprechen, daß sie mit eigenen Augen sähen zu welcher Klasse von Menschen er gehöre. — Bruder Rowe’s Entschluß war gefaßt, und da er, durch seinen langen Aufenthalt zwischen diesen Inseln als Missionair, sich daran gewöhnt hatte unbedingt zu befehlen, indem seine Stimme für das Wort und den Willen des Herrn galt — ja da er die feste Ueberzeugung hatte daß alle diese Tausende von Insulanern nur durch ihn und die wenigen andern Geistlichen einer ewigen Qual entrissen, und der Seligkeit zugeführt seien, ihm also mehr als ihr Leben, ihr ganzes einstiges Heil danken mußten, so verstand es sich wohl von selbst daß er auch die weit geringere Leitung ihrer weltlichen Angelegenheiten wenn auch nicht gerade führen, doch in die Bahn leiten konnte und durfte, die er als die richtige bestimmte.

Er beorderte jetzt ohne weiteres — denn ihre Mahlzeit hatten sie schon an Bord eingenommen — zwei Eingeborene, ihn in einem kleinen Boot, das er schon mehrfach dazu benutzt hatte, um die Insel hinum zu rudern, denn es fiel ihm nicht ein den langen Weg zu Fuß zu gehn. — In diesem wurde ein schmales Sonnendach aufgespannt, und eine Viertelstunde später schoß das kleine scharfgebaute Fahrzeug, von den kräftigen Armen der Insulaner getrieben, pfeilschnell über das spiegelglatte Binnenwasser, von der Strömung jetzt noch überdies begünstigt hin, und war in kurzer Zeit um die nächste vorragende Landspitze verschwunden.

René und Sadie hatten indessen mit freudigem Staunen die rasche Abreise des finstern Mannes gesehen, die sie irgend einer Ursache in seinem geistlichen Wirken zuschrieben, und sie beschlossen nun auch ohne weiteres hinunter zu Mr. Osborne zu gehn, ihm Alles zu erzählen und ihn um seinen Segen zu bitten.

Mitonare war übrigens indessen, nur erst einmal der beengenden Gegenwart des bodder Au-e enthoben, nicht müßig gewesen Mr. Osborne den jungen Fremden von der besten Seite zu schildern. Natürlich lag in diesem Lobe ein großer Theil Eigennutz verborgen, denn es mußte ja auch einzig und allein seine Entschuldigung sein, daß er Prudentia’s Umgang mit ihm überhaupt geduldet hatte. Solcher Art war er denn noch emsig damit beschäftigt, und Mr. Osborne saß gar ernst und sinnend vor ihm in seinem Lehnstuhl, den rechten Ellbogen auf die Lehne und das graue Haupt in die rechte Hand gestützt. Es schien ihm recht weh und trüb um’s Herz zu sein.

Da traten die beiden jungen Leute in die Thür, und Sadie blieb erst einen Augenblick schüchtern in der Ferne stehen; als er aber den Blick zu ihr aufhob, und sie in das liebe ehrwürdige, jetzt so kummerschwere Antlitz schaute, da flog sie, wie in alter Zeit auf ihn zu, barg ihr Gesicht an seinem Herzen und rief:

»Mein lieber, lieber Vater!«

»Mein liebes, liebes Kind!« sagte der alte Mann und küßte das fest an ihn angeschmiegte Haupt des schönen Mädchens — »was habt Ihr denn hier, unter der Zeit meiner Abwesenheit für böse, böse Streiche getrieben?«

Es lag eine so innige Zärtlichkeit in dem Ton mit dem er diese Worte sprach, und nur ein so leiser — von jedem Verdacht freier Vorwurf, daß sich Sadie nur fester gegen seine Brust preßte, aber ihre Hand zurück nach René ausstreckte, diesen herbeizurufen und zu ihrem Vater zu bringen.

Der alte Mann, der wohl auf den ersten Blick sah, daß er keinen gewöhnlichen Matrosen vor sich habe, grüßte den, sich ihm jetzt offen und vertrauensvoll nähernden jungen Mann freundlich, winkte ihm einen Stuhl zu nehmen, den Mitonare indessen mit großer Bereitwilligkeit herbeigebracht hatte, und bat dann René, was er ihm zu sagen habe, ihm ohne jeden Umschweif, mit jedem Vertrauen zu eröffnen — er habe Prudentia als sein Kind angenommen, und von klein auferzogen als ihre Eltern gestorben waren und die kleine Waise allein zurückgelassen hatten, und hege dieselben Gefühle noch jetzt für das erwachsene Mädchen, als ob sie seine eigene leibliche Tochter sei. Er wolle auch nur ihr Glück, möchte das aber gesichert wissen da es keins der gewöhnlichen Mädchen der Eingeborenen sei, sondern eine fast Europäische Erziehung genossen habe und dabei auch vielleicht jetzt tiefer fühle, besonders andere Ansichten über die Ehe habe, als sie in diesen Gruppen bei ihren Landsmänninnen wohl meist gefunden würden.

René verlangte Nichts mehr; er erzählte zuerst dem alten Mann, so gedrängt als möglich, seine ganze Lebensgeschichte, schilderte ihm, so treu er es selber vermochte, seinen ganzen Charakter, was ihn in die Welt, was ihn zuletzt an Bord eines Wallfischfängers getrieben habe, von dessen ganzen Wesen und Treiben er früher keinen Begriff gehabt, und wie er auf dieser Insel sich jener Existenz zu entziehen gesucht und hier Sadie’en gefunden und lieben gelernt habe. Er zeigte ihm dann die Papiere die er mit sich führte — und Mr. Osborne verstand nicht allein das Französische sondern sprach es auch sehr geläufig — erklärte ihm daß es sein fester Wille sei sich hier auf einer dieser Inseln, am liebsten auf dieser, niederzulassen, und bat den alten Mann ihm Sadie, die er in der kurzen Zeit seines Aufenthalts recht von Herzen lieb gewonnen habe, zum Weib zu geben. Er wollte sich dann bei ihnen seine Heimath gründen, und Mr. Osborne solle einen guten Sohn und Nachbar an ihm finden.

»Sie sind Katholik?« frug ihn der alte Mann, als René schon eine ganze Zeit lang geschwiegen und er ihn indessen mehr sinnend als forschend betrachtet hatte.

Des jungen Mannes Antlitz röthete sich ein wenig, als er erwiederte:

»Lieber Herr, Sie haben gewiß genug von der Welt gesehn, zu wissen wie es mit der Religion unter jungen Leuten meistens steht. — Ich bin allerdings als Katholik erzogen, und die Meinigen waren sämmtlich, einige sogar sehr strenge Katholiken, ich selber muß Ihnen aber aufrichtig gestehn, habe mich nie streng an die Gebräuche weder meiner noch einer andern Sekte gehalten, und Sie können überzeugt sein, daß ich nie daran denken würde Jemanden zu meinem Glauben überreden zu wollen. Sadie ist in dem ihren aufgewachsen und ein so liebes, braves Mädchen geworden, sie wird ihm auch treu bleiben, und ich wäre der Letzte sie darin zu stören. Was mich selber betrifft, so suche ich recht zu thun, und hoffe dann mit meinem Gott schon fertig zu werden — er allein weiß ja auch nur, wer den rechten Glauben hat. Sie werden aber auch nie finden, daß ich über den Glauben eines Andern spotte — ein Jeder hat ein Recht zu seiner Meinung.«

Der Missionair hatte nun allerdings gar sehr verschiedene Ansichten über Religion, aber René gewann sich doch durch diese Offenheit sein Herz, denn keineswegs gehörte er zu jener stolzen Priestersekte die, ihr Religionspanier in der gehobenen Rechten, das Volk vor sich auf die Knie werfen und so lange damit fortschreiten bis sie zuletzt ganz zu vergessen scheinen daß das Volk eigentlich vor dem Panier und nicht vor ihnen kniet. Aber der alte Mann hatte doch noch andere und recht ernste Bedenken, und je mehr er den jungen lebensfrischen Mann da vor sich stehen sah, so viel schwerer ward ihm das Herz; aber er wollte das Alles nicht vor der Tochter aussprechen, und bat also das Mädchen auf kurze Zeit das Haus zu verlassen, er habe mit dem jungen Mann etwas allein zu reden.

Sadie war ein viel zu folgsames Kind auch nur mit einem Blick zu zögern — sie küßte des alten ehrwürdigen Mannes Hand und verließ dann rasch das Zimmer.

Der alte Mann saß, schon als die leichte Bambusthür lange hinter ihr zugefallen war, noch viele Minuten schweigend da, als ob er selber nicht rechte Worte für das finden könne was er sagen wolle.

»Lieber junger Freund,« begann er endlich, »Sie sind frei und aufrichtig gegen mich gewesen, und ich will Ihnen Gleiches mit Gleichem vergelten; Sie werden mir deshalb auch Nichts übel nehmen, was ich zu Ihnen sage, denn Gott weiß es, es geschieht sowohl zu Prudentia’s als Ihrem eigenen Wohl. Sie sind, wie ich aus Ihren Papieren gesehn habe, von guter Herkunft, in dem gebildeten, geselligen Leben Europas erzogen, an Europäische Sitten, an ein Leben gewöhnt, das Ihnen mehr bietet als nur einfach Essen und Trinken und ein einzelnes Wesen dem Sie sich anschließen können — mögen Sie dies noch so sehr lieben. Die Beweise haben Sie selber in ihrem unsteten Leben; weder in Afrika noch Amerika fanden Sie was Sie suchten, d. h. das was das Bedürfniß Ihres Herzens und Geistes befriedigen konnte — die rohe Gesellschaft des Wallfischfängers trieb Sie sogar zu einem verzweifelten Schritt, bei dem Sie lieber Ihr Leben einsetzen, als in jenes Verhältniß zurückkehren wollten. Sie fanden hier, gerade in Ihrer größten Gefahr, auf höchst romantische Weise ein junges reizendes Mädchen, dessen liebe regelmäßige Züge, dessen Gestalt zuerst ihre Leidenschaft weckte, und dessen Unschuld und Liebreiz, als Sie dasselbe näher kennen lernten, Ihr Herz gewannen. Scenerie und Umgebung, selbst sogar die verschiedene Farbe und Abstammung des Mädchens trug dazu bei, den Reiz in Ihrem eigenen jugendlichen Herzen zu erhöhen. Unser herrliches Klima, die tropische Vegetation, das stille blaue Meer, ja das ganze Stillleben unseres lauschigen Plätzchens hier bestach Ihre Sinne mehr und mehr, und Sie glauben jetzt — ja Sie sind fest überzeugt davon, daß Sie in dem Mädchen und dieser Insel das Ideal Ihres Lebens gefunden, das Ziel Ihres ganzen Strebens und Drängens erreicht haben. — Wenn Sie sich aber nun irren? — Ich weiß was Sie sagen wollen — Sie folgen dem Drange Ihres Herzens und fürchten nicht daß Sie dieses irre führt, aber hören Sie mich ruhig darüber an. Sie sind jung, das Leben liegt noch offen vor Ihnen — ich bin alt, meine Bahn ist bald durchwandelt, — Sie haben die Hoffnung, ich die Erfahrung, und drei und zwanzig Jahre meines Lebens hab’ ich auf diesen schönen Inseln zugebracht. In dieser Zeit habe ich aber auch viele viele Leute kommen und gehen, habe Hoffnungen und Träume aufblühen und verwelken sehn und weiß was ein Mann in Ihren Verhältnissen hier zu finden glaubt — und was er findet.«

»Jetzt ist Ihnen noch Alles neu — die Palmen selber, die ganze tropische Vegetation übt einen Reiz auf den Neuankommenden aus, dem er selten, wenigstens in seinem ersten Andrang, widerstehen kann; nur wenige Jahre führen aber darin eine gewaltige Aenderung herbei, denn das Herz, besonders das junge Herz bedarf einer Veränderung, bedarf eines Reizes für seine Thätigkeit, wenn es nicht erschlaffen oder in neuem, dann aber recht schlimmen Schmerz vergehn soll. Viele, sehr viele Europäer haben sich besonders in den letzteren Jahren hierher gezogen, die aber von ihnen, die wirklich hier geblieben sind, waren schon ältere Leute und brachten auch meistens ihre Familien, die ihnen an Stand und Erziehung gleich waren, mit sich. — Fast alle diese kamen hierher, ein Geschäft zu treiben und sich ein Vermögen zu erwerben, und sie werden meist Alle wieder, wenn ihre Kinder erwachsen sind, nach Europa zurückkehren. Dorthin passen sie auch — ihre Frauen stammen selbst von dort, und sehnen sich nach dort zurück, und sie lassen dann Nichts hier zurück, als eine freundliche Erinnerung; die Fasern ihres Herzens haben nicht zwischen den Palmen und Bananen Wurzel geschlagen.«

»Sehr viele von ihnen haben auch Indianische Mädchen geheirathet — die ersten und hübschesten die ihnen begegneten — auf allen Inseln zerstreut finden Sie solche Beispiele; aber es sind das fast nur einzig und allein rohe Matrosen, denen das müßige Leben zusagt, die sich auch in ihrem Vaterlande in keinen anderen Zirkeln bewegt haben, als wo das materielle Wohl ihr Hauptziel und Streben war, und selbst diese verlassen gewöhnlich, nach einer längeren Reihe von Jahren, ihr leicht genug angetrautes Weib und die mit ihr gezeugten Kinder — selbst diesen genügt zuletzt nicht mehr diese tropische Ruhe, und sie sehnen sich nach Abwechselung, nach einer Veränderung ihrer Verhältnisse, sollten sie diese auch wieder mit harter Arbeit ja sogar dem früheren Leben erkaufen müssen.«

»Auf Tahiti haben Sie einige wenige Beispiele unter Ihren Landsleuten, die sich mit Tahitischen Mädchen wirklich verheirathet haben; jetzt sind diese Frauen jung und schön, sie könnten sie nach Europa zurückführen und vielleicht stolz darauf sein — wenn Sie das Gefühl einer etwas wunderlichen und bizarren Eitelkeit so nennen wollen — werden sie aber alt — und weibliche Körper blühen und verblühen in unserem tropischen Klima so rasch wie unsere üppige Pflanzenwelt — dann ist das vorbei. Sie können keine alte Indianische Frau nach Europa bringen, sie dort in Ihre Kreise einzuführen. — Sie möchten das auch nicht, denn Sie wüßten recht gut, wie Sie hinter Ihrem Rücken dem Gespötte der Menge, die die näheren Beweggründe nicht kennt und nicht achtet, verfallen würden. Und wollen Sie das Wesen, das sich an Sie angeschlossen hat und mit Herz und Seele an Ihnen hängt nicht unglücklich und elend machen, so müssen Sie bei ihm und hier auf den Inseln bleiben, und Unmuth und Sehnsucht nach einem andern Leben zehrt dann an Ihnen weit schlimmer und gewaltiger, als es an dem jungen Herzen gethan. Dem lag die Welt noch frei — es konnte noch dem ersten Drange folgen, ob ihn der auch gleich manchmal irre führte, jetzt aber ist das vorbei — die Möglichkeit frei zu handeln ist genommen, und nur der Drang selber geblieben, der dann wie ein ewiger Wurm an Ihrem Herzen nagt.«

»Ich spreche nach mehren Beispielen, die ich selber kenne, junger Mann, und die innige Liebe auch, die ich für Prudentia fühle, macht mich besorgt, ihr ein solches Schicksal ersparen zu wollen. Prudentia ist, wie ich Ihnen schon gesagt habe, und wie Sie auch selber, nach einem Zusammensein mit ihr von mehren Wochen gewiß finden mußten, keins der gewöhnlichen sinnlichen Mädchen dieser Inseln, die sich dem Ersten Besten, ohne Arges dabei zu denken, hingeben, und gar nichts anderes erwarten, als daß er sie, sobald er ihrer müde ist, wieder verläßt. Ich fürchte im Gegentheil, Sie haben Prudentia’s Herz schon zu sehr gewonnen; jetzt wäre aber doch noch vielleicht eine Trennung möglich. — Sie würden Beide an diese Zeit wie an einen schönen Traum zurückdenken, von dem es das Herz nur eine kurze Zeit schmerzt — daß es eben nichts weiter als ein Traum war; aber Sie können Beide auch dadurch vielleicht einem verfehlten Lebensziele entweichen, das dann später nicht mehr zu ändern wäre, und leider für Beide auch verderblich werden müßte.«

»Ich bin fest davon überzeugt, daß Sie in diesem Augenblick Prudentia mit aller Leidenschaft einer innigen, vielleicht gar ersten Neigung lieben — aber wird der alte Hang eines unstäten Lebens, das in dem Herzen nur erst eingewurzelt, gar so leicht verderblich werden kann, diesem Herzen in dem Stillleben unserer Inseln Ruhe und Frieden lassen? — Unsere Palmen sind grün und herrlich — aber so wie sie dort stehn, stehn sie das ganze Jahr — kein gilbendes fallendes Blatt, keine Schneedecke, keine auskeimenden wachsenden Knospen geben ihnen im nächsten Frühjahr immer wieder denselben Reiz. — Unsere Bäume sind mit Früchten bedeckt — aber die Blüthenzeit fehlt uns — wir brauchen die Frucht nie zu erwarten — zu erhoffen — sie hängt voll und reif am Baume, während heimlich, von uns kaum bemerkt, andere indessen nachblühen und nachwachsen, die fehlenden immer wieder zu ersetzen und die Plätze der niederfallenden auszufüllen. Wir kennen auch hier nicht die Sorgen und Mühen des Lebens — das Salz jedes gesellschaftlichen Verkehrs, durch das eine erworbene Existenz erst ihren ganzen uns beglückenden Reiz gewinnt — wir stehen Morgens auf und essen und trinken und legen uns Abends wieder schlafen. Nachrichten von der äußeren Welt dringen nur selten zu uns, und wie sie kommen wäre es fast besser sie blieben ganz aus, denn anstatt zu befriedigen lassen sie, selbst in dem Herzen der Aeltesten von uns, eine Leere zurück, die wir vergebens auszufüllen suchen.«

»Wollen Sie nun, mit Ihrem jungen thatkräftigen Herzen in dieses felsenumgürtete Thal, aus dem es keine Rückkehr für Sie giebt, hinabspringen? — schauen Sie um sich her, junger Freund — noch stehn Sie oben — noch liegt die ganze übrige Welt ausgebreitet vor Ihren Blicken — haben Sie nichts nichts mehr darin was auch nur den geringsten Anhaltepunkt an Ihr Herz hätte? — bedenken Sie, bei einem sinkenden Schiff kann das kleinste, unbedeutenste vergessene Tau das Boot, auf dem sich der Schiffbrüchige sonst vielleicht sicher den Wellen anvertrauen könnte, rettungslos mit in den Abgrund ziehen.«

Der alte Mann schwieg, und eine Thräne zitterte in seinem Auge; ernst und forschend schaute er dabei den jungen Mann an, und es war, als ob er seine innersten Gefühle ergründen wollte, ehe sie auf die Lippen kämen — ja wahrer als sie der Mund vielleicht auszusprechen vermöchte. René begegnete aber, zwar gerührt, doch fest entschlossen dem Blick, und erwiederte endlich mit weicher Stimme:

»Sie verstehn es, alter Herr Einem Herz und Seele zu fassen, mit Ihren Worten, aber ich springe getrost hinab in das Thal, denn da oben blüht für mich kein Glück, keine Freude mehr. Die Meinen sind todt oder schlimmer als so — ich stehe eine Waise in der Welt, weder Bruder noch Schwester leben, die Ansprüche auf meine Nähe machen dürften; Alles was mein Herz sonst hätte binden können, ist für mich verloren, und stießen Sie mich jetzt wieder kalt und erbarmungslos in die Welt zurück, ich müßte rettungslos untergehn — und wäre recht recht elend. Auch Sadie hängt mit inniger Liebe an mir, und ihr Herz ist nicht geschaffen einmal zu lieben und so leicht wieder vergessen zu können — wollten Sie auch aus ihrem Herzen diese erste Neigung reißen? — Sie haben Sadie zu lieb dazu wenn ich selber Ihnen auch gleichgültig sein müßte. Aber — ich kann mich auch irren,« brach er dann plötzlich ab — »ich täusche mich vielleicht selber in Sadie’s Herzen, und ihre Neigung wäre eines Rückschrittes fähig. — Sprechen Sie selbst mit Ihr, werther Herr — fragen Sie das Mädchen selber, und halten Sie unsere Vereinigung für gefahrbringend für sie, und glaubt Sadie daß sie mir jetzt noch ohne großen Schmerz entsagen könne — dann beim ewigen Gott will ich nicht in den Frieden dieses stillen Thales getreten sein, Thränen und Kummer zu säen, dann sollen Sie finden daß ich auch im Stande bin zu entsagen, und wenn mir das Herz darüber bräche; kein Wort des Unmuths — keine Klage soll über meine Lippen kommen, das erste beste Canoe mich zu einer anderen Insel — aus ihrer Nähe führen.«

Er war aufgesprungen und seine Mütze ergreifend wollte er das Zimmer verlassen, der alte Missionair streckte ihm aber die Hand entgegen und sagte mit herzlichem, bewegtem Tone:

»Das ist recht brav und ehrlich von Ihnen gehandelt, junger Mann, und ich gebe Ihnen mein Wort, ich habe auch, seit dem ersten Augenblick wo ich Sie sah, noch nicht einen Augenblick daran gezweifelt daß Sie Alles so auch fühlten, wie Sie es dem Mädchen vorgesprochen. Ich kenne übrigens Prudentia, oder wenn Sie denn lieber wollen, Sadie, viel zu gut um bei ihr langer Rede zu bedürfen, in wenigen Minuten haben Sie meine Antwort, treten Sie indessen hier in das nächste Haus — das Fenster ist fast so niedrig wie eine Thür — aber glauben Sie nicht, junger Freund, daß ich Ihnen das Wort reden werde,« setzte er ernster hinzu, »Sie müssen es meinem Gewissen überlassen mit Sadie zu handeln, wie ich es vor dem verantworten kann.«

»Handeln Sie, als wenn Sie ihr Vater wären,« sagte René herzlich — »ich will Sadie’ens Glück, nicht das meine,« und er verließ mit schnellen Schritten das Zimmer.

Auf des alten Mannes Ruf betrat das Mädchen schüchtern und mit niedergeschlagenen Blicken das Gemach — sie schaute nicht auf, aber sie fühlte das René nicht mehr im Zimmer sei, und ihr Herz klopfte fast hörbar in der Brust. — Ihr Vater hatte ihn abgewiesen und der schöne Traum ihres Glücks war in Nacht und Thränen zerflossen.

»Prudentia,« sagte der alte Mann, und zog das zitternde Mädchen sanft zu sich — »ich habe den jungen Fremden fortgeschickt von hier — er hat Dich jetzt wohl lieb, aber wenn er eine Zeit lang von seiner Heimath entfernt ist, sehnt er sich wieder nach ihr zurück, und läßt mein armes Mädchen hier allein, und dann wärst Du wohl recht recht unglücklich geworden und elend. Jetzt ist der Eindruck den er auf Dein Herz gemacht, noch flüchtig, noch leicht wieder zu verwischen — Du wirst einen oder zwei Tage weinen, ihn nachher vergessen, und nicht wahr mein Kind, ich habe darin recht und gut gehandelt — ich wollte ja nur Dein Wohl.«

»Ich will Alles thun was Du mir sagst mein Vater,« flüsterte das Mädchen, dicht an seine Brust geschmiegt, so leise, daß er kaum ihre Worte verstehen konnte.

»Das ist mein gutes Kind,« sagte der Greis, aber die Stimme zitterte ihm; er fühlte nur zu gut was in dem Herzen des armen Mädchens vorging, und wie die Liebe für den Fremden schon viel zu tief Wurzel geschlagen habe, je wieder, ohne das Gefäß selber zu zerbrechen, herausgerissen zu werden. Er mußte sich aber selber einen Augenblick sammeln ehe er fortfahren konnte, und mit lebhafter Stimme wie ermuthigend setzte er hinzu:

»Und, nicht wahr mein Kind — dann wirst Du auch wieder glücklich und froh sein, wie bisher? — wirst wieder lachen und singen und nicht das Köpfchen so trübe hängen lassen.«

»Ich will mir rechte rechte Mühe geben lieber Vater,« flüsterte das Mädchen und barg ihr Haupt fester an dem Herzen des alten Mannes.

»Und willst Du auch den Fremden vergessen meine Tochter? — willst Du mir das recht fest und aufrichtig versprechen, mein braves Mädchen?« frug sie jetzt leise der Greis.

Das aber war zu viel für das arme gequälte Herz — einen Augenblick schien es, als ob sie sich von seiner Brust emporheben wolle, ihm in die Augen zu schauen — aber sie sank wieder zurück und klagte nur leise:

»Ach das weiß ich nicht — das weiß ich wahrhaftig nicht, lieber, lieber Vater« — damit war aber auch ihre Kraft gebrochen, und laut und heftig schluchzend, als ob ihr das Herz vergehen wolle in unendlichem Weh, hing sie in seinen Armen.

Und sie schluchzte nicht allein, denn aus der Ecke des Zimmers vor tönte es noch weit lauter und heftiger, und der kleine Mitonare saß da auf einem der niedern Bambusschemel, ganz allein und vergessen und weinte, in Thränen förmlich zerfließend, wie ein kleines Kind.

Da vermochte sich aber der alte Missionair auch nicht länger zu halten, und der Tochter thränenüberströmtes Antlitz zu sich erhebend und küssend und wieder küssend rief er:

»Nein, nein Prudentia, ich bin ja kein Tyrann daß ich mein Kind so elend und unglücklich machen mögte, nur weil die Möglichkeit existirt, daß es später noch einmal so kommen könne — nein, wenn Gott Dir eine so gewaltige und innige Liebe für ihn in’s Herz gelegt hat, dann nimm ihn, nimm ihn — der Herr segne Euch, und Er wird Alles zum Besten lenken. Aber sei auch wieder mein gutes fröhliches Mädchen, lach wieder, sing wieder und mache das Herz Deines alten Vaters froh durch Dein heiteres glückliches Angesicht.

»Vater — lieber Vater!« rief das Mädchen in jubelnder, kaum gefaßter Lust. — Mitonare hatte aber kaum gehört was die Sache, die ihm selber das Herz abzustoßen drohte, für eine Wendung nahm, als er, wie aus einer Pistole geschossen, zur Thür hinausfuhr, und nach kaum zwei Minuten mit dem »verzweifelten Wi—wi« — wie er ihn nannte, in’s Zimmer geschleppt kam.

René lag mit an dem Herzen des alten Mannes — er wußte selber kaum wie, und der Greis flüsterte einen leisen Segen über den Häuptern der Glücklichen.


Capitel 6.