Tagesschwingungen

Der durch den schwingenden Atem immer sicherer werdende Eigenrhythmus wird auch allmählich helfend spürbar werden, wo das Selbst des Menschen durch größere Zeitteile des Lebens hindurch schwingt. Alle diese größeren Rhythmengefüge, die da in Betracht kommen, unterscheiden sich in etwas grundsätzlich von dem Blut- und Atemrhythmus. Der schwingende Atem erbaut seine Periodik nach einer gewissermaßen in dem Menschen selbst befindlichen Schwingungszahl. Diese größeren Rhythmengefüge aber, von denen nun die Rede sein wird, schwingen außerhalb des Menschen selbst. Auf ihre Periodik hat er keinen willensmäßigen Einfluß. Hier bleibt immer nur die Frage: wie schwingt sich sein Selbst durch diesen fest bestimmten und unveränderlichen Lauf der Gezeiten? Oder anders gewandt: Wie behauptet sich sein Selbst in der Zeit?

Genau so achtlos und ihrer selbst unbewußt wie die Menschen gewöhnlich hinwegatmen über ihren eigenen Rhythmus, genau so mechanisch leben sie im allgemeinen über die durch den Umlauf der Gestirne bedingten kleineren und größeren Gezeiten hinweg, ohne ihren eigenen Rhythmus darin zu behaupten oder auch nur zu erkennen. Deutlich wird dieser Zustand an der Tatsache, daß der Kalender zu einer ganz mechanisch benutzten Zeittabelle herabgesunken ist. Der Abreißkalender ist heute das Symbol für diese achtlos wegwerfende Gebärde der Menschen. Man reißt die Tage in seinem Leben ab, achtlos einen nach dem andern und so die Wochen, Monate, Jahreszeiten und Jahre.

Niemand fragt: was ist das nun, Tag? Diese durch den Sonnenlauf gesetzmäßig bedingte Einheit, geteilt in Tag- und Nachthälfte, dieser Doppelrhythmus, ansteigend und absteigend von Morgen zu Abend und abermals absteigend und ansteigend von Abend zu Morgen. Niemand fragt auch die zweite darin enthaltene Frage: wie behauptet sich nun das Selbst des Menschen in diesem rhythmisch schwingenden Tageslauf?

Diese beiden Fragen sind aber von grundlegender Bedeutung für den Lebensaufbau. Es muß geschehen, daß der Mensch diese rhythmische Urgewalt von Tag und Nacht immer von neuem wieder spürt und liebend erkennen lernt und sein Selbst darin einfügen lernt. Zunächst also dies: von der einfachen Schwere dieses gesetzhaften Ereignens: Tag und wieder Tag und wieder Tag! muß der Mensch bis zum Rand voll werden. Er muß leben können wie ein Vogel oder ein Waldtier, hingegeben und ganz abhängig von der ewigen Wiederkehr der Tage. Ganz klein und schwach muß er werden, willenlos sich überlassen dieser reißenden Gewalt des Sonnenlaufs. Er muß sich mit aufnehmen lassen von dem großen Schwung des Morgens, er muß sanft und langsam mit hinabschwingen bis zur mittäglichen Pause. Er muß dann mit dem Nachmittag schwerer sich noch einmal aufschwingen und dann endgültig hinabschwingen in die Ruhe der abendlichen Pause, in den Feierabend. Die große Frage jedes Tages ist also: wie ist es möglich, sich ganz offen zu halten, sich ungehemmt von den rhythmischen Wellen der Sonnenwiederkehr durchfluten zu lassen?

Das ist nur möglich, wenn der Körper des Menschen mit dem Tag, durch den er hindurchschwingt, gleich gestimmt wird. Wie schwingt nun das Selbst des Menschen durch seinen eigenen Körpertag? Ein jeder weiß ja ungefähr von diesem seinem täglichen Auf- und Abbau, aber das Wissen darum ist eben ganz lückenhaft und das Gesetz, das da zugrunde liegt, bleibt unvollkommen erkannt und stückweis befolgt.

So ist der tägliche Auf- und Abbau des Menschen, der Stoffwechsel, zu beschleunigt oder zu stockend geworden, weil er von Jugend an sein eigenes Gesetz nicht recht beachtend, zu viel oder zu wenig oder unzuträgliche Nahrung zu sich nimmt und dementsprechend die Abfallstoffe nicht genügend ausscheidet. Unreinheit des Blutes, Stocken des ganzen Säfteumlaufs ist die Folge. Nach außen braucht das oft gar nicht so sichtbar zu werden. Oft aber ist es spürbar als ein fader oder gar schlimmer Geruch, der sich von dem Körper erhebt. Allgemeine Nahrungsgesetze und chemische Tabellen können hier nur den äußeren Rahmen einer vernünftigen Ernährung bestimmen. Nur unmerklich und zwanglos kann der Führer hier sein Amt erfüllen. Der junge Mensch muß einfach eine nicht einseitige, sorgfältig und liebevoll bereitete und in jedem Fall reine Nahrung erhalten und nach seinem Beispiel allmählich freudig und nachdenkend essen lernen. Er wird lernen, wie diese Nahrungsstoffe gewachsen, zusammengesetzt und wie sie zubereitet sind, vor allem aber wie sie auf sein Selbst wirken. Er wird lernen, wieviel von Aufbau bewirkenden und Ausscheidung bewirkenden Stoffen er braucht, in welchen Abständen er essen muß und in welchen Abständen er wiederum sich der Abfallstoffe entledigen muß.

So wird der junge Mensch allmählich überall die noch nicht vom eigenen Rhythmus beseelte Schwere seines Körpertages zu spüren beginnen. Alle die vielen Menschen, die noch keinen eigenen Körper besitzen, die höchstens über dem mit Kleidern behangenen Rumpf einen eigenen Kopf besitzen, werden schwer begreifen, um was es sich hier handelt, nämlich um die Eigenbeweglichkeit des Menschen. Der Führer wird lange hinhören müssen, wo und wann es sich zuerst in dem Körper seines Vertrauten regt. Am Morgen vielleicht, wenn die ersten Bewegungen des Körpers noch gegen die Ruhelage der Nacht am ausdrucksvollsten sich abheben, wird er sagen können: so stürmisch oder so bedächtig ist sein wahrer Tagesrhythmus. Die Muskeln und Sehnen werden entweder verkrampft sein oder zu wenig entwickelt. Die Verdauung wird zu schnell oder zu langsam arbeiten. Überhaupt der ganze Mensch wird entweder zu gespannt oder zu schlaff sein. Das ist eine Abweichung von dem wahren Selbst dieses Menschen, der sich in seiner ganzen Schönheit dem Führenden vielleicht einmal in der gelockerten Haltung des Schlafes oder in einer unbewußten Gebärde irgendeines wilden Tages wesentlich offenbart hat.

Diese Abweichung im Sinne zu großer Spannung oder zu großer Entspannung wird vielleicht durch Übung der einzelnen Glieder und des ganzen Körpers aufgehoben werden können. Solche gymnastische Übung braucht nun keineswegs jeden Körper womöglich nach demselben System gleichmäßig in allen seinen Teilen durchzubilden. Wie bei der Ernährung kann das System nur der äußere Rahmen der Körperübungen sein. Die Schwingung des Körpertages muß durchschlagen, muß allein bestimmend sein für die Wahl, Anzahl und Zusammensetzung der Übungen. Oft werden auch gar keine Übungen nötig sein. Das große Ziel, das immer im Auge behalten werden muß, ist allein dieses: wie der ganze Mensch ist, so sollen seine Gebärden, sein Gang, seine Haltung, alle seine Bewegungen sein, ein immer lebendiger unverwechselbarer Ausdruck seiner Tage.

Beides zusammen, der Stoffwechsel im Innern des Körpers und die Bewegung des Körpers nach außen, erbauen das Gefüge des Körpertages. Dieser tagtäglichen Wahrheit gilt es ganz eingehend in sich selbst nachzuspüren: wie die von außen genommenen täglichen Aufbaustoffe innen im Körper verarbeitet werden und sich wieder nach außen in die tägliche Bewegung des Körpers umprägen. Die Gebärde, d. h. die gesamte Eigenbeweglichkeit der Menschen ist ganz entscheidend von der Ernährung abhängig. Die auffällige Verschiedenheit des Menschenschlags in oftmals nahe beieinanderliegenden Gegenden ist aus der verschiedenen Nahrung zu erklären. In Gegenden, wo viel Fleisch und Fett gegessen wird, bildet sich ein schwerer Schlag aus, Menschen von langsamen, nachdrücklichen, schwerflüssigen Gebärden. Und wie im kleinen so sind auch sicherlich die wenigen großen Rassen der Menschheit in ihrer körperlichen Artverschiedenheit nicht nur durch das Klima bestimmt, sondern auch durch grundlegend verschiedene Ernährungsgewohnheiten. Davon hängt wesentlich ab, was in Gebärde und Geruch bei den anderen Rassen anders ist und oftmals gerade die unüberwindliche Abneigung der Rassen voreinander, den Rassenhaß, im tiefsten und unbewußten Sinne begründet. Die Menschen können sich tatsächlich nicht riechen und geraten in Wut, wenn sie die grundanderen Gebärden der anderen Rasse sehen.

Die wenigen selbständigen Menschen, die Rassenhaß wirklich überwinden können, sind nicht etwa die geistig Selbständigen (bei denen bricht Rassenhaß notwendig, wenn auch oft gegen ihren Willen immer wieder durch), sondern die körperlich Selbständigen, welche Eigengeruch und Eigenbeweglichkeit besitzen. Sie allein können die rassenfremde Körperlichkeit als etwas Schicksalhaftes begreifen, vielleicht sogar als etwas Fernes lieben, wie sie ja auch die Masse der eigenen Rassegenossen längst als körperfremd und fern zu empfinden gelernt haben. Nur die wenigen Menschen, die sich ihren Körper zu eigen gemacht haben, also ihr körperliches Selbst beherrschen und lieben können, finden stillschweigend über alle Rassenunterschiede hinweg unmittelbaren Zugang zueinander. Über alle die andern kommt notwendig immer wieder der wilde, leidenschaftlich schöne Haß, der letzten Endes zu Krieg und Vernichtung führt, aber zuvor freilich auch die herrlichsten Werke des Glaubens und der Kunst im Wetteifer gegeneinander emporstellen hilft.


Das Bild eines Tages[2]

Der für jeden Menschen nach einem ganz allein ihn selbst angehenden Gesetz gebaute Körpertag fügt sich ein in den großen, für alle Menschen, ja für alle Lebewesen gleichgestimmten Sonnentag. Diese tägliche Durchdringung von Körper- und Sonnentag wird sich nun vielleicht für die gemeinsam Suchenden, für Führer und Gemeinde in den gemeinsam durchlebten Tagesläufen, allerdings langsam genug, ergeben.

Am frühen Morgen entscheidet sich das Schicksal jedes Tages. Die aufspringende Wucht des Morgenanstiegs muß vor allen Dingen ungehemmt bleiben. Die in der Nacht abgebauten Stoffe müssen da sorgfältig aus dem Körper entfernt werden, so daß der Körper von innen und außen leicht und rein in den Morgen geht. Aus der Ruhelage der Nacht schießt die Morgenkraft des Sonnentages auf. Dies Schwebende, Schießende, Sprießende des Morgens ist so unbeirrt stark und eigenständig, daß der Mensch sich davon tragen lassen muß. Alles muß er tun, um seinen Körper leicht zu machen, daß er die Schaukel jedes Sonnentages bei ihrem Aufschwung möglichst wenig beschwert. Erwachend, muß er seine Atemschwingungen gleich leicht machen, die Schwere des Schlafes ausatmen. Sich dehnend, wird er die schlafgebundenen Glieder wieder beweglich machen. Er wird den ganzen Körper durch ein Bad von außen und durch die Abführung der Abfallstoffe von innen reinigen. Mit aller Inbrunst wird er sich dieser Bereitung seiner selbst hingeben, wissend, daß er nur so in den aufschwingenden Takt des Tages rasch und leicht hineinkommen kann. Nun muß er sich tragen lassen von dem Aufschwung des Morgens und alles Eigenwillige unterlassen. Wenn er durch eine große Morgenmahlzeit dem Körper sehr viel Aufbaustoffe zuführt, ist es vorbei mit diesem Sichtragenlassen. Nicht viele schwere fett- und mehlhaltige Stoffe wird er zu sich nehmen, sondern viel eher irgend etwas Zartes und Aromatisches. Der Führende kann hier seinen Anvertrauten viel helfen, indem er all das, was die bequemliche Gewohnheit alternder Menschen dem Morgenanstieg in den Weg gebaut hat, ihnen forträumt oder vielmehr erst gar nicht an sie heranläßt. Er wird einfach bei jedem Einzelnen abwarten, ob er auch wirklich das Verlangen hat, solche schweren Dinge frühmorgens zu essen. Diese tägliche Morgenfrage muß eben täglich von neuem eine Frage sein, darf nicht durch einen immer wieder in der gleichen Weise besetzten Frühstückstisch abgestumpft werden. Erst dann wird allmählich jeder Einzelne lernen, was und wieviel und zu welcher Zeit er etwas frühstücken soll, ohne sich für seinen Tag zu belasten.

Die aufsteigende Kraft des Morgens wird sich nun voll und freudig in Arbeit umsetzen können. Die frühen Morgenstunden sind die Stunden der schöpferischen Leistung. Das kann nun körperliche wie gedankliche Leistung sein. In jedem Fall aber muß die Arbeit getragen sein von dem Morgen, muß drängen und strömen und jubeln mit dem steigenden Bogen der Tageskraft. Wo die Arbeit des frühen Morgens etwa durch ihre Schwere oder ihre Zerstreutheit oder ihre Gleichförmigkeit zu unlustiger oder gedankenloser Verrichtung zwingt, ist gleich der ganze Tagesschwung in seiner aufspringenden Wucht gefährdet. Der Mensch ergibt sich dann wohl auch, trägt seine Arbeitslast geduldig oder ungeduldig bis zum Abend fort, aber Lust und Freude ist dahin. Der lebendige Wettlauf der eigenen Kräfte mit der steigenden Sonne ist am Anfang gleich unmöglich gemacht. Das ist das Schicksal der meisten körperlich wie geistig arbeitenden Menschen unserer Tage geworden.

Hier gilt es umzuordnen. Die wahrhaft drängende, die schöpferische Arbeit muß an den Morgen des Arbeitstages geschoben werden. Feld- und Gartenarbeit in dem aufdampfenden Erdboden mit den erwachten Pflanzen ist so drängende Arbeit. Auch das Versorgen der morgenkräftigen Tiere im Stall ist so drängend. Die Vorbereitung und Zubereitung der Speisen für die beiden Tagesmahlzeiten in der Küche, das Schaben und Putzen, Kochen und Backen der frischen, wohlriechenden Dinge, die dem täglichen Körperaufbau dienen sollen, auch das ist solche drängende Arbeit. Dies alles muß den jungen werdenden Menschen früh schon nahegebracht werden, nicht als harte Notwendigkeit, sondern als spielendes, freudevolles Tun. Bei solcher drängenden Morgenarbeit müssen sie spielend erst, dann helfend dabei sein. Solche drängende Wucht und strömende Notwendigkeit muß zum mindesten hinter aller Morgenarbeit jugendlicher Menschen stehen. Schöpferische Arbeit muß es sein. Alles handwerkliche und künstlerische Tun und jede Unterweisung darin gehört in den Morgen des Tages. Es ist ein trauriges Ergebnis, wenn man die »Stundenpläne« der Schulen und Hochschulen daraufhin prüft.

Die Kraft des aufsteigenden Tagesbogens reißt Tat- und Gedankenschöpfung mit sich empor. Das entstehende Werk wird durch die mitschaffenden Elementarkräfte des Morgens mitgetragen und von jeder anhaftenden Schwere und Eigenwilligkeit seines Erschaffers befreit. Die ansteigende Bogenkraft des Tages kann sich dehnen und manchmal ein stundenlanges Aufsteigen gewähren. Stunden der Schaffenskraft, in denen der Mensch sich getragen fühlt, in denen die schaffende Kraft durch ihn hindurch durch die Vermittlung seiner Hände und seines Geistes die Dinge ordnet und auferbaut.

Aber der Aufstieg wird auch aufhören. Die Stunden des Abbaus beginnen. Auch hier muß der Mensch für seinen Körpertag lernen, dem Willen des Sonnentages nachzugehen. Wo der Führer bei seinen Vertrauten die ersten Zeichen der Ermüdung verspürt, muß er die Kraft haben, den Gang der Dinge zu unterbrechen, zu sagen: jetzt ist's genug. Jetzt tun wir etwas anderes. Er muß sie nun zu reproduktiver, zu mechanischer, zu übender Arbeit hinüberleiten. Körperliche Übungen, Gedächtnisübungen, Sprachübungen, belehrende Unterredung über die Geschichte der Natur und des Menschen gehören in diese absteigenden Vormittagsstunden. Fallende, nicht steigende Kraft treibt hier das Räderwerk der Arbeit, bis die Tiefe des Tages, die Mittagspause, erreicht ist.

Nur wer im hohen Sommer die mittägliche Ruhe der Natur einmal wirklich erlebt hat, kennt den Sinn des Mittages. Der Mensch muß hier in sich selbst versinken, ganz zur Besinnung, zur Ruhe kommen. Und als erste körperliche Aufbauregung wird nun der Hunger kommen, das Verlangen nach aufbauender Nahrung, und dieses Verlangen wird befriedigt werden im Mittagessen, das wahrhaft eingebettet sein muß in die schöpferische Pause des Tages. Das Essen wird in Stille und Freudigkeit eingenommen werden und ganz hingegeben an den aufbauenden Sinn des Essens. Wenn es in Gemeinschaft geschieht, dürfen sich die Menschen dabei gegenseitig nicht mehr stören durch viel Gespräch und irgendwelche Anforderungen aneinander. Das Beispiel des Führenden wird hier wirken und allmählich eine rechte Tischgemeinschaft unter seinen Anvertrauten schaffen müssen.

Nun wird der Nachmittag heraufsteigen; sein Anstieg hat nicht die Wucht des Morgenanstiegs, dem Eigenwillen der Menschen ist nun viel mehr Freiheit gegeben. Die durch das Essen zugeführten Stoffe müssen im Körper verarbeitet werden. Darum ist die Lust, an irgendwelche Arbeit nach außen Kraft abzugeben, gering. Besonders bei Kindern, die noch im Wachstum sind, ist der nachmittägliche Arbeitswille gering. Viel eher ist es dem kindlichen Leben gemäß, am frühen Nachmittag zu spielen und herumzulaufen, und am späten Nachmittag erst wird sich das Kind wieder zu kurzer Arbeit entschließen können. Wo Kinder frühzeitig zur Nachmittagsarbeit gezwungen werden, geht das sicherlich auf Kosten ihres Körperaufbaus. Wenn späterhin die dem Kindesalter entwachsenen Menschen am Nachmittag noch schaffende Arbeit tun wollen, müssen sie wissen, daß diese Arbeit schwere Arbeit ist. Sie wird dem Körper abgerungen und ist nicht so strömend und so drängend wie die Morgenarbeit. Der Fluß der Leistung ist zäher, von dem bewußten Willen abhängiger. Entwerfen, Planen, Beginnen gehört in die Morgenstunde. Aber das Durcharbeiten und Prüfen, Überdenken, Verändern, Vollenden gehört in den Nachmittag. Nachmittagsarbeit ist langsamer und stockender, von vornherein auf die Überwindung von Hindernissen eingestellt. Schwere problemreiche Arbeit von wissenschaftlich-philosophischer Art gehört in den Nachmittag, als ein Sieg des Geistes über körperliche Schwere.

Dieser Sieg kann naturgemäß nur dann errungen werden, wenn die Wechselbeziehung zwischen der für den Körperaufbau notwendigen Kraft und der freiwerdenden Arbeitskraft genau bekannt ist. Der Führende wird jeden seiner Anvertrauten von früh auf genau beobachten müssen, damit er ihm später auf seine Fragen Aufschluß geben kann. Und alsdann wird es für alle einzelnen Glieder der Gemeinschaft allmählich klar werden, daß sie ihr Mittagessen nicht allein nach ihrem Hunger bemessen dürfen, sondern auch noch irgendwie mit ihren vielleicht sehr verschiedenen Tagesabsichten in Einklang bringen müssen! Ein wahrhaft schöpferischer Tag läßt Hungergefühl oft erst sehr verspätet oder gar nicht aufkommen.

Wenn stundenlang schwere und mühsame Arbeit getan ist, kommt die Abspannung des Gesamttages. Der Mensch geht in den Abend des Tages ein. Und damit erreicht er wieder die schöpferische Pause. Er überläßt sich der Ruhe des Sonnentages. In kleinen Städten und auf dem Lande setzen sich zu dieser Stunde die Menschen auf die Bank vor dem Hause oder gehen über die abendlichen Felder. Aus dem Zusammenklang der inneren Abendruhe des Menschentages mit der äußeren Abendruhe des Sonnentages wird Feierabend. Des Morgens darf der Körper nur möglichst wenig belastet werden, um den Morgenaufschwung nicht zu hemmen, am Mittag muß das Gleichgewicht zwischen Körperaufbau und Tagesleistung geschaffen werden. Am Abend aber erhält der Tag seine Schwere. Das aufbaubegehrende Gefühl des Hungers bekommt das entscheidende Übergewicht, das Abendessen wird die Hauptmahlzeit des Tages.

Ein richtiges Gleichgewichtsgefühl wird den Abstand zwischen Abendmahlzeit und Schlafengehen richtig bemessen. Unmittelbar nach der Mahlzeit ist noch ein Stück grober Verdauungsarbeit zu tun. Jeder Mensch muß fühlen lernen, wieviel Zeit er dazu braucht. Es ist schlecht möglich, diese Arbeit im Schlaf zu tun. Und so wird das Essen unmittelbar vor dem Schlafengehen eine Unmöglichkeit.

Diese Zeit zwischen Abend und Nacht ist Ruhezeit, ganz und gar dem Aufbau des Selbst gewidmet, es ist die eigentliche Erbauungszeit im alten schweren Sinne des Wortes. In breiten Strömen können hier die gewaltigen Werte der ganzen großen Menschengemeinschaft auf den Einzelnen einwirken, wenn er sich nur ganz locker und offen zu machen versteht. Ein völlig hingegebenes Lesen in Büchern, die das Menschliche vermitteln, ist zu dieser Zeit möglich. Der Abend ist die Zeit, mit den großen Menschen früherer oder gegenwärtiger Zeit in Verkehr zu treten. Der Abend ist überhaupt die Zeit der Gemeinsamkeit. Alles dies braucht nur angedeutet zu werden. Es ist ja längst bekannt, und es gilt nur, dieses Bekannte nicht zu unterdrücken, sondern im Verlauf eines jeden Tages immer voll und ganz ausschwingen zu lassen.

Der Abend ist vielgestaltig in seiner Schwere. Aus der kraftbergenden Ruhezeit des menschlichen Selbst kann sogar noch einmal etwas wie ein neuer Morgen mitten in die beginnende Nacht hinein aufbrechen. Es gibt Abende, an denen der Mensch über viele Stunden hinweg noch einmal wieder schöpferisch zu werden vermag, im festlichen Kreis nahestehender Menschen oder auch in einsamer Arbeit. Aber nur selten einmal wird diese Nachblüte des Tages sich wirklich von Natur aus voll entfalten. Und der Mensch kann diese Gewalt, seinen eigenen Körpertag in die Erdnacht hinein zu verlängern, leicht mißbrauchen lernen. Viele der heutigen Menschen zwingen sich selbst fast täglich zu solcher zweiten Tag-Geburt in die Nacht hinein und erschöpfen damit ihre Kraft. Der Führer zum Leben wird seinen Anvertrauten sicher erst nach der Zeit der Reife, und auch dann nur selten, diese geheimnisvolle und so leicht abnutzbare Kraft brauchen lehren.

Denn das Gesetz des Sonnentages fordert die dunkle Ruhe der nächtlichen Pause, die völlige Entspannung des Tages in die Nacht. Der Schlafzustand ist dementsprechend die große Pause des Körpertages. Aber wie die heutigen Menschen gewohnt sind, ihre Tage zu verleben, so sind sie auch gewohnt, ihre Nächte zu verschlafen. Sie schlafen hinweg über ihren eigenen Schlaf. Sie können sich nicht mehr in die große Nachtruhe des Sonnentages fallen lassen. Das Seil ihres Schlafes ist gewissermaßen zu straff gespannt und vermag gar nicht mehr in einer großbogigen Schwingung den schöpferischen Tiefpunkt zu erreichen. In kleinteiligen, vielträumigen Rhythmen flattert ihr Schlaf darüber hinweg vom Abend zum Morgen. Nur ganz selten geschieht es einmal, daß einer beim Erwachen spürt, er habe die Tiefe erreicht, er steige aus dem Abgrund, ganz neu gestärkt, ja neu geboren.

An irgendeiner Stelle des Schlafes liegt sein schöpferischer Kern, die Pause des Tiefschlafes, zu der die Rhythmen in absteigender Folge hinführen müssen, um dann von dort im großen Bogen wieder anzusteigen zum Erwachen. Auf die Erreichung dieser Tiefe kommt es an, viel mehr als auf die Länge des Schlafes. Auch kurzer Schlaf, wenn er nur steil hinabführt, vermag Entspannung zwischen Tag und neuem Tag zu sein. In diese Tiefe des Schlafes hinein kann der Führer seine Anvertrauten ein Stück geleiten. Er muß sie lehren, sich nicht anzuklammern an den Tag, der ging, vielmehr nach jedem vollendeten Tage ihr Leben in die Nacht hineinfallen zu lassen, damit sie wirklich alle in die schöpferische Tiefe ihres Schlafes hinabgelangen. Er öffnet alle diese Tag und Nacht umschließenden Zeiträume, er gibt sie jedem seiner Anvertrauten zu eigen, so daß ein jeder ganz davon durchdrungen wird: diese Tage können von mir gefüllt werden bis zum Überquellen mit Leben und Leiden, sie können von mir leicht und leer wie Seifenblasen fortgeblasen werden. Beides kann ich mir geschehen lassen, mit der wissenden Inbrunst des lebendigen Menschen, der dem Gesetz in keinem Falle widerstrebt, sondern sein ganzes Wesen mit dem großen Rhythmus der Tageswiederkehr mitschwingen läßt.

So werden die Menschen nicht mehr an der Ungeprägtheit ihrer Tage zu leiden haben. Jeder Tag wird für sie sein eigenes Gesicht bekommen und ihnen wohlvertraut im Gedächtnis bleiben. Das Tagebuch hat hier seinen neuen Sinn, zum mindesten für alle Menschen, deren Sehnsucht immer wieder nach Gesichtgebung, nach Gestaltung, nach Klärung drängt. Wer Buch führt über seine Tage, wird seine Gedanken allmählich sammeln lernen auf das Wesentliche, das Gesicht dieses einen nie wiederkehrenden Tages. Die fertige Tageskugel wird an jedem Abend noch einmal freudig in beide Hände genommen und gegen das sinkende Licht gehalten, mit der Frage: was war dies, was da mit diesem nun gewesenen Heute reigenhaft durch mich hindurchging?