1. DIE GESCHICHTE VON DEM KRISTALLPALAST UND DEM DIAMANTSCHIFF

Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten folgendes. Die Kinder eines Padischahs blieben in der Welt nicht am Leben und starben immer. Eines Tages kam dem Padischah ein weiblicher Nachkomme in dieser Welt zum Leben. Zu dieser Zeit sagten ihm der Arzt und der Hodscha[1], nachdem sie Untersuchungen angestellt hatten: „Padischah, wir wollen für deine Tochter unter der Erde eine Grube machen lassen, dort mag sie dann aufwachsen, da es keinen anderen Ausweg gibt.“

Dem Padischah der Welt gefiel diese Rede. Es wurde dann unter der Erde eine an allen vier Ecken bewachte Grube hergestellt. Man brachte das Kind in die Grube, bestimmte eine Kinderfrau, die ihm morgens und abends sein Essen brachte. Um es kurz zu sagen: das Kind kam so hier in sein vierzehntes oder fünfzehntes Lebensjahr. An Schönheit hatte es nicht seinesgleichen.

Eines Tages langweilte sie sich an diesem Orte und stellte alle Stühle, die in der Grube vorhanden waren, übereinander und stieg darauf. Sie brach die Glasdecke entzwei, steckte den Kopf hinaus und sah hinaus. Da sah sie ein weites Meer. Als die Sonne darauf leuchtete, glänzte es so, daß man nicht hinschauen konnte. Ach, sagte sie: „Wenn die Erde ein Unten hat, muß sie auch ein Oben haben“, und war einige Zeit in Staunen versunken. Dann stieg sie herab und blieb, wo sie war. Danach kam ihre Kinderfrau. Die sah auf einmal, daß die Glasdecke zerbrochen war. Jetzt fragte sie das Mädchen: „Wer hat das Glas zerbrochen?“ Da fing die Prinzessin an zu sagen: „Führe mich von hier fort oder ich bringe mich selber um.“

Die Kinderfrau ging von dort zum Padischah und erzählte alle die Worte, die die Prinzessin gesagt hatte, eins nach dem andern. Der rief wieder die Ärzte zusammen. Die sagten nach wiederholter Prüfung: „Padischah, hole [[8]]sie heraus, aber nicht sofort. Bis sich ihr Auge gewöhnt hat, mag sie etwas spazieren gehen, und dann bringe sie wieder in die Grube.“ Die Wärterin ging und führte die Prinzessin aus der Grube in einen Rosengarten. Als sie (die Prinzessin) dort spazieren ging, sah sie den Ozean und verfiel in Nachdenken. Sie ging von dort zu ihrem Vater und sagte: „Vater, laß mir sofort auf dem Meere, das wir dort sehen, einen Glaspalast machen, darinnen sollen auch Diamant- und Goldstühle und schöngestickte Möbel sein. Wenn du ihn nicht machen läßt, bringe ich mich sofort um.“

Der Padischah sagte: „Aber mein Kind, der Palast soll sein, wie du ihn dir wünschst.“ Dann gab er den Glasmachern Befehl. Sie fingen sofort an, auf dem Meere einen Palast zu machen. Genau in einem Jahre wurde er fertig. Dann gaben sie dem Padischah Kunde. Er ging an das Gestade des Meeres und sah ihn sich an. Das war ein solcher Glaspalast, daß jeder, der ihn sah, geblendet wurde. Mit Worten ihn zu beschreiben, ist unmöglich. Sein Glanz erfüllte die Welt.

Die Prinzessin kam und küßte ihrem Vater die Hand. Der Padischah sagte: „Mein Kind, der Glaspalast, wie du ihn gefordert hast, ist fertig geworden. Nimm dir einige Sklavinnen, geh hinein und wohne darin mit Vergnügen.“

Darauf nahm die Prinzessin, da sie jung war, einige Sklavinnen zu sich und betrat in feierlichem Zuge mit ihnen den Palast. Sie zogen ein und gingen dort spazieren.

Die mögen sich nun Tag und Nacht vergnügen, wir kommen jetzt zum Dschihan-i-alem[2]. Manche kamen zu Schiffe und manche zu Boot und sahen sich den Palast an. Eines Tages, als der Sohn des Padischahs von Jemen von diesem Palast hörte, wunderte er sich. Sofort ging er zu seinem Vater und sagte: „Mein mächtiger Vater, der Padischah von Stambul hat auf dem Meere einen Glaspalast bauen lassen, der sich nicht mit Worten beschreiben läßt. Wenn Sie erlauben, möchte ich hinreisen und ihn ansehen. [[9]]Nach ungefähr drei bis vier Monaten komme ich wieder.“ Da gab sein Vater die Erlaubnis.

Er nahm einige Gefährten zu sich, bestieg ein Schiff und machte sich auf den Weg. Tag und Nacht fuhren sie, ohne sich aufzuhalten. Nach einiger Zeit erschien in der Ferne etwas Wunderbares. Sein Glanz erfüllte die Welt. Der Prinz sagte zu seinen Gefährten: „Das, was dort erscheint, muß das erwähnte Schloß sein.“

Endlich nach einigen Tagen kam er an das Schloß heran und umfuhr es von allen vier Seiten. „Sehe ich ein Luftschloß oder träume ich?“ sagte er und verfiel in Nachdenken. Schließlich als es Abend wurde, ging er dort vor Anker.

Der Prinz mag nun auf dem Verdeck liegen; wir wollen uns jetzt wieder zur Prinzessin wenden. Sie ging vor das Vestibül, blickte nach draußen und sah, daß vor dem Palast ein Schiff lag. Als sie noch sagt: „Wem gehört das wohl?“, sieht sie den Prinzen. Das war ein Jüngling, gleich dem Monde am Vierzehnten. Sofort verliebt sie sich in ihn bis über die Ohren. Auch der Prinz, als er die Prinzessin sieht, wird bewußtlos und fällt ohnmächtig auf die Erde. Nach einiger Zeit kommt er wieder zu sich und steht auf. Er blickt auf das Fenster, kann aber das Mädchen nicht sehen. Während er sagt: „Ach, einmal möchte ich sie noch sehen!“ und hinblickt, verfällt er in Schlaf. Jetzt kommt die Prinzessin an das Fenster und sieht, daß der Prinz eingeschlafen ist. Da seufzt sie und aus ihren Augen fließt statt Tränen Blut. Während sie weint, fällt auf das Gesicht des Prinzen ein Tropfen. Sofort wacht er auf und sieht, daß aus den Augen der Prinzessin statt Tränen Blut fließt. Jetzt sagt der Prinz zum Mädchen: „Da ist das Schiff und da ist ein günstiger Wind nach Jemen!“ Das Schiff setzt sich in Bewegung und er fuhr in sein Land. Eines Tages kam er nach Jemen und blieb dort. Wir wollen uns jetzt wieder zur Prinzessin wenden. Ihre beiden Augen waren eine Quelle (d. h. sie weinte andauernd in Strömen). Sie ging zu ihrem [[10]]Vater und sagte: „Vater, ich wünsche von dir ein Schiff von reinen Diamanten, dessen Kabinen mit Edelsteinen geschmückt und dessen Masten aus Rubinen sein und in dessen Innern sich vierzig weiße, junge, schöne Sklaven befinden sollen. Wenn du mir das nicht machst, werde ich mich töten.“ Er sagte: „Schön, mein Kind, das Schiff soll sein, wie du es wünschest.“ Dann rief er die Goldschmiede zusammen und gab ihnen Befehl. Noch an jenem Tage fingen sie mit dem Schiff an. Nach genau zwei Jahren war es fertig. Jetzt kam die Prinzessin zu ihrem Vater, küßte seine Hand und sagte: „Vater, gib mir Erlaubnis, ich werde einen Luftwechsel vornehmen und, wenn Gott will, bald wiederkommen.“ Da ihr Vater auf der Welt nur eine teure Tochter hatte, so tat er, was sie wollte, und gab ihr gezwungenerweise wohl oder übel die Erlaubnis und sagte: „Mein liebes Kind, laß mich nicht lange auf dich warten! Allah möge Heil geben!“

Das Mädchen nahm dann vierzig weiße Sklavinnen und vierzig weiße Sklaven zu sich und außerdem eine Palasteinrichtung, ging auf das Diamantschiff und blieb dort die Nacht. Am nächsten Morgen, als es Tag wurde, wurden zweiundzwanzig Kanonenschüsse auf der rechten und auf der linken Seite des Schiffes gelöst. Dann fuhr man ab.

An jenem Tage lobte sie die ganze Welt und Hunderttausende priesen sie mit den Worten: „Was ist das für eine geschickte Prinzessin!“ Die Prinzessin war der Kapitän, ihr Gehilfe ein alter Kapitän und die Sklaven und Sklavinnen in ihrer Begleitung wurden als Soldaten gebraucht und von ihr befehligt. Eines Tages kamen sie nach Jemen. Sie lief in den Hafen ein, ging dort vor Anker und blieb jene Nacht dort.

Der dortige Aufsichtsbeamte hörte davon und kam es sich anzusehen. Als er es sah, sagte er: „Wer ist das wohl? Solch ein Schiff habe ich in meinem Leben nicht gesehen, Allah möge es vor dem bösen Blick bewahren!“ Dann ging er sofort zum Schloß und machte Meldung: „Mein Padischah, [[11]]gestern ist ein Schiff angekommen, das unbeschreibbar ist. Reiner Diamant und Juwelen! Es lohnt sich, es einmal anzusehen.“ Da schickte der Schah seinen Lala[3] und sagte: „Forsche nach und komme wieder mit der Nachricht, wer es ist.“

Dann bestieg sein Adjutant eine Schaluppe und fuhr nach dem Diamantschiff. Als nun die Prinzessin sah, daß der Adjutant kam, kleidete sie ihre Mannschaft vom Kopf bis zu den Füßen in rote Kleider. Als endlich die Schaluppe sich der Landungstreppe näherte, ging die gesamte Mannschaft ihm entgegen und führte ihn nach oben geradeswegs zur Kabine des Kapitäns. Er setzte sich auf einen Stuhl und wurde freundlich begrüßt. Er sagte: „Aber mein Bej, ich möchte noch gern länger bleiben, aber der Schah erwartet mich, ich bin gekommen, um Kunde einzuholen. Wenn Sie mir Ihren schönen Namen sagen würden, würde ich den Padischah benachrichtigen.“

Der Kapitän sagte: „Ich bin ein Kaufmannssohn und bin auf die Reise gegangen, um mich zu vergnügen.“ Da ging er dann zum Padischah und sagte: „Padischah, das angekommene Schiff ist ein Handelsschiff, sein Kapitän ist ein junger Mann ohne Schnurr- und Backenbart, schön wie ein Mond am Vierzehnten. Seine Mannschaft ist ihm ganz entsprechend. Ja, mein Herr, es lohnt sich wirklich, es einmal anzusehen.“ Der Padischah bekam Lust und wünschte hinzugehen. Dann bestieg er eine Schaluppe mit sieben Doppelrudern und ging mit seinem ganzen Hofstaat auf das Schiff.

Als der Kapitän sah, daß der Herrscher kam, ließ er die ganze Mannschaft gelbe Kleider anziehen. Als der König sich der Landungstreppe näherte, gingen sie ihm alle entgegen und führten ihn nach oben. Als er in die Kabine des Kapitäns kam, empfingen sie ihn mit Ehren und bewirteten ihn mit Kaffee und Tabak. Der Padischah war erstaunt. Danach brach er wieder auf und ging in sein Schloß. [[12]]

Als der Prinz das hörte, verstand er sofort die Sache. Dann bestieg er eine Schaluppe und fuhr nach jenem Schiffe.

Wir wollen jetzt wieder zum Kapitän kommen. Wie das vorige Mal, ließ er die ganze Mannschaft grüne Gewänder anziehen. Jetzt legte der Prinz an dem Schiffe an. Sie gingen ihm alle mit Ehrerbietung entgegen. Schließlich kam er in die Kabine des Kapitäns und verweilte dort. Jetzt fragte der Prinz den Kapitän eingehend nach allem. Der Kapitän gab sich nicht zu erkennen. Der Prinz verliebte sich in den Kapitän und konnte sein Auge nicht von seinem Auge trennen. Als es schließlich Abend wurde, mußte der Prinz wohl oder übel aufstehen und in sein Schloß fahren.

Wir wollen uns nun wieder zum Kapitän wenden. Er schickte zu dem Aufsichtsbeamten der dortigen Gegend. Unter seiner Vermittlung legten sie das Schiff ins Dock. Vor dem Schloß war ein großer Palast. Den mieteten sie und ließen es sich gut gehen. Wir wollen uns jetzt zum Prinzen wenden. Am nächsten Morgen, als es Tag wurde, kam er an die Stelle, wo das Schiff gewesen war, und sieht, daß keine Spur davon da ist. „Ach, Gott“, sagte er, und schlug mit seinem Kopf auf den Boden. Er kam zu seinem Lala und fragte ihn. Der Lala erklärte ihm alles, eins nach dem anderen, und das Herz des Prinzen wurde wieder froh. Dann ging er ins Schloß. Als er vom Gartenhaus in das Fenster des erwähnten Palastes sah, fällt sein Blick auf das Mädchen. Der Prinz wurde verwirrt. Wer ist das wohl? Sollte es die Frau des Kapitäns sein? vermutete er bei sich. Es war eine Schönheit, die in der Welt nicht ihresgleichen hatte; die Locken waren nach beiden Seiten gescheitelt.

Als jetzt das Mädchen auch den Prinzen sah, schloß sie das Fenster und zog sich ins Innere zurück. Da verliebte sich der Prinz von neuem in sie, und indem er den Palast von allen vier Seiten umging, sagte er: „Ach, ob ich wohl noch einmal diese Schöne wieder sehen kann?“ Als es schließlich Nacht wurde, zog er sich in sein Zimmer zurück und weinte. [[13]]

Am nächsten Morgen kam er in das Gartenhaus und sieht, daß niemand am Fenster ist. Als er es nicht mehr aushalten konnte, ging er zu seiner Mutter und sagte: „Ach, Mutter, in diesem Palaste uns gegenüber wohnt die Frau des Kapitäns, ich habe sie am Fenster gesehen und mich in sie verliebt, nimm diese diamantbesetzten Holzschuhe und bringe sie ihr als Geschenk. Ich möchte noch einmal ihr Gesicht sehen, sonst bringe ich mich um.“ Die Mutter stand wohl oder übel auf und ging sofort zum Palast des Kapitäns. Nachdem sie eingetreten und gegrüßt hatte, gab sie die genannten Holzschuhe dem Mädchen. Das Mädchen nahm auch die Schuhe und gab sie den Sklavinnen in der Küche. Die arme Dame wunderte sich und sagte zu dem Mädchen: „Meine Prinzessin, der Prinz grüßt Sie besonders und wünscht Ihr gesegnetes Gesicht zu sehen, aber wie denken Sie darüber?“ Das Mädchen gab keine Antwort. Nachdem sie noch einige Zeit gesessen, ging sie in das Schloß und sagte zornig zum Prinzen: „Ich habe jenem Mädchen die Schuhe gegeben. Sie nahm sie und gab sie den Sklavinnen in der Küche. Ich war sehr ärgerlich, und obgleich ich ihr deine Sache auseinandergesetzt habe, gab sie überhaupt keine Antwort. Dann stand ich auf und ging hierher. Wenn dein Kummer auch noch so groß ist, so mußt du dich damit abfinden.“

Jetzt ging der Prinz wieder in ein Zimmer und weinte bis zum Morgen. Dann ging er zu seiner Mutter, küßte ihr die Hand und sagte: „Ach, liebe Mutter, nur du kannst helfen, denke über ein Mittel nach.“

Die Dame hatte eine sehr kostbare Perlenkette. Die kam ihr ins Gedächtnis. Sie sagte: „Ich habe im Kasten eine Perlenhalskette, ein Familienerbstück. Dir zu Liebe werde ich sie ihr geben. Wollen einmal sehen, was sie tut.“ Der Prinz war erfreut und küßte wieder seiner Mutter die Hände.

Die Dame ging vom Schloß in den Palast des Mädchens. Nachdem sie eingetreten, bestellte sie den Gruß des Prinzen und gab jene Perlen dem Mädchen. [[14]]

Das Mädchen hatte einen Papagei, der in einem Käfig an der Decke hing. Sie nahm die Perlen der Dame und gab sie anstatt Futter dem an der Decke hängenden Papagei. Das Tier fraß sie auf, indem es sie zerknackte. Da öffnete die Dame ihren Mund vor Erstaunen und sagte zu sich: „Sieh, der Papagei dieses Frauenzimmers frißt Perlen statt Futter.“

Dann stand die Dame auf und ging ins Schloß. Als der Prinz eiligst seine Mutter fragte: „Was hast du erreicht?“, sagte sie: „Ach, mein Sohn, ich habe die Perlen dem Mädchen gegeben. Sie nahm sie auch und hat sie einem an der Decke hängenden Papagei statt Futter gegeben. Das Tier hat sie auch vor meinen Augen aufgefressen. Als ich das sah, wurde ich traurig. Ich wußte nicht, was ich tun sollte. Ich weiß nicht, wie das mit uns wird.“

Der Prinz sagte zu seiner Mutter: „Es ist Dummheit von ihr, trag es ihr nicht nach.“ Auch in dieser Nacht schlief der Prinz bis zum Morgen nicht und weinte. Am Morgen ging er wieder zu seiner Mutter und sagte: „Ach, liebe Mutter, ich habe einen Koran, den bringe ihr. Vielleicht hat sie diesmal aus Ehrfurcht vor ihm Mitleid mit mir und handelt billig.“ Kurz, er überredete seine Mutter und schickte sie wieder hin.

Die Dame geht wieder bei Gelegenheit in den Palast. Die Prinzessin kommt herunter, geht ihr mit Ehrfurcht entgegen und holt sie nach oben. Die Dame war erstaunt. Schließlich holt sie von ihrer Brust den Koran heraus und gibt ihn dem Mädchen. Das Mädchen nimmt ihn auch artig, küßt ihn dreimal und legt ihn auf das Bücherbrett. Die Dame sagt zu ihr: „Mein Kind, der Prinz weint Tag und Nacht andauernd, schließlich wird er sich töten. Ach, mein Kind, da kannst nur du helfen. Zeige dem Prinzen doch nur einmal dein Gesicht, damit er dich sehen kann und für einige Zeit Freude hat.“ Darauf antwortet das Mädchen: „Mutter, ich zeige mich nicht für etwas Geringes.“ Die Dame sagte: „Ach, mein Kind, wir wollen tun, [[15]]was du verlangst.“ Darauf antwortete das Mädchen: „Mutter, ich will es dir geradeaus sagen, laß jetzt eine goldene Brücke machen, schmücke sie rings herum mit echten Rosen. Der Prinz soll dann an dem einen Ende sein Lager machen und sich dort hineinlegen, dann werde ich dorthin gehen, und dort mag er mich sehen.“

Danach stand die Dame auf und ging ins Schloß. Der Prinz fragte: „Ach, Mutter, was hast du erreicht?“ Sie sagte: „Mein Sohn, jenes Mädchen antwortete sehr bestimmt: ‚Eine goldene Brücke sollst du machen und rings herum mit echten Rosen schmücken, und der Prinz soll an dem einen Ende sein Lager bereiten und mich erwarten. Ich werde dorthin kommen und er kann mich sehen.‘ Wenn du das vermagst, laß es machen.“

Kurz, der Prinz ließ eine Brücke, wie das Mädchen sie beschrieben hatte, machen und schmückte sie ringsherum mit Rosen. Der Prinz machte an dem einen Ende der Brücke sein Lager und verweilte dort. Man schickte dem Mädchen Nachricht. Jetzt schmückte sich das Mädchen und ging mit seinem Gefolge zur Brücke. Als sie über die Brücke ging, stach sie sich an einem Rosendorn. Da rief sie: „Ach, mein Gesicht!“ und kehrte wieder in ihren Palast zurück. Der Prinz schaut aus und sagt: „Sie kommt, ich werde sie sehen.“ Als er sieht, daß das Mädchen umkehrt und weggeht, sagt er zu seiner Mutter: „Ach, Mutter, ich habe sie nicht sehen können.“ Die Dame geht sofort in das Haus des Mädchens und sagt zu ihr: „Meine Tochter, warum bist du nicht zum Prinzen gegangen?“ Das Mädchen antwortete: „Mutter, ein Rosendorn hat mir das Gesicht zerstochen, nun könnt ihr die Brücke und auch den Prinzen behalten.“

Die Dame sagte: „Meine Tochter, was sollen wir tun? Du hast in allem eine List.“ Da antwortete das Mädchen: „Mutter, ich will dir die Wahrheit sagen. Jetzt laß eine goldene Brücke machen, stelle auf der einen Seite einen goldenen und auf der anderen einen silbernen Leuchter auf. [[16]]Danach soll der Prinz sterben und ihr sollt ihm auf dem anderen Ende der Brücke sein Grab graben und ihn hineinlegen, dann will ich kommen und ihm zu Häupten ruhen. Da kann er mich nach Herzenslust ansehen.“

Die Dame stand zornig auf, ging ins Schloß und sagte: „Mein Sohn, ein Dorn hat das Mädchen ins Gesicht gestochen, darauf ist sie umgekehrt und in ihr Schloß gegangen.“ Als er fragte: „Was sollen wir jetzt tun?“, sagte sie: „Mein Sohn, das Mädchen gab ihre letzte Antwort. So wie das vorige Mal sollst du eine goldene Brücke machen lassen und auf beiden Seiten einen goldenen und einen silbernen Leuchter stellen. ‚Danach soll der Prinz sterben und auf dem einen Ende der Brücke soll man sein Grab machen, und dann mag er mich darin erwarten. Ich werde dann kommen und ihm zu Häupten verweilen. Dann mag er mich nach Herzenslust ansehen.‘ So antwortete sie.“

Der Prinz sagte: „Mutter, ich werde vor den Augen der Welt sterben, ins Grab gehen und sie erwarten. Wollen sehen, was sie diesmal für Listen hat.“ Das beschlossen sie.

Am folgenden Tage stellten sie auf der einen Seite der Brücke einen goldenen Leuchter und auf der anderen Seite einen silbernen auf, der Prinz ging ins Grab. Das Mädchen beobachtete alles.

Wir wenden uns nun wieder zu dem Mädchen. In jener Nacht ließ sie das Schiff aus dem Dock ziehen und alles, was an Möbeln in dem Palast war, mit den Sklavinnen auf das Schiff bringen. Als alles fertig war, ging das Mädchen zur Brücke zu dem Grabe, wo der Prinz war, und sagte: „Da ist ein Schiff und da ist günstiger Wind nach Stambul.“ Dann bestieg sie das Schiff und fuhr ab.

Der Prinz stand sofort auf und sieht, daß das Schiff unverzüglich abfährt. Der Prinz erhob ein Geschrei und ging sofort zu seiner Mutter: „Ach, Mutter, was ich getan habe, habe ich mir selber zuzuschreiben. Die Schuld liegt an mir.“ Da verstand er die Handlungsweise des Mädchens. Er ging zu seinem Vater, küßte ihm die Hand und sagte: [[17]]„Lieber Vater, gib mir die Erlaubnis, ich möchte ins Ausland gehen!“ Der sagte: „Sehr schön, mein Sohn!“ und gab ihm die Erlaubnis. Dann küßte er auch die Hand seiner Mutter und sagte: „Mutter, mir ist ein Ausweg erschienen, ich muß gehen.“ Er erhielt von seiner Mutter die Erlaubnis, ging aus dem Schloß, bestieg ein Schiff und machte sich auf den Weg. Nachdem er das Schiff verlassen, betrat er den erwähnten Palast. Die Prinzessin ging ihm mit ihren Sklavinnen entgegen. Sie führten ihn nach oben. Er sagte zu ihr: „Meine Prinzessin, ist es nicht schade um mich, daß du mir soviel angetan hast?“ Das Mädchen erwiderte: „Mein Prinz, du vergißt, was du mir angetan hast. Du bist mit dem Schiff angekommen, hast mich in Feuer gesetzt. War es da vor Gott zu verantworten, daß du wieder gingst?“ Da sagte er: „Ach, meine Prinzessin, verzeih’ mir mein Vergehen, trage es mir nicht nach! Die Schuld liegt an mir.“ Da umarmten sie sich und die beiden Verliebten erreichten glücklich ihre Absicht.

Danach ging die Prinzessin zu ihrem Vater, und erzählte ihm ihre Abenteuer eins nach dem andern. Der Vater war auch erfreut und sagte Gott Dank. Am folgenden Tage wurde die Ehe eingegangen und vierzig Tage und vierzig Nächte dauerten die Hochzeitsfestlichkeiten. In der Nacht auf den einundvierzigsten Tag betraten sie das Brautgemach und die beiden Verliebten hatten einander. Hiermit endigt unsere Geschichte und damit Schluß.

[[Inhalt]]

2. DIE GESCHICHTE VOM SCHÖNEN HALWAVERKÄUFER[4]

Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten folgendes. In alten Zeiten hatte eine Frau in der Welt einen teuren Sohn und eine Tochter. Die ließ sie nie auf die Straße gehen. Eines Tages faßte ihr Mann die Absicht, mit seinem Sohn nach dem Hedschas zu gehen und sagte: „Ich vertraue dich und meine Tochter dem Müezzin[5] an. Wenn du etwas [[18]]brauchst, erhältst du es vom Müezzin.“ Dann brachte er alles mit ihr in Ordnung, und Vater und Sohn gingen nach dem Hedschas.

Wir kommen nun zu dem Müezzin. Eines Tages stieg er auf das Minaret, und während er den Gebetsruf rief, sah er das ihm anvertraute Mädchen im Garten Wasser schöpfen. Da verliebte er sich in das Mädchen und konnte es nicht mehr aushalten. Dann ging er in sein Haus und verhielt sich ruhig. In jener Nacht rief er eine alte Nachbarin und sagte zu ihr: „Da, Mutter, nimm diese zehn Goldstücke. Ich will von dir die Tochter des N. N., der nach dem Hedschas gegangen ist.“ Die Frau sagte: „Mein Sohn, ihre Mutter läßt sie nie auf die Straße. Es ist etwas schwer.“ Er sagte: „Ach, Mutter, nur du kannst helfen.“ Sie antwortete: „Mein Sohn, hast du einen Platz, wo ich sie hinführen kann, falls ich sie überrede?“ Der Müezzin sagte: „Mutter, morgen werde ich an dem und dem Orte ein Bad mieten. Führe sie dorthin. Da werde ich euch erwarten. Nimm du morgen zum Schein ein Bündel[6] unter den Arm und gehe zum Hause der Frau. Wenn du sie überredet hast, führe das Mädchen zu mir.“ So verabredeten sie sich.

Als es Morgen wurde, nahm die Frau zum Schein ein Bündel unter den Arm und ging zum Hause der Frau. Sie sagte zu der Mutter des Mädchens: „Mutter, heute wird an dem und dem Orte ein Bad eröffnet und schönsingende Tänzerinnen und schöne Mädchen werden kommen, sich baden und den Tänzerinnen zuschauen. Ich habe besonders Euer Hochwohlgeboren besucht, um Ihre Tochter in das Bad zu führen, damit sie mit ihresgleichen und ihren Altersgenossen sich amüsiert und sich belustigt. Wenn es Abend wird, bringe ich Ihre Tochter wieder ordentlich zurück.“

Die Dame antwortete: „Mutter, meine Tochter ist bis jetzt noch nie irgendwohin gegangen. Außerdem ist es, seitdem ihr Vater nach dem Hedschas gegangen ist, heute [[19]]gerade zwei Tage her. Da werden die Leute uns nachsagen: ‚Der Vater des Mädchens ist gegangen, und gleich laufen sie auf die Straße‘.“ Die alte Hexe sagte: „Mutter, ich führe ja Ihre Tochter in ein Bad, nicht an einen andern Ort, daß die Nachbarn Ihnen Vorwürfe machen könnten. Die Töchter von so vielen Nachbarinnen gehen hin. Ihre Tochter braucht sich nicht zu schämen. Wenn Sie die Erlaubnis geben, gehe ich mit Ihrer Tochter hin.“ Schließlich überredete sie die Dame. Sie nahm das Mädchen mit sich und sie gingen in das Bad, das der Müezzin gemietet hatte.

Als sie eingetreten waren, sah sich das Mädchen nach allen vier Seiten um. Niemand war da. Da sagte sie: „Ist dies das von Ihnen gerühmte Bad? Es ist ja niemand da.“ Da antwortete die Frau: „Ach, mein Kind, es ist noch früh. Nunmehr werden sie kommen. Treten Sie ein und suchen Sie sich einen Platz aus, solange noch nicht so viele Leute da sind.“

Das Mädchen hielt das für wahr, zog sich aus und ging hinein. Die Frau ging nach Hause.

Wir kommen nun zu dem Mädchen. Als sie in den Schwitzraum tritt, sieht sie, daß der Müezzin ihres Viertels dort ist. Als das Mädchen ihn sieht, wird sie ohnmächtig. Sie nahm sich jedoch sofort zusammen und sagte: „Herr Müezzin, wir haben gehört, daß in diesem Bade Tänzerinnen spielen sollen. Ist dies das von Ihnen gerühmte Bad? Noch ist niemand da.“

Der Müezzin antwortete: „Meine Prinzessin, wenn niemand kommen sollte, wollen wir uns beide baden und uns vergnügen.“ Das Mädchen antwortete: „Bade du mich zuerst, nachher werde ich dich baden.“ Damit war der Müezzin einverstanden.

Der Müezzin nahm das Mädchen und badete sie ordentlich am Wasserbecken.

Dann sagte das Mädchen: „Komm’, jetzt werde ich dich baden.“ Der Müezzin setzt sich davor und das Mädchen fängt an ihn zu baden. Sie seifte seinen Kopf gehörig ein, [[20]]so daß er die Augen geschlossen halten mußte. Dann geht sie an das Becken, läßt alles Wasser auslaufen und verstopft alle Wasserhähne mit einem Lappen. Indem sie sagt: „Sieh, wie ein Mensch gebadet wird“, geht sie in das Abkühlzimmer des Bades und nimmt alles, was an Holzschuhen vorhanden ist, in ein Schurztuch, geht wieder zum Müezzin und schlägt ihm die um den Kopf und die Augen. Des Müezzins Geschrei drang bis zum Himmel. Um es kurz zu machen. Der Müezzin fiel auf den Boden und wurde ohnmächtig. Dann ging das Mädchen hinaus, zog sich ihre Kleider an und kam nach Hause. Als ihre Mutter fragte: „Nun, meine Tochter, wie war das Bad?,“ da verrät sie ihre Absicht nicht und sagt: „Sehr gut, Mutter, es war ein Bad ohnegleichen.“

Die wollen wir nun ruhen lassen und uns zum Müezzin wenden. Als er nach einer Zeit wieder zu sich kommt, sind seine Augen voll Schaum. Er geht zum Wasserbecken, taucht die Wasserschale hinein. Auch nicht eine Spur von Wasser ist da. Er öffnet den Wasserhahn, er sieht, daß kein Wasser kommt. Um es kurz zu machen. Er geht zu allen Wasserbecken, findet in keinem Wasser. Darauf kommt der Badewärter. Als er den Müezzin so sieht, sagt er: „Herr Müezzin, was ist dir geschehen, daß dein Kopf so voll Schaum ist.“ Der Müezzin antwortete: „Ach, Badewärter, um mir den Kopf mit dem in dem Becken befindlichen Wasser zu waschen, ging ich mit den eingeseiften Augen. Wie sehr ich aber auch Wasser suchte, konnte ich doch nichts finden. Ich muß wohl vorher vergessen haben, den Hahn zu öffnen.“ Dann öffnete der Badewärter einen Hahn. Der Müezzin wusch sich und ging hinaus, zog sich die Kleider an und ging nach Hause. Er legte sich übelgelaunt schlafen, da sein ganzer Körper so zerschlagen war, daß er sich nicht rühren konnte.

Um sich an dem Mädchen zu rächen, schrieb er eines Tages an den Vater des Mädchen einen Klagebrief und schrieb darin: „Deine Tochter ist eine Hure geworden und [[21]]läßt sogar die Hunde über sich.“ Den Brief schickte er an den Vater. Als er den Vater erreichte, öffnete er ihn sofort, las ihn und sagte: „Ach, meine Tochter ist eine Hure geworden. Ist das nicht eine Schande für mich?“ Dann sagte er voll Zorn zu seinem Sohne: „Geh sofort nach Hause, schlage meiner Tochter den Kopf ab und bringe mir schleunigst ihr blutbeflecktes Hemd.“

Sein Sohn stand auf und machte sich auf den Weg. Eines Tages kommt er in sein Stadtviertel. Indem er von Anfang bis zu Ende bei allen Nachbarn herumfragt und sich zu vergewissern sucht, bestätigten sie ihm alle: „Nein, mein Sohn, wir haben nie gesehen, daß deine Schwester auf die Straße gegangen ist.“ Schließlich kommt er nach Hause und klopft an die Tür. Die Schwester sagte: „Ach, mein Bruder“, eilt die Treppe nach unten, öffnet die Tür und führt ihn nach oben und fragt: „Wo ist mein Vater?“ Ihr Bruder sagt: „Er ist unterwegs, komm, wollen ihm entgegengehen.“ Sofort legt das Mädchen ihren Mantel an und geht mit ihrem Bruder aus dem Hause. Der führte sie auf einen Berg und sagte: „Schwester, man hat dem Vater einen Brief geschrieben: ‚Deine Tochter ist eine Hure geworden, sie läßt jedermann über sich‘. Als der Vater dies gehört, wurde er zornig und sagte zu mir: ‚Du mußt meiner Tochter den Kopf abschlagen und ihr blutbeflecktes Kleid mir bringen‘. Dies ist der Grund meines Kommens, Schwester.“

Als die Schwester davon hörte, klärte sie ihn nicht auf. Schließlich sagte ihr Bruder: „Meines Vaters Versprechen muß ausgeführt werden.“ Er nahm einen jungen Hund, tötete das Tier und befleckte das Hemd seiner Schwester mit Blut und sagte: „Schwester, nun heißt es Abschied nehmen. Gehe jetzt in ein anderes Land, Gott möge dir helfen.“ Dann trennten sie sich für ewig. Dann entwich das Mädchen und ging weinend von Berg zu Berg.

Der Junge nahm das blutige Hemd seiner Schwester und machte sich auf den Weg. Eines Tages kam er nach dem Hedschas, ging zu seinem Vater und sagte: „Da, Vater, [[22]]habe ich dir das blutige Hemd deiner Tochter gebracht“ und übergab es ihm. Der sagte: „Gott sei Dank, nun bin ich aus dem Gerede der Leute gekommen.“

Die wollen wir nun hier lassen und wieder zum Mädchen gehen. Das Mädchen ging von Berg zu Berg und kam schließlich an ein Wasserbecken. Dort trank sie klares Wasser. Neben dem Becken war ein Baum. In den Schatten des Baumes setzte sie sich und ruhte sich etwas aus. Es gab dort aber sehr viel reißende Tiere. Nach einiger Zeit überlegte sie: „Es ist Abend geworden, wohin soll ich gehen?“ Schließlich kam ihr dieser Baum in den Sinn. Sie sagte: „Ich will wenigstens auf jenen Baum steigen und mich vor den Tieren schützen.“ Dann kletterte sie auf den Baum. Jene Nacht blieb sie auf dem Baum.

Als es Morgen wurde, war nun gerade der Sohn des Padischahs dieses Landes auf Jagd ausgezogen. Sein Pferd war sehr durstig und kam schließlich an das Becken. Der Prinz faßte das Pferd am Halfter und führte es an das Wasser. Das Pferd nun, während es sein Maul dem Wasser nähert, scheut, als es trinken will, und ist nicht zum Trinken zu bewegen. Die Sonne hatte nämlich das auf dem Baume befindliche Mädchen getroffen und ihr Bild auf das Wasser geworfen. Wie sehr auch der Prinz das Tier quält, es geht nicht ans Wasser. Auf einmal hebt der Prinz seinen Kopf nach oben. Als er das Mädchen sieht, verliert er das Bewußtsein. Er redet sie an: „Bist du ein Geist oder was bist du?“ Das Mädchen sagte: „Ich bin ein Mensch.“ Schließlich ließ er das Mädchen heruntersteigen und sagte: „Das war also meine heutige Jagdbeute.“ Dann nahm er das Mädchen und ging ins Schloß. Dann brachte er seinem Vater die Kunde und heiratete nach Allahs Anordnung und nach dem hehren Brauch des Propheten jenes Mädchen.

Vierzig Tage und vierzig Nächte dauerte das Hochzeitsfest. Am einundvierzigsten Tage betrat er das Brautgemach. Nach einiger Zeit hatte der Prinz von diesem Mädchen drei Nachkommen. [[23]]

Diese Kinder mögen nun in der Wiege aufwachsen! Eines Tages kam dem Mädchen seine Mutter ins Gedächtnis und aus ihren Augen flossen Tränen so groß wie Regentropfen. Darüber kam der Prinz hinzu. Als er sah, daß das Mädchen geweint hatte, sagte er: „Meine Prinzessin, warum weinst du so?“

Das Mädchen antwortete: „Ach, mein Herr, als ich heute dasaß, kam mir meine Mutter in den Sinn. Aus Sehnsucht nach ihr weine ich.“ Als der Prinz fragte: „Meine Prinzessin, lebt deine Mutter oder ist sie tot?“, sagte sie: „Ach, mein Herr, sie lebt. Es ist schon lange her, daß ich Sehnsucht nach ihr habe. Jetzt habe ich Verlangen nach ihr.“ Da sagte der Prinz: „Meine Prinzessin, warum hast du mir nichts davon gesagt? Hätte ich dir sonst nicht die Erlaubnis gegeben? Entweder wollen wir deine Mutter hierher holen oder du gehst zu deiner Mutter und siehst sie wieder. Sieh, wie du willst, so wollen wir es tun.“

Das Mädchen antwortete: „Mein Herr, möge Gott Ihnen langes Leben und Gesundheit geben. Wenn Sie Ihrer Dienerin die Erlaubnis geben, so möchte ich morgen mit meinen Kindern zu meiner Mutter gehen und sie noch einmal in dieser Welt wieder sehen und ihr meine Kinder wieder zeigen.“ Der Prinz sagte: „Meine Prinzessin, sehr schön. Es soll so sein. Morgen sollst du in Begleitung einiger Leute mit deinen Kindern gehen und deine Mutter besuchen.“ Schließlich schliefen sie diese Nacht.

Am nächsten Morgen rief der Prinz seinen Hofmeister und vertraute die Prinzessin und ihre Kinder dem Hofmeister an. Die Prinzessin stieg mit ihren Kindern in einen Wagen, der Hofmeister bestieg ein Pferd und nahm als Begleitung ein Bataillon Soldaten mit. Sie fuhren vom Schlosse fort und machten sich auf die Reise.

Nach einiger Zeit steckte der Vezir seinen Kopf in den Wagen und sagte zum Mädchen: „Entweder gibst du dich mir hin oder ich töte deine Kinder.“ Das Mädchen wurde verwirrt und sagte: „Was ist das für eine Sache! Das ist [[24]]ja unmöglich.“ Der Vezir sagte: „Ja, meine Prinzessin, du mußt dich mir hingeben.“ Das arme Mädchen wollte ihm nicht willfährig sein und gab ihm eins ihrer Kinder. Der Vezir nahm es, erwürgte es und warf es auf die Erde. Nach einiger Zeit steckte er wieder den Kopf in den Wagen und sagte: „Mädchen, du mußt mir willfährig sein, oder soll ich auch diese Kinder töten?“ Das Mädchen sagte: „Nein, ich werde mich dir nicht hingeben, da töte die Kinder.“ Der Vezir streckte seine Hand aus, nahm eins von den Kindern und tötete es. Kurz nach einiger Zeit erwürgte er auch das andere Kind. Als keine Kinder mehr da waren, blieb die Prinzessin allein im Wagen. Nachdem sie etwas gereist waren, zog der Vezir am Kopf seines Pferdes und hielt an, steckte seinen Kopf in den Wagen und sagte: „Heh, Mädchen, deine drei Kinder habe ich getötet. Auch dich werde ich töten oder du gibst dich mir hin.“ Das Mädchen antwortete: „Gib mir eine halbe Stunde Zeit, daß ich die Waschung vollziehe und zwei Gebete bete, dann will ich mich dir hingeben.“

Der Vezir gab dem Mädchen eine halbe Stunde Erlaubnis. Das Mädchen stieg aus. Der Vezir band ihr, damit sie nicht entfliehen konnte, einen Strick um den Leib und ließ sie frei. Das Mädchen ging etwas weiter, löste den Strick von ihrem Leibe und band das Ende an einen Baum und entfloh. Nachdem sie von Berg zu Berg gelaufen war, zieht der Vezir am Strick, sieht, daß er nicht los ist, und denkt: „Das Mädchen vollzieht die Waschung“, und wartet. Dann überlegt er: „Seitdem dies Mädchen weggegangen ist, ist eine halbe Stunde verflossen. Das ist ja eine endlose Waschung. Ich will doch einmal hingehen und nach dem Mädchen sehen.“ Als er etwas gegangen ist, sieht er auf einmal, daß das Ende des Strickes an einen Baum gebunden ist und sie selbst entflohen ist. Er sagte: „Da habe ich sie mir doch entwischen lassen“ und raufte sich die Haare. Dann kehrte er zu den Soldaten zurück und sie gingen wieder in das Schloß. [[25]]

Als er zum Prinzen kam, sagte er: „Mein Prinz, als wir unterwegs waren, nahm die Prinzessin ihre Kinder, warf sie, ohne daß wir es sahen, aus dem Wagen und entfloh. Und mein Prinz, ein Mädchen, das von den Bergen kommt, schafft nichts Gutes. Vom Berge ist sie gekommen und wieder auf den Berg gegangen.“ Als der Prinz das hört, wird er bewußtlos, fällt auf der Stelle auf den Boden und wird ohnmächtig. Man besprengte sein Gesicht mit Rosenwasser, und er kam wieder zu sich. Dann trauerte er um das Mädchen.

Die wollen wir nun verlassen und sehen, wie es dem Mädchen ergangen ist. Sie war weinend von Berg zu Berg gegangen und war schließlich in ihres Vaters Land gekommen. Sie wechselte ihre Kleider und ging auf den Basar. Sie kam zum Laden eines alten Halwahändlers, dessen Laden verfallen war. Nachdem sie ihn begrüßt hatte, sagte sie zu dem Alten: „Willst du mich als Lehrling annehmen?“ Der Halwahändler antwortete: „Ach, mein Sohn, ich kann kaum das Geld für mein Abendbrot verdienen. Wenn ich dich als Lehrling nehme, wie sollte ich dir Lohn geben? Außerdem habe ich auch die Halwazubereitung vergessen.“ Das Mädchen antwortete: „Vater, ich verlange von dir nichts. Gib mir nur die Kost. Dafür arbeite ich. Wir ernähren uns von dem, was Gott gibt.“ Als der Alte diese angenehmen Worte hörte, widersprach er nicht und sagte: „Gut, mein Sohn, komm.“ Dann küßte das Mädchen seinem Meister die Hand, trat ein und setzte sich in dem Laden hin. Nach einigen Tagen streifte das Mädchen seine Ärmel auf, ging an den Herd und fing an Halwa zu bereiten. Sie machte ein schönes Halwa und setzte ihrem Meister eine Probe vor. Ihr Meister langte zu, und nachdem er etwas gegessen hatte und der angenehme Geschmack auf der Zunge geblieben war, sagte er: „Mein Sohn, du hast ein sehr gutes Halwa gemacht. Möge deine Hand dir gesund erhalten bleiben! Möge Allah sie vor dem bösen Blick bewahren.“ Dann wusch sie den Stein (auf dem Ladentisch) ab und legte [[26]]das Halwa, das schön klar wie Mastix aussah, darauf. Als die Kunden kamen und den schönen Jüngling sahen, gerieten sie in Erstaunen. Selbst wenn sie eigentlich kein Halwa kaufen wollten, so kamen sie doch in den Laden und kauften es. Und wer schon einmal gekauft hatte, kehrte um und kaufte noch einmal Halwa. Von diesem schönen Halwaverkäufer wurde überall gesprochen.

Wir wollen den schönen Halwaverkäufer bei seiner Arbeit lassen und uns wieder zum Prinzen wenden. Als ihm eines Tages dies Mädchen und seine Kinder ins Gedächtnis kamen, seufzte er und aus seinen Augen flossen Tränen so groß wie Regentropfen. Dann rief er seinen Hofmeister und sagte: „Ich will die Prinzessin wieder haben. Ich will sie suchen, ich muß sie finden, sonst töte ich mich.“ Der Vezir sagte: „Mein Prinz, das Mädchen wollte dich nicht und ist in die Berge geflohen. Wie willst du es jetzt finden?“ Alle diese Worte nützten nichts. Jedenfalls nahm der Prinz den Vezir zu sich. Sie verließen das Schloß und gingen in die Berge, um das Mädchen zu suchen. Sie kamen in das Land, wo sich das Mädchen befand. Da sie sehr hungerten, fragten sie ein Kind: „Mein Sohn, ist hier nicht irgendwo ein Garkoch?“ Das Kind antwortete: „Mein Herr, hier ist keine Garküche, aber etwas weiter ist der Laden des schönen Halwaverkäufers. An dem Halwa, das er macht, kann man sich gar nicht satt essen. Er macht sehr schönes Halwa.“ Als der Prinz das Lob dieses Halwahändlers hörte, konnte er sich nicht länger halten und ging mit dem Vezir zu dem Laden des schönen Halwaverkäufers. Als jetzt das Mädchen den Prinzen mit dem Vezir kommen sah, erkannte es sie, aber gab sich nicht zu erkennen. Als der Prinz sagte: „Gib uns einige Stück Halwa“, antwortete das Mädchen: „Meine Herren, wenn Sie diese Nacht hierbleiben, werde ich Ihnen ein sehr schönes Halwa bereiten und sie mit einer sehr merkwürdigen Geschichte unterhalten.“ Als der Prinz die freundlichen Worte des schönen Halwaverkäufers und seine liebenswürdige Begrüßung [[27]]hörte, sah er ihm ins Gesicht, erstaunte, konnte nicht mehr an sich halten und sagte: „Sehr schön, junger Mann, wir bleiben.“ Dann traten der Prinz und der Vezir in den Laden und setzten sich.

Die mögen nun dort sitzen, wir wollen uns jetzt zu den Leuten aus dem Viertel wenden. Die wollten an jenem Tage eine Halwagesellschaft machen. Der eine sagte: „Aber von wem wollen wir das Halwa machen lassen? An der und der Stelle ist ein schöner Halwajüngling. Der macht sehr schönes Halwa, von dem wollen wir es machen lassen.“ Einige von ihnen standen auf, gingen zum Laden dieses Halwahändlers und sagten: „Kannst du heute zu uns kommen und uns ein schönes Halwa machen? Denn wir haben die Leute des Viertels eingeladen und wollen heute nacht eine Halwagesellschaft geben.“

Der schöne Halwaverkäufer sagte: „Sehr gern, meine Herren, aber ich habe Gäste. Da kann ich nicht weggehen, sonst sind sie allein.“ Da sagten sie: „Aber bringe sie doch mit. Über uns ist Platz.“ Der schöne Halwaverkäufer wandte sich zu seinen Gästen und sagte: „Meine Herren, man hat mich zu einer Halwagesellschaft gerufen. Wollen, bitte, zusammen gehen, dort werden wir uns unterhalten.“ Der Prinz sagte: „Sehr schön!“ Die drei verließen zusammen den Laden und gingen mit den Leuten in das Haus, das sie angaben, und stiegen die Treppe hinauf. Der Prinz und der Vezir blieben in einem Zimmer. Der schöne Halwajüngling machte sich daran, unten das Halwa zu bereiten. Nachdem er schließlich das Halwa fertig hatte, bewirtete er zuerst die Gäste unten in dem Zimmer und verabschiedete sich. Nun kam die Reihe an die im oberen Zimmer. Dann nahm er die Kasserolle und das Kohlenbecken und ging nach oben, trat ein und sieht, daß die Leute des Viertels, sein Vater und Bruder, der Müezzin, der Prinz und der Vezir alle in dem Zimmer anwesend sind. Sofort stellt der schöne Halwaverkäufer das Kohlenbecken in die Mitte des Zimmers und fängt an Halwa zu bereiten. Dann [[28]]sagte er: „Meine Herren, Sie sind ja so still. Ein jeder möge eine Geschichte erzählen, die ihm passiert ist, damit wir uns unterhalten, denn dazu sind wir ja zusammengekommen.“ Die nichtsahnenden Einwohner fingen an. Jeder erzählte eine Geschichte, die ihm passiert war. Als sie fertig waren, sagten sie zu dem schönen Halwaverkäufer: „Wir haben erzählt, nun erzähle du uns auch eine Geschichte, damit wir zuhören.“ Der schöne Halwaverkäufer sagte: „Meine Herren, wenn ich eine Geschichte erzähle, habe ich die Gepflogenheit, keinen aus der Tür hinauszulassen. Wer hinausgehen will, mag jetzt hinausgehen.“ Die Gesellschaft sagte: „Nein, es ist keiner da.“ Dann setzte sich der schöne Halwaverkäufer an die Tür und fing an seine Geschichte zu erzählen. Als er zuerst die Geschichte, die ihm im Bade passiert war, erzählte, hörte der Müezzin aufmerksam zu. Als er sie hörte, rief er: „Ach, mein Bauch, mein Bauch schmerzt mir.“ Der schöne Halwaverkäufer sagte: „Setz’ dich nur hin.“ Als er dann die Geschichte von der Ermordung der Kinder auf der Reise erzählte, seufzte der Prinz und seine Augen wurden voll Tränen. Da begriffen der Vater, der Bruder, der Prinz, der Vezir und der Müezzin die ganze Sache. Dann sagte das Mädchen: „Die Gesellschaft soll wissen, daß meine Feinde hier der Müezzin und der Vezir sind. Dies hier ist mein Vater, mein Bruder und mein Gatte, der Prinz.“ Darauf ging sie zu ihm und setzte sich unter den Saum seines Kleides. Der Prinz bedeckte das Mädchen und die ganze Gesellschaft biß sich auf den Finger[7] und war still. Am nächsten Morgen töteten sie den Müezzin und den Vezir unter verschiedenen Martern. Dann trennten sie sich. Das Mädchen küßte ihrem Vater und ihrer Mutter die Hand und zog mit dem Prinzen wieder auf sein Schloß, und sie heirateten sich von neuem. Vierzig Tage und vierzig Nächte dauerte das Hochzeitsfest. Am einundvierzigsten betrat der Prinz das Hochzeitsgemach. Sie erreichten, was sie wollten und damit Schluß! [[29]]

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