Was der ehrwürdige Mr. Rowe dazu sagt.
Der Abend verging den beiden Liebenden wie ein Augenblick — sie hatten sich so tausenderlei zu sagen, so tausenderlei zu besprechen, daß sie den Flug der Stunden gar nicht bemerkten, und der alte gute Mann saß lächelnd dabei, und wohl auch ihm stiegen in der Erinnerung alte liebe, o so lang jetzt vergangene Bilder auf, und führten seine träumenden Gedanken zurück zur Jugendzeit.
Aber auch die Gegenwart erheischte seine Umsicht, denn manchmal gedachte er ebenfalls seines, in ziemlicher Aufregung fortgegangenen Collegen und der Schritte die dieser jetzt zu thun suchte, das Glück, was er selber heute Abend hier geschaffen, wieder zu zerstören. Er hielt es auch für seine Pflicht dieses dem jungen Mann mitzutheilen und ihn wenigstens darauf vorzubereiten, daß seine Bahn von jetzt an noch immer keine ganz ebene sein könne. Hätte er dem von seinem Glück förmlich Trunkenen aber auch eine wirkliche Gefahr genannt, er würde ihr mit leichtem Herzen begegnet sein, vielweniger denn, wo es nur den bösen Willen oder Zorn eines fremden Geistlichen betraf, den weder Sadie’s Schicksal noch das seine kümmern durfte. Des Königs selber glaubte er dabei ziemlich gewiß zu sein, noch dazu da diese geistlichen Herren selten oder nie Geschenke verschwenden, und nur den Willen Gottes vielmehr als Gebot aufstellen. Hier war also nicht einmal etwas zu gewinnen, im Gegentheil nur zu verlieren, denn die Insulaner wußten recht gut daß bei dem Aufenthalt eines Weißen zwischen ihnen, der förmlich Einer der ihrigen wurde, stets hie und da etwas für sie abfiele.
Mr. Osborne selber, wenn er auch einen Conflikt mit Bruder Rowe gern vermieden hätte, stand doch keineswegs in einer so abhängigen Stellung von ihm, seinen Zorn fürchten zu müssen. Nur Sadie versicherte René sie habe eine entsetzliche Angst vor dem finstern Mann, und wollte vieles darum geben, wäre er gar nicht mit ihrem Pflegevater herübergekommen.
Seinem feindlichen Wirken aber in etwas zu begegnen, wurde noch an demselben Abend ein junger Mann mit einer Privat-Botschaft an den König geschickt, daß der alte Mr. Osborne, den sie Alle auf der Insel wie ihren Vater liebten, seine Pflegetochter dem jungen Fremden zum Weibe versprochen habe, und daß dieser hinführo mit ihnen auf der Insel zu leben wünsche, wozu sie des Königs Erlaubniß erbitten ließen.
Am nächsten Tag kehrte Bruder Rowe, und in einer nichts weniger als freundlichen Stimmung zurück. Er hatte den König, von dem er ohne weiteres verlangt zu haben schien den Fremden, einen entsprungenen Matrosen und Katholik, in Güte oder mit Gewalt von der Insel zu entfernen, in einer keineswegs günstigen Laune dafür getroffen, und schon die Ausflüchte die dieser machte, wenn er sich auch dem finsteren Missionair gegenüber keine direkte Weigerung erlaubte, verriethen ihm daß er, wo er blinden Gehorsam erwartete und verlangte, auf Schwierigkeiten stoßen könne.
Alles was er von dem Könige als festes Versprechen erreichen konnte war, sich mit ihrem eigenen Missionair darüber zu berathen, und wenn dieser es ebenfalls wünsche, dann wolle er gern den Befehl geben, daß der junge Fremde die Insel, auf der er sich übrigens bis jetzt sehr ordentlich betragen habe, verlassen solle. Wie er aber glaube gehört zu haben, wolle der Weiße eines ihrer Mädchen heirathen und solchen Leuten, wenn sie sich wacker aufführten, hätten sie noch nie den Aufenthalt verweigert.
So rasch als möglich sollte jetzt Bruder Osborne dem König seinen Willen oder vielmehr Wunsch bekannt machen, wie er ebenfalls die Entfernung des Fremden verlange. Bruder Rowe kehrte zu diesem Zweck ohne weiteren Aufenthalt, als daß er die Nacht an der anderen Seite schlief, zu den Missionsgebäuden zurück, und es läßt sich denken mit welchen Gefühlen er hier des alten ehrwürdigen Mannes Entschluß vernahm, dem Fremden die Tochter zu geben und ihn als Sohn anzuerkennen. Vergebens waren alle seine Einwendungen, vergebens blieb selbst sein Zürnen dagegen.
»Ich habe dem Mädchen,« sagte der Greis, »die Erziehung eines weißen Kindes gegeben, und vielleicht, wie ich jetzt zu spät sehe, Unrecht daran gethan; ich habe sie unfähig gemacht, sich in den gewöhnlichen Verhältnissen ihrer Landsleute wieder glücklich zu fühlen; diese können ihrem Herzen, ihrem Geiste nicht mehr genügen — bei der Verbindung mit jedem Weißen ist sie aber derselben Gefahr ausgesetzt, der sie jetzt vielleicht entgegengeht — daß sie nicht auf die Länge der Zeit im Stande wäre sein Herz auszufüllen, aber auch das ist nur noch Vermuthung — es ist eine Möglichkeit die wir befürchten, aber nicht voraus wissen mögen, und ich kann mich nicht dazu verstehn, ihr Herz jetzt gewiß zu brechen, weil es vielleicht später einmal gebrochen werden dürfte.«
»Aber fürchtet Ihr nicht die Sünde — Bruder Osborne?« rief da der Missionair, als alle andere Beweisgründe fehlgeschlagen hatten — »wollt’ Ihr es vor der Tafel der Gesellschaft in England verantworten, Euer im rechten Glauben erzogenes Kind selber in die Hände eines Anhängers des Pabstes zu liefern? Ich würde gezwungen sein, so leid es mir auch selber thun möchte, diesen Fall nach Hause zu berichten, denn die Folgen sind gar nicht abzusehen, und können auf das verderblichste für unsere kleine Gemeinde wirken. Und wie steht Ihr dann vor jenen ehrwürdigen Männern wenn Ihr selber, Einer jener Auserwählten die unter die Heiden geschickt wurden den Saamen unserer Religion in ihre unwissenden verstockten Herzen zu pflanzen — wenn Ihr selber dann Unkraut zwischen den Weizen gesäet habt, mit Euren eigenen Händen, ja und ich möchte fast sagen auch mit den Mitteln, die Euch von der Tafel der Missionsgesellschaft anvertraut waren in ihrem Sinne, nicht in Eurem eigenen damit zu handeln?«
Der alte Mann blieb aber auch fest, selbst gegen diese halbe Beschuldigung eines Mißbrauchs am Vertrauen, wenn ihn solche Anspielung auch wohl recht schwer und tief kränken mußte.
»Ich habe dreiundzwanzig Jahre,« sagte er ruhig, »mein Leben der Sache geweiht, die ich für eine gute hielt und noch halte; ich habe mir in der ganzen langen Zeit keinen einzigen Vorwurf, meiner Handlungsweise wegen zu machen — wir sind Alle Sünder und ich bin nicht reiner davon als der Geringste unter uns, aber ich kann frei das Auge zu Gott emporheben und sagen: »Herr richte über mich!« — ich bin mir nichts Böses bewußt. Auch in diesem Fall aber, Bruder Rowe, handele ich nach bestem Wissen und Willen, ich glaube nicht anders handeln zu können, und was ich da thue werde ich auch verantworten — Euere Berichte, Bruder, werde ich Euch freilich selber überlassen müssen.«
Mr. Rowe ging mit raschen ungeduldigen Schritten im Zimmer auf und ab — am wenigsten wollte es dem fanatischen Priester in den Kopf, daß der Fremde mehr sei, als ein gewöhnlicher weggelaufener Matrose. — Bruder Osborne hatte, wie er meinte, so lange und zurückgezogen von der Welt gelebt, daß er sich durch die schönen Redensarten und Versprechungen eines jungen leichtsinnigen Menschen vielleicht ebenfalls täuschen ließe. Er wollte deshalb selber einmal mit ihm reden und dann bald ausfinden wes Geistes Kind er sei. Es war seine letzte Hoffnung.
Mr. Osborne selber wünschte dies, weil er dadurch eine bessere Meinung für den Fremden bei dem strengen Geistlichen zu erreichen hoffte, und ließ René, der mit Sadie — jetzt aber freilich seines Versprechens enthoben — nach ihrem Lieblingsplätzchen gegangen war, zu sich bitten.
Mr. Rowe hatte den Lehnstuhl des alten Mannes eingenommen, und saß, das rechte Bein über das linke geschlagen, den Kopf auf den linken Arm gestützt, ernst und schweigend wie zu Gericht, den Fremden, der bald darauf das Zimmer rasch und fröhlich betrat, zu erwarten.
Schon dessen schnelles, nichts weniger als ceremonielles Eintreten rief die Falten auf seine Stirn zusammen und die beiden Ellbogen auf die Lehnen des Stuhles ruhen lassend, die Finger der beiden Hände aber vorn gefaltet, sah er ihn mit etwas vorgebeugtem Oberkörper unter den dunklen buschigen Brauen finster an und sagte, ohne den Gruß des Franzosen anders als mit einem leisen kaum bemerklichen Kopfnicken zu erwiedern, und ohne zu warten bis der Gast einen Stuhl genommen habe, viel weniger ihm selber einen solchen anzubieten:
»Mit welchem Schiff sind Sie hier gelandet, Sir?«
René sah erst den Frager, dann Sadie’ens Vater erstaunt an, als ob er hätte sagen wollen — was bedeutet das? — bin ich hier vor Gericht gerufen? — Mr. Osborne der aber die Unschicklichkeit eines solchen Betragens fühlte, nöthigte ihn freundlich Platz zu nehmen und bemerkte dann, fast wie entschuldigend, mit einem Blick auf seinen Collegen:
»Mein würdiger Freund, hier, lieber René, wünscht sich mit Ihnen kurze Zeit zu unterhalten. Er ist, wie ich, schon lange Jahre auf diesen Inseln, und eine unserer Hauptstützen des Christenthums, selbst in den Zeiten gewesen, wo unsere Aussichten hier trüb und traurig waren, und wir schon fast die Hoffnung aufgegeben hatten Christi Lehre den Sieg über blindes Heidenthum zu verschaffen.«
René verbeugte sich statt aller Antwort noch einmal, wie anerkennend, gegen den Geistlichen, der jedoch keine Miene dabei verzog und seinen Blick fest und forschend auf ihn geheftet hielt und sagte, die frühere Frage jetzt ohne Weiteres beantwortend:
»Mit dem Delaware — einem Amerikanischen Wallfischfänger.«
»Und weshalb verließen Sie Ihr Schiff? — hatten Sie nicht einen festen Contrakt für die ganze Reise gemacht?« lautete die zweite, fast noch schärfere Frage.
»Sehr werther Herr,« erwiederte ihm jetzt René vollkommen ruhig und freundlich — »wollten Sie wohl vorher die Gefälligkeit haben und mir sagen ob diese Fragen im Laufe der Unterhaltung an mich gerichtet werden, oder ob es doch gewissermaßen ein Examen sein soll, zu dem ich berufen bin?«
Bruder Rowe wollte eben, wahrscheinlich keine gerade freundliche Antwort darauf geben, als Mr. Osborne, der jedes böse Wort zwischen den Beiden um alles in der Welt zu vermeiden wünschte, rasch einfiel und gegen René gewandt sagte:
»Bruder Rowe nimmt innigen Antheil an Prudentia’s Schicksal, da das Mädchen eigentlich so zwischen uns groß geworden, und es ist besonders deshalb daß er näheres Interesse für Ihr früheres Leben fühlt.«
»Ich habe Ihnen, lieber Herr Osborne,« sagte da der junge Mann, »jeden nur möglichen Aufschluß gegeben, der in meinen Kräften stand, und ich will das auch mit Freuden diesem Herrn thun, wenn ihn das über Sadie’ens künftiges Glück zu beruhigen vermag.«
»Sadie?« unterbrach ihn hier der Missionair streng — »soviel ich weiß heißt das Mädchen Prudentia — wobei ich wünsche daß sie ihrem Namen ein wenig mehr Ehre gemacht hätte — und ich will nicht hoffen daß man sogar in dem Hause eines Dieners der Kirche beabsichtigt die alten heidnischen Namen, die wir nur mit Mühe und Schwierigkeit unterdrücken konnten, wieder aufleben zu lassen.«
»Es ist nicht des Heidenthums wegen lieber Herr,« lächelte René, »nur des Wohlklangs — Prudentia mag recht hübsch für eine alte würdige Matrone klingen, aber meinem fröhlichen heitern Mädchen paßt der Name gerade so, als wenn Sie ihn der Gazelle der Wüste geben wollten.«
»Und das sind die Ansichten die man hier mit in diese fromme christliche Gemeinde bringt?« rief der Geistliche, der nur mit Mühe seinen Zorn über den leichten fröhlichen Ton des jungen Franzosen bezwang, »das soll der Saamen sein, der ein Baum des Unglaubens seine Zweige ausbreiten und mit seinem Schatten die Frucht vergiften würde?«
René sah ihn staunend an, der kleine Mitonare kauerte aber mit vor Schreck und Entsetzen offenem Munde hinten in der Ecke wieder auf seinem kleinen Stühlchen, und schien nichts Geringeres zu erwarten, als daß der schwarze Mann mit dem finstern Gesicht sich jetzt oben aus seinem Himmel einen kleinen Blitz herunterholen und den ruhig und unbefangen vor ihm sitzenden kecken Wi—wi zu Pulver brennen würde.
»Sehr ehrwürdiger Herr,« sagte aber René vollkommen ruhig, denn er wollte den Mann nicht böser machen, da er wohl sah wie unangenehm das für seinen alten wackern Freund sein müsse — »ich hoffe nicht daß Sie etwas Sündhaftes in einem, dem Ohr wohlklingenden Namen finden werden.«
Bruder Rowe schien aber darauf nicht weiter eingehen zu wollen und fuhr fort:
»Und Sie gedenken sich hier auf dieser Insel niederzulassen?«
»Mit des Häuptlings und meines väterlichen Freundes Erlaubniß hier — ja!«
»Aber Sie gehören der katholischen Religion an.« —
»Ich bin ein Christ,« sagte René ernst — »was verlangen Sie mehr?«
Der Missionair biß sich auf die Lippen und Bruder Ezra sah nach oben, denn der Blitz konnte jetzt nicht länger ausbleiben.
»Und Ihre Kinder? — sollen das auch Christen werden?« frug der Geistliche mit einer fast höhnischen Zweideutigkeit im Tone. René aber streckte den Arm nach seinem alten Freund aus, und dieses Hand ergreifend sagte er herzlich:
»Die soll dieser würdige Mann hier in der Lehre erziehen die er für die richtige hält — ich weiß er wird gute Menschen aus ihnen machen — der Glaube ist mir gleich.«
»Der Glaube ist Ihnen gleich?« rief aber jetzt der Fanatiker, wie ordentlich froh einen Anhaltepunkt gefunden zu haben an der Schwäche des Gegners — »und wissen Sie daß Sie mit solchen Grundsätzen hier nur Unheil und Elend säen werden? ein Christ nennen Sie sich, und dem Antichrist dienen Sie — Ihrer Pflicht — ihrer Verbindlichkeiten im gesellschaftlichen Leben sind Sie entlaufen, und jetzt wollen Sie sich einem Volke aufdringen, das sie nur zwischen sich duldet, weil es seinem Geistlichen glaubt gefällig zu sein, in der That aber, ihm einen gar schlimmen Dienst damit leistet?«
René war schon nach den ersten heftigen Worten des Mannes von seinem Stuhl aufgesprungen.
»Monsieur,« unterbrach er ihn jetzt fest aber ruhig — »Ihr Stand, wie der Ort an dem wir uns befinden schützt Sie vor jeder Antwort auf diese Unverschämtheit — bon soir« — und mit einem stolzen Gruß gegen den Priester, mit einem freundlichen Kopfnicken aber gegen den Greis, verließ er rasch das Zimmer.
Der ehrwürdige Mr. Rowe hatte sich in einen höchst unehrwürdigen Zorn hineingearbeitet, und er war ebenfalls aufgesprungen und ging jetzt in dem geräumigen Gemach mit schnellen Schritten, die Hände auf dem Rücken, die Augen fest auf den Boden geheftet, auf und ab. Der alte Mr. Osborne aber war erstaunt und empört zugleich über ein so rücksichtsloses, förmlich unschickliches Betragen, und jetzt nur um so fester entschlossen dem Mann, der sich weit mehr Autorität über ihn anzumaßen suchte als er beanspruchen durfte, wissen zu lassen wo seine Grenze sei. Bruder Rowe mochte aber wohl fühlen daß er ein wenig zu weit gegangen sei, oder doch mit zornigen Reden an der Sache selber nichts mehr ändern könne, denn er schwieg von jetzt darüber, und erklärte nur seinem Collegen, daß er dieses Mal nicht hier predigen, sondern morgen früh, da noch dazu eine leichte westliche Brise eingesetzt hatte, zurück nach Tahiti aufbrechen wolle. Mr. Osborne dachte gar nicht daran ihn zurückzuhalten.
Am nächsten Morgen hatte er auch, ohne viel mit den Anderen zu verkehren, seine Vorbereitungen zur Abreise getroffen, während indessen Mr. Osborne den dringenden Bitten René’s nachgab, und die Trauung des jungen Paares auf den nächsten Tag, als an einem Sonntag, gleich nach dem Gottesdienst festsetzte. Sie fanden es natürlich nicht für nöthig Bruder Rowe davon in Kenntniß zu setzen, und erwarteten jetzt wirklich den Augenblick mit Sehnsucht, wo der kleine Cutter wieder seine Anker lichten würde.
So mochte es etwa zehn Uhr Morgens geworden sein, als plötzlich ein Knabe, der oben über die Hügel gekommen war, die Nachricht brachte, es nähere sich ein großes Schiff, von Süd-Osten her, der Insel. René war an diesem Tage viel zu sehr mit seinem Glück beschäftigt gewesen auch nur einen Blick auf den Horizont zu werfen, jetzt aber, als er auf diese Nachricht hier rasch nach Sadie’ens Lieblingsplätzchen eilte, von wo man eine freie Uebersicht über den ganzen südlichen Horizont hatte, genügte ein Blick dorthin ihn zu überzeugen daß ein, allem Anschein nach volles Schiff ohne Oberbramstengen, also jedenfalls ein Wallfischfänger, dicht am Winde liegend, von Süd-Osten gegen die erst seit gestern eingesetzte Westbrise aufkreuzend, herankam, und unverkennbar die Insel anlaufen wollte. Mehr ließ sich für den Augenblick noch nicht erkennen, aber dies war auch hinreichend ihn zu beunruhigen, und mit klopfendem Herzen stand er da, die Augen fest und unverwandt auf das näher und näher kommende Fahrzeug geheftet. Er hörte gar nicht wie sich ein leiser, leichter Schritt ihm näherte, und erst als Sadie ihre Hand auf seine Schulter legte und seinen Namen flüsterte, schaute er rasch und fast erschreckt empor, legte dann seinen Arm um sie und zog sie fest und innig an sich.
Das arme Kind war aber selber zu Furcht erfüllt im Anfang reden zu können; sie sah nur das bleiche Antlitz des Geliebten und glaubte schon ihre schlimmsten Besorgnisse eingetroffen.
»Ist es Dein Schiff?« frug sie endlich mit kaum hörbarer Stimme und wagte ihm dabei nicht einmal in’s Auge zu schauen.
»Das ist noch nicht möglich zu bestimmen Du liebes Herz,« suchte sie aber René, wenigstens für den Augenblick zu beruhigen — »ich kann das Holz des Schiffes noch nicht einmal ordentlich erkennen, und es schwimmen hier zu viele Wallfischfänger aller Nationen herum, wenn ich auch nicht geglaubt hätte daß sie sich noch so spät in der Jahreszeit hier aufhalten würden« — setzte er leiser, und fast wie mit sich selber redend, hinzu.
Keins sprach von jetzt ab ein Wort mehr, ihre Blicke hingen aber an den hellen Segeln des Fahrzeugs, das rasch näher und näher kam, und bald für das Auge des jungen Mannes keinen Zweifel mehr ließ, die Insel selber sei sein nächstes Ziel. Nur zu bald erhielt er aber sogar völlige Gewißheit, denn das Schiff war jetzt schon so nahe gekommen, daß er in dem Außenclüver desselben einen ziemlich großen Theerfleck erkennen konnte, den er selbst einst mit ungeschickter Hand, als das Segel zum Ausbessern an Deck lag, hineingegossen hatte. Es war der Delaware und gerade in dem Augenblick, wo er sich seines Glücks gewiß geglaubt, warf ihm das tückische Schicksal noch einmal jenes unglückselige Fahrzeug in die Bahn und drohte Alles Alles wieder mit einem furchtbaren Schlage zu vernichten.
Als er damals von Bord entflohen war und sich von seinen Feinden bedrängt sah, trat er der Gefahr, ja dem Tod wenn es sein mußte, mit ruhigem unerschüttertem Herzen entgegen; er hatte Nichts zu verlieren auf der weiten Gotteswelt als sein Leben, und achtete das kaum eines ernsten Gedankens werth. Jetzt aber stand er nicht mehr allein, hier auf diesem kleinen Eiland, rings von blauen Wogen umspült, war ihm Alles Alles geworden was das Herz des Menschen an diese Erde fesseln kann, und an der Schwelle dieses Glücks wieder solcher Art allein freudlos in die kalte Nacht gestoßen zu werden, oh das wäre zu grausam — zu entsetzlich grausam gewesen.
Sadie frug ihn nicht weiter, sie las in seinen Blicken die Bestätigung ihrer schlimmsten Furcht; ihr Herz aber, das sich in mädchenhafter Scheu an den Geliebten geschmiegt, schlug ihr wieder in dem alten entschlossenen Muth, mit dem sie ihn damals schon seinen Feinden entzogen, und plötzlich seine Hand ergreifend, sagte sie rasch und fast freudig:
»Sie sollen Dich nicht wieder mit fortnehmen, René, fürchte sie nicht — ich kenne alle Schlupfwinkel dieser Wälder und weiß Stellen wo die weißen Fremden wochenlang suchen und in Verzweiflung zuletzt es aufgeben müßten je hindurchzudringen. Wir Beide flüchten in den Wald, bis das Fahrzeug die Insel wieder verlassen hat, und wenn es sein muß trägt uns mein Canoe nach einer andern Insel, viele Meilen weit entfernt von hier — lieber mit Dir in den Wogen zu Grunde gehn, als allein hier ohne Dich leben René.«
Und in wilder Leidenschaft warf sie sich an seine Brust, als ob sie schon jetzt gekommen wären, ihn aus ihren Armen zu reißen.
»Sieh wie die See da draußen über den Riffen so hoch geht, Du herziges Lieb,« sagte aber leise und traurig der junge Mann — »ein Canoe könnte jetzt nicht leben in dieser Dünung, und ich trüge Dich dem gewissen Untergang entgegen. Ueberdies könnten wir nicht vor Nacht entfliehen und bis dahin wird wohl der auf meinen Fang gesetzte Preis Verräther genug gedungen haben mich einzubringen. Nein ich kann meinem Schicksal nicht mehr entgehen, und der einzige Trost ist, daß sie mich nicht lebendig mit sich führen sollen — oh Sadie, ich glaubte so glücklich zu sein und lasse Dich jetzt nun allein und trauernd hier zurück.«
»Nein nein, habe guten Muth,« bat aber das Mädchen — »glaube auch nicht daß die Bewohner dieser Insel so falsch und treulos wären. Damals, als sie Dich noch nicht kannten, war es eine andere Sache; von fremden Seeleuten haben sie bis jetzt fast meist nur Noth und Aerger gehabt, und es hätte vielleicht kaum des gebotenen Preises bedurft Dich auf Dein Schiff zurückzuliefern. Jetzt gehörst Du jedoch zu uns — die Männer wissen daß Dich mein Pflegevater gern hat, und ihn lieben sie wie ihren eigenen Vater. Ja es giebt auch wohl Schlechte unter ihnen, die Dich vielleicht verriethen wenn sie es heimlich thun können, aber sie würden es jetzt nicht um den größten Lohn wagen dürfen, sie wären sonst ausgestoßen für immer. Doch komm zurück zum Haus — sieh das Schiff umsegelt die Insel und wird wahrscheinlich auf derselben Stelle sein Boot wieder an’s Ufer schicken, wo es Dich damals landete — wir wollen indeß mit meinem Vater bereden was am Besten für Dich zu thun sei, und dann rasch und entschlossen handeln — es ist ja nicht das erste Mal daß Sadie Dich führt,« setzte sie mit einem wehmüthigen und gar so innigen Lächeln hinzu, »Du bist ihr das erste Mal gefolgt, da Du mich noch gar nicht kanntest — wolltest Du jetzt zurückbleiben?«
René preßte die Geliebte fester an sich, und hielt sie in einem langen Kuß an seinem Herzen, aber sie wand sich endlich aus seinen Armen und seine Hand wieder, wie in früherer Zeit ergreifend, wollte sie eben mit ihm hinunter zum Hause gehn, als ihnen von dort der alte Missionair mit einem anscheinend ziemlich schweren Korb entgegenkam, und mit ihnen zurück zu der kleinen Terrasse ging. René setzte hier den Korb, den er ihm abgenommen, auf die Erde nieder und der Greis sagte, nachdem er nur einen flüchtigen Blick auf seine Kinder geworfen, ohne weitere Umschweife:
»Ich hab’ es mir gedacht, daß es das unglückselige Schiff sei, als ich nur hörte daß es dicht bei dem Wind die Insel anlaufe, und den prachtvollen Westwind versäume nach Nord-Osten aufzuhalten. Doch wir müssen jetzt handeln Kinder, nicht lamentiren und traurig sein. Ich war erst Eurer Verbindung entgegen, nun aber, da die Sache doch einmal so weit gediehen ist, will ich Euch auch nicht Beide unglücklich wissen, so lange ich es noch verhindern kann — aber Zeit dürfen wir auch nicht mehr verlieren. Ich habe in dieser Sache einige Erfahrung, und schon viel in meinem Leben, gerade hier auf den Inseln mit Wallfischfängern verkehrt, denen Matrosen entlaufen waren. Die Capitaine sparen nicht mit den Belohnungen die sie auf den Einfang setzen, denn die Leute müssen das ja nachher selber von ihrem verdienten Gelde abbezahlen — sie bieten oft enorme Summen, hinreichend einen armen Insulaner, so gut und brav er auch sonst sein möchte, zu verführen — sie haben aber auch keine lange Zeit sich aufzuhalten, besonders wenn es erst einmal so spät in der Jahreszeit ist wie jetzt, wo sie nachher noch die Sandwichsinseln anlaufen müssen Erfrischungen einzunehmen und sich auf ihren Sommerzug in das Eismeer vorbereiten. Dies Schiff kann aber kaum dort noch zu guter Zeit eintreffen, wenn es nicht eine sehr schnelle Reise nach Oweyhy oder Woahu hat und es läßt sich denken daß der Capitain hier nicht wochenlang, eines einzelnen Mannes, und noch dazu eines gewöhnlichen Matrosen wegen, herumliegen wird. Vor allen Dingen ist es also nöthig Sie aus dem Weg zu bringen, damit Sie nachher Niemand verrathen kann, wenn ihm auch Gelegenheit dazu geboten würde, das ist jedenfalls das Sicherste, und dazu habe ich mir einen passenden Platz ausersehn.«
»Ich führe ihn in die Berge, Vater,« sagte Sadie — »oben in den niedern Hügeln stehn einzelne Palmenhaine, und in der breiten Krone einer dieser Palmen kann er tagelang versteckt liegen. Ich weiß eine von ihnen die mein Bruder und ich in’s besonders hergerichtet und ausgeschlagen haben — den Platz kennt Niemand als ich selber, denn der Bruder ist ja todt und kein Pfad führt dorthin, kein Weg oder Steg und doch will ich die Stelle im Dunkeln finden.«
»Der Platz wäre zu einer anderen Jahreszeit, und wenn wir keinen besseren hätten, vielleicht recht gut,« lächelte der Greis, »jetzt aber, wo es fast jede Nacht in schweren Schauern niederfällt, möchte der Wipfel einer Palme, besonders wenn es sich nicht um Stunden sondern um Tage handelt, doch ein fataler Aufenthaltsort sein. Nein, Du kennst das Ihiamoea Prudentia — jenes letzte Ueberbleibsel aus der alten Heidenzeit. Es ist das ein kleines Gebäude, früher dem Gott Oro geweiht, das jedenfalls auch mit allen übrigen derartigen Heiligthümern jener Zeit vernichtet wäre, bestände nicht auch zugleich in der Familie des jetzigen Oberhauptes der Insulaner eine alte Sage, daß der König sterben müsse sobald das Gebäude zusammenfiele. Sämmtliche Vorstellungen der Missionaire sind bis jetzt erfolglos gewesen sie von der Thorheit solchen Glaubens zu überzeugen, ja Einer unserer Brüder hätte beinah einst sein eigenes Leben eingebüßt, als er in vielleicht etwas übertriebenem Diensteifer selber Hand daran legen wollte. Nur zwei Personen sind auf der Insel die es jährlich einmal besuchen, der fua oder König, Jeremias Aitaua (der Rächer), wie ihn Bruder Rowe getauft hat, und dessen Sohn; beide nur, um ein frisches Dach aufzulegen oder das alte, wenn es noch gut ist, nachzusehen. Das ist wenigstens die Entschuldigung, denn ich fürchte fast, daß sie dort doch noch, trotz ihrem angenommenen Christenthum, heimlich einige ihrer heidnischen Ceremonien feiern; da sie es aber allein thun, können wir Nichts dagegen machen, und die kleine von Stein dauerhaft aufgerichtete Hütte wird darum, so gut unterhalten, wohl noch mancher Regenzeit trotzen. Dorthin magst Du René führen. — Keiner der Eingeborenen getraut sich den Platz zu betreten und die Weißen könnten wochenlang ihre Zeit vergeuden, ehe sie ihn auffänden. Hier dieser Korb mit Provisionen wird ausreichen, wo nicht, findet sich schon wieder einmal Gelegenheit neue Zufuhr hinaufzuschaffen, obgleich ich fest überzeugt bin daß sich das Schiff keine vierundzwanzig Stunden an der Insel aufhält.«
»So will ich zum Haus gehn und meine Waffen holen,« sagte René.
»Sie sind in diesem Korb,« erwiederte ihm aber der Greis — »es ist auch weit besser daß Sie sich gar nicht wieder am Hause blicken lassen, denn neugierige Augen folgten Ihnen doch, und wenn ich auch nicht glaube daß Einer der hiesigen Leute zum Verräther werden würde, so ist es doch, wie gesagt, besser ihnen auch selbst die Möglichkeit zu nehmen verführt zu werden. Gehn Sie gleich von hier ab, und Prudentia kennt die Richtung gut genug, so weiß kein Mensch wo Sie geblieben sind. Aber Prudentia muß auch, so schnell als nur irgend möglich wieder zurückkehren, und ich hoffe daß dieser Kelch glücklich an uns vorübergehen wird.«
»Lieber, väterlicher Freund —« sagte der junge Mann gerührt, und streckte dem Greis die Hand entgegen. Dieser aber wollte auch die jungen Leute nicht sehen lassen wie weh und ängstlich ihm selber, trotz seiner angenommenen Zuversicht, zu Muthe war, und sagte mit einem wohl etwas erzwungenen Lächeln:
»Keinen Abschied, René — das Ihiamoea liegt nicht am andern Ende der Welt, daß wir —«
»Ich muß Sie hier wohl aufsuchen, Bruder Osborne!« sagte in diesem Augenblick, dicht hinter ihnen die Stimme des Bruder Rowe mit zwar ruhigem aber doch etwas scharfem Ton — »wenn ich überhaupt Abschied von Ihnen nehmen will — Sie scheinen ganz vergessen zu haben daß ich im Begriff bin aufzubrechen.«
Die drei Menschen schauten sich um als ob sie auf einem Verbrechen ertappt wären, und das kalte, theilnahmlose Gesicht des Priesters war ebenfalls nicht geeignet jedes unangenehme Gefühl solcher Ueberraschung zu mildern. Der Geistliche schien dies aber gar nicht zu bemerken, oder wenn er es bemerkte, zu beachten; gegen Sadie die Hand ausstreckend legte er dem Mädchen, das seine Rechte ergriff und küßte, wie segnend die Linke auf das Haupt, neigte dann seinen Kopf gegen René, der diese kalte Höflichkeit ebenso formell erwiederte, und ging, Mr. Osborne’s Arm nehmend, mit diesem nach der Landung hinunter.
»Und nun komm,« flüsterte Sadie, als das dichte Guiavengebüsch die Männer ihren Blicken entzogen — »nun komm René und gebe Gott daß ich Dir recht recht bald die frohe Botschaft Deiner Erlösung bringen kann.«
Wenige Secunden später schloß sich der Wald hinter ihnen, und der kleine freundliche Platz lag still und einsam im Schatten seiner rauschenden Palmen.
Der Missionscutter war indeß zur Abfahrt gerüstet, Bruder Rowe traf noch einige Anordnungen zu dem nächst zu haltenden Osterfest zwischen den Insulanern und verließ dann, mit einem frommen »Der Herr segne und behüte Euch« — die Insel.
Mr. Osborne hatte kein Wort gegen ihn erwähnt, daß das Schiff was die Insel passirt war, dasselbe Fahrzeug sei, von dem René entsprungen war — er hielt es für besser die Sache mit keiner Sylbe weiter zu berühren. Auch Bruder Rowe kam nicht wieder auf die Verheirathung der beiden jungen Leute zurück; er mochte auch wohl einsehen, daß jede weitere Vorstellung oder Einsprache unnütz sein würde.
Der Cutter war zuerst nach Mitiaro bestimmt, der ehrwürdige Mann hatte aber vorher die Indianer die ihn führten noch beordert in dem Binnenwasser der Insel am Ufer hinaufzuhalten, da er zuerst noch einmal den König an der andern Seite zu besuchen, und Rücksprache mit ihm über eine Betversammlung zu nehmen habe.