Der Verrath, und wie sich beide Theile dabei irrten.
Am nördlichen Ufer der Insel war indessen Alles in Aufregung, denn das Wiedererscheinen des Schiffes, an das keiner der Insulaner fast mehr gedacht hatte, bot Ursache genug das sonstige Stillleben zu unterbrechen, hätten Manche von ihnen auch gerade nicht Grund gehabt zu wünschen, daß es seinen Weg nicht wieder hierher gefunden habe.
Der König dachte natürlich mit einiger Beunruhigung an die Geschenke, die er unter der Bedingung überliefert bekommen hatte, den Flüchtling einzufangen und wo waren diese Sachen jetzt alle geblieben? — wo war der Flüchtling? — Wer aber konnte auch wissen daß das Schiff nach so langer Zeit zurückkehren würde, und eine Ausrede war bald gefunden. Als der erste Harpunier wieder wie früher an Land kam und nach dem Mann frug, erwiederte ihm der rasch herbeigeholte Raiteo — denn der König schämte sich vielleicht vor seinem eigenen Volk, dem weißen Mann etwas vorzulügen — mit keineswegs christlicher Unverschämtheit, sie hätten den Flüchtling damals eingefangen und drei volle Wochen auch eingesperrt gehalten und gefüttert, wie aber das Schiff gar nichts mehr habe von sich hören oder sehen lassen, da seien sie endlich genöthigt gewesen ihn wieder frei zu lassen. Seit der Zeit sei er aber ebenfalls verschwunden und sie glaubten er wäre mit einem kleinen Schooner, der neulich einmal die Insel anlief, nach Tahiti oder einer der dortigen Inseln gezogen.
Das Ganze schien wahrscheinlich genug, dennoch war der alte Seemann zu bekannt mit diesem Volk um ihnen sogleich, auf die erste Bestätigung hin, die erste beste Geschichte auch zu glauben. Sie hatten einmal den Fanglohn weg, den der fa-u jetzt, wie Raiteo mit vieler Geistesgegenwart weiter log, für die so lange Unterhaltung des Gefangenen beanspruchte, und er sah wohl ein, daß er auf’s Neue einen Preis aussetzen mußte. Auch hierin schien er wieder Schwierigkeiten zu finden, aber aus den langen Unterhandlungen die nach den neuen Versprechungen gehalten wurden, merkte der alte Harpunier deutlich genug daß der Matrose noch jedenfalls auf der Insel sein mußte, und der Sache ein Ende zu machen, denn die Sonne neigte sich schon ihrem Untergang, bot er dem König funfzig spanische Thaler — ein wahrer Reichthum für seine Verhältnisse — wie noch andere Güter die er mit im Boot führte, wenn er den Entsprungenen noch diesen Abend, oder wenigstens diese Nacht in seine Hände liefere.
Raiteo ließ sich die Summe zweimal wiederholen und sogar, ganz sicher zu sein, an den Fingern vorzählen, denn er traute seinen eigenen Ohren kaum eine so ungeheuere Quantität baaren Geldes — ohne alle die übrigen Herrlichkeiten — in den Bereich ihres Arms zu bringen. Trotzdem schüttelte aber der fa-u mit dem Kopf — er wollte mit der Sache, der sich sein alter Freund der Missionair angenommen hatte, nichts mehr zu thun haben, und sagte Raiteo er möge die Fremden bedeuten den Mann selber zu suchen, wenn sie glaubten daß er noch hier auf der Insel sei.
Der Harpunier nahm jetzt den Burschen, dem er wohl ansah zu was er mit Geld gebracht werden konnte, in Englisch vor, und bot ihm die Summe allein, wenn er ihm den Flüchtling diese Nacht ausliefern wolle. Hiergegen erklärte ihm aber Raiteo ganz offen der Mann sei allerdings noch da, so geschwind ließe sich das aber unter keiner Bedingung anstellen. Er habe die Zeit über, am andern Ende der Insel, auf der Mission gewohnt, das Schiff als es von dort heraufkam aber auch jedenfalls sehen können, und sei jetzt wieder irgendwo im Wald versteckt, wo er allein morgen wenigstens den ganzen Tag brauchen würde ihn nur aufzuspüren, und selbst dann sei es eine schwierige Sache, da der König nichts damit zu thun haben wolle, und er selber nachher, vielleicht seines Lebens auf der Insel nicht wieder froh würde. Er verdiene gewiß gern den hohen Preis, wenn sich aber weißer Mann Capitain nicht dazu entschließen wollte zwei drei Tage auf der Insel zu bleiben und auch womöglich noch mehr Leute herüberzubringen, so sehe er keine Möglichkeit seinen Zweck zu erreichen.
Das ging nicht an, das Schiff hatte sich überdies schon, durch einige Spermfische gerade damals aufgehalten als sie wieder nach Norden auf kreuzen wollten, in der Jahreszeit verspätet, und der Capitain erst nicht einmal, trotzdem daß sie die Insel passirten, wieder anlaufen wollen, aber jedenfalls nur bis nächsten Morgen mit Tagesanbruch den äußersten Termin gesetzt — war es bis dahin nicht möglich den Mann wieder zu bekommen, so mußten sie es aufgeben, und der alte Seebär wollte sich eben, mit einem zwischen den Zähnen durchgebrummten Kraftfluch hineingeben und an Bord zurückkehren, als der kleine Missionscutter in Sicht kam und das hinten angehängte Boot gleich darauf den ehrwürdigen Mr. Rowe an Land brachte.
Der Missionair hatte noch einiges mit dem fa-u zu bereden und der Harpunier zögerte einen Augenblick am Ufer — er konnte die Schwarzröcke nicht gut vertragen, aber eine Frage that auch keinen Schaden, und der Mann kam gerade von dort her, wo sich der Flüchtling aufgehalten.
Bruder Rowe fühlte vielleicht eine gleiche Sympathie für diese Art Leute, er war aber nichts destoweniger freundlich gegen den Seemann, und beantwortete seine Fragen auf das leutseligste aber ausweichend. — Raiteo der mit offenem Munde dabeistand, kam es vor, als ob er mit der Sache nichts zu thun haben wolle, denn darum wissen mußte er.
»Sehn Sie, Mr. — wie mag Ihr Name sein?« —
»Rowe.« —
»Ah — Mr. Rowe,« sagte der alte in seinem Geschäfte schon ergraute Seemann — indem er fast unwillkürlich neben dem langsam längs dem Strande hergehenden Priester herschritt, wodurch sie sich von Raiteo, der ihnen ja nicht folgen durfte, entfernten. »Es ist nicht wegen dem einen Burschen daß wir uns solche Mühe geben ihn wieder zu bekommen — was das belangt, so könnten wir eher noch zwei dazu entbehren, ehe wir gerade jetzt einen einzigen Tag hier versäumten, aber es ist wegen dem bösem Beispiel — sehn die Canaillen daß sie fortkommen können, dann läuft uns auf den Sandwichsinseln nachher am Ende der ganze Schwarm davon. Kriegen wir aber so einen Burschen wieder, und auch schon während wir uns Mühe danach geben, so sehen doch die Andern daß es ihnen nicht so ganz leicht gemacht wird und hingeht, und besinnen sich zweimal, eh’ sie die Beine in die Hand nehmen. Auf den Preis kommts uns dabei nicht an, denn kriegen wir sie nicht, so bezahlen wir ja auch Nichts, als vielleicht ein Bischen Lumperei an Spielkram, und kriegen wir sie, nun dann müssen sie’s selber von ihrem Theil abtragen.«
»Haben Sie einen hier von den Insulanern, dem Sie glauben vertrauen zu können?« frug ihn der Missionair jetzt, und drehte sich, wie im Gespräch, halb nach ihm um, zu sehn ob ihnen Niemand folge. — »Könnten Sie einen der Leute hier bewegen Sie zu führen?«
»Führen? — gewiß,« brummte der Harpunier — »wenn ich nur wüßte wohin.«
»Ich kann mich, meiner Stellung wegen, nicht mit solchen Sachen befassen,« erwiederte ihm indirekt hierauf der Geistliche — »Sie werden aber auch wohl als vernünftiger Mann einsehn, daß es mir nicht gleichgültig sein kann dabei, meist gewissenlose Menschen zwischen die, kaum einem etwas civilisirten und religiösen Leben gewonnenen Insulaner geworfen zu sehen.«
»Nein gewiß nicht — kann ich mir denken — ist ganz natürlich« — brummte der Harpunier dabei zwischen den Zähnen durch, und warf nur manchmal einen Seitenblick auf den Geistlichen, als ob er hätte sagen wollen: »nun was steckt dahinter? — wo will der hinaus?«
»Mir liegt also,« fuhr Bruder Rowe hier wieder fort — »gewissermaßen ebensoviel daran den entsprungenen Matrosen wieder von hier zu entfernen als Ihnen daran gelegen ist ihn wieder zu bekommen.«
»Ja sagen Sie mir nur wie!« platzte der Alte, dem die Vorrede zu lange dauerte, heraus.
»Unter der Bedingung daß Sie meinen Namen nicht dabei nennen, und auf eine Entschuldigung oder vielmehr Ausrede, dem Eingeborenen gegenüber, den Sie zu Ihrem Führer nehmen, denken wollen, kann ich Ihnen den Platz so genau angeben wo er versteckt ist, daß Sie nicht die mindeste Schwierigkeit haben werden ihn zu finden — ja noch mehr, der Ort liegt so vortrefflich ihn zu umstellen, daß Sie, wenn Sie Ihre Maßregeln gut treffen, ihn sicher in Ihre Gewalt bekommen müssen.«
»Aber was soll ich dem alten Fuchs dem Raiteo weiß machen,« sagte der Harpunier sinnend, »er hat gesehn wie wir jetzt hier miteinander sprechen und ich kann es ja nicht gut von irgend einem Andern gehört haben.«
Der Missionair blieb einen Augenblick stehn — dann sagte er bedächtig:
»Machen Sie sich nachher mit einem meiner Bootleute etwas zu schaffen und sprechen Sie mit ihm über irgend einen Gegenstand. — Sie können Raiteo dann sagen daß Sie es von dem erfahren haben; ich bin ziemlich fest überzeugt daß ihn Raiteo nicht wieder danach fragen wird.«
»Und wo ist der Platz?« frug der Harpunier.
»Erkundigen Sie sich bei Raiteo,« sagte der Geistliche leise — »ob er ein Haus Namens Ihiamoea auf der Insel kennt. — I-hi-a-mo-e-a — können Sie den Namen behalten?«
»Er ist verdammt lang,« brummte der Harpunier — »I-hi-ma-nu«.
»I-hi-a-mo-e-a,« wiederholte der Missionair.
Der Harpunier repetirte das Wort ein paar Mal leise vor sich hin und sagte dann:
»Ich denke so wird’s gehn, und da steckt er also — aber kennt Raiteo den Ort?«
»Genau genug,« lautete die Antwort. »Sie werden ihm aber einen guten Lohn versprechen müssen, denn die Insulaner haben eine gewisse Scheu vor jener Gegend.«
»Er soll die ganzen funfzig Dollars haben wenn er uns heute Abend noch hinführt!« rief der Seemann rasch — »und Gott straf mich — noch Alles in Sachen dazu, was im Boot liegt — wenn wir den Kerl nur kriegen. Ich habe noch außerdem mein besonderes Gift auf ihn.«
»Gut, dann verlieren Sie keine Zeit mehr,« sagte der Missionair, wieder nach den Gebäuden, wo noch die übrigen standen, zurückkehrend. »Können Sie sich aber auch auf Ihre andern Leute verlassen, daß Sie am Ende nicht, anstatt Einen zu fangen, das Uebel noch verschlimmern und mehre dabei einbüßen?«
»Wir sind diesmal gescheuter gewesen, als das erste Mal,« erwiederte der Harpunier — »und haben gar keine Matrosen, sondern nur Officiere im Boot zum Rudern mitgenommen — die Leute sind sämmtlich Harpunier oder Bootsteurer, die laufen schon seltener weg, weil sie weit höhern Antheil bekommen und auch überhaupt eine Carriere zu machen haben — es sind nur die verwünschten Matrosen die durchbrennen, weil sie sichs gewöhnlich ein Bischen zu hübsch auf einem Wallfischfänger gedacht haben.«
Sie waren indessen wieder zu des Königs Hause gekommen, welches der Missionair jetzt betrat das Wetter abzuwarten, das gerade im Osten heraufzog und schon mit drohenden Wolken über dem Horizont hing. Der Harpunier wechselte indessen mit seinen Leuten einige Worte, und ging dann nach den beiden mit dem Cutter gekommenen Insulanern zu, die unfern ihres eigenen Bootes auf den Corallen saßen und sich eine kleine Cigarre aus ihrem inländischen Tabak und Bananenblättern drehten. Er blieb einige Zeit bei diesen stehn, und ging dann, als er Raiteo gerade über sich am Rande des Gehölzes bemerkte, rasch auf diesen zu.
»Raiteo,« sagte er hier dem aufmerksam Zuhorchenden — »willst Du in dieser Nacht Dein Glück machen und ein reicher Mann werden? Du kannst funfzig Dollar und den ganzen Plunder verdienen der da im Boot liegt.«
»In dieser Nacht?« erwiederte Raiteo kopfschüttelnd — »habe weißen Mann Capitain schon gesagt daß es so schnell nicht geht — und ist immer ein bös Stück Arbeit — kann nicht.«
»Aber Du kannst« — sagte der Harpunier — »kennst Du ein kleines Haus hier irgend wo auf der Insel, das sie I-hi warte einmal — verdammt — I-hi-mano —«
»Ihiamoea?« sagte Raiteo rasch und leise und sah den Fremden erstaunt an — »und ist der weiße Mann im Ihiamoea?«
»Verdamme mich, wenn Du den Namen nicht wie am Schnürchen hast,« lachte der Wallfischfänger — »Ihiamoea kannst Du uns dorthin noch heute Abend führen?«
»Und wer hat Euch den Platz angegeben?« frug der Insulaner, und seine Augen suchten fast unwillkürlich die Stelle wo der Missionair noch vor dem Hause des fa-u stand.
»Einer der Burschen dort im Boot,« erwiederte ihm der Seemann — »sie wollens aber nicht gern wissen lassen, daß die Nachricht von ihnen kommt — ich hab’ ihnen fünf Dollar dafür gegeben.«
»Hm« — brummte Raiteo und schaute nach den Bootsleuten hin, die ruhig und abwechselnd ihre kleine dütenförmige Cigarre rauchten, und wieder nach dem Missionair hinüber; dann aber, den Kopf zurückwerfend als ob er hätte sagen wollen »was gehts mich an« gab er dem Harpunier ein Zeichen ihm etwas weiter in den Wald hinein zu folgen, und hatte nun mit diesem in wenigen Minuten das Nöthige besprochen. Das Ihiamoea war ein kleines niederes Gebäude mit einem Gemach und zwei Ausgängen, das oben auf einem der Hügel, im wildesten Dickicht und dichtesten Walde lag; aber auf einem etwa funfzig Schritt breiten, vollkommen freien Raum stand, und also mit größter Leichtigkeit umzingelt und besetzt werden konnte. In etwa anderthalb Stunden konnten sie es von hier aus erreichen und das aufsteigende Wetter begünstigte jedenfalls ein solches Unternehmen. Raiteo aber, so gierig er war das Geld zu verdienen, scheute sich eben so sehr seinen Namen dabei genannt zu wissen, als der Missionair. Er zeigte ihm deshalb jetzt den Pfad, auf dem sie sich gerade befanden, und der durch eine dichte Pandanus-Niederung hinführte — diesen sollte der Harpunier mit seinen Leuten, sobald es dunkelte, etwa 300 Schritt weit folgen, und dann pfeifen, und Raiteo würde ihn von da bis zu dem Haus führen und ihm angeben wie er es umstellen könne — in das Haus aber bedung er sich gleich von vorn herein aus, ging er nicht hinein; »die alten hier unten vertriebenen Götter saßen noch dort oben darin, und wenn sie auch einem weißen Mann wohl nichts anhaben konnten, so liefe doch ein Eingeborener die tödtlichste Gefahr an Leib und Seele.«
Ueber die Ausbezahlung wurden sie ebenfalls einig, Raiteo bekam fünf Dollar im voraus, was ihn soviel gieriger auf das übrige machte, und der Rest sollte ihm ausbezahlt werden, wenn sie den Entsprungenen gebunden in ihrer Gewalt hätten.
Der Abend setzte ein, wie es das Wetter klar genug angedeutet; einzelne Windstöße und Regen was vom Himmel herunter wollte. Der Wallfischfänger war indeß näher herangekommen, wo er durch das hohe Land gegen die Böen ziemlich geschützt lag und sich nicht in der mindesten Gefahr befand auf die Klippen getrieben zu werden, von denen ihn Wind und Strömung zugleich absetzten; in kurzen Gängen war es nur eben Alles was er thun konnte, daß er sich auf seiner Stelle hielt.
Der Missionair hatte die Insel ebenfalls nicht verlassen, obgleich er lieber der durch ihn gewissermaßen herbeigeführten Katastrophe aus dem Wege gegangen wäre; auf See aber etwas ängstlich fürchtete er das Wetter möchte noch schlimmer werden und wollte sich da nicht in seiner Nußschaale von einem Fahrzeug den Wogen anvertrauen.
Das Zeichen für den Harpunier an Bord zu kommen, wenn etwa in der Nacht möglicher Weise etwas vorfiele, sollten zwei Kanonenschüsse sein.
René war indessen durch seine liebe Führerin glücklich an den Ort seiner Bestimmung gebracht und schon der Weg dahin überzeugte ihn, daß Europäer den Platz nimmer in wenigen Tagen auffinden könnten, hätten sie selbst gewußt daß ein solcher Schlupfwinkel hier existire, und von den Insulanern konnte ja auch keiner glauben daß ihm diese Stelle bekannt sei. Ebenso hatte er das aufsteigende Wetter bemerkt, und nicht ohne Grund durfte er hoffen daß es den Wallfischfänger zwingen konnte, die Insel vielleicht sogar eher zu verlassen, als er im Anfang beabsichtigt. Daß aber auch Sadie nicht von dem Wetter überrascht werde, trieb er diese selber mit zärtlicher Besorgniß zum schleunigen Heimweg an, und das schöne Mädchen flog mehr als sie ging den Pfad zurück, denn sie wußte ja daß sie, je eher sie wieder am Hause sei, desto sicherer auch den geringsten Verdacht niederschlagen müsse, der Fremde habe einen so weitentlegenen Platz als das Ihiamoea zu seinem Zufluchtsort gewählt. — An den Missionair dachte Niemand.
Der Platz selber war für so kurzen Aufenthalt wohnlich genug; gegen Wind und Regen vollständig durch ein gutes Dach und fast fußdicke vielleicht sechs Fuß hohe Steinmauern geschützt, lag selbst eine breite aus dem dortigen Schilfgras geflochtene Matte in der Mitte der Hütte — ein Beweis mehr daß der alte Missionair recht hatte wenn er glaubte, der christlichste König dieser Insel hänge noch etwas an dem alten Heidenthum. Doch wie dem auch sei, es kam René hier vortrefflich zu statten.
Vor allen Dingen sah er jedoch nach seinen Waffen, steckte sein Messer in den Gürtel, den er immer trug und untersuchte die Terzerole — aber der alte Mann hatte in der Eile das Pulverhorn vergessen, und wenn auch das Pulver noch ziemlich trocken aussah, war ihm doch nicht viel zu trauen.
»Nun ich werde sie hoffentlich nicht brauchen,« murmelte er leise für sich hin — »besser wär’s aber doch ich wüßte sie sicher — es giebt Einem immer mehr Zutrauen eine gute Waffe in der Hand zu haben.« Bei den Waffen lagen aber auch eine Masse Lebensmittel und mit doch weiter keiner anderen Beschäftigung machte er sich über den Korb her, die Leckerbissen vorzunehmen, die ihm der gute alte Mann, mit einem paar Flaschen Wein und Cocosnußmilch zusammengemischt, eingepackt hatte.
So vergingen ihm die Stunden rasch — ein paar Mal trat er in die vordere Thür der Hütte, vielleicht einen Blick in’s Freie zu gewinnen, aber der Wald umgab das kleine Heiligthum einer früheren Zeit hier zu hoch und dicht, auch nur einen Blick über dessen äußerste Grenzen zu gestatten, und er warf sich zuletzt, ermüdet vom Umhergehn in so engem Raume, auf die Matte, und schaute träumend auf die kahlen Steinwände, die in früherer Zeit wohl Zeuge mancher wildromantischen Scene, vielleicht manchen furchtbaren Opfers gewesen waren.
»Und wo seid Ihr jetzt — Ihr stolzen Herrscher dieser Haine — Oro, Du kriegerischer Gott, Hiro, Du schlauer Beschützer der Diebe, Teroro, Du Sturmerwecker, Tane, Du Herrlicher und Ihr Alle, Alle, die Ihr früher in dem Rauschen der Palmen, in dem Donnern der ewigen Brandung zu Euern Kindern spracht? — Sie haben sich losgesagt von Euch, umgeworfen Euere Altäre, in den Wind verweht selbst Eure Namen, und das Kreuz, von einzelnen Fremden aufgepflanzt, hat wie mit einem Schlage Euer Jahrhunderte bestandenes Reich vernichtet. Aber solltet Ihr auch diese Haine, die einst Eure Macht sahen, so schnell und leicht haben verlassen können? wandelt Ihr vielleicht nicht selbst jetzt noch in den dunklen Schatten der Fruchtbäume, um die Stellen wo früher Euere Altäre gestanden, und schauet mit finsterem Groll auf die Tempel eines neuen Gottes, vor dem Euere abtrünnigen Kinder jetzt ihre Kniee beugen? Umschwebst nicht Du selbst, furchtbarer Oro diese Dir einst, ja vielleicht selbst jetzt noch geweihte Stätte, und blickst zürnend auf den Fremden nieder, der sich, ein ungeladener Gast über Deine Schwelle gedrängt hat? — Zürne mir nicht, hätte nur ich, von all den weißen Fremden diese Ufer betreten, Du herrschtest noch hier, in all Deiner Herrlichkeit, ich hätte Deinem Volke seine Götter und seinen Frieden gelassen, und wer weiß ob sie nicht glücklicher — besser geblieben wären.«
Lange noch lag er sinnend und träumend auf der Matte, bis die einbrechende Nacht ihre Schatten niedersandte, und mit diesen der Regen laut und schallend auf das schilfige Dach der Hütte niederschlug. War er hier aber auch vor diesem geschützt, so fand er doch eine andere Plage — eine wahre Unzahl von Mosquitos stellten sich schon mit der Dämmerung ein, und umschwärmten ihn jetzt als sicher unverhoffte und gute Beute zu Tausenden.
Im Anfang suchte er sich ihrer zu erwehren, zuletzt aber gab er das auf und streckte sich, nur sein Taschentuch über das Gesicht breitend, auf die Matte aus, der Nacht so viel Schlaf als möglich abzustehlen. Er fühlte sich vollkommen sicher daß der Wallfischfänger, wenn er überhaupt noch an der Insel sei, diese Nacht gewiß Nichts unternehmen werde ihn wieder zu bekommen, und ärgerte sich fast, die bisherige Wohnung und Sadie’ens Nähe verlassen zu haben.
Eine Stunde hatte er etwa so gelegen, aber er war nicht im Stande einzuschlafen, die Mosquitos trieben es zu arg, und schienen fortwährend in neuen unersättlichen Schaaren heranzuströmen.
»Das ist ein schöner Polterabend,« brummte er leise vor sich hin — »und mein armes Mädchen sitzt indeß allein daheim und ängstigt sich um den fernen Freund — ha! —«
Er fuhr in die Höh’ und horchte, schüttelte aber dann lächelnd mit dem Kopf und murmelte:
»Das war wie in alter Zeit, als ich noch mit Adolphe in Canadas Wäldern jagte — das klang genau wie sein Jagdruf — der schrille Ton einer kleinen, an der französichen Küste heimischen Möve.«
»Aber Wetter noch einmal!« rief er plötzlich in einiger Unruhe aufspringend — »und wenn das nun doch am Ende Adolphe selber — aber es ist ja nicht möglich — wie hätte er diesen Ort auffinden können.«
Nichtsdestoweniger tappte er nach seinen Waffen herum, die neben ihm auf der Matte lagen, und steckte sie zu sich. Der Regen hatte jetzt für kurze Zeit nachgelassen, und nur die schweren Tropfen fielen draußen noch von den Zweigen nieder. Schlafen konnte er doch nicht, also stand er auf und ging an die Thür die, halbangelehnt, ihm einen Blick auf den kleinen freien, jetzt von dem auf wenige Momente vorbrechenden Mond erhellten Platz gewährte; ha dort drüben bewegte sich beim ewigen Gott eine Gestalt — Wild konnte es nicht sein, das gab es ja nicht auf diesen Inseln. Eine dunkle Wolke legte sich wieder über den Mond und hüllte Alles in tiefe Nacht, als aber René, das gespannte Terzerol krampfhaft fest in der Faust mit spähendem Blick und lauschend vorgebeugtem Oberkörper da stand, erkannte er deutlich zwei dunkle Gestalten die über den Plan, grade auf ihn zu glitten. —
»Verrath!« murmelte er leise zwischen den Zähnen durch, und mit Blitzesschnelle in das Haus zurückspringend, gewann er die andere Thüre. Aber in demselben Moment fühlte er sich von drei eisernen Armen zu gleicher Zeit gepackt und es war ein Glück für wenigstens einen der Fänger, daß das Terzerol versagte, denn gerade gegen das Ohr des Harpuniers gepreßt hatte es René abgedrückt.
»Teufel!« schrie er, als er es von sich werfend sein Messer zu ziehen suchte — umsonst, die Uebermacht war zu groß, und wenige Minuten später lag er, an Händen und Füßen gebunden, in der Gewalt seiner Feinde am Boden.
»Damn it mein Bürschchen,« lachte der alte Harpunier in aller Freude über den gelungenen Fang, »ich hatte heute Abend, als ich auf den Regen fluchte, nicht geglaubt daß er mir mit Deinem Pulver zu gleicher Zeit einen so guten Dienst erweisen würde — das war jedenfalls gut gemeint, ich rechne Dir’s aber nicht an — hätte dasselbe an Deiner Stelle gethan; nun sei aber auch vernünftig und wehr Dich nicht nutzlos mehr — wir sind hier unserer sieben gegen einen, und Du wirst begreifen daß da doch jeder Widerstand nutzlos ist.«
»Mordet mich!« schrie aber René mit aller Kraft der Verzweiflung gegen seine Banden und die Arme die ihn niederhielten, ankämpfend — »mordet mich, wie Ihr mein Glück zerstört habt, aber beim ewigen Gott, Ihr sollt mich nicht lebendig von dieser Insel nehmen.«
»Das käme auf einen Versuch an,« sagte der Harpunier kaltblütig — »willst Du denn gar keine raison annehmen, so haben wir uns schon so viel Mühe um Dich gegeben, daß wir Dich nun auch wohl das kleine Stückchen Wegs noch tragen können. Nehmt ihn auf Leute — nehmt ihn auf — oh wenn er gar so sehr strampelt — hier ist noch Leine genug zwanzig solche Bürschchen förmlich damit einzuwickeln — so das thuts — noch eins um die Füße, und nun nehmt ihn auf und fort damit — da kommt schon wieder ein neuer Regenschauer; daß die Pest ein solches Land hole.«
»Ja wohinaus gehts aber jetzt?« sagte Einer der Leute, nachdem sie den sich wüthend Sträubenden aufgehoben hatten — »ich weiß den Weg nicht mehr.«
Der alte Harpunier sah sich einen Augenblick selber verdutzt in der Dunkelheit um. —
»Damn it,« brummte der Alte, »jetzt bin ich auch confus geworden — welchen Cours sind wir denn eigentlich heraufgesteuert. Wo ist denn die verdammte Bestie von Insulaner — he Raiteo, Canaille verwünschte — wo steckt der Satan?«
»Verrathen und verkauft,« knirrschte René zwischen den zusammengebissenen Zähnen hindurch, als er von der verzweifelten Anstrengung zum Tod erschöpft zurücksank und sich jetzt willenlos forttragen ließ. — Nicht weit von ihm ab antwortete aber ein leiser Pfiff. Es war der Insulaner, der dort auf die Seeleute, außer dem Bereich des Ihiamoea, wartete, und schweigend führte er den Zug den steilen schlüpfrigen Pfad wieder zurück nach dem Landungsplatz.
Der Regen goß jetzt förmlich in Strömen nieder, wenn auch der Wind für den Augenblick etwas nachgelassen hatte, als sie aber oben die Pandanus-Niederung erreichten, und nun auf ebener Bahn, auf dem scharfen Corallensand, dicht am Ufer einer der kleinen zahlreichen Lagunen oder Binnenseeen hinschritten, dröhnten laut und mahnend die beiden Kanonenschüsse von Bord des Delaware zu ihnen herüber. — Fast unwillkürlich hielten die Leute einen Moment, der Harpunier aber rief:
»Vorwärts, meine Jungen, vorwärts, wir kommen gerade zur rechten Zeit — Wetter noch einmal, das war abgepaßt, eine Stunde später und wir hätten die ganze Geschichte aufgeben müssen.«
»Was mögen sie an Bord haben?« frug Einer der anderen Harpunier.
»Wahrscheinlich wird dem Alten der Wind zu bunt,« lachte der Harpunier, »und jetzt ists gerade eine hübsche ruhige Zwischenzeit an Bord zu fahren — rasch Ihr Leute, da vorn seh’ ich schon die Hüttenfeuer.«
Ein neuer Hoffnungsstrahl blitzte vor René’s Seele auf — wenn ihn auch Einer der Insulaner verrathen hatte, waren ihm doch fast alle Anderen gewogen und wer weiß ob sie ihn, wenn er sie anriefe, so vor ihren eigenen Augen wegschleppen ließen. Soviel hatte er, während seines Aufenthalts auf der Insel auch schon von der Tahitischen Sprache gelernt, und als er die ersten Stimmen an den nicht mehr fernen Häusern hörte, damit die Leute Zeit bekämen sich zu sammeln ehe die Weißen das Boot gewinnen konnten, schrie er plötzlich mit lauter donnernder Stimme um Hülfe.
»Knebel her!« sagte der Harpunier ruhig aber rasch — »wer hat ihn — Du John?«
»Ja hier« — antwortete der Mann dem Harpunier den Knebel reichend.
»Der Kerl schreit uns am Ende doch noch die Insulaner auf den Hals — wer weiß wen er hier Alles zu Freunden gewonnen hat, und besser ist besser.«
An allen Gliedern gebunden und mit dem Knebel im Mund vermochte der Gefangene sich nicht weiter zu rühren, und gleich darauf erreichten sie den Strand.
Raiteo forderte aber jetzt, ehe sie zu seinen Leuten hinunterkamen, den bedungenen Lohn, denn er wollte sich nicht mit den Weißen zusammen blicken lassen. Ehe sie abstießen gedachte er dann mit einem Bruder von sich, zum Boot zu kommen und die Sachen in Empfang zu nehmen, die dort noch für ihn bestimmt waren.
»Lauft rasch mit dem Burschen da voran, und legt ihn in’s Boot, bis ich den Schuft hier abgefertigt habe,« sagte da der Harpunier zu seinen Leuten — »Wort müssen wir ihm doch halten; und seht zu daß Ihr das Boot flott bekommt bis ich unten bin.« Und während die Leute mit ihrer Last rasch dem Strande zueilten, blieb er neben dem Insulaner stehen und zahlte ihm das Blutgeld. Als er sich von ihm abwandte seinen Leuten zu folgen, glitt Raiteo in die Büsche.
»Höll’ und Teufel,« fluchte jedoch der alte Harpunier als er zum Strand kam und sah wie die Mannschaft mit dem Boot beschäftigt war, das hoch und trocken auf der Corallenbank und wohl funfzig Schritt vom Wasser ab saß — »ob ich es den verdammten Schuften von Insulanern nicht gesagt habe das Boot flott zu halten — und ich glaube beim Teufel, sie haben es noch mehr aufs Trockene gezogen; daß der Böse ihre Seelen verdamme. Hinein damit Jungens — greift unter und tragt es in’s Wasser — werft den Plunder hinaus der vorn darin liegt — der Eigenthümer mag ihn sich holen — wo ist René?«
»Hier am Hause liegt er,« sagte Einer — »Bill und Adolphe stehen Wache bei ihm.«
»Ach was Wache, der läuft jetzt nicht fort — hier Bill — hier Adolphe mit angefaßt und tragt das Boot zu Wasser — hallo meine Jungen alle zusammen — there she comes — a hoy-y. Was zum Teufel macht es so schwer — was liegt da drinne?«
»Es liegt hinten ganz voller Früchte,« antwortete Bill.
»Früchte? hinaus damit, wir haben jetzt keine Zeit uns mit Früchten abzugeben — so — Alles hinaus — hier an die Seite damit, was in Körben ist, können wir nachher wieder hineinwerfen, und hallo hier — einmal eine Parthie von den Insulanern her, die können uns mit helfen, wenn sie uns wieder los werden wollen.«
Von diesen ließ sich aber keiner blicken — der Hülferuf des Unglücklichen, den sie gehört, hatte ihnen das Schicksal desselben verrathen, und wenn sie auch, wie René in letzter Verzweiflung gehofft, keineswegs gesonnen waren ihr Leben daran zu setzen, um ihn wieder zu befreien, so mochten sie doch auch weiter Nichts mit der Sache zu thun haben, vielweniger denn den Fremden selber in irgend etwas behülflich sein.
Dicht am Strand wo die Leute, vielleicht zehn Schritt von dem Boot, den Gebundenen niedergelegt hatten, stand eine kleine Bambushütte, in welcher die Missionäre, wenn sie sich auf dieser Seite der Insel befanden und, vielleicht von einem Wetter überrascht, nicht mehr zu dem Missionsgebäude kommen konnten, gewöhnlich übernachteten. Hierher hatte sich auch, als das Wetter ärger zu werden drohte, der ehrwürdige Bruder Rowe zurückgezogen, ließ sich aber natürlich nicht blicken wie er die Männer mit ihrem Gefangenen ankommen hörte, sondern hielt seine Thür, allerdings nur dünnes Bambusgeflecht, geschlossen. Durch die überall offenen Stäbe der Wände konnte er aber deutlich erkennen was draußen vorging, und der gebundene und geknebelte René wurde solcher Art in nicht zwei Schritten von seiner eigenen Thüre niedergelegt, während die Leute kaum zehn Schritt weiter damit beschäftigt waren das Boot dem Wasser zuzuarbeiten. Bruder Rowe stand dicht hinter der Thür und schaute schweigend und nachdenkend auf den gebunden am Boden Liegenden nieder.
Außer ihm war aber noch eine andere Gestalt ganz in der Nähe, und zwar niemand anderes als das indirekte Werkzeug des ehrwürdigen Herren — Raiteo, der vorsichtig um das Haus herumglitt und die Bewegungen der dicht dabei in dem Boot beschäftigten Männer auf das vorsichtigste beobachtete. — Er hatte seinen Bruder oder irgend einen seiner Freunde schon abgeschickt die ihm noch zukommenden Waaren zu holen, und seine eigenen Gründe sich nicht selber dorthin zu bemühen.
»Schuft? — so?« murmelte er dabei zwischen den Zähnen durch — »erst ist man gut genug weißer Mann Capitain da hinauf zu führen und nachher ist man Schuft; gut — gut Raiteo ist nicht so dumm — Raiteo hat Geld — liegt sicher unterm Baum — Raiteo hat seinen Contrakt erfüllt — jetzt kann Raiteo machen was er will, und jetzt will Raiteo einmal sehn was er machen will.«
Die Wallfischfänger hatten indessen Alles was das Boot schwerer machen konnte hinausgeworfen, und während der Regen wieder in Strömen niedergoß, faßten die sieben kräftigen Gestalten das Boot und schoben es langsam aber in sicherem Fortgang den ersten kleinen Abgang hinunter, wo es wieder durch eine neue Corallenschicht aufgehalten, aber auch über diese endlich weggehoben wurde.
»Die verdammten Schurken von Indianern lassen sich nicht blicken,« sagte der alte Harpunier, keuchend in aller Anstrengung, »aber hol’ sie der Henker, wir brauchen sie auch nicht — munter meine Jungen, munter — denn hinten kommts wieder so schwarz wie Nacht herauf und wir müssen machen daß wir das Schiff erreichen, wenn uns der Alte hier nicht zurücklassen soll, und dann hätte er nachher eine schöne Mannschaft an Bord, ohne alle Officiere.«
Der Delaware hatte eine Laterne ausgehangen und schien, soweit man nach der Bewegung derselben urtheilen konnte, wieder näher zu kommen.
Als sich die Seeleute mit dem Boot von dem Haus entfernten, glitt Raiteo dahinter vor, und wie eine Schlange dicht an den festgebundenen Körper des Gefangenen hinan, wo er, ohne auch nur einen Laut von sich zu geben und ohne weitern Zeitverlust begann, die verschiedenen Seile mit denen der Körper des Unglücklichen förmlich umwunden war, durchzuschneiden. So leise und geschickt war dies Maneuvre auch, von der Nacht begünstigt, ausgeführt daß der, gewissermaßen dicht davorstehende Missionair, der die Augen doch fortwährend auf den Körper geheftet gehabt, wohl eine Bewegung sah, aber in der ersten Minute gar nicht unterscheiden konnte was es eigentlich sei. René übrigens, der schon jeden Gedanken an Rettung in dumpfer Verzweiflung aufgegeben hatte, und jetzt nur Trost in dem einzigen Entschluß fand, sowie man ihn an Bord seiner Fesseln entledige seinem Leben gewaltsam ein Ende zu machen, fühlte kaum den scharfen Schnitt eines Messers an den Seilen, als ihm wilde fröhliche Hoffnung durch Mark und Seele schoß. Er begriff zugleich die Nothwendigkeit vollkommen regungslos zu bleiben, die Aufmerksamkeit der nur kurze Strecke von ihm entfernten Seeleute nicht auf sich zu ziehen; aber selbst die Secunden die er hier wieder in furchtbarer Erwartung lag, ob nicht doch noch, ehe er den Gebrauch seiner Glieder wieder gewinnen konnte, Jemand von unten heraufkam und der Versuch zu seiner Rettung entdeckt würde — erfüllten ihn mit wahrer Höllenpein.
Raiteo hatte Verstand genug die Füße erst frei zu machen, denn selbst mit gebundenen Händen war in diesem Dunkel die Möglichkeit zu entfliehen da. René drängte es aber den Arm frei zu bekommen, wenigstens sein Messer, das er noch an der Seite fühlte, zu erfassen; der Knebel verhinderte ihn aber auch nur einen Laut von sich zu geben, und Raiteo wollte den nicht entfernen bis er mit allem übrigen im Reinen wäre. Mit den Füßen glaubte er jetzt fertig zu sein und ging an die Arme, ein dünnes Seil, daß er in der Dunkelheit übersehen hatte, hielt jene aber noch zusammen, und René hob die Knie auf es ihm bemerklich zu machen.
»Geh doch einmal Einer hinauf und sehe nach dem Gefangenen,« sagte in diesem Augenblick die Stimme des Harpuniers, die deutlich zu ihnen herüberdrang. Rasche Schritte wurden gegen sie zu gehört, und Raiteo der keineswegs im Sinne hatte seine eigene Person irgend einer Gefahr preiszugeben, ließ den noch immer Gebundenen wie er war, und glitt um das Haus hinum.
Hierdurch wurde es aber auch jetzt dem Missionair, der schon der Bewegung des Gefangenen nach Verdacht geschöpft, klar, daß irgend Jemand an der Befreiung desselben arbeite. Wer, konnte er natürlich nicht erkennen, aber es lag keineswegs in seinem Plan den Mann hier auf der Insel zu behalten, nun es doch einmal soweit gediehen war.
René schloß die Augen und sank zurück in stummer Verzweiflung.
Der Mann von unten sprang auf den Liegenden zu, und bog sich zu ihm nieder, wie um nachzusehen ob seine Stricke auch noch in Ordnung seien; zu gleicher Zeit aber fühlte René wie ein scharfes Messer und eine geübte Hand das Tau von einander trennte das seine Arme fest umspannt hielt, eine Hand glitt an seinem Körper hinunter, fühlte das Seil um die Knie und trennte auch dieses.
»Muth!« flüsterte dabei eine Stimme die René’s Ohren wie himmlische Sphärenmusik klang — »Muth René und jetzt fort,« — und sich aufrichtend rief er laut:
»All right!« und drehte sich rasch um, den Platz zu verlassen, als er plötzlich einen Arm auf seiner Schulter fühlte und erschrocken stehen blieb. René lag noch am Boden, als er ebenfalls die zweite Gestalt bemerkte, aber seine Hand faßte leise das Messer und zog es aus der Scheide — er wußte er war frei, denn zwei Sätze konnten ihn in den Bereich des Waldes und aus der Gewalt seiner Feinde bringen.
Adolphe, denn dieser war René’s Befreier, drehte fast unwillkürlich den Kopf halb ab, um nicht erkannt zu werden und suchte schon loszukommen, sich wieder unter seine Kameraden zu mischen und dadurch jeden Verdacht von sich zu entfernen, als er zu seinem Staunen die Stimme des Missionairs erkannte, der ihn leise etwas von dem vermeintlich Gebundenen fortzog, damit dieser ihn nicht erkennen möchte, und mit hastiger aber unterdrückter Stimme sagte:
»Habt Acht auf Eueren Gefangenen Sir — man will ihn befreien — ich habe —«
Er sagte nichts weiter, denn ein einziger Faustschlag des riesigen Franzosen, gerad gegen seine Stirn, streckte ihn besinnungslos zu Boden.
»Bind ihn,« flüsterte da Adolphe rasch, sich zu diesem niederbiegend — »er hat Dich an uns verrathen,« und so schnell wie er gekommen, sprang er die Corallenbank wieder hinunter, wo die Leute eben mit Anstrengung aller ihrer Kräfte das Boot bis zum Wasserrand gebracht hatten.
»Der Gefangene liegt noch am Boden,« sagte er, als er sich hier wieder unter die Uebrigen mischte.
»Aber habt Ihr nicht nachgesehen ob die Seile noch in Ordnung sind?« frug der Harpunier.
»Ich kann noch einmal hinaufgehn,« erbot sich Adolphe.
Da blitzte es vom Wasser herüber, und gleich darauf dröhnte der dumpfe Schall eines neuen Schusses, dem in kaum einer Minute ein zweiter folgte, zu ihnen herüber.
»Hinein mit dem Boot in’s Wasser!« schrie der Alte, alles Andere in dem Bewußtsein der Nothwendigkeit vergessend, so rasch als möglich wieder an Bord zu kommen, »wacker Ihr Leute, wacker und legt Euch dagegen mit Brust und Seele!«
Den vereinten Anstrengungen der Leute gelang es das Boot vorn in die Fluth zu bekommen, das unruhige Wogen derselben half nach, und bald lag es flott.
»Jetzt hinein, mit Riemen und Masten!« lautete der rasch gegebene Befehl, »und vergeßt Nichts Ihr Jungen — laßt die Früchte liegen wo sie sind — vier von Euch nach dem Gefangenen — halt hier — das Boot stößt noch auf — noch einmal unter, alle zusammen — a hoy — there she goes — nun die Riemen und unsern mossier her und hinein mit Euch.«
Es war auch Zeit daß sie von Lande abkamen — der Wind hatte sich, während einer fast anderthalb Stunden langen Stille, total herumgedreht, und aus Westen kann es in diesen Breiten oft gar bös an zu wehen fangen. — Dort stieg auch schon eine schwere rabenschwarze Wand auf, und der Delaware mußte jetzt allerdings machen daß er von der Küste abhielt. Die Leute rannten sämmtlich, so rasch sie konnten, die Bank hinauf, drei von ihnen die Riemen und den Mast in’s Boot zu nehmen; die andern drei den Gefangenen zu holen. Unter diesen Adolphe.
»Auf mit ihm,« rief dieser, den Oberkörper des auf der Erde Liegenden so packend und mit Leichtigkeit emporhebend, daß er den Kopf unter seinen Arm bekam — »auf mit ihm Jungens — und hinunter — da geht ein anderer Kanonenschuß, bei Gott!«
Die beiden andern Bootssteuerer faßten, der Eine in der Mitte, der Andere unter die Knie des Gebundenen, und im vollen Lauf fast ging es damit die Corallenbank hinunter.
»Vorn in’s Boot mit ihm,« schrie der Harpunier — »haut ihm eins über den Schädel wenn er sich nicht fügen will — an Eure Riemen für Euer Leben, dort kommts herauf — hinein in’s Boot mit ihm sag’ ich — werft ihn hinein, zum Donnerwetter, wenn er nicht gehn will, darf’s ihm auch nicht auf eine Beule ankommen.«
»Wetter noch einmal,« brummte Bill, als die im Boot Stehenden den Körper anfaßten, hineinzogen und vorn in den Bug mehr warfen als legten, »René ist hier ordentlich stolz geworden; der hat jetzt Schnallen an den Schuhen.«
Es war aber in diesem Augenblick weder Zeit viel Bemerkungen zu machen, noch sie anzuhören oder gar zu beachten. Die Leute sprangen an ihre Plätze, warfen die Riemen in die Dollen, der alte Harpunier hatte den seinigen durch das Rudereisen gezogen, und durch die elastischen Riemen vorwärts getrieben flog das leichte Boot ordentlich durch die schon unruhige See dem glücklicher Weise nicht sehr fernen Schiff, das jetzt auch noch eine zweite Laterne aufgezogen hatte, entgegen.
René war in dem Augenblick als ihn Adolphe verließ, in die Höhe gesprungen, und wußte in der That, in dem ersten Gefühl jubelnder Freiheit, nicht was er thun, ob er dem Rathe Adolphes folgen, oder den Priester ungebunden liegen lassen sollte, wo seine Flucht dann allerdings gleich bemerkt werden mußte, sobald sie ihn nur auffaßten. Eine zweite Person entschied aber seinen Zweifel, und zwar niemand Anderes als Raiteo.
Raiteo war nämlich ein höchst aufmerksamer und selbst überraschter Zeuge sämmtlicher letzter, so schnell auf einander folgender Vorfälle gewesen. Klug genug aber einzusehn daß es für ihn jetzt besonders Zeit sei sich bei der Befreiung noch etwas zu betheiligen, wenn er überhaupt später Ehre und vielleicht auch noch Nutzen daraus ziehen wollte, hatte er auch noch einen andern Grund zu wünschen, die Weißen möchten die Insel mit dem Glauben verlassen, daß Alles in Ordnung sei, weil sie sonst am Ende noch Einsprache wegen den übrigen, zum Theil noch nicht einmal geborgenen Waaren thun, oder doch Lärm schlagen konnten, und dann den Antheil auf der Insel bekannt machen mußten, den er selber bei dem Fang des Europäers gehabt, und dessen er sich, so verstockt er sonst sein mochte, doch einigermaßen schämte. Kaum hatte er deshalb den Missionair, von dem er im ersten Augenblick gar nicht wußte woher er auf einmal kam, fallen gesehn und die Worte Adolphes gehört die dieser dem Freunde auf englisch zurief — »bind ihn« als ihm auch das ganze Nützliche einer solchen Maßregel einleuchtete und er, aus seinem Verstecke vorgleitend, ohne weiteres Hand an den geistlichen Herren legte, und ihn rasch an Händen und Füßen band.
René der wußte daß er von dieser Seite keinen Angriff zu fürchten, ja nur Hülfe zu hoffen hatte, erkannte im ersten Augenblick den Burschen gar nicht, bis Raiteo sein Gesicht gegen ihn aufhob und mit leiser Stimme und bedeutungsvollen Zeichen sagte:
»Knebel — schnell!«
»Schurke verdammter, wo kommst Du her?« rief René fast unwillkürlich.
»Pst,« sagte aber Raiteo, diesmal nicht im mindesten beleidigt — »Knebel.«
Zeit war aber auch in der That nicht zu verlieren, und kaum hatte der Insulaner den Knebel auf das geschickteste in den Mund des am Boden Liegenden gebracht, von dem er sich jedoch vorher wohl überzeugt hatte daß er bewußtlos war, als sie auch schon die Leute die Corallenbank heraufspringen hörten, und nun rasch um das Haus herum und in das Dickicht schlüpften.
Mit klopfendem Herzen hörte René wie sie den Körper seines Stellvertreters auffaßten und zum Boot hinunter trugen — dann aber, als die Riemen in das Wasser einfielen und die regelmäßigen — o so wohlbekannten Ruderschläge an sein Ohr tönten und weiter und weiter in der Ferne verhallten, da war es ihm als ob eine Centnerlast von seiner Brust gewälzt wäre, und mit der dringensten Gefahr auch jeder trübe Gedanke aus seiner Seele verschwunden — sein leichter Sinn schwamm wieder in der alten fröhlichen Lust oben.
»Du bist doch der abgefeimteste durchtriebenste Erzschurke, Raiteo, der sich denken läßt,« wandte er sich lachend an diesen, der im Anfang nicht recht zu wissen schien auf welchem Fuß er nun, mit dem eben Befreiten wieder stehen würde, schon nach dem Klang der Stimme aber vollkommen begriff wie der »weiße Mann nicht Capitain« die Sache aufnahm, ihn aber das natürlich nicht merken lassen wollte, und nur mit kläglichem Ton jetzt versicherte und betheuerte, der »Bodder Aue« habe seinen Schlupfwinkel an weißen Mann Capitain verrathen, und weißer Mann Capitain ihn mit vorgehaltener Pistole und gebundenen Händen gezwungen sie nach dem von dem Missionair bezeichneten Platz hinzuführen.
Das erste war, wie René aus Adolphes eigenem Munde erfahren, in der That so, das zweite jedoch kaum wahrscheinlich, doch nahm der junge Franzose den Burschen eben wie er war, und fühlte sich auch in seiner neugewonnenen Freiheit nicht im mindesten geneigt auf irgend Jemanden in der weiten Welt zu zürnen; überdies hatte Raiteo doch auch einen Theil seiner Schuld wieder gut gemacht, und dadurch jedenfalls Reue über etwa begangene Missethat gezeigt.
René war übrigens noch zu sehr mit dem Schiff selber beschäftigt. Die neuen Kanonenschüsse verriethen des Capitains Eile in der er schien hier fortzukommen — etwas wofür ihn der Befreite in seinem Herzen segnete, und bald zeigten auch die niedergeholten Lichter daß das Boot an Bord sei. Noch konnte er die Compaßlampe durch die Nacht erkennen, aber bald erlosch dieser schwache Punkt ebenfalls, und mit dem jetzt aus vollen Backen einsetzenden West war in kaum einer halben Stunde jede Spur von dem so gefürchteten und auch so furchtbar gewesenen Schiff verschwunden.
Nichtsdestoweniger, und trotz dem Wetter, blieb René die Nacht auf dem ersten Hügel, auf den ihn Raiteo noch hinaufführen mußte, mit diesem auf Wache, und erst, als er sich mit dämmerndem Tage überzeugte daß der Delaware nirgends mehr am Horizont zu erkennen war, flog er mehr als er ging die steilen schlüpfrigen Hänge hinunter, dem Missionsgebäude zu, wo Sadie schon in peinlicher Angst den ausgeschickten Boten erwartete, der ihr melden solle ob das Schiff die Insel verlassen habe.
Wie erschrak das arme Mädchen, als sie die furchtbare Gefahr des Geliebten erfuhr, aber den Glücklichen konnten trübe Erinnerungen oder vergangenes Leid, die jetzigen frohen Stunden nicht verbittern, und Sadie wie René waren glücklich.
René hütete sich übrigens wohl, zu erwähnen was aus dem geistlichen Mann geworden sei, obgleich er natürlich nicht verheimlichen konnte und wollte, daß er durch dessen freundliche Fürsorge verrathen worden, und Raiteo beobachtete ebenfalls in dieser Hinsicht eine höchst lobenswerthe Discretion.
Was war aber aus ihm geworden?
Als das Boot nur eben nahe genug zum Schiff gekommen war, daß sie dort die regelmäßigen Ruderschläge unterscheiden konnten — schrie der Capitain schon mit Donnerstimme hinüber:
»Boot ahoy!«
»Ship ahoy!« lautete die rasche Antwort des Harpuniers — »all right!«
»Scharf meine Jungen, scharf — macht daß Ihr an Bord kommt,« schrie die Stimme wieder — »steht bei hier mit den Taljen — alles klar?«
»Alles klar Sir,« lautete die Antwort zweier Matrosen, die an den Krahnen standen zu welchen das Boot gehörte, die Taljen niederzulassen.
»Nieder mit Eueren Blöcken,« rief’s schon in dem Augenblick von unten herauf, als daß Boot an die Seite schoß und die Ruder, wie mit einem Schlag in die Höhe geworfen, längs hineinfielen — »hier — hakt rasch ein — hinauf mit Euch — all right!« — brüllte der Harpunier wieder durch das Schreien der Leute und das Rasseln der Raaen oben, die ebenfalls zu gleicher Zeit herumflogen. Seine Leute kletterten rasch an Bord hinauf, nur zwei zurücklassend, die an beiden Enden standen und die eingehakten Taljen wahrten, und eine halbe Minute später schwebte das Boot nach oben und unter seine Krahne, mit dem Deck gleich, während die im Boot Zurückgebliebenen den Gebundenen vorholten und nach Bord hineinreichten.
»Der hat die letzten zehn Minuten gestrampelt, als ob er sich die Seele aus dem Leibe treten wollte,« brummte Bill, als sie ihn oben über die Schanzkleidung holten — aber zum Donnerwetter —«
»Zwei Reefen in Vor- und große Marssegel — fort mit Euch da hinauf!« schrie der Capitain in diesem Augenblick; die Leute mußten den Gebundenen, der sich am Boden wand wie ein Wurm, liegen lassen und das Niederrasseln der Raaen, das Heulen der Leute an den Reeftaljen übertäubte für den Augenblick selbst das, jetzt mit Macht aufkommende Wetter. Die nächste Viertelstunde nahm das Reefen selber in Anspruch, und Niemand kümmerte sich indessen um den unglückseligen Priester. Erst als die Mannschaft mit dem gewöhnlichen tönenden »Oh — jolly men — hoy« die Marsraaen wieder aufzog, trat der zweite Harpunier, der nicht mit am Lande gewesen war und schon die letzten fünf Minuten die an Deck liegende Gestalt forschend und etwas mistrauisch betrachtet hatte, auf diese zu und sich zu ihr niederbiegend rief er erstaunt:
»Why — damn it — das ist René nicht!«
»René nicht?« antwortete der Capitain, der dicht neben ihm stand, mit der Linken eine der Brassen gefaßt hatte, und die Blicke auf die aufsteigenden Raaen gerichtet hielt — »wer soll’s denn sein? — belay that — — große Marsraae — was liegt an jetzt?«
»Norden halb Westen,« tönte die monotone Stimme vom Steuerrad herüber.
»Steady then — halt den Cours — wer soll’s denn sein Mr. Browning.«
»Weiß nicht Sir,« sagte dieser der, indeß der Capitain die obigen Befehle gegeben, dem Steward zugerufen hatte eine der noch im Spintge stehenden Lampe — die vorige Signallaterne — herauszubringen, und mit dieser vor den Gebundenen trat — »hallo wen haben wir hier?«
»Hallo Mr. Rowsey,« rief aber in diesem Augenblick der Capitain, der ebenfalls hinangetreten war und jetzt mit in das ihm vollkommen fremde, wilde verstörte Gesicht des Bruder Rowe schaute — »wen zum Henker haben Sie uns da vom Lande mitgebracht? — haben Ihnen die Indianer die Jammergestalt hier als René verkauft?«
Der alte Harpunier drückte sich rasch durch die, den Gebundenen umdrängenden Officiere und stand, während aller Augen halb erstaunt halb lachend auf ihn gerichtet waren, wohl eine halbe Minute verdutzt vor dem, was ihn im ersten Augenblick kaum weniger als eine Erscheinung deuchte; endlich aber platzte er heraus.
»Why — Gott straf mich, das ist ja der Pfaffe. — Den? — Himmeldonnerwetter — den haben wir doch nicht etwa im Boote mitgebracht?«
»So bindet ihn wenigstens los,« sagte der Capitain ruhig, und nur mit Mühe sein Lachen verbeißend. Während aber zwei daran gingen die Banden aufzuschneiden und den Gefangenen besonders von seinem Knebel zu befreien, fluchte und wetterte der alte Harpunier auf Deck herum, und schien gar nicht übel Lust zu haben jetzt selber über den Missionair herzufallen, als ob der arme Mann die Schuld dieser für ihn so traurigen Verwechselung trage.
Bruder Rowe bekam aber kaum seinen eigenen Mund frei, als er auch augenblicklich seine eigene Meinung von der Sache hatte, über Mord und Gewalt schrie, und verlangte ohne Säumen wieder an Land gesetzt zu werden. Mit Mühe nur bekam man von ihm heraus, daß seiner Meinung nach einer der Leute aus dem Boot ihm einen Schlag versetzt, der ihn bewußtlos niedergestreckt und ihn dann wahrscheinlich gebunden und geknebelt hatte. Hiergegen protestirte aber der Harpunier als eine Unmöglichkeit, denn so lang sei gar keiner von seinen Leuten von ihm entfernt gewesen, das zu bewerkstelligen. Nichtsdestoweniger wurden die Leute alle vorgerufen und der Priester sollte jetzt den nennen, den er für den Thäter halte — war das aber nicht im Stande. Der Harpunier erinnerte sich übrigens einmal Einen die Bank hinaufgeschickt zu haben nach dem Gebundenen zu sehn, der war jedoch augenblicklich zurückgekehrt und Adolphe meldete sich, gleich auf die erste Frage, ohne weiteres, hatte aber, wie er ruhig bemerkte, nur die Gestalt am Boden liegen gesehn und sich um weiter Nichts bekümmert.
Adolphe war nun allerdings René’s Landsmann, und wenn auch bei Manchem, selbst bei dem Capitain ein leiser Verdacht aufsteigen mochte, daß damit nicht Alles richtig hergegangen sei, ließ sich auch nicht das mindeste mit einer Anklage machen, bei der der Kläger selber nicht einmal den Thäter erkannte, vielweniger auf ihn zu schwören vermochte. Dazu kam noch der alte Groll, den Wallfischfänger gewöhnlich gegen die Missionaire, sehr häufig allerdings ungegründet, manchmal aber auch mit Ursache haben, und in dem Aerger über das Entkommen des Matrosen mischte sich jedenfalls eine gewisse Parthie Schadenfreude, daß gerade der Priester, der den Seemann verrathen hatte, in dieselbe Grube gefallen war die er dem Andern gegraben, und der Capitain zuckte zuletzt nur mit den Schultern, als der geistliche Herr in vollem Zorn versicherte, er werde sich an seine Regierung wenden und volle Genugthuung für diese schmählige, nichtswürdige Behandlung fordern.
Jetzt aber verlangte er vor allen Dingen augenblicklich und ohne weiteres Säumen wieder an Land gesetzt zu werden.
»An Land!« rief dagegen der Capitain — »jetzt bei dem Wetter? und wenn Sie mir tausend Dollar Passage bis zu der verdammten Insel zahlten, die ich wollte ich hätte sie im Leben nicht gesehen, möchte ich keins von meinen Booten und vielweniger mein ganzes Schiff noch einmal zwischen die Riffe hineinwagen.«
Bruder Rowe war außer sich — aber Drohungen wie Versprechungen blieben gleich fruchtlos, und das einzige womit ihn der Capitain tröstete, war, daß er eine der nördlich gelegenen Inseln wolle anzulaufen suchen, von da könne er dann sehen wie er wieder nach Tahiti oder hierher zurückkomme.
Zwei Tage später lief er Bola-Bola an, wo er den Rev. Mr. Rowe absetzte und vierzehn Tage vergingen ehe er von dort aus im Stande war seinem Schooner wissen zu lassen wo er sich befand, dessen Leute unter der Zeit übrigens in vollkommener Gemüthsruhe, und ohne auch nur einmal nachzufragen weshalb der weiße Mitonare sie so über Nacht verlassen habe, geblieben waren wo sie sich gerade befanden, sie hatten ja genug Brodfrucht und Cocosnüsse dort, und der Schooner lag sicher vor Anker, was wollten sie mehr? — sie hätten auf die Art noch ebensoviele Monate wie Wochen gewartet.