Über den Tod

Das Leben ist ein Wurf aus dem Dunkel des Todes wieder in das Dunkel des Todes zurück. Bei der Empfängnis im Mutterleib springt die Lebenslinie sogleich senkrecht aus dem Spiegel des Nichtseienden herauf, durchrast in der Zeit der neun Monate spiralig in sich gekrümmt mit einer für unser Bewußtsein unvorstellbaren Wucht alle Stufen des pflanzlich tierischen Lebens und springt dann in fast senkrechtem Anprall im Augenblick der Geburt als eigenbewegliches Leben ans Tageslicht, um nun im steilen Bogen aufwärts zu steigen bis zur Höhe des Lebens. Dort hält sich die Linie eine Weile in scheinbar gleicher Höhe, um sich dann allmählich zu senken und je nach der Spannweite des Lebens früh oder spät mit schmerzvollem Anprall in den Spiegel des Nichtseins wieder unterzutauchen.

Alle Rhythmengefüge, von denen bisher die Rede war, Atem und Tagesrhythmus, Jahresrhythmus und der Rhythmus der Lebensalter spannen sich in diesen alles überspannenden Bogen von Geburt zu Tod. Und dadurch kommt ein völlig anderer Klang auch in die Teilrhythmen des Lebens. Nämlich der Klang des »Einmal«. Bisher wurde das Leben als ewiges Leben, als ein immerwährend Auf und Ab von Rhythmen angesehen, so wie es der Mensch in seinen jugendlichen Stunden in seinen vollklingenden Stunden eben tatsächlich betrachtet und betrachten muß. Es ist aber auch ein Gegenklang von der Todesseite her. Viele Namen bezeichnen ihn: Zwang, Notwendigkeit, Schicksal, Fatum, Ananke. Aus dem wachsenden Wissen um diesen Gegenklang entspringt plötzlich einmal die Gewißheit: nicht immer geht es so weiter von einem Atemzug zum anderen, von einem Tag zum anderen, von einem Jahr zum anderen, von einem Lebensalter zum anderen, von einem Werk zum anderen. Wie man bei der Erdbetrachtung zunächst einmal ruhig die Krümmung der Erdoberfläche außer acht läßt und alle Länder und Meere auf einer Fläche nebeneinander ausbreitet, Erdteil um Erdteil, als ginge es immer so weiter. Nun aber gilt es, die Krümmung in Rechnung zu setzen. Der Tod strafft die in sich selbst rhythmisch schwingende Lebenslinie bogenförmig zusammen und zwingt so das Leben zu seinem Schluß. Und dieser Bogen von der Empfängnis im Mutterleib bis zum Tod, diese alle anderen umfangende Kurve ist nicht mehr dehnbar oder wiederholbar. Sie ist festgelegt oder wenigstens erscheint uns festgelegt. Während der Wille des Menschen das innere Rhythmengefüge dauernd in seiner Anordnung verändert oder zu verändern scheint, ist die äußerste Kurve, der Bogen von der Geburt her durch den Tod notwendig bestimmt.

Verfolgt man von hier aus nun alle die vorher betrachteten Teilrhythmen noch einmal rückwärts bis zu dem ersten Atemzug hinauf, so wird sich alles als tod-gebundene Notwendigkeit erweisen, was zuvor als aufwallendes Leben angeschaut wurde. Die kleinste Atemschwingung ist da, wo sie hinabschwingt in die schöpferische Ruhelage, ein Bild des Todes und faßt darum auch den ganzen Segen des Einmal und Nichtwieder in sich. Ausatmend kann der Mensch in jeder Minute sterben, d. h. zur Ruhe kommen, abschließen, zu Ende bringen. In Stunden der Erschöpfung gelingt es wohl dann und wann einmal, im Ausatmen sich so ganz und gar zu Ende zu bringen. Und auch die anderen größeren Rhythmengefüge, von denen die Rede war, sind jedesmal da, wo die Abwärtsschwingung zur Ruhe kommt, Bilder des Todes, der Tag, der in den Abend schwingt und den Menschen in den täglichen Schlaf fallen läßt, der monatliche Abschwung der sexuellen Kräfte, das Abklingen der Jahreszeiten, die Pausen zwischen den menschlichen Lebensaltern, und schließlich auch das Abfallen der Arbeitsleistung von dem unbemerkt tausendfältigen Herabtropfen der alltäglichen Kleinarbeit bis zu dem seltenen schwerreifen Abfallen wertvoller Lebenswerke. Alles das ist todüberschattet.

Ja mehr noch: der Tod ist der Verursacher. Der Tod setzt der Kraft des Lebens Ziel und Grenzen, und ruft eigentlich darum erst dies alles hervor. Weil Tod ist, darum entsteht alles Begrenzte, alles Geformte, alles Abgeschlossene, alles Einzelne, alles Selbständige, um sich abzugrenzen gegen den Tod. Der Tod läßt das Leben überhaupt erst aufbäumen, daß es zu Rhythmus und demzufolge zu Gestaltung kommt. Sonst würde es ewig und geradlinig weiterfließen, ungetrennt, formlos. Von hier aus gesehen ist das Leben in seinem Lauf eine vielfältig prächtige Flucht vor dem Tode. Jeder aufsteigende Rhythmus ist ein erzwungenes Ausweichen. Jedes abfallende Werk ist ein zögernd hingeworfener Brocken von dem großen Raube des glücklich weitergetragenen Lebens. Je größer die Lust an Leben ist, desto bewußter wehrt sich das Selbst täglich, stündlich, bei jedem Atemzuge in diesem Auf- und Abschwingen, die alle doch nur das eine sagen und wiederholen: ich lebe, lebe und will nicht sterben.

Der Tod geht überall in den Dienst des Lebens, und seine Macht wird scheinbar gering. Je bewußter und kühner die Lebensschwingungen nun werden, desto gewaltiger wächst aber die Gefahr mit. Unter dem Namen Krankheit, Sünde, Schuld wurde schon vorher von der Gefahr gesprochen. Hier wird sie mit ihrem umfassendsten Namen genannt: Todesfurcht. Es kann geschehen, daß der Tod schon lange wohlgezähmt dem Leben diente, aber bei irgendeiner Gelegenheit, ganz plötzlich wird er in seiner Urgestalt, in seiner Nichtgestalt erkannt. Entsetzen vor dem Tode ist plötzlich da und nichts anderes als Entsetzen. Einzige Ausflucht bleibt: das Leben festzuhalten. Und dieser Wunsch rät öfter und öfter zur Vorsicht und Schonung. Die Lebenskraft wird zurückgehalten, wo der Einsatz zu groß scheint. Man spart sein Leben auf, wird geizig mit seiner Kraft. Bei der nächsten Gelegenheit könnte man diese zurückgehaltene Kraft besser anwenden, glaubt man. Aber in Wahrheit ist alles Furcht vor dem Abnehmen der Kraft, Furcht vor dem Tode. Man möchte gar zu gern das Leben aufspeichern, um recht lange davon zu zehren. Es ist der Besitzgedanke, der da das Leben durchseucht hat und plötzlich alle, aber auch alle Mühe vieler Jahre mit eins zunichte macht. Es ist hier wie stets, die Gefahr kommt von einer anderen Ecke als man vermutet. Der, der sein Selbst lange Zeit gepflegt hat und dem es nun Früchte bringt, dem mancherlei Leistungen immer besser gelingen, glaubt natürlich, die einzige Gefahr läge im Nichtstun, man nennt das Zeitverlieren; er sucht alle Löcher zu verstopfen, durch die seine Lebenskraft noch nutzlos verrinnen könnte. Mit wenig Zeit viel erreichen, das ist sein Wille. Und während er all sein Augenmerk nur immer auf Steigerung des Lebens richtet, unvermutet packts ihn von der anderen Seite. Es ist wie ein Schwindel nach langem Bergsteigen.

Es kann nur zweierlei geschehen. Der starke Mensch verschließt sich vor diesem ersten Gewahrwerden des Abgrundes. Er erkennt den Tod einfach nicht an. So ist es heut gewöhnlich. Angst gilt nicht. Der Mensch soll und soll und soll … Und so beginnt er den völlig hoffnungslosen Kampf mit der eigenen Todesangst. Wo man sie findet, stößt man sie weg, so daß sie in die Träume und unbewachten Augenblicke flüchtet, bis der Mensch an einem grauenvollen Tage schließlich doch übermannt und zerbrochen wird. Der schwache Mensch dagegen gibt gleich beim ersten Mal das Spiel verloren. Der Tod nimmt von ihm langsam Besitz. Die Lebensfreude weicht. Der Mensch fragt sich bei jeder Gelegenheit: wozu? Die falsch verstandene Weisheit des Predigers: »Alles ist eitel« vergiftet die Freude an jedem Tun und jedem Genießen.

Hier gibt es nur eins: Bejahung des Vorhandenen. Die Todesfurcht ist da und nicht wegzuleugnen. Todesfurcht heißt nur: ich liebe des Leben! Warum also Scham vor der Todesfurcht? Unterliege ich diesmal der Furcht, lasse ich mich heute ganz durchdringen von dem Tod, morgen vielleicht schon werde ich wieder jung werden mit einem anderen Tage, und mein Leben ist wieder siegreich. Volle Anerkennung der Schwäche, ein Ersterben in Furcht ist nötig, um die Furcht zu entkräften. Die heroische Weltanschauung will das nicht zugeben, d. h. sie will es nicht so weit kommen lassen. Sie verdrängt die Todesfurcht. So sagt man schon dem kleinen Jungen, der seinen Mund zum Weinen verziehen will: was, du willst ein Junge sein, du wirst dich doch nicht unterkriegen lassen? Jawohl. Er soll sich unterkriegen lassen mit aller Inbrunst des Versinkens in das Unvermeidliche. Viel zu früh geben die allermeisten auf, sich vor dem Tode zu fürchten, weil sie gar nicht wissen, was sie mit ihrem Leben verlieren können, weil sie ihr Leben nicht lieben und es ihnen gleich anfangs leicht und feil ist oder wohl gar unnütz oder mühselig oder belanglos. Wo man nicht liebt, ist es freilich einfach, nicht zu fürchten. Aber wo das Leben in einem Menschen groß und hell und weltenweit geworden ist, da ist so viel zu verlieren, daß manchmal nächtelang rund um ihn nichts ist als Furcht.

Aber nach solcher Überflutung von Angst und Grauen wird eine verborgene Kraft wirksam werden. Es gibt eine Kraft, die plötzlich im Untersinken das Unvermeidliche lieben läßt, sogar wenn das Unvermeidliche das Aufhören des selbsteigenen Lebens wäre. Wer dieses erfahren hat, weiß es. (Und viele haben es in dieser Zeit erfahren.) Wer in einem Augenblick des sehr nahen Todes diese große Umstellung gespürt hat, vermag von da an die Furcht zu entkräften mit der lächelnden Abspannung: ich gebe mich hin, ich lasse mich treiben, selbst und ungezwungen lasse ich mich fallen in den Tod. Diese Kraft kommt ruckweise über den Menschen und löscht alles Vorhergewesene aus. Unvergleichbar ist das mit dem lässigen Aufgeben eines gleichgültigen Dinges. Wo die Umstellung mit dieser lässigen Gebärde geschieht, ist noch Lüge dabei. In Wahrheit ist es wie nach dem Ziehen einer herrlichen Last bis an den obersten Rand, bis sie rund und voll daliegt und im Licht funkelt. Nun aber ist es gut: nun lasse ich meine Hände davon. Das, was meine ganze Kraft, Freude und Leid in sich enthält, das lasse ich nun fahren, wende mich davon ab und bleibe leer und arm und nichts. Gewaltig und schöpferisch ist diese Inbrunst des Lassens, und die Furcht hat nichts mehr wo sie anpacken könnte und wandelt sich in ein leise fragendes Staunen: Was nun? Hier wird bewußt, was Wahrheit ist: der Leben erschließende und Leben beschließende Tod nicht mehr Feind des Lebens, sondern die große schöpferische Pause des Lebens.