38. DIE CHINESISCHE SKLAVIN UND DER JÜNGLING VON BAGDAD

In Bagdad lebte ein Jüngling, der Kaufmann war und so viel Vermögen besaß, daß selbst er es nicht genau kannte. Eines Tages verliebte er sich in eine chinesische Sklavin und kaufte sie sich, indem er unermeßlich viel Geld für sie bezahlte. Sein ganzes Vermögen, daß er besaß, gab er für dies Mädchen aus, so daß er schließlich nichts mehr besaß.

Eines Tages sagte das Mädchen zu ihm: „Zur Zeit des Wohlstandes hast du dein Vermögen verschwendet, jetzt besitzt du nichts. Es ist aber eine sehr schwere Sache, durch das Feuer der Armut verbrannt zu werden. So haben wir keinen Genuß an unserm Beisammensein. Der Genuß der Vereinigung entsteht nur bei frohem Herzen. Wenn du also die Trennung von mir ertragen kannst, so verkaufe mich und nimm den Kaufpreis als Kapital, denn wie es im Sprichwort heißt: ‚Das Wasser fließt da, wo es schon einmal geflossen ist.‘ Ich werde die Trennung ertragen, so gut ich kann, und wenn nicht, mich töten und mich vor den Kümmernissen der Welt retten. Auf diese Art wirst du wenigstens wieder zu Wohlstand kommen.“

Notgedrungen nahm der Jüngling dies an und führte das Mädchen am folgenden Tage auf den Sklavenmarkt, um es zu verkaufen. Es war gerade ein haschimitischer Kaufmann von Basra nach Bagdad gekommen. Als er die Sklavin sah, gefiel sie ihm, und er kaufte sie für zweitausend Goldstücke.

Der Jüngling nahm das Geld und ging nach Hause, aber Tag und Nacht seufzte er und war wie ein lebloser Körper. Als es Abend wurde und das Licht derjenigen, die sein Herz erleuchtete, nicht mehr mit dem Glanz ihrer Schönheit sein Haus erhellte, da konnte er es nicht länger aushalten und beschloß, das Mädchen sich zurückzukaufen. Da er nicht bis zum Morgen aushalten konnte, verließ er um Mitternacht sein Haus. Als er infolge des Suchens nach [[236]]dem haschimitischen Kaufmann müde und matt geworden war, verblieb er an einem öden Platze. Dort belauerte ihn ein herumlungernder Dieb, der die Gelegenheit benutzte, dem Jünglinge, als er schlief, das Geld aus dem Busen stahl und flüchtete. Als der Jüngling aufwachte, das Geld nicht mehr vorfand, vermehrte sich der Kummer seines Herzens. Es lastete wie ein Berg auf ihm. Da er nun auch nicht mehr die Mittel hatte, um den Kauf rückgängig zu machen, ging er wie ein Verrückter in die Berge.

Der Kaufmann war mit dem Mädchen in ein anderes Land gezogen, um Handelsgeschäfte zu machen. Aber da die Sklavin ihn jeden Tag mit harten Worten anredete, so wurde ihm das Leben zur Qual. Von einer Vereinigung mit ihr war schon gar nicht die Rede, aber in Herzensruhe ihr ins Gesicht zu sehen, wurde ihm nicht einmal zuteil. Aber da er Interesse für das Mädchen hatte, hoffte er, daß sie ihren ersten Liebhaber vergessen werde, und überließ sie sich selbst. So reisten sie zu Wasser und zu Lande umher, aber die Glut des Mädchens (nach ihrem früheren Liebhaber) beruhigte sich nicht, sondern nahm von Tag zu Tag zu. Schließlich schwur der haschimitische Kaufmann in seiner Not: „Wenn ich deinen früheren Herrn, der dich mir verkauft hat, wiederfinde, will ich auf die bezahlten zweitausend Goldstücke verzichten und dich ihm wiedergeben. Ich hatte gedacht, du würdest mich mit Musik und Reden unterhalten, wenn ich mich langweilte, aber du nimmst mir durch dein Seufzen bei Tag und Nacht die Ruhe.“ Das Mädchen verging vor Seufzen und Wehklagen.

Der Jüngling war wie ein Wahnsinniger über Berge und Felder gestreift, um seine Liebste zu suchen. Eines Tages kam er an das Ufer des Meeres, traf ein Schiff, das mit Kaufmannsgütern angefüllt war. Durch Gottes Fügung war der Haschimit und die Sklavin auch auf diesem Schiffe, aber sie ahnten nichts voneinander. Als sie so einige Tage gefahren waren, rief der Haschimit das Mädchen zu sich, gab ihr eine Laute in die Hand und bat sie, [[237]]ein Lied zu singen. Das Mädchen nahm weinend die Laute zur Hand und sang ein Liebeslied, daß alle Mitfahrenden beim Anhören weinten und mit ihrer Lage Mitleid empfanden. Dann legte sie die Laute wieder hin und fing wieder an zu klagen.

Als der Jüngling von Bagdad die Stimme des Mädchens hörte, wußte er, daß zu seinem Glück der Kaufmann und das Mädchen, gleich dem Planeten Jupiter und Venus in glückbringender Konstellation, auf dem Schiffe seien. Trotzdem geduldete er sich und verriet sich nicht. Am folgenden Tage gingen die Mitfahrenden ans Land, um Lebensmittel und Wasser zu holen. Als das Schiff etwas leerer geworden war, benutzte er die Gelegenheit, nahm die Laute des Mädchens und stimmte sie in einer anderen Tonart, die nur das Mädchen kannte, da sie sie von ihm gelernt hatte. Am Abend bat der Haschimit wieder das Mädchen, etwas zu spielen. Das Mädchen nahm die Laute zur Hand. Kaum hatte sie sie mit dem Plektron berührt, als sie alles begriff. Sie legte die Laute aus der Hand und schwur, daß ihr früherer Herr, der Bagdader Kaufmann, auf dem Schiffe sei. Der Haschimit sagte: „Das wäre ja schön. Wenn er doch nur hier wäre, dann würde ich euch beide vereinigen und mir einen Lohn in der anderen Welt und Glück in dieser verdienen.“ Das Schiff wurde durchsucht und der Jüngling von Bagdad gefunden. Er rief ihn zu sich, behandelte ihn mit großer Achtung und sagte: „Ich habe deine Sklavin nicht angerührt. Da ich gesehen habe, daß deine Liebe zu ihr und ihre Liebe zu dir nicht übertroffen werden kann, so schenke ich dir auch ihren Kaufpreis. Vergeßt nicht, meiner im Gebete zu gedenken.“

Alle Mitfahrenden waren verwundert über die Liebe des Mädchens und des Bagdader Jünglings und lobten den Großmut des Haschimiten. Danach fragte dieser den Jüngling, wie es ihm gehe. Der fing an, ihm sein Abenteuer zu erzählen. Zuerst habe er in Wohlstand gelebt und sei in Bagdad ein sehr reicher Kaufmann gewesen, dann habe er [[238]]sein ganzes Vermögen wegen dieser Sklavin ausgegeben, und als er schließlich ganz arm geworden, habe er sie an ihn verkauft. Während er in der Nacht an einer öden Stelle schlief, habe ihm dann ein Dieb sein Geld gestohlen. Alles erzählte er eingehend. Als der Haschimit dies hörte, flössen ihm blutige Tränen aus den Augen, und er sagte: „Von heute ab sei nicht mehr traurig. Ich habe keine Söhne und keine Familie. Mein Vermögen genügt für euch und mich.“ Er faßte das Mädchen bei der Hand und gab sie dem Jünglinge.

Die beiden Liebenden freuten sich am gegenseitigen Anblick und dankten dem Haschimiten. Nachdem sie so einige Tage in Freude genossen hatten, landete ihr Schiff wieder an der Küste, um Proviant einzunehmen. Jedermann ging an Land, um seine Angelegenheiten zu erledigen. Er hielt sich aber zu lange auf, und als er an das Ufer kam, hatte sich ein günstiger Wind erhoben und die Schiffer hatten die Segel entfaltet und waren davon gefahren. Der Jüngling von Bagdad fing in seiner Verzweiflung an zu schreien, aber umsonst.

Der Haschimit kam mit der Sklavin nach Basra und sagte zu ihr: „Ich hatte es übernommen, dich deinem früheren Herrn zu geben und mein ganzes Vermögen euch zu schenken. Nun hat das Geschick es anders gefügt, und der Jüngling ist verschwunden. Sage mir, was du nun für das Richtige hältst. Ich will tun, was du willst.“

Das Mädchen antwortete: „Meine Absicht ist, daß du mir ein Kloster baust, dort für den Jüngling von Bagdad ein Grab graben läßt und darüber einen Sarkophag aufstellst. Dort will ich mich in der Abgeschiedenheit religiösen Übungen hingeben und, wenn ich gestorben bin, begrabt mich dort.“ Der Haschimit erfüllte den Wunsch des Mädchens und tat, wie sie gesagt.

Als der Jüngling von Bagdad am Ufer des Meeres drei Tage gewartet hatte, kam am vierten Tage ein Schiff, das, um Wasser zu holen, dort anlegte. Er besprach sich mit [[239]]dem Kapitän und bestieg das Schiff. Nach verschiedenen Schwierigkeiten kam er nach Basra, fragte nach dem Hause des Haschimiten und fand es nach einiger Mühe.

Als dieser ihn gesehen, fiel er ihm um den Hals und erwies ihm allerlei Freundlichkeit. Der Jüngling fragte ihn, wie es dem Mädchen gehe. Der Haschimit erzählte ihm, was geschehen war, und gab ihm einen Diener mit, der ihn dorthin führte, wo das Mädchen sich befand.

Als die beiden treuen Liebenden sich wiederfanden, umarmten sie sich und weinten so sehr, daß alle Leute sich wunderten und sich fragten, ob es denn solche Liebe auf der Welt noch gebe. Nachdem sie ihn begrüßt hatten, erfüllte der Haschimit sein Versprechen, wies ihnen das Kloster zur Wohnung an und übernahm es, für ihren Unterhalt zu sorgen. So lebten sie alle bis zu ihrem Tode sich gegenseitig beglückend.

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