Hundertsiebenunddreißigster Brief.
Frankfurt a. M., den 9. April,
und folgende Tage.[1]
Da ich von meiner Reise nach Berlin vielen Freunden nichts erzählen konnte, will ich versuchen Einiges darüber niederzuschreiben. Doch folgten die Eindrücke so rasch aufeinander, oder waren untereinander so ähnlich, daß sie sich im Gedächtniß verwirren, mein Bericht sich mithin, in aller Kürze, nur auf einige Hauptsachen beschränken wird.
Am Morgen des 30. März (Freitags) fanden sich die Abgeordneten auf dem Bahnhofe ein, fuhren nach Biberich und bestiegen das vorher bestellte Dampfboot Goethe. Mainz lag außerhalb des näheren Weges, auch trug man Bedenken eine Stadt zu berühren, wo sich, neben der preußischen, eine österreichische Besatzung befindet.
Manche, am Rheine gelegenen Orte, mochten von unserer Reise gar keine Kunde erhalten haben, andere (insbesondere Neuwied) begrüßten uns mit Schüssen, Fahnenschwenken und Beifallsruf. Die Besatzung von Coblenz hielt es für angemessen, keine Zeichen der Theilnahme zu geben.
In Köln waren unzählige Menschen am Ufer versammelt, die in sehr guter Ordnung einen schmalen Gang eröffneten, durch welchen wir nach den auf uns wartenden Wagen gingen. Sonst tiefe Stille, kein Zeichen des Beifalls, oder Mißfallens; einige unwitzige Bemerkungen abgerechnet. Im Hotel Disch fand sich indeß eine glückwünschende Deputation von Bürgern und einigen Gesellschaften ein. Schon waren wir im Begriff vom Abendtisch aufzustehen und zu Bette zu gehen, als auf der Straße eine Katzenmusik begann, wie ich sie nie gehört habe. Noch jetzt begreife ich nicht mit welchen Mitteln man so unermeßliche Mißtöne hervorbringen konnte. Es klang als wenn alle Kannibalen und wilden Bestien sich zu einem Orchester vereinigt hätten. Ich gedachte der (zum Theil gegen mich ausgesprochenen) Äußerung Venedey’s: daß es in Deutschland (und seinem Wohnorte Köln) keinen Pöbel gebe! Als ich um diesen näher zu beschauen, den Hausflur betrat und auf die Hausthür losging, zog man mich mit dem Bemerken zurück: man werde mich mit Steinen begrüßen! Auch wurden einige Fenster, zum Beweise der Volkssouverainetät, eingeworfen. Nachdem der Skandal nur zu lange gedauert hatte, erschienen einige Soldaten, welche man verhöhnte. Als sie aber Anstalten zum Laden machten, lief das Gesindel eiligst auseinander, soll indeß von den Gensd’armen mit Maulschellen bedient worden sein. Jeden Falls hat die (bisweilen allzueitle) Stadt Köln, Ursache sich zu schämen, daß rothe Republikaner und fanatische Katholiken so etwas unternehmen und vollführen konnten. Gewiß stand es im schroffsten Gegensatze zu Dem, was wir von jetzt an weiter erlebten.
Als ich vor der Abfahrt aus Köln, einem Barbier mein Mißfallen über das Geschehene sehr deutlich zu erkennen gab, antwortete er: es ist das Todesgeschrei dieser Leute; sie fühlen daß es mit ihnen zu Ende geht.
Schon in Düsseldorf (31. März) fanden wir eine glänzende Aufnahme und lebhafte Beweise der aufrichtigsten Theilnahme. Ebenso nach Maßgabe der Größe in den folgenden Städten. Fahnen, Bürgerwehr, Magistrat, Behörden zur Stelle, zweckmäßige Anreden und Antworten, Hurrahs, Hutschwenken u. s. w. Auch Preußisch-Minden zeichnete sich aus; alle Erwartungen überstieg aber die Aufnahme in Hannover. Man hatte anfangs gezweifelt: ob man nicht (aus bekannten Gründen) diese Stadt vermeiden und lieber in Bückeburg übernachten sollte. Mir schien es immer gerathen, kühn Hannover zu betreten, und die Mehrzahl der Abgeordneten entschied sich endlich für diese Ansicht.
Alle Parteien, alle sonst so verschiedenen Klubs, Gesellschaften und Verbindungen hatten sich vereinigt uns ihre vollständige Zustimmung aufs Feierlichste zu erkennen zu geben. Das Volk theilte diese Ansicht, ein Fackelzug geleitete uns bis zum british Hotel, und ein buchstäblich mehr als tausendstimmiges Lebehoch ertönte von der Kopf an Kopf versammelten Menge, auf das Wohl Deutschlands und unseres Werkes Gelingen.
Wo möglich noch lebendiger war die Begeisterung in Braunschweig, wo man, am ersten April, für uns ein großes Mittagsmahl bereitet hatte. Es wurden von beiden Seiten gute Reden gehalten, und auch ich mußte es versuchen, da man (an die Zeit der Hohenstaufen erinnernd) meine Gesundheit ausbrachte. Ich antwortete etwa Folgendes. Schon als Kind hatte ich eine Vorliebe für die Karte des schwäbischen Kreises u. s. w. u. s. w. Diese romantische Mannigfaltigkeit ist den Stürmen der neueren Zeit erlegen; aber schon Kaiser Heinrich VI hatte den Plan einer größeren Einigkeit Deutschlands und eines Erbkaiserthums aufgestellt. Er kam hauptsächlich durch den Widerspruch des Papstes nicht zu Stande, welcher unsere Plane jetzt keineswegs behindern wird. Dem dichterischen Abendrothe einer vergangenen Zeit, auf welche wir mit Wehmuth und inniger Theilnahme zurückblicken, folgte eine lange Nacht. Jetzt erblicken wir das Morgenroth und ihm wird der volle Tag sich anreihen, wenn wir Alle thun, was uns obliegt.
Ich habe noch mehr gesagt, kann mich aber nicht besinnen, was? Abgeordnete aus Berlin, Potsdam, Magdeburg, Halberstadt, Aschersleben u. s. w. brachten uns Einladungen und Glückwünsche. Überall derselbe Sinn, die gleichen Wünsche und Hoffnungen.
In Magdeburg, dieselbe Aufnahme wie in Braunschweig. Fackelzug, Reden, Vivats, Musik u. s. w.
Der Empfang in Potsdam, und besonders das auf dem Bahnhofe für uns veranstaltete Festmahl, hatte doppelte Bedeutung, weil es in der Residenzstadt des Königs dargeboten ward. Einige Abgeordnete hielten gute Reden, die des Bürgermeisters von Potsdam war aber natürlich (in Folge seiner Stellung) behutsam und abgemessen, sodaß ich (trotz meiner Abneigung mich öffentlich auf den Redemoquirstuhl zu setzen) den Hr. Bürgermeister bat, mir später das Wort zu geben.
Ich sagte etwa Folgendes (das Genauere und Umständlichere ist meinem Gedächtnisse nicht mehr gegenwärtig):
Vor vierzig Jahren bin ich mit der Regierung in Potsdam eingezogen und habe als Regierungsrath in dieser Stadt gelebt. Erlauben Sie deshalb einem ehemaligen Miteinwohner, einige Worte an Sie zu richten. — Man sagt (und oft mit Recht) daß alte Personen vergangene Zeiten übermäßig loben, und die Gegenwart übermäßig tadeln; ich lasse mir diese Einseitigkeit nicht zu Schulden kommen. Damals mußten wir schwere Leistungen übernehmen für fremde Zwecke, Steuern ausschreiben und erheben für unsere Feinde, wir waren hingegeben in die Knechtschaft eines ausländischen despotischen Kaisers. Jetzt haben Deutsche einen deutschen Kaiser erwählt, und wir bieten diese freie Gabe dem ersten der deutschen Könige. Diese Wendung der Dinge ist aber so überraschend, dieser Schritt so überaus wichtig und folgenreich, daß unser König mit vollem Rechte und seiner Pflicht gemäß aufs Ernstlichste prüft, was ihm in diesem entscheidenden Augenblicke zu thun obliege?
Aber nicht blos er, sondern wir Alle müssen uns die Verhältnisse klar vor’s Auge stellen, wir müssen zu einer festen Überzeugung kommen; denn des Königs Entschlüsse sind dereinst auch die unseren, und nach den unseren kann und wird auch er mit Sicherheit und im Vertrauen auf unseren festen Beistand, entscheiden, und jedes Bedenkens, jedes Widerspruches Herr werden.
Erlauben Sie, daß ich an einige solcher Bedenken erinnere. Zuvörderst (spricht man) hat sich die Diplomatie gegen alle Neuerungen in Deutschland erklärt. Meine Herren! Diese Diplomatie welche eitel ist auf ihre Phrasendrechselei, welche es für ihr Meisterstück hält, inhaltslose, zweideutige, jede Auslegung erlaubende Noten zu entwerfen, hat niemals die Welt gelenkt und beherrscht. Sie wird am wenigsten in unseren Tagen beruhigen, begeistern, oder entscheiden; — wir können sie füglich zur Seite lassen.
Weit wichtiger ist der zweite Einwand: daß fremde Mächte unsere deutsche Wiedergeburt nicht zugeben würden. Meine Herren! Haben wir uns denn eingemischt, als in Rußland auf Kaiser Alexander nicht Konstantin, sondern Nikolaus folgte, als sich die Franzosen eine neue Verfassung gaben? Wollten aber fremde Mächte, gegen alles Recht, uns in unserer nothwendigen Entwickelung hemmen, so wird ein so großes Volk, wie das deutsche, wissen, was ihm zu thun obliegt.
Ich komme auf Österreich. Wir haben es nicht zurückgestoßen, sondern es hat sich zurückgezogen, oder ganz unannehmbare Vorschläge gemacht. Es protestirt gegen Grundrechte, Volkshaus und Kaiser, es möchte durch ausländische Abgeordnete undeutscher Volksstämme im Staatenhause die Mehrheit gegen Deutschland gewinnen; es will Institutionen begründen, schlechter als der alte Bundestag; es will keinen Bundesstaat, und kann ihn nicht wollen. Die Mehrheit der deutschen Fürsten (welche Manche übereilt und eigennützig mediatisiren wollten) haben ihre Stellung richtig erkannt und zu nothwendigen Maßregeln bereits freundlich die Hand geboten. So bleiben nur die deutschen Könige übrig, welche ihre Widersprüche auf ihre Souverainetät gründen. Woher, meine Herren, stammt denn aber diese Souverainetät?
Als der Kaiser Napoleon eine Fabrik von Königskronen anlegte, warf er einige deutschen Fürsten zu, und stempelte diese hiedurch, unter Spott und Hohn, zu seinen Knechten. Jene angebliche, früher unerhörte Souverainetät, dargeboten oder aufgezwungen von einem fremden Tyrannen, war eine Schmach für die Empfänger, und es ist ein Glück, es ist eine Ehre für sie, wenn sie sich jetzt davon reinigen, und als lebendige Glieder in das erneute, wiedergeborne, einige Deutschland eintreten!
Ich komme auf einen anderen Punkt. Man sagt: die frankfurter Reichsversammlung ist zu alle Dem, was sie gethan hat, nicht berechtigt. Wie, meine Herren, unter allen Völkern sollte allein das deutsche unberechtigt sein sich als ein Ganzes zu fühlen, in Eintracht zu handeln und Das durchzuführen, was für das Innere heilsam und dem Auslande gegenüber schlechterdings nothwendig ist? Sind nicht die Wahlen für die Reichsversammlung mit Beistimmung und nach Anweisung der Regierungen erfolgt? Hat man nicht ausgesprochen, ihre Hauptaufgabe sei, eine neue Verfassung für Deutschland zu entwerfen? Hat man in Zeiten der Bedrängniß nicht gern ihre Aussprüche und ihre Hülfe dankbar anerkannt?
Sie soll aber, ruft man, keinen Kaiser erwählen! Wer hat denn aber dazu ein größeres Recht? Wo sind denn die alten sieben Kurfürsten; woher denn 34 oder 38 neue Kurfürsten? Werden sich diese jemals einigen, wie es die Reichsversammlung gethan hat? Und wer soll entscheiden, wenn Widersprüche sich kundgeben? — Warum (fährt man fort), warum einen Kaiser? Freilich sprechen Etliche, als sei das Kaiserthum eine funkelhagelneue Erfindung verschrobener Theoretiker und pedantischer Professoren. Sie wissen nicht, oder wollen nicht wissen, daß seit einem Jahrtausend Kaiser an der Spitze Deutschlands standen, und es am schlechtesten mit unserem Vaterlande bestellt war, wenn sie unwirksam blieben, oder ihr Stamm ausging.
Ich komme zu der, für uns nächsten und wichtigsten Frage: welche Folgen werden aus den bevorstehenden Beschlüssen für Preußen entstehen? — Sie werden, wer kann es läugnen, von der größten Bedeutung sein! Wir betreten eine Bahn, wo Muth, Ausdauer, Vaterlandsliebe, Aufopferung zur Erreichung eines unendlich erhabenen Zieles, zweifelsohne nöthig sind. Zu behaupten: daß diese Eigenschaften nicht vorhanden seien, und man ein bequemes, thatenloses Weiterleben vorziehen müsse, wäre der Preußen unwürdig. Hätte der große Kurfürst im Jahre 1640, Friedrich II. 1740, Friedrich Wilhelm III. 1813, nicht klug und kühn hineingegriffen in die großen Bewegungen der Zeit, hätten sie ängstlich berechnet und abgewogen, Preußen wäre niemals zu weltgeschichtlicher Bedeutung emporgestiegen, es wäre zu Grunde gegangen.
Es wäre anmaßend und unpassend, über die künftigen Entschlüsse Sr. Maj. des Königs hier ein Urtheil auszusprechen; die frankfurter Abgeordneten (und die, wie es scheint, gleichgesinnte Versammlung) betrachten jedoch die Kaiserwahl als eine vollendete Thatsache. Es lebe deshalb hoch, Friedrich Wilhelm IV., König von Preußen, erwählter Kaiser der Deutschen!
In dies Vivat stimmten Alle mit lautem Jubel ein.
Hinter unseren Stühlen standen viele, zum Theil sehr hübsche, Frauen und Mädchen, welchen ich mich dadurch gefällig zu zeigen suchte, daß ich die ihnen unbekannten Abgeordneten nannte.
Der Empfang in Berlin war feierlich, sofern Abgeordnete des Magistrates, der Stadtverordneten und beider Kammern unserer warteten und uns anredeten; für mich, der ich Berlin kannte, blieb aber nicht verborgen, wie der unglückliche Belagerungszustand die Äußerungen des Beifalls (oder auch des Mißfallens) hemmte, und eine kritische Betrachtungsweise der ganzen Sache hervortreiben mochte, zu welcher die Berliner ohnedies allzusehr geneigt sind.
In vielen Wagen (jedesmal zwei Abgeordnete und ein Mitglied des Magistrats oder der Stadtverordneten) fuhren wir nach den Linden, wo Alles für die Aufnahme aufs Schönste vorbereitet war. Überhaupt muß ich schon hier bemerken, daß Magistrat und Stadtverordnete nicht allein alle Kosten unseres Aufenthaltes übernommen, sondern auch alles irgend Mögliche gethan hatten, um ihn bequem, lehrreich und angenehm zu machen.
Auf die Notifikation unserer Ankunft ließ Herr Graf Brandenburg den Reichstagspräsidenten Simson einladen, zu ihm zu kommen. Will man über Lappalien der Etikette und des Ceremoniels streiten, so konnte man fragen, ob diese Form die angemessenste war. Niemand legte indeß ein Gewicht auf diese Dinge, und da Herr Simson überdies sehr unwohl war, so eilten die Herren Beseler und Riesser zum Grafen Brandenburg und legten ihm vor, was der Präsident Simson Namens der Reichsversammlung dem Könige sagen wollte. Er fand dagegen nichts zu erinnern; die mündliche (später auch schriftlich wiederholte) Bitte, uns Das mitzutheilen, was der König antworten wollte, ward hingegen nicht berücksichtigt; — es sei, weil man sie unschicklich fand, oder spätere Änderungen des ersten Entwurfes eine solche Mittheilung unmöglich machten. Gewiß würde sie nützlich gewirkt und auch wohl zur Abänderung einzelner Ausdrücke geführt haben. Vorläufig beruhigte jedoch Das, was der Graf Brandenburg am 2. April in den Kammern über die deutsche Angelegenheit gesagt hatte.
Die spät Abends eingehende Nachricht, daß uns der König den 3. April auf dem Schlosse empfangen wolle, und daß wir zum Mittagsmahl nach Charlottenburg eingeladen wurden, erfreute Viele als ein Zeichen raschen, günstigen Entschlusses. Ich erschrak darüber sehr, weil sie jede vorläufige Verständigung unmöglich machte, und ich befürchtete: man wolle uns jede Einwirkung abschneiden und eiligst mit einem ungenügenden Bescheide nach Hause schicken.
Des Königs Absicht war gewiß gut und edel; er wollte sich nach allen Seiten hin (gegen die Reichsversammlung und die Regierungen) billig und gemäßigt zeigen, selbst den Schein der Anmaßung vermeiden, jeder Übereilung aus dem Wege gehen, und die Frucht erst pflücken, wenn sie ihm (unter allgemeinem Beifall) dargeboten werde. — — —
— — — Jene Erklärung, welche Alle befriedigen sollte, genügte indeß Niemand. Die eine Partei tadelte: daß der König die frankfurter Abgeordneten nicht als unberechtigt verdamme, statt in ihnen Vertreter des Volkes zu erblicken und aus ihrer Kaiserwahl ein Recht abzuleiten. Die frankfurter Abgeordneten hingegen faßten die zweite Hälfte jener königlichen Erklärung dergestalt auf, daß sie ihr ganzes Verfassungswerk nochmals in Frage stelle; Annehmen, Ändern oder Verwerfen in die Hände der Fürsten lege, und sich mit der leeren Hoffnung schmeichele, daß 38 Regierungen den natürlichen und gerechten Wünschen Preußens einiger und williger entgegenkommen würden, als die Vorkämpfer in Frankfurt! — —
— — — — Nach beendigter Rede sprach der König mit jedem Einzelnen. Es sind über diese Gespräche, leichtsinnig oder böswillig, die unwahrsten Nachrichten verbreitet worden, und ich selbst habe öffentlich den Erfindungen und Lügen widersprechen müssen. Ebenso erklärte Herr Beseler: die Zeitungsberichte hätten den Hergang ganz entstellt. Läugnen läßt sich jedoch nicht, daß der König wohl absichtlich vermied, den großen Gegenstand zu berühren, welcher die Köpfe und Herzen aller Abgeordneten erfüllte. — — —
Dennoch verletzten einzelne, trotz aller Vorsicht entschlüpfte Äußerungen noch mehr, als der König voraussehen konnte. — — — In Erinnerung an den Jubel, die Begeisterung, die Reden, die Herzensergießungen, die glänzenden Hoffnungen, die Freudenthränen u. s. w., welche unsere Reisetage belebten und verherrlichten, — erschien freilich das Hoffest in Charlottenburg peinlich und drückend, steif und kalt. — — Welch ein Tag! und doch kein Sonnenstäubchen von Begeisterung, Vertrauen, Liebe, Glaube, Hoffnung!!
Ich will nicht (vielleicht unrichtig) Das erzählen, was der König Anderen sagte, sondern nur erwähnen, daß ich mir erlaubte, die vorliegende große Sache wenigstens in etwas zu berühren. Als mich Herr Simson auf dem Schlosse namentlich vorstellen wollte, sagte der König: „o, Raumern kenne ich; wie geht es!“ Ich antwortete: „ich rechne es mir zum Glück und zur Ehre, an dieser wichtigen Botschaft Theil zu nehmen, um den Marschall Vorwärts, welchen Deutschland braucht, an die Spitze zu stellen.“ — Der König: „Nun, wenn man mich braucht, werde ich nicht fehlen.“ — Ich: „Es ist Preußens Pflicht und unausweichbarer Beruf, die Oberleitung in Deutschland zu übernehmen u. s. w.“
In Charlottenburg sagte der König zu einem mir unbekannten Nachbar: „Raumer hat mir früher (Frühling 1813) Vorlesungen gehalten über Verfassungskunde.“ — Ich erwiderte: „Ew. Majestät, das war sehr unbedeutend, eine Zeit des Bedenkens und Überlegens; bald aber kam die große Zeit des Handelns und die Schlacht bei Leipzig.“ — Auf meine Bemerkung: 20 Regierungen hätten sich ja bereits unsern Planen und Beschlüssen geneigt erklärt; — antwortete der König: Nein, 26.
Nach einigen unbedeutenden Zwischenreden, deren ich mich nicht genau erinnere, sagte ich dem Könige: „wir haben Sehnsucht nach Heimat, Frau und Kindern, und wünschen unserer frankfurter Macht ledig zu werden. Lassen Sie bald in Deutschland die neuen Wahlen für eine zweite Reichsversammlung vornehmen.“ — Der König: „Nun, wenn die Noth am größten ist, ist die Hülfe oft am nächsten.“ — Ich: „Ich nehme dankbar diese Erklärung an im Namen aller meiner Mitabgeordneten.“ —
Durch das Mittagsmahl in Charlottenburg hatte sich die Stimmung der Abgeordneten nicht gebessert. Sie erklärten fast einstimmig: man müsse die (vorläufig angenommene) Einladung des Magistrates und der Stadtverordneten, ins Theater zu gehen, nunmehr ablehnen. — Da widersprach ich und sagte: Es kommt gar nicht darauf an, ob wir aus genügenden Gründen abgeneigt sind, ins Schauspiel zu gehen, sondern darauf daß diese Gründe allen Anderen unbekannt sind, Plätze für uns aufbewahrt, Anstalten zu unserem Empfange getroffen wurden, das ganze Publikum ungeduldig unser harrt, und Magistrat und Stadtverordnete (welche vor der Thür stehen) uns aus vielen Gründen dringend bitten, zu erscheinen. Es wäre unser Ausbleiben, nach so viel Beweisen des Wohlwollens, eine große, unverantwortliche Unhöflichkeit gegen Magistrat und Stadtverordneten, gegen Stadt und Land. — Es kostete große Mühe, jener Abneigung Herr zu werden; die günstige Aufnahme im Theater bestätigte indeß meine Behauptungen und gab Zeugniß über die öffentliche Stimmung.
Dem schweren, beängstigenden Tage folgte ein tröstlicher, beruhigender Abend. Viele Abgeordnete haben über denselben und die Gespräche, welche der Prinz und die Prinzessin von Preußen über Preußens und Deutschlands Wohl mit höchster Theilnahme führten, in Briefen und Druckschriften so umständlichen und begeisterten Bericht erstattet, daß ich mich veranlaßt sehe, nichts hinzuzufügen, sondern lediglich darauf zu verweisen.
Ebenso wird es bald ein öffentliches Geheimniß sein, daß, warum und auf wessen Veranlassung ein für die frankfurter Beschlüsse viel günstigerer Entwurf der königlichen Antwort bei Seite gelegt und eine Bahn betreten wurde, auf der es gewiß an den größten Hindernissen nicht fehlen wird.
Nachmittags.
Sie kennen bereits die Gründe, wodurch die frankfurter Abgeordneten gezwungen wurden (ihres Auftrages eingedenk), ehrenvolle Einladungen abzulehnen und rasch von Berlin abzureisen.
Ich will von mitwirkenden Kleinigkeiten in diesem großen tragischen Augenblicke nicht sprechen. — „Ihr Abgeordneten,“ sagten Mehre, „seid eitle Thoren, seid Bummler, welche sich einbilden, einen Kaiser machen zu können.“ — Nun, versucht es (ungestützt durch die Reichsversammlung) mit den Bruderkönigen, ob sie einen preußisch-deutschen Kaiser, ein mächtiges Oberhaupt aufrichtig wollen.
Eine preußische Partei ist in diesem Augenblicke in Frankfurt vernichtet, bis zwingende Verhältnisse sie wieder ins Leben rufen und dem liberum veto der Fürsten ein Ende machen.
Fußnote:
[1] Vieles ist in diesem Briefe gestrichen worden, weil es sich jetzt für die Öffentlichkeit nicht eignet.