2. Das Restaurierungswerk der Neuzeit. 1888–1906.
Die im vorausgehenden Kapitel behandelten, in der Zeit vom 16. bis zum beginnenden 19. Jahrhundert an der Kirche vorgenommenen Ausbesserungen, amtlich „Reparaturen“ genannt, waren in der Regel untergeordnete Instandsetzungsarbeiten an schadhaften Stellen des Baues. Die Architektur als solche blieb unangetastet, wenn sie auch noch so restaurierungsbedürftig erschien.
So ist die Kirche St. Sebald, zwei kleine Anbauten an der Giebelseite des Ostchores und die Steilerlegung der Seitenschiffdächer ausgenommen, in ihrer äußeren Erscheinung in der Gestalt der Spätzeit des 15. Jahrhunderts fast unverändert auf uns gekommen. Dagegen war der Erhaltungszustand des Baues der denkbar schlechteste. Bei dem weichen Steinmaterial, das man für das ganze Mauerwerk und auch für die feinen Zierglieder der Hoch- und Spätgotik verwendet hatte, konnte die Zeit bald und ausgiebig mit ihrer Zerstörungsarbeit beginnen, so daß die Kirche zuletzt, verwildert und verstümmelt, den Anblick einer Ruine gewährte (Abb. [31]). Dazu kam, daß die an dem ursprünglichen romanischen Baukörper nach und nach vorgenommenen Umbauten jedesmal einen empfindlichen Eingriff in den konstruktiven Organismus bedeuteten, der Verschiebungen und Schwächungen der einzelnen Mauerteile zur Folge haben mußte. Der Zustand des Verfalls war allmählich in ein bedenkliches Stadium getreten. Eine durchgreifende Wiederherstellung war nicht länger aufzuschieben.
Die Verwaltung des vereinigten protestantischen Kirchenvermögens, die Eigentümerin des Bauwerkes, erkannte diese Notwendigkeit und ging energisch zu Werke. Eine Menge langwieriger Vorarbeiten war zu erledigen, so daß von dem ersten Entschluß bis zur Inangriffnahme der Wiederherstellung eine geraume Zeit verstrich. Man war auf das bereitwillige Entgegenkommen und die emsige Mitarbeit der verschiedensten Faktoren angewiesen. Denn weder der Umfang und die Zeitdauer der Restaurierung, noch die Höhe der entstehenden Kosten konnten trotz Untersuchungen, Gutachten und Voranschlägen genau bestimmt werden. Insofern aber sah die Kirchenverwaltung dem Zustandekommen des Unternehmens mit Zuversicht entgegen, als sie wußte, daß hinter ihr ein auf die Erhaltung seiner historischen Kunstschätze bedachtes Bürgertum stand, welches dem Aufruf zur Instandsetzung des bedeutenden Baudenkmals und der dort aufgespeicherten Schätze opferwillig Folge leistete.
Abb. 31. Ostchorpartie vor der Restaurierung.
Ein eigens für die Restaurierung der Kirche gegründeter Verein machte sich ausschließlich die Beschaffung der erforderlichen Geldmittel zur Aufgabe. Von allen Seiten flossen Zuschüsse herbei, wenn auch in Anbetracht der enormen Ausgaben, welche das Unternehmen verursachte, zuweilen etwas langsam und in geringen Beträgen. Private Kreise, die Stadtbehörde, Fürstlichkeiten, voran der Deutsche Kaiser und Bayerns Regent, und insbesondere die alteingesessenen Patriziergeschlechter der ehemaligen Reichsstadt hielten mit Unterstützungen nicht zurück.
Das Unternehmen der Restaurierung war vom Schicksal begünstigt. Schon der Umstand war von unschätzbarem Vorteil, daß man sich an die Wiederherstellung nicht früher gewagt hat, als es in der Tat geschehen ist, obwohl der Zustand des Baues von jeher Anlaß genug gewesen wäre. Ein Menschenalter vorher beispielsweise hätte bei den maßgebenden Faktoren und ebenso in Künstlerkreisen nicht das gleiche Verständnis für alle Stilperioden des Baues und noch weniger für alle Gegenstände der Inneneinrichtung bestanden. Es wären zweifellos viele Inventarstücke der Renaissance, des Barock und Rokoko dem damals noch vielfach angewendeten Purifikationssystem zum Opfer gefallen.
Ein überaus glücklicher Griff wurde in der Wahl der Bauleitung getan. Die Kirchenverwaltung bestellte als Oberleiter den Professor Georg von Hauberrisser in München, der wiederum seinen Schüler Professor Joseph Schmitz mit der örtlichen Leitung betraute. Beide sind Gotiker von anerkanntem Ruf. Während der Restaurierung des Außenbaues behielt Hauberrisser die Oberleitung bei, die Restaurierung des Innern und des Inventars leitete Schmitz allein. Die beiden Meister huldigten dem Grundsatz der gleichen Existenzberechtigung sämtlicher Teile des Baues wie des Inventars, gleichviel ob künstlerische oder historische Interessen in Frage ständen, und dem anderen Grundsatz: besser zu wenig als zu viel restaurieren. Mit liebevoller Pietät und peinlicher Sorgfalt wurden alle Einzelheiten behandelt, und waren Ergänzungen von größerer Ausdehnung vorzunehmen, so boten die künstlerischen Qualitäten der Leiter Garantie für zutreffende Form.
Ein allgemein bindendes Programm oder bestimmte, für jeden speziellen Fall gültige Satzungen wurden nicht aufgestellt. Die Restaurierung erfolgte in einzelnen Abschnitten und wanderte von Bauteil zu Bauteil (Abb. [32]). Während der Vollendung eines Abschnittes wurde die Arbeit für den nächstfolgenden vorbereitet. Setzte die folgende Wiederherstellungsarbeit eine andere Art der Behandlung voraus, so wurden von der Bauleitung die geeigneten Maßnahmen beraten, die beschlossenen Absichten dem Bauausschuß der Kirchenverwaltung vorgelegt und nach den entworfenen Plänen die Ausführung in Angriff genommen.
Mit der Außenrestaurierung des Ostchores wurde der Anfang gemacht; es folgten die Nordseite, der Westchor und das südliche Seitenschiff. Die Türme bildeten den Schluß. Um während der Innenrestaurierung den Gottesdienst nicht auf längere Zeit unterbrechen zu müssen, teilte man die Kirche in zwei Hälften, welche nacheinander in Arbeit gegeben wurden. Zugleich mit der Innenrestaurierung des Baues wurde auch die Renovierung der Inventargegenstände betätigt.
Die äußerliche Schadhaftigkeit der spätromanischen Bauteile war bei dem Mangel feiner dekorativer Glieder am Außenbau naturgemäß geringer als die Schadhaftigkeit der gotischen Teile. Der Verwitterung am meisten ausgesetzt waren hier hauptsächlich die Bogenfriese und ornamentierten Kapitäle, welche durch getreue Kopien ersetzt wurden. An den ausgedehnten gotischen Partien fehlten nicht nur Krabben und Kreuzblumen, sondern auch Wimpergspitzen, Maßwerke, ja ganze Galerien waren dem Zerstörungswerk zum Opfer gefallen. Spärlich, doch ausreichend waren die aufgefundenen Überreste zur Ermöglichung zuverlässiger Rekonstruktion und Ergänzung. Von besonderem Interesse sind in dieser Beziehung die innerhalb der Mauerkrone des Ostchores aufgefundenen Reste der früheren Galerie. Die Restaurierung des Baues wurde daher durchgehends im Stilcharakter der einzelnen Bauteile durchgeführt. Die wiederholte Aufnahme des alten Baustiles und die Außerachtlassung neuzeitlicher Ausdrucksformen war ohne weiteres gerechtfertigt.
Auf leergebliebenen Konsolen des Ostchors und nördlichen Seitenschiffes fanden zahlreiche vom Bildhauer Georg Leistner in Nürnberg gearbeitete Statuen von Aposteln, Propheten und Kirchenvätern, dazu auch Luthers und Melanchthons Aufstellung. Sie erfüllen wesentlich einen dekorativen Zweck und fügen sich in ihrer gotischen Formengebung im allgemeinen gut der reichen architektonischen Umgebung ein.
Hauptarbeiten am Außenbau waren: Auswechslung der schadhaften Steine, Ergänzung, beziehungsweise Rekonstruktion der ruinösen oder abgefallenen Galerien, Pfeilerendigungen und sonstigen Zierglieder, Kopierung der verwitterten Bildwerke, Neubedachung der beiden Turmhelme und Flacherlegung der Seitenschiffdächer. Über diese Punkte, wie über alle Einzelheiten bei der Außen- und Innenrestaurierung, gibt der nachfolgende ausführliche Bericht der Bauleitung genauen Aufschluß.[68] Bezüglich der letzterwähnten Arbeit am Außenbau ist hinzuzufügen, daß von den verschiedenen Gestaltungen, welche den Seitenschiffdächern im Laufe der Jahrhunderte gegeben worden sind und deren jede für uns historische Berechtigung hatte: Kapellendach, flaches Pultdach, steiles Pultdach — das flache Pultdach als diejenige Form gewählt wurde, welche sich praktisch als die vorteilhafteste erwies.
Das Steinmaterial des alten Baues besteht beim romanischen Teil aus grauem, bei den gotischen Bauteilen aus rötlichem Sandstein der Nürnberger Umgebung von ziemlich grobem Korn. Die Beständigkeit dieses Materials insbesondere bei Verwendung für dekorative Glieder und figürliche Darstellungen ist eine sehr geringe, dazu kommen die schädlichen Einwirkungen des Rußes der modernen Fabrikstadt, die den Fortschritt der Verwitterung bei einem schon angegriffenen Stein außerordentlich beschleunigen.
Um derartigen Übelständen für die Zukunft vorzubeugen, wurde bei allen Ergänzungen und Kopien außer verschiedenen oberfränkischen Hartsandsteinen meistens der sehr harte wetterbeständige und quarzitreiche Stein aus den Wendelsteiner Brüchen bei Nürnberg verwendet.
Abb. 32. Westansicht, mit den Gerüstbauten.
An der Außenarchitektur hatten die späteren Jahrhunderte keine wesentlichen Neuerungen hinzugefügt. Anders verhielt es sich bei der Innenarchitektur. Fast jede Epoche hatte ihre Spuren hinterlassen, bestehend in einer oder mehrmaligen Übertünchung der Gewölbe und Wände. Es war sofort klar, daß der künstlerische Wert dieser Ausweißungen nicht auf der gleichen Stufe mit der vornehmen Wirkung des ursprünglichen Zustandes stehen konnte. Untersuchungen und Proben bestätigten diese Anschauung. Hiemit war die Grundlage für die Innenrestaurierung gegeben: auch im Innern war dem Bauwerk sein ehemaliges, dann durch unverständige Behandlung beeinträchtigtes Aussehen wiederzugeben. Nur wurde der Zweck durch gerade entgegengesetzte Maßnahmen erreicht: dort hieß es aufbauen, hier abnehmen.
Nach Entfernung des weißen Kleides der dicken Tünchkruste kamen eine, wenn auch nicht reiche, so doch überaus geschickt verteilte Polychromie sowohl beim romanischen Bau wie beim Ostchor und mehrere wertvolle Wandmalereien des 14. und 15. Jahrhunderts zum Vorschein. Im Westchor wurden zwei romanische Doppelfenster, welche einst die Turmhallen vom Chor aus beleuchteten, freigelegt. Zu den erfreulichen Entdeckungen kam aber zum Schluß eine höchst unangenehme Überraschung, welche die Innenrestaurierung sehr in die Länge zog. Gelegentlich der Beseitigung der Farbschichten an den beiden dem Ostchor zunächst stehenden Pfeilern des Langhauses, welche zu den ehemaligen Vierungspfeilern zählten, mußte die schlechte Beschaffenheit dieser Hauptstützen und somit ihre geringe Haltbarkeit festgestellt werden. Bei der außerordentlichen Belastung dieser konstruktiven Glieder war ihre Auswechslung unter Anwendung äußerster Vorsicht mit den größten Schwierigkeiten verbunden. Als nicht minder bedeutend ergaben sich die konstruktiven Arbeiten, welche an der unteren Ostwand des nördlichen Turmes, in dessen Mauern ursprünglich Treppenläufe angebracht waren, erforderlich wurden.
Mit der Aufdeckung der alten Polychromie und der Wandmalereien allein war die Aufgabe der Innenrestaurierung noch nicht gelöst. Es handelte sich um einen seinem Zweck nicht entfremdeten Bau, um eine noch als Gotteshaus dienende Kirche, und daraus ergab sich, daß das Innere, d. h. die bloßgelegten Malereien, Fenster usw. nicht nur durch Konservierung in einen haltbaren, sondern auch in einen das Auge der Kirchenbesucher nicht verletzenden Zustand versetzt werde.
Die erforderlichen Instandsetzungen wurden jedoch mit der äußersten Zurückhaltung und der größten Vorsicht vorgenommen. Bei alten Inventarstücken wurde unterschieden, ob es sich um Ersatz abgebrochener kleiner Details oder um Hinzufügung von selbständigen Teilen, z. B. von Türflügeln u. dgl. handelte. Im ersteren Falle wurde von Ergänzungen oft ganz abgesehen. Waren die Defekte gar zu störend und war die Ergänzung nach Vorbildern im Charakter des Originales einwandfrei herzustellen, so wurde sie dementsprechend vorgenommen. Bei selbständigen neuen Teilen aber, wie z. B. Türflügeln an Wandnischen oder vor Gemälden, Stuhlwerk, Anlage eines Wandbrunnens, Vertäfelungen der Sakristei, wurden primitive Formen ohne Zugehörigkeit zu einem besonderen Stile angewendet, die sich in die Umgebung ohne Mißklang einfügten, indem sie sich dem wertvollen historischen Bestande bescheiden unterordneten.
Die Erhaltung des gegenwärtigen Gesamtbestandes galt als Grundprinzip. Nicht das Verhältnis eines Gegenstandes in seinem Stilcharakter zur Wirkung der nächsten architektonischen Umgebung, auch nicht der Umstand, ob der Gegenstand heute noch den ihm zukommenden Zweck erfüllt, war für seine Erhaltung maßgebend, sondern einzig und allein die Tatsache seines Vorhandenseins. Bei den scheinbar unbedeutenden Gegenständen fiel das kirchen- und lokalgeschichtliche Interesse ins Gewicht. Eine besondere Beachtung wurde auch dem Standort der Gegenstände zugewendet. Gerade bei denjenigen Inventarstücken, welche ihrem ursprünglichen Zweck entfremdet sind, ist die Beibehaltung des alten Standortes von großer Wichtigkeit. Die historische Beziehung zur Kirche, welche meist nur aus dem Standorte zu erkennen ist, erhebt den Gegenstand über die Bedeutung eines bloßen Museumsobjektes.
Hervorzuheben ist, daß die Restaurierung der Statuen durch Abnahme der starken Tünchkruste mit dem Gewinn bunter Fassung und feiner Modellierung belohnt wurde, und daß bei vielen Werken Feststellungen bezüglich der Enstehungszeit und Autorschaft gemacht werden konnten. Die Ergänzungen der Bildhauerarbeiten, die Wiederherstellung der Faßmalereien und die Renovierung der Wand- und Tafelgemälde wurden vorgebildeten Kräften anvertraut. Nur zwei Gruppen von Inventarstücken mußten aus finanziellen Gründen vorerst zurückgestellt werden, die Wandteppiche und die Glasgemälde.
Den Bestand des Inventars hatte Heideloff wesentlich geschmälert. Die Mittelschiffemporen, die Kanzel und der Hauptaltar, aus der Barockzeit stammend, mußten seinen auf Stilreinheit gerichteten Wiederherstellungsabsichten weichen. Kanzel und Altar wurden durch Neuschöpfungen im Stile der Spätgotik ersetzt. Mit der Entfernung des neuen Altars erklärte sich der Bauauschuß einverstanden; man begnügte sich damit, anstatt des Altaraufsatzes einen der wertvollen Gobelins hinter der Mensa anzubringen und darüber die Kreuzigungsgruppe von Veit Stoß aufzustellen. Die reich geschnitzte Kanzel wurde belassen. Das Fehlen der langen Mittelschiffemporen wird man nicht zu beklagen brauchen. Denn nach Kupferstichen zu schließen, hatten sie keine künstlerischen Vorzüge aufzuweisen und standen der von ihnen verdeckten kunstgeschichtlich interessanten Triforiengalerie jedenfalls bedeutend nach.
Das Restaurierungswerk im ganzen betrachtet muß eine hervorragende, in Anbetracht der Qualität eine vorbildliche Tat genannt werden. Mit weiser, freiwillig auferlegter Zurückhaltung, dem vornehmsten Gebot der Denkmalpflege, hat die Bauleitung bei Lösung der gestellten Aufgaben verfahren. Die hier in der Praxis verwirklichten Anschauungen wird selbst der eifrigste Gegner, wenn er im konkreten Fall Restaurierungsbedürftigkeit und vollendete Ausführung gegenüberstellt, als richtig anerkennen müssen.
Die Anhänger der absoluten Stilreinheit sind zwar bis auf einige Unheilbare, die erfreulicherweise auf die heutige Entwicklung der Restaurierungsmethode ohne Einfluß sind, ausgestorben. Aber schon machen sich ernsthafte Bestrebungen geltend, welche unter Hinweis auf das Verhalten früherer Jahrhunderte gegenüber restaurierungsbedürftigen Denkmälern einer Ergänzung im Stilcharakter der Gegenwart auch bei der Außenarchitektur unter allen Umständen das Wort reden. Es erscheint unverständlich, wie hier das Vorgehen früherer Epochen als mustergültiges Beispiel empfohlen werden kann. So sehr auch den Alten gedankt werden muß, daß sie bei dem geringen Verständnis für vorausgegangene Stilperioden keine Lust verspürten, gegebenen Falls in der ihnen fremd gewordenen Formensprache Ergänzungen vorzunehmen — solche Fälle finden sich zwar auch in der Kunstgeschichte, jedoch nur vereinzelt —, so wenig wird begriffen, warum nun mit einem Male all die vielen Erfahrungen und gründlichen Kenntnisse, die man sich im Laufe des vorigen Jahrhunderts auf dem weiten Gebiete des Restaurierungswesens durch gründliches Studium der eigenartigen mittelalterlichen Konstruktionsmethoden besonders in der Steinmetztechnik verschafft hat, beiseite zu legen sind. Man sollte sich vielmehr darüber freuen, daß solche Erfolge erzielt wurden, und durch Gründung von Schulen für Fortpflanzung, Vermehrung und weitere Verbreitung der erworbenen Fähigkeiten Sorge tragen. Angenommen, unsere Zeit wäre in der zweifellos glücklichen Lage, über eigene Ausdrucksformen in der Kunst zu verfügen, welche auf gleicher Höhe mit den historisch gewordenen früheren Stilarten stünden: was wäre mit der Anwendung dieses Stiles z. B. bei der Restaurierung des Ostchores erreicht worden? Es hätte zunächst auf die mancherlei aufgefundenen Überreste, welche eine Restauration der alten Mauerkrone leicht ermöglichten, verzichtet und, um den ästhetisch unbedingt notwendigen Abschluß herzustellen, eine Bekrönung oder ein Dachgesims geschaffen werden müssen, welche keineswegs in den günstigen organischen Zusammenhang mit der Architektur des vorhandenen Mauerwerkes zu bringen gewesen wäre wie die rekonstruierte Galerie. Anders freilich würde die Sache liegen, wenn es sich um die Neuschöpfung eines selbständigen Bauteiles, etwa einer Sakristei, oder um Anschaffung eines neuen Inventarstückes, eines Altares, gehandelt hätte. Hier müßte individuelle künstlerische Eigenart zum Ausdruck kommen.[69]
Man vergißt anscheinend auch, daß das Vorgehen früherer Zeiten bei reparaturbedürftigen Denkmälern große Nachteile hatte. Wurden Bauten in jeweils modernem Stil ergänzt oder umgebaut, dann ließ man nicht immer die gebührende Rücksicht walten und entfernte oft mehr, als der Billigkeit entsprach. Defekte Statuen vollends, auch solche in gutem Zustande, wurden dem Zeitgeschmack gemäß abgeändert, meist verstümmelt oder, wenn sie nicht mehr gefallen wollten, vernichtet, defekte Gemälde wanderten im günstigsten Fall auf den Speicher, gewöhnlich wurden sie verschleudert oder übermalt, so daß sie in dem einen wie in dem anderen Fall unrettbar verloren waren. Gewiß keine empfehlenswerten Maßnahmen!
Die Bedeutung als nachahmenswerte Leistung gebührt dem nunmehr fertigen Werke der Wiederherstellung der Sebalduskirche auch deswegen, weil sich die Restaurierung nicht nur auf den Bau und die wenigen vom protestantischen Kultus benötigten Inventargegenstände, sondern auf die gesamte ungemein reichhaltige Ausstattung erstreckt hat. Wohl selten wird Gelegenheit geboten, einen Bau von der Stellung der Sebalduskirche und zugleich eine solche Fülle von Meisterwerken nach pietätvollen Prinzipien unter berufener Leitung zu restaurieren und unter so günstigen Umständen die Arbeit zu vollenden. Ein ganz besonderes Verdienst gebührt hiebei dem kunstsinnigen Pfarrer von St. Sebald, Kirchenrat Friedrich Michahelles, der die Vollendung des Werkes nicht mehr erleben sollte. Einen wesentlichen Beitrag zu dem Werke lieferte im übrigen die Unterstützung des Nürnberger Patriziats. Ist es ihm schon zu danken, daß in den späteren Jahrhunderten, als der stets wechselnde Zeitgeschmack, namentlich in den Gegenden des Protestantismus, zu ungunsten der Kunsterzeugnisse des Mittelalters sich äußerte, in Nürnberg soviel wie möglich von den Werken der Väter gerettet wurde, so war es diesmal ebenfalls Lokalpatriotismus im besten Sinne des Wortes, welcher es, ohne große Opfer zu scheuen, zustande brachte, die prächtigen Familienstiftungen in ihrer Gesamtheit in altem Glanze erstehen zu lassen.
Zur Erhaltung der ruinösen Originale, Statuen, Reliefs und der kleineren Bauglieder, welche durch Kopien ersetzt werden mußten, wurde von der Bauleitung ein kleines Museum gegründet, welches in der Westkrypta als Lapidarium und im oberen Stockwerke der großen Sakristei Unterkunft gefunden hat. Ein anderer Teil der Statuen ist in der Kirche selbst untergebracht. Im oberen Stockwerke der Sakristei wurden als weitere Sammlungsgegenstände Modelle, zeichnerische und photographische Aufnahmen der Kirche in ihrem vorgefundenen Zustand beigefügt. Das angehäufte und systematisch geordnete Anschauungsmaterial gestattet einen vortrefflichen Einblick in die Tätigkeit der Bauleitung und die von ihr angewendeten Grundsätze und Methoden.[70] Über dieses kleine Museum der Denkmalsplage, wie man es nennen könnte, wird etwas ausführlicher noch weiter unten zu handeln sein.
Wir lassen nunmehr die Berichte der Bauleitung über die Wiederherstellungsarbeiten in ihrem Wortlaute folgen.