Hundertdreißigster Brief.

Frankfurt a. M., den 20. März 1849.

Der von Simon, Temme und sieben Anderen unterschriebene und gestern im Weidenbusche vorgelegte Antrag (dessen wesentlichen Inhalt ich bereits mittheilte) ward ohne weitere Berathung abgelehnt, da das Aufgeben lang vertheidigter Grundsätze für den Gewinn so weniger Stimmen unpassend erschien, und für bedeutenden Verlust noch immer zu keiner großen Mehrzahl führte. Eine solche fehlt allerdings, da sie nach Schubert’s gestrigem (obenein noch zweifelhaftem) Berichte kaum zehn übersteigen dürfte. Aber selbst die Mehrheit von einer Stimme wäre von großer Wichtigkeit, weil dadurch Weitläufigkeiten, Zeitverlust, Ränke, wenn nicht abgeschnitten, doch gehemmt werden, das ausgestreute Samenkorn wachsen, der kleinere Kreis (wie beim Zollvereine) sich erweitern wird. Viele hegen nur große Furcht, daß Halbheit, Feigheit und Böswilligkeit der Diplomatie unser Beginnen schwächen und stören wird, statt es zu stärken; man hofft immer noch mehr von den berliner Kammern, als von der Camarilla.

Mein alter Zorn gegen die Diplomaten (siehe meine Spreu) ward in Paris nicht vermindert, sondern erhöht: nur Bastide (obwohl ein homo novus, ein Neuling) bewegte sich nicht in den alten gebannten Kreisen, sondern sah darüber hinaus und wußte, daß man durch bloßes Nergeln und Ärgern und Verneinen, der Welt Lauf nicht verstehen lernt und ihn noch weniger beherrscht.

In der heutigen Sitzung wird die Berathung wahrscheinlich geschlossen; und wenn unsererseits zuletzt Gagern und Riesser sprechen, sind wir gewiß im Redevortheil. Daß die Preußen die Vertheidigung ihres Vaterlandes Nichtpreußen überließen, thut (was auch das letzte Ergebniß sei) eine gute und beruhigende Wirkung. Ein entgegengesetztes Verfahren wäre gewiß bitter als Anmaßung und Eigennutz bezeichnet und getadelt worden. Zur Sache ist dadurch, bei der Geschicklichkeit der erwählten Redner, nichts verloren.

Trotz langem Reden und unzähligen Wiederholungen, bleibt doch Manches ungesagt, z. B. wider den Wahnsinn etlicher Thoren, Preußen zu schwächen, um Deutschland zu stärken; und umgekehrt: die kleinen Staaten zu mediatisiren, um die Duodezkönige bis zu einer Oktavausgabe auszudehnen! Dies erinnert an das Streckbett eines ähnlichen Politikers, des Prokrustes, den jedoch Theseus widerlegte, indem er ihn todt schlug und eine Centralgewalt in Athen gründete. Wenn Preußen sich nicht selbst mordet, steht es thatsächlich (mit oder ohne Kaisertitel) an der Spitze Deutschlands: beide aber machen erst das Ganze. Sich zu fürchten: daß die kleinen Fürsten Preußens Herr werden könnten, wenn es sie beschützt, ist eine kolossal confuse Ansicht.

Österreich kann und will nicht über den alten Staatenbund hinausgehen, der uns nochmals einschläfern würde, bis die Kriegstrompeten in Osten und Westen uns zu spät weckten.

Umgekehrt will Hr. S. aus D. den König von Preußen verpflichten: Krieg nach allen Seiten zu beginnen, Italiener, Polen, Ungarn, Türken zu befreien u. s. w. u. s. w. Der Wahnsinn eines Antidiplomaten; nur der Unterschied zwischen stiller Tollheit und lauter Raserei. — Während unser höchstes Bestreben sein muß, die Einmischung fremder Staaten in unsere einheimischen Angelegenheiten abzuhalten, will uns solch ein eingebildeter H— R— mit aller Welt in Krieg verwickeln und seinen papiernen Antrag als Reichsfahne, ja als Reichsheer hinstellen.