7. DIE GESCHICHTE VON DEM KUMMERVOGEL
Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten folgendes. In alten Zeiten hatte ein gerechter Padischah eine Tochter. Diese Prinzessin lebte immer mit ihrer Lehrerin in Liebe zusammen. Eines Tages verfiel die Lehrerin in Nachdenken. Die Prinzessin sagte: „Frau Lehrerin, woran denkst du?“ Sie sagte: „Ich habe einen Kummer.“ „Aber, Frau Lehrerin, was ist ein Kummer für ein Ding. Kaufe mir doch einen.“ Da antwortete sie: „Jawohl, meine Prinzessin.“ Sie läßt sich von der Prinzessin fünf bis sechs Goldstücke geben, geht auf den Markt, kauft einen Kummervogel in einem Käfig und bringt ihn der Prinzessin mit den Worten: „Da, meine Prinzessin, das ist der Kummervogel.“
Die Prinzessin vergnügte sich Tag und Nacht mit dem Vogel. Nach einigen Tagen geht sie mit den Sklavinnen in [[66]]ihren Garten an den Teich und hängt den Vogel an einem Baume auf. Der Vogel fängt an zu sprechen und sagt: „Meine Prinzessin, laß mich ein wenig frei. Ich möchte mit den Vögeln die Umgebung ansehen, dann komme ich wieder.“ Die Prinzessin hielt das für richtig und läßt ihn frei. Der fliegt zu den anderen Vögeln. Während das Mädchen sich am Teich ergeht, kommt der Kummervogel nach zwei Stunden wieder, ergreift die Prinzessin und fliegt in die Luft. Nach einigen Stunden läßt er sie auf einem hohen Berge nieder und sagt: „Da hast du nun den Kummer gesehen? Hiernach werde ich dir noch mehr derartigen Kummer bereiten.“ Damit fliegt er in die Luft.
Wir kommen nun zur Prinzessin. Sie war hungrig und hilflos auf den Bergen. Nach längerem Wandern findet sie einen Hirten. Sie sagt zu dem Hirten: „Gib mir deine Kleider. Ich werde dir die meinigen geben.“ Sogleich zieht der Hirte seine Kleider aus und gibt sie der Prinzessin. Die Prinzessin zieht sie an und geht weiter. Schließlich kommt sie an ein Kaffeehaus. Sie tritt ein und sagt: „Vater, willst du mich als Lehrling annehmen?“ Der Kaffeewirt sagt: „Ich suche gerade solchen Lehrling“, und behält sie bei sich. Eines Tages sagt der Kaffeewirt zu ihr: „Heute Abend werde ich nach Hause gehen. Du kannst im Kaffeehaus schlafen und aufpassen, daß niemand etwas stiehlt.“ Mit diesen Ermahnungen geht er weg.
Am Abend schließt das Mädchen das Kaffeehaus, legt sich in eine Ecke und schläft ein. Um Mitternacht kommt der Vogel und zerschlägt alles was an Nargileh und Tassen vorhanden ist. Dann kommt er zu ihr, weckt sie auf. Das Mädchen wacht auf und sieht, daß alles kurz und klein geschlagen ist. Der Vogel sagt: „Hast du nun den Kummer gesehen? Hiernach werde ich dir noch weiteren Kummer bereiten.“ Damit fliegt er weg. Am Morgen dachte das Mädchen: „Was soll ich jetzt meinem Meister sagen?“ Währenddessen kommt der Wirt, sieht, — was soll er sehen — alle Dinge sind kurz und klein geschlagen, verprügelt das [[67]]Mädchen ordentlich, nimmt es bei dem Kragen und wirft es aus dem Kaffeehaus.
Das Mädchen geht weinend und kommt zu einem Schneiderladen. Da in diesen Tagen das Beiramfest war, hatte man aus dem Schloß Kleider bestellt. Die Schneider nähten und schnitten ununterbrochen zu. Das Mädchen geht zu den Meistern und sagt: „Meister, wollt ihr mich als Lehrling annehmen?“ Die sagten: „Sehr wohl!“ Es ging in den Laden und setzte sich. Nach einigen Tagen geht ihr Meister nach Hause und das Mädchen bleibt im Laden. Um Mitternacht kommt der Vogel wieder und zerreißt alles, was an Kleidern im Laden ist. Dann weckt er das Mädchen auf. Als das Mädchen aufwacht, sieht es, daß alles, was an Kleidern vorhanden ist, zerrissen ist. Der Vogel sagt: „Meine Prinzessin, hast du nun den Kummer gesehen? Hiernach werde ich dir noch manchen Kummer machen.“ Dann fliegt er weg. Am Morgen kommt der Meister und sieht, daß alle aus dem Schloß bestellten Kleider und die noch nicht zugeschnittenen Stoffe zerrissen sind. Als er das sieht, schlägt er mit dem Kopf auf die Steine, und sagt: „Ach, nach so vieler Arbeit! Und soviele Tuchballen sind auch zerrissen.“ Dann verliert er die Besinnung, fällt ohnmächtig auf den Boden. Nach einiger Zeit kommt er wieder zu sich, geht zornig auf den Lehrling und fragt: „Wer hat das zerschnitten?“ Das Mädchen gibt keine Antwort. Er sagt sich: „Geld hat er nicht, damit ich es nehmen könnte. Soll ich ihm das Leben nehmen?“ Dann verprügelt er es ordentlich und jagt es aus dem Laden.
Während das Mädchen weinend dahin geht, kommt es an den Laden eines Kronleuchterhändlers und fragt: „Meister, willst du mich als Lehrling annehmen?“ Der sagt: „Mach, daß du fortkommst, du grindiger Bursche. Was soll ich mit dir anfangen! Ich habe nicht genug, um für mich zu sorgen.“ Schließlich läßt er sich erweichen und nimmt ihn als Lehrling an. Eines Tages will sein Meister auf Hochzeit gehen und überläßt den Laden dem grindigen [[68]]Jungen und ermahnt ihn: „Paß ordentlich auf, daß nichts zerbrochen wird.“ Dann geht er weg. Als es Abend wird, schließt der grindige Junge den Laden und schläft in einer Ecke ein. Um Mitternacht kommt der Vogel und zerschlägt alles, was an Kronleuchtern vorhanden ist, und weckt den grindigen Jungen auf. Als der aufsteht, sieht er, daß alles, was an Kronleuchtern im Laden vorhanden ist, zerbrochen ist. Der Vogel sagt: „Meine Prinzessin, hast du den Kummer gesehen? Von der Art werde ich dir noch manchen Kummer bereiten.“ Dann fliegt er fort. Am Morgen öffnet der grindige Junge den Laden. Dann kommt sein Meister und sieht — was siehst du? —, alles was an Leuchtern im Laden vorhanden ist, ist zerbrochen. Vor Zorn war er nahe daran, sich aufzuhängen. Dann nimmt er einen Stock, verprügelt ordentlich den grindigen Jungen und wirft ihn aus dem Laden.
Das Mädchen denkt weinend: „In welchen Laden ich auch bis jetzt gekommen bin, soviel Schaden habe ich von dem Vogel gehabt und soviel Prügel habe ich bekommen. Jetzt will ich mich aufmachen und in die Berge gehen.“ Als sie einige Zeit herumgegangen ist, bleibt sie hungrig und durstig auf den Bergen und sieht, daß wilde und reißende Tiere in Menge dort sind. Dann steigt sie auf einen Baum und bleibt dort in der Nacht. Am Morgen als es dämmert, kommt der Sohn des Padischah dieses Landes der gerade auf Jagd gegangen war, und sieht den grindigen Jungen auf dem Baume. Er hält ihn für einen Vogel, zielt und schießt den Pfeil ab. Der Pfeil bleibt im Baum haften. Als er an den Baum kommt, sieht er, daß es ein Mensch ist. Der Prinz fürchtet sich und sagt: „Bist du ein Geist oder was sonst?“ Der grindige Junge sagt: „Ich bin kein Geist, ich bin ein Mensch.“ Schließlich nahm der Prinz ihn herab und brachte ihn ins Schloß. Nachdem er den grindigen Jungen im Bade hatte ausziehen und waschen lassen, ließ er ihm Frauenkleider anziehen. Sofort wird er ein Liebchen wie der Mond am vierzehnten, das in der Welt [[69]]nicht seinesgleichen hatte. Es erinnerte einen an die schönen Jünglinge im Paradiese.
Als der Prinz sie so sieht, verliebt er sich gleich in sie und wird wie berauscht. Als er nach ein bis zwei Stunden wieder vernünftig ist, ging er zu seinem Vater und sagte: „Vater, neulich war ich auf die Jagd gegangen, und während ich jagte, sah ich in einem Baume ein Mädchen und brachte es hierher. Die ist nun mein Schicksal. Ich will nur sie heiraten.“ Der Padischah sagte: „Was ist das für eine Sache? Die will ich mir einmal ansehen.“ Sofort rief er sie, und als er sie sah, hielt er sie für passend für seinen Sohn.
Er verheiratete das Mädchen mit dem Prinzen und machte vierzig Tage und vierzig Nächte Hochzeitsfeierlichkeiten. Am einundvierzigsten Tage in der Nacht auf den Freitag betrat der Prinz das Brautgemach. Infolge dieser Nacht wurde die Prinzessin schwanger und nach neun Monaten und zehn Tagen gebar sie dem Prinzen eine Tochter.
Das Kind mag nun in der Wiege heranwachsen. Als eines Nachts der Prinz und die Prinzessin schlafen, kommt um Mitternacht der Vogel, nimmt die Tochter der Prinzessin, beschmiert den Mund der Prinzessin mit Blut, weckt sie auf und sagt: „Dein Kind nehme ich mit; da hast du deinen Kummer. Hiernach werde ich dir noch ähnlichen Kummer bereiten.“ Darauf fliegt er weg.
Am Morgen sieht der Prinz, daß das Kind nicht da ist und daß der Mund der Prinzessin blutig ist. Als er das sieht, wendet er sich, geht zu seinem Vater und setzt ihm die Sache auseinander. Der sagt: „Mein Sohn, woher hast du das Mädchen geholt?“ Er antwortete: „Von den Bergen.“ Der Padischah fährt fort: „Das Mädchen ist ein wildes Mädchen, es frißt sicherlich Menschen.“
Wir wollen uns kurz fassen. Die Sache geht so weiter. Nach einiger Zeit bringt die Prinzessin eine zweite Tochter zur Welt. Wie das erste Mal kommt der Vogel, nimmt das Kind, beschmiert den Mund der Prinzessin mit Blut und geht wieder weg. Das Mädchen wacht auf, schlägt sich und [[70]]wirft sich auf den Boden. Am Morgen wacht der Prinz auf und sieht, daß das Kind wieder nicht da ist und daß der Mund der Prinzessin blutig ist. Sofort benachrichtigt er den Padischah. Der Padischah befiehlt, ihr sofort den Kopf abzuschlagen. Da der Prinz das Mädchen sehr liebt, geht er zu seinem Vater und bittet ihn für sie, und der schenkt sie diesmal noch dem Prinzen.
Im Laufe der Zeit nach einigen Monaten wird sie wieder schwanger, und nach neun Monaten zehn Tagen bringt die Prinzessin einen Knaben zur Welt. Der Prinz fängt an zu überlegen: „Wenn sie diesmal das Kind verzehren sollte, wird der Vater sie ohne weiteres töten.“ Während dieser Überlegung kommt ihm in den Sinn: „Ich will diese Nacht nicht schlafen und sie heimlich beobachten.“ Die Prinzessin mag nun schlafen, der Prinz nimmt eine Nadel in die Hand, hält die Spitze der Nadel an das Kinn und faßt das andere Ende mit der Hand. Wenn der Schlaf über ihn kommt, drückt er auf die Nadel, sticht sich ins Kinn und wacht auf. Schließlich fällt ihm die Nadel aus der Hand auf den Boden und er schläft ein. Da kommt zwischen vier und fünf Uhr der Vogel, nimmt das Kind, beschmiert den Mund der Prinzessin mit Blut, weckt sie auf und sagt: „Da, dein Kind nehme ich mit. Da hast du deinen Kummer. Hernach werde ich dir noch anderen Kummer bereiten.“ Mit diesen Worten fliegt er weg. Die Prinzessin kann es nicht mehr aushalten und weint bis zum Morgen. Als der Prinz aufwacht und sieht, — was siehst du? — daß das Kind nicht da ist und der Mund und die Nase der Prinzessin blutig ist, benachrichtigt er den Vater. Der Henker wird befohlen. Der Henker bindet dem Mädchen die Hände auf den Rücken und führt sie auf einen großen Platz, um sie zu enthaupten. Das Mädchen war von einzigartiger Schönheit und der Henker konnte es nicht übers Herz bringen, sie zu töten und sagte: „Vorwärts, geh, meine Prinzessin, komme nicht wieder ins Schloß, geh, wohin du willst. Gott möge dir Heil geben!“ und entläßt sie. Die [[71]]Prinzessin geht weinend in die Berge. Da kommt der Vogel, packt die Prinzessin und fliegt davon. Nach einiger Zeit läßt er sie in dem Garten eines Schlosses aus Edelsteinen, wie es das Auge noch nicht gesehen hat, und das sich nicht beschreiben läßt, nieder. Wer es ansah, wurde geblendet. Als sie auf den Marmorsteinen angekommen sind, schüttelt sich der Vogel einmal und wird ein Jüngling, schön wie der Mond am vierzehnten. Die Prinzessin sieht hin und wundert sich. Als sie die Treppe hinaufsteigen, waren dort eine Sklavin und drei liebliche Kinder von sieben bis acht Jahren. Sie kommen herunter und gehen der Prinzessin entgegen. Ihr Blut kommt in Wallung und die Augen füllen sich mit Tränen. Dann gehen sie mit dem Jüngling nach oben. Da kommt ein Platz aus Edelsteinen, ein Zimmer mit gestickten Vorhängen. Sie heben den Vorhang, treten ein, setzen sich und wenden ihre Augen nicht von der Prinzessin. Jetzt sagt der Jüngling: „Meine Prinzessin, soviel Qualen habe ich dir zugefügt. Deine Kinder habe ich dir entführt, dann hat man dich hinrichten wollen. Du hast alles ertragen und mich nicht verraten und hast ausgeharrt. Jetzt habe ich dir auf Gottes Befehl ein großes Schloß bauen lassen. Das ist nur für dich. Mit deinen Kindern bin ich davongegangen und habe sie mit Milch groß gezogen. Diese drei Kinder vor dir sind die Deinigen und ich bin von jetzt ab dein Sklave.“
Da umarmte die Prinzessin die Kinder, küßte sie auf beide Augen und drückte sie an die Brust, und die Kinder umarmten die Mutter und weinten Blut statt Tränen. Die waren nun bei einander und die Welt gehörte ihnen. Tag und Nacht trennten sie sich nicht.
Sie alle mögen mit den Kindern im Schlosse wohnen und sich lieben. Wir wenden uns nun zu dem Prinzen. Er mag nun traurig entweder darüber sein, daß die Kinder tot sind oder daß seine Gemahlin, die er so sehr geliebt hatte, vom Henker hingerichtet ist. Tag und Nacht seufzte er vor Sehnsucht und weinte. Er hatte einen alten Opiumraucher, [[72]]der kam jeden Tag zum Prinzen und unterhielt ihn mit Geschichtenerzählen. Dem Opiumraucher war eines Tages sein Opium ausgegangen, hatte vom Prinzen eine halbe Stunde Urlaub bekommen und war auf den Markt gegangen. Auf einmal sieht er ein großes Schloß. Er sagt sich: „Wann ist dieses Schloß gebaut? Ich komme hier jeden Tag vorbei, niemals war es da. Ist es Traum oder Phantasie?“ Er denkt bei sich: „Ich will doch einmal dies Schloß besichtigen“ und geht zum Schlosse. Während die Prinzessin in dem Schlosse und der Jüngling im Schlosse sitzen und sich vergnügen, sehen sie von Ferne den Opiumraucher. Der Jüngling sagt: „Meine Prinzessin, da kommt der Opiumraucher des Prinzen. Mit dem wollen wir unsern Spaß treiben.“ Die Prinzessin sagt: „Nach Belieben.“ Der Opiumraucher kommt. Als er um das Schloß wendet, wirft der Jüngling aus dem Fenster eine verzauberte Rose hinab. Der Opiumraucher nimmt die fallende Rose auf, riecht daran und sagt: „Ach, wie schön riecht deine Rose! Wie schön mußt du erst selber riechen.“ Dies wiederholt er immer und kehrt um. Unterwegs spricht er immer so zu sich. Die Leute, die ihn sehen, folgen ihm und sagen: „Ist der Mensch verrückt?“ Fünfzig bis sechzig Leute sammeln sich um ihn und sehen ihn an.
Wir wenden uns zu dem Prinzen. Er sieht, daß zwei Stunden vorüber sind und der Opiumraucher immer noch nicht kommt. Er langweilt sich und befiehlt seinem Hausmeister: „Geh, wo du den Opiumraucher findest, bringe ihn hierher.“ Der Hausmeister geht nach dem Opiumraucher aus. Auf einmal sieht er auf dem Platze eine Menschenmenge. Indem er sagt: „Was ist das wohl?“ geht er hin. Er sieht — was siehst du? — unsern Opiumraucher. Sofort geht er zu ihm und sagt: „Der Prinz verlangt nach dir.“ Der Opiumraucher sagt: „Ach, wie schön riecht deine Rose. Wie schön mußt du erst selber riechen.“
Zum Hausmeister sagt er: „Wenn sie aus diesem Schloß Rosen werfen, hüte dich, nimm sie nicht.“ Der sagt: „Ich [[73]]will doch hingehen und sie einmal sehen.“ Als sie zum Schlosse kommen, sieht der Jüngling sie und sagt zur Prinzessin: „Der Hausmeister des Prinzen kommt, soll ich ihn empfangen?“ Die Prinzessin sagt: „Nach Belieben, mein Herr.“ Der Jüngling läßt sofort die Türen des Schlosses aufmachen und der Hausmeister tritt durch die Türen ein. Sofort kommen Sklavinnen, gehen ihm entgegen und führen ihn nach oben. Der Jüngling sagt: „Er soll seine Kleider ausziehen und so kommen.“ Der Hausmeister geht in ein anderes Zimmer und zieht sich aus. Als er die Hand an seine Mütze bringt und an ihr zieht, geht die Mütze nicht ab. Wie sehr er sich auch müht, er kann sie nicht abbekommen. Die Sklavinnen gehen zu ihrem Herrn. Als sie sagen: „Der Hausmeister kann seine Mütze nicht herunterbekommen,“ sagte er: „Was ist das für ein Mensch, der seine Mütze nicht herunterbekommen kann!“ und treibt ihn hinaus. Sofort als der Hausmeister unter der Tür des Schlosses sich bückt, um seine Stiefel anzuziehen, fällt ihm seine Mütze vom Kopf auf die Erde. Der Hausmeister nimmt die Mütze und sagt: „Drinnen wolltest du nicht abgehen, was gehst du draußen gleich ab?“, wirft die Mütze auf den Boden und geht zu dem Opiumraucher. Als der Opiumraucher ihn sieht, wundern sie sich beide sehr.
Wir wollen uns nun zu dem Prinzen wenden. Er hatte den Hausmeister nach dem Opiumraucher ausgeschickt. Auch der war nicht wieder gekommen. Danach schickt er den Schatzmeister Aga hinter ihnen her. Kurz, als der Schatzmeister Aga sie so sieht, wundert er sich, geht zu ihnen und sagt: „Was ist euch geschehen?“ Der Opiumraucher sagt: „Wenn man aus diesem Schlosse eine Rose wirft, nimm sie nicht und rieche nicht daran.“ Der Hausmeister sagt: „Wenn du auch in dieses Schloß gehst, tue es nur, indem du vorher deine Mütze abnimmst.“ Der Schatzmeister Aga geht ins Schloß. Der Jüngling sagt: „Meine Prinzessin, der Schatzmeister Aga des Prinzen kommt. Auch dem will ich einen Streich spielen.“ Sie antwortet: [[74]]„Nach Belieben.“ Als der Schatzmeister das Schloß betritt, sagt der Jüngling: „Auch den zieht aus. Er soll sein Nachtgewand anziehen und so kommen.“ Sie ziehen ihm die Kleider aus, aber seine Hose geht nicht aus. Wie sehr er auch Gewalt anwendet, er kann sie nicht ausbekommen. Sogleich berichten die Sklavinnen dies. Der Jüngling sagt: „Was ist das für ein Mensch, der seine Hosen nicht ausziehen kann.“ Darauf treibt man auch den Schatzmeister Aga aus dem Schlosse. Als er einen Schritt durch das Tor gemacht hat, fallen seine Hosen von selber herunter. Da sagt er zu den Hosen: „Drinnen konntet ihr nicht ausgehen, wozu könnt ihr es draußen?“ und schlägt sie auf den Boden. Dann geht er zu den beiden anderen. Der Prinz ist zornig und sagt zu sich: „Was ist das wohl mit denen?“ Er geht aus dem Schloß, trifft sie und fragt sie: „Was ist denn euch geschehen?“ Der Opiumraucher antwortet: „Wenn man aus dem Schlosse eine Rose wirft, nimm sie nicht und rieche nicht daran.“ Der Hausmeister sagt: „Geh erst hinein, nachdem du die Mütze abgenommen hast.“ Der Schatzmeister Aga sagt: „Geh erst hinein, nachdem du die Hosen ausgezogen hast.“ Als sie das sagten, wird der Prinz verwirrt, sagt: „Was soll das bedeuten?“ und geht ins Schloß. Als er eintritt, gehen die Prinzessin, der Jüngling, die drei Kinder und alle Sklavinnen ihm mit Ehrfurcht und Höflichkeit entgegen. Sie führen ihn nach oben, setzten sich in einem Zimmer nieder und begrüßen ihn. Das älteste der Kinder hat in der Hand einen Schemel, das mittelste ein Handtuch, das kleinste einen Servierteller mit einem Teller und darinnen Birnen und daneben einen Löffel. Das älteste stellt den Schemel hin, das mittelste legt dem Prinzen das Handtuch vor, das jüngste stellt den Servierteller hin. Der Prinz verwundert sich und sagt zu den Kindern: „Ißt man Birnen mit Löffeln?“ Als die Kinder antworteten: „Ißt ein Mensch Menschen?“ schweigt der Prinz und denkt nach. Da sagten sie: „Hier, wir sind deine Kinder, das ist unsere Mutter.“ Der Jüngling tritt [[75]]hinzu und sagt: „Prinz, mögen deine Augen leuchtend sein. Das ist die Prinzessin, das da sind deine Kinder.“
Da kommen die Kinder, hängen sich ihrem Vater an den Hals und die Prinzessin umarmt ihren Gatten, und sie freuen sich aus vollem Herzen. Der Jüngling sagt: „Prinz, ich bin ihr Sklave. Die Prinzessin hatte mich für Geld gekauft, und ich war ein Gefangener. Meine Mutter hatte mich so verflucht. Das war meine Lage. Wenn Sie mir gütigst die Erlaubnis geben, werde ich in meine Heimat gehen und meinen Vater und meine Mutter wieder sehen, da sie Sehnsucht nach mir haben.“ Er erhielt die Erlaubnis und ging weg. Die machten von neuem Hochzeit. Vierzig Tage und vierzig Nächte dauerten die Festlichkeiten. Sie erreichten, was ihr Wunsch war. Gott möge auch uns unsern Wunsch erreichen lassen. Amen, o Helfer.
[[Inhalt]]
8. DIE GESCHICHTE VOM SMARAGDENEN ANKAVOGEL[15]
Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten folgendes. In früheren Zeiten hatte ein Padischah in seinem Privatgarten einen Apfelbaum. Alljährlich brachte er drei Äpfel hervor. Wenn sie reif waren, kam um Mitternacht ein siebenköpfiger Dev, pflückte die Äpfel ab und ging weg. Der Padischah bekam nichts von ihnen zu essen. Der Padischah hatte auch drei Söhne. Eines Tages kommt der älteste, küßt den Boden und bleibt vor dem Vater stehen. Der Padischah fragt: „Was wünschst du mein Sohn?“ Er antwortet: „Wenn Euer Majestät erlauben, werde ich diese Nacht den Apfelbaum bewachen, den Dev töten und die Äpfel abpflücken.“ Der Padischah sagte: „Sehr schön, mein Sohn, aber wie willst du den Dev töten? Nachher stößt dir etwas zu. Wenn du ihn bestrafen kannst, töte ihn.“ Der Prinz nahm einen Pfeil in die Hand, ging in den Privatgarten und verbarg sich. Um Mitternacht entstand ein Geräusch und Getobe. Der Himmel war mit schwarzem [[76]]Nebel bedeckt. Nach einiger Zeit kam aus dem Nebel ein siebenköpfiger Dev hervor und ging zum Baum. Als der Prinz ihn sah, verließ ihn die Besinnung. Er erhob ein Geschrei und lief ins Schloß. Der Dev pflückte die Äpfel und ging weg. Am nächsten Morgen rief der Padischah den Prinzen vor sich und fragte: „Mein Sohn, was hast du gemacht? Hast du den Dev getötet und die Äpfel pflücken und herbringen können?“ Der Prinz küßte den Boden und antwortete: „Mein Padischah, ich habe nur das Leben retten können. Das ist ein Dev, daß jeder, der ihn sieht, die Besinnung verliert.“ Im nächsten Jahre ging der mittlere Prinz zu seinem Vater und sagte: „Vater, mein älterer Bruder hat den Dev nicht töten können. Mit Ihrer Erlaubnis werde ich diesmal hingehen und den Dev töten.“ Der Padischah antwortete: „Dein älterer Bruder hat den Dev nicht töten können; wie willst du ihn töten?“ Da antwortete er: „Ich kenne das Mittel.“ Da er sehr bat, wollte ihn sein Vater nicht erzürnen und gab ihm die Erlaubnis. Der Prinz nahm einen Pfeil in die Hand, ging in den Garten und verbarg sich. Genau um Mitternacht entstand ein Geräusch und Getobe, rabenschwarzer Nebel bedeckte die Erde und den Himmel. Nach einiger Zeit kam aus dem Nebel ein großer Dev und ging zum Baum. Als der Prinz das Gesicht des Devs sah, fürchtete er sich; seine Hände und Füße begannen zu zittern und er flüchtete eiligst in das Schloß. Der Dev pflückte die Äpfel und ging weg. Auch in diesem Jahre gab es kein Mittel gegen den Dev. Als das dritte Jahr um war, ging diesmal der jüngste Prinz zu seinem Vater und sagte: „Vater, wenn Sie erlauben, werde ich diesmal hingehen.“ Der Padischah sagte: „Deine Brüder konnten ihn nicht töten. Wie willst du ihn töten?“ Da er sehr bat und flehte, erhielt er die Erlaubnis von seinem Vater, ging in sein Zimmer, nahm einen vergifteten Pfeil, steckte einen Koran in seinen Busen und ging aus seinem Zimmer in den Privatgarten. Nachdem er sich im Gartenhause hingesetzt hatte, öffnete er den Koran und [[77]]fing an schön darin zu lesen. Genau um Mitternacht entstand ein Geräusch und Getobe und die Erde und der Himmel wurden mit schwarzem Nebel bedeckt. Nach einiger Zeit kam aus dem Nebel ein siebenköpfiger großer Dev. Als er auf den Baum zuging, spannte der Prinz den Bogen und schoß mit den Worten: „Mit Gottes Hilfe“ den Pfeil auf den Kopf des Drachen ab. Er drang an einem Kopfe ein, ging durch alle sieben Köpfe hindurch und kam wieder heraus. Der Drache erhob ein Gebrüll, daß die ganze Erde und der Himmel erdröhnte. Sein Blut floß und er machte, daß er davon kam. Der Prinz pflückte sofort die Äpfel, ging ins Schloß und sagte: „Mein Padischah, ich habe den Drachen getötet und die Äpfel mitgebracht.“ Da war der Padischah sehr erfreut und sagte: „Bravo, mein Sohn, du hast dich sehr tapfer gezeigt.“ Der Prinz küßte die Erde und sagte: „Mein Herr, wenn Sie erlauben, werde ich dahin gehen, wohin der Drache gegangen ist, und die Erde von ihm befreien.“ Der Padischah sagte: „Mein Sohn, gehe nicht hin, es möchte dir ein Leid vom Drachen geschehen.“ Aber es nutzte nichts. Am nächsten Morgen geht der Prinz mit den beiden anderen Brüdern der blutigen Spur des Drachens nach.
Nach einigen Tagen finden sie an der Öffnung eines Brunnens viel Blut. Die Öffnung des Brunnens war mit einem großen Stein verschlossen. Wie sehr sich auch die älteren Brüder bemühten, sie konnten ihn auch nicht das geringste aufheben. Der jüngste Prinz faßte ihn mit seinem kleinen Finger, hebt ihn auf und wirft ihn auf einen Berg. Als sie das sehen, wundern sie sich. Jetzt sagt der jüngste Prinz: „Ich werde in den Brunnen hinabsteigen und den Drachen töten.“ Der Älteste sagt: „Bruder, ich bin der Älteste, es kommt dir nicht zu, während ich hier bin.“ Sie waren damit einverstanden. Schließlich banden sie ihm einen Strick um die Hüfte und ließen ihn in den Brunnen hinab. Kaum ist der Prinz in den Brunnen gestiegen, da schreit er: „Ach, ich verbrenne, zieht mich nach oben!“ [[78]]Sofort zogen sie ihn nach oben. Dann banden sie dem Mittleren den Strick um den Leib und ließen ihn hinab. Während er hinunter steigt, schreit er: „Ach, ich erfriere, zieht mich hinauf!“ Sogleich zogen sie ihn hinauf. Da sagte der jüngste Prinz: „Brüder, bleibt hier, ich werde in den Brunnen steigen. Auch wenn ich sage: ‚Ach, ich verbrenne‘, laßt den Strick nach, ebenso, wenn ich sage: ‚Ich erfriere.‘“ Die sagten: „Sehr wohl“, banden ihm den Strick um den Leib und ließen ihn in den Brunnen. Als der Prinz sagte: „Ach, ich brenne,“ ließen die den Strick nach, als er sagte: „Ach, ich erfriere,“ ließen sie nach. So kam der Prinz bis auf den Grund des Brunnens. Er löste den Strick von seinem Leibe, ging geradeaus, kam an ein Zimmer, trat ein und sah am Stickrahmen ein Mädchen, schön wie der Mond am vierzehnten. Von dort kommt er in ein anderes Zimmer, tritt ein und sieht, — was siehst du? — dies Mädchen ist noch schöner als das erste. Es saß gleichfalls am Stickrahmen. Darauf kommt er in ein anderes Zimmer und sieht — was siehst du? — ein Mädchen, das schönste Wesen der Welt und der Zeit. So schön war es. Seine Locken waren nach beiden Seiten gescheitelt. Es war, als ob die Sonne in dies Zimmer gefallen war und denjenigen, der es ansah, blendete. Man konnte es nicht aushalten hinzusehen. Als der Prinz dieses Mädchen sah, verlor er fast die Besinnung und verliebte sich von ganzem Herzen in dieses Mädchen. Er redete sie an: „Mädchen, bist du ein Geist oder was sonst?“ Das Mädchen antwortete: „Ich bin ein Mensch. Aber mein Held, wie bist du hierher gekommen? Denn hier in diesem Brunnen ist ein großer Dev. Wenn er dich merkt, gibt er keine Gnade und tötet dich.“ Da antwortete der Prinz: „Meine Prinzessin, ich bin gerade gekommen, um ihn zu töten. Zeige mir, welches Zimmer das des Devs ist.“ Das Mädchen zeigte ihm das Zimmer, in welchem der Dev war. Der Prinz tritt in das Zimmer ein und sieht — was siehst du? — einen häßlichen Dev, so groß wie ein Minaret. Jeder, der ihn sieht, verliert die Besinnung. Als der Dev den Prinzen [[79]]sieht, nimmt er seine Wurfkeule von tausend Batman in die Hand, brüllt so, daß die Erde und der Himmel dröhnt, und wirft die Keule auf den Prinzen. Der Prinz deckte sich. Als der Dev fertig war, sagte der Prinz: „Mit Gott“, schlug mit dem Schwerte nach dem Kopfe des Verfluchten und schnitt ihm den Hals ab. Sogleich fiel der Verfluchte auf die Erde und schickte seine Seele in die Hölle.
Dann geht der Prinz in das Zimmer des Mädchens, nimmt die drei Mädchen und an Wert schwere, an Last geringe Diamanten, Juwelen, Rubinen, Hyazinthen und derartige andere viele wertvolle Sachen mit sich und geht mit ihnen an den Grund des Brunnens. Dort ruft der Prinz seinen obenstehenden Brüdern zu. Die lassen den Strick herunter. Der Prinz bindet den Strick dem ersten Mädchen um den Leib und sagte: „Mein ältester Bruder, dies ist dein Anteil.“ Die zogen auch das Mädchen nach oben. Dann lassen sie den Strick wieder hinunter. Der Prinz bindet das andere Mädchen an und sagte: „Da, mittlerer Bruder, das ist dein Anteil.“ Sie ziehen das Mädchen nach oben und lassen den Strick nach unten. Das Mädchen, das die Geliebte des Prinzen war, sagte zu ihm: „Mein Prinz, erst steige du nach oben, danach ich. Denn wenn deine Brüder mich oben sehen, werden sie neidisch werden, den Stick abschneiden und dich im Brunnen lassen.“ Der Prinz hörte aber nicht auf die Worte des Mädchens und sagte: „Nein, zuerst steigst du nach oben, dann ich.“ Das Mädchen antwortete: „Ich werde dir drei von meinen Haaren geben. Falls sie den Strick abschneiden, so reibst du sofort die Haare aneinander und auf dem Grunde des Brunnens erscheint ein weißes und ein schwarzes Schaf. Wenn du auf das weiße fällst, kommst du nach oben auf die Erde, wenn du auf das schwarze fällst, gehst du noch sieben mal so tief unter die Erde.“ Der Prinz nahm die drei Haare vom Mädchen, steckte sie in seinen Busen, band das Mädchen an den Strick und sagte: „Meine Brüder, das ist mein Anteil.“ [[80]]
Die ziehen das Mädchen nach oben, sehen, daß es wie der Mond am Vierzehnten ist, und sagen: „Aber uns hat er die schlechtesten gegeben und für sich das schönste genommen.“ Da werden sie neidisch auf ihn. Sie ziehen den Prinzen hoch. Als er an die Öffnung des Brunnens kommt, schneiden der ältere und mittlere Bruder den Strick mitten durch, sodaß der Prinz kopfüber, kopfunter nach unten rollt. Sofort reibt er die Haare, die ihm das Mädchen gegeben hat, aneinander und unten auf dem Brunnen erscheint ein weißes und ein schwarzes Schaf. Er fällt auf das schwarze und sinkt sieben mal so tief unter die Erde.
Da mag er nun bleiben. Wir wenden uns jetzt zu den anderen Brüdern. Die nehmen die drei Mädchen und gehen ins Schloß. Sie gehen zum Vater und sagen: „Vater, unseren jüngsten Bruder hat der Dev im Brunnen getötet. Wir haben dann diese Mädchen mitgenommen und sind hierher gekommen.“ Als der Vater das hörte, seufzte er, weinte blutige Tränen und trauerte um den Prinzen.
Die wollen wir nun verlassen und uns zum Prinzen wenden. Er war sieben Lagen tief unter der Erde. Da sieht er auf einmal eine Welt. Nachdem er etwas gegangen war, kam er in eine Stadt. Am Abend klopfte er an eine Haustür. Eine alte Frau kam. Er sagte: „Mutter, nimm mich als Gast auf.“ Sie antwortete: „Ach, mein Sohn, ich habe nicht einmal Platz zum Lager für mich. Wie soll ich dich da aufnehmen.“ Der Prinz nahm aus seiner Tasche drei Goldstücke und gab sie der Frau. Sie sagte: „Komm, mein Sohn, ich werde dir ein Lager suchen“ und nahm den Prinzen hinein. Sie stiegen nach oben, gingen in ein Zimmer und setzten sich. Da der Prinz sehr durstig war, bat er die Frau um Wasser. Die Frau ging an den Schrank. In einem Kruge war jahrealtes, mit fingerlangen Würmern angefülltes Wasser. Die Frau goß das Wasser in ein Glas und gab es dem Prinzen. Der Prinz nahm es und sah, — was siehst du? —, daß es Wasser war, das selbst die Tiere nicht trinken. Er empfindet Ekel, trinkt es nicht und sagt: [[81]]„Mutter, was ist das für Wasser? Da sind ja fingerlange Würmer drin.“ Sie antwortete: „Ach, mein Sohn, wir trinken jeden Tag dieses Wasser. Denn in dieses Land kommt jedes Jahr einmal ein Drache und schneidet das Wasser ab. In jedem Jahre wird ihm ein Mädchen gegeben. Bis er das zerrissen und aufgefressen hat, kommt Wasser in die Quelle. Dann streiten wir uns alle, zerschlagen uns die Köpfe, und die ganze Bevölkerung holt sich Wasser. Danach wird das Wasser wieder abgeschnitten. Mit diesem Wasser müssen wir uns ein Jahr einrichten. Hier ist große Not an Wasser. Wir leiden sehr an dem Wassermangel. Dies Jahr ist nun auch zu Ende. Morgen wird man die Tochter des Padischah dem Drachen geben. Wenn man sie nicht gibt, werden wir alle sterben.“
Als der Prinz das hörte, dachte er etwas nach. Am Morgen ging er aus dem Hause zur Quelle und sieht eine große Menschenmenge. Ein jeder wartete mit einem Kruge in der Hand. Jetzt hatten sie die Tochter des Padischahs in rote Kleider gekleidet und geschmückt. Neben ihr waren einige Dienerinnen, die sie unter den Armen stützten. Sie brachten das Mädchen an den Mittelpunkt des Wassers und ließen das Mädchen dort stehen. Die Dienerinnen gingen wieder weg. Das Mädchen fängt an zu weinen. Als der Prinz das Mädchen so sieht, seufzte er und sein Herz blutete. Die Ankunft des Drachen stand nahe bevor. Der Prinz ging zu dem Mädchen und sagte: „Meine Prinzessin, umarme mich von hinten und halte dich fest, fürchte dich nicht.“ Der Prinz spannte seinen Bogen, stellte sich vor das Mädchen und hielt sich still bereit. Nach einiger Zeit kam von Westen ein siebenköpfiger Drache mit Brausen, wirbelte Staub und Nebel auf und sprühte Feuer aus Rachen und Nase. Als der Drache sie beide sieht, sagt er: „Ah, bis jetzt hatte ich nur einen Anteil, jetzt habe ich zwei Anteile.“ Atemlos von dem halbstündigen Wege fing er an, sie zu zerren. Der Prinz stand fest auf seinen Füßen. Der Drache zog so, daß er sie, selbst wenn sie ein Berg gewesen wären, [[82]]in seinem Maule hätte davon tragen können. Aber wie sehr er auch zog, es glückte ihm nicht. Da kam der Drache näher und fing an, keuchend zu ziehen. Da setzte der Prinz seine Füße fest in den Boden, spähte nach dem Maule des Drachen und schoß seinen Pfeil mit den Worten: „Im Namen Gottes“ ab. Dieser Pfeil flog wie eine Flintenkugel, drang in das Maul des Drachen ein und kam aus dem Nacken wieder heraus. Der Drache schrie gräßlich, erhob sich dreimal und warf sich in die Luft. Die Erde an der Stelle, wo er fiel, ließ er wie auf der Tenne geworfelt in die Luft steigen. Aus dem Maule und der Nase des Drachen floß so viel Blut, daß die Eigenschaft des Wassers nicht zu erkennen war. Kurz, der Drache warf sich immer wieder auf die Erde und starb. Das Mädchen tauchte ihre fünf Finger in das Blut und drückte leise ihre Hand, als wollte sie ihn streicheln, auf den Rücken des Prinzen mit den Worten: „Bravo, mein Held!“ Dann trennte sie sich von ihm und ging ins Schloß.
Als der Padischah das Mädchen sah, tadelte er sie und sagte: „Meine Tochter, warum bist du weggelaufen? Wenn man es merkt, wird man kommen und mich töten“, und sagte seiner Tochter alle Worte, die ihm in den Mund kamen. Das Mädchen antwortete: „Mein Herr, Ihre Sklavin ist nicht weggelaufen. Dort war ein junger Mann, der tötete den Drachen und rettete mich. Dann kam ich wieder hierher. Wenn du es nicht glaubst, gehe auf den Berg und sieh dir den Leichnam des Drachen an.“
Sofort ging der Padischah an die Stelle, wo der Drache lag, und sah, — was siehst du? — daß es ein so häßlicher großer Drache ist, daß jeder, der ihn sieht, besinnungslos wird. Niemand ging nahe an ihn heran und alle schauten ihn aus der Ferne an. Da ging der Padischah wieder ins Schloß und sagte zum Mädchen: „Wenn du den Jüngling sähest, würdest du ihn wieder erkennen?“ Das Mädchen antwortete: „Er trägt mein Zeichen auf dem Rücken. Ich erkenne ihn sofort wieder, wenn ich ihn sehe.“ Da wurden [[83]]Ausrufer ausgeschickt und dem ganzen Lande bekannt gegeben, daß alle Leute vom ersten bis zum siebenzigsten Lebensjahre, männlich und weiblich, Kind und Kegel vor dem Schloß vorbeiziehen sollten.
Wir kommen zum Prinzen. Als er den Drachen getötet hatte, ging er in das Haus der Frau von vorher und setzte sich hin. Da sagte die Frau: „Mein Sohn, heute hat der Padischah befohlen, daß vom ersten bis zum siebenzigsten Lebensjahre alles am Schlosse vorbeiziehen soll. Was sitzt du hier, zieh auch am Schlosse vorbei.“
Der Prinz verließ das Haus und machte sich auf den Weg, da sieht er, daß der Zug zu Ende ist. Während er jetzt vorüber geht, sieht ihn das Mädchen vom Fenster und wirft, als sie ihn erkennt, ein Tuch auf ihn. Die Posten sehen dies, fassen den Prinzen leise an und führen ihn in das Schloß zu dem Padischah.
Als der Padischah den Jüngling sieht, sagt er: „Mein Sohn, hast du den Drachen getötet?“ Da antwortete er: „Ja, mein Padischah, Ihr Sklave hat den Drachen getötet.“ Er sieht auch das Zeichen auf dem Rücken des jungen Mannes, sodaß kein Zweifel war. Da sagte er: „Mein Sohn, bitte von mir, was du willst.“ Der Prinz antwortete: „Ich bitte nur um Ihre Gesundheit.“ Als er ihn weiter drängte, sagte er wieder: „Ich bitte nur Ihre Gesundheit.“ Da sagte der Padischah: „Mein Sohn, was hast du für Nutzen von meiner Gesundheit. Bitte von mir, was du willst.“ Da sagte der Bursche: „Mein Padischah, gib mir drei Tage Bedenkzeit, dann will ich es mir überlegen und dir dann Antwort geben.“ Danach stand er auf und ging in das Haus der alten Frau.
Während er dort wohnte, langweilte er sich eines Tages, nahm seinen Pfeil und Bogen und ging auf den Berg. Da es Sommer war, wurde er sehr müde, legte sich in den Schatten eines Baumes und schlief ein. Auf dem Baume waren nun gerade die Jungen des Smaragd-Ankavogels. In jedem Jahre kam zu ihnen eine große Schlange, fraß sie [[84]]auf und ging weg. Die Ankunft der Schlange fiel gerade auf diesen Tag. Als der Prinz schlief, kam eine große Schlange. Während sie den Baum hinaufklettert, erschrecken sich die Jungen, als sie sie sehen, und fangen an zu schreien. Der Prinz wacht auf und springt auf, als er das Schreien der Vögel hört. Da sieht er — was siehst du? — eine lange schwarze Schlange die Cypresse hinaufklettern. Als der Prinz die Schlange sieht, nimmt er den Pfeil von der Hüfte, sagt: „Mit Gottes Hilfe!“, schießt den Pfeil ab und nagelt die Schlange in ihrer Mitte an den Baum, so daß die beiden Enden der Schlange, der Kopf nach unten, herunter hängen. Der Prinz schläft wieder ein. Nach einiger Zeit entsteht ein Geräusch und vom Himmel her erscheint der Smaragd-Ankavogel. Als er den Prinzen sieht, denkt er: „Ach, der hat meine Jungen getötet.“ Während er aus der Luft mit einem Flügelschlag wie eine Flintenkugel auf ihn herabschießt, sagen die Jungen: „Mutter, Mutter, dieser schlafende Jüngling hat uns gerettet. Sieh dir einmal die Cypresse an.“ Als der Vogel das hört, steigt er leise herab und sieht eine große Schlange an den Baum festgenagelt. Als er das sieht, freut er sich, geht zum Prinzen, hat nicht das Herz ihn aufzuwecken, öffnet seinen einen Flügel und deckt ihn über den Prinzen, damit er nicht von der Sonne verbrannt wird. Nach einiger Zeit wacht der Prinz auf und sieht, daß über ihm ein Zeltdach ist. Als der Vogel sieht, daß er aufgewacht ist, zieht er leise seinen Flügel ein und sagt: „Mein Held, fordere von mir, was du willst.“ Als er ihn dreimal aufgefordert hatte, sagte der Prinz: „Ich bitte, daß du mich wieder auf die Erde zurückbringst.“ Der Vogel sagte: „Mein Held, das ist ein bißchen schwer. Aber du hast meine Jungen von ihrem Feinde gerettet. Dir zuliebe will ich mich opfern. Aber ich verlange von dir vierzig Schafe und vierzig Schläuche Wein. Die mußt du mir bringen, und wenn ich unterwegs ‚Gak‘ sage, mußt du mir das Fleisch, und wenn ich ‚Guk‘ sage, den Wein geben. So werde ich dich wieder auf die Erde bringen.“ [[85]]
Der Prinz geht zum Padischah und sagt: „Mein Herr, ich bitte von Ihnen vierzig Schafe und vierzig Schläuche Wein.“ Der Padischah befiehlt vierzig Schafe und vierzig Schläuche Wein zu bringen. Nachdem er an der Stelle, wo der Vogel ist, angekommen ist, legt er die vierzig Schafe auf den einen Flügel und die Weinschläuche auf den anderen. Er selbst setzt sich in die Mitte.
Als der Vogel dies auf sich genommen hat, fliegt er in die Luft. Nach Anordnung des Vogels gab er ihm, wenn er Gak sagte, Fleisch, und wenn er Guk sagte, Wein. Auf der Reise war eines Tages das Fleisch zu Ende und als der Vogel Gak sagte, war nichts mehr da. Als er wieder Gak sagte, war nichts da. Als er noch einmal Gak sagte, schneidet der Prinz seine Wade ab und gibt sie dem Vogel. Der Vogel sieht, daß es Menschenfleisch ist, frißt es nicht und behält es im Maule. Dann kommen sie an die Öffnung des Brunnens. Der Vogel sagt: „Da, mein Prinz, nun habe ich dich wieder auf die Erde gebracht. Nun geh du weiter, Gott möge dir Heil geben.“ Der Prinz sagte: „Geh du zuerst, dann werde ich gehen.“ Der Vogel nimmt das Fleisch, das er im Schnabel hatte, heraus, drückt es an die Wade und sie wird besser als vorher.
Nachdem der Prinz: „Gott befohlen“ gesagt hatte, macht er sich auf den Weg, kommt in sein Land und geht zu einem Schlächterladen. Er kauft sich eine Haut und zieht sie sich über den Kopf.[16] Unterwegs trifft er einen Hirten und sagt zu ihm: „Ach, Hirte, gib mir deine Kleider, ich werde dir meine geben.“ Der Hirte gibt seine und nimmt die des Prinzen. Der Prinz geht zum Privatgarten seines Vaters und sagt zum Obergärtner: „Ach, Obergärtner, willst du mich als Lehrling annehmen?“ Wie sehr der Gärtner auch sagt: „Es ist unmöglich“, nimmt er ihn schließlich wohl oder übel als Lehrling. Nach einigen Tagen pflückt der Obergärtner einen Strauß Rosen und sagt, als er weggehen will: „Mein Sohn, ich gehe jetzt aus. Passe ordentlich auf den Garten auf.“ Der Prinz reibt die Haare, [[86]]die ihm das Mädchen gegeben hatte, aneinander und ein Mohr erscheint und sagt: „Befehle, mein Prinz“. Der Prinz sagt: „Ich verlange von dir einen Falben und rote Kleider und eine Waffenausrüstung.“ Er antwortet: „Mein Herr hat nur zu befehlen“, geht weg, bringt alle die Sachen, die der Prinz verlangt hatte und gibt sie dem Prinzen. Der Prinz steigt aufs Pferd und zerbricht dann alles, was an Bäumen und Blumen im Garten vorhanden ist. Darauf gibt er das Pferd und die Kleider dem Mohren wieder und bleibt ruhig an seiner Stelle. Darauf kommt sein Meister und sieht, — was soll er sehen? — im Garten ist nichts geblieben und der grindige Junge sitzt in einer Ecke und weint. Als sein Meister sich auf ihn stürzen will, rufen die Mädchen, die aus dem Fenster sehen, dem Obergärtner zu: „Schlage nicht den Jungen, denn von draußen ist ein Mann auf einem Falben gekommen und hat den Garten verwüstet. Es ist nicht die Schuld des Jungen.“ Da muß der Gärtner wohl oder übel den Garten in Ordnung bringen. Nach Verlauf einiger Tage, pflückt er wieder einen Rosenstrauß. Als er weggeht, ermahnt er den Jungen dringend, ordentlich auf den Garten acht zu geben und geht weg. Der grindige Junge verwüstet wieder wie das vorige Mal den ganzen Garten und setzt sich irgendwo still hin. Als die Prinzessinnen diesen Jungen sehen, wissen sie, daß der Prinz wieder auf der Erde ist, danken Gott und fassen sich in Geduld.
Als der Obergärtner kommt, sieht er, daß die Verwüstung noch größer als das vorige Mal ist. Während er sich auf den Jungen stürzen will, um ihn zu schlagen, rufen die Prinzessinnen ihm zu und ermahnen ihn, den Jungen nicht zu schlagen. Nach einigen Tagen nimmt der Obergärtner wieder einen Strauß Rosen und ermahnt den Jungen gehörig und geht weg. Der Junge verwüstet wieder wie das vorige Mal den ganzen Garten, sodaß kein Zweig im Garten bleibt. Der Obergärtner kommt wieder und sieht, daß im Garten nichts ist. Sofort ruft er den Jungen und jagt [[87]]ihn aus dem Garten. Der Junge macht, daß er davon kommt, geht zu einem Goldarbeiterladen und sagt: „Ach, Meister, nimm mich als Lehrling an.“ Der Goldschmied sagt: „Mach, daß du davon kommst, grindiger Junge, was sollte ich mit dir anfangen.“ Der Junge sagt: „Ach, Meister, laß mich wenigstens Kohlen auf dein Kohlenbecken legen.“ Da er so fleht, nahm der Meister ihn als Lehrling an und ließ ihn dort wohnen.
Als vorher die Mädchen ins Schloß gekommen waren, war die Zeit für die Hochzeit angesetzt, aber sie waren damit nicht einverstanden und sagten: „Wir haben alle vierzig Tage Trauer.“ Deswegen war die Hochzeit verschoben. Als sie merkten, daß der Prinz wieder auf der Erde war, wurde wieder der Befehl zur Hochzeit gegeben, aber da die Mädchen noch nicht ganz sicher waren, ob der Prinz gekommen wäre, sagte die eine: „Ich verlange einen goldenen Stickrahmen und eine goldene Nadel, die von selber sticken kann.“ Die andere sagte: „Ich verlange eine goldene Platte, auf der ein goldenes Huhn und vierzig Küchlein goldene Gerste fressen und umherlaufen.“ Die dritte sagte: „Ich verlange eine goldene Platte, auf der ein goldener Jagdhund und ein goldener Hase ist, der erstere muß den anderen verfolgen.“
Der Padischah rief die Goldarbeiter und befahl ihnen dies anzufertigen. Die Goldarbeiter dachten nach und verlangten vierzig Tage Bedenkzeit. Der Padischah gab ihnen auf ihr Verlangen vierzig Tage Zeit und sagte: „Wenn ihr am einundvierzigsten Tage die Sachen nicht bringt, töte ich euch“ und entläßt sie in ihre Läden.
In ihren Läden angekommen, mögen sie nun einen Rat abhalten. Wir kommen jetzt zu dem grindigen Jungen. Er fragte: „Meister, warum denkst du nach und bist so besorgt?“ Der Meister sagte: „Ach, geh, grindiger Junge, wenn ich nicht nachdenken soll, wer soll denn nachdenken?“ Er bat: „Ach, Meister, lieber Meister, worüber denkst du nach, sage mir es doch.“ Der Meister antwortete: [[88]]„Frage mich nicht mehr, unsere Sache steht bei Gott. Nämlich die Söhne des Padischahs haben drei Mädchen mitgebracht. Eine jede verlangt etwas. Wie wir das machen sollen, weiß ich nicht.“ Der grindige Junge fragte: „Ach, Meister, was ist es? Sage es doch mal.“ Da sagte er: „Ach was, die eine verlangt einen goldenen Stickrahmen und die andere einen goldenen Hasen und die dritte eine goldene Henne. Alle sollen lebendig sein. Wie ist das möglich?“ Darauf antwortete er: „Aber Meister, ich glaubte, es handele sich um etwas Unmögliches. Darum habe ich gefragt. Wegen solcher Sache sei doch nicht bekümmert. Gib mir einen Zentner Haselnüsse und einen Zentner Rosinen und vierzig Okka Lichte, dann werde ich dir in vierzig Tagen das, was du verlangst, machen.“ Sein Meister sagte sich: „Das Herz des Jungen verlangt Haselnüsse und Rosinen. Ich würde meinen Kopf und meine Augen für ihn hingeben.“ Dann kaufte er die Sachen und gibt sie ihm.
Der Junge geht in sein Zimmer, läßt keinen zu sich herein, bleibt dort vierzig Tage, ißt die Haselnüsse und Rosinen, verbrennt die Lichte und lebt vergnügt. In der Nacht auf den vierzigsten Tag reibt er wieder die Haare an einander. Ein Mohr kommt und sagt: „Befiehl, mein Prinz. Was wünschst du?“ Der Prinz sagte: „Ich verlange den in dem Laden befindlichen Stickrahmen, den goldenen Hasen und den goldenen Jagdhund und die goldene Henne.“ Auf diesen Befehl hin geht der Mohr, holt die Dinge und gibt sie dem Prinzen. Der Prinz nimmt die Sachen und verwahrt sie im Schranke. Am Morgen kommt sein Meister und sagt: „Was hast du gemacht, grindiger Junge?“ Der grindige Junge sagt: „Was fragst du mich, öffne den Schrank und sieh zu.“ Sogleich öffnet der Meister den Schrank und sieht, daß alles vorhanden ist. Da sagt er: „Ach, mein Sohn“ und fällt ihm um den Hals. Schließlich nimmt er alles und bringt es in das Schloß und liefert es ab. Als die Mädchen das sehen, glauben sie, daß der Prinz wieder auf die Erde gekommen ist, und danken Gott. [[89]]
Wir wenden uns nun zu dem grindigen Jungen. Als sein Meister in den Laden kommt, sagt er: „Meister, gib mir Urlaub, ich möchte gehen.“ Obgleich der Meister damit nicht einverstanden war und obgleich er noch so sehr bat, so gab er ihm doch den Urlaub, da er keinen Ausweg fand. Der grindige Junge geht von dort zu einem Schneiderladen und sagt zu dem Schneider: „Meister, willst du mich als Lehrling annehmen?“ Der Schneidermeister sagt: „Ich brauche keinen Lehrling. Mach, daß du fortkommst.“ Da er ihn jedoch nicht forttreiben kann, nimmt er ihn, weil er sich nicht anders zu helfen weiß, als Lehrling an.
Wir wenden uns nun zu den Mädchen. Sie senden dem Padischah Nachricht: „Wir wünschen ein Kleid, das nicht mit der Schere geschnitten und nicht mit der Nadel genäht ist und in einer Haselnußschale sein soll.“ Der Padischah ruft die Schneider und sagt: „Ich verlange von euch ein Kleid, das nicht mit der Schere geschnitten und nicht mit der Nadel genäht ist und in einer Haselnußschale sein soll.“ Die Schneider überlegten und erbaten eine Frist von vierzig Tagen. Der Padischah sagte: „Ich gebe euch eine Frist von vierzig Tagen. Wenn es nicht am einundvierzigsten Tage kommt, schneide ich euch den Hals ab.“ Damit entläßt er sie. Sie gingen in ihre Läden und berieten sich. Da sagte der Junge: „Ach, Meister, lieber Meister, worüber denkst du nach?“ Der antwortete: „Grindiger Junge, mach, daß du fortkommst, belästige mich nicht.“ Das Reden nützte ihm aber nichts, der Junge bat, es ihm zu sagen. Da kein Ausweg war, sagte er: „Der Padischah hat uns ins Schloß gerufen und verlangt von uns ein Kleid, das mit keiner Schere geschnitten und mit keiner Nadel genäht werden soll und in eine Haselnußschale hineingehen soll. Wenn wir es nicht machen, wird er uns alle töten.“ Der grindige Junge sagte: „Ist das eine Sache, über die du nachdenkst? Gib mir vierzig Zentner Haselnüsse und vierzig Zentner Rosinen und vierzig Okka Lichte, so werde ich es dir am einundvierzigsten Tage machen und [[90]]bringen.“ Der Meister sagte: „Das Herz des Jungen verlangt Haselnüsse und Rosinen. Ich würde mein Auge und meinen Kopf ihm geben.“ Dann kauft er sie und gibt sie ihm. Der Junge nahm sie, trat in das Zimmer, blieb dort und aß die Haselnüsse und Rosinen. In der Nacht auf den einundvierzigsten Tag rieb er die Haare an einander. Der Mohr kam und sagte: „Mein Prinz möge befehlen. Was wünschst du?“ Der Prinz sagte: „Ich verlange die Kleider in der Haselnußschale im Laden.“ Sofort holt der Mohr sie. Der Prinz nimmt sie und verbirgt sie im Schranke. Am Morgen kommt sein Meister und sagte: „Grindiger Junge, was hast du gemacht? Na, ich bin neugierig.“ Der grindige Junge sagte: „Was fragst du mich, sieh in den Schrank.“ Der Meister sieht in dem Schrank, was nicht seinesgleichen in der Welt hat. Sofort trägt er sie ins Schloß und gibt sie dem Padischah. Der Padischah nimmt sie und befiehlt die Hochzeit herzurichten.
Damals pflegten die Bräutigams, wenn eine Hochzeit hergerichtet wurde, auf einem offenen Platz mit dem Bogen zu schießen. Deswegen ging der älteste Prinz am ersten Tage auf den Platz und alles, was an Leuten vorhanden war, kam zum Zuschauen. Der Schneider sagte: „Vorwärts, mein Sohn, heute wollen wir uns zusammen das Polospiel vom ältesten Sohne des Padischah ansehen.“ Der grindige Junge sagt: „Ach, Meister, gehen Sie nur hin, mein Kopf ist grindig. Wenn meinem Kopf in dem Gedränge etwas passiert, was soll ich dann machen?“ Er bleibt im Laden. Nachdem der Meister weggegangen ist, reibt er die Haare an einander. Der Mohr erscheint und sagte: „Mein Prinz möge befehlen.“ Er sagt: „Ich verlange von dir einen Falben, einen Satz sauberer Pfeile und schwarze Kleider.“ Sofort bringt der Mohr ihm alles. Der Junge zieht die Kleider an, besteigt das Pferd und geht auf den Schießplatz. Er sieht, daß der Prinz Polo spielt. Der grindige Junge betritt den Platz, verfolgt den Prinzen und schlägt ihm bei Gelegenheit auf den Arm und verwundet ihn. Als [[91]]der Prinz auf die Erde gefallen ist, verschwindet der Junge vom Platz, geht schnell in den Laden, gibt Pferd und Bogen dem Mohren und bleibt im Laden. Da kommt sein Meister und sagt: „Mein Sohn, es ist gut, daß du nicht mitgegangen bist.“ Er fragt: „Ach, was ist geschehen?“ Er antwortet: „Ein Jüngling auf einem Falben kam und schlug den Prinzen, aber er ist nicht gestorben.“ Der Junge sagt: „Meister, es ist gut, daß ich nicht hingegangen bin. Wenn meinem Kopfe etwas geschehen wäre, was hätte ich anfangen sollen?“
Am zweiten Tage steigt der mittlere Prinz auf das Pferd und geht auf den Platz. Der Meister geht wieder hin. Der Jüngling bleibt im Laden und reibt wieder die Haare an einander. Als der Mohr kommt, sagt er: „Ich verlange einen Pfeil und ein gelbes Pferd.“ Sofort bringt ihm der Mohr alles. Der Junge besteigt das Pferd und geht auf den Platz. Da sieht er, daß sein mittlerer Bruder Polo spielt. Bei Gelegenheit trifft er ihn mit dem Pfeil in den Schenkel, sodaß er vom Pferde fällt. Dann geht der Junge wieder in den Laden, gibt dem Mohren Pfeil und Pferd und bleibt ruhig an seinem Platze. Dann kommt sein Meister und sagt: „Es ist gut, daß du nicht mitgegangen bist.“ Er fragt: „Ach, Meister, was ist denn heute geschehen?“ Der Meister antwortet: „Ein Reiter auf einem gelben Pferde kam, hat den mittleren Sohn des Padischah am Schenkel getroffen und auf die Erde geworfen.“ Der grindige Junge dankte Gott dafür, daß er nicht hingegangen war. Am nächsten Tage zieht der Sohn des Vezirs auf den Platz, um zu spielen. Der Meister läßt wieder den grindigen Jungen im Laden und geht hin. Der grindige Junge reibt wieder die Haare an einander. Als der Mohr kommt, sagt er: „Ich verlange von dir einen Pfeil und einen Schimmel.“ Sofort bringt der Mohr alles. Der Junge nimmt den Pfeil, besteigt das Pferd und geht auf den Platz. Da sieht er, daß der Sohn des Vezirs Polo spielt. Er schießt bei Gelegenheit einen Pfeil ab, der ins Herz eindringt, aus dem Rücken [[92]]wieder herauskommt und ihn tötet. Er selbst fängt an auf dem Platze herumzureiten. Sofort ergreift man den Jüngling und führt ihn vor den Padischah. Der Padischah befiehlt, ihn zu töten. Da sagt der Prinz: „Ach, mein mächtiger Padischah, meine Brüder haben mich im Brunnen gelassen, willst du mich auch töten?“ Darauf sagte der Padischah: „Ach, bist du es, mein Sohn?“, fiel ihm um den Hals, weinte und sagte: „Ach, mein Sohn, was willst du, soll ich deine Brüder töten?“ Der Prinz antwortete: „Ich bin mit dem zufrieden, was Gott bestimmt hat, aber gib jedem einen Palast und dem ältesten Bruder das älteste Mädchen, dem mittleren das mittlere und die jüngste verheirate mit mir.“ Sofort wurden die zwei Brüder aus dem Schloß, jeder in einen besonderen Palast gebracht und das jüngste Mädchen mit dem Prinzen verheiratet. Vierzig Tage und vierzig Nächte dauerten die Hochzeitsfeierlichkeiten. Am einundvierzigten Tage in der Nacht auf den Freitag betrat er das Hochzeitsgemach. Sie erlangten und gewährten, was sie wünschten. Damit ist auch diese Geschichte aus und somit Schluß.
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