Hunderteinunddreißigster Brief.

Frankfurt a. M., den 21. März 1849.

Gestern Abend ward im Weidenbusche allerlei berichtet und hin und her gerechnet über unsere Stimmenzahl, ohne ein festes Ergebniß für den Sieg aufzufinden. Hierüber zornig, erklärte ein Mitglied: wenn wir nicht siegten und die Österreicher (welche uns hinderten, eine große Mehrzahl zu erhalten) nicht hinausgewiesen würden, so werde er (und dies sollte uns zum Beispiel dienen) nicht mehr in der Verfassungsangelegenheit mitstimmen. — Diese Erklärung erschien mir so gefährlich und zweckwidrig, daß ich die Rednerbühne bestieg und etwa sagte: Wenn wir morgen nicht obsiegen, so ist dies ein Verlust für den Augenblick; wenn wir aber dem Vorschlage des Hrn. — folgen, so verwandelt er sich in eine völlige Niederlage für alle Zeiten. Wir müssen uns vielmehr fester vereinigen als je, standhafter ausharren und kämpfen denn zuvor. Alle großen Gedanken, alle umgestaltenden Zwecke in Staat und Kirche, sind anfangs in der Minderheit geblieben: so von dem Kampfe der Plebejer gegen die Patricier in Rom, bis zur englischen Reformbill, der Aufhebung der Sklaverei und der Emancipation der Katholiken. So wird auch die bereits vorhandene, unabweisliche Thatsache, von Preußens Oberleitung und Einigung mit Deutschland, täglich mehr Boden gewinnen. Wenn wir morgen nicht obsiegen, so müssen wir übermorgen den Kampf wieder aufnehmen. Bei Ligny ward der alte Blücher geschlagen, bei Waterloo war er mit seinen Preußen wieder da, und entschied. Diesem Vorbilde können und müssen wir nachfolgen. — Meine Worte fanden, Gott Lob! allgemeine Beistimmung!

Wenn Hr. — sagt: er sei mein Wahlmann und habe mir keinen Auftrag (Mandat) gegeben, einen Kaiser anzunehmen, so antwortet ihm in meinem Namen: das Geschäft, das Mandat des Wahlmannes, ist lediglich zu wählen, nicht aber einzelne bestimmte Vorschriften und Aufträge zu ertheilen. Dies würde Begriff und Nutzen der Repräsentation aufheben und die Volkssouverainetät auf eine Weise geltend machen, welche selbst die Demokraten nicht wollen, und welche 1793 in Frankreich versucht, zu den unsinnigsten und entsetzlichsten Ergebnissen führte. Unser Beruf (Mandat) spricht sich schon im anerkannten Titel: „verfassunggebende Reichsversammlung“, — deutlich und bestimmt genug aus, und ich habe keinen Begriff von einer hauptlosen, und jetzt für Deutschland auch nicht von einer heilsamen dreiköpfigen oder siebenköpfigen Verfassung.

— — Anstatt uns unsere unendlich schwere Aufgabe noch mehr zu erschweren und zu verbittern, sollten uns alle Einsichtigen von Berlin aus stützen und schützen; anstatt, in leichter Weise, zu tadeln, zu kritteln, zu spotten, zu verneinen, sollte sie das Vaterland für große Zwecke und für ein positives Vorwärts begeistern; anstatt sich mit Fragen über Mandate u. s. f. pedantisch abzumühen, sollten sie die Verhältnisse als ächte Staatsmänner begreifen und beherrschen; anstatt (wie beim Spiele mit dem nürnberger Tand) Hinderndes und Förderndes gegen einander abzuwägen und aufzuheben, bis nichts übrig bleibt, nichts geschieht und der rechte Zeitpunkt verloren geht, sollten sie dem Beispiele des großen Kurfürsten (1640), Friedrich’s II (1740) und Friedrich Wilhelm’s III (1813) folgen. Wer das nicht will, nicht begreift, nicht wagt, — der wende seine Sehnsucht nach der Zeit zurück, wo es nur einen Markgrafen von Brandenburg gab, und dieser sich mit den Quitzows und Putlitz herumschlagen mußte. Romane kann man über solche Zeiten schreiben, aber die Weltgeschichte nimmt davon keine Kenntniß. Preußen ist ein weltgeschichtlicher Staat und soll es in steigender Größe bleiben. Heißt das (der Diplomatie und dem neidischen Auslande gegenüber) revolutionair; nun, so bin ich ein Revolutionair, und thue hier mein Möglichstes, Andere für diese unvermeidliche, heilsame Revolution zu bekehren.

Nachmittags.

In diesem Augenblicke weiß man schon in Berlin durch den Telegraphen, daß der Antrag des Ausschusses mit 283 gegen 252 Stimmen verworfen ist.

Ich verzweifle deshalb noch keineswegs; es ist noch nicht aller Tage Abend, und die Zögerung soll das Ziel nur noch bestimmter hinstellen, seine Natürlichkeit und Nothwendigkeit erweisen, die Frucht besser reifen lassen: — oder endlich dahin führen, daß wir zur Belehrung späterer Zeiten, als wohlgesinnte Zeugen, als Märtyrer für die Sache, für die Wiedergeburt, die Dauer, die Macht und Größe des Vaterlandes, in das Buch der Sorgen und Leiden eingezeichnet werden.

Aber mehr als je: nicht verzweifeln!