Atemschwingungen
Die Schwingungen des Atems übertönen die Herzschläge. Mehrere Blutwellen gehen während eines Atemzuges ein und aus. Der Atem geht lauter. Vor allem: die Schwingungen des Atems sind willkürlich dehnbar. Dabei ist von entscheidender Wichtigkeit, daß die Pause zwischen Ausatmung und neuer Einatmung dehnbar ist.
Diese Pause ist schöpferisch. Aus ihrer Tiefe kann der wahrhaft eigene Atem sich erheben. Bei den meisten Menschen wird diese Gelegenheit immer wieder vorbeigelassen. Ihr Atem schwingt achtlos über diese Besinnungspause hinweg. So kommen alle diese gar nicht zu ihrem Eigenatem, sondern verbleiben in dem allgemeinen Rhythmus ihres durch Vererbung bedingten Gattungs-Körpers. Würde man die täglichen Atemzüge eines Menschen in schwingenden Kurven darstellen über einer Linie, welche die Ruhepunkte zwischen Ein- und Ausatmen miteinander verbände, so würde das ein höchst zittriges und klägliches Bild ergeben. Auch würde diese Kurve mit dem An- und Abschwellen der alltäglichen Leistungen der Menschen durchaus nicht übereinstimmen. Vielmehr werden die Atemschwingungen gewöhnlich kurzwellig und ängstlich, wenn die Leistung größer wird. Die Atempausen werden dann nicht innegehalten. Der Mensch dringt nicht bis in die Tiefe der Besinnung hinab, atmet hastig schon wieder ein, wo er eigentlich noch einhalten müßte.
Es besteht zwischen solchem ängstlichen Atem und dem Mißlingen der Leistungen ein ursächlicher Zusammenhang, der durch Selbstbeobachtung leicht in seinem ganzen Umfang aufgedeckt werden kann. Wo dann trotz dieses Widerspruches von Atmung und Leistung Taten entstehen, geschieht das eben auf Kosten der Lebenskraft. Und dieses ist der gewöhnliche Zustand der heutigen Menschen, die durch ihre Arbeit hoffnungslos aufgezehrt werden und oft schon in der Mitte ihres Lebens verbraucht sind.
Das Wissen von dem grundlegenden Wert des Atems ist Urzeitgut aller Menschen. In allen großen Religionen ist der Heilswert des Atems bewußt in das Ritual eingebaut. Ausatmend wird der Gottheit das Opfer der gesprochenen Gebete dargebracht und nach der schöpferischen Pause einer inbrünstigen Besinnung dann die Gnade des Gottes mit dem eingeatmeten Luftstrom in den Körper aufgenommen[1].
Es müßte dann hier der ganze anatomische Vorgang der Atmung und seine entscheidende Bedeutung für das Körperleben dargestellt werden. Und der Doppelstrom religiöser Inbrunst und naturwissender Klarheit zusammen würde dem System der Atemlehre genügend Weite geben.
Die Andeutung dieser großen Zusammenhänge genügt. An der systematischen Erkenntnis allein ist hier wenig gelegen. Nur wer in irgendeiner dunklen Stunde des Einklangs mit sich selbst erlebt hat, wie sein Atem rauschte, und wie der Rhythmus des eigenen Blutes in der Tiefe der Atempause spürbar wurde, nur der kann begreifen, daß es sich hier in Wahrheit um das Wesentliche handelt, nämlich um die Aneignung des Rhythmus, der jeder Regung und Leistung des eigenen Lebens zugrunde liegt.
Der führende Mensch hat an dieser entscheidenden Stelle seine immer wieder neue Bildungsaufgabe, nämlich den Eigenrhythmus in dem Atem seines Anvertrauten hervorzulocken. Bildung ist nur durch Beispiel möglich. Die Führung an dieser entscheidenden Stelle mißlingt naturgemäß überall da, wo der Führende seinen eigenen Rhythmus verwirrt oder sich verwirren läßt. Er merkt es sofort: er hat dann nicht Ruhe zu warten, und wie lange wird er auf den Rhythmus des Anderen lauschen müssen, bis er eines Tages wirklich weiß: dies ist sein Rhythmus. Erst mit diesem Klangbild im Herzen wird er ihn nun zu locken beginnen mit einer solchen freudevollen Gewißheit, daß sich der Andere dem gar nicht mehr entziehen kann. Nicht in irgendeinem zwangsmäßigen Sinn: zu jeder Stunde, wo er merkt, daß jener seinem eigenen Rhythmus nahe kommt, da wird er mit seinem ganzen führenden Wesen zu rauschen beginnen, er wird den suchenden Atemklang des werdenden Menschen mit einem ganzen Bündel mitklingender Töne aus seiner eigenen Seele umgeben, daß jener sofort merkt: hier wird etwas in mir. Kein Wort wird die Bedeutung solchen Augenblicks zum Ausdruck bringen können, höchstens, daß es im Auge mit aufleuchtet.
Selbstatmend wird er ihm helfen, indem er seine eigenen Atemzüge einfließen läßt in die Atemgezeiten seines Vertrauten, vielmals des Tags bei Arbeit und Freude und manchmal des Nachts in der wechselnden Tiefe des Schlafs. Unmerklich wird er so den Atem des Anderen lenken und vielleicht durch sein immerwährendes Beispiel ihn vermögen, öfter und tiefer herabzusteigen zu der Ruhelage seines eigenen Selbst. Nur in völliger Selbstlosigkeit und ohne Machtgelüste und ohne zur Schau getragene Absichtlichkeit darf diese Lenkung geschehen. Vielleicht wird der Atem auch bewußt geübt werden können. Die Gefahr dabei ist, daß der erste Antrieb, die dunkle Sehnsucht zum Eigensten, verdeckt wird durch die besondere Lust, die jedes Können durch sich selbst bereitet. Der Führer, der stets jenes erste Klangbild von dem Atemrhythmus des Jüngeren in sich bewahrt, wird dann an irgendeinem Tage ihm auf die Schultern klopfen und ihm begreiflich machen: so ist das Bild, und dein Können bleibt an dieser Stelle. Stimmt das noch?