Hundertachtunddreißigster Brief.
Frankfurt a. M., den 10. April 1849.
Die Erklärung, welche die Abgeordneten dem preußischen Ministerium übergaben, wird gewiß von Vielen als anmaßlich und unverständig bezeichnet werden; dennoch schien sie Allen, nach reiflicher Überlegung, als nothwendig, um nicht in Frankfurt allen Boden zu verlieren, und um übereilten, allzu heftigen Beschlüssen vorzubeugen. Auch kann die preußische Regierung uns der Mißverständnisse beschuldigen und diese Erklärung benutzen, um auf die höchste Beschleunigung einer letzten Entscheidung zu dringen.
Wir hatten unsere Abreise fast verheimlicht, um nicht unterwegs (vielleicht unangenehme) Demonstrationen hervorzurufen; dennoch waren (binnen wenig Stunden) in Halle, Merseburg, Naumburg, Weimar, Erfurt u. s. w. Vorkehrungen zu sehr freundlichem Empfange getroffen. Insbesondere wurden wir in Weimar vom Bahnhofe mit einem Fackelzuge nach der, allgemein erleuchteten, Stadt geleitet. — Der Inhalt aller an uns gehaltenen Reden ging darauf hinaus: daß wir unser löbliches Werk aufs Äußerste vertheidigen sollten, und es (eingetretener Zögerungen und Hindernisse halber) nicht aufgeben dürften.
Die heitere Begeisterung, die poetische Farbe, das Vertrauen sind aber in einer beklagenswerthen Weise so gesunken, daß sie niemals in früherer Kraft wiederkehren werden. Dies ist um so bedauerlicher, da es Mittel gab, Frankfurt zufrieden zu stellen und gleichzeitig eine Verständigung mit den Fürsten anzubahnen.
Ein Bruch mit der jetzigen Versammlung und eine gänzliche Verwerfung ihrer Verfassung führt zur Anarchie oder Despotie.
Blicke ich umher, ob (wenn nicht in größeren, doch in kleineren, persönlichen Kreisen) den frankfurter Sorgen irgend eine Freude, ein Trost gegenübersteht, so finde ich ihn darin, daß eine der seltensten, größten und edelsten Naturen mich nicht mißverstand, sondern mir ihr Vertrauen schenkte, — und daß ich an Christel und Emilie Jung zwei wahrhafte Freundinnen gewann, deren Liebenswürdigkeit und unerschöpfliche Heiterkeit mich, aus bitteren Leiden und finsterer Nacht, oft in sonnenhelle Regionen versetzte, ermuthigte und verjüngte!