Liebe als Macht

Das atmende, das durch Tag und Jahr und Lebensalter hindurch flutende Leben des Selbst, all dieses schwingende Geschehen im Leben des einen Menschen, gerinnt zu Schicksal für den anderen und heißt dann: Liebe. In dem Maße, wie Liebe sich eigenwillig gebärdet, faßt das Wort noch nicht ganz seinen Inhalt. Erst wo sich das ganze Leben unter einen anderen Neigungswinkel beugt, also dem anderen Menschen in seiner Gesamtheit dargebracht wird, ist Liebe im großen Sinn. Solche große Liebe, die das ganze Leben in ein liebendes Leben verwandelt, ist aber nicht in dem Sinne Schicksal, als ob es jedem so ohne weiteres zufallen könnte. Nur wenige vermögen dieses Schicksal zu tragen. Eine doppelte Erfahrung muß im ganzen Ausmaß ihrer Höhe und Tiefe vorausgegangen sein. Die im tiefsten Grunde schmerzliche Erfahrung von dem Alleinsein der Menschen und das beglückende Geheimnis von der trotzdem möglichen Vereinigung gibt die beiden Pole, die erreicht werden müssen, wenn die Liebe wirklich umspannend werden soll. Sonst wird die Liebe eben nicht rund wie die Welt und nicht umfassend wie das Leben, sondern bleibt Stückwerk, Schmuckwerk, kommt leuchtend hier und da zutage und verschwindet dann wieder auf lange Strecken.

Das Kind nimmt aus dem Mutterleib die dunkle Glückserinnerung an den Zustand des völligen Umschlossenseins mit. Da gab es noch nicht Getrenntheit. Es hatte das Blut der Mutter zu eigen. Geburt ist dann der große Schmerz des Getrenntwerdens. Mit diesem Schmerz wird zugleich der Wunsch geboren, den schmerzlosen Zustand wieder zu gewinnen. Sehnsucht nach Besitz und Macht in den verschiedensten Gestaltungen quillt von nun an unaufhörlich aus dieser dunklen Wunschquelle und ist weiter nichts als das zu reißend gewordene allzu ungestüme Verlangen, selbst in den andern einzugehen. Mit Augen und Händen ergreift das Kind darum sogleich Besitz von der Welt und den Menschen. Was ihm nahekommt, gehört ihm. Die Eltern kommen diesem Besitzwunsch des Kindes so lange entgegen, wie er sich in der liebenswürdigen hilflosen Art des kleinen Kindes äußert. Wenn das Kind dann erst laufen kann und seine Wünsche unbequemer werden, beginnt man zu »erziehen«, d. h. abzugewöhnen. Dabei werden aber die Eltern oft kindischer als die Kinder. Ihre eigene dunkle Sehnsucht nach Macht benutzt die Gelegenheit, von dem Kind, das sich ja nicht wehren kann, Besitz zu ergreifen. Aus demselben dunklen Grund stammt ja bei Eltern und Kindern dieser Wunsch. Auch die Mutter hat ja das Kind einmal ungetrennt besessen. Daß es noch ihr eigenes Fleisch und Blut sei, will sie möglichst deutlich immer wieder erfahren. Auch sie willigt in kein Getrenntsein ein. Grauenhaft ist es nun zu sehen, wie die meisten Kinder als das allerdings kostbarste Besitzstück der Familie betrachtet und auch sogar nach außen hin als solches hin- und hergeschoben und gezeigt werden. Die Erwachsenen sind stärker. Sie setzen ihren Willen durch. So wird der junge Wille meist schon ganz früh gebrochen, die Begierde der Kinder wird erdrückt und kommt erst später wieder zutage. Oder das Gegenteil geschieht (wenn auch nicht so häufig): dem Kind wird alles zu willen getan. Und es lernt dann niemals das Getrenntsein, den Abstand von Menschen und Dingen. Es bleibt unerlöst in seiner Besitzbegierde stecken. Beides, das gewaltsame Unterdrücken der kindlichen Besitzbegierde wie das schrankenlose Gewährenlassen dieses Triebes, begründet die spätere Unfähigkeit zu lieben.

Die bestehenden Schulen versagen hier auch fast vollständig. Die meisten Lehrer widmen sich ja aus Erwerbsgründen diesem Beruf. Sie lieben die Kinder gar nicht. Gegen das jugendliche Drängen müssen sie sich wehren, weil es ihre eigene Macht bedroht. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als eine Maske anzunehmen, damit das Schwinden ihrer Macht nicht bemerkt wird. Wo sie spüren, daß ihre Macht im Schwinden ist, müssen sie gleich zum Gegenangriff übergehen, weil sonst alles verloren ist. Ihr Beruf, ihr Amt, ihre Schulklasse wird »ihre Aufgabe«, an der sie arbeiten, das Material, an dem sie ihre Kraft sehen können, der Besitz, über den sie verfügen. Wo sich unter den jungen Menschen anders gerichtete Kräfte regen, da sind sie sofort argwöhnisch, als sei jedes eigenmächtige Wachstum selbstverständlich gegen ihre Autorität gerichtet. Aber Autorität wahren, nichts sich vergeben, immer oben sein, ist ihre einzige Rettung, sonst paßt ihnen ihre Maske nicht mehr und rutscht ihnen vom Gesicht herunter und sie sind hilflos. Und so ist es denn auch, wenn sie einmal ihre Autorität nicht ausüben, also nicht dauernd sich stark genug zeigen, ihren Willen überall durchzudrücken, dann merken die Jungen sofort das Loch, wo sie ausbrechen können, um den Zwang, der immer auf ihnen lastet, fortzuschieben. Sie gehen dann sofort zum Angriff über, um ihrerseits nun Zwang auf den Lehrer auszuüben. In kurzer Zeit lernen sie die schwachen Stellen unfehlbar sicher benutzen. Und so bilden sich in den Schulen immer wieder die zwei Hauptarten des Lehrers, der Tyrann und der Popanz.

Doch auch der wirklich liebende Erzieher kann hier versagen. All seine bildnerischen Fähigkeiten helfen ihm hier nichts. Leicht und unmerklich verfällt er dem Besitzgedanken, wenn er vergißt, daß er lebendige unter seiner Hand wachsende Menschen vor sich hat. Mit der Gewalt seiner Liebe kann er über die Kinder kommen, sie zur Unterwürfigkeit verführen und so zum Tyrannen wider Willen werden. Oder er kann in seiner hingebenden Liebe gar zu hinfällig werden und so dann wieder ungewollt ihre tyrannischen Instinkte erwecken.