Blutschwingungen

Die pulsenden Schläge des Herzens bilden den kleinteiligsten Rhythmus in der Lebensleistung des Körpers. Wir wissen es alle, das eigenbewegte Blut ist das Grundfließend-Bewegte in uns. Hier ist der Rhythmus, der uns mit allem Lebendigen zu unterst in schwingender Verbindung hält, zugleich der Rhythmus, der uns in die eigenste und einsamste Absonderung treibt.

Das strömende Blut verbindet den Leib der Mutter unmittelbar mit dem Kind. Dies ist ja wirklich jedem geschehen. Wer es vermag sich da hinunter zu ducken, dem schlafen alle Sinne ein. Er wird wie durch einen dunkel purpurnen Schlund hinunter gezogen auf den Grund eines Stromes, der zu unterst unter Zeit und Raum, Licht und Dunkelheit fließt, aus dem alles Lebendige immer von neuem wirbelhaft aufgeschleudert wird, ein Springbrunn von Blut. Weil dieser Springbrunnen so langsam durch die Zwischenschichten: Raum und Zeit und Licht dringt, sind wir meist wie gelähmt in unserer Verbindung nach dem Grund. Wir spüren nur unsern eigenen Auftrieb, nicht das Woher dieses Auftriebes. Nur wenn einer so mitten im Leben einmal, ohne zu wissen warum, an seine Mutter denkt, nicht denkt, sondern so wie von einem Schreck ganz und gar von diesem Gefühl: Mutter durchschossen wird, in dem spricht dann das Blut aus seiner schwindelnden Tiefe. Er ist nicht mehr einsam, sinkt in den Strom von Familie, Geschlecht, Rasse, verliert sich selbst und wird nur noch Bewegung von irgendwoher nach irgendwohin.

Verbindung nach unten ist das eine, der Auftrieb ist das zweite Erlebnis des Blutes. Zur Absonderung treibt es, zu hundert Zweigungen und Ästen, Liebesgedanken und Lebenswerken und schließlich zum Tod. Auch dies spürt ein jeder, vielleicht wenn er mitten in der Nacht einmal aufwacht und in der großen Stille seiner Einsamkeit gewahr wird. Oder wenn er mitten in freudevollster Arbeit innehält und die Arbeit seiner Hände oder seiner Gedanken noch fast unmittelbar als die aus seinem Blut hochgesprossene Blüte riecht, als die letzte, nun der Erstarrung preisgegebene Endigung abspritzenden Lebens.

Nun kommt alles darauf an, nach der einen wie nach der anderen Seite voll zur Schwingung zu gelangen. Mit willensmäßiger Anspannung ist nichts getan. Das Herz schlägt, kann nicht eigenwillig beschleunigt oder verlangsamt werden. Sich geschehen lassen, hingegeben sein, ist hier die Haltung. Alles was Liebe, Wissen, Tod genannt wird, alles was den einzelnen Menschen aus seiner Vereinzelung heraus sich besinnen läßt, alles was Verbindungen schafft und schließlich das Opfer des Selbst erfordert, hat hier in der Tiefe des menschenverbindenden Blutstroms seinen sinnlich-spürbaren Grund, seine Wirklichkeit. Dies wird später zu verfolgen sein.

Aber alles was Lust, Freude, Leistung, Leben genannt wird, was den einzelnen Menschen gerade in seiner Vereinzelung, seiner Einmaligkeit steigert und unverwechselbar in seinem eigenen Selbst schwingen läßt, das ist der Auftrieb aus dem allverbindenden Blutstrom. Davon soll zunächst die Rede sein.